1904. Dienstag de» 27. ^ntßer^A INGWWW «SM 4glw ^EM«WW»z« Aas Testament des Bankiers. Kriminalroman von A. M. Barbour. (Nachdruck verboten.) , (Fortsetzung.) „Hm — hm — ja", nickte Merrick, tote sinnend, vor sich hin. „Könnte ein ganz, guter Gedanke sein." „Tas ist er auch, Merrick, ich sage Ihnen, eigentlich bin ich eilt guter Detektiv." „Tas bezweifle ich keinen Augenblick", entgegnete der Detektiv mit der ernsthaftesten Miene. Tie letzten Worte wurden schon in der Kutscherstube gesprochen. Beide Herren, die unterwegs ihre Zigarren angezündet hatten, nahmen Platz und rauchten eine Weile schweigend; einer erwartete vom anderen, daß er beginnen werde. Anscheinend mit Interesse die zarten Gewinde des blauen Rauches seiner Zigarre beobachtend, hob endlich Merrick an: „Nun, was haben Sie mir zu erzählen?" „Tas wollte ich eben Sie fragen", lautete die Antwort. „O, für mich bleibt noch Zeit genug. Ich würde gern zu gegenseitigem Vergleich erst Ihre Anschauung über den Fall kennen lernen, ha Sie ihn nicht allein mit dem Auge des Juristen, sondern auG wie Sie sagen, mit dem eines guten Detektivs betrachten." Herr Whitney machte Angen, als ob er hinter diesen Worten einen leisen Spott argwöhne, doch — beruhigt von der unbefangenen Miene des Detektivs — erwiderte er: „Ich besitze allerdings in Ihrem Spezialfach nicht viel Erfahrung, indessen habe ich mir doch eine Menschenkenntnis erworben, die mich mit ziemlicher Sicherheit erkennen läßt, wie ein von bestimmten Charaktereigenschaften, beeinflußter Meusch unter den oder jenen Umständen verfahren wird. Hierauf stützt sich auch meine Ansicht über das stufenweise Vorgehen .von Frau La Grange in dem vorliegenden Falle. Nach Andeutungen Hugh Mainwarings sowie nach eigenen Beobachtungen ist sie bodenlos falsch, verschlagen und arglistig, eine Frau ohne Grundsätze von Ehre und Moral, mit einem Wort: ein geradezu gefähr- liches, zu allem fähiges Weib. Dazu konimt, daß sie beständig Hugh Mainwaring zu zwingen versuchte, sie zu heiraten oder ihr und ihrem Sohne sein Vermögen zu vermachen. Dieses unausgesetzte Drängen brachte endlich Hugh Mainivaring aus den Gedanken, die testamentarischen Bestimmungen über sein Erbe so schnell und geheim als Möglich zu treffen. Was liegt nun näher als die Annahme, daß diese Person, die La Grange, nachdem sie von der Testaments- üusncihme erfahren, den Entschluß faßte, kein Mittel zu scheuen, die vollendete Tatsache wirkungslos zu machen und ihre Pläne doch noch dnrchzusetzen? Natürlich gehörte dazu vor allen Dingen die Beseitigung des Testaments. Glückte das, dann war alles gut, glückte es aber nicht, dann' blieb ihrer Megärennatur noch das äußerste Mittel. So zu allem entschlossen, geht sie ungesäumt ans Werk. Sie laßt sofort Hobson zu sich bescheiden, den einzigen Menschen, von dem sie weiß, daß Mainwaring ihn wirklich fürchtet. Mit ihm schmiedet fte ihren Plan. Daraufhin besorgt Hobson sich einen Helfershelfer und bringt diesen im Abenddunkel mit zu Frau La Grange. Hier wird dieser Teilnehmer an der Beratung, wobei vermutlich, alle Einzelheiten des geplanten Verbrechens genau besprochen wurden. Hierzu kommt, daß Moses die drei an der Hintertür des Hauses versteckte, als Hobson und Frau La Grange ins Haus zurückkehrten. Als Hardy kurze Zeit später, während die Herrschaften noch auf der Veranda waren, die Zimmer seines Herrn betrat, traf er dort die Haushälterin und! verspürte den Geruch verbrannten Papiers, der, wie Sie nach der Katastrophe entdeckten, von dem im Kamin des Turmtzimmers verbrannten Testament herrührte. Ties alles zusammen gefaßt, läßt meiner Ansicht nach keinen Zweifel übrig, daß Frau La Grange Hobson in! die Privatgemächer des Hausherrn führte und ihn dort nach erfolgter Vernichtung des Testaments verbarg, damit er, je nach dem Ergebnisse der Unterredung zwischen ihv und Herrn Mainwaring, für sein Teil handeln könnte. Gleichzeitig versah sie löhn mit den Privatschlüsseln zur Bewerkstelligung seiner Flucht und mit dem Revolver Mainwarings zur Ausübung des Mordes, falls dieser der getroffenen Verabredung