Samstag den 30. April sU |»j Kl 1904. — Hlr. 64. 8 W tiW&'ZÄ. I w SMsÄLi/d-WA (Nachdruck verboten.) Zm Fakak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragnng von A. Vischer. (Fortsetzung.) Drückende Hitze herrschte; es Mar etwa ein Uhr: offenbar die Stunde Mo alle lebenden Wesen in tiefem Schlafe lagen. Schüchtern irrte mein Blick über das riesige graue Gebäude, das mir plötzlich den Eindruck eines fürchterlichen, im Schlummer versunkenen wilden Meres machte. Endlich öffnete sich die eisenbeschlagene Türe und eine große ältliche Frau in dunklen Gewändern erschien. Sie hatte stechende schwarze Augen, mit denen sie mich verschlingen zu wollen schien, dann aber verneigte sie sich tief und sagte auf englisch: „Bitte, kommen Sie mit mir." Laut dröhnend siel die große Tür hinter mir ins Schloß — ausgesperrt war der Sonnenschein, und abgeschnitten von der Außenwelt befand ich mich im Innern des riesigen Palastes, wo ich eine Welt für sich finden sollte, eine Welt voll Jntriguen und Tyrannei. Der luftige Raum, den wir betraten, gehörte offenbar zu den Prunkgemächern. Der Boden war vollständig mit dem weißen Baumwolltuch Dosutt ausgelegt, ungeheure Kronleuchter aus geschliffenem Glas hingen von der Decke herab, und dazwischen baumelten zwecklos eine Menge bunter Krystallkugeln. Die Wände waren mit den roh gemalten Bildnissen der Vorfahren des jetzigen Radschah bedeckt: meist reichgekleidete Reitcrgestalten, deren Pferde edelsteinbesetzte Staatsgeschirre trugen. Eine Garnitur vergoldeter, mit gelbem Atlas bezogener Polstermöbel bildete die Haupteinrichtung, und, möglichst ins Auge fallend, war ein massiv silberner Tisch aufgestellt. Allein trotz aller Pracht machte der Raum selbst in dem matten Lichte, das von den hoch oben in der Wand angebrachten Fenstern herabfiel, doch einen unsauberen, verwahrlosten Eindruck. Immer weiter folgte ich der großen, schlanken Frau, deren Füße so lautlos über den Boden hinglitten, daß ich das Gefühl hatte, als würde ich von einem Gespenst geführt. So kamen wir noch durch drei ähnliche, in mattem Glanze fchimmernde Zimmer, und schließlich in einen, ungeheuer großen Saal mit Marmorfußboden und riesigen, in eine altertümliche, bunt schillernde Stuckarbeit eingelassenen Spiegeln. „Der Audienzsaal", murmelte meine Führerin in leicht herablassendem Tone, während sie mich eilig hindurchgeleitete. Bisher hatte ich nirgends auch nur das leiseste Zeichen von Leben zu entdecken vermocht; es war, als schritten wir durch Dornröschens schlafversunkenes Schloß. Endlich gelangten wir in einen langen, von schmalen Fenstern erleuchteten Gang, stiegen eine breite, ebenfalls mit tveißem Baumwolltuch belegte Treppe hinauf und kamen auf einen Vorplatz, auf den eine Menge Zimmer mündeten. Ich warf einen Blick in eines derselben und bemerkte ganze Haufen von Kissen und Matten darin. Wer noch immer ging es weiter im schwachen Dämmerlicht über Gänge, Treppen und durch ganze Reihen leerer Räume, bis ich plötzlich aufgefordert wurde, in ein Eckzimmer von anfehnlicher Größe und Höhe einzutreten, dessen Fußboden prächtige; Teppiche bedeckten. Dort ruhte auf einem gelben Atlas- kissen eine hübsche, jugendliche Gestalt, die mir grüßend mit der Hand zuwinkte und auf einen schäbigen Rohrstuhl deutete, der offenbar zu meinem Gebrauch hereingestellt worden war. „Sie stehen vor der Rani Gindia, der Mutter ©einer Hoheit", klärte mich meine Führerin in vortrefflichem Englisch auf, und zu der Rani sagte sie: „Hier ist die Frau." Ihre Hoheit war ein hübsches Geschöpf ungefähr meines Alters mit sanftem, teilnahmlosem Ausdruck und schmachtenden Augen; Zähne und Augenlider hatte sie nach Landes- sitte gefärbt. Trotz ihres Witwenstandes trug sie ein