MS1 WM^WMWMW Samstag de« 26. März. (Nachdruck verboten.) Im Aalak der Zlazah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. * j (Fortsetzung.) ’ i' \ 5. Ter Unterschied zwischen einer großen Garnisonstadt mit ihren militärischen Schauspielen, vornehmen Wagen und belebten Straßen und einem einsamen, mitten in den ungeheueren Wäldern Zentralindiens liegenden Lagerplatz ist etwa ebener groß, wie wenn man aus dem Lärm und Getriebe Londons plötzlich in ein Dorfgäßchen versetzt wird. Tie Reise nach Lohara erwies sich als recht umständlich und ermüdend, und als ich! endlich die Eisenbahnlinie verließ, wurde ich von Mr. Evans, einem unscheinbaren, ältlichen Manne mit riesigem Tropenhelm und patriarchalischem Backenbart begrüßt. Zwischen Bart und Helm aber entdeckte ich ein freundliches Gesicht und Augen, die mich herzlich willkommen hießen. Mr. Evans schien meinen plötzlichen Einfall in sein Haus als etwas ganz Natürliches anzusehen und versicherte mir, daß seine Frau sich sehr auf meine Ankunft freue, mich auch selbst in Mirpur abgeholt hätte, wenn sie nicht noch immer unter den Folgen ihrer letzten Reise zu leiden hätte. „Wir haben vierzig Meilen in einem Ochsenfuhrwerk zurückzulegen", erklärte er mir, während er mich aus dem kleinen Stationsgebäude herausgeleitete. „Wahrscheinlich haben Sie keine Ahnung, was das heißen will. Sehen Sie, dort steht unsere Tonga." Er deutete auf ein zweirädriges, mit einer ungeheuren weißen Plane überdecktes Fuhrwerk, an dessen Deichsel zu beiden Seiten je ein großer, rötlicher, behaglich wieder- käuenver Ollste lag. Sobald wir in Sicht kamen, wurden die Tiere von ihrem Treiber aufgejagt, worauf wir auf den vorderen Sitz kletterten, während mein Gepäck hinten aufgestapelt tvurde. Unter lauten Rufen und knallenden Peitschenhieben setzten wir uns nach wenigen Minuten mit der Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde in Bewegung. Im ganzen fand ich doch viel Vergnügen an dieser Fahrt. Die Tonga war bequem, und wenn ivir auch, nur langsam vorwärts kamen, so sah ich, hier doch nun das echte Indien vor mir, das ursprüngliche Land, so wie es schon vor Jahrtausenden gewesen war. Hier gab es weder Fahrräder, noch Viktoriawagen, nur träg dahinziehende Karren mit hölzernen, aus einem Stück gearbeiteten Rädern in der Form von Käselaiben, Leute, die auf Eseln ritten oder zu Fuß gingen und Schaf- oder Ziegenherden vor sich hertrieben und ganz die gleichen Bilder boten, wie wir sie ins Unseren biblischen Geschichten finden. Wir fuhren an großen Dörfern vorbei und entdeckten gelegentlich auch ein drollig aufgeputztes, roh bemaltes Götzenbild im Schratten eines Baumes, in dessen Zweigen bunte Lappen schaukelten, die Opfergaben frommer Reisender, wie mir gesagt wurde. Da Air. Evans in der Naturgeschichte seines Landes sehr wohl bewandert war, wurde mir während unserer bedächtigen Fahrt manch wertvolle Belehrung über die Namen der verschiedenen Pflanzen und Vögel zu teil. Dazwischen erzählte er mir allerlei kleine, an Dörfer, Flüsse und Tempel sich knüpfende Sagen, sodaß mir die Zeit nicht allzu lang wurde. Mein freundlicher Begleiter berichtete mir auch, daß er seit fast zwanzig Jahren int Forstdienst stehe, daß er seinen Beruf liebe, an seinen Bäumen wie an Kindern hänge und seine Hauptsorge den zarten Sprößlingen seiner Pflanzschule widme. „Was können <Äe zu ihrem Gedeihen beitragend fragte ich, „Wachsen die Wälder nicht ebenso gut auch ohne uns Menschen weiter?" „Jedenfalls weiß ich daß wir nicht ohne sie bestehen könnten. Wie wollten wir uns gegen die Regenzeiten schützen, und womit uns wärmen und unsere Nahrung zubereiten? Nein, nein, Sie