1904. ZS8 Og BSB ,.. »» MM p™ iV-fcT&Q Iinmmy.^M^ ■ WB! mUlOl WM ftyuiir Kin angenehmes Gröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es fiel ihm schwer, eine wahrheitsgemäße Antwort M geben, doch einsehend, daß er der Geliebten vor allem Wahrheit schulde, gestand er niedergeschlagen: „Mein Vater wird meine Wahl kaum billigen, wenigstens . . ." „Erich, was sagst Du?" ries Ljubiza ganz entsetzt. Er drückte sie fest an sich und hielt den Arm, wie beschirmend, um sie geschlungen. „Habe keine Angst, mein süßes Mädchen", redete er ihr zu, „solange wir selbst fest zu einander halten, kann uns keine Macht der Welt trennen." , Mit bärbeißigem Gesicht, aber vergnügt die Hände ineinanderreibend, brummte der Pfarrer: „So ist's recht, Schädel gegen Schädel!" „Ja, was hat denn Dein Vater gegen mtd)?" fragte Ljubiza völlig verschüchtert, „er ist doch immer so lieb zu Mir gewesen und . . ." „Wie könnte man auch anders zu Dir sein", schmeichelte er, „nicht Deinetwegen ist er gegen unsere Verbindung, sondern . . ." Erich stockte ein wenig und sah fragend zu dem Pfarrer hin. „Nur heraus mit der vollen Wahrheit", ermunterte ihn dieser, „erfahren müssen wir sie ja doch." Erich gab sich einen Ruck. „Nun denn, da Sie es erlauben, will ich aufrichtig und ohne jedwede Beschönigung sprechen"- sagte er ent- schlofsen. „Mein Vater trägt es dem Herrn Grafen nach, daß er Ihre Partei gegen den Onkel ergriffen hat, und ehe er nicht sein Unrecht einräumt — verzeihen Sie, das rst nicht meine, sondern meines Vaters Meinung — solange er also nicht sein Unrecht einräumt, will er von einem engeren Anschluß unserer Familien absolut nichts wissen." „Daß Dich doch gleich die Mücke sticht!" wetterte der Pfarrer, „demnach bin also ich in seinen Augen der Sündenbock!" Erich nickte und sah dem Pfarrer, der, abgerissene Worte herausstoßend, auf und nieder rannte, mit besorgten Blicken nach Dann 'machte er sich sanft von der Geliebten los und vertrat dem Erregten den Weg. „Vater Adame", bat er mit herzlicher Schlichtheit, „wenn Ihnen an unserem Glück etwas gelegen ist, dann sprechen Sie sich mit meinem Papa offen und ehrlich über die Vergangenheit aus. Wenn erst dieses unselige Mißverständnis — denn nur um ein solches kann es sich handeln — aus der Welt geschafft ist, dann wird er gewiß freudiaen Herzens unsere« Bund segnen." Mit gesenktem Kopf hatte ihm der Alte zugehört. Nu« richtete er den Blick aus ihn und sagte mit tiefer Wehmut in der Stimme: „Es ist geradezu ungeheuerlich wie er mich, der ich wie ein echter Christ handelte, für de« Schuldigen halten konnte! Mich, der ich durch seinen Vetter so beschimpft wurde und der ich trotzdem nie an Vergeltung gedacht habe! Das tut weh, mein Sohn, bitter weh." Er wandte sich übermannt durch die Erinnerung an die ihm widerfahrene Schmach, erschüttert um und suchte die jäh aufsteigenden Tränen gewaltsam zurückzuhalten. Das junge Paar sah sich betroffen an. In heißem Mitleid umschlang dann Ljubiza zaghaft seinen Nacken und fuhr ihm, ohne ein Wort dabei zu verlieren, mit der Hand liebkosend und beruhigend über die Stirn. „Du bist ein liebes, ein gutes Kind", dankte er ihr. Erich hatte seinen Schmerz durch Schweigen geehrt^ nun aber hielt er es für seine kindliche Pflicht, auch- für den Vater eine Lanze einzulegen, und entschlossen bat er: „Erlauben Sie mir ein offenes Wort?" Der Pfarrer nickte nur, und Erich fuhr fort: „Meinen Vater trifft nicht so schwere Schuld, als es den Anschein hat. Wenn er Ihnen Unrecht getan hat — woran ja gar nicht mehr zu zweifeln ist — so liegt es nur in dem blinden Vertrauen, das er seinem Vetter schenkte, der ihn ausdrücklich vor Ihnen — warnte." „Und er, der solch namenloses Unhell über mein Haus brachte, hatte noch den traurigen Mut, vor mir zu warnen!" entrang es sich gequält