Wr. 144. 1964 D KüerhaÜmzsblÄM MeßMrAs^lKk lEMwl-A»;eigch SZU W^r-abTte. H.Noii. Glassen. »M MB ßWU WZE Aus Lisöe. Roman von M. v. Eschstruth. (Nachdruck verboten.) 1. Kapitel. Wohl schon über eine Stunde standen die Flügel des Hauptportals an der Garnisonkirche einer kleinen deutschen Residenzstadt geöffnet. Dicke Läufer erstreckten sich von den Schwellen des Gotteshauses bis weit auf die Straße. Ebenso lange schon strömten die Leute, vorzugsweise elegantes Publikum, in die heiligen Hallen, hielten Frauen und Mädchen, eine Schor Kinder, deren Eingang besetzt, um so wenigstens etwas von der Trauung, die für zwei Uhr angesagt ivar, abzubekommen. Und die Wagen beginnen zu rollen. Immer schneller einander folgend, halten sie vor dem hohen Portal. Die Umstehenden drangen, diebisch vergnügt, wenn sie auch nichts als das Ende einer Schleppe, den Schimmer einer Uniform, oder auch nur eine vornehme Nasenspitze mit dem Blicke erwischen. „Se müssen doch endlich, kommen!" „Se kommen!" so klang es setzt. Und noch einmal länger recken sich alle Hälse. Was auf der Straße steht, blickt mit gespanntem Interesse einem eben daherrollenden Wagen entgegen, der sich schon von weitem, Hank der messinggeschirrten Rappen, einem Wappen auf dem Schlag, einem Jäger neben dem Kutscher auf dem Bock, als Privatbesitz verrät. Die Rappen werfen die schlanken Beine durcheinander, eine Wolke von Tüll, Blumen und Grün bauscht sich vor den Scheiben der Fenster — und — „Se send's", klingt es noch, einmal im Chor. Der Kutscher zuckt mit den Zügeln, die Rappen stehen wie eine Mauer. Der Jäger springt von dem Bock, im Nu hat er den heraneilenden Kirchendiener beiseite geschoben. Er wird es sich doch nicht nehmen lassen, heute seinen Harro — den Herrn Leutnant — zu „eskortieren". Im Nu wieder hat er denn auch den Schlag geöffnet, und steht der Wolke von blumigem Tüll gegenüber, aus der sich zuerst ein Offizier in hellblauer Husaren-Uniform löst und auf die Straße springt, um dann sofort Kehrt zu machen und seiner Braut aus dem Wagen zu helfen. Es währte ein Weilchen, es hieß vorsichtig sein mit dem sich bauschenden Gewebe, sodaß die Leute diesmal etwas mehr von der Braut zu sehen bekamen als nur einen vorüberhuschenden Streif. „Herr Gott, ist die schön! Und wie jung!" sagt plötzlich! jemand in dem Gedränge laut. Die beiden Glücklichen hören es nicht. Sie hat eben die letzte Welle Tüll von dem Trittbrett genommen und schaut dem Bräutigam in die Augen: er aber legt ihren Arm in den seinen, um sein Liebstes über die Schwelle zu geleiten. Der Jäger aber hat die Worte gehört. Ein breites Lächeln fliegt über sein altes Bedientengesicht. „Das ist auch ihr Glück", nickt er. hinter dem Paare herschireitend. Na, etwas hat sie ja wohl, diese junge Braut, meint er beinahe wohlwollend jetzt, doch eigentlich reich konnte man! sie leider nicht nennen. Und er — der Jäger — na, er hätte es dem jungen Herrn gegönnt, denn die Urans hatten sich derzeit umtun müssen, ehe ex — d. h. sein frühere« Leutnant — der Water von Harro — das große Avancement gemacht und zuletzt Kommandierender geworden wari. Damit endete der für sich ganz altmodisch-bescheiden gebliebene Bachmann seine Gedanken sehr schneidig und« modern. Währenddem hatte sich der Zug im Vorhof der Kirchs geordnet. Sechs Brautjungfern und sechs Brautführer an der Spitze, sechs Brautjungfern und sechs Brauführer zumi Schluß, so schritt das junge Paar mit glückbeschwingtem Schritte den breiten Gang im Mittelschiff hindurch nach dem Altar. Nun standen sie da. — Die junge Braut trug das lichtblonde Haar leicht zurückgewellt. Ein Krönchen von Myrten und Orangen ruhte aus dem zierlichen Kopst> und hielt den Schleier fest, der von hier aus die ganze Gestalt umfloß. Das wunderbar klare Gewebe, mit Myrten durchsetzt, war so geschickt arrangiert, daß jede Linie, jede Bewegung der reizenoen Mädchengestalt, die mit ihrem meisterhaft gearbeiteten Kleid von milchweißem Atlas wie verwachsen erschien, noch einmal so verführerisch in dieser schimmernden Umhüllung zur Geltung kam. Das Gesicht- chen der Braut, obwohl es der Schleier gar reizend umhüllte, war dennoch frei genug geblieben, um die Züge erkennen zu lassen: eine heitere, klare Stirn, strahlende gründunkle Augen unter feingeschwungenen Brauen, eine schmale gerade Nase, ein kindlich frischer Mund, schlanke, weiche Wangen, die eben von bräutlicher Blässe überhaucht, wie aus