61 is! - c.- jWfn’i WM sOWKH fah® ?! ^U, jf ; •.., K*1 M. WWW WMWLZ »1®K «lefflü1!? .-±1 Ein angenehmes Gröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Erinnerung an letzteres entlockte ihm sogar ein zufriedenes Lächeln, und da ihm der Pfarrer nicht gleich antwortete, setzte er noch selbstgefällig hinzu: „Ich habe aber diesem Bummler von Kapitän, der da glaubte, daß das Publikum seinetwegen du sei, gehörig aus die Strümpfe geholfen. Wenn ich noch einmal mit ihm fahren sollte, wird er es sich! Wohl von Anfang an nicht e insallen lassen, die Abfahrtszeiten nach seinem persönlichen Gutdünken zu bestimmen — dem ist durch mein energisches Auftreten ein Riegel vorgeschoben!" Der Pfarrer hatte ihn, ohne eine Miene zu verziehen, ausreden lassen. Nun irrlichterte es aber doch pon verhaltener Heiterkeit über sein Gesicht, und nur schwer seinen Ernst bewahrend, sagte er: „Sehen Sie, mein lieber Herr von Höchstfeld, da befinden Sie sich wieder einmal auf dem Holzwege. Nicht Ihrer Energie, sondern einzig und allein einem Irrsinnigen haben Sie die schnelle Fahrt zu verdanken." Der Major sah ihn betroffen an. „Ja, ja", nickte der Pfarrer, „so kann man sich täuschen ! Ich erfuhr es durch einen Zufall, daß an dem fraglichen Tage ein armer Verrückter auf dem Dampfer war. Der Kapitän befürchtete bet diesem, der sich! ganz rabiat gebärdet haben soll, den Ausbruch der Tobsucht, und nur um seine Passagiere nicht unnötig lange einer möglichen Gefahr auszusetzen, die für ihn wahrscheinlich Scherereien im Erfolge gehabt hätte, beschleunigte er die Fahrt!" Erich, dem nach und nach ein Licht aufging, wollte schon etwas sagen, als der Major voller Empörung ausrief: „Das ist ja die hirnverbrannteste Rücksichtslosigkeit! Anstatt einen zu verständigen, damit man sich vorsieht, oder, wie am richtigsten gewesen wäre, solch einen Kerl in die Zwangsjacke zu stecken, läßt man ihn frei herum- lausen!" Dann sich zu Erich wendend, sagte er: „Mir ist übrigens nichts Besonderes aufgefallen, hast Du etwas bemerkt?" „Ich wüßte wirklich nicht", entgegnete dieser verlegen, „vielleicht handelt es sich iiberhaupt unr um eine Vermutung." । „Nein, nein", versicherte der Pfarrer, „der unglückliche Mensch, soll sich auffallend benommen haben, daß an seiner Unzurechnungsfähigkeit gar nicht zu zweifeln war." Hinter des Vaters Rücken machte ihm Erich ununterbrochen Zeichen zu schweigen, doch der Pfarrer fuhr, ohne diese zu bemerken, unbeirrt fort: ,-Auch soll er die Mitreisenden durch! seine alb erneu Redensarten in hohem Grade belästigt und sie geradezu yerausgefordert haben!" „Jetzt weiß ich- wer es Wert", erinnerte sich Herr vost Höchstseld, „das kann doch einzig und allein nur dieser Semliner Holzhändler gewesen sein, der sich auch mir au die Fersen hängen wollte. Ich hielt den Kerl erst für eineU unverschämten Patron, nun ist mir aber sein aufdRnglich«s Benehmen freilich! erklärlich." Erich atmete auf, und froh, daß der Vater absolut nicht ahnte, welche wenig schmeichelhafte Rolle er selbst in diesem beleidigenden Mißverständnis spielte, bestärkte er ihn eifrigst in seinem Verdacht gegen den Holzhändler. „Wissen Sie, was aus ihm geworden ist?" erkundigte sich der Major, und als der Pfarrer dies verneinte, sagt« er: „Vielleicht kann uns Herr Brabar Auskunft gebens der sich für heute aus Semlin angemeldet hat." „Run, der kann ja jeden Moment hier sein", meint« der Pfarrer, „da ja der Dampfer seit vierzehn Tagen immer morgens eintrifft." „Ich weiß es", sagte der Major, „Herr von Szabo hat ihm auch schon einen Wagen an die Station geschickt. Er will die Südecke des Orlowwaldes- im ganzen zirka achthundert Eichenstämme kaufen und dieselben noch in diesem Winter abholzem „Hm, hm", räusperte sich der Pfarrer, „da habe ich es unglücklich getroffen. Ich will lieber ein andermal kommen, wenn Sie weniger geschäftlich in Anspruch genommen sind." Herr von Höchstfeld, den