1904 Areitag den 29. Januar TW^8 W ii ,äi (Nachdruck verboten.) Wlla Jakconieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Die Prinzessin von Sora an die Herzogin Vere deVere Bere-House, London, England. Frascati, Provincia di Roma, Villa Taverna-Borghese, am 1. März 1892. Aber, Madame Charme, herrliche Madame Charme! Mas hat Seine allerliebste unwiderstehliche süße Viviaue Tir zuleide getan, daß Tu so schrecklich böse auf sie bist? Mit der strengsten Richtermiene Deines platonisch schönen Angesichts schiltst Tu sie eine „unverbesserliche Mondaine"; und sie ist doch nur ein armes kleines Ting, ein recht armes kleines Ting! Uebrigens hast Tu gut schelten. Tu sitzest in Deinem prächtigen Vere-House; und wenn Tu in London bist, so ist in London die Season. Tu hast einen himmlischen Mann, der Tich vergöttert, hast zwei engelhafte Kinder, die Tu anbetest; Du wirst verehrt, bewundert, gefeiert; Du wirst gefürchtet, gehaßt, geliebt; Tu bist unheimlich geistreich, erstaunlich tugendhaft; und vor allem bist Tu vom Scheitel bis zur Sohle Madame Charme! Und ich — — Mas habe ich? Einen Gatten, den ich, wie ich beschwören kann, niemals auch nur für eine Sekunde adorierte, und keine Kinder — Gott sei Tank, keine Kinder! Gott sei inbrünstiger Tank mein Leben lang . . . Für diesen Mangel an allem Glück besitze ich allerdings Smaragden, die fast noch größer sind, als der berühmte Schmuck unserer schönen Königin. Mas bin ich? Ein Kind von zweiundzwanzig Jahren, das sich selbst leidlich hübsch findet, mitunter ziemlich liebenswürdig sein kann; das nicht gerade dumm, aber unausstehlich kapriziös ist. Tabei sehr elegant, wirklich wundervoll elegant! Mesums: Viviaue, Prinzessin von Sora, ist ein kleines süßes Ting; ist ein wunderliches tolles Geschöpf; ist ganz und gar grande beinte; ist durch und durch eine herz- bestrickende, jedoch vollkommen herzlose Törin; ist halb Sphinx, halb Sirene, bald Engel, bald Teufel; ist — „nehmt alles in allem" — vom Scheitel bis zur Sohle ein Weib! Und mit so vielen weltlichen Eigenschaften ausgestattet, soll ich, wie Tu mir vorwirfst, eine absolut unverbesserliche Mondaine sein? Weshalb sollte ich mich bessern? Nur desivegeu, iveil ich bin, was ich bin? Ich besitze nicht nur meine echte Evanatur; ich habe auch den Mut, meine Natur aller Welt zu zeigen: „Voilä uue femme!" Und deswegen sollte meine Natur nicht von A bis Z mondaine sein, da ich es sicher bereits im Mutterleib war? Wurde ich denn für etwas anderes erzogen, für irgend etwas anderes? Kam ich etwa zu einem andern Zweck überhaupt auf die Welt? Laß uus doch um Himmels willen nicht empfindlich fein! Ter einzige Zweck meiner ganzen irdischen Existenz ist: nach Möglichkeit weltlich zu sein. Und einer Frau ist vieles möglich. Bist Tu entsetzt? Madame Charme, philiströse wunderliche kluge Madame Charme — denke doch! Meine Eltern steckten mich freilich ins Kloster. Dort war es schön; denn dort warst Tu! Madonna mia, wie unschuldig glücklich wir warenI Begreifst Tu heute, daß ein Mensch, so unschuldig und so glücklich sein kann? Wie ein junges niedliches Tier . . . Welche Träume wir nicht hatten, wonach wir uns nicht .sehnten, worauf nicht hofften? Auf Wunderdinge. Unter diesen befand sich auch ein gewisser junger distinguierter Manu von angenehmem Aeußern, von dem wir rasend geliebt wurden, "den wir rasend wieder liebten. Zu dumm! Wir hatten Ideale. . . O Gott! Endlich fort von dem Kloster, fort von den frommen, guten einfältigen Schwestern. Mar das eine Seligkeit! Tie große Welt, die ganz große Welt! . . . Zugleich die Welt Ivie sie ist; und nicht, wie sie zu sein scheint: die unerbittlich grausame Welt der Wirklichkeiten. Eine gute Realistin steckt übrigens