Samstag den 1, S-ptember 1906 V. EBB W M W nni !ssm ■ WOM la li.'üllto/mr/riiillfl Jer Stern. Roman von Ulrich Frank. Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) „Unb so werden wir Sic für immer verlieren?" „Wollen Sie mir Ihre Freundschaft entziehen, wenn ich zur Bühne zurückkehre?" „Ich . . . mir . . ♦ Ihnen? Aber Sic werden sich unZ entfremden?" „Gewiß nicht, Herr Graf!" sagte sic mit tiefem Ernst. „Ich habe dieses liebe Heiligtum, Jugend und Heimat mehr als je schätzen gelernt, denn nicnials hätte ich mich so wiederfinden köirncir wie hier! Es war ein glücklicher Gedanke von Doktor Hübner, mich hierher zu bringen, allen äußeren Eindrücken völlig zu entziehen — bis ich das Gleichgewicht meiner Seele wiedergefunden habe. — Nun ist's so weit. Wenn ich jetzt zu meinem Berufe zurückkehre, so geschieht es in vollster Klarheit, in ganz selbstsicherem Bewußtsein dessen, was er fordert und was er gewährt. Ich fühle meine Kraft und bin mir ihrer mit Freuden bewußt." „Wollen Sie uns bald verlassen?" Traurig rind zaghaft war seine Frage. „Sobald Doktor Hübner herkommt und mich entläßt aus dieser köstlichen Ruhe imb weltfernen Einsamkeit, sobald er mich stark genug findet, um den Flug in die Ferne aufs neue zu wagen ..." „Und wann ..." „Ich denke, in acht bis vierzehn Tagen, anfangs April." Er hatte sich erhoben. „Ich fürchte, daß ich Ihre Zeit zu lange in Anspruch genommen habe und daß dieses Gespräch Sic doch zu sehr angestrengt hat." „Körperlich vielleicht, Herr Graf! Geistig hat cs mir mohlgetan. Es hat mich befreit, und ich fühlte, daß ich Ihnen sagen müßte, wie Dclla Brandt so geworden." „Hatte ich ein Anrecht darauf?" „Der Freund hat dieses Anrecht. Ihn muß man überzeugen, ihm muß man die Dinge erklären, beweisen . . . ein anderer — muß einfach glauben!" Er. hatte sie verstanden. Mit dem rasenden Schmerz, mit dem heißen Weh dieser Zurückweisung mußte sein Manncsstolz fertig werden. Die tiefe Wunde ivürde heilen, die er empfangen. Hoch aufgerichtet stand er vor ihr, totcnbleieh, aber in fester, ruhiger Haltung. Unsägliches Mitleid beschlich ihre Seele. Aber konnte sie anders? Sollte sie frivol und kokett mit heiligen Gefühlen spicken? Wie cs lcider in den Kreisen, denen sic angchörle, nur zu oft vorkonnnt! Ihn an sich zichcu, dcn hochgeborenen Ercsicn zu ihren Füßen zu scheut Aus Eitelkeit und Rachsucht gegen die Gräfin, die sie da- uwls in Berlin mit ihrem Hochmut so schwer gekränkt hatte? Sic wußte wohl, daß cs nur eines Wortes, einer Andeutung bedurft hätte, — ja selbst, wenn sic ihn nur im Zweifel gelassen hätte über ihre wahren Gefühle . . . aber sie achtete ihn zu hoch und — sich! Und konnte sie anders.? fragte auch er sich. War er nicht gebunden? Was hätte er ihr bieten können, heut'? Ihr, die er in dieser Stunde so ganz anders kennen gelernt hatte, als sic ihm doch manchmal erschienen ivar, seit er sie auf dem schlüpfrigen Boden der Bühnenwelt heimisch wußte, den Zweideutigkeiten ausgesetzt, die aus ihrer Beziehung zu Wittelsbach sich' der Welt aufdrängten. Wenn dadurch vielleicht andere Möglichkeiten auch vor ihm auf- gestiegcn waren, wie sie nichts Außergewöhnliches in seiner Lcbenssphäre sind, wenn ihn dieser Gedanke vielleicht unbewußt geleitet hatte, als er sie ausgesucht — vorbei! Nichts hatte sie geheuchelt, nichts ihm vorgespiegelt. Mit einer Offenheit, die ihn rührte und — ehrte, hatte sie ihm ihr Leben enthüllt. Er war überzeugt! Aber ein anderer würde einmal kommen, der nicht würde fragen dürfen, dem sie nichts sagen würde, — nur glauben würde er, glauben! Er raffte sich empor aus den quälenden Vorstellungen. Guido Giersdorf mußte seine vereinsamte Existenz mit Würde weiterführen. „Wir sehen Sie wohl noch im Schlosse, bevor Sie die Heimat aufs neue verlassen?" „Ganz gewiß, Graf Guido — lieber Freund! Ich komme in