Bl 3!-» sW MMo ütoa el*6s« VSStit$Ä®g?s;., M (Nachdruck verboten.) Mssa Kafconieri. Von RichardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Aber sie bleibt stumm. Jede Nacht brennt mein einsames Licht- Aber unter mir bleibt es dunkel. Wenn ich gegen Morgen in Erschöpfung sinke, so reiße ich mich gewaltsam heraus. Früh am Morgen lasse ich mich hinaustragen vor das Haus, unter die Steineichen. Es könnte ja doch sein, daß sie schon früh morgens käme . . . Unter den Steineichen sitze ich und erwarte sie. Ich warte von Stunde zu Stuude. Ich warte, bis es Abend wird, bis die Nacht anbricht. Unverwandt blicke ich auf den einen einzigen Weg, den sie kommen kann. Heute kam sie nicht. Sie wird morgen kommen. Morgen kommt sie gewiß! Inzwischen schreibe idji ihr. * Ich weiß nicht mehr, was ich ihr jede Nacht unter dem Haupte des Sterbenden schreibe. Es ist immer dasselbe: daß sie mich ja doch liebt, daß sie sich mir ja doch aus freien Stücken gegeben hat, daß es nicht möglich ist! Ich mache ihr keinen Vorwurf — ganz gewiß nicht! Vielleicht war ihre Liebe nur Mitleid? Mitleid. Tas arme, kleine Ding! Was muß es gelitten haben! Denn ich kenne das. * "Wochen und Wochen sind verstrichen. Es ist Minter geworden. Sie tragen mich nickt mehr jeden Morgen vor das Haus unter die Steineichen. Tie letzten acht Tage lag ich still und starr wie in der Agonie . . . Ich weiß nicht mehr, was ich in diesen fürchterlichen acht Tagen machte. Ich weiß nur, daß ich heute aufstand und ihr noch einmal schrieb. Ich schrieb ihr nur ein einziges Mort: Lebewohl! Und jetzt warte ich- nicht mehr. * Ich lebe so still dahin in der Villa Faleonieri, die mein Capua war. Es ist mir gleich, wo ich lebe. Ueberall muß ich Atem holen. Es ist gewiß sehr unmännlich, sehr jammervoll, an thtet Leidenschaft zu Grunde zu gehen- Assunta Neri war bei mir. Ich merkte wohl, daß sie sehr erschrak, als sie mich sah. Sie sprach von meinem Stück. Ich mußte mich erst besinnen, was sie eigentlich meinte. Ach ja, mein Drama, meinen Frühlingsgesang! Inzwischen ist es eben Winter geworden. * Assunta Neri will mein Stück durchaus spielen. So, so, so, so. Was geht das mich an? Sie meint, es könnte mich retten. Warum ich wohl durchaus gerettet werden soll? Noch immer! Ich glaube, die Aufführung soll schon nächste Woche stattfinden. Assunta Neri will, daß ich dabei sein soll. Ich tue alles, was Assunta Neri will. Tiefe Frau kennt sie, die mich einstmals während einer kurzen Sommernacht aus MitleÜ» geliebt hat. Aus Mitleid! Hörst Tu, Maria? * Morgen fahre ich nach Rom. Ueberrnorgen soll im Nationaltheater die erste Aufführung meines „Frühlings" stattfinden. Ich bin so milbe, so alt. < * Mißerfolg. Assunta Neri an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Rom, Hotel Quirinal, 10. Dezember 1893. Geehrter Herr! Ihr Freund befindet sich bereits wieder in der Villa Faleonieri. Maria ist bei ihm. Soeben depeschierte sie mir: er sei ganz ruhig. Meinen verschiedenen Telegrammen en Sie lasse ich diesen Brief folgen. Er wird für Sie manches Erklärende enthalten. Letzten Frühling lernte ich in Rom die Prinzessin von Sora kennen. „Kennenlernen" ist nicht das richtige Wort; denn die Prinzessin gehört zu den Frauen, die man niemals kennen lernt. Wenigstens gelingt das nicht einem Manne. Selbst wir Frauen können uns einander nur ahnen. Ich ahnte in der Prinzessin eine von den wenigen Naturen, die für ein großes Schicksal geschaffen scheinen. Ein „großes Schicksal" haben, nenne ich für die Frau: eine große Leidenschaft einflößen und selbst fühlen. Wir Frauen wissen von keinem andern „großen Schicksal". 