Marmor gemeißelt erschienen. Auch der Bräutigam machte eine „brillante Figur", wie rinhs leises Flüstern ging. Es sei der schönste Mann, den sie je gesehen, vertraute ein nahestehendes Backfischchen! entzückt seiner besten Freundin an, und erwies sich so in ziemlicher Uebereinstimmung mit einer dunkeläugigen, etwas fremdländisch aussehenden Dame unter den Gästen, deren Blicke immer wieder zu dem jungen Offizier hinwanderten> als sähe sie ihres Mannes Leutnant heute zum ersten Male. Der pelzbesetzte Tolman, lose über die linke Schulter gehängt, ließ dessen hohe, stattliche Gestalt noch! stattlicher erscheinen, während die knappe, silberbestickte Jacke, die knappen silberbestickten Beinkleider, die knappen silberbesetzten Stiefel die feingliedrige Pracht seines Wuchses zur Geltung brachten. Auch Harro war blond, seine Augen aber strahlten in lachendem Blau. Die Nase war leicht gebogen, ein kleines Bärtchen, die Spitzen keck in die Höhe gedreht, prangte über dem jungen, genußfrohen Mund. Sie waren beide schön, der Bräutigam und die Braut, dazu elegant, ausnehmend elegant und vornehm, was heute, und namentlich für die Umgebung hier, noch, mehr bedeutet. Sie selbst dachten daran gar nicht. Sie sahen sich an, wie sie da standen vor dem Altar: nur eine Empfindung im 574 Herzen, den Glanz ihrer holden Jugend, das Glück ihrer ersten Liebe. Die Sonne spielte durch die mächtigen Spitzb'ogenfenster der alten Kirchs, sie spielte um die kugeldurchsöcherteu Fahnen, glorreiche Erinnerungen einer vergangenen Zeit, die' hier im Thor eine geweihte Stätte gesunden hatten, — spielte über die auserlesene Gesellschaft, ließ eine sarntne Schleppe noKfy leuchtender, eine reiche Uniform noch glänzender schimmern, blitzte auf in den Diamanten der Frauen, den Ordenssternen der Männer, schmeichelte mit hellen Ringeln um die Gesichjter des jungen Paaves, und zuletzt, als habe sie auch daran ihre Freude, setzte sie ein paar Inmtc Lichter gerade vor den Bräutigam und die Braut auf die Steinfliesen hin. Es waren die Farben aus den Wappenfeldern der beiden Familien, die sich auf den gemalten Glasfenstern der Kirche schon seit grauer Zeit behaupteten. So erklärte wenigstens setzt ein Herr mit dicker Ordenskette jener dunkelbrünetten Dame, der Gemahlin von Harros Rittmeister, der von auswärts zur Hochzeit gekommen und fremd in den Verhältnissen der kleinen Residenz war, worauf der Rittmeisterin Nasenflügel fibrierten, ein leiser Seufzer ihre Brust hob und sie nunmehr mit etwas ver- finstertem Blick die Braut und zuletzt den eigenen Gatten Musterte. Auch davon merkten die Glücklichen nichts. Sie Merkten überhaupt nich-ts, weder etwas von dem Neid der Leute, noch dem huldigenden Sonneugruß. Dem jungen! Mann rann ein Schauer über den Leib, sobald ihn nur eine Falte aus dem Schleier der Geliebten streifte. Und sie! Er war da, er stand neben ihr, er ward ihr eigen, der allein ihre Wonne und ihre Welt bedeutete! Endlich schlug die bedeutsame Frage aus des Predigers Mund an des Offiziers Ohr. Sonor und fest, ivie einer Glocke Laut, schallte sein „Ja" weithin durch den Raum. Süß, leise, ein sympathisches Echo, klang ihr Wort, als es zu versichern galt, daß auch sie. Freiirr Jutta Mathilde Hermine Adolfine von Stammen, gewillt sei, ihren Harro zu lieben und zu behalten, bis der Dojd sie Med. Dann sprach der Konsistorialvat feinen Segen und reichte den Neuvermählte, r die Hand. Und sofort, wie man es verabredet, um allen öffentlichen Rührszenen zu Mtgehen, gab Harro von Uran feiner jungen Frau den Arm, schwenkte, und führte sie mit glückssicherem ScKitt dem Ausgange zu. Eine leichte Röte war m Juttas marmorweiße Wangen getreten, lächelnd, an des Geliebten Seite, Mitt sie aus dem Portal, wo der Wagerr mit den messinggeschirrten Rappen wartete. Bachmann öffnete den Schlag. Wieder lächelte Jutta, und ein wenig mehr färbte sich! das reizende Gesicht. „Hurra, die junge Frau l" schrie in dem Augenblick ein halbwüchsiger Knabe, andere scheren es nach. „Verdammte Schlingel", knurrte der Jäger, auch! Harro wehrte ärgerlich, Jutta lachte wieder und lieblicher noch : Dann löste sie ein paar Myrteureifer von ihrem Kleid und warf sie den Kindern zu, woraus abermals kräftiger und allgemeiner noch ein Hurra ertönte und die Jugend sich um die Myrten balgte. „Jutta, wie kannst Du —" meinte Harro, als er sich neben ihr in den seidenen Kissen des Väterlichfen Wagens