1904 IMI» ^WMu! ■äufg. 4.‘noii- Gi&saanZ M Km angenehmes Krke. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Doch von all den Leuten, die sich früher so viel auf ihr Deutsch zugute getan Hutten, schien plötzliche reine Seele eine Silbe zu verstehen, und nach welcher Seite er auch sah, griensten ihm nur schadenfrohe Gesichter entgegen. Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu, zu begreifen, daß 'ihm von dieser Bande keine Hilfe zuteil werden würde, daß sie es vielmehr darauf abgesehen hatten, ihn bis zum letzten Augenblick als Landstreicher zu behandeln. Und tatsäch-lich erspurten, sie ihm auch keine Verunglimpfung. Kinder und alte Weiber streckten, ihn verhöhnend, die Z.unge heraus, dre Männer ballten gegen ihn die Fäuste, und hier und da setzte es auch einen ermunternden Rippenstoß, ihn damit zum schnelleren Vorwärtsschreiten antreibend. Endlich — ihn dünkte es eine Ewigkeit — erreichte man das als Gemeindehaus dienende Wirtschaftsgebäude, wo man ihn, in Ermangelung eines Arrestes, in einen aufgelassenen Stall sperrte. 'Froh, bis zu des Grafen Ankunft, wenigstens seine Peiniger los zu sein, wollte er schon erleichtert aufatmen, als er in die Ecke gekauert zwei alte Zigeunevwetber entdeckte, welche ihm erst ganz kameradschaftlich- zunickten Und dann dem feinen Herrn bettelnd die Hände entgegen» streckten. Voller Abscheu wandte er sich ab und begann, aus Leibeskräften die Tür mit den Fäusten und Stiefelabsätzen zu bombardieren. Draußen hielten sie indes großen Kriegsrat. Wenn sie nicht vor dem Grafen Furcht gehabt hätten, so würden sie den „Leuteschinder", der nicht einmal einem anständigen Menschen seinen ehrlichen Rausch, gönnte, ruhig bis zum nächsten Morgen im Loch gelassen haben. „Eh, Brüder, was kann uns denn geschehen, wenn wir alle zusammenhalten!" meinte einer der Bauern pfiffig. „Nichts — gar nichts", stimmten sie ihm zu. „Und deshalb denk' ich", schlug der Redner vor, „wir lassen ihn diese Nacht brummen und melden die Arretierung dem Herrn Grafen erst morgen." „Kinder, Kinder, das geht nicht", warnte ein altes Männchen, „er ist doch schließlich, ein Herr, und wenn die Obrigkeit herausbringt, daß wir ihn gekannt haben, eh, dann Gnade uns!" „I, Du mit Deiner Bedach ffamkeit", spottete der Eapo, „wie sollten sie denn das erfahren?" und als er bemerkte, daß doch einige auf die Seite des Alten neigten, erklärte er weiter: „Vergeß doch nicht, was wir von diesem „Narr«:" zu erwarten haben. Eine Brennerei will er bauen, wo unser ganzer Schnaps verbrannt werden soll, sodaß wir unser ganzes Leben durstig herumlaufeu fölten!" „Das darf nicht sein — wir zünden ihm die Bude überm Kopf an— aufgehängt muß er werden!" scholl es erregt durcheinander. In diesem kritischen Moment nahm der Waldhüter das Wart. „Streitet doch; nicht um des Königs Bart", sagte er gelassen, „was hier zu geschehen hat, bestimme ich allein. Ich bin von unserem gnädigsten Herrn Grasen tn mein Amt eingesetzt und kenne meine Instruktion!" „Und was wirft, Du tun?" scholl es ihm fragend entgegen. „Eh, Kinder, was fönst als meine Pflicht?" „Du hast wohl schon vergessen, daß er Deinen Bruder, der sich doch nur ihm zu Ehren einen Rausch- angesoffen hatte, aus dem Dienst gejagt hat!" schrie ihm einer ans dem Kreise wütend zu. Der Waldhüter schmunzelte überlegen. „Habe ich denn gesagt, daß ich es auf der Stelle melden werdet fragte er lachend. „Unser Herrgott soll mich vor solch einer Gemeinheit bewahren! Ich werde warten, bis unser gnädigster Herr Graf schlafen geht, dann wird