nach einer nochmaligen Unterhaltung absolut nicht verlangte, protestierte daher: „Aber, ich, bitte, sagen Sie nur kurz, was Sie wünschen, sofern es sich, um eine Pflichterfüllung handelt, werd« ich daran nicht gemahnt werden müssen." „Nein, nein", wehrte Vater Adame lachend, „solche Angelegenheiten besprechen sich am besten zwischen Nachtisch und Kaffee, ich schaue also dieser Tage wieder einmal her. Jetzt muß ich aber sofort aufbrechen, sonst, bekomme rch auch zu Hause nichts zu essen." Die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Pfarrer von! seinem Zutischbleiben sprach- machte Herrn von Höchstfeld so perplex, daß er ihn wie ein Wundertier aus einer anderen Welt anstarrte. Dem Alten machte dies Spaß, und obgleich oder vielmehr gerade deshalb, weil er den Gedankengang seines Gegners erriet, tat er vollkommen harmlos, hoffend, ihn dadurch am ehesten von seiner versöhnlichen und ehrlichen Stimmung zu überzeugen, und mit behaglichem Lächeln sagte er: „Ja, ja, Sie wundern sich, daß ich so kurz vor Tischzeit nach Hause fahren will, aber ich lasse mich auf keinen Fall zurückhalten. Geschäft ist Geschäft und ich spiele nicht gern den Störenfried. Wenn Sre erlauben, begrüße ich nur noch in, der Schnelligkeit Ihre liebe Frau und dann. H Adieu!" 602 Als man eben zur Mr schritt, Fant Szabo und teilte Herr von Höchstfeld mit, daß der Käufer eben borge- fahren sei. „Nun, dann begleitet mich Ihr Herr Sohn hinüber, und Sie bleiben d a", entschied der Pfarrer, nahm kurzen Abschied und ging. Vor der Tür blieb er einen Augenblick stehen und ohne an Erichs Gegenwart zu denken, seufzte er recht, recht schwer aus. „Fehlt Ihnen etwas, Herr Pfarrer?" fragte dieser besorgt. „Ach, mein lieber Sohn", meinte der Alte bitter, „ich könnte Ihnen nur mit den Worten Ihres Herrn Vaters antworten, daß es schwer ist, gegen Mißtrauen und Uebel- tvollen anzukämpfen", — dann, den gewaltigen Kopf in den Nacken werfend und mit der Rechten durch die Lust fahrend, sagte er: „Aber es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn die Sache so bleiben sollte! Glauben Sie mir, der alte Adame hat, trotz aller christlichen Nachgiebigkeit, einen eisernen Schädel, mit dem er auch die bestverrammelten Tore einzustoßen versteht!" In diesem Moment war Erich fest von der Schuldlosigkeit des Pfarrers überzeugt, und mochte es welche Folgen immer haben, so wollte er nun von ihm selbst Aufklärung erhalten. „Herr Pfarrer", bat er daher, ihm die Hand entgegenstreckend, „darf ich Sie morgen besuchen?" „Zu jeder Stunde sollen Sie mir von ganzem Herzen willkommen sein", sagte er, „und nun wollen wir zu Ihrer Frau Mutter gehen, vielleicht läßt mich, unser Herrgott auch in ihr eine Bundesgenossin finden." Am Wege begegnete ihnen Herr Brabar, der von Herrn von Szabo nach der Wirtschaftskanzlei geleitet wurde. Erich stockte unwillkürlich- als er in diesem den Sem- liner Holzhändler unseligen Angedenkens erkannte, und am liebsten wäre er diesem nachgeeilt, um ihn vor Vaters Argwohn zu warnen und ihn, wenn es nötig sein sollte, auch um ruhige Nachsicht zu bitten.. Konnte, durste er indes den Vater derartig bloßflellen? Nein, auf keinen Fall — aber zugegen wollte er sein, um, wenn es nötig sein sollte, durch ein beruhigendes Wort das Aufeinanderplatzen zu verhindern. Einige unverständliche Worte stammelnd und nur eben noch hinzufügend, daß er sein auffälliges Benehmen morgen erklären werde, stürzte er davon, Ter Pfarrer schaute ihnr kopfschüttelnd nach, dann murmelte er: „Weiß Gott, der Junge scheint auch "verrückt zu sein — schade, schade!" Erich war derartig gelaufen, daß er unmittelbar nach den Voraufgegangenen die Kanzlei betrat, wo Szabo gerade Herrn Brabar vorstellte. Dieser und Herr von Höchstseld starrten sich, zu des Gutsinspektors höchster Verwunderung, ganz verdutzt an und wichen impulsiv einige Schritte zurück. Beide hatten gleichzeitig denselben Gedanken: „Nimm dich in acht, du hast einen Verrückten vor dir." Herr vön Höchstseld gewann zuerst seine Fassung wieder. „Wenn ich mich nicht irre , . ." — er hielt inne. Das Wort „Irren" konnte vielleicht an und für sich einen Irrsinnigen reizen, und deshalb verbesserte er sich — „wenn ich mich nicht täusche, so haben wir uns schon einmal gesehen." „Freilich, freilich", pflichtete der Semliner bei, „nur hätte ich nicht gedacht, daß Sie sich meiner erinnern werden, denn Sie hatten ja damals gerade solch einen verrü. . . verärgerten Anfall." Herr von Höchstfeld lächelte nachsichtig. „Ja, ja, ich habe mich damals schmählich geärgert", gab er zu, „und wie denn auch nicht, solch eine Lotterwirtschaft ist ja geradezu. . ." „Na, na, na, regen Sie sich nur nicht von neuem auf, lieber §err", glaubte ihn Brabar beruhigen zu müssen und legte ihm, tote damals, besänftigend die Hände auf die Schulter. Herr von Höchstfeld wich abermals einen Schritt zurück und machte Szabo und Erich Zeichen, auf der Hut zu sein, um allenfalls helfend beispringen zu können. Letzterer hatte schon die längste Zeit auf einen passenden Moment gelauert, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. „Dürfen wir Ihnen vielleicht, ehe wir aus das Geschäftliche eingehen, nrit einem Gläschen Mein aufwarten?" wandte er sich jetzt an Brabar. Dieser lächelte verschmitzt und drohte ihm mit dem Finger. „Nein, nein, nicht eher, als bis wir einig geworden sind, denn zum Geschäft gehört ein klarer Kopf." „Merkst Du es, mit welcher Absichtlichkeit er von seinem klaren Kopf spricht?" flüsterte der Major Erich zu, „das ist der sicherste Beweis seines Jrrsins!" „Nicht wahr, lieber Herr", redete indes Brabar weiter, „Sie haben sich wohl nicht wetrig gewundert, mich als Käufer kommen zu sehen." „Allerdings, beim ich weiß nicht. . ." „Ob ich so viel Geld habe?" fiel ihm Brabar lachend ins Wort, und großtuerisch aufs Portefeuille und auf die Stirn klopfend, prahlte er: „Hier drinn und da drinn stimntt es, und toennn ich auch sonst nur ein einfacher Mann bin, mich macht doch keiner so leicht dumm." Herr von Höchstfeld wurde die Situation immer ungemütlicher — daß er mit einem Irrsinnigen kein rechtsgültiges Geschäft abschlletzen konnte, war ihm klar, und um sich weiteres, unnützes Reden zu ersparen, fragte er glattweg: „Wo haben Sie denn Ihren Begleiter gelassen?" Der Semliner schaute ihn verwundert an. „Meinen Begleiter? Ja, zu welchem Zweck soll ich denn einen Begleiter haben?" Der Major wäre gern einer Erklärung ausgewichen, aber schließlich mußte sie ja doch erfolgen, und so sagte er: „Nun, ich 'meine den betreffenden Herrn, der die gerichtliche Vollmacht hat, für Ihre Firma zu unterschreiben." „Für mich zu unterschreiben?!" ries nun Brabar, mit dessen Geduld es zu Ende war, voller Empörung, „ja, was denken Sie denn, glauben Sie vielleicht, daß ich- unter Küratel stehe?" „Ereifern Sie sich nur nicht, lieber Freund", suchte ihn der Major zu besänstigen, „wo werde ich denn an so etwas denken! Ich meinte nur wegen Ihres — kranken Zustandes." „Ich bin krank?" überschrie sich der Semliner, „nun hört sich aber alles aus! Weiß Gott, ich bin gewiß ein gutmütiges Schaf und habe so lange als möglich wie zu einem vernünftigen Menschen zu Ihnen geredet — mich aber von einem Narren als Narren behandeln zu lassen, das fällt mir nicht ein!" „Herr, was unterstehen Sie sich?" fuhr ihn Herr vott Höchstfeld, im Moment ganz vergessend, daß er einen Irrsinnigen vor sich habe, wütend an. „Mas ich mich unterstehe?" schrie dieser ebenso zurück. „Ihnen die Wahrheit sagen. Und wenn Ihre Familie nicht den Mut hat. Sie dorthin zu stecken, wo Sie hingehören, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie schnellstens in eine Anstalt kommen — denn die Allgemeinheit muß geschützt werden!" — sprach's, machte eine höhnische Verbeugung und schlug die Tür dröhnend hinter sich zu. Herr von Höchstseld