1904. il >14 Sti U Aus Lieös. Roman von M. v. Eschstruth!. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Draußen ging die Schelte. Die Post hatte sich verspätet. Der Bursche trat ein, auf silbernem Teller zwei Briefe, einen an den Herrn Leutnant, den anderen an die gnädige Frau. Ter Trief an die gnädige Frau enthielt die Anzeige eines neugegründeten Modewarengeschäfts, die unter den Verhältnissen keine Würdigung fand. Der Mief an den Herrn Leutnant —■ der Umschlag zeigte ganz gewöhnlich minderwertiges Papier. Doch dem Papier entströmte ein allerdings abgeschwächter,*doch immer noch bemerklicher kostbarer Duft. Jutta beugte das feine Näschen darüber, die zarten Nasenflügel vibrierten. „Lotos", murmelte die arme kleine Frau. Es war das Parfüm von Ellinor von Greditz. Nun hielt sie den Mief gegen das Licht. Eine Krone als Monogramm schimmerte dunkel durch den strohgelben Umschlag — und im Moment war der zerrissen. Ein paar lichtgraue Blätter, bedruckt^ mit dem Wappen der Familie von Greditz, fielen Jutta in den Schoß. Hotel Bellevue, Dresden, stand an dem oberen Rande des ersten. Dicht darunter begann das Schreiben. Und „Liebster", las hier die arme kleine Frau mit großen, starr neugierigen Augen. „Liebster! Endlich komme ich dazu. Dir zu berichten, daß ich' von meinem trip to town wohlbehalten hier angelangt bin. Immer kam etwas dazwischen, dann wollte ich auch meinen Mief selber postieren. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, und Vorsicht heißt es für uns! Lieber Liebster. IN, wir hatten Pech und doch noch Glück! Denn wenn der gute Graf, als er Dich durch die Scheiben des Gass Bauer erkannte, auch strich mit erkannt hätte —" „Also war sie doch in Berlin —" Das Papier zitterte in Juttas Hand. „Der Mief ist von ihr!" stöhnte sie. Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, doch nun erst recht, mit fliegendem Atem las sie weiter: „Denken wir den Fall lieber nicht aus. So konnte ich noch eiligst flüchtens wober ich mir den Knöchel allerdings etwas verstaucht habe. This naughty bone ist nun wieder all right, während das andere — Schade, schade uw die schönen Stunden, für welche Du Dich für mich frei gemacht hattest —" „Unerhört! Empörend!" Jutta griff sich an die Stirn. Dann flogen ihre Blicke wieder über das dicke, graue Papier. „Aber Nett, daß ich doch wenigstens bei dem Rennen war und Dich gesehen habe in glory and triumph." „O", seufzte Jutta unbewußt. Wie gern hätte sie selbst den Gatten einmal bewundert. „Netter wäre es ja freilich gewesen/ ich hätte mich nicht inkognito durchzuschlagen brauchen. Doch mein trip to Dresden. — Es war ja das "einzige Mittel, der kleinen Pute zu entgehen, für die mein Mann sich nun einmal begeistert hatte." Ahnungslos las Jutta diese Worte, Heren Verständnis ihr darum unklar blieb, und dann weiter-: ,/Nun, solch ein Inkognito hat auch seinen charm. Und eN hätte entzückend werden können, hätten wir nicht das Pech mit dem Grafen gehabt. Ja Lieber, Liebster — ich sehet es ja ein, es war auch "Pech, daß wir einander nicht früher begegnet sind, daß wir einander nicht geheiratet habend ,Much noch!" Jutta glühte wie im Fieber, und wie ün| Fieber irrten ihre Blicke jetzt über die Buchstaben hin. „Nun aber — Well, wir sind beide nicht geschaffen, Zaungäste bei den entestainments of life abzugeben. Ein Ofst- zier aber und die geschiedene Frau seines Kameraden! spielen eine schlechte Rolle hier, sind einfach unmöglich.. Darum gibt es für uns kein Entweder-oder mehr. Es kann hier nur heißen corriger la fortune, klug sein, daß niemand das Manko unseres Lebens merkt, dem Schicksal ein Schwippchen schlagen, alle Hindernisse nehmen, gleich einem edlen Pferd, z. B. wie der Komstrandeur unter feinem Herrenreiter. Tie denkenden Menschen sind nicht die handelnden, sagt, glaub' ich, mal Euer Goethe irgendwo. Doch ich weiß es nicht genau. Eins aber weiß ich bestimmt': Die Entbehrenden beginnen am Glücke zu nörgeln; die