leuchtend rotseidenes Gewand, Perlenschnüre um den Hals und ein überreich mit kostbaren Steinen besticktes Jäckchen. Den Leib umschloß ein mit Smaragden besetzter Gürtel, und viele Reifen von hohem Wert klirrten an ihren schönen Armen. Freundlich lächelte sie mir zu, während ich mich niederließ nnd das Gefühl hatte, daß ich von Rani Gindia nichts zu fürchten habe. Allein sie war nicht das einzige hier anwesende weibliche Wesen. In einiger Entfernung saß, vom Kopf bis zu den Füßen in weiße Gewänder gehüllt, ein hexenartig aussehendes altes Weib, das in finsterem Schweigen aus einer langen, edelsteinbesetzten Huka — türkische Pfeife — rauchte. Plötzlich wandte sie das Gesicht mir zu. Es hatte mehr das Aussehen eines gefangenen, irgend etwas Boshaftes im Schilde führenden Raubvogels, als das eines menschlichen Wesens. Die Nase war stark gebogen, der Mnnd eingefallen, dabei hatte sie tiefschwarze Augenbrauen, während die Haare schneeweiß waren. Die Haut glich, gelbem Pergament, und die Augen mit dem heimtückischen Basiliskenblick erschreckten mich bis in den Grnnd meiner Seele. Diese entsetzliche alte Frau brach als erste das Schweigen, indem sie einige leise Bemerkungen in einer mir unverständlichen Sprache machte und daun . ,ernb den langen Schlauch ihrer Pfeife wieder aufnahm, als fei ich überhaupt nicht anwesend. „Sie sind also die englische Erzieherin?" fragte die junge Rani mit sanfter, leiser Stimme. „Und Mr. Thorold, der Resident, wünscht, daß Sie den Unterricht Seiner Hoheit und seiner Schwestern übernehmen?" „Ja, Hoheit." „Er hat viel Schönes von Ihnen zu sagen gewußt. Sie seien klug, aus guter Familie, jung und tugendhaft, auch zuverlässig. Eigentümlich aber ist es immerhin, daß eine Dame Ihres Standes und von Ihrer Schönheit sich 254 heimatlos in diesem Lande befindet und darauf angewiesen ist, ihr Brot zu verdienen." Wieder nahm die alte Teufelin die Huka aus dem Munde und machte daun ohne Zweifel irgend eine boshafte Bemerkung, denn die junge Raui lachte belustigt auf. „Ihre Hoheit, die Raui Sundaram fragt, ob Mr. Tho- rold Ihr Liebhaber sei?" Diese alte Frau hier war also die gefürchtete Raui! „Nein" — ich errötete tief — „ich habe keinen Liebhaber. Mr. Thorold ist nur ein Bekannter von mir." „Sie dürfen den Scherz der alten Rani nicht übel nehmen, sie meinte es nicht böse. Ihr Gesicht gefällt ihr und ebenso auch mir. Wie ich höre, spielen Sie vor- trefflich Klavier, unterrichten in Englisch und Französisch, im Sticken und (8-uitarrcspielen?" „Ja, Hoheit", antwortete ich kurz, denn derartige fürstliche Scherze waren durchaus nicht nach meinem Geschmack. „Sie sind also wirklich erst zweiundzwanzig Jahre alt und noch nicht verheiratet? Wie auffallend!" Wie viel mehr erstaunt wäre sie gewesen, wenn sie gar meine Verlobungsgeschichte gekannt hätte! „Ich verheiratete mich schon mit acht Jahren", fuhr die Rani Gindia fort, und darauf überschüttete sie mich mit einer Menge Fragen, während eine Dienerin einen riesigen Fächer aus Pfauenfedern über ihr bewegte und ich wohl ein halbes Dutzend Augen neugierig zur Tür hereinschauen sah. „Möchten Sie jetzt vielleicht die Kinder sehen?" fragte sie plötzlich. „Ja, mit großem Vergnügen." „Hoffentlich werden sie Ihnen nicht allzu viel Mühe machen. Etwas Englisch haben sie schon gelernt." Und nnn begann sie über die Welt draußen zu plaudern, wobei eine ausgesprochene Vorliebe für alles Wunderbare und Aufregende zutage trat. Welche seltsamen, verzerrten Beschreibungen des europäischen Lebens waren ihr zu Ohren gekommen! Dann erschienen die Kinder. Sie hatten zarte Gesichtchen mit ziemlich heller Farbe, und es war schwer, den Bruder von den Schwestern zu unterscheiden, da alle die gleichen Atlashofen und