kämpfte einen Augenblick mit sich- dann gewannen die Ueberlegung und das Mitgefühl die Oberhand und Herrn von Szabo zur Tür hinausdrängend/ bat er: „Eilen Sie ihm sofort nach —i der arme Mensch tut sich sonst ein Leid an!" „Aber, Papa, es ist doch nur ein Irrtum", versuchte ihn Erich aufzuklären, Doch der Major, der ihn in der Aufregung mißverstanden, nickte nur und sagte: „Freilich ist es ein Irrtum — das war ja gar nicht der erwartete Brabar — dieser arte Kerl hat sich nur in einem Anfall von Größenwahn in den für jenen bestimmten Wagen gesetzt, und der echte Brabar kann nun zu Fuß laufen — sehr fatal, äußerst fatal." Erich zuckte mit den Schultern und — schwieg. 9. Wie er es versprochen hatte, suchte Erich am nächsten Tage den Pfarrer auf. Die erwartete Aufklärung wurde ihm aber diesmal noch nicht zuteil, da er Besuch antraf, und zwar einen Besuch- der ihn alle Aufklärungen der Welt vergessen ließ. Als er in die Studierstube trat, ging ihm der Pfarrer mit drohend erhobenem Zeigefinger entgegen, und schmun- meinte ex • „Jetzt fehlt nur noch 'die Amme" — und als ihn Erich darauf ganz verdicht anschaute und sogar den Gruß ver- 603 gaß, fagte er laut auslachend — „nicht Ihre Amme, mein Sohn Romeo, sondern Ljubiza-Jullas. Oder wollt Ihr Spitzbuben es vielleicht leugnen. Euch meine Studierstube als Puter Lorenzos Zelle ausgesucht zu Huben?!" „Nein, wirllich und wahrhaftig, nein", beteuerte Erich, „ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, Komtesse Ljubiza hier anzutreffen." Und diese sah den Pfarrer verstohlen lächelnd an und sagte: „Sie sind ein ganz schrecklicher Mensch, Vater Adame, dem man von Rechts wegen sehr böse sein müßte." „I, Du wirst doch nicht!" tat er erschrocken. „Nein, ich bin es nicht, sogar ganz und gar nicht", gestand sie glückstrahlend, „aber freilich, wenn wir nicht schon wüßten, wie lieb wir uns haben, könnten Sie einen mit Ihren Anspielungen in die schönste Verlegenheit bringen." Der Pfarrer war gewiß nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, aber die Fixigkeit, mit der sich das Pärchen gesunden, machte ihn doch perplex, und völlig sprachlos karrte er die beiden, die sich über sein unverhohlenes Er- taunen nicht wenig amüsierten, die längste Weile an. Endlich löste sich der Bann, und ein ganz unheiliges Donnerwetter leitete zu der Frage über, wie denn das zugegangen sei? Ljubiza blinzelte ihm schelmisch zu und entgegnete: „Per Schreibmaschine." Des Pfarrers Staunen wurde fast noch größer. „Per Schreibmaschine?/' fragte er ganz verwundert. „Hören Sie nur, welch schönen Vers er mir geschrieben hat", sagte sie, und ungeachtet Erichs Protests deklamierte sie: „Wart' auf Worte nicht. Wenn der Blick Dir spricht. Denn im Auge nur Liegt der Liebe Schwur!" „I der Donner, auf solchen Firlefanz verstehen Sie sich auch und verdrehen damit den Mädeln noch die Köpfe?" rief der Pfarrer mit gutgespielter Entrüstung, „wie viele haben Sie denn schon mit diesem wunderbaren Poem angeschmachtet?" „So wahr mir Gott helfe, Herr Pfarrer", beteuerte Erich, „Ljubiza ist die Erste, der ich ernstlich von Liebe sprach l" Der Alte überhörte es absichtlich, und sich zu Ljubiza wendend, inquirierte er: „Und als Du das Gereimsel hörtest, konntest Du wohl nicht mehr widerstehen und bist ihm gleich um den Hals gefallen?" „Nein, nicht gleich", erklärte ihm diese schalkhaft, „erst mußte er mir „ljiti" konjugieren, dann aber zögerte ich freilich nicht länger. Wvllen Sie sehen, wie ich es machte?" fragte sie plötzlich übermütig, und ohne sich im geringsten hu genieren, schmiegte sie sich an den Geliebten und bot ihm die Lippen zum Kuß. Erich zögerte einen Moment und sah den Pfarrer mit bittend-fragendem Blick an. „Nun denn, küßt Euch in Gottesnamen", erlaubte es dieser schmunzelnd, „aber ich will nichts gesehen und nichts — gehört haben", und sich diskret zum Fenster wendend, hielt er sich mit beiden Händen