den nächsten Tagen." Als die Eltern, nachdem der Graf sich auch von ihnen verabschiedet hatte, zu Della kamen, fanden sie diese bleich und abgespannt. „Der lange Besuch hat dich angegriffen, Kind?" „Ein wenig, Muttchen! Aber das geht vorüber." „Hast du ivas rechtes zum Abendbrot, Alte? Das wird ihr gut tun." Die Frau Kantorin lächelte verschmitzt. „Na, kommt nur zu Tisch, Ihr sollt selber scheu." Ain nächsten Sonntag, nach der Kirche, war Dclla hinauf nach GicrSdorf gegangen. Ein Frühlingsodcm wehte schon durch die Natur. Ter Schnee lag nur noch auf den fernen Bcrgeshöhen in glänzender Reinheit, unten im Tal aber war er ganz zerronnen. Die Sonne hatte die Pfade getrocknet und hie 510 und da. om Wegsaum holten ihre wärmenden Strahlen schon ein frühes Märzveilchen hervorgelockt. Der Frühling kom! In freudiger, gehobener Stimmung schritt Dello empor. Sie hatte erst -dem Gottesdienst in der Kirche beigewohnt i— schlangen, langen Jahren wieder! Der Vater hatte die Orgel gespielt; wunderschön, rührend waren die Klänge durch ihre Seele gezogen. Und ivas der Pfarrer sprach, in schlichten harmlosen Worten, ohne rhetorischen Schwung, für das Verständnis seiner Gemeinde berechnet. Eine Ausdeutung des Textes: „D, ihr Korinther, unser Mund hat sich zu euch aufgetan, unser Herz ist getrost. Unserthalben dürft ihr euch nicht ängstigen. Dost ihr euch ober ängstigt, tut ihr aus herzlicher Meinung." Ihr Herz wurde weit, ols sie den Predigttcxt sich wiederholte, während sie rüstig ous- schritt. Sie fühlte sich gesund und froh! Stork genug für dos Leben. An der Kirchhofsmouer reckte ein Busch seine dürren Acste ouf. Ein erstes Knöspchen war 011 einem Zweige durch- gebrochen, kaum sichtbar, ober doch verheißungsvoll. Dello betrachtete es mit freudigem Staunen. Wahrhaftig, i der Frühling kam! Und dort auf einem Zweige hingen noch einige Eisbeeren, weist und rund. Sie mochten on dem eingeschneiten Strauchwerk sich unter dem Schnee erhalten haben, bi§ der Frühlingswind sie loslöste von den schwanken, dürren Zweigen. Della brach den Zweig ab. Wie mit einem Schlage sah sie sich wieder in Dresden auf dem ersten Gange zum Professor Ranzoni. Aber keine Unruhe war mehr in ihr. Nichts bedrückte, nichts ängstigte sie mehr. — Sie wustte, das mußte alles geschehen sein, damit das andere kommen könne. Der Frühling! Jauchzend rief sie es. Mit Macht stürmten die Erinnerungen an die Kindheit auf sie ein. Eine leichte Rührung bemächtigte sich ihrer. Sie wehrte aber dieser Stimmung. Nicht mehr zurück wollte sie schauen, vorwärts sollte ihr Blick gewandt sein, dem Leben zu, das sie nun wirklich begriff, durch das sie nicht mehr träumend ziehen durfte, sondern wachen Geistes. Am Portal des Schlosses kam ihr Graf Guido entgegen. Ec sah ernst aus, aber ein Freudenschimmer zog über sein Gesicht, als er sie begrüßte. „Sie finden Gäste oben, Fräulein Della! Helene ist an- gekonnnen, ganz plötzlich, und Karl Viktor — ein eigentümliches Familienereignis hat sie hergeführt." Ein seltsames Lächeln zuckte in seinem Gesicht auf. „Eine Neuigkeit, die auch Sie interessieren wird." Sie waren bei diesen Worten bis an die Tür des Empfangssalons gelangt, die der Diener weit öffnete. In diesem Augenblick empfand Della etwas wie Scheu und Beängstigung. Vielleicht hatte sie sich doch mehr zugetraut, wie ihr zuträglich war, als sie nach ihrer monatelangen Welt- stucht sich wieder in das Leben mit seinen sich drängenden Ereignissen und Erregungen zurückbegab. Es schien ihr plötzlich, als wären Jahre vergangen, seit sie nichts mehr gehört hatte aus der Welt draußen. Fast zaghaft überschritt sie die Schwelle des Gemaches. Die Gräfin Luise empfing sie mit formeller Höflichkeit, Prinzeß Helene kam ihr sehr herzlich entgegen und Graf Karl Viktor begrüßte sie freundschaftlich. Das gab ihr die Fassung wieder. „Es J|t lieb von dir, Della, daß du kamst. Ich erwartete dich schon mit Sehnsucht und wäre nachmittags hinunter gekommen, wenn du nicht hergekommen wärest. Tausende Grüße von Hans, in acht bis vierzehn Tagen hofft er hier zu sein, um den Kerker zu öffnen, in dem er dich gefangen hielt." „Die Gefangenschaft ist ihr sehr gut bekommen," lachte Helene. „Della sieht blühend aus." »Ich habe mich auch hier wirklich ganz ausgezeichnet tesimden." „Ganz abgeschlossen von allem Verkehr. Nicht einmal mit dem Schlosse durfte Fräulein Brandt eine Beziegur.