werden bald sehen, daß ich alle Hände voll zu tun habe. Ich sorge dafür, daß Waldbrände verhütet oder gelöscht werden, ich beaufsichtige meine jungen Baumschulen, ich lasse pflanzen, beschneiden, Schutzwälle errichten und Bäume schlagen. Manche meiner alten Eichen sind mir so lieb wie persönliche Freunde, und schweren Herzens gebe ich den Befehl zum Fällen. Sechs Monate des Jahres leben wir im Lager, wie gerade jetzt auch^ Und ich hoffe nur, daß Sie sich nicht gar zu einsam Lei uns fühlen iverden." „O nein, ich toei.fi gewiß, daß all das viele Neue mir sehr gefallen wird." „Verkehr haben wir außer mit den wenigen Bezirksbeamten gar keinen. Die Städte besuchen wir nicht, da wir jede Urlaubszeit daheim verbringen. Es ist ein einförmiges Leben, das wir führen, besonders für meine Frau, die nur zu glücklich und dankbar fein wird, winn Sie ihr Gesellschaft leisten." Diese liebenswürdige Versicherung erleichterte mein Herz nicht wenig, allein ich hatte auch durchaus nicht die Absicht, die Gastfreundschaft dieser guten Leute auf die Tauer in Anspruch zu nehmen. Alle fünf Meilen hielten wir in einem Dorfe an, um Vorspann zu nehmen. Wir fanden das neue Ochsengespann stets schon unser harrend, und meistens liefen ihre Besitzer, ein seltsames, wildes Volk, wie Hunde bis zur nächsten Station neben uns her. Es war neun Uhr abends, als wir den Ort unserer Bestimmung erreichten, eine Hochebene, auf der mehrere weiße Zelte sich vom dunklen Waldeshintergrund abhoben. Ein großes Holzfeuer brannte auf dem Lagerplatz, rings umher waren Pferde und Kühe angebunden, und am Rand der Straße stand Mrs. Evans in ihrem rötlichk-gelben Shawl und erwartete uns. 1904. — Wr. 46. 182 Welch, nach der ersten Begrünung führte sie mich in ein großes Zelt, wo eine Lampe ihren Hellen Schein verbreitete nnd der Tisch gedeckt war. „Ihre Wohnung ist hier", sagte sie, indem sie einen gepolsterten Vorhang in die Höhe hob und mir in ein daneben liegendes, behaglich aussehendes Zelt voranging. Die Münde waren mit orangegelüem Baumwollstoff bekleidet, buntgestreifte Matten lagen auf dem Boden, ein Feldbett, Toilettentisch und Rohrstühle bildeten die Ausstattung, sogar ein Strauß herrlicher Waldblumen fehlte nicht. „Seien Sie mir von ganzem Herzen willkommen", sagte sie. „Sie wissen, wie wohltuend Ihre Gesellschaft für mich sein wird." Dabei küßte sie mich innig. „Jahre scheinen mir verflossen, seitdem wir uns trennten", antwortete ich. „Ja, viele Jahre!" „Und doch sind es nur fünf Tage. Aber wahrscheinlich haben Sie innerhalb dieser Zeit Erfahrungen von Jahren gesammelt. Nun machen Sie sich nur rasch zum Abendessen bereit — ganz bescheidene Lagerkost — und morgen wollen wir dann behaglich zusammen plaudern." Unsere Lagerkost erwies sich als vortrefflich und nach dem Essen setzten wir uns in bequemen Lehnstühlen ums Feuer. „Dies hier ist unser Wohnzimmer", erklärte Mrs.Evans, während wir den Kaffee schlürften. „Pünktlich um neun Uhr wird zu Bett gegangen, da Robbie um sechs Uhr schon wieder an der Arbeit sein muß. Wir halten unsere Schlafenszeit fast mit den Vögeln." Ich war für meinen Teil ganz damit einverstanden, mich sogleich zurückzuziehen. Die sechsunddreißig Stunden auf der Eisenbahn und dann noch eine vierzig Meilen weite Fahrt im Ochsenfuhrwerk hatten mich ungewöhnlich ermüdet. Uebrigens glaube ich nicht, daß ick) jemals in meinem Leben besser geschlafen habe, als in jenem kleinen weißen Feldbett. Wie ich mich zum Schlummer niederlegte, da fühlte ich wohl, daß ich endlich in einem sicheren Heim gelandet war. Alle meine Sorgen waren verschwunden, seitdem ich mich unter Mrs. Evans' schützenden