126 Es ist uns ganz gleich, ob wir daran zu Grunde gehen. Es ist für nns viel besser, wir gehen daran zu Grunde! In Rom glaubte man allgeniein, ich interessierte mich für die Prinzessin nur darum, weil ich sie studieren wollte. Nun studiere ich jedoch niemals andere Frauen. Mein Geschlecht ist in mir enthalten wie im Marmor die Statue. Es kommt nur darauf an, die Gestalt aus meinem eigenen Selbst hervorzuholen. Ich hätte nttch also niemals um die Prinzessin gekümmert, wenn- sie nicht Eigenschaften besessen, die ich aus einem bestimmten Grunde anziehend gefunden — für mich anziehend . . . Herr! Wo finden Sie unter uns modernen Frauen noch Naturen, die eben durch ihre Natur nichts anderes sein wollen — und sein können — als Frau? Die einen wollen Künstlerinnen sein, Schriftstellerinnen, Mathematikerinnen, Aerztinnen, Kameradinnen und Kolleginnen des Mannes; die anderen Weltdamen und Modedamen; oder Hausfrauen und Haushälterinnen; oder Kindererzieherinnen; oder Hetären jeden Standes und Ranges. Aber das Weib als Weib an sich — Gewiß sind wir entartet ! Viele von uns sind verderbt schon vom Mutterleib an. Ganze Generationen von Frauen sind entnervt, erschöpft und dem Untergange geweiht. Zu Tausenden gehen wir zu Grunde! Entweder in Brutalität oder in Stumpfheit; in Raffinements und Ueberkultur; oder in falscher Entsagung dessen, was unsere Natur ist, also in Unnatur.. Seien Sie ruhig! Der Mann trägt nicht immer die Schuld daran. Sehr häufig nur wir selbst. Und so können wir denn auch nur selber uns retten! Wodurch? Durch unser Weibsein. Ich besuchte die Prinzessin in der Villa Taverna und sand sie reizend. Eine Frauenseele vom echtesten Stoff, daraus der Schöpfer uns schaffen kann: Gutes und Böses chaotisch durcheinander gemischt. Aber das Beste in ihr verkümmernd, verkommend. Es war schade um sie. Bisweilen wollte es mir scheinen, daß sie vielleicht doch fähig sei, noch einmal ein großes Schicksal zu haben. Aber ihr Chamäleonswesen verführte mich immer wieder zu Zweifeln. Sic war eine Nora-Natur der großen Welt. Auch diese Nora würde eines Tages die Tür hinter sich zuschlagen und ausgehen, um das große geheimnisvolle „Wunderbare" zu suchen: nicht im Manne, sondern in sich selbst. Wer auch sie würde das Wunderbare nicht finden. Dann würde sie den weiten Weg mit müden Füßen zurückschreiten, würde, zu Tode erschöpft, vor der geschlossenen Tür stehen bleiben und um Einlaß bitten. Sie würde wieder hingehen, von wannen sie gekommen war, um zu werden, was vor ihr Millionen Frauen geworden sind, nach ihr Millionen sein werden: das gewöhnliche Hordenweib der Gesellschaft. Ich war dabei, als sie Ihrem Freunde zum erstenmal begegnete. Ich sah die Tragödie entstehen, konnte jedoch nicht mitspielen — nur zuschauen. Längst hatte ich mir von Cola Campana mein eigenes Bild gemacht. Es zeigte schwankende Umrisse und ein nervöses kränkelndes blasses Kolorit. Ich fand die Gestalt nicht gerade anziehend: eine hhpersensitive Künstlernatur, die sich aus unbefriedigtem Ehrgeiz, aus tödlich verletzter Eitelkeit in Einsamkeit und sich selber zurückzieht, um sich jedem rauhen Luftzuge einer unerbittlich realen Wirklichkeit in einer Treibhausatmosphäre zu entziehen. Mein Bild war nicht falsch