UM ■’ r (Nachdruck verboten.) Im Makak der WajaH. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Allmählich rückte die heiße Jahreszeit heran und mahnte uns, das Lagerleben auszugeben und uns in den Schutz eines Bungalows zu flüchten. Ter ausgedörrte Boden hatte tiefe Risse, die Flüsse waren nahezu eingetrocknet, im glühend heißen Winde schrumpften die Blätter ein, und drohend schlich das Gespenst des Fiebers über die kahle Ebene hin. Es war in der Tat höchste Zeit, unsere Zelte zusammenzupacken und uns nach dem Keinen, abgelegenen Städtchen auf den Weg zu machen, wo die Familie Evans ihren Hauptwohnsttz hatte. Lohara lag an einem Bergabhang, war streckenweise von Getreidefeldern umgeben und gewährte eine herrliche Aussicht auf ein wahres Meeö von Wald. Einige mit Strohdächern bedeckte Däuser, eine winzige Kirche, ein Kramladen, ein großer Hindutempel, eine Cisterne und ein Tennisplatz, das war alles, was das Städtchen ausHvweisen fiatte. Ter von üppigen Schlingpflanzen umrankte Bunga- ow des Forstmeisters lag in einem hübschen Garten, der zwar noch etwas ans Waldrevier erinnerte, sich aber durch einen prächiigen Tamarindenbaum auszeichnete, unter dessen Schatten wir zu sitzen pflegten, wenn die Hitze des Tages nachließ. Tas Haus selbst war klein und einfach eingerichtet, dafür standen aber an den weiß getünchten Wänden ganze Reihen ausgewählter und teurer Bücher. Tarin sowie in den Reisen zu ihren Kindern konnte das nur über bescheidene Mittel verfügende Ehepaar Evans wohl einmal verschwenderisch sein. Ter Anblick dieses Bücher- reichtums gewährte mir eine unerwartete Freude, und wenn sein Inhalt auch meist volkswirtschaftlicher und naturwissenschaftlicher Art war, so fanden doch auch mein Geschmack und meine Geistesrichtung reichliche Nahrung. Während der Monate Mai und Juni war die Luft besonders heiß und drückend. Mit einer Glut wie aus einem Feuerofen kommend, Miefen die heißen Winde um uns her. Von sieben Uhr morgens bis nach Sonnenuntergang blieben wir deshalb im dämmrig verschlossenen Hause, aber mit meinen jungen Augen konnte ich dennoch nähen und Mrs. Evans vorlesen; häufig spielten wir auch Schach oder Bezigue. Ter Forstmeister hatte täglich feine Bureaustunden und mit Schreibern, ankommenden Boten oder sonstigen Untergebenen zu verhandeln. Zweimal beteiligte er sich auch an einer Tigerjagd, die ihn mehrere Tage von zu Hause fernhielt. Ms Mrs. Evans und ich bei einer solchen Gelegenheit allein waren und ich ihr aus einem neuen Roman vor- laS, sah ich plötzlich, daß sie die Augen geschlossen hatte, und da ich sie eingeschkafen wähnte, hielt ich mit Lesen inne. Me elend und angegriffen sah sie aus! Noch nie* mals war es mir aufgefallen, wie sehr sie gealtert hatte, seitdem wir vor fünf Monaten zum erstenmal mit einander zusarmnengetroffen waren. Trug die Hitze allein die Schuld, oder was mochte der Grund sein? Mit einem Male öffnete sie die Augen, und als sie meinen nachdenklichen Blick sah, sagte sie lächelnd: „Nein, nein, ich schlafe nicht, ich hörte Ihnen int Gegenteil sehr aufmerksam zu. Mir scheint, der Schrift- steller will uns auf ein trauriges Ende vorbereiten. Wen« einer dieser Herren seine gefeierte Heldin auf der! letzten Seite sterben läßt, dann möchte ich ihn am liebste« dafür vor Gericht ziehen." Lachend antwortete ich: „Nun, soll ich aufs Gericht schicken? Tenn der Tod kommt unwiderruflich" „Ja, der Tod kommt unwiderruflich!" wiederholte fia „Pamela, glauben Sie an Ahnungen?" „Nein", — ich war durch ihren Ton erschreckt — „aber warum diese Frage?" „Weil ich das bestimmte und