Wr. 49 1904. 3. ZST »MW GHM a «ft (Nachdruck verboten.) Jm Wakali der Majah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Erasmus bescyäftigte sich nicht nur damit, Arzneien in feiner kleinen Apotheke zu bereiten, sondern er herrschte auch mit unumschränkter Gemalt und eisernem Szepter über die Frauenabteilung des Pestlagers. Er erließ Verordnungen und Befehle, schnauzte seine Gehilfen an und strafte Leden Ungehorsam, jede Nachlässigkeit und Versäum- nis mit unnachsichtlicher Strenge. Tabei war er ein großer, kerngesunder, mit ungeheuren Körperkräften ausgestatteter Mann. Täglich machte er mehrmals seine Rundgänge durch die Krankenstuben, befühlte den Puls und besichtigte die Zungen, wobei er Drohungen und Ermutigungen, Ratschläge oder Ermahnungen austeilte, und ich bin fest überzeugt, daß manche Patientinnen allein nur aus zitternder Furcht vor Erasmus am Leben geblieben sind. Erlaubte er doch keiner von ihnen, sich der Todesangst zu überlassen, und schon der Ton seiner Stimme rüttelte sie aus ihrer gefahrbringenden Schlafsucht aus. Seine Personal an Pflegerinnen, das zum Teil der niederen Kaste angehörte und müde und überarbeitet war, erwies sich vollends ganz als weiches Wachs in seiner Hand. Ta war vor allem Mrs. Manuel, die Frauenärztin, die doch seine Vorgesetzte war, die er aber aufs schmählichste unterdrückte und mit der größten Mißachtung behandelte. Ferner waren noch vier indische Berufspflegerinnen mit ihren Gehilfinnen da, doch genügten diese bei weitem nicht für die große Zahl der noch täglich neu eingehenden Kranken. Kein Wunder also, daß der 2lpo- theker sich sofort nach Mr. Thorolds Abgang mit einer wahren Wut meiner bemächtigte. Zuerst führte er mich in sein eigenes Heiligtum und ließ mich an seinem Wendessen teilnehmen, das aus scharsgewürztem, in Fleischbrühe gekochtem Reis und vorzüglich duftendem Kaffee bestand, für den ich ihm von Herzen dankbar war. Nachdem wir unter feierlichem Schweigen unser Mahl eingenommen hatten, mußte ich ihm dann eilig in das Operationszimmer folgen, wo er mich mit einem scharfen, einer Stopfnadel ähnlichen Instrument gimpfte, das er mit sichtlichem Vergnügen in das zuckende letsch meines Armes stieß. Hierauf erteilte er mit lauter türmte in einer mir fremden Sprache einen Befehl, und nach kurzer Zeit erschien in atemloser Hast eine kleine Frau in grauem Kleide und unterwürfiger Haltung unter der Türe. „Mrs. Manuel, hier ist eine Probeschwester für Sie", verkündigte Erasmus mit der Haltung eines Herrschers, he« einem Sklaven eine Gunst erweist- Mrs. Manuel war von tiefdunkler Farbe. Ihr schwarzes Haar trug sie glatt aus der hohen Stirn zurückgekämmt, und aus dem klugen aber häßlichen Gesicht funkelten die. kleinen runden Augen wie zwei schwarze Schuhknöpfe. Einen Augenblick sah sie mich staunend an und blickte auf meinen modernen Hut, meinen seidenen Staubmantel und meine hübschen braunen Schuhe — Bestandteile meiner Hochzeitsaussteuer. „3, ja, nicht wahr", fuhr Erasmus fort, „sie sieht nicht aus wie eine vielversprechende Krankenpflegerin. Ihre Ajah ist an der Pest erkrankt, und Mr. Thorold brachte sie selbst von Postbungalow herüber. Morgen können Sie Miß Ferrars in Baracke Vier unterbringen. Führen Sie sie jetzt in ihr Zimmer." „Jawohl, Mr. Erasmus! . . . Gewiß, Mr. Erasmus! Mer in was für ein Zimmer?" fragte die Doktorin schüchtern. „Nun, in Miß Smiths Stube, natürlich; eine anbete gibt es ja nicht. Und sollte ihr die nicht behagen" —i er warf mir einen wilden Blick zu — „so bleibt ihr ja immer wieder der Postbungalow . . . Morgen früh, punkt acht