Samstag den 30. Januar -M (Nachdruck verboten.) Wlla Jalconreri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Ist das nicht artig von Deiner niedlichen Viviane, daß sie alle ihre Sünden zu Dir trägt? Ich sage Dir: meine Sünden werden einstmals Legion sein. Doch Du bist ein Meer von Erbarmen. Ich will sündigen, damit Tu Dich üben kannst, barmherzig zu sein. * Uebrigens hat Deine „Unverbesserliche"" nicht einmal mit den Wimpern gezuckt, als wir schon jetzt, beinahe mitten im Winter, in Villeggiatur gingen: „aus Rücksichten für meine stark angegriffene Gesundheit". Ich huste nämlich seit Ende des Karnevals und färbte mitunter das Taschentuch mit einem höchst interessanten Rot. Mein tief besorgter Gatte bestand darauf, mich in meine ländliche Verbannung zu begleiten. Tu siehst, wir können auch ritterlich sein. Zum Glück liegt die Villa Taverna nur eine Viertelstunde von Frascati; und Frascati mit der Bahn nur fünfundvierzig Minuten von Rom. Mein tief besorgter Gatte kann also bequem in einem gewissen, entzückend möblierten Villino vor der Porta Pia soupieren und sich am nächsten Tage beim Lunch nach meinem Befinden erkundigen. Auch beginnt schon im April, gleich nach den Rennen bei den Capannelle, die Wachteljagd. Mas mich betrifft, so will meine Kammerfrau, für die ich — trotzdem sie eine echte Pariserin ist — beinahe eine Heldin bin, einige neue Frisuren probieren. Also ist hier draußen auch für meine Zerstreuung hinreichend gesorgt. * Ob ich lese? O ja! Mas ich lese? Natürlich Romane! Französische Romane — natürlich! Könnte eine Mondaine überhaupt etwas anderes lesen? Ich habe bei meiner Lektüre eine interessante Entdeckung gemacht: Mir Ehefrauen der großen Welt sind lediglich deshalb verheiratet worden, um früher oder später die Ehe zu brechen. Es kommt nur darauf an, mit wem? Und das ergibt gewöhnlich ein Zufall. Sollten wir jedoch das Unglück haben, plötzlich unser Herz zu entdecken und einen andern Mann von ganzem Herzen zu lieben — was sage ich? Einen andern Mann anzubeten, für ihn zu verderben und zu sterben, so nützt uns — jetzt gib wohl acht! — so nützt uns, damit wir wieder geliebt werden und womöglich wieder geliebt bleiben, weder unsere Schönheit, nocb unsere Güte; weder unsere Empfindung, noch unsere Liebesgewalt. Nicht das allergeringste nützen sie uns! Tenn dergleichen sind für den modernen Mann Empfindsamkeiten, Geschmacklosigkeiten, Unbequemlichkeiten. Aber — Tu gibst doch gut acht? — der von uns geliebte Mann wird uns wieder lieben, wird uns „ewig" lieben, uns endlos begehrenswert finden, wenn — wir die Kunst, zu lieben, verstehen: l'art de l'amour! Ich muß es wirklich französisch sagen . . . Auf unsere Kaprizen kommt es an, auf unsere Koketterien, auf unsere kleinen und großen Raffinements. Lediglich darauf! Nicht unsere Anmut und unser Geist sind maßgebend; sondern der Esprit, mit dem wir Konversation machen, die Grazie, mit der wir in unserem Salon empfangen. Bist Tu nichts anderes, als eine liebenswürdige und dabei anständige Frau, so wirst Tu in diesem Liebeskampfe rettungslos verloren sein; siegen darin wirst Tu mit Hilfe Teiner exquisiten Parfüms, Deiner faszinierenden Negliges, Deines ganzen perfekten — oder perversen Chic." Ob wir eine schwarze oder blaßrote Corsage tragen, kann unser Schicksal entscheiden; und die Art, mit der wir durch einen Salon schreiten, unsere Handschuhe knöpfen, unseren Fächer hinlegen, uns in einen Fauteuil schmiegen, kann uns unter Umständen den Geliebten erhalten, oder uns um ihn bringen. Glaubst