Fittichen befand. Als ich dann erwachte und laute Stimmen draußen und das Geräusch im Lager hörte, als ich den hellen Schein durch das Zelttuch sah und die kühle kräftige Luft einatmete, da schien es mir unmöglich, daß der Morgen schon gekommen sein sollte. Wer jemals in einem Lager gelebt hat, kann es bezeugen, was für ein herrlicher Genuß es ist, unter einem Zeltdach zu schlafen. Tas Frühstück war bald verzehrt, und nachdem Wr. Evans, von seinen Dienern, den Chuprassis, begleitet, fortgeritten war, wanderten seine Frau und ich! durchs Lager, fütterten ihr weißes Pony, sprachen zu den Hunden und dem Papagei und ließen uns dann auf der Veranda des Hauptzeltes nieder. Mrs. Evans brachte einige Näharbeiten, in die ich mich mit ihr teilte, und emsig flogen die Madeln während unserer Unterhaltung auf und nieder. Vor allem erzählte ich ihr natürlich meine Erlebnisse in Bareda. „Vielleicht habe ich. zu rasch und übereilt gehandelt, aber Walter zu heiraten war mir wirklich unmöglich", schloß ich! endlich meinen Bericht- „Sie haben wohl getan, liebes Kind. Eine Frau hat ein Recht, sich ihr Glück nach eigenem Ermessen zu schaffen. Dieser heruntergekommene, hinterlistige und gewissenlose Mensch hätte Sre nur unglücklich gemacht- Er scheint keine einzige gute Eigenschaft M besitzen. Und wie steht es mit dem anderen jungen Mann? Was hat der für einen Eindruck auf Sie gemacht? Das Kinn in die Hand gestützt, sah sie mich an. „Ich sah ihn nur ganz flüchtig, trotzdem konnte mir der Unterschied nicht entgehen. >Er ist älter als der andere, auch hat er dunkle Augen." „Auf einer Photographie kommt eben die Farbe der Augen nicht zum Ausdruck. Robbie kennt Mr. Thorold dem Namen nach. Er sei einer der begabtesten und strebsamsten jungen Beamten; er soll einer großen Zukunft entgegengehen, sagt er." „Meinetwegen, wenn er nur mir nicht wieder begegnet !" „Glauben Sie, daß er etwas ahnt?" „Ahnen, nein, — aber wissen wird er es wohl!" Und von der alten «Erregung gepackt, schlug ich die Hände vors Gesicht und sagte leise: „Wider meinen Willen hörte ich einen Teil feiner Unterhaltung mit Tizzie Hassal mit an." „Ja, ja, diese Bungalows, mit ihren großen, offen stehenden Räumen sind für Geheimnisse nicht geschaffen. Kein Wunder, daß alles, was in den Familien vorkommt, sich so rasch herumspricht. Nun, mein liebes Kind, Sie haben eine bittere Erfahrung gemacht, aber ich bin nur froh, daß Sie die moralisch Kraft sanden, Ihr Verlöbnis zu lösen. Nicht jedes Mädchen hätte das zu tun gewagt und fid) auf die eigenen Füße gestellt." „Ich glaube doch, daß die meisten so gehandelt hätten/« „Möglich. Ich bin auf meinen Reisen zwischen hier und England mit vielen heimatlos umherirrenden Mädchen zusammengetroffen. Bedenken Sie doch nur: zwölfmal schon machte ich! den Weg hin und her, teils um die Kinder zur Schule zu bringen, teils um sie zu besuchen, und schweren Herzens zurückzukehren. Da habe ick) während der letzten achtzehn Jahre auf den Wogen des Ozeans manches vom Leben gesehen, viel Heiteres, aber auch viel Trauriges, und letzteres besonders unter den alleinstehenden Mädchen." „Und nun gehöre auch ich zu diesen beklagenswerten Geschöpfen. Wer ich will den Mut nicht sinken lassen; irgend etwas gutes wird die Glücksgöttin wohl auch noch für mich in Bereitschaft haben", sagte ich zuversichtlich „Tie Glücksgöttin ist eine gar wankelmütige Dame", bemerkte Mrs. Evans ernst. „Ihr zu Ehren bauten die Alten prächtige Tempel und meine hindostanischn Diener bringen ihr einen Hahn oder ein Zicklein zum Opfer dar, so oft sie eine Gunst von ihr erbitten." „Wie wunderbar das alles klingt! Da sitzen wir zwei modernen