^, unterhalten," sagte Gräfin Luise spitz. „Das habe ich auch bedauert, aber die ärztliche Vorschrift war ganz streng. Nun, es ist vorüber und ich bin froh, nicht daran denken zu müssen." Sie hatte sich niedergesetzt, und man sah es der Prinzessin Helene an, daß sie vor Ungeduld brannte, auf irgend ein bestimmtes Gespräch zu kommen und die üblichen Redensarten zu beenden. Sie hatte in den langen Jahren, in denen sic mit einem italienischen Fürsten verheiratet war, von der südlichen Lebhaftigkeit ihrer zweiten Heimat viel angenommen, und so konnte sie es auch nicht erwarten, mit ihren überraschenden Neuigkeiten zu kommen. „Und denken Sie nur, Della . . . Sie sind gewiß erstaunt, mich jetzt im Frühjahr hier zu sehen, im März, wo es om Logo, maggiore om schönsten ist. Sie wissen es ja . . . und sonst sind wir um diese Zeit längst in Pollanza." Graf Guido wurde nervös bei ihren Worten. Pollanza! Unwillkürlich sah Della ihn on. Auch Gräfin Luise heftete einen ihrer kalten Blicke aus ihn. „Ich sehe schon," rief Karl Viktor, „ihr kommt mit eurer Nachricht nicht zu Ende, und wenn Deila neugierig wäre, sie müßte jetzt vor Spannung vergehen. Also denke dir, Della, unser Bruder Alfons hat seinen Abschied genommen und bciratet . . . heiratet Terese Streitmann I" (Fortsetzung folgt.) Die Blinddarmentzündung steht, obwohl sich in den letzten Jahren das Material an theoretischen Untersuchungen und vraktischen Erfahrungen über diese Krankheit in den wissenschaftlichen Zeitschriften zu wahren Bergen aufgetürmt hat, immer noch int Vordergründe des ärztlichen Interesses. Mit der Gründlichkeit, die unsere heutige medizinische Forschung so vorteilhaft von der alten naturphilosophisch angehauchten .Heilkunde unterscheidet, sind die sich dem Ärzte aufdrängenden Fragen nach der Ursache, den Erscheinungsformen, den Ausgängen und den zweckmäßigsten Behandlungsmethoden erörtert worden, und sie scheinen jetzt so weit geklärt, daß wir uns. über die Natur der gefürchteten Erkrankungen des Wurmfortsatzes ein ziemlich genaues Bild machen können. Zunächst verdanken wir eine sehr wertvolle statistische Arbeit dem Generalärzte des Gardekorps Dr. Stricker, der das Riesenmaterial der preußischen Armee aus den Jahren 1880—1900 daraufhin geprüft hat, ob die Blinddarmentzündung wirklich, wie in Laienkreisen so vielfach angenommen wird, in dem letzten Jahrzehnt häufiger und bösartiger geworden ist. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß einzig und allein eine solche tzeeresstatistik, in der alle leichten und schweren Fälle mitberechnet werden können, ein der Wirklichkeit entsprechendes Resultat ergibt. Denn da wir eine Anzeigepflicht, rote sie bei ansteckenden Krankheiten eingesührt . ist, bei der Appendizitis nicht kennen, so sind wir in der Privatpraxis vorläufig lediglich auf die statistische Verwertung der in öffentlichen Krankenhäusern behandelten Patienten angewiesen, wo sich naturgemäß die schweren Fälle häufen. Dr. Stricker- Hat nun gefunden, daß von 100 000 Mann im Jahre 1873 nur 60, im Jahre 1902 aber 160, also N/2 mal mehr an Blinddarmentzündung erkrankt sind. Diese Erhöhung der Erkrankungs- ziffer deutet indessen nur scheinbar-auf eine Vermehrung der Appendizitisfälle hin, denn eine weitere Prüfung ergab, daß