Hungernden fangen an zu grübeln. Ich habe Dich etwas kurz, zu kurz gehalten in der ganzen Zeit. Darling, es ging ja aber nicht anders — darum bist Du zu so törichten Skrupeln gekommen. Bah— sieh' doch nur die Tinge, wie sie sind. Hans Joachim ist durchaus zufrieden mit meinen Revenüen. Er hat nie etwas anderes erstrebt- Deine Kleine Frau — Euere Frauen verlangen ja doch in erster Linie nur nach dem Manne in fait. Sie sind zufrieden mit seinen: garantierten Besitz und der Verbriefung ihrer gesellschaftlichen Stellung., Und da denke ich, Deine kleine Pute kann ganz zufrieden sein, daß sie solch einen Treffer mit Dir gemacht —'1 Das war deutlich. Jutta wußte nun, wem die kleine Pute galt. Sie bebte vom Wirbel bis zur Zehe, das Papier flog aus ihrer Hand in die Ecke. Doch sie mußte jetzt erst recht wissen, was diese Person ihrem Gatten weiter zu schreiben! wagte. Wider Willen, und doch von einer unwiderstehlichen Macht gerieben, nahm- sie den Mtief wieder auf. „Deine kleine Pute kann ganz zufrieden fein, daß sie solch' einen einen Treffer mit Tur gemacht hat; den schönsten und vornehmsten «Offizier im Regiment ihren Gatten nennt", las sie nun mit der Ruhe der Verzweiflung noch einmal weiter. „Du aber bist von anderer Art und Du gehörst mir. Und darum soll es anders werden zwischen uns. Ich werde einen Ort finden, wo wir uns sehen können ohne den Klimbim von Gesellschaft, und Konvention. Da will ich Deinen Kopf in meine Hände nehmen und ihn fest an meine Brust drücken, daß er nicht rebellieren kann. Daj will ich sie küssen, Deine hübschen, ehrlichen AUgen, Deinest ftischen Mund, die seinen Spitzen Deines blonden Bartes^ wie ich es einst getan. Weißt Du noch —" ,F8erräter!" schrie Jutta auf. Und der Wies, an dem fie in Atemloser Spannung gelesen, wäre um ein Haar Anrissen worden. Doch abermals MexkaM.es die AermüL 646 Re mußte ja wissen, wie das' weiter gehen sollte. Nnd sie sielt den Mies fest, fest auch die flammenden Augen auf ihn gerichtet, ob auch die Tränen mehr denn einmal ihren vlick verdunkelten. „Die seinen Spitzen Deines blonden hartes!" Atzt schluchzte sie bitterlich; „tote ich es so gern tue", fuhr sie endlich wieder fort. „Dann wirst Dur alle trüben Philosophien, alles Grübeln, Deine Skrupeln ver- lessen und nur dem Augenblick leben und seinem Glück. Kch denke, daß mein Mief morgen tnrgefähr mit mir zugleich in Kaltenburg eintrisst. Du ivirst am andern Morgen- venu Tn reitest, erfahren, daß Frau von Greditz wieder gügekommen ist und Dich, als aufmerksamer Leutnant, To fort nach dem Befinden Deiner Frau Rittmeister erkundigen?! — Achi wenn sie es wüßten — aber sie wissen rs ja nicht. Nun bis dahin, good bye Jours for ever E." Weiter trug der Mief keine Unterschrift. Dessen bedurfte rs auch für Jutta nicht. Sie war außer sich. Sie weinte, rang die Hände, sie schalt, sie zitterte vor Zorn und ;Ber- siveifkmig, sie war haltlos, fassungslos, außer sich. — Da, gleich einem Blitz durchzuckte ein wenig glücklicher Gedanke ihr armes, gequältes Hirn. Und gewohnt, jedem Impuls zu folgen, steckte sie die Blätter ohne jedes Nachdenken in einen Umschlag, legte ihre Karte bei, schrieb die Adresse: .Kerrn Rittmeister v. Greditzfi und beorderte den Burschen, den Mies in den Briefkasten zu tragen. 16. Kapitel. Tas Mittag-, richtiger Wendessen jn der Billa Ellinor war beendigt. Frau Ellinor war ein Stündchen früher ein- getrossen, gerade noch Zeitig genug, um sich dafür noch etwas W erfrischen und zu toilettieren. Dann hatte sie während des Essens sehr liebenswürdig und anregend über ihren Dresdener Aufenthalt berichtet, daß dem Rittmeister wieder einmal seine Ehe, trotz alledem, in versöhntem Lichte erscheinen mochte. Jetzt traten beide Gatten auf die sVeranda, die sich gegen Westen hin öffnend- um die Billa !