gewesen; doch fand ich das Original liebenswürdiger. Vor allem besaß es nicht einen Zug von Größenwahn; auch nicht — uno das wollte mehr sagen! — einen Zug von Verbitterung. Ich fand einen leisen, ganz innerlichen Menschen, einen in leuchtenden Illusionen schwebenden sehnsüchtigen Geist, eine verträumte glühende Dichterseele, die überhaupt noch nicht gelebt hatte. Aber er war krank, krank! Krank an seiner Zeit, krank an seinem eigenen Selbst, krank an einem geheimnisvollen dunklen, toten Lebensnerv in seiner ganzen geistigen Entwicklung. Und neben diesem sonderbaren Schwärmer eine wundervolle Frauengestalt: Marie' Sie war beständig an seiner Seite: still liebend, still leidend, still sich opfernd. Aber er gewahrte sie gar nicht- Er war blind für den Himmelsglanz dieser Frauenseele. Und ich dachte: „Wenn Du sehen müßtest, wenn Deine Augen mit Gewalt geöffnet würden — Du würdest in der grellen Helle der Erkenntnis bis an den Rand eines Abgrundes taumeln — jedoch nur bis an den Rand! — und würdest gerettet sein . . ." Und Ihr Freund verdiente gerettet zu werden. Auch das war mir klar: Ihr Freund würde Maria nur dann in ihrer vollen Schönheit erblicken können, wenn er zuvor neben ihr ein anderes Weib gesehen und erkannt hatte: Viviane — die irdische Liebe! So begann ich denn zu hoffen: nicht mehr für die Prinzessin; wohl aber für Ihren Freund und für Maria. Ich reiste ab. Und ich kam wieder. Es war gekommen, wie es hatte kommen müssen; nur daß Ihr Freund immer noch blind war. Mit seinen geschlossenen Augen schaute er noch immer die Vision der einen und einzigen Frau. Nora-Viviane hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Um das „Wunderbare" zu suchen, war sie den Weg gewandert — war bereits wieder umgekehrt, stand bereits wieder vorder Pforte, die zu ihrem alten Leben zurückführte. Schritt sie hindurch so würde sie alle Hoffnung hinter sich lassen. Und sie klopfte bereits an. Nein — diese Seele war nicht mehr zu retten gewesen! Es war auch weiter nicht schade um sie. Sie ist eben nur eine von den Tausenden und Abertausenden, die in Häßlichkeit leben müssen, weil sie nicht in Schönheit zu sterben vermögen. Aber nun Ihr Freund! Er merkte nichts, er war glücklich. Er merkte gar nichts. Mir wurde angst. Rings um ihn war tiefer eisiger Wenter; doch er glaubte, es sei Lenz geworden, und dichtete seinen „Frühling". Er gab mir das Stück. Ich las es und fühlte mich er- 8 Es war darin ein Keimen und Knospen, ein Blühen und Werden ohne Ende. Es war wirklicher Frühling: duft- ersüllt, sonnendurchleuchtet, frisch und jung wie die Welt am ersten Schöpfungstage. Ich hielt Ihren Freund für gerettet und zwar durch sich selbst! ' , Tie Prinzessin verließ ihn, und — er wurde auch durch diese Erkenntnis nicht sehend gemacht... Meine Angst überkam mich von neuem. Doch hatte er ja sein Werk! Mir glaubten alle daran, vom Direktor angefangen bis zum Kulissenschieber. Nur der Dichter glaubte an nichts als an die Frau, die ihn schmählich verlassen hatte. Ich schrieb an Maria und sie kam sofort. Bei der Premiere war sie im Hause und befand sich ganz in seiner Nähe. Er dachte jedoch, an nichts, als daß die andere nicht bei ihm war. • _ „ ,. Und jetzt sprach er in seinem Werk zum römischen Publikum... . Aber niemand hörte auf ihn, niemand wollte auf ihn hören. , . „Und siehe, es war die Stimme eines Predigers ttt der Wüste!" Ich kämpfte für ihn bis zur Erschöpfung aller meiner