unüberwindliche Gefühl habe, daß ich die Hermat nicht widersehen werde. Mim, niemals mehr werde ich auf der holperigen Straße nach der Station Mirpur fahren. Ihr tverdet alle fortgehen und mich allein auf dem kleinen Kirchhof hier zurucklassen." „Nein, das werden wir nicht tun!" entgegnete ich hastig. „Reden Sie doch, bitte, keine solch entsetzlichen Tinge .. „ Kein Wunder übrigens, wenn einem in diesem ewige« Dämmerlicht ohne Arbeit und Bewegung schwarze Gedanken kommen; das sind die Wirkungen der Hitze, nichts weiter. Wissen Sie was, wir wollen Ms zur Teezeit noch eine Partie Wzique spielen. Nachher wird dann Mrs. Connon" — die Frau eines Zollbeamten — „zu uns herüb erkommen." „Tann müssen wir schon Schach spielen, denn Karte« mag sie nicht leiden. Sie spotten also über Ahnungen?^ ,Lch habe Sie bis jetzt immer für eine aufgeklärtes hochgebildete Frau gehallen", entgegnete ich scherzend. „Wirklich ? Eigentlich sollte ich es ja wohl auch sein. Nun, mag kommen, was will, ich bin vorbereitet. In meiner Schreibmappe habe ich einige Anordnungen niedergelegt und auch Sie dabei nicht vergessen. Mrs. Berners, eine in Punah lebende Freundin von mir, hat mir neulich schriftlich versprochen. Sie bei sich aufzunehmen und Jhrrert zu einer angenehmen Stellung zu verhelfen. Es scheint mir fast, als habe die Vorsehung Sie mir zum Tröste geschickt. Sie glauben gar nicht, ivelche unendliche Wohltat Ihre Gesellschaft für meinen Mann und mich gewesen ist, und tvenn meine Ahnungen sich bestätigen sollten, dann werden Sie über die traurigste Zeit eine unschätzbare Stütze für Robbie sein. Nicht wahr? Versprechen Sie es mir" Angstvoll fragend sah sie mich an. „Alles, was Sie wollen, verspreche ich, wenn Sitz Ihrerseits mir versprechen, sich diese düsteren Gedanken aus dem Sinn zu schlagen." 186 „Gut denn, ich will mein Möglichstes tun". Sie reichte mir die Hand. „Es ist also abgemacht." Anscheinend gelang es Mrs. Evans auch, die trübe Stimmung zu verscheuchen, jedenfalls kam sie nie mehr daraus zurück. Inzwischen >var der Monsum mit seiner ganzen elementaren Gewalt losgebrochen, mit heulenden eiskalten Winden, ungeheueren dunkelen Wolkenmassen, zuckenden Blitzen und krachenden Tonnerschlägen, bis endlich der Himmel seine Schleusen öffnete und den lang ersehnten, wolkeubruchartigen Regen herniedersandte. Ach, und wie willkommen war dann der Geruch der feuchten Erde, das aus allen Tachrinnen niederplätschernde Wasser, das wunderbar rafcye Sprossen der Pflanzen; ja elbst das Quaken der Fröscbe wurde mit Wonne begrüßt, kindlich war die Hitze vorüber! Menschen und Tiere fühlten ich in gleichem Maße erleichtert, befreit von der brüten» >en Stille eines ehernen Himmels. Auch Mrs. Evans' Lebensmut kehrte sofort zurück, lebte ebenso wunderbar rasa) wieder auf wie einer ihrer verwelkten Geranienstöcke, und wir machten uns eifrig an die Gartenarbeit, wobei ich mich nebenher auch noch mit Tennisspielen belustigte. Machte ich je einmal eine Anspielung auf meine bevorstehende Abreise, so wurde ich mit den Worten abgewiesen: „Auf nächsten Minter hatte unsere Verabredung gelautet. So weit sind wir aber noch nicht. An Weihnachten ist es, wenn überhaupt nötig, noch immer Zeit genug, Pläne zu machen. Wir selbst möchten Sie am hebften immer bei uns behalten:" „Ich wollte, ich könnte bleiben. Allein ich habe so eine Ahnung", fuhr ich lachend fort, „daß Ihre eigene Tochter bald kommen wird, und ich muß nun doch endlich einmal lernen, eine ernste Erzieherin zu werden, anstatt nur immer den verwöhnten Gast zu spielen." * Meine Ahnung erfüllte sich freilich