er mich ohnedies hinauswerfen lassen." Beifälliges Gemurmel lohnte seinen schlauen Einfall. „Eh, Onkel Stcvo", sagte da ein ganz kleiner Knirps, „da wirst Du lange warten können, denn der Herr Pfarrer ist ja nachmittags aufs Schloß gefahren, und wenn er mit dem hinter der Flasche sitzt, dann finden sie sich wohl nicht so bald ins Bett." Der Bauer kraute sich überlegend den Schädel. „Das ist eine verflucht dumme Geschichte", sagte er endlich, „in dem Falle tue ich doch wohl am besten, gleich Meldung zu erstatten, sonst kommen wir noch 'alle in Teufels Küche." „Du wirst doch nicht!" rieten sie ihm ab. „Ich muß, Kinder, haltet mich nicht von meiner Pflicht ab", beschwor er sie, und pfiffig schmunzelnd setzte er hinzu, „aber verlaßt Euch darauf, er soll keine Ahnung haben, welch feinen Bogel ich da eingefangen habe — vielleicht läßt er ihn dann doch brummen." Nur mit Widerstreben ließ man ihn ziehen und vertrieb sich die Zeit bis zu seiner Rückkehr damit, des Majors wütendes Gepolter mit einem Steinbombardement gegen, die Stalltür zu erwidern. Das angstvolle Gekreisch der Zigeunerweiber von tunen und das Gequietsche der aufs höchste belustigtenn Kinder von außen, bildeten dazu das liebliche Akkompagnement. Mittlerweile war Stevo auf dem Schlosse angelangt, wo er von der ins Vertrauen gezogenen Dienerschaft erst in der Gesindestube mit dem beiseite geschafften Weine gehörig reguliert wurde. Auch hier fand Herr von Höchstfeld, der zwar sehr anständige, aber keineswegs so verschwenderisch wahnsinniae 610 Trinkgelder, Ivie die anderen Gutsbesitzer, austeilte, keinen Verteidiger, und die Freude über sein Mißgeschick war eine allgemeine und ehrlichss. Nachdem sie weit über eine Stunde gezecht hatten, mußten sie sich doch entschließen, den Waldhüter zu melden, welcher auch gleich darauf in den Speisesaal beordert wurde. „Nun, was ist; denn los, Du Esel?" fragte der Gras leutselig. Verlegen drehte der Barter feinen großen Filzhut in den Händen herum. „Eh, Herr, was soll los sein, ich habe einen wild- diebernden Lumpen erwischt." „Nanu, Hinko, seit wann gönnst Du den armen Leuten nicht mehr ihren kleinen Sonntagsbraten?" fragte der Pfarrer verwundert. „Meinen Leuten gönne ich alles", verteidigte sich der Graf gereizt, „aber diese Kerle aus der Stadt schießen mir, nicht einmal die Schonzeit respektierend, meine ganzen Fasanen herunter, und Du weißt doch, was ich mich gerade meine Fasanerie kosten lasse und wie mein Herz daran hängt." „Und er hatte es gewiß nur auf unsere Fasanen abgesehen", bestärkte ihn Stevo, den günstigen Moment schlau cmsnützend, in seinem Zorn, „ich! habe es mit meinen leibhaftigen Augen gesehen, daß er sich um die neben ihm aufspringenden Hasen gar nicht bekümmerte." „Kennst Du den Gefangenen vielleicht zufälligerweise?"" erkundigte sich der Pfarrer. ,,J, wie sollt' ich, Hochwürden!" verwahrte sich der Bauer. „Anständig angezogen ist er freilich — der Wahrheit die Ehre — aber es scheint doch, nichts' weiter als ein städtischer Strolch zu sein, der unserem gnädigen Herrn Grafen sein bißchen Freude verderben will." „Nun, ich werde ihm und dem andern Gelichter dies Vergnügen grintdlich verleiden", erklärte Stepenaz wütend, „morgen wird er den ordentlichen Gerichten übergeben — ich will einmal ein Exempel statuieren!" „Papa, habe Erbarmen", bat Ljubiza, „vielleicht hat er Weib und Kinder." „Natürlich- ich werde die ganze Familie dieses Galgenvogels mit meinen Fasanen sattfürtern!" entgegnete er ärgerlich, „nichts da, er wird dem Gericht übergeben." „Hinko, laß