UiÄerließ. „Ach!" — Wieder ein liebliches Lachen. — „Ich fand es zu nett, daß sie mich! heben ließen, so wollte ich! ihnen auch einen Spaß machjeu!" „Won heute an gehörst Ku aber mir, und alles, was zu Dir gehört, mir allein —'' ^Wogegen ich keine Einwendungen Mache." Wieder erschien ein Grübchen in jeder Wange, und aus jedeNt Grübchen lächelte ein süßer Schelm, und nun, ohne weitere Rücksicht auf etwaige zerknitterte Falten oder Blüten zu nehmen, schlang Harro den Arm um sein junges Weib', zog sie zurück in den Hintergrund der seidenen Kissen und küßte ihre Lippen lang und heiß. Unaufhörlich rollten die Wagen, uM sämtlich^ Gäste der Urari-StamNienschen Hochzeit in den „Kaiser von Deutschland" zu befördern. Nachdem dann die Gratulationskur in dem reizenden Rokokosalon vorüber war, ging es zu Disch Die Tafel war wunderbar geschmückt; Chri- santhemen überall. Die Speisen, die Weine waren erlesen; kurz, alles war so, wie sich das von einer Feier in deM „Kaiser von Deutschland^" erwarten ließ, zuMal Fran von StamMen, die glückliche Brautnmtter, der Ansicht huldigte, daß, da eine Heirat immer Geld kostete, es nun auch tzus ein paar hundert Mark Mehr nicht ankoMme, Jutta ihr Leben genießen sollte und man anständig austretenj Misse. Das letztere hatte sie sich zur Richtschnur erwählt, seitdem sie, durch den frühen Tod' ihres Mannes!, des Majors von Stammen, allein in der Welt stand. Und sie war damit im ganzen auch gut gefahren; hatte, obwohl! Witwe, eine angesehene Stellung in der Gesellschaft be-» hauptet, zwei Söhne ins Korps bekommen, unb Juttch die älteste von drei Töchtern, machfe bereits mit achtzehn Jahren eine brillante Partie! DeM obigen entsprechend war denn anch die allgemeine Stimmung. Herr von Urau, Kommandierender uüd Exzellenz!, dessen! Vorfahren sämtlich in der Armee gedient, der sein Lebensschicksal ein für alle Mal Mit seinem obersten Kriegsherrn als verknüpft ansah, hielt es auch für angemessen, eist Fest, das, sozusagen, seiner Familie die Zukunft garantierte/ mit einem Hoch aus „Majestät" zu eröffnen. Kann ermannte sich der Konsistorialrat für eine Rede zu Ehren des jungen Paares, Die Familien Urau und Stammen beglückwünsch-ten sich unter GläserMngen zu ihrer Wen- schwägerung. Die Abgesandten seines Regiments ließen den Kameraden und die Neuvermählten leben; der junge Ehe- mann dankte seinem Regiment. Die Brautführer brachten ihren Brautjungfern ein Hoch, Man ttank auf Befolgung des guten Beispiels, das Harro von Urau und dessen junge Frau gegeben; kurz, die Wünsche die Hocbjs und die Reden lösten einander immer schneller, immer heiterer ab, und die Stimmung ward immer gelungener. (Fortsetzung folgt.) Iie Kunst im Zeitalter der Maschine. Ueber dieses aktuelle Thema hat Friedrich Naumann VM einiger Zeit einen gedankenreichen Vortrag gehalten, der im Kunstwart abgedruckt ist. .Natürlich kommt Naumann darin auch aus den Einfluß per Eisenindustrie auf die zeitgenössische Architektur zu sprechen. Nachdem er kurz auf die Maschine als ästhetischen Faktor hingewiesen hat, fährt er fort: Leichter ist es, von dem Tell der Eisentechmk zu sprechen, der vor aller Augen ist. Und zwar scheint es mir praktisch, mit etwas zu beginnen, was nicht selbst aus Eisen hergestellt wird, was aber zum Eisengetriebe gehört. jBk hohe Fabrikesse, der Fabrikschlot war vor dreißig Jahren geradezu ein Sinnbild für die Verunzierung der Gegend. Und heute? Die Maler greisen eifrig nach den hohen Essen und malen sie in alle ihre Stadtbilder hinein. Die Esse selbst ist aber auch inzwischen eine andere geworden als sie früher war. Einst war sie eine gradlmige Aufeinandeffchichtung von Backsteinen, Stein auf Stein, tot und hohl. Es fehlte die innere Elastizität im Linienbau der Esse. Ohne daß das weitere Publikum viel davon gemerkt hat, sie ist gekommen. '.Was für kleine Abweichungen schaffen hier Schönheiten ! Ich ging neulich durch brandenburgische Landschaft und sah Kiefernwald, Seen und Essen von Ziegeleien. Diese schlanken Türme der Neuzeit, diese Minarets des Abendlandes gewinnen mit jedem Jahrzehnt an Charakter. Schon heute ist alle Art Rhythmus in ihrem Ausstieg, bis hin zu dem jubelnden Stolze der schönsten Esse, die ich gesehen habe, die in Pans auf der Ausstellung neben der großen Maschinenhalle stand. Und die Eße ist nnr eine der neuen Formen. Ost taucht im Bergwerksgebiet mitten aus Kohlenschutt und Kahlheit irgend eine Art von Turm