zum Glück in mir; Evviva la Realitä! * — Wundervolle Realitäten waren auch die ersten Toilette» von Worth, war die erste Cour, die Vorstellung bei den Majestäten, die gnädige Anrede der Königin. Tann Visiten, Körsofahrteu. Folgten Oper, französisches Schauspiel, Bälle, Routs. Folgten die Wettrennen in der Campagna und die Feste int Quirinal, die heiligen Funktionen in der Sixtinischen Kapelle. Und überall und immer Schmeichelei, Heuchelei, Lüge — die freche hckßliche ekelerregende Lüge der Gesellschaft. Sie war auch eine absolute Wirklichkeit. . . Sehr frühzeitig dann die Entdeckung: Tu bist schönt Zugleich die Ahnung von allem, was eine schöne Frau bedeutet und vermag — was überhaupt die Frau ist. Damit Erkenntnis. Und mit der Erkenntnis keine Unschuld mehr, keine« Glauben mehr, keine Illusionen mehr, kein Glück. 58 Plötzlich siehst Tu einen, irgend einen! Und dieser tine, einzige — Aber das läßt sich nicht sagen. Es ist auch so traurig. So traurig und so kurz. Kaum ei« scheuer Blick Äug' in Auge; kaum ein leises bebendes Wort. Es genügt, um Dir ein Erschauern durch Deine ganze Seele zu geben, Dich in einen Taumel, einen Rausch zu versetzen. Dir einen Anfall von Tollheit zuzuziehen. Doch alles ist sogleich wieder vorbei — alles! Und das für zeitlebens. . . Gegen Ende Deiner ersten Saison bist Du bereits verlobt — natürlich mit einem andern, vielleicht mit dem ersten besten. Tu kennst diesen Mann, dessen Weib Du werden sollst, so gut wie garnicht. Es ist Dir auch einerlei. Und das ist von allem das Traurigste. Glückwünsche, Visiten: als „glückliche Braut". Ter Trousseau. Tas ist wundervoll! An der Stickerei des Brautschleiers arbeitet ein halbes Tutzend armer bleicher Mädchen. Wenn die Herrlicheit fertig ist, wird sie im Palais ausgestellt, und die Zeitungen bringen eine genaue Schilderung. Man beneidet Tich. Wie glücklich Du sein viuht! Tie Hochzeit. Die Hochzeit mit einem Fremden. Häßlich, so häßlich ! Tie Ehe. Die Ehe mit einem ungeliebten Manne. Trostlos, so trostlos 1 Und Tu hast noch immer Deine junge törichte unersättliche, unsinnige Sehnsucht. Und dann? Eine Oede, eine Leere, ein Nichts. Und dann schiltst Tu mich „eine unverbesserliche Mondaine"! Wenn man versucht, die Leere mit etwas auszufüllen: mit irgend etwas! Ta Du einmal leben sollst, mußt Du wenigstens leben können. O, Madame Charme! Du unverständig-weise, böseliebe Madame Charme! (Fortsetzung folgt.) 3>ie Kerero. Mit Genehmigung der Verlagshandlung bringen wir aus dem bekannten Werke „Ratzel, Völkerkunde"*) nach^ stehende Schilderungen über des Leben der Herero, welche durch den Aufstand in Teutsch-Südwestafrika gegenwärtig unsere besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. lieber das gemütliche Leben der Ovaherero (Mehrzahl von Herero) sind in Zeiten der Armut und Erniedrigung vorschnell ungünstige Urteile nach dem äußeren Schein gefällt worden. Tie Mutter trägt die Kinder in einem um Hals und Hüften geschlungenen Fell oder Leder, salbt sie fleißig und streckt und richtet ihre Glieder morgens und abends, um sie gerade zu machen. Benannt werden die Kinder nach wichtigen Ereignissen innerhalb ihres Stammes; wenn sich solche Gelegenheiten in ihrer Jugend wiederholten, tragen manche mehrere Namen. Tie Knaben werden alle der Beschneidung unterworfen, in der Regel zwischen ihrem sechsten und achten Lebensjahre; mehrere werden zugleich beschnitten, die dann ihr ganzes Leben hindurch oma-kura, d. h. Genossen, Gesellen, sind. Tie festliche Verzehrung mehrerer Ochsen und Schafe verherrlichte dieses Ereignis. Tas Ausfeilen der oberen Schneidezähne in Form eines Schwalbenschwanzes und das Ausschlagen der drei oder vier unteren findet bei beiden Geschlechtern