mit einem Gürtel festgehaltenen Jäckchen sowie Mützen trugen. Sie starrten mich neugierig an und betrachteten mit fast rührender Aufmerksamkeit meinen Hut und meine Handschuhe. Dann schmiegten sie sich, um Süßigkeiten bettelnd, an ihre Mutter. Allmählich kamen nun noch eine ganze Menge reich gekleideter Damen des Hofes herein, alle anscheinend von dem Wunsche getrieben, mich zu sehen. Plötzlich wurde die Gesellschaft durch den Ruf: „Purdah! Purdah!" aufgeschreckt, worauf die gauze Schar schwatzender, kichernder Frauenzimmer hastig nach ihren Schleiern griff und durch den Purdah, den Vorhang, entfloh. Die kleine Rani jedoch zog ihren Schleier nur halb' über das Gesicht, während die alte Frau unbeweglich sitzen blieb und weiterrauchte. Nach mehrmaliger zeremonieller Meldung erschienen drei Herren, ein alter Mann, der der Rani Sundaram auffallend ähnlich sah, aber noch magerer, kleiner und so runzelig war, daß man ihn für eine Mumie — oder auch für einen „Hexenmeister" hätte halten können. Leben verrieten nur seine Augen, die wie zwei Flammen blitzten. Er trug einen weißen Turban und ein eng und faltenlos den Körper umschließendes, langes, schwarzes Sammet- gewand, sowie einen goldenen, mit schlecht geschliffenen, flachen Rubinen besetzten Gürtel. Der jüngere Mann war groß, hübsch, stattlich und hatte einen freundlichen Ausdruck. Seine Kleidung bestand aus einer kurzen, purpurroten, goldgestickten Tunika und gelbem Turban. Der dritte, ein noch ganz junger Mensch, anscheinend ein Sekretär, folgte als Begleiter. Die älteren Herren waren der Großonkel und der Onkel des Radjah; der „Hexenmeister" oder vielmehr Durigodana, war der Bruder der Rani Sundaram, der wohlbeleibte, lächelrede Herr derjenige der jungen Rani; er hieß Shumsha-Lal. Beide hatten sich zu meiner Besichtigung hierher verfügt. „Ah, Sie sind also Miß Ferrars?" sagte der Jüngere in freundlichem Tone. „Die englische Dame mit den glänzenden Zeugnissen?" Ich verbeugte mich schweichend, denn die Zunge war mir wie gelähmt. Wie sie mich aber auch alle anstarrten! „Sie werden die Stellung gewiß aufs btzste ausfüllen. Glaubst Du nicht auch?" Der stattliche Herr wandte sich zu seinem Begleiter. Durigodana aber brummte nur etwas Unverständliches. „Hoffentlich fühlen Sie sich bald behaglich hier, ich habe die nötigen Befehle gegeben. Begur ist dafür verantwortlich, daß es Ihnen an nichts mangelt." Er sprach geläufig englisch und versicherte mir lächelnd, daß Thorold ein samoser Kerl und glänzender Polospieler sei; jedermann freue sich über seine Anwesenheit in der Stadt." Ob die Rani Sundaram und ihr Bruder diese Behauptung wohl bestätigen würden, wenn sie sie verstanden hätten? Verschiedene feierlich angemeldete, reich gekleidete Gäste erschienen jetzt, und so wurde ich entlassen, worauf Begur, meine Führerin, mich ein zweites Mal durch das endlose Gewirr von Gängen und Treppen des Palastes führte. Ich war fest überzeugt, daß ich niemals allein meinen Weg hierher finden würde. Als wir dann endlich vor den mir angewiesenen Räumen anlangten, schien es mir, als seien wir wohl eine Meile weit gegangen. Meine Wohnung bestand aus einem großen Zimmer, an dem dicht unter dem Dache eine vergitterte Galerie hinlief. Eine spanische Wand trennte es in zwei Teile; die eine Hälfte enthielt eine Punkah/ ein Pianino, Tische, Stühle, Lampen, Porzellan und Nippsachen, die andere ein Bett, Schränke und Waschtisch. Daneben befand sich das Badezimmer. Sogleich wurde mir auch meine Bedienung vorgestellt: sie bestand aus Munasawmh, einem der niedrigsten Kaste angehörenden Hindu, und der Ragee Ajah, die etwa von der gleichen Abstammung wie die Chinna Ajah sein mochte. Mein Gepäck werde gleich gebracht, versicherte mir