die Ohren zu. Nach einer Weile frag er dann: „Seid Ihr endlich fertig?" „Noch nicht ganz", erklärten beide unter lustigem Lachen, er aber kehrte sich trotzdem um und zog sie sachte auseinander. „Nun nehmt einmal Vernunft an, Kinder, und laßt uns ernstlich miteinander reden; daß ich Euch aus ganzem Herzen Euer Glück gönne, wißt Ihr. An mir sollt Ihr auch immer einen treuen Verbündeten haben, an den Ihr Euch vertrauensvoll wenden dürft, aber . . ." „O Sie lieber guter Vater Adame!" unterbrach ihn Ljubiza dankend, „wenn wir Sie auf unserer Seite haben, dann brauchen wir uns doch keine Sorgen mehr zu machen." „Wollte Gottz Du hättest recht, mein Liebling", entgegnete der Pfarrer, bekümmert, „ich fürchte indes, daß Euch mein Beistand eher schaden als nützen könnte. Bei Deinem Vater Capulet totrb ja mein Wort auf ftucht- baren Bden fallen,, wie aber", wandte er sich fragend an Erich, „glauben Sie, daß sich Montagne dazu verhalten wird?" Erichs Stirn umdüsterte sich (Forts, folgt.) Spätsommerzeit — letzte Hygienische Knadenzeit! Von Dr. E. Grüttner. Die oft jähen Witterungsumschläge im Herbst und Frühjahr, das rauhe, kalte Wetter im Winter üben erfahrungsgemäß sehr nachteiligen Einfluß auf Gesundheit und Krankheit aus.und spielen unter den Krankheitsursachen eine nichtige Rolle. Da wir aber nun einmal nicht im stände sind, die kalte Witterung und überhaupt alles, was unser winterliches Klima erzeugt, zu mildern, so bleibt uns weiter nichts übrig, als die Einwirkung des Wetters auf unfern Organismus möglichst abzuschwächen, unfern Körper un- enrpfindlich dagegen zu machen. Freilich gibt es noch einen andern, wenn auch nur teilweisen, Schutz gegen die Gesundheitsschädlichkeiten des Winters; man bleibt bei schlechtem, rauhem und kaltem Wetter einfach in der wohldurchwärmten nnd geschützten Wohnung. Aber dies winterliche absolute Stubenleben ist erstens von den Meisten nicht durchführbar, weil es sich mit ihrem Beruf nicht vereinigen läßt, und zweitens ist es in seinem Zweck vollständig verfehlt, weil es den Körper verzärtelt und stubensiech macht. Ein solcher Stubenhocker ist selbst gegen die geringste Ungunst des Wetters noch empfindlicher wie ein abgehärteter Mensch gegen einen wirklich plötzlichen, sehr rauhen Witterungsumschlag. Ueber- haupt sind Leute, welche ihr Leben fast ganz im Hause zubringen, schwächlich und kränllich; dagegen finden wir die kräftigsten, widerstandsfähigsten und abgehärtetsten Menschen unter denjenigen, die sehr viel unter freiem Himmel verweilen, wie Förster, Bauern, Landbriefträger u. dergl. .Dies möge uns ein Fingerzeig sein. Tägliche Bewegung, im Freien unter wechselnden Witterungsverhältnissen und zu jeder Jahreszeit ist ein zweckmäßiges Mittel, um sich an Temperaturumschläge zu gewöhnen und Widerstandskraft gegen die schädlichen Einflüsse der Witterung zu erlangen. Jedoch darf man mit dieser Abhärtungskur nicht bis zum Spät- herbst warten., .Dann ist es in der Regel zu spät; die Gesundheilsschädlichkeiten machen sich dann schon in unangenehmer Weise geltend. Auch wird eine schwächliche Konstitution nicht von heute auf morgen zu einer robusten, oder ein verweichlichter Körper in zwei bis drei Tagen abgehärtet. Jetzt schon muß man anfangen, seinen Organismus gegen die Fährlichkeiten des Winters zu wappnen. Es gibt im August schon manche Abende, wo nicht „laue Lüste wehen"; diese bilden, mit Spazierengehen ausgenutzt, ein gutes Mittel sich allmählich an die Unbilden der Witterung zu gewöhnen. Wir besitzen noch ein zweites Vorbeugungsmittel gegen die schädlichen Temperaturwirkungen der winterlichen Jahreszeit, welches dem eben besprochenen nicht nur mit voller Ebenbürtigkeit an die Seite gestellt werden kann, sondern dasselbe übertrifft, jedoch seinen höchsten, wahrhaft unfehlbaren Erfolg dann erreicht, wenn es in Gemeinschaft mit demselben zur Anwendung kommt. Aas sind kalte Bader und Abwaschungen. Eine