nicht, aber mit Mrs. Evans' Vorgefühlen war es anders. Ter herrliche Monat Oktober hatte begonnen. Eifrig trafen wir unsere Vorbereitungen zu einem Ausflug in die „Ebene", wie wir die unter uns liegenden Wälder nannten. Mr. Evans hatte sich ein neues Pferd angeschafst, Mrs. Evans einen verschwenderischen Bestellzettel für Lebensmittel an eine bekannte Firma in Bombay geschickt, und wir alle waren voller Unternehmungslust und Pläne. Eines Abends kehrte ich mit den Dennisschuhen in der Hand und dem Schläger über der Schulter von einer inter- Hscmten Partie zurück und sah schon von weitem Mrs. Evans fest eingeschlafen unter dem Tamarindenbaum sitzen. Tie Post war gekommen; Zeitungen lagen auf dem Gartentisch aufgestapelt, auch uneröffnete Briefe, und einen hielt sie entfaltet auf dem Schloße, einen Bries mit schwarzem Rand. Ein entsetzlicher Gedanke durchfuhr mich, wie ich in ihr blasses, stilles Gesicht sah. Ich legte die Hand auf ihre Schulter, um sie zu wecken. Schlief sie wirklich so fest? Ich sprach sie laut an, schüttelte sie am Arm — er ftihlte sich seltsam starr und steif an. Sollte dies der Schlaf sein, für den es kein Erwachen gießt? J a, er war es. Ter Schrecken hatte mico wie gelähmt, so daß ich einige Augenblicke lang weder sprechen, noch mich bewegen konnte. Endlich rief ich die Tiener herbei, die nun die Entschlafene in den Bungalow trugen. Ter Arzt kam in atemloser Hast herbeigelaufen, vermochte jedoch nur noch festzustellen, daß Mrs. Evans seit einer Stunde tot fei. Ter in ihrer Hand befindliche, an ihren gerade abwesenden Gatten gerichtete Brief enthielt die Nachricht, daß ihr jüngstes Söhnchen, Andrey, aus dem Fenster gestürzt und auf der Stelle tot gewesen sei. Tiefer unvermutete Schlag hatte die Mutter getötet. Solange ich lebe, werde ich der schrecklichen Stunden jenes Tages gedenken, die mich, tote ich fest überzeugt bin, Um Jahre älter machten. Ich hatte Mr. Evans, der an diesem Tage ganz erfüllt von angenehmen Plänen nach Hause kam, die furchtbare Nachricht von zwei Todesfällen mitzuteilen. Bei der ersten Andeutung hielt er mich- entschieden nicht für ganz zurechnungsfähig — und doch: wo blieb sie, sollst immer die erste, die ihn willkommen hieß? Ich ergriff seine Hand und geleitete tot in den Raum, .tpv sie mit gesalfeten Händen untM toeißenBlWen M kettet lag. Schön, friedlich und glücklich sah sie auch nicht länger mehr das „traurige Wrack", wie sie sich selbst genannt hatte. Mr. Evans brach unter dem doppelten Schlage fast zusammen, und mir fiel es zu, alle Anordnungen, die ein solch trauriger Fall erheischt, AU treffen. Ich mußte Drahtnachrichten abschicken, Beileidsbesuche empfangen und Briefe schreiben. Tas Begräbnis fand am folgenden Morgen statt. Wft! durch einen Zauberstab herbeigerufen, in solcher Meng« strömten die Eingeborenen herbei, um die „Waldftau" nach ihrer letzten irdischen Ruhestätte zu geleiten. Und dort, auf dem kleinen Friedhöfe, wurde sie nuui auch, wie sie es vorausgesagt hatte, allein gelassen. Tie Verhältnisse zwangen Mr. Evans, sofort nach England zurückzukehren. Ich für meinen Teil fand die erwähnten schriftlichen Verfügungen der Verstorbenen und darunter! auch die Adresse von Mrs. Berners, jener in Punah lebenden Tarne, der Mrs. Evans mich anempfohlen hatte. Aus meine an sie gerichtete Trahtnachricht kam umgehen« die freundliche Aufforderung, mich sogleich zu ihr zu begeben, und ich beschloß, ihr zu folgen, sobald Mrp Evans nach England abgereist sein würde. Meine, Aufgabe war es, zu packen, die Möbel sicher unterzubringen und die Tienstboten zu entlassen; meine