in dem gleichen Verhältnis, in dem die Blinddarmentzündung zugenommen hat, die Lcberkrankheiten, die Bauchfellentzündungen und die Magen- und Darmleiden im Heere an Zahl zurückgegangen „ sind. Dr. Stricker kommt also in dieser Beziehung zu dem nämlichen Ergebnis wie Generalarzt Dr. Villaret vor zwei Jahren auf Grund seiner weniger umfangreichen Zusammenstellung: die Blinddarmentzündungen sind nicht häufiger geworden, sondern sie werden wegen der besseren Schulung der heutigen Aerztegeneration häufiger als solche erkannt, wo man sich früher mit einer ungenauen Diagnose begnügte. Ebenso trösllich lauten die Feststellungen Strickers über die Bösartigkeit und den Verlauf der, Appendizitis. Nicht weniger als 95,7 Prozent der von ihm verfolgten 6296 Krankheitsfälle ging in Heilung über, und zwar blieben dienstfähig 84,4 Prozent der Mannschaften, während von den Genesenen weitere 11,3 Prozent als invalide aus dem Heeresdienst entlassen werden mußten, meist wegen des Einflusses der entzündlichest Verwachsungen im Leibe und der Operationsnarben auf die körperliche Leistungsfähigkeit. Von besonderer Wichtigkeit ist jedenfalls die Tatsache, daß sich eine Zunahme der so häufig tödlich verlaufenden schweren Erkrankungsformen keineswegs nachweisen läßt. Daß sich übrigens auch aus der statistischen Bearbeitung des Krankenhausmaterials dieselbe Schlußfolgerung ergibt, ersehen wir aus den von Professor n ii, r, i- it s, !N 11 i! ke it i‘3 ke n se :n :it i- ch f- it, ni ir er e» es le rt t- n, er er 611 Rumpf Zusammengestellten Zahlen der großen Hamburger Staatskrankenanstalten, wo der Prozentsatz der Todesfälle seit Jahren sich um die Zahl 16 bewegt. Zur richtigen Einschätzung dieser verhältnismäßig ^Hohen Sterblichkeit mutz mau aber bedenken, das; eilt großer*Teil der Kranken bereits mit entwickelter allgemeiner Bauchfellentzündung oder einer anderen schweren Komplikation in hoffnungslosem Zustande im Hospital eiutrifft und hier selbst durch einen energischen Eingriff nicht mehr gerettet werden kann. Das Streben der Aerzte ist daher schon seit mehreren Jahren darauf gerichtet, die Bedingungen des Zustandekommens derartiger lebensgefährlicher Prozesse, und die geeignetsten Methoden zu ihrer Verhütung genauer kennen zu lernen. Welche Aufmerksamkeit dieser Angelegenheit gewidmet wird, erhellt daraus, das; die Berliner medizinische Gesellschaft im verflossenen Monat volle drei Sitzungen hindurch nur über die Appendizitis- srage beratschlagt hat. Bei diesen Verhandlungen, denen durch die Gegenwart des Grasen Posadowskl) auch äußerlich der Stempel der besonderen Bedeutung aufgedrückt wurde, handelte es sich ganz besonders um die Beantwortung der beiden Fragen, durch welche Mittel die Diagnose der Blinddarmentzündung möglichst früh gestellt werden kann und in welchen Stadien der Krankheit der Chirurg in die Behandlung einzugreifen hat, um die Gefahren des einzelnen Anfalls zu beseitigen. Wenn auch die Ergebnisse dieser interessanten Aussprache, an der sich säst alle berühmten Kliniker Berlins mit längeren Aussührungen beteiligten, rein fachwissenschaftlicher Natur sind und sich bnljet der Wiedergabe an dieser Stelle entziehen, so darf doch so viel gesagt werden, daß die meisten Redner sich für die möglichst schleunige Operation aller schon am ersten Tage mit bedrohlichen Krauk- Heitserscheinungen einsetzenden Appendizitisfälle ausspracheu, weil nur auf diesem Wege die Bildung schlimmer Eiterungen und ähnlicher gefährlicher Verwicklungen verhütet werden kann. Denn bekanntlich entsteht die Appendizitis nur in den seltensten Fällen durch Emailsplitter oder Traubenkerne, sondern fast stets durch das Eindringen mikroskopisch kleiner Eitererreger in den Wurmfortsatz. Um die Operation innerhalb der ersten 48 Standen vornehmen zu können, ist es natürlich notwendig, die