Tu mir nicht, so frage bei den Franzosen an: sie wissen Bescheid. Sie kennen die Männer und — helas! — sie kennen uns Frauen. Kennen sie uns wirklich? Tina, ach Dina! Wenn sie uns wirklich kennen sollten, wenn wir wirklich so sind, wie sie uns schildern — so müssen sie uns verachten. Wir werden es nicht besser verdienen. * Gestrenge holdselige Beichtmutter — jeden Tag mache ich Tir meine kleine herzige Konfession; und am Ende der Woche packe ich meine ganze irdische Sündhafigkeit fein säuberlich zusammen, kuvertiere und adressiere sie zierlich, drücke mein wunderhübsches Siegel darauf und schicke den ganzen reizenden Pack Weltlichkeit, als kostbares Gut rekommandiert, der Herzogin Vere de Vere nach London. Und ist der dicke, dicke Brief glücklich auf der Post, fühle ich mich aller Sünden los und ledig; denn: Tu absolvierst mich gewiß! Gefällt Tir mein neues breites Schreibpapier: couleur mauve, mit der Lebensdevise in mattem Taubengrau: „Nichts lieben — nichts glauben!" Und findest Tu die Idee der Kamee auf meinem Siegelring: „Amor mit einem Totenschädel spielend", nicht geradezu allerliebst?! — 82 Mas sagst Tu zu meinem letzten Parfüm? Es wird in Paris eigens für mich destilliert und darf nicht in den Handel kommen, was mir, en Parenthese, ein Vermögen kostet. Ich lasse den märchenhaften Tust nach einem alten Rezept herstellen, ivelches ein blutjunger Gelehrter, der so weise ist, Seine kleine unbedeutende Biviane sinnverwirrend reizend zu finden, in der Vatikanischen Bibliothek aufgestöbert hat. Es soll das Haarwasser der Luerezta Borgia geiuefen fein. Ist das nicht pikant? Tir jeden Tag meine bescheidene, aber wahrhaftige Konfession zu machen, ist mir hier auf dem Laude bereits so zur Gewohnheit geworden, wie dies in Rom meine tagtägliche Korso fahrt war. Auch die Weltlichste von uns muß auf der Welt wenigstens einen — einen Menschen haben, vor dem wir unsere Seele entkleiden können: Hülle für Hülle, Schleier auf Schleier, bis wir zuletzt dastehen, nackt und bloß, ohne Schande und Scham, so schön oder so häßlich, wie der Himmel uns schuf. Uebrigens möchte ich mich selbst in diesem tiefsten döshabillö nicht sehen. Tenn trotz all' Deiner Moralpredigten ahnst Du nämlich noch immer nicht, was für ein ungeheuerliches winziges Mesen ich bin.. Es liegt etwas in mir! Vielleicht etwas sehr Hohes und Herzliches — könnte Vieser oder jener meinen, vielleicht etwas sehr Schlimmes und Schreckliches — meine ich selbst. Tenn ich selbst werde mir mehr und mehr bewußt, daß ich — aus Neugierde etwa — fähig wäre, irgend eine Untat zu verüben. Ich will Dir von meiner Frivolität ein Beispiel geben. Stelle Tir vor: ich hätte einen Menschen unsinnig lieb; und dieser Mensch stürbe; und ich wäre bei seinem Begräbnis halb von Sinnen, ganz in Verzweiflung. Und an der Leiche dieses beliebtesten aller Menschen fiele mir plötzlich etwas sehr Komisches ein. Ich bin heilig überzeugt, daß ich laut auflachen würde. Vielleicht nehme ich tags darauf Gift — vielleicht! Aber laut auflachen wurde ich trotzdem. Ist das verbrecherisch, oder ist das einfach verrückt? Ich wünschte, ich könnte Messen lesen lassen aus Dankbarkeit gegen den Himmel, weil ich keine Kinder habe und weil ich meinen Mann verachte. Es möchte sonst einmal fürchterliche mit mir !cerben. Vielleicht besitze ich gar kein Talent zur Liebe, oder zur Leidenschaft. Und Talent muß der Mensch zu allem haben — selbst zum Glück... Es würde mich grausen, Entsetzen toüwe mich packen, sollte ich bei mir plötzliche ein Talent zu einer dieser