Hand mußt« das kleine, auch mir so lieb gewordene Heim zerstörens Kein Wunder, daß ich mir bei der auf mir lastenden Verantwortung wie eine ganz alte, ernste Frau vorkam. * IN Mrs. Evans' Anordnungen toar ausdrücklich bemerkt, daß Mary-Anu, die schon Jähre lang in ihren Tiensten stehende Ajah, mich nach Punah begleiten solle, da diese Stadt auf dem Wege nach Madras, ihrer Heimat, lag. Tie gute Mary-Anu, die tiefbetrübten Herzens zu ihren Angehörigen zurückkehren sollte, war eine hübsche. Jndierin mittleren Alters, welche die ihrem Stamme eigene malerische Tracht, das sogenannte Saree trug, einen viele Meter langen schmalen Stofsstreifen, in den sich die Eingeborenen von Madras mit großer Geschicklichkeit zu hüllen verstehen. Als endlich alle Vorbereitungen getroffen waren, schrieb ich an Mrs. Berners nach Punah und teilte ihr den Tag meiner Abreise mit. Tann gab ich Mr. Evans noch das Geleite auf die Bahn. Er fuhr in nördlicher Richtung, mein Reiseziel lag gen Süden. Unter herzlichem Mitgefühl und mit dem Versprechen, uns gegenseitig zu schreiben, verabschiedeten wir uns, dann heftigen Mary-Anu und ich unfern Ochsenwagen, und fort ging es in gemächlicher Gangart. Nachdem wir einen steilen Abhang glücklich hinter uns hatten, gelangten wir auf die sogenannte Jubbulpore, eine Hauptverkehrsstraße, auf der wir einen Weg von neunzig Meilen bis zur Eisenbahnstation zurückzulegen hatten. Für diese Entfernung rechnete mau zwei Tage, doch hatte es allen Anschein, daß wir länger unterwegs fein würden,^ denn es kam öfters vor, daß keine frischen Ochsen aufge- ttleben werden konnten, was oft Stunden lange Verzögerungen zur Folge hatte. Tie Nacht verbrachten wir in Gasthäusern, die Eigentum der Regierung und von dieser den Reifenden für die Unterkunft zur Verfügung gestellt waren und in der Nähe der Hauptverkehrsstraßen lagen. Tas erste dieser Gebäude stand in einem Orangenhain, hatte ein rotes Dach und sah hübsch und freundlich aus. Ein anderes, in dem wir die nächste Nacht zubrachten, war von Bäumen überschattet, dicht an einem Flußufer gelegen und — von Ratten bewohnt, großen, kecken Ratten, die an den Punkahschnüren*) auf und ab liefen und mir das fürchterlichste Entsetzen einflößten. Am Abend des dritten Tages waren wir noch immer vierzig Meilen von der Station entfernt, da die Schwierigkeit, frische Ochse» zu bekommen, immer mehr wuchs, und so langten wir an uuserm nächsten Bestimmungsort mit einem Gespann an, das durch die doppelte Wegestrecke, die man ihm zugemutet hatte, vollständig erschöpft toar. Schon den ganzen Tag hatte die Ajah über Kopfweh und Fieber geklagt, und wir beide waren von Herzen dankbar, als unsere Ochsen endlich zu einem hübschen, weißen Bungalow hinaufkeuchten, der etwas abseits von der Landstraße mitten in einem Bambusgebüsch stand. *) Punkah ist ein großer indischer Fächer mit einer Vorrichtung, daß er von einem außerhalb des Zimmers WWW . bewegt werden tzW, 187 Sonderbarerweise aber war kein Mensch in der Nühe dieses Gasthauses zu sehen, und auch der Verwalter kam nicht wie sonst zu unserm Empfang herbei. Vergebens riesen wir in den flehentlichsten Tönen: „Khansamah Jee I O Khansamah Jee!" Keine Antwort erfolgte. „Gr wird wohl im Bazar sein", sagte unser Ochsenlenker, worauf wir ausstiegen, und unser Gepäck aus die Veranda bringen ließen. Nachdem dies geschehen war, nahm unser Führer — er war einer von Mr. Mans' Tienern — den Ochsen das Joch ab, lockerte ihr« Zügel und schickte sich an, ein Feuer anzuzünden, um sich sein einfaches Mahl zuzubereiten. Ta ine AM fortwährend über Kopfweh