Diagnose der Erkrankung mindestens am zweite Tage sicherzustellen und die drohende Bauchfellentzündung rechtzeitig zu erkennen. Auch darin sind in letzter Zeit erfreuliche Fortschritte erzielt worden, namentlich auch durch die Untersuchung des Bluts und die genaue Zählung der weißen Blutkörperchen, deren Menge nach den Beobachtungen zuverlässiger Forscher bei beginnender Eiterung ausfallend vermehrt erscheint. Hat schon diese Berliner Beratung zu einer Klärung der Sachlage erheblich beigetragen, so dürfen wir weitere wertvolle Aufschlüsse von einer Sammel- statistik erwarten, die auf Anordnung des Reichsgesundheitsamtes in der nächsten Zukunft erhoben wird. Erlöschende Aynastieerr. Tie große Welt hat nicht viel von der Prinzessin Pauline zur Lippe gewußt, die vor ein paar Tagen so still, wie sie gelebt, in deni Stifte Kappel gestorben ist, Lessen Aebtissin sie war. Ja, man kann vielleicht sagen, daß die Oefsentlichkeit sich nie soviel mit ihrem Dasein beschäftigt hat, lvie jetzt, da man sie zur ewigen Ruhe beigesetzt hat. Denn mit ihr ist, wie man weiß, das Fürstenhaus Lippe in seiner älteren, vormals regierenden und erst nach heftigem Streite durch den Zweig der Grafen zur Lippe-Biester- fe'ld in Detmold ersetzten Linie gänzlich erloschen. Und die Tatsache erinnert daran, daß es noch eine ganze Anzahl zurzeit in Europa herrschender Monarchenfamilien gibt, denen das Schicksal bestimmt scheint, in absehbarer Zeit vom Schauplatze zu verschwinden. Seit Jahrhunderten hat sich im übrigen die Zahl der in Teutschlano bestehenden selbständigen Staaten auf dem Wege dieses natürlichen Prozesses stetig verringert. In der Periode zwischen dem Wiener Kongreß und der Neubegründung der deutschen Einheit unter der Führung Preußens sind durch Ab sterb en z. B. die Herzogtümer Sachsen-Gotha, Anhalt-Beruburg und Anhalt-Köthen, sowie Nassau-Usingen und die neuerdings so vielgenannte Landgrafschaft Homburg von der vielfarbigen Landkarte Deutschlands als souveräne Reiche gestrichen worden. Tas gleiche Loos steht in berechenbarer Zukunft unter den heutigen Bundesstaaten des Deutschen Reiches dem Fürstentume Schwarzburg- Sondershausen und dem Fürstentume Reuß älterer Linie bevor. Ter greise Fürst Karl Günther von Schwarzburg- Sondershausen, der im vorigen Jahre das Jubiläum seiner 25jährigen Regierung feiern konnte, hat aus feiner Ehe mit der Prinzessin Marie von Sachsen-Altenburg keine Kinder. Vor wenigen Wochen starb sein Bruder, der Prinz Leopold, und seitdem setzt sick das Haus Schwarzburg- Sondershausen, außer ihm, nur noch aus zwei gleichfalls hochbetagten Prinzessinnen zusammen. So ist cs gewiß, daß Schwarzburg-Sonoershausen und Schwärzburg-Rudolstadt sich einmal zu einem Fürstentume Schwarzburg vereinigen werden, — wenn Rudolstadt die Erbschaft von Sondershausen angetreten haben wird. Bekanntlich war auch die Linie Rudolstadt ohne Hoffnung auf Fortpflanzung, ehe ein bis dahin als unebenbürtig angesehener Sproß, Prinz Sizzo von Leutenberg, durch Gesetz zum Prinzen von Schwarzburg gemacht wurde. Fürst Heinrich XXIV. Reuß älterer Linie ist durch Krankheit an der Ausübung der Regierung verhindert und diese Wird daher durch einen Regenten wahrgenommen; da die ältere Linie Reuß außer ihm uur noch durch fünf Prinzessinnen repräsentiert wird, so ist auch er der Letzte seines Stammes und ein einziges, einheitliches Fürstentum Reuß wird später int Rate der deutschen Länder vorhanden sein. Jin Königreich Württemberg geht, wenn einmal König Wilhelm II. die Augen für immer schließt, die Krone an jenen (katholischen) herzoglichen Zweig über, der seine Abstammung auf den vor- jüugsten Bruder Alexander des ersten Königs, Friedrich I., zurückführt, und ein ähnliches Los wird dem Großherzog- tume Hessen widerfahren, wenn nicht, wie erhofft werden kann, dem zweiten