Gnade vor Recht ergehen", redete ihm' auch der Pfarrer zu, „6er arme Teufel konnte doch gar nicht wissen, wie viel Dir an Deinen Fasanen liegt." „Ach was, armer Teufel! Ein armer Teufel soll zufrieden sein, wenn er zu einem Hasenbraten kommt, aber einen Fasanen . . ." „Hinko, Du blamierst Dich unsterblich", hielt ihm der Pfarrer vor, „Du wärst der erste im Lande, der wegen eines lumpigen Jagdfrevels Anzeige erstattete!" „Und wenn!" trotzte dieser. Nun wurde aber der Pfarrer rabiat, und indem er mit der geballten Faust derartig heftig auf den, Tisch schlug, daß die Flaschen und Gläser ins Wanken kamen, rief "er wütend: „Und ich dulde es nicht, daß Du Dich lächerlich machst! Meinethalben laß den Kerl bis morgen früh brummen, das ist genug Strafe, dann aber gib ihm den Laufpaß!" „Ach ja, lieber Papa, folge dem Herrn Pfarrer", schmeichelte Ljubiza, und auch die Gräfin schloß sich dieser „Nun, in Gottes Namen", gab er endlich! nach, und zu Stevo gewandt, befahl er: „Führe mir den Haderlumpen morgen vor, damit ich ihm noch einen Denkzettel auf "den Weg mitgebe." „Und was soll mit den zwei Zigeunerinnen geschahen?" fragte Stevo untertänig. „Hast Du sie bei irgend einem Diebstahl ertappt?" „Das gerade nicht, Herr, aber wenn wir sie nutzt trotz- oem bestrafen, so haben wir im Handumdrehen den ganzen Wald voller Zigeuner." „Gebt ihnen eine Tracht Prügel", entschied Stepenaz kurzweg, „und diesem Fasanendieb könnt Ihr in Aussicht stellen, daß es ihm morgen auch so gehen' wird — ein bißchen Furcht kann jedenfalls nicht schaden." Ljubiza wollte auch für die armen Weiber, die ja gar mchts getan hatten, bitten, doch darin war der Vater un- erbtttltch. „Mach' Dir deshalb keinen KuMMer", beruhigte er sie. ^Zigeuner sind an Schläge gewöhnt, sie erwarten es gar nicht anders", dann gab er Stevo einen Wink, der sich demütig empfahl tlnd viel schneller, als er gekommen nach dem Gemeindestall zurückkehrte. Voller Freude berichtete er von dem über alle Maßen günstigen Ausfall seiner Schlauheit, und um den Tag recht festlich zü beschließen, trug man auch gleich! die Bank zum Auspeitschen nach dem Stall, welcher Vergewaltigung sich die armen Weiber ohne ein einziges Wort des Protestes unterwarfen. Dem Major standen vor Ab scheu die Haare zu Berge, Uttd die ironischen und drohenden Blicke, die man ihm zuwarf, ließen ihn das Schrecklichste befürchten. Die Zähne aufeinandergepreßt, stellte er sich mit dem Rücken gegen die Wand, um wenigstens von einer Seite gedeckt zu sein — und nun sollte sich röter an ihn her anwagen : wie einen räudigen Hund wollte er ihn niedev-- schlagen! Die Bauern, die es ja nur darauf abgesehen hatten, ihm Angst einzujagen, bemerkten recht wohl, tote sehr ihnen ihr Plan gelungen, und freuten sich darüber nicht wenig. Nun mußte aber dem bösen Spiel ein Ende gemacht werden, und Stevo winkte einen alten Manm der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, heran und besprach sich mit ihm. „Ich soll Dir sagen", wandte sich dieser daraus aN Herrn von Höchstfeld, „daß Du morgen an die Reihe kommst — Du kannst Dich dafür bei unserem hochwürdtgen Herrn Pfarrer bedanken." Herr von Höchstfeld erfaßte zuerst tour das eine, daß endlich einer Deutsch konnte. „Sage diesen Hunden, daß ich. . ." — im selben Moment flog die Tür hinter dem sich! eiligst Zurückziehenden dröhnend ins Schloß und schnitt ihm jede Erklärung ab. Wie vernichtet stand Herr von Höchstfeld die längste Weile da. Er war nicht imstande, auch nur einen einzigen Gedanken logisch zu verfolgen und nur eines begriff er, daß vom Pfarrer die Rede gewesen sei, der also von seinem Mißgeschick wissen mußte, und der ihm dennoch nicht zu Hilfe kam. IN ohnmächtiger Wüt die Fäuste ballend, verschwor er sich, für diesen Schimpf Rache zu nehmen, und ließ sich dann dumpf dahinbrutenü so weit als möglich von den leise winselnden Zigeunerinnen nieder. 