— hier das Speisezimmer und das Zimmer des Hausherrn — hinzog. Gewöhnlich verbrachte man in der guten Jahreszeit die Abende hier. Eine Chaiselongue, ein kleines Sofa, Tische und Stühle verschiedener Art standen gruppenweise Verteilt in dem weiten, lustigen und zugleich geschützten Raume umher. Ellinor wählte die Chaisolongue und nahm Prevosts Roman Demi-Vierge zur Hand, der noch hier auf dem weißen Bärenfell lag, so wie ihn die weltgewandte Frau vor acht Tagen aus der Hand gelegt hatte. Der Ritt- Meister steckte sich eine Zigarre an, trat an den Tisch an der Mgenüebr liegenden Seite, Ivo der Diener die Wend- blätter und eine noch etwa einlaufende Post für seinen Herrn bereit zu halten pflegte. Da zwischen den Zeitungen, so merkte Hans Joachim jetzt, hatte sich ein Brief verirrt. Seine Hand griff danach und öffnete ihn — sein Gesicht färbte sich plötzlich dunkel, eine Falte grub sich tief, immer tiefer ein in seine Sttrn. Gewiß! Rittmeister v. Greditz hatte seine Frau Nie geliebt, es würde ihm nicht eingefallen sein, Zärtlichkeiten und Liebe von ihr zu.verlangen. Wer sie war seine Frau, und als solche sollte sie sein Recht und seine Ehre respektieren. Er kannte ihre Tricks, er amüsierte sich über ihre kleinen Koketterien. Was er aber hier las — das hatte er Nicht erwartet, nicht für Möglich gehalten. Seinen Offizier, den Ur au, den aber hatte er wirklich gern gehabt! Alles, was an Kavalierehre in ihm lebte, ivas an Mannesehre und besserem Empfinden in ihm lebendig geblieben, trotz dem schmählichen Handel seiner Ehe: es rebellierte gegen diesen Streich. Mit wuchtigen Schritten trat er an seine Frau heran, hielt ihr das Schreiben vor das Gesicht.--- Und das, ja, das war fatal — sehr fatal — unerwartet fatal, ungeheuerlich fatal! Tie weltgewandte Frau war überrascht, peinlich überrascht, gräßlich überrascht, erkannt. Eine fahle Farbe, beinahe oliv, breitete sich über die blassen Züge. Ellinor zitterte, ihre Zähne schlugen scharf und sttrz aufeinander. ,^Was nun?" keuchte, sie endlich, hob mühsam das Haupt, gleich einem Versuch, sich dem Gatten gegenüber zu behaupten. „Du kennst ja den code." Hans Joachim schritt in fein Zimmer. Nach wenigen Sekunden kam er, eine geladene Pistole in der Hand, wieder heraus. Schreiend wich Ellinor zurück. Er sah sie an und lächelte. ,/Siehst Du das Bukett Syringen dort in der Spitze des Baumes?" Er hielt die Waffe hoch. „Um Gottes willen. Nicht schießen, hier —" Wieder lächelte er nur: „Unbesorgt! Ich treffe —" Der Hahn knackte unter seinen Fit«gern. Ein Knall, ein Wölkchen blauer Dampf, die Syringen waren in alle Winde zerstreut. „Ich fürchte mich vor Dir!" Ellinor strickte in die Kniee. „Und ich —Der Rittmeister vollendete nicht, was ihm auf der Zunge lag. Er schüttelte den Kopf und wandte sich fort. Ellinor schlug die Hände vor das Gesicht. Zum ersten Male in ihrem Leben war sie fassungslos. Es mochte annähernd die Stunde fein, daß. sich Harro wieder zu Hause einstellte. Ellinor war, wie bekannt, nach Dresden gefahren- um tadellos, tote immer, die Einladung und Anwesenheit der. kleinen verhaßten Pute in Berlin unmöglich In machen. Denn daß sie selbst nun von Dresden aus zu dem Rennen fahren wollte, war bei ihr sofort beschlossene Sache gewesen. Nachdem Harro die erste Täuschung überwunden hatte, hatte er jedoch die so veränderte Lage der Dinge im ganzen, tote bekannt, als eine Erleichterung empfunden. Ja, er war sogar ärgerlich, zornig geworden, als ihm später trotzdem seines Rittmeisters und ^Freundes Frau ihre Ankunft in Mrlin meldete. Wer im Stich lassen konnte er sie nun doch nicht. Dann, ja dann freilich war, dank ihrer Meisterschaft in der Kunst, einen Mann zu bezaubern, all seine Leidenschaft wieder lebendig geworden. Er hatte in seinem entzückenden Rausche voll Verzweiflung über alles-. Mas ihn bedrückte, gemeint, daß sie nunmehr einander lieber offen und ehrlich, vor den Augen aller Welt, gehören wollten, ober — Den Schluß hier — das Voneinanderlassen — hatte ihm jedoch Frau Ellinor einfach von den Lippen geküßt, ebensowenig aber auch von dem anderen etwas wissen wollen. Biel