oder Gerüst öder Krahn auf, der uns nicht losläßt. Ein Abend über Dortmund nnd Bochum kann gerade so schön sein wie ein Abend hinter Agaven und Zypressen, wenigstens sür das Ange, nicht immer für die Lunge. Nur ist die Schönheit eine andere, sie enthalt viel gebrochene Steilheit in sich, Piel eckige Unuiittel- barkeit, viel hatte Mystik, wenn es erlaubt ist, vom Bilde der EisenlaMchaft Du derartigen Tönen zu reden. Am izumittelbarsten wirkt der neue Stil in der Architektur. Unsere neuen Bauten sind die Schisse, Brücken, Gasanstalten, Bahnhöfe, Markthallen, Ausstellungssäle nfw. .Sie sind das Neue, das unsere Zeit hat. Um sie als neu zu empfinden, muß man alte Stämebilder hernehmen. Ueberhaupt lernt man beim Vergleich alter und neuer Bilder den Einfluß des' eisernen Trägers nnd der eisernen Schienen kennen. Der neue Eisenbau ist das größte, was unsere Zett künstlerisch erlebt. Auf jedem anderen Gebiet fnchen wir Aehren auf Feldern alter Ernte, hier aber wird Neuland in Angriff genommen. Hier gibt es keinen alten Zwang, keine Hofkunst, keine Schulweisheit. Hier wikd nicht Kunst neben Konstruktion getrieben, keine angeklebte Dekoration, seine bloße Schnörkelei, hier wird siir den Zweck geschaffen, nnd die Form wird geboren wie ein Kind, an das" seine Eltern kaum dachten. ,Jn allerlei Mühsal dieser Tage ist es etwas Hohes, .daß wir die erste Generation der Eistuarchitektur sind. So Wie wir waren etwa jene Leute daran, die einst den Uebertzang vom romanischen Bau zur gotischen Freiheit erlebten, zur ersten keuschen, zaghaften, unendlich zarten Gotik. Es liegt, in allem unserem Eisenbau so viel Einfaches, und bei aller Weite Rührendes. Man wird in fünfzig Jahren noch viel vollkommener bauen, aber es wird bann Won Leute geben, die die Zeit vom Münchener Balmbos, der kaum ein erstes' Zlhnen des Eisenbaues — KM M, .bis zum Frankfurter Bahnhof, diesem wunderbar aus Mor- genfrühe des Eisenbaues heraus entstandenen besten Werke unserer Tage, mit einer Art von Heimweh sich wünschen werden. Ich habe infolge meines an allerlei Wanderungen reichen Lebens viel vom steinernen Bau gesehen, deutsche Dome und französische Kirchen und Schlösser, Sankt Peter in Rom und die Hagia Sophia in Konstantinopel, auch die unvergeßlichen Ruinen von Balbeck und die Burg.von Athen. Alles das steht ehrfurchtgebietend vor meinem Geiste, .aber das Gefühl innerer mitschafsender Freude entsteht doch erst bei Werken, .die unserer Zeit angehören, bei der Müngstener Brücke oder der Rheinbrücke von Düsseldorf, beim Eiffelturm. Aller Steiubau ist 31t gewisser Weise fertig. Man hat in der Petersiirche das doppelte Gefühl: das ist wunderbar groß! und: das ist das Aeußerste, .was erreicht werden konnte! Und diesen zweiten Sah sagt man vor keinem Eisenbau. Hier leben noch unaussprechliche Möglichkeiten. Alle alten Raumbegriffe verschieben sich. Mle Gefühle für Träger und Belast- ungsverhältnisse werden anders. Große Gewölbe fast auf Punkte zu legen, ist so neu, Hatz ost der Architekt noch falsche Pfeiler für nötig hält, als schäme er sich selbst seiner jungen Kraft. .Noch gibt man dem Eisenbau aus einer Art von Schüchternheit steinerne Vorhallen. .Gerade aber dieses leise und doch so frohe Herauskommen aus dem Wald der Vergangenheit gehört mit Aum Zauber der neuen Kunst. Nicht jeder Eisenbau an sich ist schön. Keineswegs! Es entstehen auch hier täglich Halbheiten .und Geschmacklosigkeiten: Mannesmannröhren mit korinthischen Kapitälen und dergleichen. Man muß aber aus dem Merlei den Zug nach neuen Formen zu erkennen wissen. .Und niemand wird auf diesem Gebiete ohne inneren Gewinn suchen. Nicht alles, was Kunst heißt, stärkt den Menschen, diese Kunst .aber hat etwas absolut CharaktervoUes. Es gibt Stücke am Unterbau der Berliner Hochbahn, die in ihrer freien Wuchtigkeit besser wirken, als Salomonis Sprüche. Der Mensch besinnt sich auf das Wesenhafte, aus den Aufbau der Dinge selber, er lernt die Arbeit der Materie nachempfinden, und hebt sich selbst an einem Material, dem diese Arbeit Lust ist. Tas alles wirkt auch aus Menschen, die darüber nie verstands- mäßige Auskunst geben könnten. Es lehrt uns Linien erfassen, hie mir dann in uns selbst wiederholen. So wird auf eine schwer Au beschreibende Weise das Wen zum Erzieher seines Zeitalters Und hilft mit, den Stil der Neuzeit zu schaffen, den wir suchen. Die Kinderausstellung in St. Louis. In her anthropologischen