merkwürdigen Empfindungen entdecken müssen: so, wie ich nun einmal bin! uns wie Dir Eben darum will ich nichts lieben, nichts glauben. Ich will nicht! Ich habe solche Angst, weil ich mich kenne und wiederum ganz und gar nicht kenne. Es ist so unheimlich. Ich fürchte mich vor mir selbst, als Ware ich mein eigenes Gespenst. Tu- willst „alles" über die Villa Taverna hören? . . . Ich versichere Dich: immer! Ich möchte mein Haus so einrichten, genau so, ich in meiner geheimsten Seele bin, die ich weit vor ausschließe — soweit ich eben kann. Ist es nicht vollständig einerlei, wo wir leben? Was bedeutet eine Wohmmg, wenn wir doch immer in selbst bleiben müssen? Vermutlich würde es dann sonderbar bei mir aussehen; und meine strenge sittsame Madame Charme würde über so viel „Raffinement" bedenklich ihr schönes Haupt schütteln. Stosse müßten mich umschimmern, Farben mich umlodern, die — wie könnte ich's nur ausdrücken, damit Tu mich verstehst? ... Es müßte wie Musik sein, wie leise, süße, weiche, alle Sinne bestrickende, wollüstige Musik. T »zwischen grelle Mißtöne, Seufzer, Schluchzen, ein schriller Jammerlaut — Alles um mich müßte sein wie der Tust einer exotischen Murner schwer, schwül, betäubend, berauschend, sinnverwirrend, eine brausende Symphonie giftiger Wohlgerüche. Um nun wieder in die Welt der Wirklichkeiten zuriick- zukehren, so höre hier einiges über die Villa Taverna- Borghese bei Frascati, zwölf Meilen von Rom. Es ist ein altes, häßliches, kastenförmiges, jedoch „historisches" Gebäude; denn irgend ein berühmter Kardinal aus dem sechzehnten Jahrhundert hat das Landhaus gebaut und irgend ein großer Papst aus der Familie Borghese hat es bewohnt. Es gibt, glaube ich, nur einen Borghese, der Papst war? Du weißt, wie ungebildet wir Römerinnen sind. Tas Haus ist ein Durcheinander von Hallen, Zimmern, Sälen und Korridoren; und ein halbes Dutzend amerikanischer Nabobs könnte sieb mit all dem antiquarischen Krimskrams seine Paläste ausstatten. Aus meinem Salon ließ ich alles hinauswerfen. Ich ließ den, Plafond von Eurem famosen Walter Craue ausmalen, die Wände mit nilgrünem Atlas tapezieren, darin in natürlicher Größe silberne Ma- rienlilien eingewirkt sind, und der abscheuliche Ziegelsteinboden wurde mit einem mattvioletteu Smyrnateppich und darüber ausgebreiteten weißen Bärenfellen bedeckt. Mein Divan besteht in einer mysteriösen Aufhäufung von allerlei Weichem und Warmem, Weißem und Schimmerndem, denn ich werde hier sicher noch im Mai frieren. Bereits im Kloster waren, wie Tu weißt, die stillen bleichen Madonnenlilien meine Lieblingsblumen. Ich schrieb Tir wohl, daß mein Gatte so höflich war, in unserem Palais neben meinem Boudoir ein eigenes Lilienhaus erbauen zu lassen, damit ich den ganzen Winter über von den hohen, schlanken, frommen Blumen umblüht würde. Unser römischer Gärtner schickt täglich eine Sendung heraus; und ich lasse die Lilien in sehr schönen, alten Japaner Bronzen riitg§ um meine Polster aufstellen, sodaß Euer himmlischer Burne-Jones selbst Deine blasse, wnuderholde Biviane als „Madonna unter Lilien" verewigen könnte. Dazu stelle Dir vor: ich kleide mich jetzt ausschließlich in Weiß; und zwar in einer Manier, die mir gestattet, von mir behaupten zu dürfen: „La mode c’eft moi \“ Tu willst immer noch mehr über unser neues Frasca- taner Home hören? Ich entdeckte hier bei mir einen neuen Sinn: den Sinn für Natur. Lächle nur, boshafte Madame Charme! Erinnere Dich übrigens, wie ich bereits in unserem Heiligtum über Form und Farbe einer Blume, über