im Alter von 12—16 Jahren statt, bei den Mädchen etwas früher als bei den Burschen; und zwar werden zuerst die oberen ausgefeilt und später die unteren ausgeschlagen, ebenfalls unter festlichen Schmäusen. Dazu gehört auch das Umbinden der Schienbeine mit ledernen Riemen, deren Enden vorn wie Troddeln herunterhängen. Ein Mädchen, das zur Frau begehrt ist, legt den dreiohrigen Kopfputz an und verhüllt eine Zeitlang das Gesicht mit einem an dem Stirnrande befestigten Stückchen Leder wie mit einem Schleier. Von Häuptlingsweibern gilt eins, vom Manne dazu erwählt, als das Hauptweib, dessen erster Sohn zum Nachfolger in der Würde seines Vaters bestimmt ist. Tie Stellung *) Völkerkunde. Von ProfessorTr. Friedrich Ratzel. Zweite, aänzlich neu bearbeitete Auflage. Mit 1103 Textbildern, 6 Karten und 66 Tafeln in Holzschnitt und Farbendruck. 2 Bände in Halbleder gebunden zu je 16 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig u. Men.) des Weibes nimmt in vielen Fällen den Anschein einer besonders schweren Gedrücktheit an, da die elenden Lebensverhältnisse vieler Herero von selbst eine größere Last auf die Schultern he Weibes legen. Mer dieses übertrifft nicht selten den Mann an Entschlossenheit. „Sie tun oft höchst verzweifelte Dinge im Kriege und auf der Jagd, um ihre Männer zu ermutigen oder zu beschämen." (Chap- man.) Josaphat Hahn erzählt, daß in einem der ersten großen Zusammenstöße mit den Namaqua in den zwanziger Jahren nur durch Eingreifen der zuschauenden und im entscheidenden Moment ihren Männern zu Hilfe eilende« Hereroweiber und -Jungfrauen der Sieg gewonnen ward. Bei jedem Todesfall erhebt die ganze Bevölkerung eines Dorfes ein großes Wehgeschrei, und die Weiber weine« über dem Körper so viele Tränen wie möglich; denn je mehr Tränen auf den Leichnam fallen, um so besser für den Toten; Tränen sind günstige Zeichen. Chapmann beschreibt den Tod eines feiner Damarabegleiter als herzzerreißend. „Tie Weiber hatten ihn zum Sterben aus der Hütte ins Gebüsch getragen und kauerten alle um ihn her, indem sie unter einem schmerzvollen melancholischen Geheul seine Hände badeten und rieben; sein Kopf lag im Schoße seines Weibes. Oft bringt dieses laute Heulen den Halbtote« wieder zu sich; aber es scheint nicht so sehr diesen Zweck als eine Beziehung zu der entfliehenden Seele zu haben." T>er Leichnam wird in Häute gebunden beigesetzt, und auf das Grab werden Steine gewälzt. HäuptlWgsgräber werden noch durch eine Dornhecke geschützt und durch einen Baum oder Pfahl bezeichnet, woran einige Waffen des Verstorbene« samt den Schädeln der zum Leichenschmaus geschlachtete« Tiere aufgehüngi werden. Andersson berichtet, daß ei« Häuptling auf seinen Wunsch gar nicht begraben, sonder« auf einer Erhöhung in der Mitte seiner Hütte in zurückgelehnter Stellung beigeseck wurde, worauf die Hmter- bliebeuen eilten starken Palissadenzaun darum zogen. Sind sie fern von der Heimat, so fetzen sie die Leichname aus Furcht, daß ihnen ihre Geister folgen, nicht bei, sondern werfe« sie den wilden Tieren vor. Früher herrschte der Gebrauch, dem eben Gestorbenen das Rückgrat zu durch- hauen, um den darin sitzenden Wurm Otjirura zu töten, der nach dem Tode ein böses Gespenst werden kann. (Brinker.) Sicher ist, daß für einige Zeit das Dorf, wo ein Häuptling gestorben, nach einem anderen Orte versetzt wird. Nach Jahren kehrt es aber wieder zurück, und der Häuptling kniet am Grabe eines Vorgängers nieder, erzählt flüsternd, daß er mit den Seinigen und mit den hinterlassenen Herden wiedergekomme« sei, und bittet um langes Leben und Vervielfältigung seiner Herden. Nachdem diese Psticht erfüllt ist, baut sich d'as Dorf auf demselben Flecke wieder an, und es werden