des Pfarrers Brust. Dann sich zusammennehmend, sagte er ganz ungläubig: „Ich kann es mir gar nicht erklären, wie er ihm das schreckliche Ereignis dargelegt haben mag, daß überhaupt nur der Schatten einer Schuld auf mich fallen konnte?!" „Wir wissen ja bis heute nicht, was geschehen ist", gestand Erich verlegen, „um es von Ihnen zu erfahren, kam ich ja heute herüber." „In seinem Auftrage?" fragte der Pfarrer gespannt. Einen Moment zögerte Erich mit der Antwort, dann gaö er der Wahrheit die Ehre und sagte: „Nein." Der Pfarrer seufzte recht schwer. „Also ungeprüft hält er mich irgend einer schlechte« HSndlung fähige', meinte er bitter. „Lieber, lieber Vater Adame", bat Ljubiza herzlich, „vergessen Sie unseretwegen die Ihnen widerfahrene Kränkung, seien Sie großmütig und verzeihen Sie ihm seine« Arg^Mew liebes Kind" entgegnete der Alte voller Milde, „ich 'habe schon viel Schmerzliches verziehen, sogar ihm —i doch genug davon", unterbrach er sich, „ich fahre jetzt sofort zu Deinem Vater, um mit ihm zu beraten, ob er oder ob ich selbst ihm die Wahrheit hinterbringen soll, und reicht er mir dann, sein Unrecht bekennend die Hand, so habe ich vergeben und vergessen." Gerübrt und in der sicheren Zuversicht, daß nun Nicht- 506 mehr ihrem Glück im Wege stünde, dankten ihm die Liebenden. „Ach, Kinder, ich tue ja nichts weiter als meine priesterliche und menschliche Pflicht", lehnte er mit mildem Lächeln ihre überguellenden Beteuerungen ab, „unser Herrgott lasse mich nur in Euch ein glückliches, in heiligem Frieden und ungetrübter Eintracht lebendes Paar sehen, dann bin ich für mein bißchen Selbstüberwindung reichlich und überreichlich belohnt." Darauf begleitete er sie nach dem Hof, gab Auftrag zum Anspannen des Wagens und reichte ihnen, die sich mittlerweile auf ihre Pferde geschwungen hatten, zum Abschied die Hand. Als sie zum Tore hinausritten, fuhr eben Herr von Szabo am Pfarrhaus vorüber. Er grüßte höflich und schaute ihnen mit hämischem, nichts Gutes prophezeiendem Lächeln nach. Der auf so dumme Weise vereitelte Waldverkauf, für dessen Zustandekommen ihm von Brabar eine nicht un- bedeutende Provision zugesagt worden war, hatte ihm einen argen Strich durch die Rechnung gemacht. Seine Laune war daher die allerfchlimmste. Mit Herrn von Höchstfeld wegen dessen Narrheit zu rechten, durfte er natürlich nicht wagen, dafür bot sich aber jetzt die schönste Gelegenheit zur Rache an Erich für dessen offen und unverblümt zur Schau getragenes Mißtrauen. Am Herrenhof angelangt, beeilte sich Szabo, den Major, der gerade sein Jagdgewehr vom Riegel nahm, aufzusuchen. Mit kurzen Worten erstattete er ihm Bericht von dem Ausladen der für die Zuckerfabrik angekommenen Maschinenteile. Herr von Höchstfeld schmunzelte voller Behagen. „lind wann kommen die Monteure?" erkundigte er sich eifrig. „Sie sind für nächste Woche anaemeldet." „Nun, dann werden wir diesen vorsintflutlichen Fnrchenritzern wohl bald zeigen können, was rationelle Wirtschaft heißt! "sagte der Major, die Hände vergnügt ineinanderreibend, „speziell auf das Gesicht dieses Besserwissers, dieses Stepenaz, bin ich begierig, der mir mit Sitter Großsprecherei zu imponieren glaubt! — Und nun dien, ich will noch vor Sonnenuntergang ein paar Hasen zur Strecke bringen." Herr von Szabo räusperte sich ein wenig. „Mollen Sie vielleicht noch etwas?"' fragte Herr von Höchstfeld, sich umwendend. „Ich weiß nicht, Herr Major, ob ich mir erlauben darf, über Dinge zu Ihnen zu sprechen, die mich als Fremden eigentlich nichts angehen dürsten", sagte Szabo mit anscheinender Selbstüberwindung, „allein Ihr mir stets bewiesenes Vertrauen macht es mir zur Pflicht, Ihnen reinen Wein einzuschenken." Der Major stutzte und kehrte sofort nm. „Was ist's, sprechen Sie", bat er. ,!,Jch möchte nur nicht gern