Ehebündnisse des Großherzogs Ernst Ludwig noch ein Sohn entsprießen sollte. Aus dem nichtdeutschen Europa lassen sich andere Beispiele anführen. Das alte Geschlecht von Nassau-Oranien, das Teutschland einen Kaiser und manchen tapferen Kriegshelden gestellt hat, und das früher an Mitgliedern, Zweigen und Zweiglein eins der reichsten war, wird, aller Voraussicht nach, in einem Menschenalter nicht mehr existieren. In den Niederlanden steht es nur noch auf den beiden Äugen der jungen Königin Wilhelmina, und in Luxemburg hat dem Großherzoge Wilhelm seine Gemahlin wohl sechs Töchter, aber keinen einzigen Sohn geschenkt. Auch der allerkleinsten aller europäischen Monarchien wäre hier zu gedenken, des Fürstentums Monaco, wo der regierende Fürst Albert nur einen einzigen, 36jährigen Sohn hat, der, wie man hört, keine Ehe zu schließen gedenkt. Politisch würde das Erlöschen der Fürsten von Monaeo, die teils französischer, teils italienischer Abkunft find, allerdings keine Erschütterung des europäischen Gleichgewichtes zur Folge haben; ist doch Monaeo in'Wirklichkeit längst eine De Pendenz Frankreichs. Zum Schluß noch ein Blick auf die entthronten Th- naftieen. Tie Königin-Witwe Karola von Sachsen ist die letzte Ueberlebende des Hauses Holstein-Gottorp-Wasa, das von 1751 bis 1818 die Krone Schwedens trug. Mit ihr wird der Name Wasa in den Reihen der Lebenden untergehen und nur noch der Vergangenheit angehören. Ebenso kann es aber auch den Napoleoniden ergehen, und es ist wohl möglich, daß die noch heute bestehende, sehr starke Partei der Bonapartisten in Frankreich eines Tages ganz einfach deshalb zur Auflösung gelangte, — weil kein Bonaparte mehr da wäre. Zurzeit blüht der Stamm, aus dem Napoleon I. hervorging, in den Abkömmlingen seiner Brüder Jerome und Lueien. Jeromes, des Exkönigs von Westfalen Enkel sind der in Brüssel lebende Prätendent Prinz Viktor und sein Bruder, der russische General Prinz Louis Napoleon. Beide sind unvermählt und haben die ominösen Vierzig längst hinter sich. Und der einzige männliche Tcs- zendent Luciens, der Prinz Roland Bonaparte, besitzt ans seiner früh durch den Tod gelösten Ehe mit einer Tochter des. Spielpächters von Monte-Carlo Blanc, eine einzige Tochter Jeanne, die, nebenbei bemerkt, eine der reichsten Erbinnen Frankreichs ist. . . . Geschlechter kommen, Geschlechter vergehen. v. W. vermischte». "„Ein geprellter Fuchs" ist eine Redensart, die man noch heute in der Sprache des Volkes vielfach ange- weudet findet. Man versteht im übertragenen Sinne darunter einen betrogenen Betrüger, wie er cluch in vielen Theaterstücken der Vergangenheit auf die Bühne gebracht worden ist. Wie für zahlreiche ähnliche stehende Redensarten, ist auch für diese der eigentliche Ursprung verloren gegangen; man braucht sie, aber man we-iH nicht, wie sie entstanden ist. Tas Wort vom „geprellten Fuchs" nun ist der Jägersprache, entnommen und knüpft seinen Ursprung an gewisse Hoffeste des 18. Jahrhunderts, die von unserm Standpunkt betrachtet, eines barbarischen Beigeschmacks nicht entbehren, aber unter der Bezeichnung „Fuchsprellen" in jener Zeit gang und gäbe waren. Zu diesen Festlichkeiten wurden auf fürstlichen Befehl in allen Jägereien des Landes. 512 Füchse lebend gefangen und zu Hofe geschickt, wo sie Gegenstand eines stark tierquälerischen Vergnügens wurden. In einem durch eine hohe Holzwand umschlossenen Raum los- gelassen, wurden sie von Herren und Damen des Hofes empfangen, die sie aus laugen Prelltüchern so oft in die Last emporschnellten, bis die geängstigten Tiere tot zur LErde fielen Füchse von besonders zäher Lebenskraft wurden von Bedienten mit Knütteln erschlagen. Eine solche seltsame Hoffestlichkeit führt die vierte Lieferung (60 Pfg.) deS Hans Kroemerschen Prachttverkes „Der Mensch und die Erde" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57) in