Menschen nun in unserer Tracht des zwanzigsten Jahrhunderts, umgeben von Büchern und Zeitungen, die vor wenigen Wochen erst London verließen, während das Volk um uns her seinen Götzenbildern Opfer darbringt, genau so wie zu Moses Zeiten." „Ja, das erscheint allerdings seltsam. Und doch, meine liebe Pamela, kenne ich manche Europäer, die auch zu unserer Zeit noch um das goldene Kalb tanzen. Uebrigens kein Wunder, denn wird nicht heutzutage der Reichtum als der Inbegriff alles Glückes angesehen?" „Tas mag wohl sein; meiner Ansicht nach ist aber das Glück durchaus nicht an Reichtum gebunden. Ich würde mir niemals wünschen, sehr reich zn fein. Aus meinem Munde klingt eine solche Rede freilich lächerlich denn vor dieser Gefahr brauch ich mich wahrhaftig nicht zu fürchten, eher vor dem Gegenteil; aber ich hoffe doch zu Gott, daß ichnicht eines Tages ganz ohne Mittel daftehe . . . Nun aber, liebe Mrs. Evans", fuhr ich nach kurzem Schweigen fort, „muß ich mich sobald als möglich nach, einer Stellung umsehen, und ich hoffe, daß Sie mich empfehlen werden. Ich kann..." „Aber bleiben Sie doch bei mir, liebes Kind", unterbrach! sie mich lebhaft, „jedenfalls eine Zeit lang. Ich bedarf Ihrer so sehr. Die weite Reise hat mich ungewöhnlich angegriffen, da wird Ihre Gesellschaft und Unterstützung mir wohl tun. Die werden bald sehen, daß ich fast den ganzen Tag allein bin, denn Robbie zu Pferde zu begleiten, wie ich es bisher getan, ermüdet mich jetzt zu sehr. Auch mein Augenlicht nimmt stetig ab, und so kann ich nichts weiter tun, als hier sitzen, meinen Gedanken nachhängen und ein wenig spazieren gehen. Robbie hat feinen Beruf. Dem Manne die Arbeit, dem Weibe die Träne, heißt es in einem alten Liede. Kennen Sie es nicht? Mir aber werden die Tränen nicht kommen, wenn ich Sie zur Aufheiterung um nach habe." „Bei Ihnen zu bleiben, wäre mir freilich das liebste, allein mein ganzes Vermögen beträgt dreißig Pfund." „Womit Sie nicht einmal Ihre Ueberfcchrt zweiter Klasse bestreiten könnten. Später können Sie sich ja dann nach einer angenehmen Stelle als Gesellschafterin umsehen, Ihr Gehalt aussparen, sich Indien ansehen, und wenn der Sturm zu Hause vorüber ist, nach England zurückkehren." Dieser Plan lautete allerdings angenehm und ausführbar. „Ich zweifle ja nicht, daß sich jetzt schon Passendes für Sie finden würde, allein ich möchte Sie so gern für mich behalten. Es ist selbstsüchtig von mir, ich weiß es wohl, immerhin aber können Sie sich hier ausruhen, was auch für Sie recht notwendig ist. Robbi wird Sie im Hindo- stanischn unterrichten, Sie können mein Pferd reiten und die Obliegenheiten einer Försterssrau lernen. Fassen Sie 183 — einen raschen Entschluß, liebes Kind, und bleiben Sie wenigstens bis zur nächsten Regenzeit bei uns." So willigte ich denn ein, bis zum Herbst bei meiner lieben Freundin zu bleiben, und ich muß gesteben, daß die Monate, die ich im Waldesrevier verbrachte, die glücklichsten waren, die ich seit Jahren verlebt hatte. Ich lernte Hindostanisch mit Mr. Evans, ritt „Schnee", Mrs. Evans' weißes Pony, und nur zu schnell flogen mir die Tage dahin. Fleißig laß ich Mrs. Evans vor, schrieb Briefe für sie, nähte, spielte mit ihr Schach und nahm ihr so viel als möglich von den Haushaltungsgeschäften ab. Einmal wöchentlich wurde der Lagerplatz an einen anderen Ort verlegt, wodurch eine reizende Abwechselung in der Umgebung entstand. In vollen Zügen genoß ich dieses neue, ungebundene Leben, und ich gewöhnte mich so rasch an die täglichen Vorkommnisse, als hätte ich seit Jahren nichts anderes gekannt. Mrs. Evans brach oft in gutmütiges Gelächter aus, wenn sie mich in meinem, wie