richtige Anwendung derselben trägt vorzugsweise dazu bei, die Körperkonstitution im allgemeinen zu stärken, also gegen Gesundheitsschädlichkeiten widerstandsfähiger zu machen. Sie bewirken dies dadurch, daß sie einen lebhaften Stoffwechsel Hervorrufen, der Ernährung aushelfen, die Tätigkeit der Haut erleichtern, das Herz anregen. Diese bedeutenden Veränderungen, welche in unserem Organismus während des Gebrauchs von Bädern und Waschungen vor sich gehen, müssen fast ausschließlich fcicit Tempcraturwirkungen zugeschrieben werden. Wir atmen durch die Wasscranwendungen die Temperaturschwankungen des Wetters nach. Nehmen wir z. B. ein warmes Bad von 28 Grad R. und danach eine kalte Brause von 10 Grad, so haben wir.denselben Unterschied von 18 Grad, als wenn wir im Winter aus einem auf lo Grad erwärmten Zimmer ohne jede Ueberkleidung in eine Außenkälte von 3 Grad treten. Hier besitzen wir also .ein ganz probates 'Mittel, unfern Körper an die Temperaturunterschiede der kalten Jahreszeit zu gewöhnen. Dadurch wird in vorzüglicher Weise der Temperatursinn des Körpers geübt, .die Haut und ihre Gefäße gewöhnen sich, bei jedem Kältereiz sich zusammenzuziehen, — es entsteht die sogenannte Gänsehaut — wodurch der Wärmeverlust der Haut bedeutend beschränkt wird. Ein verweichlichtes, auf Temperaturunterschiede nicht genügend vorbereitetes Hautsystem dagegen vermag nicht sofort auf Kälteeinwirkung zu. reagieren, die Poren bleiben geöffnet, die Blutgefäße der Haut gefüllt, wodurch eine große Blutmenge fast direkt der Kälte ausgesetzt wird, es tritt also ein bedeutender Wärmeverlust an der ganzen Körperoberfläche ein: die Erkältung ist da! Natürlich kann man sich einen gut und sicher funktionierenden Temperatursinn auch durch Wasseranwendungen nicht in einigen Tagen erwerben, zumal empfindliche Personen gut tun, hierbei zuerst in milder Weise vorzugehen. Daher darf man jetzt keine Zeit mehr verlieren, sondern muß sogleich anfangen. In, der jetzigen warmen Jahreszeit kann jeder, auch wenn er seinen Körper bisher auch noch so verzärtelt hat, eine solche Kräftigungskur ohne Bedenken beginnen. Am besten läßt sie sich dann ausführen. toetm man eine Brause (mit oder ohne Badewanne) besitzt. .Es gibt ja heutzutage so ciusache Vorrichtungen: ein Eimer, der zu der nötigen Höhe hiuaufgezogen werden kann und auf einen Zug an einem Ventil das Wasser durch einen Brauseansatz nach unten austreten läßt; an dem runden Gestell, das den Eimer trägt, ist ein wasserdichter Vorhang befestigt, .welcher das abspritzende 604 Wasser in das Becken sammelt, worin die Füße stehen. ' Wer es irgend haben kann, sollte jeden Tag eine solche Regenbrarise mit frischem, kaltem Wasser nehmen. Morgens bei nüchternem Magen vertragen es allerdings nicht alle. Diese tun daher besser, das Brausebad auf eine spätere Zeit des Vormittags, etwa eine halbe Stunde vor dem Mittagessen oder bis nachmittags mehrere Stunden nach demselben zu verschieben. , Wer sich keinen Brauseapparat anschaffen kann, begnüge sich mit kalten Ganzwaschungen, die täglich mindestens einmal vorgenommen werden müssen. Wir wissen nicht, ob uns nicht ein sehr rauher, kalter und langer Winter bevorsteht, der viele Menschen auf das Krankenlager oder gar Totenbett wirft. .Möge daher jeder, dem sein Leben und seine Gesundheit lieb ist, sich jetzt bei Zeiten wappnen gegen die Führ-- lichkeiten der winterlichen Jahreszeit, indem er sich abhärtet, seine Konstitution stählt und kräftigt, feine Haut an plötzliche Witterungsumschläge und jähe Temperaturunterschiede gewöhnt. Die Spätsommerzeit ist die letzte hygienische Gnadenzeit! Möge jeder sie schleunigst ausnutzen zu seiner Gesundheit Nutz und Frommen, zu seines Lebens Festigung und Verlängerung! vermischter. * Von einer Hochzeitsautomobilfahrt mit Hindernissen erzählt der Berner „Bund" eine launige Geschichte, die allerdings den „Helden" der Tragikomödie, einem