Uhr, haben Sie sich bei mir zu melden, dann werde ich Sie mit Ihren Pflichten bekannt machen. . . Ihr Abendessen hat sie bereits gehabt, Mrs. Manuel." Nock; eine hoheitsvolle Handbewegung, und wir waren beide entlassen und standen im nächsten Augenblick draußen, in der milden, dunkeln Nacht. „Haben Sie in Ihrem Leben schon ein solches Ungeheuer gesehen?" rief meine Führerin jetzt, während sie mich zwischen zwei Reihen niedriger Baracken hinführte.. „Er hat allerdings eine ansehnliche Größe." „Ja, und fett ist er wie ein Mastschwein; allein ich meine seine Mameren!" „Ach so; mir scheint, er hat überhaupt keine." „Ja, da haben Sie recht, und nach seinen Reden könnte man annehmen, er sei der Arzt und ich der Apotheker."- „Tas Hütte ich allerdings gedacht." „Und doch bin ich diejenige, die studiert und in Cal- cutta das Doktorexamen gemacht hat, während er der Sohn eines Koches in Chitagong ist." Sie bebte vor Zorn. „Er tyrannisiert auf unerhörte Weise dieses Lager, wenigstens die Jrauenabteilung. Jedermann fürchtet ihn. Ec. brüllt und tobt aber auch wie ein rasender Büffel." „Sicherlich tut er aber nicht bloß das." „Ja gewiß, er ist ein kluger Mensch und hat viel Erfahrung, das gebe ich zu. Wer auch ich fürchte mich vor ihm und finde niemals den Mut, meine Stellung ihm gegenüber zu wahren. . . Sie sind also eine freiwillige Krankenpflegerin?" „Ja, und eine sehr unerfahrene. Jede Belehrung und Anweisung, die Sie mir zu teil werden lassen, nehme ich aufs danwarste an." „Gut, gut, das wird sich schon alles machen; wir bedürfen dringend der Unterstützung . . . Hier ist Ihre 194 Wohnung." Sie öffnete eine Türe, und wir traten ein. „Werden Sie sich auch nicht allzusehr ängstigen?" Cs war ein kleines, niedriges, mit Grasmatten belegtes Zimmer, worin ein nettes, sauberes Feldbett, ein Lehnstuhl und ein Tisch mit einer Lampe standen. Augenscheinlich hatte man das Bett soeben erst mit frischen Tüchern und Tecken hergerichtet, und auch mein Gepäck war herein- gebracht und, aufgeschnallt worden. ,, '/chs ist ja ganz behaglich tjiet", bemerkte ich, als ich beim Umschauen all' diese Gnzelheiten entdeckte. ,,Wie ich sehe, hat Mr. Thorold bereits seine Befehle gegeben. Werden Sie sich auch ganz gewiß nicht ängstigen?" wiederholte meine Begleiterin nachdrücklich. „Ich meine, hier so allein zu schlafen?" I r^r bezeugte er sich, machte eine gnädig verab- I mit der Hand, an der ein großer I Tiamant funkelte, und meine Audienz war zu Ende. P * . Mrs. Manuel und ich mußten unsere Mahlzeiten meist m größter Elle einnehmen, so viel gab es zu tun. Mary- I meiner Ajah, widmete ich meine ganz besondere! I wtb lch scheute keine Mühe, ihr so viel als i ) Erleichterung und Behagen zu verschaffen. Eie I Abhorte zu den schweren Fällen, doch erkannte sie mich wenigstens noch, was immerhin ein günstiges Zeichen | £?!?£.• Seiner gab es aber eine ganze Menge noch ernsterer Falle, und wenn ich durch die langen Reihen der in allen I der Pest in ihren Betten schmachtenden Frauen I ""d Kmder ging, dort einer Sterbenden die letzte Hilfe erweisend, einer anderen den Turst löschend oder sie be- I QrU£tme? bettend, so wollte mein Herz bei der schweren zagerr "Genommen hatte, manchmal fast ver- I . r ^n und wieder kam Mrs. Manuel zu mir herein, urn I strich mit ihrem Rat und Beistand zu unterstützen, was immer eme große Wohltat für mich >var. Tie Kranken jedoch, das ließ sich nicht bestreiten, ivandten sich in ihren Bedrängnissen unwillkürlich stets lieber an mich ohne zu wissen, wie wenig ich im Grunde von der Kranken- I ch/bge verstand. In ihren Augen