MW MM W»W^^sArW W HW MK- (Nachdruck verboten.) Im Mtak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Mehrere Sekunden lang starrte auch er mich unbeweglich cm, als könne er seinen Augen nicht trauen. „Miß Ferrars? Ist es möglich!" stieß er endlich leise hervor. Und dann fügte er lauter hinzu: „Was um des Himmels willen führt Sie hierher?" „Ich befinde mich auf der Reise von Lohara nach der Station Tassi", begann ich zitternd. Cs wurde mir schwer, die Worte hervorzubringen, da der Atem mir tatsächlich einen Augenblick stockte. „Ich gehe in eine Stellung nach Punah." „Sie hätten diesen Weg zu keiner schlimmeren Zeit machen können, denn die Pest wütet in der ganzen Gegend. Ihnen kann ich wohl unbesorgt diese ernste, fürchterliche Wahrheit sagen, da Sie, wie ich weiß, gute Nerven haben." Mas wollte er damit sagen? Lag irgend eine höhnische Anspielung in seinen Worten verborgen? Doch letzt war keine Zeit, darüber zu grübeln. „Wir wollen ja gewiß gleich morgen in aller Frühe wieder abfahren, falls wir frische Ochsen bekommen können, denn die unserigen sind halb tot", antwortete ich demütig. „Und dann wäre ich so dankbar, wenn Sie mir ein wenig Milch für die Ajah verschaffen würden. Sie fühlt sich so sehr krank." „Krank?" Er griff sofort nach der Lampe. „Erlauben Sie, daß ich nach ihr sehe." Rasch- trat er ans Lager, hielt die Lampe in die Höhe und schaute der Ajah scharf prüfend ins Gesicht. Vom Lichte geblendet, blinzelte sie ihn an und 'murmelte stöhnend: „O Sahib, ich sehr krank. . . bald sterben." Ihre Augen hatten .einen angstvollen Ausdruck, die Stimme war verschleiert, die Zunge schwer. Mit einer Miene, als sei er ein Arzt von Beruf, befühlte Mr. Thorold ihre glühende Hand und dann den Puls. „Nur Mut, Ajah Jee!" sagte er auf hindostanisch. Hierauf trat er zum Tisch zurück, stellte die Lampe wieder zwischen uns und nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe: „Es ist ein Pestfall", flüsterte er mir zu. „Wissen Sie das gewiß? Sie sind doch kein Arzt?" „Rem, aber ich habe viel Erfahrung. Ich bin der Kommandant des Pestlagers." Sprachlos starrte ich! ihn an. „Warum sehen Sie so erstaunt aus?" „Ich glaubte. Sie seien Jurist." „Das bin ich auch. Mein wir Beamten in Indien "müssen alle an dem Orte zu helfen suchen, wo man uns gerade am notwendigsten braucht. Die Bevölkerung dieses Bezirkes hat sich durch die Seuche auf entsetzliche Weise vermindert, und da hat mich meine vorgesetzte Behörde! sozusagen „ausgeltehen"." „Haben Sie noch immer viel Kranke?" stammelte ich „Ach, fragen Sie mich danach lieber nicht! Immerhin' ist es doch schon etwas besser geworden. Mein es fehlt entsetzlich an Personal. Einer unserer Hilfsärzte liegt nun! auch, darnieder, und unsere Oberschwester starb am Montag."- Er warf einen Blick nach der Ajab hinüber und fuhr fort» „Ich werde Ihre Ajah sogleich auf einer Tragbahre! ins Krankenhaus bringen lassen. Wenn Sie Ihren Ochsenführer entbehren können, so ivill ich ihn mit einem Zettel fortschicken." Er zog Notizbuch und Bleistift hervor und begann zu schreiben. „Ich möchte so gern, daß Sie noch heute abend von hier fortkümen", sagte er dann, „und wäre es auch nur zwei oder drei Meilen weit. Sicherlich können Ihre Ochsen sich noch so weit schleppen?" Ich antwortete nicht, sondern nahm den Zettel aus seiner Hand, trat vor die Tür und rief in die Macht Hinaus: „Golab Sing ! Golab Sing! O Golab Sing!" Allein die einzige Antwort war der Schrei eines Nachtraben. „Warten Sie, ich will selbst gehen und ihn suchen. . . . Doch nein, es ist