hatten sie dann nicht voneinander gehabt. Bei dem Rennen hatte Harro die geliebte Frau nur einmal auf wenige Minuten ganz flüchtig begrüßen kötinen. Die Stunden, für welche er sich endlich frei gemacht, waren ihnen , durch die Dazwischenkunft des Grafen Mockendorf gekürzt. Dieser hatte, tote bekannt, Leutnant v. Ur au hinter den Fenstern des Cafe Bauer erblickt, und ihn sofort verständigt, daß er auch hereinkommen würde, worauf sich Ellinor, die etwas Mehr im Hintergründe saß und nicht von dem Grasen bemerkt worden war, schleunigst durch eine andere Tür, als durch welche der Graf eintreten mußte, entfernte. Ter Graf hatte dann Harro nicht wieder losgelassen; Harro auch, vielleicht infolge seines schlechten Gewissens, um nicht etwa irgend einem Argwohn Tor und Tür zu öffnen, dem Freunde stand geh alten. Damit jedoch war der schöne, lange Wend, den man zusammen hatte verbringen wollen, ins Wasser gefallen. AM anderen Morgen in der "Frühe mußte Harro mit dem Rittmeister nach Kaltenburg zurück. Erregt und nervös von alledem, war er zu Hause angelangt. Erregt und nervös war er in dem Zusammenleben mit seiner Frau geblieben. Erregt und nervös hatte er auf einen Mief gewartet. Denn: „Ich werde schreiben", hatte Ellinor beim Abschied noch schnell ihm zugeflüstert. Und „die gnädige Frau waren noch nicht wieder da", hatte gestern der Bescheid des Dieners geklungen, auf seine Frage nach dem Befinden der Frau Rittmeisterin. Erregt und nervös war auch Harro eben in den Anlagen von Kaltenburg herumgelaufen. Unbewußt schlug er endlich Mit den sich längenden Schatten den Weg nach "Hause wieder ein. Da, auf der Straße, begegnete er dem Träger der letzten Post. „Etwas a;n mich?" fragte Harro den Mann. Der machte ein verneinendes Zeichen. Dann aber, ein ehemaliger Soldat seines Zuges, .trat er an ihn heran und erklärte mit einem breiten Lächeln für seinen einstigen Offizier: „Vorhin habe ich einen Mief an den Herrn Leutnant gehabt." Und nun war Harro.dahingestürmt, die Treppen hinauf, ip fein Zimmer. Aus dem Schreibtisch, wo für gewöhnlich alle fpeziell an ihn gerichteten Sendungen hingelegt werden sollten, war yichts zu sehen. Eine instinktive Angst bemächtigte sich des jungen Offiziers — allzu ordentlich ging es nicht bei ihnen her. — Er suchte also aufs neue, legte alle' Papiere auseinander. — Da plötzlich regte sich etwas hinter ihm. Er fuhr zusammen. „Suita!" rief er. erschrocken. Der Ton, das Suchen ckber hatte die arme kleine Frau, die den Gatten hatte kommen hören, und ihm aus dem Fuße gefolgt war, noch einmal empfindlicher in das Herz getroffen. „Du suchst vergeblich", klang es jetzt höhnisch aus dem sonst so jugendfrohen Mund. „Es war etwas an mich tia?" — Flammende Röte trat in seine Stirn; b:ie Stimme klang heiser. Und „ja", entgegnete nun die kleine Frau, nicht ohne eine gewisse Pathetik: 647 „Mn Brief von Frau EMnor —" Ur prallte zurück. „Wie — woher weißt Du das?" Er hatte momentan jede Fassung verloren. „Ich habe ihn gelesen." „Du?" stammelte er. „Nein!" — Drohend stand er plötzlich vor ihr da. „Das — Las tatest Du nicht!" Und nun sank JUtta doch in sich zusammen. Doch nur einen Augenblick, und mit wieder gehobenem Haupt, blitzenden Augen Und schneidendem Klang schleuderte sie es ihm entgegen: „Doch, ich habe den Brief gelesen und — an dein Rittmeister geschickt." Harro wankt» — der Abgrund tat sich vor ihm auf. Drohend hob er die Hand gegen seine Frau. „Nur jzp!" rief die aber ver- zweiflungsvoll. „Du hast mir getan, was nur ein Mann seiner Frau Böses tun kann. Ich furchte nichts mehr." Um ein Haar, und Harros Hand hätte wuchtig die zarten Schultern berührt. Seine angeborene Ritterlichkeit verließ ihn jedoch selbst in dieser fürchterlichen. Erregung nicht ganz. Ein Zittern lief durch seine Glieder, seine Züge wurden aschfahl. Die Hand aber ließ er sinken, u'Nd von seinen Lippen, denen jeder Blutstropfen entwichen schien, klang es? „Du hast getan, was nie eine Frau tun darf, und ein Mann nie verzeihen kann. Wir sind quitt und geschieden für immer." Er faßte Jutta am Arme, führte sie hinaus und kehrte dann wieder in sein Zimmer zurück. 