die Gluten des Abendrotes auf dem schwarzen Stamm einer Steineiche; oder wie unser bunter Klostergarten allmählich in Dämmerung und Nacht versank, geradezu in Ekstase geraten konnte. Und einmal beschrieb ich Dir ein Feld, blutroter Anemonen unter silberhellen Oelbäumen so wundervoll, daß Tu damals behauptetest: Deine eitle, rein äußerliche, nur an Weltlichkeit denkende, nur für Weltlichkeit lebende Biviane wäre ein Stück atmender Poesie :— nur ein Stücklein. Im Ernst, Liebste! Ich sehe hier nicht allein die fromme Schönheit meiner Lilien; sondern auch die biblische Größe der römischen Landschaft. Ich bin hier nämlich ganz umgeben von ^ihrer feierlichen Pracht, darin eingehüllt gleich einer Kaiserin in Purpur. Wenn ich auf meiner Schwanendecke unter meinen Blumen die Stunden verträume, so erblicke ich durch das breite Fenster in einem fast schwarzen Rahmen von Steineichenzweigen das Bild der weiten, weiten Steppe. Sie ruht so stolz unter mir wie ein mächtiger, toter Herrscher, und ist so einsam wie ein großer Mensch. Wunderst Du Dich nicht, was für Gedanken mitunter durch mein Köpfchen gaukeln? Tenn was weiß ich kleine Dame aus der großen Welt von einsamen, großen • Menschen. Hinter der Billa erstreckt sich ein verwilderter Garten, darin ein Museum von Antiken aufgestellt ist. Ein langer, tiefschattiger Weg wird zu beiden Seiten von prachtvollen Sarkophagen besetzt, in denen jetzt Rhododendren und weiße Kamelien blühen. Eine Reihe von allerliebsten flut b er» särgleiu habe ich eigenhändig mit meinen lieben, blassen Lilien bepflanzt. Es ist wirklich wunderhübsche. Ter Garten stößt an eine Pinienwiese, die jetzt dicht voll violetter Anemonen steht. Tie rotbraunen, schlanken Stämme der schönen Bäume erheben sich über dem bunten Teppich wie Porphyrfäulen. Eine Allee uralter Steineichen, deren Wipfel so ineinander verwachsen sind, daß 63 sie keinen Sonnenstrahl durchlassen, führt, dunkel wie ein Tunnel, durch einen Oelwald am Hause vorbei und in sanfter Steigung hinauf zur Villa Mondragone, einem steinernen Koloß, der über einen wahren Berg von Terrassen wie ein graues Ungetüm hingewälzt liegt. Ter Palast ist zu gewaltig, um schön sein zu können. Schön ist unsere andere Nachbarin, die Villa Fal- conieri. * Heute sollst Tu zur Strafe für Deinen Verdacht, daß ich nichts anderes als weltlich sein könnte, allerlei Häusliches erfahren. Mr haben von unserem Riesentrain nur einen Teil mitgeschleppt, da der Prinz — es ist so geschmacklos, immerfort von seinem „Gatten" zu reden — viel häufiger in Rom als hier ist, und viel weniger ohne den Pariser Küchenchef existieren kann als ich, die ich nur esse, um nicht zu verhungern — wie mancher nur notgedrungen lebt, um nicht sterben zu müssen. Leider kommen zum Lunch und zum afternoon-tea täglich Leute. Man ist nämlich so liebenswürdig, zu behaupten, daß ohne Deine blondhaarige, grauäugige, lilien- fchlanke, blütenweiße Viviane Rom nicht Rom sei. Ich lese es Dir, meine süße Herrliche, vom Gesichte ab, wie sehr Tu Dich über mein „leider"'wunderst: „Leider kommen Leute . . ." Auch ist Vs wunderlich! Nichts auf der Welt ist mir so gleichgiltig, so langweilig, so unbequem wie die Menschen; und ich könnte doch ohne sie nicht existieren. Ich finde die meisten Frauen der römischen Gesellschaft eitel und dumm, die meisten Männer eitel und brutal. Und bei fast allen kommt es schließlich auf das eine, einzige heraus: auf das Häßliche, das Trostlose, das Gemeine. . . Tina, Tina! Ist es denn wirklich wahr, daß die beiden Geschlechter