besser, ich überbringe die Botschaft selbst. Zugleich will ich Befehl geben, daß Ihre Tonga hierhergebracht wird, und sobald wir die Ajah fortgeschafft und Sie etwas gegessen haben, müssen Sie weiterfahren. So grausam und gewalttätig es auch erscheinen mag, Sie allein! in die Nacht hinauszuschicken, so liegen doch Kvingende Gründe dazu vor, und ich weiß, daß Sie eine tapfere junge Dame sind." So sprechend, suchte er ein Kerzenstümpfchen hervor, zündete es an und steckte es in eine Flasche, dann eilte er mit seiner Windlaterne fort. Müde setzte ich mich an den Tisch und wartete, wie mir schien, eine endlos lange Zeit. Doch waren wohl nicht mehr als zwanzig Minuten verflossen, als Mr. Thorold außer Atem wieder erschien. „Ter Bursche muß Verdacht geschöpft haben. Er ist durchgebrannt und zwar, was das schlimmste ist, mitsamt dem Wagen und den Ochsen, und ich! bin nicht in der Lage, ihn einholen zu lassen. Tas ist eine sehr schlimme Geschichte", fuhr er fort, indem er die Laterne niedersetzte und mich nachdenklich ansah. „Die Ajah kann ja leicht fortgebracht werden, was ich aber mit Ihnen anfangen soll, weiß ich wirklich! nicht." „Jedenfalls werde ich nicht allein hierbleiben", erklärte ich bestimmt. „Nein, das sollen Sie auch nicht; dieser Bungalow ist verseucht." „Ich dachte nicht an die Ansteckung; davor fürchte ich mich nicht, vielmehr aber vor Ratten. Wissen Sie ganz bestimmt, daß der Ochfenführer durchgegangen ist? Er ist einer von Mr. Evans' Dienern und sehr zuverlässig und ehrlich." 190 „Ehrlich! Jawohl, und geht mit einem Ochsenfuhrwerk durch! Uebrigens haben die Eingeborenen eine solch wahnsinnige Angst vor Pest und Cholera, daß auch her treueste Diener davor entflieht, ohne sich lange zu besinnen . . . Sehen Sie, dort drüben glimmt noch sein Feuer. Wahrscheinlich ist er ins Torf gegangen, um Oel und Mehl zu holen, und als er den Stand der Dinge merkte, ist er hierher zurückgekehrt und mit dem Fuhrwerk entflohen, ohne Ihnen ein Wort zu sagen. Daß er das Fuhrwerk mitgenommen hat, ist das allerschlimmste. Wie wollen Sie nun nach Dafsi kommen? Hier können Sie unmöglich bleiben." „Allerdings, und doch kann ich auch nicht fort. Das ist wirklich entsetzlich!" „Ich muß gesteben, es wundert wit&, daß Ihre Bekannten nicht Erkundigungen einzogen, ehe sie Sie diesen Weg einschlagen ließen." „Ach, es waren die besten, gütigsten Menschen, die es geben kann", antwortete ich warm. „Mrs. Evans starb vor acht Tagen, und ihr Mann mußte nach England reisen, und trotz seines schweren Kummers dachte er an mich und gab mir seine Ajah, seine Tonga und seinen Kutscher zur Begleitung mit." „Und nun h at die Ai ah, dieses arme Ding, die Pest! Wohnten Sie lange bei dieser Familie?" „Zehn Monate. Die ganze Zeit, seit. . ." Errötend hielt ich inne. „Seitdem ich Sie zuletzt sah", fuhr er unerschütterlich fort. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen", erklärte ich plötzlich „Nehmen Sie mich mit in Ihr Lager und übertragen Sie mir den freigewordenen Posten der Krankenpflegerin." „Ein mutiges Anerbieten, das muß ich sagen, aber natürlich vollständig unannehmbar." „Warum denn unannehmbar? Jedenfalls verlange ich, daß man mich die Ajah pflegen läßt, denn sie ist meiner Obhut anvertraut. Uebrigens habe ich schon oft gehört und gelesen, daß Europäer nicht so leicht angesteckt werden, und. . ." „Miß Smith war eine Europäerin", unterbrach er mich,; „eine Engländerin wie Sie." „Der Blitz schlägt nicht zweimal auf dieselbe Stelle", antwortete ich zuversichtlich „Ich möchte sehr gern Miß Smiths