als Denunziant gelten", saldierte sich Szabo den Rücken. „Unbesorgt, mir, der ich Sie so getrau kenne, liegt solch ein Gedanke fern und sonst wird niemand etwas von unserer Unterredung erfahren", versichert ihm der Major. Noch einen Moment überlegte Szabo, dann begann er vorsichtig: „Mir ist Ihre völlig begründete Aversion gegen den Grafen Stepenaz und gegen den Pfarrer schon sest langem bekannt — ebenso genau weiß ich aber auch, daß Ihr Herr Sohn Ihre Anschauungen nicht teilt, vielmehr. . ." „Er hat sich einfach zu fügen-", unterbrach ihn der Major." „Gewiß, das sollte und müßte er", pflichtete ilstn Szabo mit dem Brustton lauterer Biederkeit bei, und ebenso ehrlich klang der bedauernde Nachsatz — „aber wie selten begreifen Kinder die wohlmeinenden Warnungen der Eltern! Ich will gegen Herrn Erich gewiß nichts gesagt haben, er ist ein tüchtiger junger Manu, aus dem mit der Zeit ein S brauchbarer Landwirt werden könnte, — solange ihm » Liebesgedanken im Kopfe stecken, werden war auf seine ernstliche Mitarbeit verzichten müssen." Der Major begann zu verstehen und argwöhnisch fragte er: „Sie wissen etwas Bestimmtes ?" ,>Es ist mir wirklich, peinlich, darüber zu sprechjest", erklärte Szabo vorsichtigerweise noch einmal, „aber ich- Habe alle Ursache, zu glauben', daß er in! eiste schlaugestellte Falls geraten ist." „Wie das?" „Ich sah ihn eben Mit Komtesse Lsubiza das Pfarrhaus verlassen, wo sie sich wohl nicht das erstemal getroffen! haben werden. Der geistliche Herr spielt zu gern die Vorsehung, und deshalb kann er es sich nicht versagen —" „Nun, ich will ihm den Geschmack daran gründlich verleiden", fiel ihm der Major zornig ins Wort, „meinem Vetter hat er damit leider das Genick gebrochen, bei Erich soll es ihm sicherlich nicht so leicht gelingen. Sobald der Junge nach Hause kommt, will ich ihn ins Verhör nehmen und wehe ihm, wenn er nicht sofort Ordre pariert." „Ich darf Ihnen nicht widersprechen, Herr Major. Sie müssen am besten wissen, was Sie zu tun und zu lassen haben", bestärkte ihn Szabo in seinem Vorsatz, „im Interesse des ferneren Zusammenarbeitens möchte ich Sie indes bitten, meine Perfon vollkommen ans dem Spiele zu lassen." „Das ist ja ganz selbstverständlich", beruhigte ihn Herr von Höchstfeld, und nachdem er ihm für seine Aufrichtigkeit besonders herzlich gedankt, bat er, auch mit seinen! ferneren Beobachtungen nicht hinter dem Berge zu halten. Szabo gelobte es ihm in die Hand und ging. Unruhig auf- und abwandelnd, überlegte der Major her und hin. Daß sich Erich in das frische, lebenslusstge und lebensdurstige Ding verliebt hatte, fand er nur zu begreifliche unverzeihlich dünkte es ihm aber, daß er sich nicht vor Augen gehalten, wessen Tochter sie sei! War er denn wirklich so verblendet, zu glauben, ihm diejenige als Schwiegertochter ins Haus führen zu dürfen, deren Vater sich offen als Intimus des Todfeindes seiner Familie bekannte? Ja, ja — sagte er sich nach einigem Ueberlegen seufzend — Szabo hat ganz Recht, der Junge ist einer schlau eingefädelten JNtrigue zum Opfer gefallen, hinter welcher wieder dieser Pfarrer steckt, dessen einziges Sinnen und Trachten nur dahin geht, uns um unsere Ruhe und Zufriedenheit zu bringen. Wütend hing er das Gewehr über die Schulter und eilte nach dem Walde, um vielleicht dort etwas ruhiger zu werden. Das von ihm aufgescheuchte Wild hatte indes einen Festtag, denn, ohne es auch nur zu beachten, ging er immer weiter und weiter. Durch ein dröhnendes „Halt!" wurde er plötzlich aus seinen, sich immer ent selben Kreise drehenden Gedanken ausgerüttelt. Aergerlich blieb er stehen und schnarchte den vor ihm postierten Stepenazschen Waldhüter, der ihn erst jetzt erkannte, zornig an: „Nanu, Du Esel, was willst Du denn?!" „Eh, Herr, verzeihe nur", entschuldigte sich dieser, „aber „aber ich wußte ja nicht, daß Du es bist." „Und wenn ich es nicht gewesen wäre, was dann fragte Herr von Höchstfeld. „Ja, dann hätte ich Dich in den Gemeindearrest abgeführt, denn unser Herr Graf wills nicht länger dulden, daß ihm die Städtischen ohne Erlaubnis das Wild abschießen." Der Major nickte. „Darin hat er recht." „Eh, ob er recht hat, weiß ich nicht", bezweifelte der Bauer, „denn unser Herrgott hat ja das Viehzeug nicht allein für ihn in die Welt gesetzt; doch er hat zu befehlen und wir haben nicht zu fragen, sondern zu gehorchen." Jetzt erst, kam es Herrn von Höchstfeld zum Bewußtsein, daß er auf fremde und noch dazu auf Stepenazev Gemarkung geraten fet. Dem Bauer einzugesteyen, daß er die Grenzen feines Gutes nicht kenne, war ihm peinlich, und so kehrte er llrrzweg um. Im Verlaufe des Gespräches hatte er aber eine Seitenschwenkung gemacht, und so wanderte er, ohne es zu wissen, immer noch aus „feindlichem" Territorium. Nach kaum einer halben Stunde scholl ihm abermals ein donnerndes „Halt!" entgegen, und auch diesen Waldhüter fuhr er mit einem „vermaledeiter Esel" ans Diesmal war er jedoch an den Unrechten gekommen, denn dieser, ein Bruder des entlassenen Verwalters, wollte sich die günstige Gelegenheit zur Vergeltung keinesfallss entschlüpfen lassest , Er tat also, als wenn er ihn nie itst Leben gesehen hätte, zwang ihst mit vorgehalt-enem Ge- — 507 wehr zur Ablieferung seiner Waffe und führte ihn, trotz allen Schimpfens und Fluchens nach dem Gemeindekotter ad. Herr von Höchjstfeld schäumte vor Wüt, da aber sein Begleiter fein Wort Deutsch zu verstehen schien, so war es ihm absolut unmöglich, sich verständlich zu machen. „Höchstfeld auf Dolina!" schrie der Major in höchster Erregung und überzeugt, daß der dumme Kerl bei Nennung dieser beiden, ihm doch sicherlich bekannten Namen, auf seinen Irrtum kommen müsse. Der Waldhüter nickte indes nur höhnisch,, als ob er sagen wollte: Also auch drüben hast Du gewildert. Tu Lump! — und trieb ihn rücksichtslos vorwärts. Zähneknirschend ergab sich der Major in sein Schicksal und ging vor dem, mit schußbereiter Waffe hinter ihm Daherschreitenden dem Dorfe Stepenaze zu. Von den ersten Häusern an schloß sich ihnen ein immer mehr und mehr mrwachsender Troß an. Die Kinder, die sich an dem seltsamen Schauspiel ganz besonders ergötzten, riesen ihm eine ganze Blütenlese der wunderbarsten Kosenamen zu, und da er diese glücklicherweise nicht verstand, und deshalb daraus auch nicht reagierte, so taten sie noch ein übriges und bewarfen ihn unter Gejohle und Ge- qretsche mit Straßen schmutz und Lehmkugeln. Seiner Sinne kaum mehr mächtig, rief Herr von Höchstfeld in den nachf- drängenden Haufen: „Ihr verfluchten Schurken, kennt Ihr mich denn nicht? So sagt doch diesem Ochsen, wer ich bin!" ' (Fortsetzung folgt.) Aus dem Schwarzwalde. (Nachdruck verboten.) Wie wohlig streckt cs sich in dem schmalen Bett, das in einem Zimmerchen steht, zu dessen Fenstern herein Berggipfel grüßen und würzige Tannenlust weht. Äh, man weiß, daß einem hier nichts int Frühlingsschlummer stört, kein Pfeifen die Träume zerreißt, kein teppichklopfender Küchendragoner die sanften, für die Stimmung des ganzen Tages bedeutungsvollen Dämmerungs- zustände des Halbschlummers mit schrlllen Disharmonien vernichtet. Man freut sich darauf, daß der Waldbach draußen noch rauschen wird, wie er es am Abend tat, als er uns in den Schlaf sang, daß eine Amsel uns ihr Morgenlied zwitschern wird oder Zn Fink, und daß wir vielleicht die Herdenglocken läuten hören. Das Walddörfchen liegt int Schwarzwald, das ich ausgesucht habe, um jene tiefe, wohltuende Nervenrast zu halten, die uns Städtern so nötig ist wie das liebe Brot. Ich schlummerte gegen Mstternacht mit den angenehmsten Erwartungen ein. Da plötzlich reißt mich ein donnerndes Getöse aus einem der entzückendsten Träume, die mir je beschert gewesen. Ich fahre empor. Das Morgenlicht ringt noch mit den Mächten der Finsternis. Fahl lugen die bewaldeten Höhen durch die Fensteröffnungen. Was bedeutet, das? Stürzt da draußen ein Berg zusammen? Oder introdnziert sich solchermaßen ein Schwarzwaldgewitter? Aber mein fruchtloses Grübeln wird durch einen zweiten Schlag unterbrochen. Nun springe ich aus den Federn und stecke den Kopf durchs Fenster. .