die Pole sind, um die die Erde sich dreht? Also Tu siehst, wenn die Prinzessin von Sora nicht in die Welt geht, so geht die Welt zur Prinzessin von Sora. Und zwar kommt sie mit ihrem ganzen Klatsch, ihrer ganzen Erbärmlichkeit bis in die einsame, große, herrliche Eampagna zu mir heraus. Ich weiß in der Villa Daverna genau, welche von den Damen der großen Welt ihren zeitweiligen Freund und welche von den Damen der Halbwelt ihren augenblicklichen Besitzer wechselte. Ick versichere Dich: die römische Gesellschaft ist lediglich die Fortsetzung eines endlosen Romans von Zola. * Ich bin wirklich ein gutmütiges Ding — bisweilen wenigstens. Meine Kammerfrau ist nämlich so geschmacklos, mich zu adoriereu; und bisweilen gestatte ich ihr, ihre Empfindungen auszudrücken Gestern bei der Nachttoilette, als ich mein langes weißes Babykleid an hatte, löste sie mein Haar, wickelte mich darin ein, stellte aus der einen Seite eine von den Lilienvasen neben mich und aus der anderen eine hohe, brennende Wachskerze. Es war sündhaft; aber ich mußte zu dem Heiligenspielen dock lächeln, worüber meine Pariserin vollends in Entzückung geriet. Ob ich wohl eitel,, sehr, sehr eitel bin? Hand aufs Herz, kleine Viviane! . . . Ich bin überzeugt, Tu bist eitel, sehr> sehr eitel. O, Madonna mia! Und dann wiederum: Nein, nein! Für wen sollte ich wohl eitel sein? Etwa für den Prinzen? Er besticht meine mich vergötternde Kammerfrau und läßt meine Toiletten für seine Maitressen nachmachen; und diese Damen kleiden sick einmal in ihrem Leben wie eine anständige Frau, anstatt daß wir eine von diesen Damen imitieren. Oder wäre ich etwa eitel für andere Männer? Ich bin seit meiner Heirat noch keinem Manne begegnet, der mir nicht — für einen Augenblick wenigstens — in irgend einer Weise widerwärtig erschienen wäre, saß ihm sein Frack auch noch so vorzüglich, sprach er ein auch noch so superbes Pariser Französische, und waren sonst seine Manieren die eines tout grand Seigneur. Also bin ich eitel für mich selbst? Ja, ja, und tausendmal ja! Es gibt auf der Welt eines, was ich unsinnig liebe: Schönheit! Ich werde niemals unglücklich sein können, und zwar aus keinem anderen Grunde, weil Unglück etwas Unschönes ist. Wenn ich mein kurzes irdisches Leben — und betrüge es nur die Spanne eines Jahres — mit der aller- höcksten Schönheit ausfüllen könnte, so würde ich bctfiV' meine ewige Seligkeit hingeben. Findest Tu das sehr frivol? (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der Kaissrstadt. (Nachdruck verboten.) Leopold in Berlin. — La bella Olero im Wintergarten. — Die „schöne Helena" tut Opernhaus des Westens. — Vom „Lustigen Blatter "-Ball. — Bahnhofskrähwinkeleien in Berlin. Unter den Ehrengästen des Kaisers an seinem 45. Geburtstage, der infolge der überstandenen Halserkrankung des Herrschers auch in den verschiedensten Kreisen der Hauptstadt einige Grade lebhafter gefeiert wurde, befanden sich neben dem überaus sympathisch begrüßten Großherzoglich Waden'scken Fürstenpaare, dem Könige von Sachsen, auch der König der Belgier, Leopold, oder wie ihn der Volkswitz wegen seiner Pariser Beziehungen getauft hat: Cleopold. Ich weiß nicht, ob es in Europa irgend ein Land gibt, in dem sich dieser König jener Beliebtheit erfreut, die das Volk hohen Persönlichkeiten von Verdienst oder Charme gern entgegen zu bringen pflegt. Jedenfalls ist er in Berlin nichts weniger als populär, und die „lebhaften Hochrufe" bei seinem Entpsange auf Bahnhof Friedrichstraße sind auf Hallucinationen überreizter Reporter-Ohren