womöglich selbst die alten Hüttenplätze von jeder Familie wieder eingenommen. Bemerkenswert ist die Sitte der jahrelangen Wiederholung der Toteuklage bei der Wiederkehr des Todestages. Diese Pietät ist keine hohle Form. Wenn der Hausvater alt und schwach wird, so ist es nur natürlich, daß die Herrschaft und die Verwaltung der Herden in die Hände der kräftigen Söhne übergehen. Nichts- destowemger wird der Alte als der eigentliche Herr angesehen, und so lange er noch nicht völlig stumpf geworden ist, werden noch immer bie Milchgefaße und Fleischstücke zu ihm gebracht, damit er sie durch seine Worte weihen möge. Je mehr E.ben erwartungsvoll auf ihn b icken, desto höher steigt die allgemeine Verehrung. Daß die Herero den Segen eigentlich nur als vom Vater auf dem Sterbebett erteilt kennen, spricht für ihre Familienpietät. Diese Verehrung für den Alten des Stammes hört auch mit seinem Tode nicht auf. Das Grab bleibt heilig. Wenn nicht der Alte selbst durch ein Orakel verlangt, das Brüllen der Rinder wieder bei seinem Grabe zu hören, dürfen die Kinder nicht in der Nähe des Grabes wohnen. Mir voll Scheu und mit dem Opfer in der Hand naht der Erbe dem Grabe, um die Zukunft zu erfahren oder Hilfe in großen Nöten zu et bitten. Die Ovaherero stehen an Höhe und Kraft des Wuchses nicht hinter ihren kriegerische« Stammverwandten an der Südostküste, den Kafsern im engeren Sinne, zurück, während in ihrer Gesichtsbildung von dem etwas enthusiastische« Josephat Hahn ein „auffallend kaukasischer Zug" gefunden wird. Kritischere Betrachter geben wenigstens zu, „daß eine Annäherung an den kaukasische« Typus bei den Herero häufiger sein mag als bei den meisten anderen Südafrikanern, die Amasulu nicht ausgenommen" LS Tie Kleidung der Ovaherero besteht, wie es in einem Wolke von Viehzüchtern geziemt, fast ganz aus Leder und ähnelt, mit Ausnahme des seltsamen Kopfputzes der Frauen, der der Namaqua. Absolute Nacktheit ist ihnen bei Erwachsenen ein Greuel. Eine ihrer Sagen erzählt von einigen Weibern, die das Mißgeschick traf, daß ihre Lendenschürzen vom Flusse mitgerissen wurden, sodaß sie nackt nach Hause zurückkehren mußten: noch heute heißt er davon Nacktsluß. Männer und Weiber tragen als Hauptkleidungsstncke ein oder zwei Schaf- oder Ziegenfelle um die Lenden. Die Weiber haben darunter eine Schmuckschürze aus zahllosen Lederstreifen, worauf Stückchen von Straußeneierschalen oder bei den Wohlhabenderen auch Perlen aufgereiht sind, während die Männer endlose dünne Lederstreisen in Form eines lockeren Gurtes um die Lenden schlingen, worin der Kirri und unter Umständen auch andere Gegenstände getragen werden. Die Länge dieses Lederstreifens deutet die Wohlhabenheit des Besitzers an. Diese Felle sind, wie die Herero selbst, meist mit dicken Massen von rotem Ocker und Fett beschmiert; eigentliche Bemalung oder Tätowierung ist aber nicht gebräuchlich „Man kann", sagt Josephat Hahn, „dies Beschmieren mit Fett und Ocker, so seltsam und unsauber es auch erscheinen mag, nicht als eine üble Angewohnheit bezeichnen, sondern es ist für jenes Klima notwendig. Tie Haut bleibt dadurch fortwährend geschmeidig und wird vom Staube nicht irritiert, was sonst häßliche und nicht ungefährliche Hautkrankheiten, Ausschläge und dergleichen, nach sich zöge. Ferner wird man hierdurch vor plötzlicher Abkühlung des Schweißes bewahrt." Als Kopfbedeckung tragen die Männer nur bei schlechtem Wetter ein Stück Fell, dem sie die verschiedensten Gestalten geben können, außerdem Muscheln im Haar; aber die Frauen bieten in ihrer gewöhnlichen Kopfbedeckung eins der originellsten Stücke der südafrikanischen Trachten. Sie tragen von der Verheiratung an einen helmartigen ledernen Aufputz, mit