10. Obgleich man an ein längeres Ausbleiben des Majors nicht gewöhnt war, so hegte man bis zum Dunkelwerden doch keine ernstlichen Besorgnisse und hoffte, daß er von Minute zu Minute erscheinen müsse. Als es aber immer und immer später wurde, rannte! Frau von Höchstseld in unerklärlicher Angst von einem! Feldweg zum andern, um auszuspähen, ob er nicht doch endlich irgendwo austauche! „Vielleicht ist er gar bis Mariance oder Stepenavze gegangen und daton bei dem Pfarrep oder bei dem Grafen eingekehrt", meinte Erich- allerdings gegen seine Ueber- zeugung und nur in der Absicht, die Mutter von ihren Befürchtungen abzulenken. „Wenn Du mich damit zu beruhigen gedenkst, dann erreichst Du nur das Gegenteil", entgegnete sie ihm, „denn eher kann ich an ein Unglück, als an eine solche Möglichkeit glauben." Erna war die einzige, die wirklich vollkommen unbesorgt blieb, sie machte sich sogar im Stillen über dies Angst um einen vollkommen ausgewachsenen Menschen —t und das war doch ihr Papa — nicht wenig lustig. „Wo kann er denn weiter sein", meinte sie überlegen, „er wird sich in den Waldungen verirrt haben und nicht gleich heraussinden." „Wie kommst Du darauf, daß er in die Waldungen sich verrsrt haben und nicht gleich herausfinden kann.?" „Wie kommst" Du darauf, daß er in die Waldungen gegangen ist?" fragte die Mutter in höchster Unruhe/ „Herr von Szabo sagte mir doch, daß er sein Gewehr umgehangek hat." Frau von Höchstfeld starrte erst tote entgeistert in die Lust, dann knickte sie zusammen, und wenn nicht Erich hinzugesprungen wäre, um sie rasch in seinen Armen auf» zusangen, so würde sie wohl ohnmächtig zur Erde gesunken sein. Ohne daß ihr jemand befohlen- ganz allein Fairn Erna auf den vernünftigen Gedanken, nach Ean de Cologne — 511 — zu laufen, mit Weicker sie der noch immer bewußtlose« Mama die Schläfe einrieb. Nur langsam erholte sich diese und suchte mit irren Blicken in der Runde umher. „Liebe Mama, so rege Dich doch nicht unnötigerweise so schrecklich auf", sprach Erich besänftigend auf sie ein, „was sollte ihm denn passiert sein — ein alter Militär wird wohl mit dem Schießprügel umzugehen verstehen!" „Nein, nein, es ijt ihm sicher ein Unglück zugestoßen, ich fühle es, meine Ahnung betrügt mich nicht", beharrte diese, vor Angst an allen Gliedern zitternd. „Nun sage aber doch selbst, was kann ihm denn passiert sein?" drang Erich in sie. „Wäre es vielleicht das erstemal, daß auf der Jagd ein Unglück geschah?" jammerte sie, ,-er kann über eine Baumwurzel gefallen sein — das Gewehr sich dabei entladen haben — oder..." „Aber, liebe Mama, Du weißt doch wie vorsichtig unser Vater ist", suchte ihr Erich diesen Gedanken auszureden, und daun einer anderen, nicht ganz unwahrscheinlichen Vermutung Ausdruck gebend, sagte er: „Wir ängstigen uns sicherlich ganz grundlos, Papa wird sich der augekommenen Maschinen erinnert haben, und um diese in Augenschein zu nehmen, wird er zur Station gegangen sein." Frau von Höchstfeld schüttelte nur den Kopf, und plötzlich in krampfhaftes Schluchzen ausbrechend, ries sie voller Entsetzen: „Er ist. Räubern oder Wilddieben in die Hände gefallen — sie haben ihn sicher schon ermordet!" „Rein, gnädige