Kräfte und — ich kämpfte vergebens. Nicht eine Hand rührte sich. Unter Todesschweigen wurde der Fruhüng und mit ihm der Dichter des Frühlings begraben. >Er war ganz ruhig. In der Loge des Direktors sah ich sein bleiches, ganz ruhiges Gesicht. Ich, dre ich sonst nicht weiß, daß es eine Bühne und ein Publikum gibt, konnte meinen Blick von seinem ruhigen bleichen Gesicht kaum abziehen. „ „, , Ich hätte vortreten und in das Publikum hinernrufen mögen: , , „Um Gottes willen, seht doch! Seht doch nur fem Gesicht!" Der Direktor führte ihn in meine Garderobe. Ganz ruhig sprach er mit mir über den „Mißerfolg!" Ich wagte nicht, Maria zu ihm zu lassen. Ich zitterte davor, er mochte 127 — sie auch jetzt nicht an seiner Seite sehen; und dann — dann sah er von der Welt überhaupt nichts mehr. Ich nahm ihn mit mir ins Hotel und wachte und blieb Lei ihm, bis der Morgen graute. wollte zurück in die Villa Falconieri. Und das war ja auch das Beste für ihn. Maria war schon in der Nacht hinausgefahren. Nach Hause kommend, würde er sie zu Hause finden, als wäre sie niemals fort gewesen. Wie ich Ihnen bereits mitteilte, depeschterte sie mir heute früh: „Cola ganz ruhig." Also sah er sie auch jetzt noch nicht ... Sehen Sie, mein Herr Autor, so spielen sich im Leben die Tragödien ab ! Und dann »ouudert sich ein verehrliches Publikum, wenn die Mitwirkenden allmählich müde werden. Es grüßt Sie und Ihre Frau Ihre todmüde Assunta Neri. P. S. Ich würde gern Ihre „Alexandra" spielen. Aber das Stück ist veraltet. (Fortsetzung folgt.) Wlandereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Der Bürgermeister-Krieg. — Vorort - Skandälchen. — Konsul der Ueberafse, und sein Tod. „Aus Kindern werden Seilte", das ist eine alte Weisheit, die alltäglich und abgegriffen erscheint, und doch alle Augenblicke von jemandem vergessen wird, dem es natürlich nachher recht leid tut. Nachher: d. h. wenn es zu spät ist! Berolina, die stolze Maid, hat einst nichts davon wissen wollen, daß die kleinen halb bäuerlichen Vororte als ihre Geschwister gelten und mit ihr von einem Tisch essen sollten. Sie sträubte sich mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen den einstmals auftauchenden Plan eines „Groß-Berlin"; sie wollte keine Einverleibungen, weil sie fürchtete, für die „Kleinen" aus dem eigenen geliebten Säckel Aufwendungen machen zu müssen; und so kam es, daß die schnell wachsenden jungen Geschwister ihr näher und näher auf den Leib rückten, und man heute längst aus Berlin heraus ist, wenn man in die neuen vornehmen Stadtviertel kommt, in denen die Millionäre wohnen und die, die dafür gelten möchten. Berlin W., das von Sudermann gezeichnete Sodom mit seinem Luxus und seinem Raffinement, ist garnicht Berliner, sondern Charlottenburger, Schöneberger und Milmersdorfer Gebiet. Schon in der Bülowstraße sind Häuser, die zur Stadt Schöneberg zählen. Ta aber aus diesem Gebiet die besten Steuerbeträge zu holen sind, die nun in die Kassen jener Vororte fließen, so herrscht über den einstmals begangenen Fehler ein nur leise schlummernder Groll im roten Hause an der Spree, der jedesmal munter wird, wenn die Nachtbarstädte sich ein bischen laut ihrer nun sehr bekömmlichen Unabhängigkeit freuen; und wenn im Stadtparlament von Schöneberg ein Wort fällt, das neuerdings auftauchenden AnnexionZbelüsten mehr oder weniger energisch abwinkt, so gibt's im Berliner Rathause prompt ein Echo. Selbst die