Begur; auch möchte ich befehlen, was ich zu essen wünsche, und am nächsten Morgen um zehn Uhr kämen die fürstlichen Kinder zu ihren Stunden. Kaum war sie in ihrer geräuschlosen Weise verschwunden, so bestellte ich Tee, der bemt auch nach einiger Zeit erschien, sich aber als derart ungenießbar erwies, daß ich voll Dankbarkeit die mir von Mrs. Dalrymple aufgedrungene Spiritusmaschine hervorholte und mir selbst ein vortreffliches Getränk braute, das wirklich den Namen Tee verdiente und mich sehr erfrischte. Hierauf beschäftigte ich mich mit Auspacken und Ordnen meiner Sachen, ohne mich durch das von der Galerie heruntertönende Zischeln und Flüstern stören zu lassen. Wie viel Augen mochten mich wohl von dort oben belauschen? Auch in meinem Zimmer befanden sich die Fenster hoch oben in der Wand. Ich konnte also weder in den Hof hinuntersehen, noch ein Streifchen blauen Himmels oder die Gipfel der grünen Palmen entdecken. Ich war von Sonne, Luft und allem, was sich in der Außenwelt befand, abgesperrt. Würde ich ein solches Dasein auf die Dauer ertragen können? fragte ich mich während des Auspackens. Nein und ja, antwortete ich mir. Nein, wenn ich mir die Augen der alten Rani, das Grunzen des „Hexenmeisters" und die Schar der neugierigen Weiber vorstellte — ja, wenn ich an das Gehalt, an der kleinen Rani Gindia freundliches Gesicht und an Mr. Thorolds ermutigenden Zuspruch dachte. Plötzlich entdeckte ich unter meinen Koffern auch einen großen Pack neuer Bücher, und stürmisch klopfte mir das Herz, als ich Mr. Thorolds kräftige Handschrift erkannte. Nim lautete meine Antwort entschieden „ja". 15. Meine drei Schüler, der Radjah Kodappa und seine Schwestern Lucksmi und Varuna, waren recht gelehrige kleine Geschöpfe und durchaus nicht so schwer zu lenken, wie ich gefürchtet hatte. Ihre anfängliche Zurückhaltung wurde bald von der Meugierde besiegt, näheres über mich, mein früheres Leben und die vielen, ihnen neuen Dinge, die mich umgaben, zu erfahren. Es war nicht leicht, den Strom ihrer Fragen von meinen Händen, Schuhen und meiner Schreibmappe abzulenken. Eine Füllfeder und vor allem meine Guitarre erregten ihr besonderes Entzücken, und nur durch das Versprechen, ihnen später darauf Vorspielen zu wollen, konnte ich einige Unterrichtsstunden zu stände bringen. Das älteste Mädchen war klug, lebhaft und von scharfer Beobachtungsgabe, aber zugleich ein naseweises Zier- äffchen. Die fünf Jahre alte sanfte, aber etwas schläfrige Varuna versprach einmal eine Schönheit zu werden, wäh- 255 i er heiter. „Briefchen? kommen." gern wissen, ob Sie wohl sind, ob Ihnen nichts abgeht und ob man sie auch höflich behandelt und so weiter." „Es war sehr freundlich von Ihnen, zu kommen. Auch möchte ich Ihnen noch herzlich danken für die Blumen, Bücher und Zeitungen, die Sie mir schickten." „Und hoffentlich auch sür meine Briefchen?" vollendete Nein. Ich habe niemals einen Brief be- (Fortsetzung folgt.) Kunstverem. GieHen, 30. April. rend der kleine, zukünftige Herrscher Kodappa einen klaren, aufgeweckten Kopf, aber einen zarten Körper und dre schönen, milden Augen seiner Mutter hatte. Daber war er äußerst wißbegierig und lebhaft. Betreffs der Bucher und der Art des Unterrichts hatte man imr vollständig freie Hand gelassen, sodaß ich meine Absicht, Belehrimg und Unterhaltung möglichst zu vereinigen, ungehindert aus- sühren konnte. Auch hatte ich nicht versäumt, Mich ut Madras reichlich mit den notwendigen Büchern, Bildern und Karten zu versehen. Als nach Ablauf des ersten Vormittags zwei prächtig gekleidete Diener erschienen, um meine Schüler wieder abzuholen, verließen sie mich Mit einem Widerstreben, das für mich schmeichelhaft sein mußte; allem, ich war eben noch etwas