Stelle einnehmen. Ich bin jung, gesund, willig und verstehe wenigstens etwas von der Krankenpflege." „Und wenn Sie nun die Pest bekommen?" gab er finster zurück. „Nein, ich kann die Verantwortung nicht auf mich nebmen. Sie müssen unbedingt von hier fort." Seine Stimme nahm einen fast befehlenden Ton an. „Andere bekommen die Pest doch auch nicht: Sie zum Beispiel", widersprach ich mit erzwungener Ruhe. Nun wandte er sich mir plötzlich ganz zu und sah mich scharf an. „Miß Ferrars, Sie wissen nicht, was Sie verlangen. Sie haben nicht den leisesten Begriff von all dem Entsetzlichen, was Sie hier zu sehen bekämen, von der schweren Arbeit und der fortgesetzten Nervenspannung und Aufregung, der Sie ausgesetzt wären. Sie sind an solche schreckliche Bilder nicht gewöhnt. . . Nein, nein, davon kann keine Rede sein", schloß er entschieden ablehnend. „Vor dem, was andere Leute aushalten müssen, scheue auch ich nicht zurück. Hier bietet sdch mir Gelegenheit, Gutes zu tun und mich nützlich zu machen; meine Gegenwart ist wünschenswert. . ." „Sie werden aber nicht gewünscht", entgegnete er ungeduldig. „Mcht von Mr. Thorold, aber von leidenden, unglück- ichen Menschen. Sie sagten ja vorhin selbst, daß es Ihnen o sehr an Personal mangele. Hier ist der richtige Platz ür mich, und ich werde ihn mir nicht rauben lassen." „Wenn ich nun aber meine Einwilligung nicht gebe?" antwortete er kalt. „Aus Ihr Gewissen hin frage ich Sie: haben Sie das Recht ,meine Dienste zurückzuweifen? Mcht Ihre persön- lichen Vorurteile dürfen hier in Betracht kommen, sondern die Bedürfnisse jener armen Geschöpfe." „Nicht nur das Wohl der Kranken, sondern auch! das Ihrige habe ich zu bedenken. Miß Ferrars. Sie, ein Mädchen, das wohlbehütet im Hause seiner Verwandten in England aufgewachsen ist, verlangen von mir. daß ich Ihnen erlaube, Ihr junges Leben in die Grxuel und Gefahren eines Pestlagers zu stürzen, aus dem Sie gealtert und traurigen, bedrückten Herzens wieder hervorgehen würden?" „Gar so sehr altern werde ich in den paar Monaten doch wohl nicht", widersprach ich fast spöttisch. „Und wie ist es mit Ihrer Stellung in Punah? Glauben Sie, daß einer Dame viel daran liegen -wird, eine Gesellschafterin bei sich aufzunehmen, die aus einem Pestkranren- hause kommt?" „Es ist ja gewiß sehr freundlich von Ihnen, sich um meine Angelegenheiten zu bekümmern, warum machen Sie aber mit mir, der Ihnen gänzlich Fremden, so viele Umstände?" „Weil es meine Pflicyt ist und . . . weil ich nicht anders kann", lautete oie freimütige Antwort. „Nein, Sie können allerdings nicht anders!" entgegnete ich triumphierend. „Sie müssen mich ins Lager aufnehmen und mir für eine Beschäftigung sorgen". Ich schwieg einen Augenblick, dann fuhr ich immer eindringlicher fort: „Sie haben wirklich kein Recht, mein Anerbieten abzulehnen. Fortschicken können Sie mich nicht, und ebensowenig mich hier allein bei den Ratten und ohne Nahrung zurücklassen. Sie müssen doch selbst einsehen, mir bleibt nichts anderes übrig als das Lager." „Ja, ich sehe ein, daß mit Ihnen nicht zu rechten ist, und daß Sie entschlossen sind, Ihren Willen durchzusetzen! Folgen Sie also Ihrem Kopfe. Sie müssen sich dann aber impfen lassen . . ." „Natürlich! Sechsmal, wenn Sie wollen", lautete meine kühne Antwort. „Sie werden im Frauenspital angestellt werden. Tas Essen ist derb und einfach, die Arbeitsstunden sind lang und schwer. Zudem werden Sie die Tyrannei unseres Apothekers zu fühlen bekommen." „Es ist gut, daß Sie mir dies alles sagen, Jin übrigen erwarte ich natürlich