Perl- und Muschelschnüren geschmückt, von dessen hinteren Teil drei eselsohrartige Zipfel steif in die Höhe ragen. Schnüre von Elfenbein- oder Eisenperlen bis zu 10 Kgr. schwer hängen hinten bis auf die Fersen herab. Verheiratete Frauen sieht man fast nie ohne diesen Kopfputz. Große Ledermäntel, die den Rücken bedecken, werden vorzugsweise von den Frauen getragen. Ten Männern eigentümlich sind Lederbänder dicht unterhalb des Knies, von denen Lederstreifen bis auf den Fuß herabhängen. Lederne Sandalen, die zu Hause getragen und nach orienralischxr Sitte vor dem Betreten eines fremden Hanfes abgelegt werden, vervollständigen den Anzug. Tie Weiber zeichnen sich durch eine große Zahl kupferner und eiserner Ringe um Unterarm und Unterschenkel aus. Perlenschnüre (Eisenperlen am liebsten) tragen beide Geschlechter um den Hals und lassen die verschiedensten Gegenstände: Eisenstücke, Muscheln und anderes auf die Brust herabbaumeln. Galton erzählt von einem Herero, der eine Schnur glatt gearbeiteter Elfenbeinperlen von der Billardkugel bis zur Haselnuß hinab auf die Fersen herabhängen ließ. Auf Gold oder Messing, legen die Ovaherero keinen Wert. Ten Körper salben sie mit Fett, dem roter Eisenstein beigemengt ist, und diese Farbe sowie das stark riechende Bnchupulver der Hottentotten streuen sie auch in ihr Haar. Dieses tragen sie in steif herabhängenden, zusammengefettetcn Strähnen. Tie Weiber flechten Lederstreifcn und Pflanzenfasern darein. Ter Kopf männlicher Kinder wird öfters ganz geschoren, während aus dem der weiblichen ein Schopf am Wirbel stehen bleibt. Schmuck ist auch die Behandlung der Zähne, indem sie die unteren vier Vorderzähne ganz ausschlagen und die zwei oberen mittleren schwalbenschwanzförmig zuseilen. Gefeilt wird nur mit scharfen Steinen. Ihre Kriegsgefangenen und Sklaven „zeichnen" sie gleichfalls durch Ausschlagen einiger Zähne. Als Grund dieser Verstümmelung, die beim Eintritt der Mannbarkeit vorgenommen wird, haben sie auf die Fragen einzelner Reisenden die Erleichterung des von ihrer Sprache erforderten leisen Lispelns angegeben. Der wahre Grund ist ihnen aber wohl selbst verborgen. Ein Berg des Tamaralandes,, Jschuameno, hat seinen Namen von dem Feste der Zahnverstümmelnng, das in glücklichen Tagen dort gefeiert ward. Tie Waffen der Herero sind Assageien, Kirri, Bogen und Pfeile. Am wirksamsten von allen ist jedenfalls der Kirri,, dieses bei allen Kaffernstämmen verbreitete Mittelding von Wurf- oder Schlagstock und Keule. Im Wurfe töten sie mit großer Sicherheit damit kleinere Tiere, während ein wohlgezielter Schlag auch einen kräftigen ManU niederstreckt. Jeder Herero führt in seinem Schnurgurt einige davon. Tie Assageien machen mehr den Eindruck vost Schauwaffen und werden hauptsächlich als Messer benutzt, die Klinge aus weichem Eisen ist deshalb breit und lang ihre Politur und Schärfung gehört zu den regelmäßigen Beschäftigungen des Herero. Der Schaft ist aus starkem Holz, oft sogar aus Eisen, und trägt in der Mitte oder! am Ende einen buschigen Rinderschweif. Die Breite der Klinge erschwert ihre Benutzung zum Stechen und die Schwere des Schaftes das Wersen. Ter Dolch, den fast jeder Herero in lederner Scheide an den Lenden trägt, ist Hauptwerkzeug beim Schneiden, beim Schlachten des Viehes usw. u nd wird als Waffe selten gebraucht. Bogen und Pfeile trugen sie früher beständig mit sich, ohne indessen je eine große Sicherheit in ihrem Gebrauch zu erwerben. Nach Andersson schießen sie bannt gut nur auf 10—12 Schritt. Dagegen sind sie auffallender Weise gar keine schlechten Ge- webrschützen, was andeutet, daß ihre schon äußerlich recht hohen Bogen keine gute Konstruktion hatten. Für das Pulverhorn führten sie eine