Neues und durfte mir deshalb Nicht zuviel darauf einbilden. , „ . „Die Rani, meine Mutter, hat Sie gern", flüsterte Mucksmi mir eines Tages zu, während sie meine Hand hielt und aufmerksam meine nicht bemalten Nagel betrachtete. „Die Rani Sundaram dagegen sagt, Sie seien hübsch, aber sehr böse." - Sollte ich hier innerhalb meines Wirkungskreises am Ende gar eine zweite Jaeosta finden? Sofort beschloß ich, | diese Vertraulichkeiten im Keime zu ersticken. Ich entzog ihr meine Hand. „Eure Hoheit müssen lernen, niemals einem Menschen das wiederzuerzählen, was ein anderer von ihm gesagt hat." „Aber das tun wir immer, auch meine Mutter, die Rani Gindia und jedermann. Das ist doch nichts schlimmes! Bon was soll man denn sonst reden?" „Von einer Menge anderer Dinge, wie Sie bald selbst herausfinden werden, wenn Sie hübsche Bücher lesen dürfen. Jedenfalls muß ich darauf bestehen, daß Sie wenigstens mir gegenüber niemals eine Bemerkung über | mich wiederholen." „Wirklich?" Sie war aufs höchste erstaunt. „Ich könnte Ihnen aber auch Gutes erzählen, das über Sie gesprochen worden ist." „Nein, weder Gutes, noch Schlechtes. Zuträgerinnen mag ich nicht. Nun aber werde ich Ihnen ein recht schönes Märchen erzählen." Vorläufig sprach ich noch mit Englisch vermischtes „Te- lagn", allein von Tag zu Tag konnte ich dieses mehr und mehr beiseite lassen, da meine kleinen Schüler eine äußerst rasche Auffassungsgabe und ein gutes Gedächtnis hatten. Mr. Thorold mochte mit feiner Bemerkung, daß ich mich den Umständen anzupassen vermöge, wohl recht haben, denn ich wunderte mich selbst, in wie kurzer Zeit ich mich an das Leben im Palast von Rayopetta gewöhnte. Mit den übrigen Bewohnern, so viele ich auch um mich herum huschen und flüstern sah, kam ich nur wenig in Berührung. Da es mir jedoch nicht an Büchern und Zeitungen fehlte, die ich ohne Zweifel Mr. Thorold zu verdanken hatte, so verging mir die Zeit, die ich meinen Schülern, der Musik uno auch täglichen Spaziergängen widmete, rasch genug. Das Gesicht war blaß und schmal, die glänzenden Augen lagen tief in ihren Höhlen, und die Kleider schienen ihm nur so am Leibe zu hängen. „Sie sehen aus, als ob Sie selbst viel eher des Beistandes bedürftig wären", ries ich erschrocken. „Sie scheinen sich raum ausrecht halten zu können. Kommen Sie, wir wollen uns setzen." Ich zeigte auf zwei gelbseidene Lehnstühle. „Nun ja" — er ließ sich mit sichtlicher Erleichterung auf einen der Stühle niedersinken — „ich habe allerdings einen recht abscheulichen Anfall von Malaria gehabt. Es ist unglaublich, wie rasch man da in wenigen Tagen von seinen Kräften kommt. Zudem hatte ich gerade jetzt besonders viel zu tun, und die endlose Audienzgeschichte diesen Morgen gab mir vollends den Treff." „Hoffentlich geht Ihr Unwohlsein bald vorüber." Ich war ängstlich, denn seine Blässe war wirklich beunruhigend. „Was sagt denn der Arzt dazu?" „Der alte Flemming will, daß ich schon morgen auf mindestens zehn Tage ins Gebirge gehe. Das paßt mir gerade jetzt durchaus nicht, allein er behauptet, daß, wenn ich ihm nicht gehorche, ich bald ganz zusammenbreche und mir dann ein Krankenurlaub nach England nicht erspart bleibe. Das aber" — er richtete sich plötzlich auf und sah mich fest an — „wäre gerade jetzt das allerschlimmste,. . . Udbrigens bin ich nicht hergekommen, um Sie mit meinen Klagen zu belästigen. Ich wollte vor meiner Abreise nur Die Kunstausstellung im Turmhaus am Brand hat in den letzten Wochen die lang beabsichtigte Umgestaltung erfahren. Die beiden langen Bildergestelle die in 1-Form zusammenstießen, fügten sich zwar gut der Gesamtform des Saales ein und boten mit ihren ausgedehnten Flachen Raum für Bilder verschiedenster Größe, aber fast die