mußte ich unbedingt das l Überhaupt des Krankenhauses sein, nur weil mein Gesicht weiß und mein Haar blond war. Mich sahen sie als die Herrin, die „Miß Sahib" an, während die tatsächliche und leistungsfähige Vorsteherin des Spitals nur eine j war, tote die Eingeborenen die Eurasierinnen „Sie werden die Sache schon lernen", pflegte Mrs. sagen, „denn Sie besitzen eine rasche Auf- sasjungsgabe und für eine Engländerin auch recht ante lcerveu; dabei eme kräftige, attsdauernde Konstitution., j-ie ganze Woche hindurch haben Sie täglich nur sechs Stunden geschlafen und sind die ganze übrige Zeit auf den Beinen gewesen." 0 '9 ' Sie hatte recht, und. ich selbst wunderte mich über meine nun erst zutage tretenden Körperkräfte. Tie Pest war in stetem Zunehmen und wütete mehr denn je. Mr lebten und atmeten in einem Tunstkreis von Karbol und Sublim mat, und doch fühlte ich mich gleichsam gestärkt und ge- hvben durch eme Art inneren Fiebers, durch den der- zweifelten Vorsatz, Mit dieser Seuche, mit diesem im TunkelN etnherschreltenden Gespenst zu kämpfen und zu ringen auf Tod und Leben. Genas eine Kranke in meiner Abteilung, so begrüßte sch dies als einen Steg, während jeder Todes- sall mm als eine beklagenswerte Niederlage erschien. Trotz meines Sträubens aber wurde ich doch jeden Abend zu einem kurzen Spaziergang außerhalb des Lagers gezwungen. Endlos dehnten sich die kahlen, braunen Felder vor nur aus, und dort, wo es in gesunden Seiten wn fleißig^ Arbeitern wimmelte, waren jetzt weit und L^d^^schen »och Tiere zu sehen. Langsam wandte ich dann Wohl den traurigen Blick nach dem Flusse und ^ru brennenden Scheiterhaufen, aus dem unaufhörlich der Rauch zum kalten, erbarmungslosen Himmel emporstieg- W eS aufi Wie lange NVZ (Fortsetzung folgt.), „Nein, wirklich nicht. Wovor ums Himmels willen sollte ich mich denn auch fürchten?" Mutig schaute ich ihr ins Gesicht. „Stun, ich meine nur, weil . . . weil Miß Smith hier in diesem Bett gestorben ist. Mein, Sie haben wohl gute Nerven?" Sie machte dabei eine ziemlich zweifelhafte Miene. .ia> gewiß." Und da ich sehr müde war und mich unbeschreiblich danach sehnte, mein Haupt irgendwo niederzulegeti, sagte ich nur noch: „Ich mache mir durchaus nichts daraus. Taß das Bett desinfiziert worden ist, darf ich ja wohl annehmen?" "AVer natürlich. Nun, also morgen früh um sieben Uch: tverde ich Sie wecken. Ich habe diese Nacht Tienst. Schlafen Sie wohl." Rasch entkleidete ich mich nun und warf mich auf das remliche weiße Lager. Wohl war ich halb tot vor Müdiq- uuo doch flüsterte mir eine abscheuliche innere Stimme fortwährend zu, daß das Wesen, das zuletzt hier geruht hatte, eme Engländerin war, wie ich selbst, und daß sie in eben diesem Bette an der Pest gestorben, an dieser fürchterlichen, ekelhaften Krankheit. Auf dieser selben Matratze lag ihr steifer Körper ausgestreckt, in diesen selben Kissen hauchte fte ihren letzten Seufzer aus, hier ruhte sie starr und kalt, bis man sie fortgebracht und verbrannt hatte. .. , Allein trotz dieser inneren Stimme schlief ich fest und taf, so tief, tote wenn auch ich tot wäre. Morgens beim Erwachen mußte ich mich einen Augenblick besinnen, wo ich mich eigentlich befand, dann durchzuckte mich wie ein , Blrtz sofort das Bewußtsein: in Yellagode bist du, im | Pestlager! «n erhob ich mich und kleidete mich an, und als 2Ars. Manuel mich zu wecken kam, war ich bereits fertig. „Sie scheinen mir eine Frühaufsteherin zu fein!" rief fie erstaunt. „Ein halbes Stündchen hätten Sie noch gut I hegen bleiben können. Ach, ich trenne mich immer so schwer von meinem