den Buren nachgeahmte Form ein. Mit der Zahl der Gewehre ist ihr früher tief gesunkener kriegerischer Geist beträchtlich gestiegen, und sie gehören jetzt zu den besser Bewaffneten jener Regionen. Nicht zur Bewaffnung, Wohl aber zur Ausrüstung gehört der Grabstock, den der Tamara häufig wie der Buschmann bei den Pfeilen im Köcher trägt. „Heutzutage", schrieb Büttner 1882, „sieht man einen Mann außerhalb seiner Werste nur sehr selten ohne Gewehr. Tnrch die Jagd erhält sich die Waffenübung. Die Beteiligung am Kriege ist rein freiwillig; und da die Herero immer nur nach praktischen und nie nach ideellen Grundsätzen handeln, so wird niemand zu den Waffen greifen, der nicht seinen direkten Vorteil dabei sieht. Wenn nun ein Fürst die ©einigen zu einem Rache- und Raubzuge rüstet, so werden zunächst die jüngeren Brüder, die Haussöhne, und wer sonst waffenfähig unter den nächsten Verwandten ist, zu dem Zuge aufgeboten. Je mächtiger und reicher nun der Feind ist, desto mehr ist Beute zu hoffen; es werden sich also bald auch noch viele andere Leute finden, die sich gern anschließen, um auch etwas von der Beute zu profitieren; und der Unternehmer des Kriegszuges wird diese Mitziehenden gern mit Waffen und Munition ausrüsten. Je weniger Gefahr bei der Expedition zu fürchten ist, desto mehr wird der Heerhaufe anschwellen. Die Leute im Zuge ordnen sich nach den Schwägerschaften und Frenrrd- schaften, die vornehmsten jungen Leute übernehmen die Führung der einzelnen Haufen und sind die Vorkämp er. So lange nun dre eigentlich bei der Sache interessierten tapfer auf den Feind losgehen, iuirb der helle Haufe auch gut nachdrängen, um möglichst rasch an die Beute heranzu- kommen; fallen aber die Vorkämpfer beim Angriff, so löst sich auch sofort der Kriegszug ans, und jeder denkt nur daran, sein Leben zu salvieren." Ganz anders geht es zu, wenn der Feind an greift. Zwar werden auch dann die Besitzer und seine nächsten Verwandten bereit sein, ihr Hab und Gut zu verteidigen; aber die große Masse der Knechte, denen das Vieh nicht eigentümlich gehört, wird mit der größten Ruhe znsehen, wie das Gefecht abläuft. Und wenn der Sie-ger den ganzen Herdenreichtum des Ueberwundcnen heimtreiben läßt, so bleiben die Knechte natürlich bei den Milchtöpfen nnd ziehen willig mit den geraubten Kühen mit. Alles hängt an den Herden. Ist die Aussicht auf Sieg gering, so werden selbst die Herren sich und die Herden willig den Fremden übergeben, um, wenn auch als Knechte, die Herden ihrer Väter weiter zu hüten. Das Schicksal des Nationalhelden Kahitschene zeigt deutliche, wie vor der Zeit der Gewehre die Kriegsführung war. In dem Namakriege der vierziger Jähre wurden in ein und derselben Nacht seine sämtlichen Dörfer heimlich überfallen. Kahitschene, der auf Okahandja von Jonker Afrikaner umzingelt und angegriffen wurde, wagte allein, sich mit einer kleinen Schar in die Reihen der Feinde zu stürzen, und ivar der einzige, dem es gelang, sich Bahn zu brechen. Er ahnte nicht, daß in derselben Nacht sein ganzer Stamm vernichtet war, und daß sich Frau und Kinder in der Gefangenschaft befanden. Als er hiervon Nachricht erhielt, raffte er sein« letzten Mannschaften auf und griff mit der kleinen Schar die Feinde an. Während des Kampfes verließen ihn aber seine Krieger, und er selbst fiel mit seinem tapferen Sohne nach heldenmütiger Gegenwehr. Damit war das Schicksal der Ovaherero bis zum Auftreten Kamahereros entschiede^. 