Abteilung der Weltausstellung in St. Louis bietet die an Zahl und Mannigfaltigkeit der „ausgestellten" Subjekte gleich merkwürdige Kinderausstellung für den lvissenschaftlichen Beobachter wie für den neugierigen Besucher einen lehrreichen und reizvollen Anblick dar. Jede Art von kindlicher Kreatur kann hier gesehen werdest, von dem gebrechlichen, schwachen Geschöpf, dessen zartes Lebensstämmlein künstlich ' entfacht werden must, bis zu dem Eskimobabh, das auch nicht einen Tag .unter den Lebenden geduldet würde, wenn es nach der Geburt irgend ein Zeichen von Schwäche zeigen sollte und dem unfehlbar in diesem .Falle statt künstlicher Sommertemperatur und künstlicher Nahrung ein rauhes, unwirtliches Grab in der -kalten Wüste von Alaska beschert würde. Die Jndianerbabies, deren Ausstellung sich.an die Muster- schnle für Indianer anschließt, sind wohl das Wunderlichste, was der Beobachter des Kindcrlebens zu sehen bekommen kann. In ihrer stoischen Ruhe, die fast Nie durch Weinen oder irgend einen anderen Laut unterbrochen wird, weichen sie durchgehends von allem ab, was sonst in der weißen oder farbigen Welt unter den Begriff „Kind" einbezogen werden kann. Man findet erst mit einiger Mühe heraus, daß es ein lebendes Wesen ist, das die Jndianer-Sqnaw (Frau) da auf ihrem Rücken trägt und hat es nicht leicht, zu begreifen, wie sich diese musterhaft „artigen" Kinder die spärlichen Laute ihrer Muttersprache an- eignen. Traurig und gelassen blicken ihre steinen Angen gerade vor sich hin, und es ist recht schwer, durch irgend etwas ihre innerlich gespannte Aufmerksamkeit nach außen abzulenken. Es ist, als' würde eine wichtige und ernste Angelegenheit sie innerlich beschäftigen, und als fänden sie es nicht der Mühe wert, davon abzugehen;, fast möchte man glauben, daß die Urerinnerung ihres Stammes an zahllose erlittene Leiden und Qualen schon den Kleinsten unter den Kleinen scheue Vorsicht zur Lebensregel gemacht hat. Eines der merkwürdigsten und am meisten beobachteten Kinder in der Ausstellung .ist Ainu, das steine japanische Mädchen, dem in Anbetracht seiner anthropologischen Bedeutung eine geräumige Strohhütte eingeräumt wurde. ,Ainu ist ein Sproß eines der wenigen japanischen Stämme, die sich niemals mit fremdem Blute vermengt haben. Ainu ist frühzeitig mit einem steinen tätowierten Schnurrbart auf der Oberlippe versehen worden, der seinen Stmnmesgenosfen für das Ideal weiblicher Schönheit unumgänglich erscheint. .Im Gegensatz zu den nackten Jndiancr- kindern tragt Ainu ein aus feinen Baumfasern und Schleifen zusammengesttzteK und so vostständiges Kostüm, daß es nahezu unbegreiflich erscheint, wie sie dabei zum vollen Gebrauch ihrer Gliedmaßen gelangen soll. Wer so will. es die unbarmherzige Mode, die in Japan schon früher ihre unumschränkte Herrschaft beginnt, als anderswo. Da sind die patagonischen Kinder ganz andere Kerle. Sie sind fast ganz unbesteidet, haben kein Bett und werden niemals von der Mutter herumgetragen. Und kaum vermag der steine Patagonien die Beine zu rühren, so wird er gleich im Reiten unterrichtet, da in Patagonien nur die Aermsten unter den Armen sich damit abgeben, zu Fuß zu gehen. Tie freien amerikanischen Bürger von Alaska, vulgo Eskimos, haben sich auch dazu herbeigelassen, mit ihren Kindern ausgestellt zu werden. Sie tun es freilich ebenso ungern wie die Indianer und fürchten fast ebenso wie diese den bösen Blick des weißen Mannes. .Männlein und Weiblein tragen dasselbe primitive Kostüm, bestehend aus dicken Stiefeln und einem dünnen blauen Kalikohemd; der steine Eskimo behilft sich ohne jedes Kostüm und wird einfach an den Rücken der Mutter angebunden, welche mit dieser Bürde alle wirtschaftlichen Tätigkeiten vollbringt, ja sogar an den ausgelassenen Tänzen tenmmmt, in denen sich die Eskimos vor den erstaunten und verachtungsvollen Blicken der Japaner ergehen. . Unter den Eingeborenen von Alaska haben die Ideen und Bräuche des Ehristentums in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht. .Eine große Umwälzung wird bewirkt fern, wenn die Eskimos sich dazu bekehren werden, ihre Toten zu begaben, denn nach uraltem jahrhundertelangem Brauch dürfen wlbst dw nächsten Freunde iind Verwandten weder Bet einer Geburt noch bei einem Todeskampf zugegen sein. Der sterbende Eskimo,wird in die Tundra (Wüste) hinausgetragen, auf eme dichte Mooslage ausgebreitet und mit einem Zaun von Treibholz