Bette!" | . "2ch nicht im geringsten. Ich möchte mich gern noch I em bißchen hier umsehen, ehe ich mich an die Arbeit mache Tie,es Barackenlager sieht ja aus, tote eine Stadt. Aus was sind denn diese Baracken hergestellt'?" , "Aus Stroh und Holz. Auf diese Weise können sie rasch j aufgebaut, und, wenn entbehrlich geworden, auch leicht ! verbrannt werden. | . "i.e Karten h auf er also. Und wer bewohnt jene Zelte I dort drüben?" I „Toktor Fraser, Mr. Thorold und einige Angestellte I Sene anderen Baracken dort am Flußufer gehören zum Sonderlager, wo die Kranken so lange beobachtet werden, I erwiesen tft, ob fte wirklich Die Pest bekommen. Kommen I Cte letzt zum Kaffee, damit Sie sich pünktlich bei Erasmus einstellen können." 1 ... ^Beim Hellen Tageslichte entdeckte ich, daß dieser ge- raTLn' so schwarz wie ein Neger und so yerrschsiichttg, tote irgend ein europäischer Selbstherrscher I Miß Ferrars, da sind Sie ja, und sogar pünktlich! I es. lmmer', mahnte er, mich eingehend I betrachtend. „Mrs. Manuel wird Ihnen Schürzetl geben, I >vai ich Ihnen sage. Meine Zeit nirf,+°?nr' ®ie ja doch wohl zum Arbeiten und I "'chl jum Vergnügen hergekommen, was?" I „4llerbmg§ nicht zum Vergnügen", antwortete ich kalt. I Girnnfo ^ir haben dreihundertvierundzwanzig I ftianfe auf unserer Station, und nur acht Pflegerinnen j (m?. ^"en die Hälfte nichts taugt. Ta Sie eine englisch«. [■ Mig Sahib sind, sp werden Sie wohl Achtung ein flößen, | S“,,ra- M *"■* •"*'a6tt ie"w«to Mit wichtiger Miene beschrieb er mir nun die Sönw L°"-° d°- W, ieitte ml- l?- k, L L JSV1- verwies Mich bezüglich der Einzelheiten da sUnb empfahl mir feste Schuhe zu tragen, chlfAg sm, und mich vor Hautverletzungen m acht zu n-gmen. bewohnen Miß Smiths Zimmer. Wäre diese qh. gemeiert, so stände sie heute noch auf ihren, ^vsten. Zmetmal des Tages haben Sie mir über den e'^UJanbt"?f Abteilung Bier Bericht zu erstatten und bei jedem besonderen Vorfall sich sofort an mich |u wenden. Ihre Mahlzeiten werden Sie mit Mrs. Manuel emneijmen . . . Tas ist alles, was ich, Ihnen zu sagen a>a» deutsche Arama im 19. Aayryundert. Von Prof. Tr. Georg Witkowski. Gar beliebt ist es beim Publikum, über den Verfall unseres Theaters zu klagen und darauf hinzuweisen, wie früher die Verhältnisse so viel besser, die Gesinnung so viel idealer gewesen sei. Das mag in» einzelnen Falle richtig sein, im ganzen scheint bei einer objektiven Würdigung des gesamten Tatsachenmaterials die Sache doch anders zu liegen. Wenigstens kommt der bekannte Literarhistoriker Professor Witkowski zu diesem Ergebnis in seinem Buche über das deutsche Drama, das soeben in der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" (Verlag von B. G. Teubner in Leipzig) erscheint. Wir geben in nachstehendem seine Ausführungen über das Ergebnis des Jahrhunderts für das Drama wieder und möchten bei dieser Gelegenheit auf das sehr interessante und über die Entwicklung des deutschen Dramas vorzüglich orientierende, dabei sehr billige Buch (Preis geb. 1,25 Mk.) empfehlend Hinweisen. Tie Frage, welche Bedeutung den» neunzehnten Jahr- hundert in der Geschichte des deutschen Dramas zukomme, ist nicht leicht zu beantworten, weil eine Anzahl verschiedenartiger Faktoren dabei in Rechnung zu ziehen sind. Am meisten wird für das Urteil die Entwicklung der höchsten Gattung, der Tragödie, ins Gewicht fallen. Ihre vorherrschenden Kunstfvrmen blieben in dein größten Teile unseres Zeitraumes im wesentlichen unverändert. Die Versuche, dem klassischen Schönheitsideal neue, romantische, realistische imb naturalistische Gestaltungsarten