keinen Luxus; ich bin auf alles gefaßt." „Auch die Pest können Sie bekommen und sterben." „Menn das der Fall sein sollte, so sterbe ich wenigstens für eine gute Sache!" entgegnete ich stolz. „Ich stehe allein aus der Welt. Mein Leben hat für niemand Mert; ich habe weder Eltern noch nahe Verwandte. Niemand würde mich betrauern, und überdies bin ich alt genug, einen selbständigen Entschluß zu fassen. Ich habe mich nur vor meinem eigenen Gewissen zu verantworten." „Sie sind in der Tat eine selbständige, entschlossene, junge Dame. Wenn aber aucb sonst niemand etwas daran liegen sollte, mir wenigstens ist es nicht gleichgiltig, ob Sie sterben oder nicht." Hochmütig sah ich ihn an. Sollte er es wagen, unter diesen ernsten Umständen mit mir zu scherzen? Endlich sagte ich: „Bitte, suchen Sie nicht mit Gewalt Schwierigkeiten hervor, da es nun doch einmal mein Wunsch ist, mich nützlich zu machen. Ich bin kräftig und habe den besten Millen. Während der letzten Monate habe ich häufig meine Freundin, Mrs. Evans, gepflegt; die Ajah könnte für mich sprechen." „Tas kann sie jetzt nicht einmal für sich selbst. Es ist ein ernster Fall. Wenn Sie eine Geschwulst hinter den Ohren entdecken, so ist das stets ein schlimmes Zeichen" „Und was für Mittel wenden Sie an?" „Frische Luft, gute Nahrung, Wärme und Wasseranwendungen und sorgfältigste Pflege. Mehr können wir nicht tun. Tie Eingeborenen freilich glauben die Krankheit mit nächtlichen Prozessionen oder einem wütenden Ritt auf einem Büffel zu besiegen. . . Doch hier kommt endlich die Tragbahre", fügte er hinzu, als wir ein Licht sahen und gedämpfte Stimmen in der Nähe vernahmen. Noch hatte er kaum zu Ende gesprochen, als die Tragbahre ins Zimmer gebracht und auf den Boden niedergestellt wurde, worauf die Träger und Mr. Thorold die Ajah in die Höhe hoben, während ich die Kissen und Decken in Ordnung brachte und ihr versicherte, daß ich sie nicht verlassen werde. Sie lag jedoch in tiefer Betäubung und verstand meine Worte wohl kaum. Nachdem die Männer dann mit ihrer Last in der Tunkelheit verschwunden waren, wandte sich Mr. Thorold wieder zu mir. „Tas Lager ist zwei Meilen von hier entsernt. Können Sie so weit zu Fuß gehen, oder wollen Sie sich! auf mein Pferd setzen; W ist müde und ganz sicher." xvl — „Nein, ich danke; ich kann sehr gut gehen", antwortete ich kurz. „Mas Ihr Gepäck anbelangt", fuhr er, sich um- schauend, fort, „so werde ich die kleineren Stücke nachher holen lassen. Tie großen Koffer können hier bleiben; sie stehen hier vollständig sicher, da niemand dieses Haus betritt, seitdem der letzte Hausverwalter gestorben ist. Kommen Sie jetzt, bitte." Und indem er mit der einen Hand sein Pferd führte und mit der anderen die Laterne trug, machten wir uns, den Krankenträgern folgend, auf den Weg. Es sah aus, als gingen wir in einem Leichenzuge. Ter Mond schien nicht, dagegen war der violette Himmel mit Sternen übersäet. „Mein Stern ist jedenfalls jetzt nicht im Steigen", sagte ich zu mir selbst, als ich vom tankelnden Firmament auf den rauhen Pfad niederschaute. Ta befand ich mich nun in der Gesellschaft gerade des Mannes, dem ich vor allen andern aus dem Wege zu geben wünschte, und folgte ihm in Ermangelung eines andern Obdaches in ein Pestlager! Hin und wieder nur unterbrach er unser Schweigen mit einer kurzen Bemerkung oder Frage. „Es ist ein unangenehmes Gehen hier im Tunkeln, und wie unwirtlich wird Ihnen erst dort alles erscheinen". Er zeigte auf die in Sicht kommenden dunkeln Umrisse niedriger Hütten. „Mrs. Manuel, die Frauenärztin, wird