ich glaubte, tadellosen Hindostanisch lange Reden an die Tienst- voten halten hörte. „Schadet nichts, mein Kind", pflegte sie dann zu sagen. „Es ist ja wunderbar, mit welcher Leichtigkeit Sie sich, ich will nicht gerade sagen, die Grammatik, aber die Sprache selbst angeeignet haben. Wer weiß, ob es Ihnen nicht noch einmal von Nutzen sein wird." Tas waren prophetische Worte! Zwei unsanfte Schläge nur erfuhr ich während dieses glücklichen, sonnigen Lebens in Wald und gelb. Sie kamen vom Postboten, der unter lautem Schellengeläute, wodurch die wilden Tiere abgehalten werden sollten, über Waldlichtungen auf fast unsichtbaren Wegen mit seinem Postsack dahergejagt kam. Tiefer nur spärlich bekleidete Indier brachte mir einen schrecklichen Brief von Tante Lucy, worin es hieß, daß ich die Familie entehrt, und mir auf immer ihre Verzeihung verscherzt habe — mit anderen Worten, daß ich nicht hoffen dürfe, jemals wieder ein Obdach in ihrem Hause zu finden. Auch von Mrs. Thorold erhielt ich eine Briefbogen um Briefbogen füllende Epistel, worin die Vorwürfe und Anklagen fich förmlich überstürzten und mir das Blut der Empörung in die Wangen trieben. Wie ich bettelarmes Mädchen, schrieb fie, eigentlich zu der Frechheit komme, ihrer Familie einen solchen Schimpf anzutun! Jedenfalls sei aber vor allem mein Name sowohl zu Hause als in Indien gebrandmarkt. In Beverly so gut wie in Bareda habe ich mich unmöglich gemacht, und der Tag könne nicht fern sein, wo ich bitter bereuen werde, aus Walter verzichtet zu haben. Ich dürfe auch überzeugt fein, daß meine eigenen Verwandten ganz ihrer Ansicht seien. Ich muß gestehen, die Briefe entlockten mir bittere Tränen. Mrs. Evans aber fchalt mich darob tüchtig aus, nahm sie mir mit Gewalt weg, und verbrannte sie vor meinen Augen im Lagerfeuer. „In diesem Punkte", erklärte sie, „stimme ich dem Aberglauben der Eingeborenen bei, die behaupten, daß es Unglück bringe, schleckte Nachrichten oder Tinge, die die traurige Erinnerungen wecken, aufzubewahren. Sie würden nur immer über diese Briefe nachgegrübelt haben. Suchen Sie zu vergessen. In Ihrem Alter sind Kummer und Verdruck rasch überwunden." Leider sollte der nächste Kummer, der mich traf, von Mrs. Evans selbst kommen. Man glaube nur nicht, daß unsere Tage bei dem stillen Mander- und Zigeunerleben, das wir in den Waldungen von Zentralindien führten, langweilig und einförmig verflossen, im Gegenteil auch wir hatten unsere aufgeregten Zeiten wie andere Leute. Einmal war es ein wild auflohender, aber rasch wieder erstickter Waldbrand, ein andermal ein in unserer Nähe auftauchender großer Tiger, bei uns in Schrecken versetzte. Eines Abends, als wir beim Mondschein außerhalb der Zelte faßen, die diesmal in der Nähe eines Flußusers aufgeschlagen waren, hörten wir durch die tiefe Waldesstille deutlich den Angstruf eines Hirsches: das sichere Zeichen für die Anwesenheit eines Tigers, und wenige Minuten später erscholl auch schon das heisere Gebrüll der Bestie. Mr. Evans lief sofort nach seinem Gewehr und nahm auf einem das Lager beherrschenden Baume Stellung, wo er bis zum Morgengrauen blieb. Auch Mrs. Evans und ich. wollten um keinen Preis zu Bett gehen; die Sache war zu ungewöhnliche und aufregend und doch nicht allzu beunruhigend. Tie Gefahr, daß der Tiger sich unter die Zeile wagen würde, stand in weiter Ferne, wenn auch die Mög- lichkeit nicht ausgeschlossen blieb, daß er vielleicht eine Kuh ober gar das weiße Pony davonschleppte. Und richtig: am nächsten Morgen sanden sick auf dem gelben Ufersande unter den Spuren von Hyänen und Wildschweinen außer den Abdrücken seiner Tatzen auch einige dunkelbraune