gegenüberzusetzen, haben zu keinem allgemein anerkannten Ergebnis geführt, imb die Einschätzung ihres Wertes ist von theoretischer» Voraussetzungen, vom Parteistandpunkt bedingt. Für die wichtigste Funktion, die dem Drama in» Gesamt- kreis der Künste zufällt: durch sichtbare Vorführung innerer und äußerer Vorgänge auf die breitesten Schichten des Volkes eine unmittelbare tiefe ästhetische Wirkung auszuüben, kommen heute noch neben den großen Werken der klassischen Zeit nur Kleist und Grillparzer in Betracht, während sich für Hebbel und Ludwig erst ein größerer Kreis von verständnisvollen Anhängern bildet. Hauptmanns Dranien sind noch zu jung, als daß sich! erkennen ließe, welche jend- giltige Bedeutung den großen Erfolgen einzelner von ihnen beizumessen ist, und noch weniger läßt sieh irgend ein anderes Werk der Gegenwart als dauernder Zuwachs zu dein Bestände der Vergangenheit bezeichnen. So hat das höhere Drama weder gesicherte formale Fortschritte noch eine der Zahl nach bedeutende Vermehrung an Besitzstücken zu verzeichnen. Im Gegensatz dazu brachte dem Musikdrama das neunzehnte Jahrhundert, über Mozart hinausfchreitend, ein Werk von hoher Bedeutung, Beethovens „Fidelio", und einen neuen Stil, den romantischen. Er wurde von zwei großen Meistern, Weber und Wagner, zu einem Gipfel der Ausbildung geführt, der, wie es scheint, nicht zu übersteigen ist. Nach langem Kampfe ist jetzt die Ueberzeugung allgemein anerkannt, daß Wagners Tondichtungen die höchste Leistung des Jahrhunderts auf ihrem Gebiete bedeuten. Tie mittleren Gattungen, Schauspiel und Lustspiel, deren Wert und Wirkung wesentlich durch Stoffe und Technik bedingt wird, haben sich über die durch Jsfland und Kotzebue erreichte Stufe in zwei Absätzen erhoben. Zuerst als das „Junge Deutschland" und seine Nachfolger sich von dein französischen Jntriguenstiick die gewandtere Führung der Handlung und des Dialogs aneigneten, das zweitemal durch, den Einfluß Ibsens und des Naturalismus, indem der Stoffkreis durch sittliche und soziale Probleme der Gegenwart erweitert, die Charakterzeichnung vertieft und erhöhte Jllufion mit Hilfe einer der Wirklichkeit angenäherten analytischen Technik bewirkt wurde. Die mittleren Gattungen sind ihrem Wesen und ihren Gegenständen nach so sehr von den Zeituinständen bedingt, daß sie nur selten Werke von langer Lebensdauer hervorbringen, und deshalb darf das Erreichte hier nicht nach der Zahl der bleibenden Erscheinungen bemessen werden. Die Steigerung des Durchfchnittskönnens ist aber unverkennbar, wenn wir die Arbeiten der besten Schauspiel- und Lustspieldichter der Gegenwart mit denen chrer Vorläufer vergleichen. Dagegen bietet der Schwank, die Posse und das Volksstück das Bild stetigen Verfalls, der durch einzelne besser gesinnte oder hoher begabte Dichter nicht aufgehalten wurde. Tie künstlerischen Forderungen, die aus der dramatischen iS» — Form und dein Wiesen des ästhetischen Genusses herfließen, sind als unnützer Ballast über Bord geworfen worden, und oberflächlichste Unterhaltung durch gehaltlose fiemtt, weichliche Sentimentalität oder auch durch unsittliche Mittel ist das einzige Ziel. Tas 19. Jahrhundert hat dem deutschen Drama einen an Zahl großen Zuwachs gebracht; aber es ist zu berücksichtigen, daß unser Zeitraum in bezug «uf die herrschende Kunstrichtung ohne starke Verschiebung verlief. So bald diese sich durchsetzen, wird ohne Zweifel fast alles, was der untergehenden Anschauung angehört, in Vergessenheit sinken. Tie Erfahrung früherer Zeiten lehrt, daß nur die wenigen Werke von überragendem absoluten Kunstwerk