zurückzuführen. Das Publikuin war still und drückte dadurch auf gemessene Art die allgemeine Stimmung gegen einen Monarchen aus, dessen Charakterbild so stark von den Vorstellungen äbweicht, die deutsche Köpfe von einem Fürsten nun einmal hegen. Die beinah vollen fiebert Jahrzehnte sieht man dem Belgier übrigens kaum an. Freilich so jung hält er sich nicht, wie die schöne Cleo mit den halb überkämmten Ohren, die zu einer richtigen europäischen Mode geworden waren, und auch nicht wie deren ebenso schlanke wie vorurteilslose Rivalin: la belle Otöro, die just im Wintergarten wieder ihre Reize und ihre Diamanten zeigt. Der Reklame-Apparat dieser Brettl-Diva, der ihr jeweiliges Auftreten mit tausend Tamtamschlügen begleitet, ist so ziemlich das Aufdringlichste, was sich aus diesem Gebiete leisten läßt. Ganze Feuilletons über ihre Triumphe, ihre Geschmeide usw. werden in verschiedenen Zeitungen inseriert und nach Möglichf- keit so zu plazieren gesucht, daß der gutgläubige Leser an eine Publikation der Redaktion denken soll. Es fehlt nur noch, daß an jedem Ringe, jeder funkelnden Agraffe, jedem Blitze sprühenden Armband erzählt wird, welcher tolle Großfürst oder spleenige Millionär sie ihr als Tribut dereinst geliefert haben. Es gibt boshafte Menschen, die behaupten, ihr Landsmann Ton Juan sei ein rechter Waisenknabe gegen sie. Jedenfalls zeugt es nicht für die Höhe des Berliner Geschmacks, daß eine „Künstlerin" dieses Rufes noch immer als Zugkraft ersten Ranges für unsere beste Varietsbühne gelten kann. Freilich deckt sich der Berliner Geschmack da durchaus mit dem Pariser. Aber es ist doch nur ein schlechter Trost! — Wie sich die Pariser Offenbach's übermütige „schöne Helena" vorführen lassen, hat uns in vergangener Woche das „Theater des Westens" gezeigt. Direktor Prasch hatte die gesamte Ausstattung dazu von einer großen Pariser Bühne erworben, und brachte nun diese Operetteuperle mit ihrer berauschenden Musik in einer für Berlin ganz unerhörten Pracht auf die Bretter. Tas Publikum bereitete der mit so viel Opfern und verständnisinnigem Fleiß einstudierten „schönen Helena" die günstigste Aufnahme, und wird, da dieses Theater bekanntlich als Berlins feuersicherstes gilt, diese Vorstellung sicher zu einer hohen Wiederholungsziffer konimen lassen. Ein paar kräftige aktuelle Schlager darin wären freilich nicht vom Nebel; aber „aktuell" ist momentan verpönt, und mitten in den Beyerlein'scheni „Zapfenstreich" hinein wird von besorgten Korpsvätern das Signal zum Sammeln geblasen. Schlimme Taugenichtse, die sich aus solchen warnenden Zeichen der Zeit nichts machen, sind die Maler der „Lustigen Blätter", die auf dem Ball der „Lustigen Blätter", der diesmal im Zeichen des „Familienbades" stand, allerlei boshafte Anspielungen verbrochen hatten. Man sah da nicht nur die 64 Siegesallee unter Wasser, sondern auch eine aanze Reihe toll karrikierter Zeitgenossen, die in Moabit und anderswo zu Ruf gelangt waren; und mancher schlanke Jüngling, der aus einer kleinen oder größeren Garnison an diesen lustigen Badestrand gekommen sein mochte, plätscherte in der etwas heißen Wanne dieses Abends vergnügt neben all den Spöttern umher. Tiefer Ball, vom Redaktionsstabe einer hnmoristischen Wochenschrift veranstaltet, fängt an, Schule zu machen; denn schon in kurzem folgt ihm ein Ball, vom Leiter des „Humoristischen Extrablattes" ar- rangiert, und wer we «„ ob uns die Zukunft nicht auch noch einmal einen „Kladderadatschball", ein Tanzfest des „Vorwärts", ein Kränzchen der „Preußischen