beiden Stadtväter haben aus diese Weise jüngst die Klingen gekreuzt. Oberbürgermeister Kirschner, der viel Mühe und Arbeit gehabt hat, den Kommunal- steuer-Zuschlag für das neue Etatsjahr nicht über die 100 Prozent hinauswachsen zu lassen, um jeder Einmischung der Regierung entbehren zu können, replizierte etwas von oben herab. Wer es klang doch so viel Gereiztheit durch, daß „Schönebergs erlauchter Herr", wie der Oberbürgermeister der Nachbarkommune von einem der Sekundanten Kirschners genannt wurde, die Lacher auf seiner Seite hatte. Jedenfalls erfreuen sich Schöneberg wie Charlotten- burg einer sehr umsichtigen, zielbewußten und erfolgreichen Leitung, die mit allen Kräften danach strebt, mit Berlin gleichen Schritt zu halten! — Nicht überall liegen die Verhältnisse so glücklich. Manche der Berliner Vororte lassen in ihren Wohlfahrtseinrichtungen noch viel zu wünschen übrig. Tie Geschichte von Pankow, das ein hübsch rundes Sümmchen ju. viel in die Kreiskasse gezahlt hatte, ohne daß jemand dahinter gekommen war, ist von der Sozialdemokratie ja gehörig ausgebeutet worden. Auch Wilmersdorf hatte fein Skandälchen wegen eines von der Gemeinde-Vertretung beabsichtigten Terrain-Ankaufs. Man sollte dort, wie Eingeweihte wissen wollten, beabsichtigt haben, ein zum Teil sumpfiges Gebiet, das für eine große Parkanlage erworben werden muß, zu dem Preise von 400 000 Mark anzukaufen, während es dem jetzigen Besitzer vor wenigen Jahren nicht einmal die Hälfte gekostet haben sollte. Ter Abschluß ist rückgängig gemacht worden, und zwar vom Eigentümer, der nachweist, daß der verlangte Preis durchaus angemessen sei, und nun sogar mehr fordert. Ter beleidigte Gemeindevorstand erklärt die Affäre für ein böswilliges Wahlmanöver der Liberalen, die das wiederum nicht auf sich sitzen lassen wollen, und so wogt dieser Kampf um den künftigen Park, der heute noch gefährliches Sumpfland ist, und manch Menschenopfer fordert, noch unentschieden hin und her. Vielleicht wird die Expropriation, die hoffentlich recht bald eintritt, Klarheit und Frieden schaffen. Tie Millionenbauern Schönebergs, das au diesem Park gleichfalls beteiligt ist, haben sich endlich, endlich entschlossen, das Angebot des Magistrats für dieses vor zehn Jahren fast wertlose Terrain zu akzeptieren, nachdem ihnen auch mit Expropriation gedroht worden war. In Amerika mit beut Überall mobilen Gemeinsinn würden sich Millionäre dieser Güte ein Vergnügen daraus gemacht haben, diesen Grund und Boden resp. Boden ohne Grund, zu schenken. So etwas kommt leider bei uns noch immer nicht vor!... Ein Besitz, der auch nach Hunderttausenden zu beziffern war, ist in Berlin vor einigen Tagen verloren gegangen. Wer es war weder Bau- noch Ackerland, um das es sich handelte, sondern ein mobiles, in guten Tagen sogar sehr mobiles Eigentum. Kurz gesagt: Konsul, der Ueberafse, der der jeunesse doröe aller zivilisierten Länder die gefährlichste Konkurrenz machte, ist dem rauhen nordischen Klima erlegen, obgleich sein Leibarzt (!) Tr. Scott gehofft hatte, ihn wenigstens noch ein Jahr erhalten zu können. Konsul war ein Schimpanse und ein gentleman zugleich Kurzsichtige Leute konnten ihn ganz gut für das blasierte Söhnchen eines Kommerzienrats halten, denn er ging in tadelloser Toilette, aß und trank fabelhaft manierlich und rauchte Zigaretten wie ein Cafshausgenie. Schon bei der Wohltätigkeitsvorstellung im Zirkus Schumann, die auch unser