oder hoher Gehalt an allgemein menschlicher Bedeutung dein Wechsel der Zeiten trotzen. So darf man schon jetzt auch den meisten älteren, heute noch häufig aufgeführten Dramen den sicheren Tod prophezeien. In erster Linie wird dieses Schicksal den älteren bürgerlichen Schauspielen und Lust- spielen beschirden sein, die in Psychologie und Technik auf einer niedrigen Stufe stehen. Würde das Gesamtergebnis des Jahrhunderts auf unserem Gebiete nur durch Umfang und Wert des Zuwachses an neuen Werken bestimmt, so könnten wir hier abbrechen. Aber auch die beiden anderen Faktoren in der Geschichte des Dramas verlangen Berücksichtigung: die Schauspielkunst und das Publikum. Am Anfang des 19. Jahrhunderts besaß das deutsche Schauspiel kaum einen einzigen würdigen Tempel. In ähnlichen, unbequemen, spärlich beleuchteten Räumen versammelten sich die Zuschauer, die Bühne bot der Illusion nur durch schlecht gemalte Kulisse»» und Prospekte eine geringe Unterstützung, an historische Treue in der Ausstattung und den Gewändern wurde nicht gedacht. Das Personal war klein an Zahl, die Darsteller mußten die verschiedensten Rolle»» übernehmen und hatten allenthalben auch in der deutschen Oper mitzuwirken, die nur selten über einige geschulte Sänger verfügte. Die wenigen stehenden Theater mußten sich selbst erhalten; nur einzelne Höfe spendeten eine»» kleinen Zuschuß. Doch waren die Kosten infolge der Einfachheit des äußeren Apparates imb der geringen Entlohnung der Schauspieler nicht sehr hoch Diese waren froh, wenn sie ein sicheres Unterkoinmen und eine bescheidene Existenz fanden. Heute besitzen alle großen und mittleren Srädw Deutschlands würdige, oft prachtvolle Schauspielhäuser. Die Bühnen verfügen über eine komplizierte Maschinerie, über künstlerisch gemalte Dekorationen von tauschender Wahrheit, über eine sehr große Anzahl von Ausstattungsgegenständen und kostbaren, historisch treuen Kleidungen. So groß dieser Fortschritt auch erscheint, so bringt er doch de»» Nachteil in seinem Gefolge, daß die schnellen Verwandlungen innerhalb des Aktes durch den großen Apparat, der jedesmal in Bewegung gesetzt wird, unmöglich sind, was namentlich bei den älteren Stücken die Stimmung unterbricht, die Akte in eine Reihe gesonderter Abschnitte zerreißt und so das Gefühl für den architektonischen Aufbau des Dramas zerstört. Tie neuesten Dramatiker haben sich den gegebenen Verhältnissen dadurch anzupassen gesucht, daß sie die Verwandlung innerhalb des Aktes vermeiden und womöglich die ganze Handlung in demselben Raume vor sich gehen lassen, ein Verfahren, das durch die moderne Technik, welche nur das letzte Stadium der Handlung auf die Bühne bringt, begünstigt wird. Tie Vergrößerung des Vühnenraumes, die mit Rücksicht auf die Oper vorgenommen wurde, beeinträchtigt das in- time Zusammenspiel, während die weiten Zuschauersäle der neueren Theater den Schauspielern den Kontakt mit dem Publikum rauben und sie zwingen, in Sprache und Beweg- ung das natürliche Maß zu überschreiten, damit Wort und Geste aus allen Plätzen erfaßt werden. ®i«e Abhilfe dieses argen Uebelstandes ist wenigstens für die großen Städte, die für das Schauspiel besondere, kleinere Häuser erbauen können, Umsomehr zu erhoffen, da die Hauptrichtung der Schauspielkunst jetzt auf gesteigerte Verfeinerung des seelischen Ausdrucks und auf suggestive Wirkungen hinstrebt. Ta die Leistungen der Schauspieler nur iit den von ihnen bewirkten subjektiven Eindrücken fortleben, so ist ein Vergleich des früheren und des heutigen Könnens irn allgemeinen ausgeschlossen. Selbst den Aussagen