„Was ist denn da blos los?" frage ich. „Dösch isch ei Grüsch vom Herrn Schwarz aus Freiburg!" sagt vergnügt eine Stimme über.mir, und wie ich aufschaue, sehe ich in das lustige Antlitz meines Tischgenvssen vom gestrigen Abend, das unter einer mächtigen Zipfelmütze austaucht. Er hat nämlich eine Glatze wie der Exerzierplatz groß. .„Was für ein Schwarz?" frage ich gedankenlos, aber verdrießlich. „Der das Pulver er- funde hat!" entgegnet der Schalk. .„Sie schieße nämlich, die lustige Bube!" Und .auf weitere Erkundigung erfahre ich, daß heuer der Grundstein zu einer neuen Kirche gelegt werden soll, was man offenbar nicht ohne Mitwirkung von Kanonen für denkbar hält. Seufzend ergebe ich mich in mein Schicksal. Mst der ersehnten Ruhe war es eben nichts für heute. Denn die Buben schossen weiter, als wäre ihrem Landesvater ein Prinz geboren, und die Berge gaben den Schall verstärkt zurück. Es war ein heidenmäßig christliches Vergnügen, das mich schließlich zum Frühaufsteher machte und aus dem Dorf in die Berge trieb. Morgen war ja auch noch ein Tag, an dem ich über den verunglückten Ruhebeginn von heute sicherlich Herzhast lachen würde. Und so wanderte ich durch die prächtigen Edeltannenwälder, an Keinen, hier trotz des regenarmen Sommers lustig weiterplätschernden Quellen vorüber, unbekannten Bergkuppen entgegen. Von verstreuten Wallnußbäumen lockten die grünen Früchte, sodaß ich nicht widerstehen konnte und lange Finger machte. Es sah mich ja niemand in dieser himmlischen Waldeinsamkeit- Aber der Ried- tnattbauer, hei dem ich gegen Msttag Einkehr hielt, erfuhr es doch. Von meinen Fingern nämlich, die sich schön gebräunt hatten, als solle ich ein Zigeuner werden, und sie müßten den Anfang dazu machen. „So müscht's immer gechn, win eins lange Fingerle ma.cht!" sagte..er schmunzelnd und brachte mir zum Willkommen das traditionelle Gastmahl: Brot mit leicht mit Knobloch eingeriebenem Krenspeck und Kirschwasser. .Es hieße den Bauer beleidigen, wollte man nicht zulangen. Außerdem schmeckt es delikat, nämlich das Kirschwasser. .Alkohol soll ich ja nach Möglichkeit meiden. Und der kristallklare Willkommstrunk füllte ein respektables Wasserglas. .Nachher führte mich der Bauer durch sein prächtiges Besitztum, das Haus mit dem weitausladenden Dach und den braunen Galerien um Giebel und Längsseüe, die Scheune, die über den Wohnräumen liegt, aber durch Einbau des Hauses in die Berglehne doch mit Pferd und Wagen zu erreichen ist, die Ställe, in denen das saubere Vieh steht, allerdings ohne die harmonischen Glöcklein, und die Brennerei, in der er sich seinen Bedarf an „Kirfchgeischt" selber herstellt. Dieses Kirschwasser des Schwarzwaldes ist eine höchst kräftige Nummer und hat mit dem Sherry Brandy der Engländer nichts gemein. Es erinnert am meisten an den Slibowitz oder Pflaumenschnaps, den wir törichter- weife den Czechen in Massen abkaufen. .Man follte stast desserr dem Kirschwasser des Schwarzwälders mehr Raum gönnen, soweit man dem nichtsnutzigen, manchmal aber doch recht willkontmenen Alkohol nicht ganz und gar die Tür verschließen will. Die halbwilden Kirschbäume, aus deren Früchten der Bauer hier dieses „Wasser" brennt, stehen in manchen Teilen des Schwarzwaldes in großen Mengen und müssen.zur Blütezeit im Mai zwischen dem lichtgrünen Laub der