Hälfte dieses Raumes war ungünstig, nämlich durch gerade auffallendes Licht, beleuchtet. Und mißlicher noch war die Enge der Räume zwischen der Langwand und den Fenstern und der Umstand, daß die günstig beleuchtete, einheitliche Rückwand des Saales, die sieb von selbst für die größten und bedeutendsten Gemälde empfahl, durch die hölzerne Querwand um die meist unentbehrliche Fernwirkung gebracht wurde. Jetzt ist das anders geworden. Vier kürzere Wände stehen rechtwinklig zu den Fensterwanden in gutem Seitenlicht und bilden einen Vorraum und einen großen ! Hauptraum, von dem sich drei „Kabinette abfondern. Die Abstände sind durchweg angemessener, der Beschauer kann seinen Standpunkt vielfach wechseln, er kann das Ganze wie die Einzelheiten nach Belieben auf sich wirken lassen. Die Hauptwand ist in ihrem größeren Teil schon von weitem frei sichtbar und kann in besonderen Fällen, tote es bei- pielsweise bei der jüngsten Kaiser-Ausstellung wünschenswert gewesen wäre, noch freier gelegt werden, indem die auf Rollen stehende letzte Querwand entfernt wird. Da endlich au sämtlichen Gestellen die Tischplatten tiefer ge- | rückt worden sind und seitlichem Ueberragen der Bilder nichts entgegensteht, so können künftig auch mehr Bildes als bisher gehängt werden. So zweifeln wir nicht, daß die Besucher unserer Ausstellung sich in die neuen Verhältnisse bald eingewöhnen und sie als Verbesserung empfinden werden — Als erster Schmuck der neuen Räume erjcgemt eine größere Zahl von Merken des namhaften, 1901 ver- I storbenen Münchener Malers Professor Ernst Zimms-.mann, j Als Sohn eines Genremalers und als Schüler von Wilhelm Diez hat er eine ausgesprochene Neigung für das Genre von Natur besessen und mit Bewußtsein gepflegt; aber angewendet hat er es am liebsten in Bildern aus der heiligen Geschichte, unter denen die „Anbetung der Hirten in der Münchener Neuen Pinakothek wohl das bedeutendste ist. An dieses Werk, zu dem interessante Studien hier | ausgestellt sind, erinnert die schöne „Rast auf der flucht nach Aegypten", während der Maler in dem großen -rnld ! „Kommet zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid | sich zu monumentalerer Höhe zu heben suche. Hier wie in den meisten seiner Bilder, besonders auch der vortrefflichen Porträts, wirkt etwas befremdend das dunkel- bräunliche Kolorit, mit dem eine fein studierte Farben- | äbstufung in interessanter Wechselwirkung steht; tote dieser die Pilotyschule, so merkt man jenem die großen alten Vorbilder, vor allem Rembrandt, aber auch die Spanier und Rubens au (man sehe den ungläubigen Thoma^ und das „kleine Kind", eines der wenigen lichteren - Bilder). In helleren Tönen, in Freilichtmalerei spricht sich dieser Künstler zwar nicht zaghaft, aber mit absichtlicher Zuiuck- haltung aus. Nackte Gestalten,^ die da alv Siafsage ge- I legeutlich vorkommen, find offenbar nicht seine Starke. I Dagegen hatte er noch eine Spezialität, von der die -Münchener Pinakothek ebenfalls ein Beispiel, unsere Aus- I stellung mehrere aufweist: er war ein ausgezeichneter Fischmaler, wußte das feucht Schimmernde die zart ver- schwimmenden Farben der Wassergeschopfe vortrefflich ime- I der-maeben. — Die Landschaften und Seestuae von Th. v. Stenin (Weimar) geben von der Kunst dieses Malers noch I keine genügende Vorstellung. Nicht zu vergessen sind zwei niedliche Werke der Kleinplastik, eine „Madonna und ein I Savojardenknabe" von M. Bergen-Gießen. Als Proben 256 eines noch im geschulten Talentes sind sie recht respektabel Und lassen für dre Zukunft manche erfreuliche Bereicherung unserer gerade mit Plastik meist etwas spärlich versorgten Ausstellungeir erwarten. B. S. Klaubereien aus der Kailerstadl. (Nachdruck Verbote«.) Weiler