Kronprinz durch seinen Besuch, auszeichnete, trat er nicht mehr auf. Sein Lungenleiden machte schlimme Fortschritte; keine ärztliche Kunst konnte dem Krästeversall dieses interessanten Kerlchens, das über sein Asfentum hinausgewachsen schien, Einhalt gebieten. Gr hatte seine letzte Zigarette geraucht, ein Genuß, der ihm im heimischen Urwald wohl nie zuteil geworden wäre, aber auch seinem Leben nicht das frühe Ziel gesetzt hätte. Er war Eigentum des Millionärs und Tierliebhabers Mr. Bostock, der ihn mit 140 000 Mark versichert hatte. Tie Honorare, die er ihm einbrachte, lassen den toten Konsul"aber noch als viel wertvoller — gewesen er» Meinen. Sein einbalsamierter Leichnam geht nach Paris. Erst dort wird der arme „Konsul" endlich, Ruhe finden! ^el'enserinnerungen von Kans T'oma. IM Märzheft der „Süddeutschen Monatshefte" setzt Hans Thoma seine Lebenserinnerilngen fort. Aus der beschaulichen, abgeklärten Stimmung des zu Jahren und ' allgemeiner Anerkennung gekommenen Meisters heraus schildert er die Zeit, da er als Schüler Schirmer's die Karlsruher Akademie besuchte und die Sommerferien bei den Seinigeii im Heimatsdorfe Bernau verbrachte, und erweist sich! auch in der Art des Erzählers als köstlich Poesie- und humorvoller Künstler. Hier eine Probe: „Sechs Jahre hinter einander widerholte sich der Wechsel zwischen Karlsruhe und Bernau; ich will ihn nicht sechsmal schildern, aber von einem der schönen Sommertage, an denen ich der Heimat zueilte, will ich doch erzählen. Es war Anfangs Juni, in Freiburg hatte ich übernachtet und machte mich am Morgen auf zu dem achtstündigen Wege nach Bernau. Tas ganze Sommergluck ruhte auf meiner Seele, als ich rüstig durch Wälder hinan in die Berge hinaufschritt. So ganz im jugendlichen Vollgefühle, der Mittelpunkt der Welt — denn Alles gehörte ja mein, was ich sah, für mich war die Welt da. Ich fühlte mich als das, was man feit Nietzsche heutzutage eine „Herrennatur" nennt. Am Mittage, als ich die höchste Höhe meiner Wanderung erstieg, die „Halde", ballten sich die den Vormittag verklärenden weihen Wolken zu 128 einem Gewitter zusammen, das über der Rheinebene stand, fast unter mir; seine Blitze zuckten bis in die Berge hinüber, der Tonner klang mir wie ein Jauchzen des Uebermutes in der Natur — Regenschauer wechselten mit Sonnenblicken. Es kam so etwas wie Schöpferfreude über mich — denn war nicht diese Großartigkeit und Pracht für mich da? — war ich nicht dazu berufen, sie zu sehen? Stille Anbetung und fröhliches Jubeln erfüllten meine Seele und hätte ich Worte gefunden, so wäre mein Gesang ein Psalm gewesen. Man muß freilich jung sein, um dies Wonnegefühl, dies Herrschergefühl so ganz zu verstehen — aber ich habe es noch gar stark in der Erinnerung, und so schäme ich auch gar nicht meiner damaligen Hochgeniutheit — so allein aus dem Berge, gleichsam mit den Blitzen spielend. Tas Gewitter verzog sich, ein prächtiger Nachmittag begleitete mich ins Tal hinunter an den Bächen, durch die blumigen Wiesen entlang an den Schwarzwaldhänsern vorbei. Ta man sich nun nicht allzulange auf dem Standpunkt einer erhabenen Stimmung festhalten kann, so wurde mir wieder menschlich zu Mute, ich wurde fröhlichen Herzens und so grüßte ich alle mir Begegnenden. Nun muß ich aber ein Bekenntnis ablegen: es kam eine Art von Eitelkeit über mich — es war mir, als ob mein Angesicht glänzte, so daß die Menschen es mir gleich ansehen müßten, daß