60 W Redaktion! Ananst Götz. — Rotationsdruck mib Verlag der Brühl'schen liniversitütS-Vnch- und Etcindrulkerei. R. Lange, Gießen. e s u E i r a t in f t e e n t B 8 C h n e e t h m n r 8 a 1 e n u o h n T n e 8 a o h i B V o B (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Schiebrätsels in vor. Nr.r Tie Hütten der Ovaherero erinnern teils an die Hottentotten, teils an die der Buschmänner. Es sind viel mehr Nomadenhütten als bei den Betschuanen. Alles ist leicht, flüchtig gemacht, zum Mitnehmen geeignet. Während der Regenzeit schüft man die bienenkorbförmige Behausung durch Felle. Für jedes Dorf bildet ein heiliges Feuer den idealen Mittelpunkt der Gemeinde, und auf dem Aschenhaufen, der ebenfalls eine heilige Stätte ist, liegen die großen Hörner der bei feierlichen Gelegenheiten geschlachs- teten Ochsen; mit dieser Asche bestreicht sich der Aelteste bei heiligen Handlungen Schläfe und Wimpern. Kein .Herero geht nachts ohne Feuerbrand ,teils aus Furcht, teils um Licht und Wärme zu genießen; es kommt vor, daß er dem Löwen seine Beute mit einem Feuerbrand abjagt. Das Mobiliar der Hütte besteht aus einigen hölzernen Gefäßen, einem irdenen Kochtopf, der oft so groß ist, daß er nicht durch die Tür geht, einem Lederbeutel mit Fett, einem anderen mit verschiedenen Schmucksachen (Rötel und Perlen) und schließlich einem eisernen Messer zum Schnitzen. Geflochten wird zwar wenig, schon deshalb, weil Palmen erst tni Ovambolande Vorkommen, aber darum nicht ungeschickt. Entsprechend ihrer Beschäftigung und Lebensweise besteht die Nahrung der Herero hauptsächlich aus Milch und aus dem, was die Steppe an Wild und eßbaren Gewächsen darbietet. Wo sich der alte Herdenreichtum erhalten hat, trinkt ein Erwachsener täglich 5—9 Liter saurer Milch und ißt dazu nur Erdnüsse. Das Schlachten von Vieh, bloß um Nahrung zu gewinnen, ist ihnen fremd. Ein Stück aus der Herde wird nur dann getötet, wenn ein Fremdling in das Torf kommt, oder wenn ein Fest, wie Zahnverstümmelung oder Hochzeit, gefeiert werden soll. Daran nimmt das ganze Dorf teil und verzehrt mit berühmter Gefräßigkeit selbst mehrere Rinder in unglaublich kurzer Zeit mit Haut und Eingeweiden. Jedes tote Tier, das verspeist werden kann, sei es auch gefallen, ist Gemeingut; und so begreift man,, daß für einen toten Ochsen noch, nicht einmal ein lebendiges Schaf zu kaufen ist. Tabei setzen ihnen aber zahlreiche abergläubische Meinungen Schranken: kein Volk dürfte reicher an Vorurteilen gegen Speisen sein. Als die Tamara aus ihren besten Jagdgrünben durch die Namaqua verdrängt waren, fanden sich die Aermeren unter ihnen, die sich mit den Buschmännern an Geschick im Jagen nicht vergleichen können, vorwiegend auf P'lanzcnkost angewiesen, wiewohl sie in der Not selbst Hyänen und Leoparden nicht verschmähten. Sie wetteifern aber mit den Buschmännern in der Kenntnis und Ausbeutung der zahlreichen eßbaren Wurzeln und Knollen. Sie kauen im Notfall das Holz einer Sterculia. Selbst aus dem Elefantendünger lesen sie unverdaut abgehende Mandeln auf und verspeisen sie mit Appetit. Ganz rohes Fleisch zu essen, verbietet ihnen ihr Aberglaube; aber es genügt der geringste Grad von Röstung, es genießbar erscheinen zu lassen. Solange sie ungestört lebten, gruppierte sich ihr Leben mit einer selbst in Südafrika bewundernswerten Einseitigkeit um die Viehzumt. Sie hat in kriegerischen Zeiten zu ihrem waschen Rückgang beigetragen, da Verlust einer Herde unfehlbar Verarmung ihrer Besitzer mit sich brachte. Tie Tamararinder bilden noa, heute den wichtigsten Gegenstand des Handels nach der Kapkolonie. Die Schafrasse trägt Fettschwänze, aber keine Wolle. Außerdem werden Riegen gehalten. Tie Hunderasse ist ebenso schlecht wie die irgend eines anderen südafrikanischen Stammes, indes wird es lobend hervorgehoben, daß die Ovaherero ihre Hunde besser behandeln als die Namaqua. Indem die Ovaherero durchaus Hirten und Jäger sind, fehlt ihnen das dauernde Kleben au der Scholle, das die