Blutflecke«. So hatte der mächtige Herr, der gekommen war, feinen Durst zu löschen, zugleich feine Abendmahlzeit geholt. Auch an geselligem Verkehr, so erstaunlich es klingen mag, fehlte es uns nicht, und zwar nicht nur mit den Zoll- und Polizeibeamten des Bezirkes, die wie Mrs. Evans von einem Lager aus ihr Amt besorgten, oder mit Missionaren, sondern auch andere Besucher bewirteten wir häufig. Wenn es irgend anging, schlugen wir unsere Zelte in der Nähe eines Torfes auf, um uns die für die Küche erwünschten Vorräte an Butter, Oel, Gemüse und Eiern zu verschaffen. Unter diesen Torfbewohnern nun war die Waldfrau, wie man Mrs. Evans nannte, die seit so langer Zeit alljährlich mit ihnen in Berührung kam, eine bekannte Persönlichkeit. Kaum hatten wir uns an einem Orte niedergelassen, so strömten die Eingeborenen scharenweise mit Kindern und Enkeln herbei, uns zu besuchen und Blumen und Früchte darzubringen. Mrs. Evans schien über alle ihre Angelegenheiten unterrichtet zu fein und nannte viele bei Namen, und ich konnte mich nicht genug wundern, wie vertraut sie mit den Freuden und Lecken, Sorgen und Hoffnungen eines jeden war. Stets führte sie einen Vorrat an einfachen Arzneimitteln mit sich, und auf jedem Halteplatze errichtete sie eine kleine Apotheke, wo sie täglich Patienten aller Art empfing, gute Ratschläge erteilte und Arzneien verabreichte. Auch mit andern, an sich geringiöemßeit Geschenken, wie bunten Kattunjacken, Unterröckchen für die Mädchen, kleinen, aus Sammetrestchen gefertigten Mützen für die Knaben oder billigem Spielzeug, wußte sie alt und jung zu beglücken. So erinnere ich mich, wie ein in London um 10 Pfennig gekauftes automatisches Spielzeug einmal ein ganzes Torf in Entzücken versetzte. Ellern und Kinder waren gleich leicht zu erfreuen, und alle hingen mit ungeheuerer Liebe und Verehrung an der gütigen „Waldfrau". Wenn Mrs. Evans in ihrem rötlichgelben Shawl, umringt von den Torfbewohnern auf einem Feldstuhl unter einem mächtigen Thekabaume saß, so glich sie einer Königin, welche die Huldigungen ihrer Untertanen entgegennimmt. (Fortsetzung folgt.) Maudereien aus der Kaissrstadt. (Nachdruck verboten.) Sin Dasein ans Abonnement. — Gratisuhren. — Ter störrische Vorhang. Daß man sich das Leben durch allerlei Abonnements verschönern kann, ist eine alte Geschichte. Die lieblichste Schmiere verfehlt nicht, einen hochgeschätzten Adel respektvoll und ein geehrtes Publikum ergebenft zu einer Seme von Vorstellungen einzuladen, wenn auch auf solch gefährliches Abonnement nicht allzu viel Enthusiasten hereinfallen. Tann wieder gibt es, selbst in Kyritz an der Knatter oder in Luckau an der Berste, Wonnements auf brave Zeitschriften, bei denen man, wenn man Glück hat, zu.Weihnachten die Pfingstnummer bekommt und dadurch mitten im kalten Winter die schönste Lenzfreude genießen kann. Man abonniert wohl auch aus eine Friseuse, wenn man's dazu hat, oder auf den schaumschlagercken Verschöneruiigs- rat — aber was will das alles bedeuten gegen einen Wstt- städter von heute, dessen ganze Existenz auf nichts als Abonnements aufgebaut ist! Schon morgens, wenn er sich erhoben hat u,nd die Toilette beginnt, geht die Geschichte los. Tenn die Handtücher, mit denen er sich frottiert und das Gesicht trocknet, stammen aus einem Handtücherverleih- Jnstitut, das seine Kunden allwöchentlich mit diesem Luxusartikel neu versorgt. Tie frische Wäsche, die sich unser Gentleman alsdann leistet, vom Strumpf an bis zum drei- zölligen Umlegekragen, ist selbstverständlich auch abonniert. Er bekommt das alles in tadellosem Zustande fast für dasselbe Geld, das er früher der Waschfrau bezahlt