sich Ihrer annehmen, auch können Sie die Mahlzeiten zusammen einnehmen. Sie ist eine Eurasierin, denn ihre Mutter war eine Jndierin. Tas wird Ihnen hoffentlich Nicht unangenehm sein?" „Richt im geringsten". „Sie ist eine kluge, gewandte Frau. Ta sie jedoch von kleiner und unscheinbarer Gestalt ist, so hat sie wenig Autorität über ihre Untergebenen, während diese an einer Engländerin stets emporsehen. Sie werden also die Autorität, jene die Erfahrung für sich haben. Sie müssen eben sehen, wie Sie sich am besten miteinander zurechtfinden." „Ich werde mein Möglichstes tun. Ist sie der einzige Arzt in diesem großen Lager?" Tenn beim Näherkommen sah ich, daß es die Ausdehnung einer Stadt hatte. Lichter schimmerten, Stimmen wurden laut, und die Luft war vom Geruch scharfer Tesinfektionsmittel erfüllt. „O nein, wir haben einen vorzüglichen indischen Arzt, der jedoch die Jrauenabteilung nicht zu betreten wagt; überdies hat er schon alle Hände voll zu tun. Tagegen ist bei den Frauen ein Apotheker, namens Erasmus, der dort die Ordnung aufrecht erhält. Sehen Sie, dort, wo die Tragbahre niedergestellt wird, ist sein Reiche Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre und ich wenigstens ein Paar dürre Ochsen und einen elenden Karren hätte auftreiben können, so würde Ihr Fuß Yellagode niemals betreten haben. Mittlerweile waren wir vor eine offene Türe gekommen, aus der ein Lichtstrahl fiel und auf deren Schwelle ein wohlbeleibter, grauhaariger Eurasier in Mütze und' Hemdärmeln stand. Er war augenscheinlich bei seiner Mahlzeit gestört worden, denn mit noch vollem Munde schrie er in erregtem Tone heraus: „Ist die Krankenschwester aus Bombay gekommen?" „Nein, Erasmus, es ist eine freiwillige Pflegerin", antwortete mein Führer. „Ihre Ajah ist oben im Postbungalow erkrankt; dort wird sie eben gebracht." Er zeigte aus die Tragbahre. „Miß Ferrars aber hat ihre Tienste bet der Pflege der Frauen und Kinder angetragen." „Hm, hm." Noch^ ganz von seiner Enttäuschung erfüllt, musterte er mich so mißtrauisch-, daß ich meines ganzen Mutes bedurfte, um seinen scharfen Blicken standzuhalten. „Haben Sie Erfahrung?" fragte er barsch. „Nein, aber den besten Willen." „Verschiedene Leute wünschen Sie zu sprechen, Mr. Tho- rold", fuhr Erasmus fort. „Lauter dringende Angelegenheiten." „Gut, gut, dann überlasse ich diese Tame also jetzt Ihrer Obhut. Sie muß sofort geimpft werden und etwas zu essen bekommen. Brtten Sie Mrs. Manuel, daß sie sich ihrer annimmt. Gute Nacht, Miß Ferrars. Ihre Sachen werde ich sogleich hierherbringen lassen." Mr. Thorold zog die Mütze und eilte Hinweg. (Fortsetzung folgt.) Verkannte Genies- Von Josepha Metz. (Nachdruck verboten:) (Schluß,) Wie köstlich der feuchtwarme, herbe Erdgeruch und die goldene Sonne. Wie eine Mutter schlägt sie den warmen Strahlenmantel um ihr Erdenkind, daß es aufjauchzt in schimmernden Blüten. Das Mädchen wirft den Kopf in den Nacken und atmet' tief auf. Wie die Vögelchen trillern und dann wieder so heimlich zwitschern, als hätten sie sich, wer weiß was für große Geheimnisse anzuvertrauen. Und gar erst die Kinder, wie die auf dem Spielplatz lachen, man kann es kaum aushalten. Wenn es einem nicht wirklich o ernst wäre mit der Kunst und einem das abscheulich chwere Zeichnen nicht wirklrch, so viel Freude machte — o einmal auf den Kinderspielplatz hinüberlaufeu und chnell mal das süße, blonde Zwillingspaar abküssen, das eben Morgen da spielt. — Aber so was tut man ebech nicht, die Kunst fordert Opfer und man kann sich nicht früh genug tat