auf der Hochzeitsreise befindlichen amerikanischen Millionär und seiner jungen Gattin, nicht sehr heiter erschienen sein mag. Herr Henry Keudall-Thaw, ein heißblütiger „American Boy", verbringt seine Flitterwochen mit einem reizenden kleinen Frauchen auf dem Kontinent. Sein Vater lebt in Pittsburg und gilt als vielfacher Millionär. Unter den Hochzeitsgeschenken sand Herr Thaw jun. auch ein prächtiges Automobil, auf dem er nun die Schweiz „int Fluge" bereist. Auf dieser seiner Wanderfahrt gelangte er auch in die schöne Stadt Luzern und wolte von dort ins Berner Oberland reisen. Gesagt, getan. Mit Blitzesschnelle ging es eines schönen Morgens cher Brünighöhe zu und jenseits auf Berner Seite abwärts. Plötzlich entdeckte Herr Thaw in einiger Entfernung ein zweites Automobil, das mit einer Kutsche zusammengestoßen war. Deren PfeÄte schlugen wild um sich und hatten die Deichsel bereits klein geschlagen; sie standen mit dem Wagen hart am Rande des Abgrundes. Herr Thaw ließ sofort feinen Chauffeur stoppen, sprang ohne Bedenken auf die wütenden Tiere zu und wußte sie durch sein geschicktes Eingreifen rasch zu beruhigen. Inzwischen hatte das andere Automobil in aller Eile ohne Abschied Luzern zu das Weite gesucht. Der Kutscher des Wagens schnaubt Rache, er muß ein Opfer haben, und so notiert er denn die Nummer votr Herrn Shaws Hochzeitsschnauferl. Mit dem erhebenden Gefühle, ein Unglück verhindert und ein Menschenleben gerettet zu haben, setzt das glückliche junge Ehepaar ahitungslos seine Reise in der Richtung nach Brienz fort, um sich nach Interlaken und Grindelwald zu begeben. Wie inan durch Brienz fährt, steht ein Mitglied der heiligen Hermandad mit einer Depesche in der Hand auf der Straße, um die Amerikaner abzufangen und zur Strafe zu ziehen. , Um Rache zu nehmen, hatte der Kutscher die Nummer des hilfreichen Automobils, .statt jener des rasch verdufteten nach Brienz telephoniert. Herr Thaw geriet in eine begreifliche Aufregung und ließ sich als freier Amerikaner und im Bewußtsein seiner Unschuld nicht verhaften, sondern jagte nach Interlaken durch, den verdutzten Hüter der öffentlichen Ordnung mit der Depesche in der Hand weit hinter sich lassend. ^$n Interlaken freilich war an tein Entrinnen mehr zu denken. Die Polizei versteht sich dort trefflich auf den Automobilistenfang: bei der Zollbrücke Schlagbaum herunter, und die Herren sind in der Falle. So kommt auch Herr Thaw mit seiner Frau angefahren. Er besteht aus seinem Recht — er beteuert dem Mann des Gesetzes seine Unschuld ■— alles umsonst; höchst unsanft wird er am Arm gepackt, von feiner Gattin weggerissen und nach dem „Schloß" transportiert — er, der Millionärsohn aus dem freien Amerika! Das „Schloß" wird tn |einem Geiste zur Bastille: er sieht sich in ein fürchterliches Verließ geworfen und wird immer wilder. „Das und das haben Sie verbrochen", sagt der Präfekt, auf die Depesche weisend, natür- ltch nicht in geschliffenem Englisch. „Lügner!" schreit Herr Thaw. „Was, ern Lügner .— die hohe Obrigkeit von Interlaken ein Lugner! Das ist ein Staatsverbrechen, Herr Thaw! Da kann Ihnen die ganze Schönheit des Berner Oberlandes nicht helfen, nicht all die Annoneen, die die Fremden herlotsen sollen, nicht rinntal die berühmte Jungfrau, die so schön ins Präfekturfenster »ineinphaul. ,Brummen müssen Sie!" Herr Thaw, Sohn eines Lolzeu Millionärs aus Pittsburg,. U. S. A., wird in die Dunkelkammer des Schlosses von Interlaken abgeführt — aber nicht zu photographischen Zwecken. Draußen aber vor der Bastille sitzt uralten Linden auf vereinsamtem Automobil, in Tränen aufgelöst und die Hände ringend, die kleine Frau. Da geht einer ttjrer Landsleute vorbei; ihr Jammer rührt ihn, er spaziert hinein ins ,/schloß — es gelingt ihm, des grimmen Schloßherrn im weiches' Herz zu rühren, und einige Minuten später ist Herr Thaw, nach Hinterlegung einer Kaution von 50 Dollars, der goldenen