desselben Zeugen ist auf diesem Gebiete nicht zu trauen, da die ersten Eindrücke die stärksten sind und die Jugend weit leichter zur Begeisterung entzündet wixd als das bedächtige Mter. 196 Cbjettto läßt sich nur ansüh-reu, daß die jetzigen Darsteller in bet’ Regel über eine höhere geistige Bildung verfügen als ihre Vorgänger, und daß die Spezialisierung der Rollenfächer dieFähigkeit, bestimmte Gebiete vollkommen zu beherrschen, befördern muß. Es wäre daraus zu schließen, daß die Leistungsfähigkeit im allgemeinen gestiegen sein müßte; aber die starke Vermehrung der Theater und das zahlreichere Personal, dessen sie sich bedienen, hat es bewirkt, daß mit den wirklich talentvollen und genügend ausgebildeten Darstellern der Bedarf nicht entfernt gedeckt werden kann, und so ist die Klage allgemein und berechtigt, daß kaum noch eine Bühne imstande ist, eine völlig genügende Besetzung eines großen Dramas zu bieten. Entschiedene Fortschritte bedeuten dem gegenüber die Znrückdrängung der hohlen Rhetorik und des Virtuosentums, die sorgfältigere Pflege des Zusammenspiels und das Streben nach intimer Wirkung durch feine Seelenmalerei und stimmungsvolle, historisch getreue und der Wirklichkeit entsprechende Bühnenbilder. Dem Regisseur wird jetzt die ihm zukommende und nötige Gewalt zugestanden, um boS~ Zusammenwirken der mannigfaltigen Kräfte vor und hinter bett Kulissen durch seinen Willen zu regeln und so dem Kunstwerk zu einer einheitlichen, den Absichten des Dichters entsprechenden Verkörperung zu verhelfen. Ter kostspielige äußere Apparat, die Steigerung der Anzahl des Personals und seiner Entlohnung, die infolge des Wettbewerbs um jeden einigermaßen brauchbaren Schauspieler ins Ungemessene geht, haben die Ausgaben der Theater gewaltig erhöht. Dadurch ist die Rücksicht auf die Einnahmen noch weit zwingender als früher geworden, auch für Theater der Höfe; denn trotz der ihnen gewährten Subventionen sind sie doch auch mehr als je auf die Eintrittsgelder angettnesen, weil der Zuschuß stets nur einen Bruchteil der Kosten deckt. So wird allen Theatern der Charakter des Erwerbs- ittstitnts schärfer als je zuvor aufgedrückt, und an wenigen Stellen gelingt es, mit verständnisvollem Ausgleich der materiellen und der idealen Interessen das Kunstwidrige völlig fernzuhalten und den herabziehenden Neigungen der großen Masse zu widerstehen. Nttr die Bühnen, die in diesem vornehmen Sinne gegleitet werden, sind ohne Einschränkung als Kunststätten und 'wertvolle Faktoren des nationalen Geisteslebens anzuerkennen. Nur sie vernrögen es, auf ihr Publikum einen ungestörten ftarfcn, veredelnden Einfluß auszuüben. Doch ist auch bei der Nachgiebigkeit gegen das Unterhaltungsbedürfnis, die von der großen Mehrzahl der Theater geübt wird, eine höhere Tendenz nicht ausgeschlossen, und neben faden Schwänken und lasciven Operetten sehen wir vielfache an derselben Stätte ein erfolgreiches Bestreben, wertvolle Werke in würdiger Form zu bieten: ein Kompromiß, das durch die doppelte Mission der Mhne der Neuzeit bedingt ist. Tie Forderung, die leichte Ware, Schwank, Posse und Operette, völlig zu verbannen, kann fast nirgenos erfüllt werden. Ein clllzu großer Teil des Publikums verlangt am meisten nach dieser Kost, und nur das eine ist anzustreben, daß das Verhältnis der künstlerisch wertvollen Darbietungen zu den wertlosen so günstig gestaltet werde, als es irgend möglich ist. Die Klage, daß das Publikum der Gegenwart an dem Guten weniger Gefallen finde, als das der Vergangenheit, wird durch eine unparteiische Prüfung der Tatsachen widerlegt. Zu keiner