Entsagen üben, wenn man den dornenvollen Weg zur Höhe hinauf will. — Herrlich- sich so durchs- zukämpfen und dann dort oben zu stehen, königlich-huldvoll Rosen und Lorbeer entgegenzunehmen von der Welt, die einen so lange verkannt hat. — Ach- wenn nur erst die langweilige Handelsschule mit der doppelten Buchführung und all den uninteressanten Dingen überwunden wäre, das hemmt sie alles nur in ihrem sreien Aufstieg. — Hätte gi doch wenigstens Kindergärtnerin werden dürfen, aber Utter meint, die Kinder würden niemals Respekt vor ihr haben, Respest, bei dem Worte muß sie immer an etwas langes, ödes, graues denken. Respekt, — als ob der nötig wäre; mit Liebe kann man viel mehr erreichen. — Liebe. — Ob sie wohl je tat Leben die richtige Liebe kennen'lernt? Hübsch ist sie, das weiß sie wohl, hat es oft genug gehört; wenn sie nur nicht so klein wäre. Immer hetßt es: „Hüb- cher Käfer, niedliches Mädel, wenn das mal ausgewachsen ft" — und, ausgewachsen ist sie nun bald. Ein Martyrium t diese Kleinheit, wenn man dabei eine Natur hat, wie te. Keiner nimmt sie ernst, alle denken, sie sei noch; ein Kind. Wer das nicht kennt, kann sich gar nicht vorstellen, wie schrecklich das ist — Die Schwestern sind alle so groß. Else wird sich wohl nun mit Herrn Kühl verloben, er hat eine gute Stellung, aber sonst — sie würde ihn nicht nehmen, so einen Mann, der für nichts Interesse hat, er ist noch nicht einmal in der Nationalgalerie gewesen. Für Mutter ist es gut, die wird dann eine los; blieben zwar immer noch genug: Lotte, Mieze, Lilly und sie selbst. Ach, bis die Liebe zu ihr kommt, kann sie noch manches Hauptbuch vollschreiben. Das heißt — die Liebe könnte ja auch "ial außer der Reihe gehen, vielleicht kommt sie eher zu. als zu Lotte, Mieze. — Ach, dann würden die andern doch nur lachen, und so über alles erstaunt sagen: „Was, das Kind wollen Sie heiraten, Herr so und so?" — Wenn sie zu Hause wenigstens ihre künstlerische Begabung anerkennen wollten, ccher die ließen sie gar nicht gelten. Sie durfte sich nur heimlich mit ihrer Kunst befassen, wie ein Kind mit einem verbotenen Spielzeug. Doch nur nicht den Mut verlieren, ihr Talent wird sich schon Bahn brechen, und dann ist es noch viel schöner, wenn sie sich alles elbst zu verdanken hat. „Self made-Künstlerin" steht dann päter in ihrer Biographie, und: „Sie opferte ihren Morgcn- chlaf, um sich früh, bevor sie zur Handelsschule ging, in >en Tiergarten zu schleichen und dort nach ber Natur zu zeichnen. Ohne Unterricht ist sie weit hinauf nein, hat sie sich so weit empor — na, das ist ja Sache -ihres Bw- graphen. — Himmel, wie sehen ihre Bäume aus, die sind nur noch windschiefer geworden, das kommt davon, wenn man in den hellen Tag hineinträumt. — Sie läßt das Skizzenbuch sinken, fährt mit o.a Hand über die glühende Stirn, stretcht ein Löckchen, das über dem Ohr herabhängt, zurück und seufzt tief auf. Mitten int Seufzen hält sie erschreckt inne und blinzelt zu dem Dichter hinüber, den sie beinahe vergessen hätte. Dieser blickt so selig lächelnd auf ein vom Spielplatz verirrtes Butterbrotpapier herab, als ob es zum mindesten das große Los wäre. Ten Schreibblock hält er so, daß sie ein Paar Zeile; entziffern kann r ----purpurn mir winken E-: — — Arme breite ich weit, weit tr--- — ew'ge All au meine Brust zu dtüchen. — — 192 „Doll das ein Glicht sein? Es reimt sich ja gar nicht." Tas hat sie in Gedanken Laut vor sich hingesagt. Er fährt zusammen und steht sie fragend an: „Sie meinen?" „Ach", stottert sie verlegen, „ich — ich stenographiere nämlich