und Fieber klagte, machte ich ihr mit einigen Decken «in Lager zurecht und begab mich dann auf die Suche nach der Dienerschaft. Tas Gasthaus erwies sich als vollständig verödet, und so schlug ich einen schmalen Fußpfad ein, der mich, wie ich hoffte, rum Bazar führen sollte, denn ein solcher Kaufladen ist ein notwendiges Anhängsel nicht nur jeder Stadt und jedes Dorfes, sondern auch jedes Gasthauses. Bald entdeckte ich ein ziemlich großes Dors, das indes ebenfalls ausgestorben zu sein schien. Tie doppelt« Reihe von Läden und Wohnhäusern stand leer und an den meisten fehlte das Tach Manche hatten sogar große, in die Mauer gehauene Löcher, und aus allen drang der scharfe Geruch eines starken Desinfektionsmittels. Keine Menschensecle, ja nicht einmal ein Tier war zu sehen. Schon bei unserer Ankunft vor dem einfachen Gast- Hause hatte die Sonne sich angeschickt, hinter einem Meer von rötlichem Golde zu versinken. Nun schimmerte von all dem Glanze der indischen Abendbeleuchtung nur noch ein dunkelroter Streifen im Westen. Während ich wie versteinert am Rande eines Brunnens stand und staunend aus die seltsame Umgebung starrte, sentte sich, wie stets in Indien, die Dämmerung so rasche wie ein niedergehender Vorhang herab, und nun wurde es mir plötzlich bewußt, daß ich mich allein in dem gespensterbaften Torfe und im Dunkeln befand. Rasch suchte ich denselben Weg zu gewinnen, den ich gekommen war, allein es dauerte doch ziemlich lange, brs ich wieder auf den Fußpfad gelangte. Als ich dann die Bambusallee nahezu erreicht hatte, hörte idj! plötzlich eilige Aufschläge, die mir folgten. Sofort blieb ich stehen und wartete. Nach wenigen Augenblicken tauchte die Gestalt eines Retters aus dem Dunkel aus, und kühn stellte ich mich ihm in den Weg. „Wo sind die Bewohner dieses Bungalows und jenes Torfes dort, o Mann?"' rief ich ihm auf hindostanisch zu. „Mas ist mit ihnen geschehen?" Und aus der Finsternis heraus antwortete eine Stimme auf englisch: tDiifßt hiß $Rpft" ,"D-ie Pest!" stammelte ich als Antwort auf diese schreckliche Kunde. Jetzt war es mir plötzlich klar, warum es in dieser ganzen Gegend so wenig Ochsen gab, warum wir während der letzten zehn Meilen kaum einer menschlichen Seele begegnet waren Md warum die Strohhütten alle verlassen standen. „Ich sah Ihre Tonga heranfahren", fuhr der Fremde fort, indem er vom Pferde stieg, „und ritt so rasch, als ich konnte, hierher, um Sie vor der Gefahr zu warnen." „Es war sehr freundlich von Ihnen, sich zu bemühen, und ich! wäre Ihnen für Rat und Hilfe dankbar", erwiderte ich, während wir dem aus der Dunkelheit uns nur matt entgegenschimmernden weißen Bungalow zugingen. „Meine Ajah und ich sind aus dem Wege nach der Station Tassi und hatten die Absicht, die Nacht hier zuzubringen, allein das Haus ist wie ausgestorben. Ich! habe gerufen und alles durchsucht; es ist niemand da." „Ta wären wir nun", sagte mein Begleiter, als wir die ersten Stufen der Veranda erreicht hatten. Außer dem jammervollen Stöhnen der Ajah war kein Laut ringsumher zu hören. „Ten ganzen Tag über hat sie schon über Kopfweh {geklagt", erklärte ich, während wir die Stufen Hinauftiegen. „Ich glaube, sie hat Fieber." Ein Schauder lief mir dabei über den Rücken, denn eine angstvolle Stimme in mir flüsterte: Sollte es die Pest sein? „Gut, ich werde sogleich Licht machen", erklärte der Fremde, dessen ganze Sprechweise den gebildeten Mann verriet. Bald darauf hörte ich ihn im Nebenzimmer hantieren und ein Streichholz anzünden. Im nächsten Augenblick erschien er mit einer Laterne, die er auf einen zwischen uns