umgeben. So muß er allein dem letzten Augenblick eutgegengehen, und so ehren die Eskimos in ihrer Weise die „schwere Stunde" und den Tod, das Geheimnis des Lebens und des sterbens. Miß Mary Hart, die der Maska-Ausstellung Vorstes er- Mlte uns von dem Begräbnis, das etn „for.fchrittliches Eskimopaar seinem Kinde veranstaltete. Das kleine Wesen wuroe in eine einfache Büchse gesteckt, und mit den zartesten und weichsten Pelzstosfen umlagert. In das zarte rechte Händchen steckte ihm aber die vorsorgliche Mutter eine abgelegte elektrsiche Glühlampe, ans daß die geheimnisvolle und erhabene Lichtquelle ihm den Weg durch 'das unheimliche Ta! des Todes erleuchte. — — — St. Louis, Ende August. E. S. Die Poesie des Automobils. Wenn Menschen oder Tinge am Spott sterben könnten, müßte das Automobil längst tot sein, denn die Verulkung dieses Vehikels überbietet alles bisher dagewescne. Tie Witzblatter leisten sich ganze Äutomobiliiummern, eine Ehrung, die wohl noch keiner Maschine zuteil geworden ist. Die Poesie des Automobils aber wollte keiner sehen, bis jetzt ein Dichter, dem alles zur Poesie wird, auch das Automobil mit Tichteraugeu gesehen hat: Manrice 'Maeterlinck. In seinem von uns bereits erwälmten Werk: „Der doppelte Garten" (Engen Diede- richs, Jena) gibt der Abschnitt „Im Automobil" wieder em Beispiel, wie der Dichter Stoffliches, scheinbar Totes, zu beseelen vermag. Mit seinen Äugen gesehen, ward bie Maschine zum lebendigen Geistwesen, .zum Ungetüm voll geheimnisvoller Wunderkräfte, deren Bewegung und Beherrschung ihren Bändiger über niciischliche Begrenztheit hinaushebt. Wir teilen hier den Schluß des Abschnittes mit: „Der Raum und seine unsicyt- bare Schwester, die Zeit, .sind im ganzen genommen, die beiden großen Feinde des Menschen. Wenn wir sie besiegten, mären wir den Göttern gleich Tie Zeit scheint unbesieglich: sie hat weder Körper noch Gestalt, noch ein Orgnn, durch das wir ihrer habhaft werden könnten. Sie vergeht, sie hinterläßt fast immer schmerzliche Spuren, gleichsam den verderblichen schatten esires unvermeidlichen Wesens, das man nie erblickt. Es ist zudem wahrscheinlich, daß sie an sich gar. nicht vorhanden ist, sondern nur für uns, und daß es nns nie gelingen wird, dieses notwendige Phantom unserer organivb fehlerhafteii Einbildunaskraft zu unterjochen. Ihr prächtiger Bruder hingegen, der Raum, der sich ins grüne Kleid der Ebenen, in den gelben Schleier der Wusteti und den blauen Mantel der Ozeane hüllt und das alles mit dem Azur des Himmels und dem Gold der Sterne bedeckt, — er hat schon manche Niederlage erlitten, aber noch nie bis auf diesen Tag hat der Mensch sozusagen Mann gegen Mann, Brust gegen Brust, und Äug' in Auge mit ihm gerungen. Er sandte bisher gegen feine Riisengestalt nur Ungetüme ins Feld, die, wenn sie siegten, erst selbst besiegt werden mußten. Aus dem Meere wird er, von großen Dampfern stäglickj überwunden, .doch das Meer ist so ungeheuer daß die' äußerste Geschwindigkeit, die unsere schwachen Lungen ertragen könnten, dock nur eine Art unbeweglichen Sieges wäre. Auf der Eisenbahn hingegen zieht der unterworfeiie Raum an uns vorüber; er ist gleichsam der Gefangene, der von einem fremden Fürsten im Triumph daher geschleppt wird, und wir selbst sind die zagen Gefangenen.dessen, der ihn entthronte. 916er hier in diesem kleinen Feuerwageii, der so lenksam, .so leicht und wuudebar unermüdlich ist, .zwischen den entfalteten Schwingen dieses Flammenvogels der flach über Die Erde hinstreicht, um uns die Blumen zu zeigen, der die Kornfelder liebkost und die 576 Kühle der Bäche atmet, der den Baumschatten liebt, in die Dörfer eindringt, der die Türen geöffnet und die Tische gedeckt sieht, der die Schnitter zählt, die sich auf den Wiesen bücken, der die lindenumrauschte Kirche umkreist und Schlag zwölf vor der Herberge rast.t, um dann singend weiter zu ziehen und mit einem Sah zu sehen, was die Menschen treiben, die drei Tagemärsche davon entfernt wohnen, und dieselbe Stunde in einer neuen Welt zu beschleichen, — hier wird der Raum wirklich menschlich, er gleicht sich unserem Auge, den Bedürfnissen unserer zugleich raschen und langsamen, ungeheuren und engen, unersättlichen und kleinlichen Seele an; er wird schließlich assimilierbar und bietet uns unaufhörlich an jedem seiner Ziele jede seiner Schönheiten, ,die er uns früher nur bei der beschwerlichen Ankunft bot. Jetzt dagegen ist es