auch, ja, ganz dieselbe Methode." Er lächelt sie verträumt an. „Sie stenographieren Ihre Dichtungen auch?'" „Nein, nein", da muß sie doch wirklich lachen. „Dichten kann ich nicht, auch nicht die Spar, nur stenographieren." „Ah so." „Aber Sie, Sie sind ein Dichter, nicht wahr?" fragte sie beinahe ehrfurchtsvoll. Einen Augenblick überlegte er,. „Eigentlich — ja." „Dichten Sie Viel?" Sie ist etwas unsicher, sie weiß nicht so recht, wie man mit einem Dichter umzugehen hat. „Ich bin oft in Stimmung und skizziere dann meine Empfindungen, aber ich führe wenig ans, dabei geht so viel Feines verloren. Die Skizze ist ja überhaupt das einzig Mahre, ebenso, wie in der Malerei." Sie nickt eifrig mit dem Kopf — „man sollte eigentlich niemals über die Skizze hinausgehen, das Geleistete steht doch immer hinter dem Gewollten zurück, wenigstens bet Staturen, wie ich bin, die gleichsam ich weiß nicht, ob Sie mir da folgen können."-- „O, ich verstehe ganz gut, was Sie meinen, bei mir ist es auch so ähnlich, ich will mich natürlich nicht mit Ihnen vergleichen, aber — sehen Sie — in Gedanken da mal' ich immer die herrlichsten Bilder, und wenn's nachher .... Sie macht eine Handbewegung nach ihrer Baumgruppe hin. „Aber Wenns' auch nicht immer gleich was wird, man weiß doch, daß man es kann, daß es in einem ist und eines Tages schon zum Vorschein kommt, das Große, Herrliche, vor dem sich alle beugen müssen. Zu Haus nennen sie mich „das verkannte Genie", früher hab' ich mich schrecklich darüber geärgert, afber jetzt lach' ich nur in mich hinein und denke mir mein Teil. Die Hauptsache ist doch, daß man selbst an sich glaubt und sich auf seine Kraft verläßt; meinen Sie nicht auch?" Er sieht sie ganz erstaunt an und vergißt, zu antworten. Sie hat eine verwandte Saite in seinem Innern berührt, denn, was die Kleine da in ihrer naiven Ausdrucksweise schildert, hat er auch alles gedacht, gefühlt und erfahren. Nennen sie chn daheim nicht auch „Goethe in Taschenausgabe" und heißt er bet den Kollegen nicht der „Unterdichter"? Ja, auch er wird verhöhnt, verspottet, und verkannt, und auch in seine Not hinein leuchtet das verheißungsvolle „eines Tages". Aber was weiß schließlich so ein junges Mädchen von wirklichen Kämpfen, wie er sie zu bestehen hat, und wogegen all das andere nur Nadelstiche sind. So am Seziertisch stehen in einer ekelhaften Atmosphäre, die Hände blutbefleckt, die Gedanken in leuchtender Ferne, und dann sich zusammennehmen, die Lunten Träume aus dem Gehirn jagen müssen, kühl überlegen, scharfdenken, aufmerken und Wissen einpumpen, damit die Maschine einmal selbständig durchs Leben laufen kann, durch den grämlich-grauen Alltag hin, bis zur Endstation des großen Nichts. So eine Dichterseele war für den Weg durch Leben eigentlich nur ein Ballast. — Gewiß, dichten durfte er schon, aber dann sollte er auch was ordentliches schreiben: nette, lustige Gedichte oder ulkige Prosa für Bierzeitungen und dergl., alles andere war Quark. Er hatte extra stenographieren gelernt, damit sie ihm nicht so ohne weiteres in sein Heiligstes hineintappten. Lieber alles in sich verschließen, den Most im Dunkeln sich in edlen Wein verwandeln lassen, unerkannt bleiben bis zu dem Tage--- Tas junge Mädchen an seiner Seite räuspert sich, er ieht sie an, sie schlägt errötend die Augen nieder. Was ie wohl hat? — Tas scheint auch so eine zarte Seele, >ie wrüde gewiß Verständnis für ihn haben. — Sie beißt auf ihrem Bleistift herum, und sieht den jungen Dichter mit einem fragend-bittenden Blicke an. „Ach, würden Sie nicht