stehenden Tisch niederstellte. Tann sahen wir uns Beide an — und das Herz drohte mir vor Schreck stillzustehen: der Herr mir gegenüber war Mr. Thorold! (Fortsetzung folgt.) Verkannte Genies. Von Josepha Metz. (Nachdruck verboten.) Wie ärgerlich! Nun ist ihre Bank besetzt. Was braucht sich der lange Jüngling da gerade auf ihre Bank zu setzen. Er scheint übrigens auch zu zeichnen; er hält Block und Stift in der Hand und schaut immerfort in die Höhe. Da oben sitzt ihm gewiß ein Vogel Modell, denn sonst gibt's da doch nichts weiter als Blattgewirr und kleine Stückchen blauen Himmel. Na, sie wird sich nicht stören lassen. — Entschlossen geht sie auf die Bank zu, klappt ihr Skizzenbuch auf und beginnt zu zeichnen. Der junge Mann hat garnicht einmal aufgesehen, desto besser. Er scheint überhaupt ein Faultier; so verträumt, wie der in die Luft steht, und gezeichnet hat er noch keinen Strich Da, jetzt fängt er an, gerade, als ob ihre Gedanken ihm den Anstoß gegeben. Wenn sie nur wüßte, was er — na, es wird sich ja nachher schon Herausstellen. Jetzt muß sie arbeiten. Sie radiert ein bischen an der angefangenen Baumgruppe herum, dann sieht sie wieder zu dem Nachbar hinüber. Sie ist doch neugierig — ach, er zeichnet ja garnicht, er schreibt nur. O weh, die Handschrift! Ist das etwa russisch, oder — Sie sieht schärfer hin, nein, wahrhaftig, er stenographiert und genau nach derselben Methode wie sie, so ein Glück, nun kann sie es doch lesen. Wie schade, jetzt läßt er die Hand mit dem Block sinken und starrt wieder in die Luft. Was er wohl hat! Ob er — natürlich — er dichtet; wie interessant; wer weih, vielleicht entsteht da dicht neben ihr ein unsterbliches Werk. Sie rückt ein wenig näher. Keinesfalls wird sie ihn stören, an ihr soll es nicht liegen, wenn es der Mitwelt etwa doch vorenthalten bleibt. Ob er einer von den bekannteren Dichtern ist! Sie überlegt. Nein, er sieht keiner der Berühmtheiten, die sie dem Ansehen nach kennt, ähnlich. Eigentlich sieht er überhaupt nicht aus wie ein Dichter. Seine Haare sind fast rasiert und die Ohren die ihm weit vom Kopfe abstehen, groß, wie Eßlöffel. lieber der linken Backe hat er sogar einen Schmiß; er sieht eigentlich mehr aus wie ein Student, nur in den Augen liegt so was, und um den Mund Herum, da, wo der Schnurrbart fehlt. — Aber er wird gewiß nervös durch ihr Anstarren, er macht so eine heftige Bewegung nach dem Kops hin, als ob er sich durch die Locken fahren will, es fällt ihm über noch rechtzeitig ein, daß er keine hat. — So, und jetzt arbeitet sie. — Wie schwer diese Bäume sind, all die verschlungenen Aeste, totquälen kann man sich an ihnen. — Dichten, ja das ist etwas anderes, da braucht man nur gute Einfälle zu haben und sie aufzuschreiben. Das heißt, zu einem Gedicht gehören auch Reime, und die sind gewiß schwer zu finden; es will eben alles gelernt sein, jede Kunst hat ihre Schattenseiten. — Ob er wohl ein Gedicht macht, oder vielleicht einen Roman oder gar ein Drama? Tas Herz klopft ihr ordentlich bei dem Gedanken. O, sie wird ihn nicht stören. Arbeiten, arbeiten. Sie schiebt die Zungenspitze durch die Lippen, wie bi« kleinen Schulkinder es machen, wenn sie ihr erstes Wc auf die Schiefertafel schreiben und mit dem Griffel dabei so fest aufdrücken, daß er quitscht. „Hach, das ist schwer!" „Gott, ach Gott, nun hat sie ihn doch gestört, er sieht nach ihr hin. Sie wird glühend rot und läßt den Bleistift fallen. --- „O." Sie Lücken sich beide danach und stoßen mit den Köpfen zusammen. „Au!" „O pardon." Ein paar gehörige Dickköpfe — es hat ordentlich! geknackt und tut