Buchen und dem dunsten Tannengrün ein eigenartig schönes Bild hervorzaubern. Ehe ich Abschied nahm vont Riedmattbauern, .lernte ich auch sein Töchterlein kennen, eine gesunde Zwanzigerin mit schelmisch- braunen Augen und rotglühenden Wangen. Das Haar trug sie in einem Nest am Hinterkopf befestigt. .Ihr Weißes Brusttuch zeigte eine höchst farbenfreudige Blumenkante. Ach, aber auch sie konnte mir den Estauben an die Wahrheitsliebe Freiligraths nicht toiebe« geben, der mir schon vorher arg in die Brüche gegangen war. „Und ihr, im Schmuck der langen Zöpfe, Ihr Schwarzwaldmädchen braun und schlank" hatte es mir im Sinn gelegen, als ich hereingefahren war in diest grüne Herrlichkeit. Aber die Schlankheit habe ich bisher vergeblich gesucht. Sie haben alle einen stattlichen Hüstumfang, der unsere Begriffe von Schlankheit weit übersteigt, diese Schwarzwaldschönheiten. .Ist das nun in dem halben Jahrhundert, seitdem Freiligrath das Lied gedichtet, so sehr anders geworden? . . . Ich stellte die gleiche Frage abends an meinen Tischgenossen, der die Lösung des Rätsels wieder mit überraschender Schlagfertigkeit zu tage förderte. „Die Schlanke sind ehe damals alle übersch Meer gefahre!" erklärte der schalkhafte Schwob und blinzelte mich so fröhlich dabei an, daß ich mitlachen Mußte. Recht hat er. Es sind ja „Auswanderer", bte der Dichter schildert. Aber es ist doch schade, daß nicht ein paar Schlanke wenigstens daheim geblieben sind damals !" ... A. R. Die Wohltaten der Mkterien. Die großen Entdeckungen über den ungeheuren Einfluß einer großen Zahl von Batterien auf die Uebertragung von Krankheiten haben die ganze Sippe dieser Kleinwesen derart in Mißkredit gebracht, datz die meisten Menschen gar nicht mehr glauben wollen, daß man überhaupt etwas Gutes über die Batterien sagen könnte. Das ist nun ein dicker Irrtum, denn man tarnt auf der andern Seite sogar nachweisen, daß die Bakterien für viele Dinge, die zu unserer Lebensführung .und zum Lebensgenuß gehören, durchaus unentbehrlich sind. Man kann sogar die Frage aufwerfen, ob unser Leben ohne Batterien überhaupt denkbar wäre. Diese Auffassung ist noch nie in so ernster Weise hervorgehoben worden, wie durch die Forschungen von Dr. Charrin, der in einer der Pariser Aka- nentie der Wissenfchasten eingereichten Arbeit nachgewiesen hat. daß erwachsene Tiere in einer völlig batterienfreien Luft und bei batterrensreier Ernährung.in ihrer Lebensfähigkeit erheblich beeinträchtigt werden. ™ r, . , .. Der Forscher hielt eine größere Zahl von Meerschwemchen, bte die gleiche Menge von Nahrung erhielten. Alle Nahrungsstoffe waren durch Erhitzung von Batterien befreit. Die eine Gruppe von Tieren bekam sie in diesem sterilisierten Zustand zu fressen, während sie für die übrigen Tiere erst noch mit Staub bestreut, also sicher wieder mit Bakterien verunreinigt würben. Es stellte sich heraus, daß die mit sterilem Futter versehenen Tiere nach einem Zeitraum von 3 bis 5 Wochen stzrben. Wenn eines der Mecrschtveinchen, wie es in wenigen Fällen geschah, auch bei der gewöhnlichen Ernährung früher' starb, so ließ sich immer nach- weisett, daF besonders giftige Bakterien in dem der Nahrung hinzugefügten Staub enthalten gewesen waren. Die Sektion ergab, daß die steril -gefütterten Tiere Darmentzündungen unb Gallen- störungen erlitten Hatten. E» ist zum Verständnis dieser Tatsachen zu berücksichtigen, .daß in den Eingeweiden aller lebenden Wesen immer lebende Batterien vorhanden sind, die aber wegen der Berührung mit verschiedenen chemisch ungünstig wirkenden Stoffen ein schweres Dasein haben. Sie würden daher bald gattz verschwinden, wenn der Mensch und die Tiere nicht immer mit ihrer Nahrung aufs neue Batterien aufnähmen. In der Tat haben die bakteriologischen Untersuchungen gezeigt, daß im Darm der steril gefütterten nnd daran gestorbenen Meerschweinchen überhaupt keine Bakterien mehr vorhanden waren. 