Zeit haben die Werke der Klassiker Wck> der ernsten Dramatiker der neueren und neuesten Zeit so ernste Pflege gefunden wie jetzt. Unter Goethes Leitung tvuroen auf dem Weimarer Hoftheater den Dramen Shakespeares, die man wohl als zuverlässigen Maßstab betrachten darf, jährlich im Durchschnitt zwar bis drei Abende gewidmet, eine Zahl, die jetzt häufig verzehnfacht erscheint. Daß ein dressierter Hund oder ein Affendarsteller in eigens für sie geschriebenen Stücken eine der besseren Bühnen Deutschlands beträten, wie es noch vor siebzig Jahren geschah, erscheint völlig ausgeschlossen. In dieser Beziehung hat sich der Geschmack des Publikums sicherlich gehoben, und wenn jetzt andererseits die sinnlose Komik und die Spekulation auf die Lüsternheit widerwärtiger und raffinierter als früher auftreten, so muß doch wenigstens zugegeben werden, daß, abgesehen von einzelnen Großstadtbühnen, in dieser Hinsicht in dem letzten Zeitraum kein weiteres Sinken zu bemerken ist, während andererseits das Interesse an den edleren Gattungen zu steigen scheint. Gerade in diesem wichtigen Punkte kann fieilich das Urteil, wenn es sich auch auf Beobachtungen an einer Reihe von Orten stützt, keine allgemeine Giltigkeit beanspruchen; denn die lokalen Verhältnisse sind zu verschieden. Die ringenden Gegensätze von erstarrter enger Kunst- und Weltanschauung, krassem Materialismus und neu erwachtem Streben nach Schönheit, Verinnerlichung und Vertiefung hüllen die Gegenwart, chren Kampfplatz, in undurchsichtige Staubwolken, zumal auf dem Gebiete derjenigen Kunst, die wehr als irgend eine andere für Schaffende und Genießende zeitlich bedingt ist. Wer der Streit selbst, das eifrige Parteinehmen, ist doch ein Zeichen dafür, daß das lebendige Interesse im Steigen begriffen ist, und damit wird die erste Vorbedingung verständnisvollen Genießens und der Abwendung vom leeren Sinnengenuß in höherem Maße erfüllt. Ter Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet; es steht ihm nur zu, die Zeichen der Vergangenheit auszulegen, und zumal in der Kunstgeschichte ist das Prophezeien in die Zukunft hinein ausgeschlossen. Nur so viel läßt sich sagen, daß das 19. Jahrhundert nach langer Vernachlässigung wieder begonnen hat, den Boden für die Kunst großen Stils zu bereiten, und daß so sein letztes Mühen für das Drama nicht unwirksam gewesen ist. Ob es fruchtbar sein wird, ob aus den umgepflügten Schollen eine neue Saat aufsprießt, das steht bei denen, die dieses Erdreich ferner anbauen und mit der schaffenden Sonnenwärme des Genius ihm neue Ernten abgewinnen werden. Hamburg, d« schöne Stadt. lFrei nach Wedekind.) Hamburg, du schöne Stadt, eh, Du mon dien, mon dien, Die viele Schwestern hat, eh Du mon dien. Sind oft erst achtzehn Jahr, So etwas bringt Gefahr, sacre dl bleu! Krank liegt ein Junggesell, eh Du mon dien, mon dient Gleich ist die Matd zur Stell, eh Du mon dien! Tags kriegt er Rizinus Und auf die Nacht en Kuß. sacre di bleu! Kommt Doktor Roofen her, eh Du mon dieu, mon dient Ist gleich entrüstet sehr, eh Du mon dieu 1 Läßt 'ne Broschüre los: „Schwestern sind sittenlos", sacre di bleu! Aber der Weise spricht: eh Du mon dieu, mon dien, „Mach keen Gefibe nicht!" eh Du mon dien I ’n Kuß von 'nem Mädchenmund Macht schneller wie'n Arzt gesund I sacre di bleu! („Münchener Jugend.") a/m ä / zn r 3» / m / » 1 m /* f/m/ / m / yjl ' m Jiy|| m (Anfidsung in nächster Nummer.) Auflösung des Festrätsels in vor. Nr.t Ostern (Stern OI) Redaktion- Akuult GStz. — Rotalivusdruck und Verleg der Brühl'scheu lluiuersttäts-kuch- und Steindruckerri. N. Lange, Vietze«