einem äußerst anschaulichen Bilde aus 6ent Jähre 1724 vor, das auf den Titel eines historischen Dokuments Anspruch machen darf und durch den beigedruckten Text aus derselben Zeit eine Erläuterung erfährt, die eines gewissen komischen Aurstichs nicht entbehrt. Die übrigen Veröffentlichungen dieser Lieferung stehen auf der glänzenden Höhe der vorhergegangenen. Im Text beendet Julius Hart seine feinsinnige Arbeit über „Tierkultus und Tierfabel", während Professor Paul Matschie, der Kustos des Berliner Zoologischen Museums, eine Abhandlung über die „Verbreitung der Säugetiere" beginnt, die gerade für unsere Zeit beS herrschenden Darwinismus von Bedeutung sein dürfte, da sie über einige wichtige, strittige Fragen neue und überraschende Aufschlüsse gewährt. * Kind er zimmer, wie sie nicht sein sollen. Der alte Spruch vom Splitter, den man in des Fremden Auge entdeckt, während man des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr wird ist woht schon manchem Stadtvater in den Sinn gekommen, wenn er die Ansprüche, die das Publikum im Interesse der Ge- sundheitspslege des Heranwachsenden Geschlechts an die Verwaltung zu stellen pflegt, und die mehr als dürftigen Leistungen um die Gesundheit ihrer Kinder besorgter Eltern im eigenen Hause gegen einander abwog. Da heißt cs, daß Spielplätze geschaffen werden müssen, hygienische Schulgebäude, Badeanstalten usw., und tut man einen Blick in das Heim der Jugend selbst wohlhabender Kreise, so muß man sich fragen, ob es nicht an der Zeit sei, daß die Eltern der Hygiene des Hauses einige Aufmerksamkeit schenkten. Man betrete den gewöhnlichen Ausenthaltsraum eines Kindes. Die Wände sind mit einer dunklen Papiertapete beklebt, die möglichst viel Licht verschluckt, und wegen ihrer Abneigung gegen Wasser einen geeigneten Ablagerungsort für Staub, Kraukheitskeime usw. darstetlt. Eine lvaschbare Tapete oder ein einfacher Anstrich wäre garnicht viel teurer, dafür aber der Gesundheit dienlicher gewesen. Eine ganze Menge schwerfälliger dunkler Möbel mit scharfen Kanten und dicken Polstern tragen das Ihrige dazu bei, den Staub zu konservieren, das Licht zu verschlucken, und dem Kinde einige Beulen als Denkzettel auf oen Lebensweg zu geben. Die fürsorglichen Eltern möchten aber, daß cs wenigstens weich fällt, und spannten daher einen dicken Teppich über den Fußboden. Eine gründliche Reinigung des Fußbodens lvird dadurch allerdings unmöglich. Das Kind, das sich während seiner Kriechperiode fortwährend auf dem Boden aufhält und auf dem Teppich stets mit Staub und den an ihm haftenden Krankheitskeimen in Berührung kommt, ist auf diese Weise einer ganzen Reihe von Ansteckungen ausgesetzt. Auch auf die Spielsachen sollte geachtet werden. Einfache, dauerhafte, leicht waschbare Spielsachen sind gewiß nicht teurer und sowohl aus gesundheitlichen als auch aus erziehlichen Gründen zweckmäßiger als Tiere mit Fellen, und Festungen und Soldaten mit giftigen Anstrichen. Die Temperatur des Zimmers muß 17—20 Grad Celsius betragen. Die Federn sind aus dem Bett zu entfernen. Meistens kann man den Kinderbetten oder Wagen ihre gesundheitsschädigende Beschaffenheit schon von außen ansehen. Der Körper des Kindes wird vor jeder Berührung mit der Lust ängstlich bewahrt und damit der Zweck des Ausziehens zunichte gemacht. Das Kind soll auf Roßhaarpolstern schlafen und mit einer leichten Decke zugedeckt lverden, die durch Klammern oder durch Bänder in der richtigen Lage sestgehalten wird. Wenn eine ganze Reihe dieser Ratschläge, die von Theodor Escherich in der „Wiener Klinischen Wochenschrift" erteilt werden, sich leider nur auf Familien beziehen, die gewisse Ausgaben nicht zu scheuen brauchen, und auch tatsächlich nicht scheuen, sie aber an falschem Orte anbringcn, so muß doch im Interesse weiterer Kreise