weh. „Hier, bitte sehr." Er überreicht ihr den Bleistift. „Danke vielmals." Sie rechen sich beide die schmerzende Stelle am Kopf, das sieht zu komisch Ms, wie auf Kommando fangen sie — 188 an zu lachen, unb, kein besseres Unknüpfungsmittel, als gemeinsames Lachen, die Konversation ist emgeleitet. „Gnädiges Fräulein zeichnen?" „O, nur 'n bißchen." „Darf ich mal?" Er beugt sich mit Kennermiene übler das Skizzenbuch. Schön ist das gerade nicht, was er da steht. Die Bäume sehen aus wie Streichhölzer mit Watte oben drauf und dabet stehen sie schief. — „Es ist noch lange nicht fertig, ich habe eben erst an- gefangen", lügt sie munter drauf los, denn sie quält sich schon den vierten Tag daran herum. Wie rot sie wieder geworden ist, die niedliche Krabbe, denn das ist sie ent» chieden, sehr niedlich sogar. Gut, daß sie vorhin so laut ;eseuszt hat, sonst hätte er sie gar nicht mal bemerkt in einer Versunkenheit. „Hm", machte er ernst, „nicht übel, ohne Zweifel Stimmung drin, nur ein bischen, wenn ich mir gestatten darf, — stehen die Bäume nicht ein bischen schlief?" „Schief?" Sie kneift die Augen halb zu. Mrklich, er hat recht, ein bischen schief stehen sie. „Es mag sein, gestern liefen hier so viele Menschen herum, man kam gar nicht zur Ruhe", verrät sie sich. Er merkt es aber gar nicht, er ist ganz in den Anblick ihres schönen, braunen Haares versunken, auf dem ein Sonnenstrahl rote Lichter weckt. Dann gleiten seine Blicke wieder zu den Bruchstückchen blauen Himmels hinauf, die zwischen der Blättermasse vorleuchten. — Mrklich gut, daß ihm die Kleine in den Weg gelaufen, sie wirkt günstig auf seine Stimmung ein. Bon der reinen Naturschrlderuna wird er nun absehen. Sie vertiefen sich beide in ihre Arbeit. — Um diese frühe Morgenstunde ist es noch ziemlich still im Tiergarten. Ein paar Reiter jagen fast lautlos durch den nahen Reitweg, Kinderstimmchen zwitschern vom Spielplatz herüber und mischen sich mit dem fröhlichen Morgengesang der Vögel. Ein Arbeiter kommt mit Besen und Hacke daher, säubert die Wege und Pfeift eines der neuesten der 110 prachtvollen Lieder; dann ist für lange Zeit wieder alles still, weltabgeschieden still. In den Augen des jungen Tages, der eben erst aufgestcmden, leuchtet noch ein schöner Traum. — Ja, so aus der Natur herausschöpfen können, die Seele, wie ein junges Bienchen in die FrühlingSmorgenberrlich- keit hinausschwirren lassen, daß ffe heimkehrt, beladen mit köstlichem Blütenstaub. Ter junge Tichter macht wieder die Handbewegung nach den fehlenden Locken hin. Dieses sich Hineinschmiegen in das schimmernde Gemisch von Farve, Licht und Luft. Wie geheimnisvoll das Rauschen und Raunen rings, wie die tausend zarten Stimmchen einem ins Herz hinein wispern: „Hör' mal mi, ich weiß was." Stno sie nicht alle seine MitarbeÜer, nahmen sie nicht Teil an seinem Schaffen, die stolzen Bäume, in deren Kronen der laue Mnd bunte Geschichten erzählt, die schaukelnden Halme, die blühenden Gesträuche, das Vogelgezwitscher und Kinderlachen, und nicht zum wenigsten das junge, hübsche Mädchen ihm zur Seite? Die Arme möchte man ausbreiten und alles umschließen. „Tas ew'ge All an meine Brust zu drücken." Ter Vers hatte sich gleichsam aus seiner Empsindung heraus krystallisiert; er stenographiert ihn, dann läßt er den Blick wieder in unabsehbare Ferne schweifen. Ta steht man nun auf der Höhe seiner Kraft und Jugend, auf der Höhe, von der man herabblickt ins Tal, wo der Mtag den Taktstock schwingt, klopf, klopf, Kipp, klapp, pink, pink, schafft und schmiedet und baut der Hände Fleiß. Und ernste Stimmen tönen dazwischen in