hat, die ihm seine Kragen oft genug in eine Art von «Kreissägen verwandelte. Auch der Anzug, in den unser Pflastertreter 184 * Mei Kempinski. *) Hat der Berliner sechs Mark fünfzig Und geht mit einer Dame aus, So nimmt er davon fünfzig Pfennig Und kaust ihr einen Blumenstraus;. Ganz überrascht sagt sie dann: „Danke!" Denn sie ist nicht verwöhnt darin; Drauf führt er sie mit Rothschilds Miene Zum Restaurant Kempinski hin; *) Diese kleine Satire, zur Zeit in Berliner Cabarets gesungen, entnehmen wir der Wochenschrift „Küche und Keller". alsbald klettert, erfreut sich nicht etwa des Vorzuges, sein Eigentum zu sein. Er bezieht für seine monatlichen 20 Mk. alljährlich etliche Paar funkelnagelneuer Beinkleider, Westen, Jacketts und Paletots, die er strapazieren kann, wie's ihm beliebt und die ihm nach vorher bestimmter Zeitdauer durch neue uach seiner Wahl ersetzt werden. Der Zylinder gehört ihm vielleicht noch Mindestens ist er da aber aufs Aus- bügeln abonniert. Vielleicht lenkt er nun sein Schritte zum Friseur, der ihm das Haar schneidet und den nötigen Haby- schen Parenthesenschwung in das Schnurrbärtchen bringt; vielleicht auch wandert er ins Bad und läßt sich «massieren, oder zur Manicure, die ihm die Fingernägel zu aristokratischen Krällchen verwandelt: alles im Abonnement! Und nun fährt er ins Geschäft. Seine Monatskarte genügt, um ihn beim Bahnsteigkirippser passieren zu lassen. Auch sein Mittagsmahl bezahlt er mit einem Koupon. Für sein Abend- Varieto besitzt er eine Passe-Partout ebenso gut wie für sein Sonntagsziel — das berühmte Schrammsche „Seebad" in Wilmersdorf, wo so viele der kleinen, abenteuerlustigen Mädchen Berlins ihre freudvolle und leidvolle Laufbahn gedankenlos anfangen. So ist er faktisch auf alles Menschenmögliche abonniert, und wenn ihm dabei ein bißchen natürliche Grazie zu eigen ist, vermag er sich selber -zu Zeiten nicht von einem waschechten Baron zu unterscheiden. Schade nur, daß man zuletzt nicht auch auf ein bißchen anständiges Deutsch abonnieren kann! Tas ist ein Mangel, der bei solch einem Patentherrchen mitunter recht fühlbar wird. Aber tver weiß, vielleicht schafft ein geriebener Unter» nehmer der Zukunft auch hierfür noch, Rat. Und an solchen ist in Berlin niemals Mangel. Ter letzte dieser Menschheitsbeglücker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Uhren zu verschenken, 14karätige, goldplattiert oder echte silberne, für Herren oder für Damen, ganz wie Sie wünschen! Und eine fünfjährige schriftliche Garantie gibt 's noch obendrein! Aber die Sache hat natürlich einen Haken. Sie müssen dem guten Mann nämlich- vorher neun „amerikanische" goldplattierte Schmucksachen ä 1,75 Mk. verkaufen oder selbst raufen. Sobald das Geld dafür im Kasten klingt, die Uhr in Ihre Weste springt! Eine schamhafte Umgehung des Hydra-Systems unseligen Angedenkens, auf die eine ganze Menge jener lieben Zeitgenossen, die nach einem unwandelbaren Naturgesetz nie alle werden, hereinfallen werden. Es müßte sonst die Polizei dafür sorgen wollen, daß der Uhrenverschenker seine kostbaren Chronometer auf dem Halse und das Publikum sein Geld behält. Ihr Geld wieder heraushaben wollten vor ein paar Tagen eine ganze Anzahl von Besuchern des Metropoltheaters, die dem neuesten Possenragout Julius Freund's ihren Obulus geopfert hatten und durch den Eigensinn des eisernen Vorhangs, der sich nicht wieder Heraufziehen lassen wollte, um die Schlußakte der „großen dramatische- satirischen Revue (bum!) betrogen wurden. Aber der intelligente Kassierer ließ die Klappe herunter und sich- auf nichts ein. Er registrierte den bedauerlichen Vorfall unter die unabwendbaren