17. Kapitel. Als Harro am anderen Morgen nach kurzem, schwerem Schlaf, der mit seinem Recht aus JUgend und Gesundheit den jungen Offizier trotz alledem übermannt hatte, erwachte, sah er sich voll Staunen auf dem Kameltaschensofa seines Zimmers liegen. Dann kam ihm die Erinnerung.--Er wußte, daß ihm nur die Kugel seines Kameraden blieb. Gräßlich! — Gräßlicher, weit gräßlicher doch noch, so da- zustehen — — daß er eine Frau in solche Lage gebracht — Die Uhr schlug auf dem Gange. Mechanisch fiel es Harro ein: er hatte Dienst. Mechanisch trieb es ihn nach dem Badekabinett, um, wie gewöhnlich, den letzten Rest von Schlaf aus den Augen zu spülen. Der Weg führte durch das gemeinsame Schlafzimmer, wo die Madonna noch immer friedvoll von ihrem blauen Hintergründe herablächelte. Er blickte nicht hin, — er blickte fort, — er wollte nichts sehen von alledem, was sich da, gleichsam unter himmlischem Schutze, befand. Dennoch entging es ihm nicht, daß Jutta noch in ihren Kleidern auf dem Bette lag. Wahrscheinlich war sie so, von Erschöpfung überwältigt, hier zusammengebrochen. Nun erst recht schnell schritt Harro vorüber. Dann kam er wieder zurück, um sich fertig zu machen, ganz mechanisch auch nur. Fast mechanisch auch hielt er seine Blicke im Zaum, daß sie nicht hinüberstreiften zu der zierlichen Frau, die er einst geliebt und nun haßte bis in den Tod, die da ruhig schlief, — während — Unbewußt, mechanisch auch unterdrückte er das Stöhnen, das ihm diesen Gedanken auf die Lippen trieb. Die arme, kleine Frau hielt nur die Lider geschlossen. IN Wahrheit war sie von Schlaf und Ruhe weit entfern!!'. Ihre Augen Augen blinzelten durch die Wimpern nach dem Gatten hin, sie folgten jeder seiner Bewegungen. Ach, am liebsten wäre das arme, noch so haltlose, wie impulsive Frauchen schon wieder gut gewesen! Doch er hatte sie zu schwer, zu fürchterlich gekränkt, er mußte zu ihr komMen. Er kam aber nicht, sondern schritt ohne Wort und Muß, wie er gekommen', wieder hinaus. Es war ein Glück, daß Sophiemit dem Frühstück auf den Herrn wartete. Der Herr Leutnant und die gnädige Fran hatten sich wieder „gehabt", hatte Klaus Sophien gemeldet, als er gestern das Mendbrot unberührt wieder zurück in die Küche beförderte. Wer feste mußte es gewesen sein, meinte der ehrliche Kerl dabei. Der Herr Leutnant waren überhaupt nicht herübergekoMinen und Hatten ein Gesicht ausgesetzt. Na — Klaus dankte seinem Schöpfer, daß er nicht Rekrute war morgen früh. Aber auch die Gnädige hatten keinen Appetit gehabt. Der Herr Leutnant und die gnädige Frau „hatten" sich nun Manchmal, gingen dann immer wieder ganz freundlich und vergnügt in die Gesellschaft. Me Getreuen draußen sorgten sich auch diesmal weiter nicht darum, umsomehr, als für Klaus und seinen nie aussetzenden Appetit solch ein unberührtes Mendbrot ja nur angenehme Folgen mit sich brachte. Sophie war von Natur splendid gegen junge Männer, und es war ja auch nur wirtschaftlich, daß man die Koteletten bei der Wärme nicht verderben, den neuen Spargel nicht hart und trocken werden ließ. Und' nur, weil der Herr Leutnant gestern abend nichts gegessen, die gnädige Frau überhaupt morgens nicht so früh herauskam, blieb diesmal Sophie neben dem Frühstück halten, — stand sie, einzig aus Sorge für den Herrn, auf der Lauer. Und diesmal war es gut, denn nur weil Sophie darauf bestand, schluckte der Leutnant eine Tasse Kaffee und ein Brötchen hinunter. Dann verließ er das Haus. Wie Feuer brannte es in seinem Kopf, in seinem Herzen. Wie Mer lag es ihm in den Gliedern; wenn er nur seinem Rittmeister nie wieder zu begegnen brauchte oder nicht früher, als bis ihm der mit der jeden Schimpf rächenden Waffe in der Hand entgegentrat — und alles zu .Ende war. Er selbst schoß natürlich in die