gewicht tiger Rede und die Wissenschaft kommt, nimmt das gebaute, gehämmerte und geschmiedete und lehrt und heut und richtet. Hoch über dem Tal aber erhebt sich sonnengeküßt ein schimmernder Hügel — nach ihm breitet ine Sehnsucht ihre Arme. Tort unter den Edelbäumen ruhen, den berauschenden Duft märchenbunter Blumen atmen, von süßen Melodien sich umwiegen lassen, an den singenden Quellen knieen und einen Zweig brechen, nur ein Zweiglein vom stolzen Lorbeer. Me der Opferbuft aufsteigt aus tausend goldenen Schalen i— weiße Gewänder schimmern durchs schwarzgrüne Gebüsche, an denen rote Blüten, wie Flammen aufsprühen.. In rhythmischem Gange schreiten schöne Menschen dahfth ihre Augen leuchten, ihr Mund lächelt, ibr Fuß versehrt keine der zarten Blumen, die hingestreut oen Weg weisen zum Tempel der Gottheit. Golden leuchtet die Schwelle, wie tausend weiße Arme heben die Säulen sich an die blassen Marmorwände, wie zärtliche Locken an bleiche Mädchenwangen. Und auf die goldene Schwelle fetzt die Sehnsucht ihren Fuß. — Da aber greift das Schicksal sie bei den leuchtenden Schwingen und stößt sie hinab ins Tal, wo der Alltag den Taktstock schwingt. (Schluß folgt.) — Max Hesses Volks-Bücherei (jede Nr.20Ps.)« Soeben erschienen nachstehende neue Nummern: 71—72. John Brinckman, Vagel Grip. 'n Tönkenbok. Ein Band plattdeutscher Lyrik, der an Wert Groths Quickborn nicht nachsteht. — 73—75. Hoffmann, Tie Serapionsbrüder.- Gesammelte Erzählungen und Märchen I. — y6. Hauff, Tas Bild des Kaisers. — 77. Petersen, Die Irrlichter. — 78—79. Ger stacker, Ausgew. Erzählungen VIII. Herrn Mahlhubers Reise-Abenteuer. Zacharias Hasenmeiers Abenteuer. Humoresken. Zwei der besten Humoresken des Tichters. — 80. Eichendorfs, Brel Lärmen um nichts. Tas Marmorbild. — Diese neue Volksbücherei will die Meisterwerke der schönen Literatur aller Zeiten bringen, hierbei aber besonders Gewicht auf die Auswahl guter Unterhaltungs-Schriften legen. Tie Ausstattung der Bändchen ist sowohl in Bezug auf das Format (Oktav), als auf die vorzüglich deutliche Schrift, auf den guten Truck und das kräftige schöne Papier eine so gediegene, wie man sie bisher frei so billigen Ausgaben nicht gewohnt war. Mir wünschen dieser wirklichen Volks-Bücherei, die regel-, mäßig weiter erscheinen wird, weiteste Verbreitung l Merkreime für japanische Aeldherrnname». Jeder gute Zeitungsleser Merke sich der Japaneser Namen, weil er dann verstehh WaS im Osten vor sich geht. Hauptmintster in natura Ist Herr Gras Taro Katsura. Daß im Kriege nichts geht sutschh Kato, sorgt Graf Teraouitschi, Ferner kämpft alldort pro domo Jamagata Aritomo Dem zur Seite steht im Drama GeneralstabSches Oyama, Nebst dem Herrn Baron Kodamch Weiter ist zu merken dito Präsidente Marquis Ito, Nimmst die Hauptstadt Du inS Maul, Von Korea, so sprich Schauh Weil Du, wenn Du Sö-ul sagst, Einen großen Fehler machst. So l Hiermit ist eS genug. Qutoi-quaai tschiner- ♦«^hang-tschung I (Münchener Jugend.) Merkrätsel. (Nachdruck verböte«). ToSkana, Harfen, Freundschaft, Nachmittag, Aaentur. Von jedem Wort sind zwei nebeneinanderstehende Buchstaben tu merken, die im Zusammenhang gelesen, einen christlichen Feiev» iag bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.r Mag auch die Welt dich betten, In Trübsal und in Pein, Einst springen alle Ketten, Dann wird dein Ostern sein. (JenS Holmen^ Sei: Für die Buchstaben ist jedesmal der vorhergehende be zu setzen, für die Striche passende Vokale.) Redaktion: Angnfl Köb. — Rotationsdruck und Verlag der Brüht'schen vniversitäts-Buch« und Cteindruckerei. R. Lange, Eießen