Naturereignisse, wie Erdbeben, Wassernöte usw. und verschwand. Einige der in ihrem Kunstgenuß so arg zu kurz gekommenen Zuschauer aber vermögen sich dieser Kassiereransicht nicht anzuschließen, und so wird nunmehr der Richter zu entscheiden haben, ob die Direktion heraitszahlen muß oder nicht. Da es indessen schlechte Menschen genug gibt, die da behaupten, daß man nichts verloren habe, wenn man die ganze Revue nicht sähe, so weiß man wirklich nicht, wie sich der Berliner Salomo aus dieser Affäre ziehen wird. Und das hat mit seinen Tücken der eiserne Vorhang getan! A. R. Denn erstens ist e? da sehr billig, Und zweitens ist das Essen schön, Und drittens sieht man dort Bekannt«^ Und viertens wird man dort gesehn. Besonders aus dem letzten Grunde Geht man in dieses Bienenhaus, Denn ein Berliner mit zwei Talern Gibt die nie ungesehen aus. Zunächst sucht man nun zehn Minuten Nach einem Tisch, der unbesetzt, Natürlich ist der nicht zu finden, Und man ist froh zu guter Letzt, Wenn man an einen Tisch für viere Als drittes Paar wird eingezwängt: Man sieht, geht er erst zu Kempinski, Ist der Berliner selbst beschränkt. Man sitzt nun da; ein Summen, Murmeln Turchschwirrt die dicke Gasthausluit, Teils riechl's nach Speisen, teils nach Menschen Und teils nach Rauch und andrem Dust; Tie Kellner, schwer beladen, schwitzen, Im Gange neue Gäste stehn, Obwohl kein einziger Stuhl mehr frei ist, Doch könnte grade Jemand gehn. Man ißt zunächst zwei Erbsen-Suppen, Bestellt 'ne Mosel: „Leicht, ganz leicht!" Tas heißt: den billigsten der Karte, Tie Zeche hat zwei Mark erreicht. Dann ein Filet, dazu zwei Teller: „Wir essen dann was and'res noch!" Tas And're wird ein Schweizerkäse, •r ißt den Käse, sie das Loch. le Zeche macht drei fünfundfünfzig, ?7it Trinkgeld zwanzig Pfennig mehr, Tenn bei Kempinski ist man nobel. Sonst gäb' man fünfe weniger. Tram nimmt man einen Taxameter Und führt die Dame stolz nach Haus, Nau hat ja noch zivei sünfuiidzwanzig Und außerdem sieht's fürstlich aus. Beim Abschied sagt sie freudig „Danke", Tenn sie ist nicht verwöhnt darin, Und hat er wieder sechs Mark fünfzig, Geht's wieder zu Kempinski hin, Demr erstens ist es dort sehr billig, Und zweitens ist das Essen schön, Unb drittens sieht man dort Bekannte, Und viertens wird man dort gesehn. Literarisches. Heft 2 der „Gesundheit in Wort und Bild", herausgegeben von Tr. med. Weißbein und Tr. med. Lip- liawsky, Verlag Ad. Haußmann, Berlin SW. 12, Preis monatlich 40 Pf., enthält eine Reihe von belehrenden Artikeln aus der Feder hervorragender Professoren, Aerzte und Lehrer. Wir erwähnen aus der Fülle der Aufsätze: Berufswahl und Augenkrankheiten. Von Prof. Tr. P. Silex- Berlin. Tie Fliegen als Schädlinge des Menschen. Von Prof. Tr. med. Erich Peiper-Greifswald. Blinddarm-Entzündung. Von Sanitätsrat Tr. R. Paasch-Berlin. Tie Reform der ersten Kindererziehung, ein nach mancher Richtung hin anregender, namentlich für junge Eltern sehr lesenswerter Aufsatz von Lehrer Otto Weudlandt-Berlin. Tie Behandlung der Verwundeten auf dem Schlachtfeld. Von Oberstabsarzt Tr. Velde-Charlotteuburg usw. Ter letztere Artikel dürfte besonders jetzt allgemeines Interesse Hervorrufen, da die Augen der ganzen Welt sich nach dem fernen Osten richten. Geheimschrift. (Nachbildung yerboten.y N—h--die--x — mn e — di c — u u — o — ous — ct — m — o e — o g--o,--otutqs — oh — o — mm — 1 — un — o, E — oo x — see--o — tu — so t--o. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr. USJZELE« A le «tarnen l t m e n r § o D t e Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu NniversitW-Luch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.