nicht mehr die Ankunft, welche uns die Augen öffnet, .die für unser Leben so kostbare Aufmerksamkeit schürt, und zum Glück des Schauens einlädt; der Weg selbst ist nur mehr ein endloses Ankommen. Tie Freuden des Zieles verfielfältigen sich, denn alles nimmt die herrliche Gestalt des Zieles an. Tie Äugen vergessen endlich ihre Gleichgiltigkeit und Trägheit, und die gute Erinnerung an die Schönheiten der Mutter Erde die bescheidenste der Feen, dte dem Menschenglück Vorstehen, § reibt im Gedenken an die weniger glücklichen Tage, die, jedem enschen beschieden sind, zu den erworbenen Gütern, die uns niemand rauben kann, die unverhofften Schätze, die ihr auf den entfesselten Straßen und in den losgebundenen Stunden- zuströmen." Vermachtes. * Tie Frau als Beherrscherin der Bühne. Braucht man eigentlich noch Männer auf der Bühne? Diese auf den ersten Blick erstaunliche Frage wirst eine Londoner Theater- zeitung auf, und sie kommt zu dem Schluß, daß man die Männer au f der Bühne im Grunde nickt mehr nötig hat. Einst gab es eine Zeit, da das Auftreten der Frau auf der Bühne verpönt war: jetzt macht die Frau sich immer mehr zur Beherrscherin der Bühne. . . Der barocken Idee liegt die ernsthafte Tatsache zu Grunde, daß die Zahl der Frauen, die Mannerrollen an sich reißen, in schnellem Wachstum begriffen ist. Jene Zeitschrift führt an, daß Sarah Bernhardt als Hamlet viele Leute begeistert, sie und Maude Adams haben für immer es beit Schauspiel'rn unmöglich gemacht, die Rolle des Herzogs von Reichstädt in „L'Aiglon" zu spielen; ein moderner Klubmann konnte nicht besser als durch Vesta Tilley dargestellt werden. Romeo hat ein halbes Dutzend berühmter Darstellerinnen unter dem schönen Geschlecht gefunden, darunter Sarah Bernhardt und Julia Marlowe, und immer mehr Frauen tragen auf der Bühne triumphierend die Hosen, und diese Entwicklung findet ein günstiges Echo im Publikum. Als die Posse die leichte Oper verdrängte, wurden den Männern die Reihen des Chors verschlossen, und auch für die Hauptrollen werden sie immer weniger nötig. So ist Edna Map ein reizender Knabe in einem Akte des Stückes „The Girl front up there", man kann sich keinen mutigeren Kavalier als Julia Marlowe in „When Knighthood was in Flower?" vorstellen, der Oliver Twist ist auf der Bühne fast immer von Frauen gespielt worden. In dieser Tendenz der Schauspielerinnen, Männerrollen zu übernehmen, ist die „göttliche Sarny' die Führerin. Ehe sie sich das letzte Mal zur Saison nach London begab, sagte sie: „Ich werde dort in ,Pelleas und Melisande' auftreten, und zwar ich als Pelleas; Mrs. Patrick Campbell wird die Melisande spielen. Warum ich solche „Launen" habe und Männerrollen spiele? Das amüsiert mich eben. Es ist seltsam, bizarr, spaßig und regt mich an. Ich muß ein Vergnügen haben. Es ist eine Zerstreuung, eine Aender- ung und macht von sich reden. Enfin, je l'adore. Warum sollte ich nicht? So bin ich nun einmal." In der Geschichte der Bühne bedeutete diese Entwicklung jedenfalls die größte Revolution! Seit den Anfängen des griechischen Dramas wurden alle Rollen auch die weiblichen, von Männern und Knaben gespielt, und die Nachwirkungen dieses Vorurteils gegen schauspielernde Frauen wurden erst durch die Bühne zu Shakespeares Zeiten beseitigt. Im alten Globe-Theater spielten Knaben Rosalinde, Jessica, Portia und Imogen; aber nach dem Auftreten der reizenden und begabten Bracegirdle wurde dies anders. Und nach wenigen Generationen spielte die bezaubernde Peg Woffington bereits die Rolle des Sir Harry Wildair so, daß das begeisterte Publikum der Ueberzeugung war, einen Mann vor sich zu haben. Ein Hoffnungsschimmer bleibt aber noch für die Schauspieler; man kann sich nicht gut vorstellen, daß Frauen den Falstaff, Othello, Spartacus oder Rip Van Winkle spielen, nicht, weil sie das nicht könnten, sondern weil es ihnen keinen Spaß machen dürfte . . . Knaben, Liebhaber, Kavaliere und Pagen werden oft besser von Frauen als von Männern dargestellt. Die Frauen sehen in Knabenkleidung mehr wie Knaben aus, als diese selbst, und Männer können keine Knaben spielen und sehen auch nicht so aus. Wenn eine Schauspielerin von vierzig Jahren ihre schlanke Figur bewahrt hat, so kann sie noch den kleinen Lord Fauntleroy darstellen, aber eine männliche Person über fünfzehn Jahre würde sich nicht mehr dazu eignen. Und dabei kann der Schauspieler nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Man