Jahrbücher" oder einen mailichen Ringelreihen der „Kreuzzeitung" beschert? Aus der näheren und weiteren Umgebung Berlins haben wir zu derlei Veranstaltungen sicher nicht wenig Gäste, wie's uns alljährlich der Presseball beweist, zu dem manch fernes Städtleüi oft sein Kontingent stellt. Wie traurig es freilich für viele nachher um die Heimfahrt bestellt ist, lassen sich die guten Berliner, die ihr Welt- stadttum mit großem Nachdruck zu betonen pflegen, nicht träumen. Berlins Bahnhöfe unterscheiden sich nämlich von vielen anderen kleineren dieser Verkehrsgebäude draußen im Reich nud anderswo dadurch, daß sie knapp nach Einlanf des letzten Zuges geschlossen werden, um erst kurz vor der Abfahrt des ersten Frühzuges ihre Pforten ivieder zu öffnen. Tas arme Fräulein, das beispielsweise auf dem Stettiner Bahnhof gegen 1 Uhr nachts eintrifft nnd erst gegen 4 Uhr etwa weiterfahren kann, darf während dieser Zeit nicht etwa im Wartesaal bleiben, sondern muß auf die unbekannten, im Gaslicht flimmernden Straßen Berlins hinaus. Aehulich sind die Verhältnisse auf Bahnhof Friedrichstraße, der ja als so eine Art Weltbahnhof gilt. Wer also in der Nacht hier ankommt, orientiere sich vorher gründlich. Berlin als Turchgangsstation ist eine seltsame Sache, vor allem für junge Damen, die allein reisen müssen. Dafür sind freilich die Ersparnisse an Beleuchtung, die während dieser schönen Betriebspansen bei uns gemacht werden, es sicher wert, tagtäglich jungem Volk Gelegenheit zn geben, sich zur Selbständigkeit zu er» ziehn. Oder woran liegt hier der Haken? A. R. Vcmn!dchtes. — Warum heißt der Februar auch"Hor- nrittg? Tiefer deutsche Name des zweiten Jahresmonats wird auf vielerlei Weife erklärt, und manche von diesen Teutungen klingen sehr gezwungen. Bekanntlich hat Kaiser Karl der Große die deutsche Bezeichnung der Monate als die offizielle eingeführt, und dabei erhielt nun der Februar den Namen Hornung, weil in diesem Monat der jagdbare Hirsch sein Gehörn oder Geweih abwirst. Ter Geweihwechsel gehört zu den merkwürdigsten und wunderbarsten Erscheinungen in der gesamten Welt der Säugetiere und wird wohl nur darum nicht allgemein als solche gewürdigt, weil es sich um einen ganz bekannten Vorgang handelt, den man nicht näher untersucht. Ties tut in sehr interessanter Weise Prof. Tr. W. Marshall in der kürzlich ausgegebenen 19. Lieferung seines populären Prachtwerkes: „Tie Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt), die von den Paarzehern handelt. Tiefe volkstümliche Tierkunde für jedermann, die in 50 Lieferungen zu je 60 Pfg. erscheint, steht in illustrativer Hinsicht ganz einzig da, indem sie über 1000 Abbildungen (darunter 25 Farben- driicktafelu) enthält, die ausnahmslos nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt worden sind. * Radium strahlen als Entdecker von Fälschf- ungen. Zu den hervorragendsten Eigenschaften der Ra- dinmstrahlen gehört ihre phorphoreszenzerregende Kraft. Sie sind in dieser Beziehung den Röntgenstrahlen und den ultravioletten Strahlen sehr ähnlich Von dem eigentlichen Vorgang bei dieser Erscheinung kann man sich jedoch kaum einen rechten Begriff machen; wahrscheinlich werden außerordentlich kleine Partikelchen, viel kleiner als ein Atom, von den radioaktiven Präparaten mit ganz ungeheurer Gewalt in den Raum hiuansgeschleudert. Einem Hagelschauer^ gleich prasseln sie auf die Moleküle eines ihnen int Wege stehenden Körpers nieder. Unter diesem Anprall erbeben die Moleküle und geraten schließlich in Lichtschwingungen. Je nach, der