Luft. Glücklicherweise war der Rittmeister nicht zur Stelle, auch 'von den anderen Kameraden niemand. Das Reiten in der Bahn war vorüber. Wäre Klaus „Rekrute" gewesen, er hätte heute nichts zu fürchten gehabt, so milde ging sein Leutnant vor. Ihm schien es, als ritten die Leute besser denn je — und als ob die blauen Jungen ganz besonders an ihm hingen! Einen Moment, wie abwesend, stand dann Harro auf dem weiten Platz. Die Sonne brannte ihm auf Kopf und Schulter, er merkte es nicht. Die Leute scharrten die festgetretene Lohe wieder locker, er achtete nicht darauf. Seine Seele war voll Grauen vor feinem 5 r : — vor der nächsten Stunde. (Fortsetzung folgt.) Auf dem Wkarsch-. Szenen vom Kriegsschauplatz von Kurt Lagermann. ...'.. Wir hörten, daß wir heute nach dem Jangtse- ling, einem Passe westlich vom Motien-Paß, vorrücken sollten, um diesen zu nehmen und dadurch die Russen' zum Abzüge vom Motien-Passe zu zwingen. Der Tag versprach demnach recht interessant zu werden. Immerhin waren wir noch etwa acht Stunden von dort entfernt. Inzwischen war das Lager abgebrochen worden. Die Zelte, die Matten und Teppiche, Kessel und dasjenige Material, was der Soldat nicht direkt zum Kampfe gebraucht, waren auf die Lasttiere gepackt, dann wurde angetreten. ®ie) Hörner geben einzelne Signale, Kommandorufe und die Sektionen marschieren ab, wie sie gerade standen, bis sie auf der Straße, welche den Berg vor pns hinan führte, in die gewünschte Formation hineinpaßten. Ich war noch eine zeitlang zurückgeblieben, ujm zu sehen, was noch im Lager geschehen würde. Erst jetzt bemerkte ich, wie groß die Zahl der Frauen war, welche im Troß den Kolonnen folgten. Die Frauen haben die Küche zu erledigen undl sich der Verwundeten anzunehmen. Jedes Regiment hatte eine bestimmte Anzahl bei sich, die auf Maultierkarren dem Zuge folgten. Andererseits aber wunderte es mich, daß die Chinesen, welche ich am Tage vorher in so großer Zahl im Lager gesehen hatte, ganz verschwunden schienen, bis auf einzelne, welche sich über die Ueberreste von Lagerstroy und Heu hermachten, wahrscheinlich in der Absicht, dieses den uns folgenden Kolonnen aufs neue gegen Bezahlung abzulassen. Diese Chinesen machen nämlich "mit ihren Armeelieferrmgen geradezu glänzende Geschäfte, indem sie dieselbe Lieferung fünf- bis sechsmal verschachern. Auf meine Erkundigung erfuhr ich indessen, daß die Chinesen, die ich vermißte, tn japanischen Diensten stehende Spione seien, welche der Armee vorauszögen und glänzend bezahlt wurden. Der chinesische Spion scheint dem Russen weniger verdächtig, die Japaner verfahren daher folgendermaßen: Die Chinesen marschieren in weitem Halbkreise dem Regiment voran und suchen das Terrain mit allen Einschnitten, Geländefalten, Gebüschen und Wäldchen sorgfältig ab. Sie tun das umso aufmerksamer, als die Japaner mit ihren Spionen nicht viel Federlesens machen, sondern sie einfach niederschießen, wenn etwas in ihrem Bericht unsicher scheint. Den Chinesen folgen die japanischen Streifpatrouillen, aus etwa acht Mann bestehend, die zur Hälfte beritten sind. Die Berittenen vermitteln zwischen den 'Infanteristen und den Chinesen und die Infanteristen ihrerseits schaffen etwaige Mitteilungen von der Front an die vorgeschobenen Trupps der Hauptabteilung weiter. Das Spionagesystem, dessen sich der Japaner schon während des Friedens so meisterhaft bediente, wird also auch jetzt vorzüglich gehandhabt. Plötzlich hörte ich hinter mir Signale und bemerkte, daß aus dem Gebüsch hinter mir, das 648 -« wir gestern bereits passiert statten, japanische Kavallerie n in größeren Massen hervorkam. Die Kavallerie hatte also jedensalls mit uns zusammen hier Rast gehalten, ohne daß ich davon eine Ahnung gehabt hatte, und jetzt sah ich auch die Artillerie hetvorkommen, und zwar Feldgeschütze, Von sechs Ponies gezogen, und Gebirgsgeschütze auf dem Rücken der kleinen Pferdchen. Kavallerie und Artillerie rückten also, wie das immer