kann sich ihn doch nicht als Julia oder Portia vorstellen. Die erwähnte Fachzeitschrift malt bereits' .düstere Schreckensbilder an die Wand. Was wird aus den vielen Schauspielern werden? Werden die Frauen, wenn sie sie verdrängt haben, sie wenigsten» als Bühnenarbeiter und Kulissenschieber dulden und ihnen bann! und wann erlauben, als „römisches Volk" vor die Rampe zu treten? * Ludwig Bamberger über das Rauchen. MA vor etwa fünfzehn Jahren der Redakteur der „Deutschen Tabakzeitung" eine Reihe von geistig hervorragenden Männern in Deutschland aufforberte, ein Urteil über den Tabakgenuß abzugeben, richtete er diese Anstage auch an Bamberger. Das Schreiben, worin Bamberger diesem Wunsche entsprach, ist ein kleines Kabenettsstück, wohl wert, in weiten Kreisen bekannt zu werden. Das der „Voss. Ztg." zur Verfügung gestellte Schreiben lautet: „Bersin W., den 3. November 1889. Geehrter Herr! Sie wollen wissen, wie ich zum Tabak stehe. Ich bin zwar weder ein starker noch ein passionierter, aber ein sehr überzeugter und dankbarer Raucher. Von den vielen kleinen Genüssen, mittels deren wir Sterbliche das nicht existterende große! Glück ersetzen, zähle ich den der Zigarre zu den besten und wertvollsten. Der alte Talleyrand sagte vom Essen: Parlez-moi d'un plaisir, gut je renouvelle trois fois Par jour et bure chaquej fois une heure! Wäre er ein Raucher gewesen, so hätte er diese Lobpreisung für den Tabak aufgespart. Aber er hat nur geschnupft und auch das wahrscheinlich nur wegen der mit Diamanten besetzten Dosen, die bis auf diesen Tag zu den unersetzlichen Instrumenten der völkerbeglückenden Diplomatie gehören. Nicht jedem ist es gegeben, drei Mahlzeiten von je einer stunde im Tage absolvieren zu können, aber dreimal eine Stunde nach dem Essen rauchen, das ist auch bescheidenen Kräften möglich,, und die Zigarre nach dem Mahl ist dessen besseres Jenseits. Mit letzterem hat das Rauchen auch gemein, daß die Vernunft nichts davon begreift, denn etwas Jrrationelleres als das Rauchen gibt es doch nicht, es sei denn das Schnupfen, welches darum für den Eingeweihten noch höher stehen mag; aber hier kann ich nicht aus eigener Erfahrung mitsprechen, selbst in diesem Punkt. verläßt mich jede diplomatische Anlage. Ich rauche nicht beim Arbeiten, sondern nur bei leichter Lektüre, leichtem Gespräch oder Geträurne. Wahre Genüsse wollen nicht mit anderen gehäuft sein. Tie Engländer, welche die schlechtesten Feinschmecker sind, essen alle Gerichte zugleich aus einem und demselben Teller; die Franzosen essen auch den Salat allein. Tip Orientalen, welche zu leben wissen, halten es so mit ihrer Pfeife.- Eine Nutzanwendung gegen das neue Musikdrama läge naher, aber wir wollen „Am Rauchen" bleiben wie Alphonse Karr vor vor einem halben Jahrhundert in feinen „Wespen" den Abschnitt der leicht dahintreibenden Gedanken überschrieb. .Eine Zigarre erhöht den Wert schöner Stunden und hilft schwere tragen. .Sie ist ein Uebergang aus der sichtbaren Welt in die unsichtbare. Da Sie an so viele Leute die Bitte um ihre Ideen über den Tabak richten, so fragen Sie auch einmal bei einem Medium an, ob die Geister rauchen? Es sollte mich nicht wundern. Aber welche Marke! Ihr ergebener L. Bamberger. P. S. Ich halte das Rauchen für gesundheitswidrig, wie jedes Vergnügen, und wie das ganze Leben, an dem wir schließlich sterben." Ein Freund. Nach Gütern ringt der Mensch auf Erden Bon Jugend an mit aller Kraft sind achtet Kampi nicht und Beschwerden In seines Strebens Leidenschaft. ter jagt nach Gold in wilder Gier, Ten locket mäckt'ger Stellung Zier, Und ungestüm begehrte Ziele Sind Ehre, Ruhm und Glanz für viele. Wenn alle diese schönen Dinge Umgäben Dich in buntem Schwarm, Ein Freund jedock Dich nie umfinge Mit Lieb' und Treu': Wärst Du nicht arm? A. .Ammann. Rätsel. (Nachdruck verboten.) Auf den Bergen kannst du's finden, Lieblich liegt’© in stiller Ruh — Einen Namen wird dir's künden, Fügst du ihm ein Zeichen zu. Nimm das mittelsse der Zeichen, Setz ein andres daiür ein, So wird's wie durch Hexenzauber Ein Teil von dir selber fein. Aenderst du das letzte Zeichen, Spricht's von Falt und grauem Haah Doch imReiche des Gesanges Klingt es manchmal wunderbar. (Auflösung m nächster Nummer.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nrt. Glänzendes Elend. Redaktion: Auaust Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R.Lange, Gießen,