so freundlich! sein, — ich meine — ich interessiere mich nämlich so furchtbar für Poesie — wenn es nicht so unbescheiden wäre, — so möchte ich gern wissen, was Sie da geschrieben haben", kommt sie seinen geheimsten Wünschen entgegen. Er kann es kaum fassen. also wirklich ein Miensch verlangt Nach seinen Geistes- werken. Beglückt lächelt er sie an, zieht aber dann gleich darauf weltschmerzlich die Mundwinkel wieder herab, wie sich das für einen modernen Lyriker geziemt. „Eigentlich lese ich meine Stimmnngsstudien nie tior# wenn es Ihnen jedoch Freude macht — ich bemerke aber im voraus, daß es eben nur Andeutungen, nur-- „O, das macht nichts, bitte, bitte, lesen Sie." Ta kann er natürlich nicht widerstehen. Er hustet ein paarmal, hohl und dumpf, gleichsam zur Staffage, macht nervös die große Geberde nach der fehlenden Stirnlocke hin^ preßt die Ham> gegen das klopfende Herz und beginnt mit müde schleppender Stimme: Sonnengeflirr, zitternder Schatten Tanz — Hinweggenißt vom goldenen Strahlenmund Tas mächt'ge Schwarz, des Dämmers ödes Gran ? Zn meiner Seele wächst ein Frühlingsbaum; Zn seinen blühenden Zweigen Frohlocken tausend Vogelkehlen — . . $ Um mich träumt Morgenstille. Von blauen Augen leuchtend durchwacht r-- Sonnenfunken spielen kosend In braunen, duftenden Haarwellen — Ter Wind wiegt die Bäume, Sie neigen sich „Ihrer" jungen Herrlichkeit, t— Und ich?--- ' Tie tausend jauchzenden Vogellieder Aus den Zweigen meines Frühlingsbaumes Quellen über meine Lippen Und durchklingen die leuchtende Weite — Ich aber trinke den Tau köstlicher Rosen, Tie purpurn mir entgegen glühn — Meine Arme breite ich weit, weit Das ewige All an meine Brust zu drücken.-- Seine Wangen glühen, die Augen strahlen, und die Stimme, die den müden Ton fallen gelassen hatte, erklang znm Schluß jugendlich begeistert, denn er hat sich an seiner eigenen Schöpfung berauscht. Jetzt sieht er verlegen seine Gefährtin an. Sie ist ein wenig verwirrt, verstanden hat sie das alles wohl, und gefallen hat es ihr auch, außerordentlich gut sogar, aber — nun, er hat es ja vorhergesagt. — Die blauen Augen und die duftenden, braunen Haarwellen bezogen sich natürlich auf sie, doch ob die roten Rosen das wäre eigentlich ein bischen — nein, dazu hat er kein Recht, dieser fremde, junge Mann — aber schön war's doch, so zart und poetisch, wenngleich es sich nicht reimte. Er hat ohne Zweifel riesig viel Talent. — „ „Ich danke Ihnen", sagt sie herzlich und greift schüchtern nach seiner Hand, „es war wundervoll." Er ist wie im Traum. Ein Mensch, der ihm für seine Verse dankt, sie wundervoll nennt. — Das ist kein kleines Mädchen, kein halbes Kind mehr, es ist ein tief empfindendes Weib, das, wie er, den göttlichen Funken in der Brust trägt. Auch sie wird den Weg hinauffinden, wenn ihre Bäume auch heute noch nicht ganz gerade stehen; sie wird sich durchringen, durchkämpfen, das liest er in ihren leuchtenden Augen, hört es aus dem Klang ihrer hellen Stimme. Und dann werden sie sich vielleicht eines Tages wiederfinden, dort oben an den singenden Quellen unter den Lorbeerbäumen. _.L_: ............i ■ Festrittsel. Nachdruck verboten. Du Glanz von Himmelshöhen, Weckst neue Hoffnungslust. Auch hab' ich Dich gesehen Auf mancher Menschenbrust. Davor, was sie entringet, Dem Mund in Lust und Leid. Das holde Ganze bringet Uns weihevolle Zeit Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r Karfreitag. Redaktion; August Göb. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu llniversttiitS-Buch- und Cteindrnckerei. R. Lange, Gießen