hinaus! — Sportvereine. — Allerlei Bereinsblüten. — Namenhumor. Der Naturfreund, der sich den Winter über darauf beschränken mutzte, seine Spaziergänge in wegbaren Bezirken auszufuhren und nun im Lenz endlich wieder durch die mageren märkischen Felder strerfen kann, sieht zu seinem stillen Entsetzen, daß die Großberliner Grenzen während der paar Monate wieder um ein mächtiges Stück heransgerückt sind. Wo im Vorjahre noch Schrebergärten mit ihren lustig flatternden Wimpeln auf den manchmal unglaublichen Lauben grüßten, wo blühende Herzen, Lö° wemilaul und Phlox in buntem Durcheinander blühten, ohne den Rettichen, Radischen, Kürbissen und anderen Nutzgewächsen allzuviel von dem kostbaren Raum streitig zu macheil, stechen heute schon die Grundmauern neuer vierstöckiger Mietskasernen, und der Berliner Klein-Agrarier ist mit seiner Domäne um ein paar hundert Meter iveiter hinausgeschoben worden. Unverdrossen steckt er abends oder am freien Sonntag den neuen Latteirzaun um sein neues Gebiet, das zu umspannen er keine Kuhhaut in Streifeil zu schneiden nötig hätte, tote einstmals Dido, die Gründerin Carthago's, da sie imgefähr s o schon ausreichen würde; unverdrossen rodet er die neue Scholle Landes um, die so trostlos sandig und dürr erscheint, daß einem Mecklenburger Weizenbauer die Haare darüber zu Berge stehen, würden, und unermüdlich schleppt die Familie in Gießkannen das Wasser herbei, um den jungen Stecklingen Mut zum Anlnuhsen in dieser Armut zu machen. Ach, und vielleicht verhandelt unterdessen der spekulierende Eigentümer dieses zum letztenmal Frucht tragenden Ackers schon mit dem kuragierten Maurergesellen, der auf diesem Stück Erde zum Berliner Baumeister werden will. Wie's beit Laubenkolonisten geht, geht's auch den Sportleuten, die mit dem Racket oder Fußball vor die Stadtgrenzen ziehn, um dort ihre Künste zu pflegen. Immer länger wird der Weg, den sie zurücklegen müssen, wenn sie nicht irgendwo in einem großen Garten Unterschlupf finden. Selbst der „Sportpark" in Friedenau erlebt in diesem Jahre zum letztenmal die Entscheidung um das „goldene Rad" und andere anziehende Dinge. Im Herbste wird er Bauland und seine Stätte kennet man nicht mehr. Aber das macht unsere für den Sport schwärmende Jugend nicht etwa mutlos. Sie schüttelt den Baustaub von den Füßen, zieht fürbaß und planiert sich einen neuen Acker. Die Radfahrer haben das freilich nicht nötig; denen gehört die ganze Welt mit Ausnahme von ein paar lumpigen Straßen im Zentrum Berlins; aber die Fußballspieler, von denen wir über zwanzig Vereine in Berlin haben, Hausen heute schon auf den Feldern weit draußen zwischen den Vororten bei Treptow und Tegel und hinter Schöneberg, wo manchmal Ganswinds „blecherne Lerche" stotz ihre ersten hundert Meter zum Nordpol zurücklegt. Besser schon sind die Rudervereine daran, die Wasser in Hülle und Fülle um Berlin herum finden und sich zum Teil ganz stattliche Bootshäuser mit Erfrischungsräumen daneben gebaut haben. An diese Ueberschwemm- ungsgebiete wagt sich so leicht kein Bau-Unternehmer. Am unabhängigsten jedoch fühlen sich die Vereinter, die ihre Domänen in anderen Provinzen haben und in Berlin nur ein Beratungszimmer gebrauchen, tote der >,Harzklub", der „Alpenklub" und der „Riesengebirgs-Ver- etn". Das Berliner Bereinsleben treibt übrigens mannigfache und auch tounderliche Blüten. Wir haben unter den zahllosen Sportvereinen nicht nur Schneeschuhlauf- und Rennivolsklubs, sondern auch einen „Verein der Sammler von Z-garren-Wschnitten", einen „Klub der Linkhäuder" usw. Auch geschiedene Ehemänner haben sich zusammengetan, um ihre Erfahrungen auszutauschen, vielleicht auch Ehefrauen, doch konnte ich das nicht in Erfahrung bringen. Möglicherweise