Natur des fluoreszierenden Körpers ist der Farbenton ein sehr verschiedener. Man denke nur an die wundervollen Leuchtwirkungen in den Crookesscheu Röhren. Auch dort geht eine Transformation außerordentlich frequenter, mechanischer Stöße in eine Lichtwellenwirkung vor sich. Unter den Schlägen der Kathodenstrahlen in der CrookesschssN Röhre leuchtet das gewöhnliche GlaI grün, Tidymglas dagegen rot, der Heragomt gelb, der Rubin feuerrot usw. Jedem Körper kommt eine für ihn durchaus charakteristische Phosphoreszenz — richtiger Fluoreszenz^ denn das Leuchten erlischt meist sofort mit dem Berschwinden der Kathodenstrahlnng — zu. Ter Gedanke, die Phosphoreszenz zur Bestimmung eines beliebigen Körpers zu benutzen/ mag daher recht nahe liegen. Wirklich wurden auch gleich nach der Entdeckung der Kathodenstrahlen durch Hittorf im Jahre 1869 dahingehende Versuche gemacht, und zwar mit einigem Erfolg; in neuester Zeit dienen auch die Röntgenstrahlen und die vielgenannten Radiumstrahlew dem gleichen Zweck. Mit Hilfe der Röntgenstrahlen ist es ganz leicht möglich nicht nur unechte von echten Rubinen, sondern auch die verschiedene Herkunft echter Rubine zu unterfcheiden. Radiumstrahlen haben sich besonders bei der Prüfung von Diamanten gut verwenden lassen. Das Mark Walds che Polonium — eine der bekannten radioaktiven Verbindungen — vermag den Diamanten in eine sehr charakteristische Fluoreszenz zu versetzen, während es am Glase keinerlei bemerkenswerte Erscheinungen hervorbringt. Auch der Bergkristall reagiert nicht, ebensowenig andere Edelsteine, wie Rubine, Smaragde, die den echten, aber gefärbten Diamanten bisweilen mit Erfolg untergeschoben werden. Und doch dürfte Wohl kein Juwelier sich des Radiums zur Prüfung von Edelsteinen bedienen. Dazu kann er einfachere Mittel anwend en und vor allem auch billigere. Der Frager.") Von Emanuel von Bodmann. So eigen hallen meine Schritte, Ein Regen hat die Nacht durchweicht, Ich höre, wie mit leisem Tritte Ein Unsichtbares mich umschleicht. Viel näher scheinen mir die Eichen, Sie wachsen fast in mich hinein, Wie lange Fragen. Um die bleichen Waldgräser irrt ein fremder Schein. Ob droben da auf jenem Sterne Die Wesen anders, feiner sind? Ob jene dort in ihrer Ferne Tie Welt anstaunen wie ein Kind? Ob wir in Erde einst zerfallen? In Blumen, Tieren aufersteh'n? Ob wir vereinigt einst nut allen Wesen in Einen Geist zerweh'n? Nur Einer könnte Antwort senden, Ter wartet fern in stummer Ruh Und hält mit seinen Knochenhänden Ten dunklen Vorhang krampfhaft zu. *) Aus den „Neuen Liedern" von Emanuel von Bodmann. (Verlag von Albert Langen in München.) Wortsprel. (Nachdruck verboten.) Es sind 8 Wörter zu suchen von der Bedeutung unter a. Von jedem dieser Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein neues Wort zu bilden, der Bedeutung unter b. Sind die richtigen Wörter gefunden, so bezeichnen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b im Zusammenhang gelesen eine Zeit'des Frohsinns und der Lustigkeit. a. b. 1. Insel im Mittelmeer 2. Bezeichnung 3. Alter Gott 4. Gefäß 5. Bindemittel 6, Nebenfluß der Donau 7. Vorname 8. Kopfbedeckung Auflösung in nln — Haustier — Kirchlicher Ausdruu — Blume — Zeichen — Vorname — Ge?äß — Singvogel — Erdärt.' er Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.: gweiset ist der Erkenutniß erste Stufe und letzte, der die Mitte verklärt tröstend ein höherer Glanz. (Jens Holmen.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn llniverstints-Vuch- und Cteindruckerci. N. Lange, Gießen.