Frau, das ist ausgeschlossen, hier gibt es keine Räuber, mußte sogar Szabo, obgleich widerwillig, der Wahrheit die Ehre geben, „wenn es indes zu Ihrer Beruhigung dient, will ich sofort mit den Leuten die Waldungen abstreifen." „Ich gehe Mitt', erklärte Frau von Höchstfeld in voller Aufregung. Erich hatte alle Mühe, sie davon abzubringech und nachdem er Erna eingeschärft, die Mutter keine Minute allein zu lassen, stellte er sich an die Spitze der Männer Und Burschen, die sich mittlerweile mit alten rostigen Flinten, Dunggabeln und Hacken bewaffnet hatten, mrd unter dem flackernden Licht der Kienspäne zog man gruppenweise in verschiedenen Richtungen ab. Um Mitterimcht kehrte die erste, gegen zwei Uhr morgens die letzte Abteilung — resultatlos — zurück. Erich, nunmehr selbst in höchster Aufregung, die pr Nur schwer vor der Mutter verbergen konnte, ließ sofort anspannen. (Fortsetzung folgt.) ZIeim Schrveineyandel. Das Leben der Bauern im Netzebruch schildert .Franz Werner in seinem „Roman aus der Ostmark". Man 'findet in dem Roman eine Reihe gut beobachteter Bilder dörslichen Lebens. .Eins davon, an dem sich Freunde derber Komik erfreuen werden, geben wir int folgenden wieder. „Wir waren eben mit dem zweiten Frühstück fertig geworden, als ein kleiner Wagen mit hohen Rädern und einem großen, starkknochigen, schwarzen Gaul davor auf den Hof saust, daß Hühner und Enten erschreckt emporflattern und der Hofhund wütend 4X11 feiner ^ette Tcifxt. „Das ist der alte Thiel!" spricht Prahl, ohne hinzusehen, >,so fährt nur der!" „Du Ferdinand, Thiel ist da" spricht Frau Prahl, welche eben zu uns hereintritt. „Ich habe ihn schon gehört, Mutter; heute wollen wir ihn zappeln lassen, er hat uns das letzte Mal zu wenig gezahlt." „Wie stehen sie denn jetzt?" fragte sie. . „Solche Ware wie unsre fünfzig Mark der Zentner, da wird ex doch höchstens sünfundvierzig Mark geben wollen." ,,«ie haben auch noch 'Zeit, ein bißchen fetter können sie noch werden." „Ach was", bestimmt er, „zahlt er 46 Mark, fort mit Schaden." Indessen ist Thiel abgestiegen. Er ist ein großer, starker Mann tm fettigen grauen Anzuge mit dito kleiner Mütze auf dem Kopfe, unter der das kurzgeschorene, weiße Haar hervorsieht. Um den Lew. geschnallt trägt er eine Geldkatze. Er knallt einigemale Mtt der Peitsche und ruft „Holla!" mit seiner mächtigen Stimme. Da kommt die Hulda mit einem Eimer von den Ställen her nnd nähertfich dem Hause. „Na, Mädchen, der Herr zu Haufe?" ftagt er, faßt sie um dre Taille^ und zieht sie an sich „Er ist da", .antwortet sie, „.aber lassen Sie mich dock lern, ich hab' keine Zeit nicht!" und sie sucht sich zu Befreie«, was ihr aber nicht gelingt. „Stramme Marjell bist, wenn wir uns heirate«, so gibt's lauter Gardisten. Willst den alten Thiel haben, was?" „Laß' mir die Hulda in Ruh', alter Sünder!" mahnt Prahl- der aufgestanden ist und durchs offene Fenster steht. Er gibt sie frei und spricht: „Willst alles für Dich haben, hast nicht Deine Olle? Guten Morgen auch, komm mal 'raus, tch hab' nicht lange Zeit." „Guten Morgen, Thiel- ich komme schon", und zu mir (dem Erzähler): „Kommst nicht mit?" „Ja", antwortete ich. Wir betreten den Hof, und die beiden begrüßen einander. „Nun, wie ist's?" „Was meinst?" fragt Prahl zurück. „Was ich meine? Ich komme wegen der Schweinchen."