sind sie beteiligt bei dem „Verein zur Gewährung zinsfreier Darlehen für studierende Frauen". Ferner findet man die Taubstummen organisiert als Radfahrer, Schwimmer usw., sogar die Dickbüuche haben untereinander Anschluß gesucht, sollen aber noch immer nach einem Vereinsraum mit passender Eingangstür suchen. Bei der Namengebung hat der Berliner Humor sich gütlich getan, zumal in der Firmierung von Pfeifen-, Kegel- uud Skatklubs. Da findet man die „Qualmblase"' neben etlichen „Ratzenkönigen", „Blauen Zwiebeln" und „Btauer- brüdern". Am imponierendsten erschien mir der Name eines Radfahrervereins, der die Freuden dieses Sportes, das wonnige Hochgefühl des Stahlroßreiters, ganz wundervoll wiedergab. Er nannte sich poetisch-berlinisch: „Wie wennste schwebst!" Aber ich weiß nicht, ob seine Mitglieder nicht schon längst auseinander geschwebt sind. Ein „Verein der Nichtvereinler", den man vor kurzem geplant haben soll, und der von seinen Mitgliedern verlangte, daß sie keinen der verschiedenen Sport-, Spiel-, Gesaug- und anderen Vereine Berlins angehören dürsten, .konnte Sen Mangel an geeigneten Persönlichkeiten nicht ins in treten, tote ein Spötter behauptete. Der Deutsche ist nun einmal Vereinsmeier! — Nicht in einem Atem mit all diesen aus Vorstandssucht und Langeweile geborenen Kreisbilduugen zu nennen, sind unsere großen Kunswereinigungen, die auf ihren Gebieten eine Notwendigkeit bedeuten und sich durch die vornehme Pflege hoher Ziele den Dank aller Kunstfreunde erwerben. Und trotzdem spielt auch hier Gott Komos mitunter eine ganz niedliche Rolle. Davon verrate ich vielleicht dies und jenes ein andermal. A. R. Literarisches. — Lebendige Dreifüße. Die Ordnung der grasfressenden Beuteltiere umfaßt bloß eine Familie, die australischen Känguruhs, die nicht nur die typischsten Beutler, sondern zugleich auch in Europa die volkstümlichsten sind. Ihre Vorderbeine, die meist nur bei langsamem Gange als Bewegungsorgane dienen, sind kurz und schwach entwickelt; die hintere Hälfte ist durch die zum Springen eingerichteten langen, schweren Hinterbeine und den oft kolossal dicken Schwanz ganz unverhältnismäßig stärker gebaut. Die Känguruhs sitzen gern aufrecht, um zu „sichern" — wie man das bei den Hasen nennt, wenn sie „Männchen" oder „Kegel" machen, um Nase und Ohr nach etwaigen Feinden schnuppern oder lauschen zu lassen. Dabei stützen sich diese originellen Beutler dann aus die übrigens unbehaarten Unter- flächen ihrer langen Hinterfüße und auf das Ende ihres Schwanzes. So stellen sie, gleich den Springmäusen, dem Koboldmaki und manchen der ungeheuerlichen vorweltlichen Dinosaurier, lebendige Dreifüße dar, wie Professor Tr. W. Marshall in der soeben ausgegebenen 25. Lieferung seines volkstümlichen Prachtwerkes: „Die Tiere der Erde" (Stutt- gart, Deutsche Verlagsanstalt) hervorhebt. Diese vorzüglich geschriebene und hervorragend schön ausgestattete Tierkunde für jedermann enthält mehr als 1000 Abbildungen (darunter 25 Farbendrucktafeln), die ohne Ausnahme nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt wurden; sie erscheint in 50 Lieferungen zu je 60 Pfg. Tanschrätsel. Nachdruck verboten. Gran — Bonn — Rabe — Bann — Bein — Mann — Wald — Rind — Gau — Bier — Alm —Einband — Rost - Anker — Horn — Post - Zahl. Von jedem Wort ist durch Umtausch eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues bekanntes Hauptworts zu bilden und zwar derart, daß die neu eingefügten Buchstaben im Zusammenhang gelesen einen willkommenen Vorgang in der Natur bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in vor. Nr:. Harm — Arm. Redaktion: Angus! Götz. — Rotationsdruck und Berlaa der Brtilil'scheu llniversttäts-Vuch- und Stciudruckerei. N. Lauae. Eiesten.