fiter den Japanern auf dem Marsche der Fall ist, zusammen vor und folgten dem sicheren Schutze der Infanterie. Endlich waren die Kolonnen vorüber, und während die Maultiere der Trainabteilung nunmehr zum Abmarsch gesammelt wurden, schwang ich mich auf meinen Gaul und eilte der Infanterie nach. Das war schnell geschehen, denn die Japaner kommen eigentlich nicht sehr schnell von der Stelle, wahrscheinlich liegt das daran, daß fielt Leuten das europäische Schuhwerk unbequem ist. Ich hatte vielfach Gelegenheit, zu beobachten, daß die Soldaten sich selber Strohsanfialen anfertigten und diese trugen, um ihren gedrückten Füßen etwas Erholung zu gewähren, auch sah ich vielfach, daß verwundete Japaner alsbald die europäische Tracht afilegen und sich 'wieder japanisch kleiden. Es gewährte ost einen komischen Anblick, weuw so ein kleiner in europäische Uniform gezwängter Japaner einen großen verwundeten Landsmann tragen mußte, der in lang wallenden Gewändern auf ihm ritt. Ter Vorliebe der Japaner für unzugängliches Gelände entsprechend, schlug die Kolonne alsbald den Weg hoch über die Kämme der Berge ein. Derartige Wege bieten ja allerdings dem Marsche mehr Schwierigkeiten, aber sie gewähren andererseits auch einen um so sichreren Schutz, vor dem Gegner, der des Krieges int Gebirge unkundige sich lieber an die ebenen Straßen hält. So ging es auch, in unserem Falle, wir bekamen überhaupt keinen Russen zu sehen. Dafür aber kamen wir in der Nähe des Zuganges zu dem Motienling an interessanten Städten vorfier, wo japanische Auftnerksamkeit und Gewandtheit sich der russischen Schwerfälligkeit überlegen gezeigt hatte und auf welche die Japaner mit berechtigtem! Stolze hinwiesen. Es war etwa an der Stelle, wo sich die Straßen zum Motien und Jängtseling trennten. Hier erhob sich ein kleines Gehöft, in dem vor wenigen Tagen ein japanischer Vorposten gelegen hatte, der aus einem Bataillon bestand, aber in viele kleine Trupps zerlegt war. Tie einzelnen, und zwar die weitesten nach Norden hin vorgeschobenen Posten wurden in einer Nacht plötzlich von drei Bataillonen sibirischer Infanterie überrumpelt. Die japanischen Außenposten hatten sie für Japaner gehalten. Dem ersten Angriff mit dem Bajonett hielten die Japaner natürlich nicht stand, sie eilten zurück, bis zu dem Graben, der die Landstraße säumt, und eröffneten Npu'Mehr ein mörderisches Feuer gegen die Russen. Als diese ihre Front nach dieser Feuerlinie richten wollten, erhielten sie von den übrigen japanischen Picketts in ihrem Rücken ebenfalls Feuer. Jtetzt geriet der Angriff fier Russen ins Stocken und Major Taka- kusakr stürmte mit seiner einen ihm noch gebliebenen Kompagnie mit aufgepflanztem Bajonett den Russen in die Flanke. Tie Russen ließen 56 Tote und 44 Verwundete in den Händen der Sieger, welche ihrerseits 13 Tote und' 30 Verwundete hatten. Als wir das Gehöft passierten, sahen wir, daß hier eine Feldschmiede errichtet war. Eine solche Schmiede ist höchst primitiv eingerichtet. Zwischen zwei mäch- ttgen Pfählen hängt eine kräftige Stange, an der das zu beschlagende Tier durch Gurte so befestigt wird, daß es eben noch mit den Füßen den Boden berührt, sonst aber keine Bewegungsfreiheit hat, und falls es schlagen will, hängen Bleibt. Die Tiere halten in dieser Lage ganz still und lassen sich ruhig beschlagen. Ist ein Tier sehr wild',, wird es zu Boden gerissen und ihm die Beine zusamtnen- geschnürt. Tas Beschlagen erfolgt sodann, während das Tier auf dem Rücken liegt. Zwischen dem Höhenzuge, den wir passierten, und den Bergen, durch welche der Jangtse- ling führt, suchte sich ein Gebirgsfluß feine Bahn. Es war höchst interessant zu beobachten, wie die Japaner diesen überschritten. Die Pioniere waren auch 'hier schon lange vor unserem Eintressen tätig gewesen und hatten eine schmale Brücke konstruiert, auf welcher drei Mann nebeneinander gehen konnten. Es ivaren Wähle in den allerdings nur flachen Strom geschlagen