ich etwas Extras sei — so einer, der noch Taten zu verrichten hat ein „Vorzugsmensch", wie ich seitdem Künstler sich nennen hörte. Zwei Stunden von Bernau, nm mich zum neuen und letzten Anstieg auf den Berg zu stärken, kehrte ich im „Hirschen" ein. Tie Wirtin, eine behäbige Bauersfrau, brachte mir das „Schöpplein vom Besten", das ick ein wenig großtuerisch bestellt hatte — nun kamen, wie ich es wohl erwartete, die gebräuchlichen Fragen, im Verlauf derer ich vorhatte, der Wirtin so nach und nach beizubringen, was für eine Art von Menschenkind sie vor sich habe. „Woher die Reis'?" Bon Karlsruhe, sagte ich. „So, so, von Karlsrui, des isch wit her! Wo goht jez d' Reis hin?" Ich will jetzt noch nach Bernau hinauf. — „So, so, sind Sie von Bernau?" Ja, aber — wohne jetzt schon längere Zeit in Karlsruhe! — Nun sollte die erwartete Frage kommen, was ich sei, — aber ruhig sah die Frau mich an und sagte: „So, so, Sie sind gewiß en Schneider !" — Tas sagte sie treuherzig ohne allen ironischen Hintergrund, daß ich allen Mut dazu verlor, noch weiter mit meiner Wichtigkeit imponieren zu wollen, mein Schöpplein zahlte und den Berg hinanstieg — ich gestehe es, ein wenig geduckt — doch mußte ich bald über mich selbst und die ganze Situation herzlich lachen. Ties Geducktwerden war aber auch ganz gut zwei Stunden vorher, ehe ich in unser armes Schwarzwaldstüble wieder einkehrte. Arm war die Heimat, aber reich durch unerschöpfliche Mutterliebe, die mid) hier wieder umfing — die mich gleich umfangen haben würde, ob ich als großer Künstler, als Schneider oder sogar als Vagabund heimgekehrt wäre. Hier Ivar ich unbestritten der „Vorzugsmensch". Literarisches. — Maxim Gorkr. lieber den so rasch zur Weltberühmtheit gelangten russischen Erzähler und Tramatiker ist bereits eine ganze Literatur zusammengeschrieben worden. Aber wenig davon ist geeignet, uns ein wahres Bild von dem Wesen und der Bedeutung dieser merkwürdigen Erscheinung zu geben, die nur aus tieferer Kenntnis der russischen Volksseele, der sozialen und literarischen Verhältnisse Rußlands, der eigentümlichen Beziehungen, die dort zwischen Kunst und Leben herrschen, heraus völlig begriffen und gewürdigt werden kann. In dieser Beziehung wird vieles in dem Aufsatz, den Hans Ostwald über Maxim Gorki int Märzheft von „Nord und Süd" (Breslau, Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottlaender) veröffentlicht hat, wie eine Offenbarung wirken. Ter Verfasser sieht durchaus mit eigenen Augen, und sein wohl begründetes Urteil über den Wert und die Bedeutung der Gorkischen Schöpfungen weicht in vielen Punkten von dem landläufig Gewordenen ab, sodaß sein Aufsatz, dem ein vortreffliches Bild Gorkis, radiert von Johann Lindner, beigegeben ist, in hohem Maße anregend und aufklärend wirkt/Tas Märzheft von „Nord und Süd" enthält ferner die folgenden interessanten Aufsätze: „Von der „heiligen" Zahl Sieben, ihre Geschichte, ihrer Bedeutung uno ihrem Ursprung" von E. Sabel; „Tie Ge- schichte der Einführung der Arbeit in den Unterricht" von Otto Wendlandt; „Tie Festung der Neuzeit", eine Studie von Reinhold Günther; „Tie interessanten Völkerschaften int Reiche" von Kurd von Strantz; „Rußland und Japan einander strategisch gegenüber" von A. Rogalla und Biberstein; „Gesetz und Liebe" von H. R. D. An belletristischen Gaben enthält das Heft den Schluß des PhiliPPischenSchausPiels„TergrüneZweig"; eine Novelle von Julius Weil: „Baronin Torgow" und „Neue Gedichte" von Alb. Roffhack. Eine Illustrierte Bibliographie schließt das interessante Heft ab. — Friedrich Spielh agen, Romane — Neue Folge. — Wohlfeile Lieferungsausgabe in 50 Heften zu je 35 Pfg. (Verlag von L. Staackmann in Leipzig.) — Tie Lieferungen 31 bis 37 enthalten den Schluß der Novelle „H err in" und den Roman „Stumme des Himmels". Ein echter und rechter Spielhagen, das Ganze Hine n- gestellt in den Strom des modernen Lebens. Der Titel des Romans ist nach einem Worte von Jean Paul gewählt. Dieser nennt so die Menschen, denen kein Gott gab zu sagen, was sie leiden, ja 'die nicht einmal für ihre Freude zur rechten Zeit den rechten Ausdruck finden. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Menschen, die der Zufall zusammengeführt, die sich als füreinander geschaffen erkannt haben, und die sich doch vor dem Gesetz der Welt einander nicht angehören dürfen. Naturbilder von der Nordsee bilden einen nicht geringen Reiz des ersten Buches, die zweite Hälfte spielt in Pommern, der Heimat des Dichters. Gemeinnützige». — Unvergohrener Trauben saft wurde als Abendmahls wein unlängst zum ersten Male in der St. Johanniskirche zu Flensburg bei der Abendmahlsfeier gereicht. In Flensburg ist eine kräftig sich ausbreitende Guttemplerbewegung. Wenn auch der Guttemplerorden gegen den Gebrauch des alkoholischen Weines beim Abendmahl keinerlei Vorschriften macht, so beweist die erwähnte Tatsache doch, daß man in den Reihen der Geistlichen bei der erfreulich wachsenden Kampfbewegung gegen den Alkohol bereits Bedenken trägt, durch die Tarreichung gegohrenen Weines irgend einen Abendmahlsgast einem Gewissenszwange auszusetzen. Von Vertretern der Wissenschaft ist übrigens hervorgehoben worden, daß unter Umständen alkoholischer Wendmahlswein einem Alkoholkranken, der seine Gesundung lediglich seiner Enthaltsamkeit verdankt, sehr gefährlich werden kann. — Tas Korsettragen inRöntgen-Beleucht- ung. In der Wiener Gesellschaft für innere Medizin zeigte Tr. O. Kraus an einer Reihe systematischer Aufnahmen mittels Röntgen- und gewöhnlicher Photographie die Körperentstellungen, die sich Frauen und Mädchen zuziehen, wenn sie sich in Mieder einschnüren, um die erwünschte Wespentaille zu erlangen. Tie Röntgenstrahlen zeigen eine verminderte Lungenh: lligkeit, entstanden durch Zusammen- pressung, das Herz wird nach oben gedrängt mit Verdrehung nach außen, Magen und Darm nach abwärts, der Brustraum wird verkleinert, der Bauchraum vergrößert. Es leidet die Atmung, der Blutkreislauf in den Lungen und in der Haut. Es wird die Entstehung eines Hängebauchs durch das Korsett gefördert und nicht etwa beseitigt. Oft trägt nur das Korsett an gewissen hartnäckigen Magenkatarrhen oder an sogenannten nervösen Herzbeschwerden der Frauen die Schuld. Verlangt dre Mode, daß die Frauen sich, hochbusig brüsten, so sollten sie nach Tr. Kraus Tragbänder für die Brust anlegen, wie die antiken Frauen, aber keinesfalls Korsetts, die unbedingt verwerflich sind, eine der schädlichsten Erfindungen des Modeteufels. Distichon. Diplomaten, Gelehrte und Konlponisten, sie schätzen's. Werden die Zeichen verstellt, schätzet den Inhalt man nuv- »uflofung in nächster Nummer. Atiflösung des Dreiccksräisels in vor. Nr.r D E I GOA EGON NARWA Redaktion: Stuaufi Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrnhl'sckcu llniverkitüts-kuch- nnd Steindruck crci. R. fanae, Eießen.