-. „Ach so. ,Da kommst zu früh." „Die müssen doch schon fett sein?" „Sie sind mir noch nicht recht koscher." „Ansehen werd' ich sie mir." „Wozu, wenn sie doch nicht kaufen kannst?" „Rackerzeug, dies Kolonistenpack! Nun die Schweine kitapp sind, sind sie dem Herrn Prahl noch nicht fett genug. War? man, Brüderchen, es kommt die Zeit, wo ihr noch betteln werdet, daß wir sie Euch abnehmen." ., . »Das wirst nicht erleben, Freundchen- meine Ware werde ich 'mit Kußhand los, und dann kann ich's aushalten." „Daß Du mir nicht die Schweine verkaufst, Fernad!" ruft Frau Ottilie, die aus dem Hause kommt. „Aha, die Olle!" brummt Thiel. Laut aber sagt er: 5/®uten Morgen Madame!" nimmt seine Mütze ab, geht ihr entgegen, drückt ihr die Land und spricht^ „Weiß der Deubel, Mutter Prahls Sie werden alle Tage hübscher." „Seht den altert Katzoff, tote er schmeicheln kann. Die Schweins kriegen Sie deshalb doch nicht." „Darati hab' ich wahrhastig nicht gedacht. Aber es ist wahr. Lassen Sie sich von Ihrem Kreppenseher scheiden, und dann heiraten wir beide." „Wir? Sie wollen doch die Hulda haben? Sie und heiraten, machen Sie sich man mit dem Erdmann bekannt!" Ich? Ich leb' so lang sch will." Zusammen gehen wir zu den Ställen, Thiel voran und öffnet. Er weiß Bescheid. Vorn links liegen die Fraglichen. Thiel jagt sie tauf. .Zehn sind's, die ein kleines Kapital repräsentieren. Er steich.scher den Zaun und befühlt eins mit kundiger Hand. Dann klettert er wieder zurück, öffnet die Klappe, wirst einen prüfettden Blick in die Krippe und sagt: „Ich nehme sie natürlich. Mit Pfeffer und Salz lassen sie sich schon essen." „Wie teuer der Zentner?" fragt Thiel. „Wir schlagen sie noch nicht los", antwortet die Hausmutter. „Warum nicht?" „Weil sie jetzt am schnellsten itts Geld wachsen", antwortet sie, „Für tven spart Ihr eigentlich? Also Fernand, wie teuer?" „Hörst ja, was Mutter sagt." „Unsinn, 43 Mark der Zentner, lebend Gewicht, willst?" Das.Ehepaar lacht laut auf. „Nu aber 'raus aus dem Stall!" spricht Prahl und nimmt ihn unter den Arm. Sie treten hinaus und wir gehen in die Mitte des Hofes. „Red' doch, Mensch, fordere doch! Man weiß nicht, woran man bei. Dir ist." „Sie haben noch Zeit." „Dummheit!" „48 Mark der Zentner", spricht Frau Prahl lächelnd, „bann können Sie sie kriegen." „Wie viel? Soll ich auf meine alten Tage Prachern gehen?" „Prachern? Dann lassen Sie sie doch stehen!" gibt sie ihm zurück. „43i/o Mark gebe ich, .keinen Pfennig mehr." „Denk' ich gar nicht dran", antwortet Prahl. „44 Mark, Hand her!" Er greift Prahls Hand mit der Linken, hält sie fest, schlügt mit seiner Rechten in dieselbe und ruft: „Sind verkauft, find verkauft!" Prahl schüttelt den Kopf. „Denn nickst, Adjes! Ihr wißt, ..handeln tu ich nicht gerne, und viel reden ist nicht meine Mcst>e." „Handeln und reden tust Du nicht viel, Du hast recht", sacht Prahl. .Thiel geht brummend auf seinen Wagen zu, macht aber Kehrt und kommt zurück. „Ich werde Dir >vas sagen, Fernarch, 44ya Mark. Wir machen Schaden, nnd mein Schwiegersohn dreht mir bas Genick um, aber das schadet nichts. Dir zn Liebe riskier ich alles, denn Du bist mein bester Freund. Also 44>/2 Mark, willst?" „Laß sie man stehen, Thiel, ich komme wieder!" „Willst 45 Mark? Da» ist mein letztes Gebot. Das sag? ich Dir, tvahrhastiger Gott. Hand her!" Wieder nimmt er PrahlS Rechte, bearbeitet sie nnd spricht» „Such verkauft, sind verkauft!" 512 Redaktion: Paul Witiko. — Rotationsdruck und Verlaa der B rüKl'idicn Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße». „Dafür nicht, mein Lieber/' c „ „Na, 46 Mark. Ich wilt nicht gesund von der Stelle gehen, wenn ich noch einen Pfennig zulege, nicht gesund tvill ich blechen, so wahr ich Hier stehe", und er fängt an, sich zu. verfluchen und zu verschwören, daß er durchauv nicht mehr geben könne. „Mensch, stoß' Dein Glück nicht von Dir. Nachher tut Drr'K leib, wirst man sehen!" spricht er zum Schluß. 