worden, die mit Hanfseilen verbunden waren, über die Seile waren Mais- urtd Bämbüsstangen gelegt und diese wieder mit Stroh bedeckt. Die Infanterie zog über diesen schwankenden Bau, die Kavallerie ritt durch das Wasser, Betin Train gingen die Treiber über die Brücke, das Weh wurde daneben durchs das Wasser gejagt. Die Drahtleitungen, die uns schon den ganzen Weg begleitet hatten, überschritten den I-luß ebenfalls an langen Stangen. Kaum war der Fluß passiert, als ein dumpfes Grollen aus der Ferne vernehmbar wurde, wie wenn ein ferner Donner langsam verhallt. Durch die Reihen lief eine Erregung. Man hörte den Feind, fafy ihn aber noch Nicht. Der Marsch geriet ins Stocken, die Kompagnien rückten auf, die Regimenter formierten sich. Ich wollte mich etwas weiter nach vorn begeben, aber mit einemmale war unsere japanische Begleitmannschaft, die ich seit Tagen nicht gesehen hatte, zur Stelle und ihr Offizier bedeutete uns, wenn auch in liebenswürdigster Weise, daß wir vorderhand zurückbleiben müßten. Musik. Musikfreunde machen wir ans das Erscheinen einer popu- laren, vielversprechenden musikalischen Zeitschrift aufmerksam, die den Titel „Musik-Mappe" trägt. Tie Hefte der „Musik- Mappe" sollen abwechselnd Lieder, Tänze und Salonstücke enthalten. Tas erste uns vorliegende Heft der „Musik-Mappe", die in dem Verlage von W. Vobach & Co. in Berlin erscheint, bringt zwei Lieder des bekannten Liederkomponisten Eugen Hildach und drei weitere Liederkompositionen. Es kostet 40 Pfg. — Tie „Neue Musik-Zeitung" in Stuttgart, ein alter Freund aller Musikliebhaber, trat ttt ihren 26. Jahrhang. Tas Blatt kann als Fachschrift derjenigen gebildeten musikalischen Kreise bezeichnet werden, denen an einer gediegenen, belehrenden und dabei preiswerten Lektüre gelegen ist. Schon die erste Nummer des neuen Jahrgangs gibt Zeugnis davon. ■ Ter Wiener Aesthetiker Max Graf behandelt das Thema „Methoden und Aufgaben der Musikästhetik". Professor Wilhelm Weber (Augsburg) beginnt einen Artikel: „Wie studiert man das Wohl- temperiette Klavier von Bach?" Egon v. Komorzynski bringt in seinem Aufsatz „Beethoven-Landschaften" die Natur in der Umgebung Wiens mit Kompositionen des Meisters in Beziehung. Biographische Skizzen mit Porträts von Komponisten, einer Sängerin und einer Geigerin folgen, sowie ein Ättikel, Musik- Exlibris mit 5 Abbildungen bekannter Maler. Tnrch Gedichte, Novelletten und Anekdoten aus dem Musikleben ist auch für die Unterhaltung gesorgt. Ter textlich und illustrativ reichhaktigen Nummer, deren Beilagen Besprechungen neuer Tonstücke und einen „Briefkasten" enthalten (in diesem werden eingereichte Kompositionen fachmännisch beurteilt), sind Musikstücke ftir Klavier und für Gesang, beigegeben. Da fier Preis der Zeitschttft 1.50 Mk. für das Quartal Von 6 Nummern beträgt, so kann die „Neue Musik-Zeitung" eine populäre Zeitschrift im besten Sinne des Wortes genannt werden. (Probenummern sind durch jede Bnch- und Musikalienhandlung kostenlos zu beziehen. ) Mue Wucher. Müller-Jahnke, Clara, Ich bekenne. Tie Geschichte einer Frau. (218 S.) Goslar, F. A. Lattmann. Geb. 3 Mk. Reuter, Gabriele, Das Böfe. Prinzeßchen. Ein Märchenspiel für Kinder in 3 Aufzügen. (80 S.) Berlin, S. Fischer. 1.50 Mk. Pädagogische Reform. 1904, Heft 3. Hamburg. 80 Pfg. Dreieckrätsel. Nachdruck verboten. A A v BEI ILLE ~ j M M R U S Die Buchstaben sind in die Felder des Dreiecks derart einzutragen, daß die drei Außenseiten und die drei wagerechten Mittelreihen Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. künstlerischer Berni; 2. sagenhafte Gestalt der altrömischen Geschichte; 3. König von Phrygien, bekannt aus der griechischen Mythe; 4. brasilianisch^ Tier; 5. Teil des Auges; 6. weiblicher Vorname. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in vor. Nr^ Duett — Duell. Redaktion: August Goetz, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerkitäts-Buch- und Steindruckerei, R.Lanae. Metzen.