gemäß notwendig werden sollte. Als sie wenige Stunden darauf, nach dem heftigen Wortwechsel, die Bibliothek wutentbrannt verließ, tat sie das zweifellos mit der Ueberzeugung, daß auch Hobson zu keinem Resultat gelangen und somit zum äußersten schreiten würde. Ihre spätere nochmalige Wiederkehr an die Tür der Bibliothek hatte wohl kaum einen anderen Zweck, als zu erfahren, welchen Ausgang die Sache genommen hatte. Was halten Sie von dieser Auffassung?" „Sehr scharssinnig kombiniert. Und wie denken Sie Wer die Juwelen? Meinen Tie, daß sie von Hobson Geraubt wurden?" „Nein, das glaube ich keinesfalls. Ich glaube vielmehr, daß Frau La Grange sie auf irgend eine Weise schon vorher an sich gebracht hat. Für eine Kleinigkeit hat Hobson sich sicher nicht von ihr erkaufen lassen, und womit hätte sie ihn bezahlen wollen, da sie eigene Mittel nicht besitzt? Ter Verkauf des Halsbandes bleibt trotz der darüber gemachten Aussage verdächtig. Indessen muß ich sagen, daß ich ■ dieser Frage noch vollkonimen unklar gegenüberstehe.", „Konnte Frau La Grange den Geldschrank öffnen?" , „Das weiß ich nicht. Mainwaring erzählte mir vor einigen Monaten, er hätte sie bei dem Versuche, den Schrank zu öffnen, ertappt. Infolgedessen ließ er sofort den Mechanismus ändern. Wer weiß, ob sie diesen neuen Kunstverschluß nicht auch herausgefunden hat." 770 — ,,5Bro!tm scheinen Sie hierbei gar nicht in Rechnung zu ziehen?" „Bis gestern, nach seinem plötzlichen Verschwinden, hielt ihn keiner von uns direkt an der Sache beteiligt, jetzt aber bin ich doch geneigt, ihn als „Mitschuldigen nach der Tat" zu betrachten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich,, daß die La Grange ihn nach, dem Morde benützt hat, einzelne, mit dem Verbrechen in Verbindung gestanden« Gegenstände beiseite zu schassen, und deshalb erscheint mir die Absuchung des Sees so wichtig. Seiner Aussage nach ist er ja zur Stunde des Mordes noch in der Stadt gewesen." „Ja, nach seiner Aussage; tatsächlich ist er aber in jener Nacht uebrhaupt nicht in der Stadt gewesen. Um Mitternacht wurde er in der Nachbarschaft mit einigen verdächtig aussehenden Kerlen gesehen." „Wann haben Sie denn das erfahrend „O, das wußte ich schon, als Brown vom Coroner vernommen wurde." „Und da lassen Sie den Menschen entwischen? Nehmen Sie's mir nicht übel, aber das verstehe ich nicht." Ter Detektiv lächelte. Jsch will Sie beruhigen. Brown ist in guter Obhut. Ich kann ihn jeden Augenblick haben. Einer meiner Leute bewohnt mit ihm ein Zimmer in einem obskuren Wirtshaus und behält ihn! Tag und Nacht int Auge." „Alle Achtung, Merrick, da haben Sie vortrefflich vorgesorgt. Aber sagen Sie, wenn Sie doch nun Ihr Wild cm Garn haben, warum stecken Sie es nicht lieber in den Sack?" „Soll mir als Lockvogel dienen für edleres Wild. Wie weit Brown auch in die Sache verwickelt sein mag, er ist doch nur ein Werkzeug in den Händen erfahrenerer und gefährlicherer Schurken gewesen. Ich habe da verschiedene Kleinigkeiten, die mich zu dieser Annahme berechtigen. Sehen Sie", — Merrick erhob sich plötzlich und holte von einem Tisch einen in Papier verpackten Gegenstand, den er seiner Hülle entkleidet!«. „Sehen Sie zum Beispiel her! Was halten Sie von diesem rostigen Kasten?". Herr Whitney sprang voller Erregung auf. „Heiliges Donnerwetter, Mann! Ist es Möglich! Sie haben die Juwelen gesunden?" „Bis jetzt leider nur den leeren Kasten", war die ruhige Antwort. „Und wo in aller Welt haben Sie ihn gesunden?" „Im See!" „A—h! Wann denn?". „Heute, nach! Sonnenaufgang, während Sie noch schnarchten." „Hören Sie, Merrick, Sie sind doch! ein Teufelskerl. Ich glaubte, man könnte eher ein Wiesel im Schlafe fangen, als Sie einmal im Bette finden. Uebrigens scheint mir Ihr Fund eine starke Bestätigung meiner Ansicht, daß die La Grange die Juwelen geraubt und sich oen Beistand Browns erkauft hat. Finden Sie das nicht auch?"■ Ohne etwas zu erwidern, zog Merrick jetzt den aufgefischten Revolver hervor und reichte ihm dem Anwalt. „Was meinen Sie zu dem Stücks" „Wo haben Sie denn das rostige Ting her? Auch aus oem