48 Mark, Thiel, wenn Du sie durchaus haben willst. Meine Krau hat Dir ja den Preis gestellt. 48 Mark und dabei bleibt's. Gibst es, ist es gut, gibst es nicht, ist es auch gut, deswegen keine Feindschaft. Legst Du nicht zu, tut's ein anderer. „Ein anderer? he, der Gollnick, was? Der, der Plöter! Mag er bei seinem Rindvichhandel bleiben und die Rinder aufkaufen Der Mensch versteht überhaupt keine Schweme zu kaufen, der Gollnick, der kann .gar keine Schweine kaufen, der hat gar kein Geld dazu, der Gollnick!" schreit er in ferner überlauten „Was, der Gollnick hat kein Geld? Hast seine Taschen gesehen, oder hat er sich schon von Dir etwas geborgt?" erwidert lemand, der durch die Gartenpforte den Hof betreten hat. Wir wenden uns ihm zu. . Es ist ein Mann von mittlerer Große und etwa in den fünfziger Jahren. r . Na ist er ja schon, la, ja, wenn man vom Wolf spricht, ja, ja, man soll's nicht glauben", sagt Frau Prahl. „Ja, da ist er und kommt gerade zur rechten Zelt. Ich werde mal wieder schlecht gemacht. .Thiel, .Thiel, sieh Dich vor, sonst sprechen wir uns noch wo anders. Guten Morgen auch! „Guten Morgen!" antwortet das Ehepaar und reicht dem Kommenden die Hände. Mir nickt er zu, ich nicke wieder. Thiel sieht ihn von der Seite an, reicht ihm zurückhaltend die Hand 1Uli> „6iet gibt's keine Rinder zn kaufen, Hörst! Mach/ .daß Du „Nanu", lacht Gollnick, „ist das Dem Hof?" und zu Prahl gewendet fragt er: „Wo sind die Ferkel?" „ t „ „Dort im Stall", antwortet dieser und zeigt auf die offene Tür. „Du wirst Dir nicht die Schweine ansehen!" spricht Thiel. „Warum nicht? Sind es schon Deine, Thiel?" „So gut wie meine. Du siehst ja, daß ich tnt Handel stehe ,- spricht er und handelt weiter: ...» < „Also 46i/2 Mark, Prahl, und dann find wir fertig', und er ergreift Prahls Rechte und schüttelt sie. , „47 Mark geb' ich unbesehen", ruft Gollnick. „Was, wie darfst Du Dick unterstehen, .hier zu bieten, wo ich schon die Schweine so gut wie ausgehandelt habe? Ist das 'ne Sache?" fährt Thiel auf ihn los. , , „Hast Du es mir nicht vorgemacht und mir beim Schulzen tn Heliodrowo die Färsen vor der Nase weggenommen? Prahl, „Himmeldonnerwetter", flucht Thiel/ .„hälft Dein Maul? Du kriegst sie doch nicht, das sag' ich Dir. 47i/2 Mark, Prahl, sind verkauft, sind verkauft!" und er schüttelt Prahls Rechte wieder und wieder und schlügt mit seiner Rechten wiederholt auf die- „48 Mark", ruft Gollnick und schüttelt Prahls Linke. „Abwechselnd wird Fenchen bald, nach der rechten, bald nach der linken Seite gezogen, sodaß es ihm schließlich zu viel !mrd. Er macht sich frei und spricht in komischem Ernst: „Wollt Ihr mich auseiuanderreißen? Dazu sucht Euch einen andern aus! „ , , , „Satanas!" ruft Thiel und stellt sich dicht vor feinen Konkurrenten, „kauf' Rindvieh, Ms Du verstehst, und schikanier nicht alte Leute. Ich hab' schon Schweine gekauft, als Du noch in den Windeln gelegen hast. Schämen sollst Dich, aber Du hast keine Scham mehr. , Zum letztenmal geb' ich Dir den Rat: Mach, daß Du fortkommst! Laß' mich nicht erst wütend werden, sonst passiert ein Unglück!" und. er knirscht mit den Zähnen. Ich befürchte Schlimmes, doch Fenchen lacht mich aus und spricht: „Hab' keine Angst, die beiden tun sich nichts." „Du kannst lange reden, ehe mir was gefällt",- entgegnet Gollnick. „Jeder Mensch weiß, daß Du ein grober Kerl bist und einen