auf den gesundheitsschädigenden Unfug, der mit Saugflaschen und Lutschern getrieben wird, aufmerksam gemacht werden. Alle Verschlüsse von Saugslaschcn, die eine gründliche Reinigung nicht gestatten, sind unbedingt zu verwerfen. Der mit Semmel gefüllte Schnuller ist eine Brutstätte für Krankheits- kcime und die Ursache schwerer Verdauungsstörungen bei Säuglingen und schlechter Zähne bei größeren Kindern. Lire^sreyeycs. ,— Deutsche Kultur. Schriftleiter: Heinrich Driesmans. Heft 17. Jahrespreis 12 Mk. Einzelheft 1 Mk. Deutscher Kulturverlag, Leipzig. — Das Augststheft ist dem Andenkeit jeues Märtyrers deutscher Freiheit, des Buchhändlers und Schriftstellers Johann Philipp Palm gewidmet. Korruption und Astslese, eine scharfe Kritik russischer und deutscher Verhältnisse und ein Protest gegen- ü b e r den n e it e ft e n Auslassungen des Kaisers über die Journalisten aus der Feder von Heinrich, Driesmans, eröffnen das Heft. Klassisch sind Gustav Wy- nekens Ausführungen über religiöse Erziehung zu nennen, der mit weitem Blick und Begeisterung das Problem faßt, lieber den tragischen Untergang der letzten deutschen Bamberger in der Ostmark, jener von Friedrich den Großen zur Kolonisierung Posens herbeigerufenen süddeutschen Katholiken, berichtet Dr. E. Below, und nicht minder dürfte in unserer Zeit der „Kinderkultur" ein Essay aus der Feder Marx Möllers über „Das Kiu d v or d er Büh ne und auf der Bühne interessierest, in dem vor der Ueber- sättiguug der naiv empfindenden Kindesseele gewarnt wird, und unter Anerkennung der Notwendigkeit des Anftretens von Kindern auf der Bühne in manchen Stücken wie ist „Nora", „Götz" zu Leib gegaugeu wird. Des fernere« spricht Heinrich Pudor über Aesthetik des Sportes, Wilhelm Schöler- mann über Hugo Lederers Bismarck-Roland. Friedrich Wilhelm Weber von I. Hüls, Tie Liebesprobe von Mela Esche- risch. Weimar, Genio hujus loei, Distichen von Livynius, Kaufmann und Persönlichkeit von Walter Lund, Handels- Attachss, kolonialkritische Postulate von demselben. Briefe einer Braut von 1813, Aphoristische Gänge von Hugo Oswald, Essays über Lienhard und Fidus vervollständigen das reiche Heft. — Freiherr v. Schlicht, Die Kommandeuse. Militärhumoresken. Umschlagzeichnung von E. Thöny. Geheftet 2 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Eist neuer Band Militärhumoresken des Freiherrn v. Schlicht wird von seinen Freunden immer wieder mit Freude willkommen geheißen. Und das mit Recht. Versteht er es doch, gegen Hypochondrie und Langeweile erfolgreich zu Felde zu ziehen. Und unerschöpflich ist der Quell seiner Laune und seine Fähigkeit, dem Militärleben seine dankbaren und wohlverstanden humorvollen Stoffe zu entnehmen. Er bleibt in seinen Schilderungen frisch und sein Zugreifen ist keck und humorvoll. Tas zeigt er in deut vorliegenden Bande, der nach der ersten Humoreske „Die Kommandeuse" benannt ist. Gleich diese erste Geschichte von der energischen Kommandeuse, die noch unerbittlicher als der gestrenge Hprr- Gemahl, das Zepter über die Damen des Regiments schwingen will, dabei aber von einer blutjungen"Leutnantsfrau eine empfindliche Schlappe erleidet, ist eine Perle frisch-fröhlichen Humors. Aber sie ivird noch übertroffen von der amüsanten Geschichte tiom' „Gefechtsesel", der frommen Stute des Herrn Hauptmanns, die au Umfang immer mehr zunimmt, ohne daß es sich der Hauptmann erklären kann, und die dann im entscheidenden Moment der Schlacht, gerade als der Herr Hauptmann zum Angriff vorgehen soll, sich uiederlegt und nicht eher iuieber aufsteht, bis statt bes einen Gefechtsesels deren zwei das Ende der Schlacht mitansehen. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Ein SlppcH an die Furcht findet im deutschen Herzen niemals ein Echo. Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, N. Lange, Gieße«,