Freiheit und seinem verzweifelnden Weibchen zurück- gegeben. Literarisches. Ueber Körperkultur enthält das 22. Heft des „Kunstwarts" einen Aufsatz von Heberlin, der nachzuweisen suchfr daß unsere neuzeitliche Kultur sich zu ausschließlich mit dem Geist, der Bildung int engeren Sinne, und viel zu wenig mit dem Körper des Menschen befasse, und uns dringend dazu ermahnt, auch die „Edelhaltung des Körpers, her die Seele trägt",, als Kulturauf- : labe zu erkennen. Wir entnehmen dem kritischen Teile des Ansatzes die folgenden beachtenswerten Ausführungen: Das Gefühl, eines Körpers hat der Kulturmenfch bedenklich eingebüßt, die Empfindung .für Schönheit, Wahrheit. Zweckmäßigkeit einer Bewegung. Zweckmäßigkeit bedeutet Erztelung größtmöglicher Wirkung bei haushälterischer Schonung der Kraft. Man sehe sich den Gang eine# Beduinen an. Welche Würde der Haltung, welche wohltuende Ruhe, welche abgerundete Schönheit der Bewegung! Daneben das hastige, zappelnde, unruhige, eckige Vorwärtseilen des Europäers. .Ich kenne einen, der zu den Wortführern der modernen Kunst gehört: er gestand, daß er sich zwischen den Arabern in Tunis wegen feiner Kleidmtg wie wegen seiner Körperkultur wie ein Barbar erschienen sei, und daß es den Gebildeten unter den Europäern dort fast allen so ergangen fei. Auf der Weltausstellung von 1900 mit ihrem Zusammenströmen aller Nationen hat gewiß mancher den Eindruck bekommen, daß der elegante Mode- menfch an Grazie des äußeren Auftretens seinen Meister in den rohen Eingeborenen wilder Länder findet. Und wenn sie gar nackt nebeneinander gestanden Ijütten! Das Klägliche unseres durchschnittlichen Mangels an Körperkultur würde dann zumeist nicht einmal lächerlich, nein, beinahe grausig in Erscheinung getreten fein. Am neugeborenen Kinde des Kulturmenschen bereits erweist sich jetzt der Mangel an körperlicher Gewandtheit. Gegenüber dem lebhaften, beweglichen Säugling des Naturvolkes ist unser Baby schwerfällig und langsam. Eine sprichwörtliche Unbeholfenheit zeigt dann unsere Heranwachsende Jugend, wenn der aufschießende Körper in verlegenem Zweifel scheint, was er mit seinen Armen und Seinen hnfangen soll. In Schulbänken, schweren Stiefeln, engen Kleidern lernt er's freilich nicht. Doch dafür haben wir die „Anstandsstunde", die wundertätige Bildnerin des ungelenken Körpers. .Herrlich sind ihre Früchte. Achtzehnjährige Jünglinge bringt sie rasch und sicher zur gemessenen Würde gereifter Männer, sechzehnjährige Mädchen legt sie auf die zarten Schultern die drückenden Lasten und Pflichten der granbe bunte, ber bie jugendliche Munterkeit durch düstere Erfahrungen geraubt scheinen. Der Militärdrill, der, wie eine Zeitung jüngst ernsthaft sagte, aus „das stillose Gezappel des bürgerlich ehrsamen Mannes" selbsb- zufrieden herabsieht, ist nun eigentlich auch nicht gerade eine harmonische Leibesausbildung — so viel gutes er sonst haben mag, er ist eher das Gegenteil davon. .Er erstrebt ja auch etwas anderes. . Er gibt steife Haltung, .ruckartige Bewegungen (das Knochenhusammenreißen), und vor allem die Maschinenmäßigkeit (?) — jedenfalls also nicht das, wovon wir heute sprechen. Ist das Militärjahr abgemacht, so geht die einseitige Geistesbildung weiter. „Hochgebildet" will jeder heißen, >,wohlgebilbet" zu sein — „ja, das ist ein Geschenk der Natur". Es scheint, als ob man davon nur abtragen könnte, und zwar int Raubbau. Und doch sind wir bereits in eine Zeit eingetreten, da „h'eistige Ausschweifungen" sich dem, Menschengeschlecht als ebenso gefährlich gezeigt haben wie leibliche, und die Stimmen mehren sich von Jahr zu Jahr, die den Mangel an Körperpflege als eine Gefahr empfinden. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Zahlenquadrats in vor. Nr.r 9 20 16 21 23 14 18 11 22 15 19 10 12 17 13 24 Redaktion : Paul Witiko. — Rotationsdruck und Verlag bet Brühl' fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.