608 Die wichtigste Entdeckung Charrins ist darin zu suchen, daß per diesen Tieren die Verarbeitung der Nahrung eine entfdjiebene Verlangsamung erfahren hatte, sodaß schließlich die in den Nährstoffen enthaltene Zellulose und auch gewisse Eiweißverbindungen nicht mehr vom Körper ausgenommen werden konnten und deshalb Entzündungen mit tödlichem Ausgang hervorriefen. Danach erscheint es völlig klar, daß gewisse Bakterien innerhalb des mensch- lifchen imi> tierischen Körpers nicht nur keinen Schaden anrichten, sondern von ganz entschiedenem Nüßen sind. Deshalb wird man sich auch wohl überlegen müssen, inwieweit eine Befreiung der Nahr- ungsnlittel von Bakterien dem Menschen zuträglich sein kann. Die Möglichkeit wäre denkbar, daß ein übertriebener Kampf gegen die Bakterien in wichtigen Beziehungen das Gegenteil von dem erreichte, was er erreichen wollte. Vermischter. * Neber die masurische Sprache veröffentlicht O. Gerß in den „Mittellungen der Literarischen Gesellschaft Maso- via" einen Aufsatz, dem der „Globus" einige interessante Angaben entnimmt. Das heutige Masurisch ist dieselbe, Sprache, die im 14. und 15. Jahrhundert die niederen Stände in den östlich und südlich vom .heutigen Ostpreußen gelegenen Teilen des Königreichs Polen Mprochen haben. Auch die südlich und südwestlich von dem heutigen Ostpreußen gelegenen Telle Polens hatten damals in den unteren Ständen dieselbe Sprache, mit den geringen Unterschieden unvermeidlicher Provinzialismen. Nur in der Aussprache des Polnischen differierten Osten und, Westen, und diese Differenz macht sich bis heute geltend, wobei die Grenze den Ortelsburger Kreis schneidet. Die Hauptdifferenz betrifft nach Gerß die Aussprache des sz und cz; im nordöstlichen Masuren spricht man es .wie das scharfe s und das scharfe z aus, im übrigen Masuren wie sch und tsch Das z wird ferner im nordöstlichen Masuren wie ein weiches s, im Südwesten wie ein weiches sch gesprochen, dieses in Uebereinstimmung mit der Aussprache och gebildeten Polen. Endlich bildet noch die Aussprache des l eine Differenz, indem der nordöstliche Masur nicht im stände ist, diesen Konsonanten richtig auszusprechen. .Jede Abweichung, jede eigentümliche Betonung, wird auf das peinlichste von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt, und so hielt bei säst gänzlichem Mangel mt Literatur die mündliche Tradition seit der Einwanderung, Mo 500 Jahre lang, die Sprache des Mittelalters unverändert aufrecht. Nur mußte bei dem Mangel an Weiterbildung .und an Literatur beim Fortschreiten der Kultur die deutsche Sprache, als die offizielle Sprache der Landesregierung, aushelferid eintreten, und so kamen viele deutsche Wörter, die mit polnischen Endungen versehen wurden, in die masurische Umgangssprache hinein. Daß diese jetzt überhaupt noch als polnisch erkennbar ist, verdankt sie lediglich der polnischen Bibelübersetzung und denk polnischen Kirchengesangbuch sowie einer kleinen Zahl polnischer Andachts- und Predigtbücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist Uebersetzungen aus dem Deutschen. Diese Lüe- ratur ist durchweg in der Volkssprache des Mittelalters geschrieben, die bei den heutigen gebildeten Polen natürlich als gänzlich veraltet und minderwertig gilt, die unberührt geblieben ist von der Fortbildung des Polnischen im Königreich Polen durch eine reiche Literatur und große Dichter. * Zuviel Frauen. Die geringe Zahl der Verheiratungen in Großbritannien und Irland erhellt aus einer jüngst veröffentlichten Statistik: Danach sind von den 20102 408 männlichen Individuen in den Vereinigten Königreichen nur 6 867 250 Ehemännern tntb 711105 Witwer. Von den 21357 313 Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes sind 6998 823 verheiratet und 1632 843 Witwen. Die Zahl der Junggesellen beträgt also 12 524 053 und die der unverheirateten Frauen 12 724 647, sodaß sich das betrübliche Nesultat ergibt, daß 200 594 Frauen überhaupt keinen Mann bekommen könnten, selbst den Fall gesetzt, daß alle Männer heirateten. Die Ehemänner machen nur 34.2 Proz. in Großbritannien und Irland aus, die ^erheirateten Frauen nur 32.8 Proz. Doch wird der geringere Prozentsatz an verheirateten Frauen wieder ausgeglichen durch die große Anzahl von Witwen, die über das Doppelte von der der Witwer beträgt. Die besten Chancen, einen Mann zu bekommen, hat die Frau von allen drei Königreichen noch iz Irland, wo auf 1000 Männer 1027 Frauen kommen; schwere ist es schon in Schottland, wo 1000 Männer immer 1057 Frauen gegenüberstehen. Die größte Aus- wcchl für den Mann aber bietet sich in England, wo 1068 Frauen ans.1000 Männer kommen. ^lyrische UreisLonLurrevz. Wir geben im Nachstehenden drei Gedichte wieder zur Beurteilung durch unsere ganze Leserschaft, und bitten, jedem der drei Gedichte eine Zensur zu erteilen. Das am besten gefallende soll die Nr. 1, das weniger ansprechende Nr. 2 und das dritte Nr. 3 erhalten. Die Zensuren sind durch Postkarte (nicht Brief) um" gehend, spätestens bis zum 31. d. M., an die Redaktion der Gießener Familienblätter (nicht des Gieß. Anz.) zu senden. Dabei sind nur die Gedicht-Anfänge wied«> zugeben unter Hinzufügung der Zensur; also z. B.: Ich denke Dein im Morgenlicht, Nr. I, Ich denke Dein, hab ich vom deutschen Liede, Nr. II, Ich denke Dein, wenn mir der Sonne, Nr. III. Mit dem Gedicht, welches die Nr. 1 am häufigsten erhält, sollen drei Preise verbunden werden. Die Verteilung richtet sich nach dem Werte der in einen kurzen Satz zusammenzufassenden Kritik aller Gedichte, oder des am besten, oder des am wenigsten gift befundenen Gedichtes. L Mähe der Geliebten. Ich denke Dein hn Morgenlicht des Maien, Im Sonnenglanz ; Ich denke Dein, wenn mich die Sterne freuen Am Himmelskranz. Ich sorg' um Dich, wenn in des Berges Wettern Der Donner lauscht; Du schwebst mir vor, wenn in den dunklen Blällern Der Zephyr rauscht. Ich höre Dich, wenn bei des Abends Gluten Die Lerche schwirrt; Ich denke Dein, wenn durch des Teiches Fluten Der Nachen irrt. Wir sind vereint, uns raubt der Tod vergebens Ter Liebe Lust; O, laß mich ruh'n, Du Sonne meines Lebens, An Deiner Brust l n. Rühe der Geliebten. Ich denke Dein, hab ich vom deutschen Liede Ein Buch zur Hand; Dn schwebst um mich, wenn stiller Abendiriede Zieht übers Land Ich höre Dich, wenn fern im Spiel der Winde Das Waldhorn schallt; Ich ahne Dich, wenn um die Wiesengründe Der Nebel wallt. _ Ich bet' für Dich in dunklem Fichtenhaine, In Einsamkett; Du bist mein Trost, wenn ich verborgen weine Um tiefes Leid. Mir weht Dein Odem, wenn durch Dämmerschwül« Ein Hauch mich küßt; Und ich bin fern vom Tanz und Saitenspiele, Wenn Du es bist. HI. Nähe des Geliebten. Ich denke Dein, wenn mir der Sonne Schimmer Vom SOieere strahlt; Ich denke Dein, wenn sich des Mondes Flimmer In Quellen malt. Ich sehe Dich, wenn auf dem fernen Wege Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege Der Wand'rer bebt. Ich höre Dich, wenn dort in dumpfem Rauschen Die Welle steigt; Im stillen Haine geh' ich oft zu lauschen. Wenn alles schweigt. Ich bin bei Dir; Du seist auch noch so ferne, Du bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterns O, wärst Du dal Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) Kbo Iboo widm, xfoo nbo tkdi ovs sfdiu widm avusbvu Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bflderrätsels in vor. Nr^ Beobachtungsgabe. Redaktion: Paul Witt ko. — Rotationsdruck und Verlag der B r ü b l' scheu Universitäts-Buch- und Steindrrrckerei, R. Lange, Gießen.