Grundlage des persönlichen Besitzes ist; und es ist nur natürlich, daß sie ihr ganzes Land als allgemeines Eigentum betrachten. Es wird aber doch das Herkommen streng ausrecht erhalten, daß, wer sich zuerst an einem bestimmten Orte festsetzt, so lange dessen Herr ist, als es ihm beliebt; und ein anderer wird im Iriedenszustand niemals wagen, feine Herden ebendort zu tränken oder zu füttern, ohne formelle Erlaubnis erhalten zu haben. Einen interessanten Beleg biersür liefert die Geschichte der Beziehungen zwischen Sem Häuptling Kahitschene und den deutschen Missionaren von Richterfeld, Von den Namaqua ge- orängt, wünschte jener, sich bei Richterfeld niederzulasfen, tat dies aber nicht, ohne einige seiner Aeltesten an den Missionar Rath mit der Frage zu senden, ob diese Absicht seinen I Beifall finde. Tiefer erwiderte, daß Kähitschem tun könne, wie ihm beliebe, da der Missionar als Fremder keinerlei Anspruch auf den Boden erheben könne. Tie Botschafter waren aber keineswegs zufrieden mit dieser „ausweichenden" Antwort und versicherten, daß ich ihr Häuptling Pie ohne besondere Erlaubnis hier estsetzen werde. Von allen südafrikanischen Kaffernvölkern ind die Herero das einzige, dem der Ackerbau früher gänzlich fehlte. Handelt es sich dabei um einen Kultur- Verlust, oder haben wir ein ursprünglich rein viehzüchtendes Volk vor uns? Tie Einseitigkeit der nur als Hirten lebenden, keinen anderen Stand umschließenden Herero hat sogar den Gedanken nahegelegt, sie seien ein Glied eines anderen Volkes, der Hirtenstand, der sich mit den Herden losgelöst und isoliert habe. Tie Wahrscheinlichkeit spricht für die erstere Annahme. Halten wir fest an der Einwanderung ans einer nördlich ober nordöstlich von den heutigen Wohnsitzen der Ovaherero gelegenen Landschaft, so wohnen dort Völker, die zu den besten Ackerbauern in ganz Afrika gehören. Und wenn nun die Herero von dorther vor so kurzer Frist, wie man annehmen muß, einwanderten, so müssen sie dort an der großen folgenreichen Errungenschaft des Ackerbaues teilgenommen haben. Tie haben sie erst später sei es auf dem Wege ober in bett neuen Wohnsitzen, eingebüßt. Hand in Hand geht mit ber Ackerbaulosigkeit bei bi es em Volke bie Unkenntnis bes Tabaks, bett sie erst von ben Namaqua seit bereu Vorbringen nach Norben kennen gelernt haben. Seitbem sie sich auf Anregung ber Missionare auch mit bem Ackerbau beschäftigen, haben sie die Narnahacke angenommen. Ter Handel der Herero nach außen scheint vor der Zeit des europäischen Handels, der bis vor etwa 40 Jahren verschwindeno klein war, hauptsächlich von ihren nördlichen Nachbarn, den Ovambo, vermittelt worden zu sein. Haupttauschmittel waren Eisen- und Kupferwaren und portugiesische Perlen gegen Rinder. Glasperlen, mit denen schon Anfang ber 30er Jahre am Ngamisee von ben Bakoba (Mkaba) gehanbelt würbe, kamen auf bem Wege über das alte Monomotapa sambesiaufwärts. Tie Herero besitzen keine eigenen Schmiede, sondern lassen diese Arbeit von fahrenden Leuten aus dem Ovambolande besorgen. Vor der Zeit der Europäer hatte das Eisen hier mehr Wert als bei uns Silber- denn bie Ovamboschmiebe trugen es 15 bis 20 Tagemärsche aus ihrem Lanbe herüber. Nicht bloß Sagen ber Herero erzählen vom Nähen mit Dornen und vom Baumfällen mit Steinäxten; sie lassen mit scharfen Steinen zur Ader. Ter häufigere Besuch der Südwestküste Afrikas durch europäische Schiffe hat auch hierin Aender« ungen hervorgerufen, denen ber politische Aufschwung ber Herero zu Hilfe kam. Heute finb sie es, die den Handel von ber Küste nach ber Ngamiregion vermitteln. Rösselsprung. und fel zwei klärt ein letz glanz stend ver niß erste mit trö te er kennt aber derer ftu die her Nachdruck verboten. »