großen Hals hast", und er dreht ihm den Rücken zu und wendet sich zu Prahl: „ . „Ich hab' 48 Mark geboten, hast nichts gehört? „Zulegen mußt!" erklärt dieser, „es geht äufs Meistgebot." „481/2 Mark", ruft Thiel. „49 Mark", überbietet ihn Gollnick. „491/» Mark", schreit Thiel, und als er sieht, daß sein Gegner den Mund öffnet, um zu reden, brüllt er weiter: „50 Mark der Zentner! Immer rüber, Gollnick,- oder ist Dir die Puste ausgegangen?" „So dumm!" erwidert der Angeredete. „Sind mit 50 Mark verkauft, Thiel hat sie"/ entscheidet Prahl. Aber Gollnick fährt fort: „So dumm! Denkst, ich wollt die Schweine haben, ja? Treiben tooltf ich Dich, weiter nichts. Und jetzt kann ich gehen. Adjes! 50 Mark der Zentner ist schönes Geld, Prahl, und der alte Thiel hat viel Geld, der kann zahlen", .und damit "verschwindet er durch die Pforte, durch "welche er gekommen^istz Gollnick, das kriegst wieder ab!" schreit ihm Thiel nach. , „Hulda, Hulda!" ruft der Hausherr. Die Gerufene erscheint und fragt: „Was soll ich? „Laß Mr Schwanzgeld geben", spricht die Hausfrau/. „Herr Thiel hat die Schweine gekauft." „O das is grell!" entgegnet sie und hält ihm die offene Gewiß, .Mädchen, sollst haben", und er öffnet sein Portemonnaie, nimmt ein großes, blankes Geldstück heraus, legt es in ihre Hand und fahrt fort: „Hier hast "'nen Dahler, schon egal/ so oder so pleite." , ... , ,. „Das is aber ein recht großer, das is wohl mehr?" fragt '„Hälst's Maul, dumme Marjell!" mahiit ihre Herrin. /.Was Du hast, hast Du, steck' weg und red' nicht!" Sie gehorcht geschwind. . .... , m „Ach, da habe ich mich vergriffen und Mr fünf Mark gegeben. Na laß man, Hulda, es kommt doch alles in einen Topp, wenn wir zum Winter heiraten", erklärt Thiel. Hulda bedankt sich bei ihm. . Darauf zieht Thiel seine Brieftasche vor, entnimmt ihr emen HuNdertmarffcheiN!.-und händigt ihn Prahl ein. „Hier hast Handgeld", spricht er, „das andere Freitag vormittags bei Prinzmüllern in Antonienhof. Sv um achte, Uhre neune rum kannst mit ihnen da sein." , . „.. . Wir brechen hier ab. Wer aber menten sollte, der alte Händler habe sich im Wer wirklich zu einem leichtsinnigen Kauf verleiten lassen, wäre sehr im Irrtum. Er hatte natürlich em Telegramm tn der Tasche, das ihn anwies, für gute Schweme bis 52 Mark zu zahlen. Gesundheitspflege. — Von der Monats-Zeitschrift „W e r d e g e s u n d. Zeitschrift für "Volksgesundheitspflege, und. Krankheitsverhutung , herausgegeben von Dr. Georg Liebe m Waldhof Algershausen (Verlag von Theodor Krische in Erlangen) ging uns das Angusthest zu. Folgendes ist sein Inhalt: Goethe Lebenskunst, Auszug aus einem Vortrag des Herausgebers Gartenstädte. Von M. L ch- mann-Berlin. Fleticherisieren. Von Dr Kellogg. Verschiedene Artikel zur Alkoholfrage. Notizen zur Tuberkulose. Heilstatt cm- Chronik. Bücher- und Zeitschriftenschau. MiiteMngen und Lesefrüchte. — Wir empfehlen die Zeitschrift, welche nm 7-5> Plg. vierteljährlich eine Fülle von Belehrung, Anregung und Unterhaltung bietet. Verwandlungs-Aufgabe. In vorstehender Verwandlungs-Aufgabe soll das Wort Habe durch stufenweise Umänderung in die Worte Traufe, Nebel, Biber, Doge umgewandelt werden und zwar darf immer nur em Buchstabe durch einen andern ersetzt oder em neuer hinzugefugt werden. Jedes Wort darf nur einmal vorkommen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.r (Schlüssel: Für, jeden Buchstaben wird der im Alphabet vorangehende gesetzt; für a—z.) • . r Man kann viel, wenn man sich nur recht vwl L"iaut.^^^^ Traufe Habe Biber & o CQ