Areitag den 26. Sekruar. 1904. MM (Nachdruck verboten.) Wssa Jakconieri. Von RichardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Der Graf Cola Campana an Herrn Richard Voß Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland. Villa Falconieri, Hochsommer. Meine letzten Aufzeichnungen blieben im Schreibtische liegen. Vielleicht schicke ich auch diese nicht ab. Heute depeschierte ich Dir und bat Dich, unter keinen Umständen herzukommen. Zum Glück verstehst Du, daß es hier nichts zu „helfen" und zu „retten" gibt, daß die Sache rettungslos ist. Ich danke Dir für Tein Verständnis. Es wäre bei Dir ja auch gar nicht anders möglich gewesen. Und mehr noch als hierfür, danke ich Dir und Deiner Frau Eure Geschwisterliebe für Maria. Ihr wißt: Dank ist bei mir kein Wort, sondern eine Empfindung. Daß Maria herrlich sein würde, wußte ich. Cie ist eben Maria! Die Größe, die sie in diesem schweren Konflikt zeigt, zermalmt mich jedoch nicht; sondern erfüllt mich mit einem stillen, starken Glücksgefühl über das Dasein solcher Frauen. Maria lehrt mich jeden Tag von neuem, daß ich die Seele der Frau doch richtig erkannte, daß es nichts Höheres und Verehrungswürdigeres gibt als das reine Weib, daß der Liebesgewalt der edlen Frau kein Ding auf Erden unmöglich, ist. Sie wird für mich lebenslang das Reinste und Höchste sein: ein stilles, leuchtendes Sternbild. Was geschehen soll, kann ich Euch zur Stunde noch nicht sagen. Erweiset mir auch noch diesen letzten Liebesdienst: seid geduldig mit mir und wartet noch eine kleine Weile. Jedenfalls muß bald etwas geschehen. * Ich bin freilich ein anderer Mensch geworden: e n neuer Mensch! Ich wußte nicht, daß solche Wandlung eines Menschen möglich sein könnte, Un) wodurch sie bei mir erfolgte! Ich begreife auch nicht mehr, daß ich schon einmal in meinem Leben geliebt haben soll: damals, als ich meinen Jahren nach jung war. Ich habe nur ein einziges Mal geliebt: jetzt! Ich weiß nicht, wie andere Menschen lieben . . . Bisweilen versuche ich einen Vergleich zu ziehen. Auch zwischen mir und der erdichteten Liebe: zwischen mir und meinen eigenen Helden zum Beispiel. „Aber das ist ja alles unwahr!" rufe ich dann aus. „Das sind ja nur Worte, nichts als Worte! Nur leerer Klang und Schall, nur der matte irdische Abglanz eines himmlischen Sonnenfeuers . . ." Und ich schäme mich meiner Stümpereien. „Das konntest Tu einmal bettien und dichten, das für Empfindung und Leidenschaft halten, das in einem Moment der Ekstase schön und bedeutsam finden?!" Nur Shakespeare, Dante und Goethe konnten die Liebe dichten. Wie ein achtzehnjähriger Schulknabe lese ich „Romeo und Julia", lese ich in der „göttlichen Komödie" die Mala- testa-Tragödie, lese „Wertster", „Faust" und „Tasso". Ich lese diese hohen Lieder der Liebe, als wäre es zum ersten Male. Du solltest nur sehen, wie verändert ich bin. Ich habe das Gefühl des Unsterblichen! Anders kann ichs nicht ausdrücken. Ich schildere Dir Viviane nicht. Ich müßte ein großer Dichter sein, um sie Tir schildern zu können. Ich sage Dir auch nichts von unserem Leben. Jeden Tag treffen wir uns auf Tusculum in einem kleinen Hause, welches mir gehört. Es ist jetzt auf dem schönen wilden Berge so einsam, daß ich gestern einen Wolf durch die Ruinen streifen sah. Diese schändliche Heimlichkeit muß natürlich bald ein Ende nehmen. Sehr bald! * Auch sie wird täglich mehr und mehr zu einem neuen Menschen umgewandelt. Und alle diese Wunder vollbringt die ein achste, natü ichste, menschlichste al er Empfindungen, die zugleich so göttlich ist, daß sie mit der Schrpserkraft erschaffen kann. . . Aber es läßt sich nicht ausoenkcn. was wir Männer an einer Frauenseele auch wiederum sündigen können. Wir sind dann zehnmal ärger als Totschläger. Maria vermochte ich nicht zu helfen — ich vermochte nicht! Ich helfe Viviane; denn — ihr kann ich helfen. Ihre ganze Entwicklung als Weib liegt vor mir wie ein geöffnetes Buch Zum um Zug sehe ich was an ihr verküinmerte und wie dies geschah. Das Leben war für sie eine standesgemäße Zuchtanftalt, daraus sie schließlich als grande mondaine hervorging. Von ihrer ganzen Empfindung als Weib blieb nur die Sehnsucht übrig. Diese bewahrte sie vor völligem Untergang und diese verzehrte sie zugleich. Denn die Aerzte täuschten sich. Ihre tödliche Krankheit heißt nicht Schwindsucht oder Auszehrung, sondern: „Sehnsucht!" Sehnsucht nach Licht und Leben, nach Liebe und Glück. Und Sehnsucht nach dem einen und einzigen Manne, der für dieses eine und einzige Weib geschaffen wurde. Und dieser Mann bin ich! * 122 Wie konntest Du mir nur schreiben: ob ich ihrer sicher, ganz sicher sei? Das war unrecht von Dir, das durstest Du nicht! Du durstest nicht an ihr zweifeln, durftest nicht versuchen, in mir Zweifel zu wecken. Verzeihe meine Heftigkeit. Du kennst sie ja nicht und bist der treueste Freund der armen, armen Maria. Also will ich Dir ruhig antworten: Ja, Lieber! Ich bin ihrer „ganz sicher". Ich glaube an sie wie der gläubige Christ an seinen Herrn und Heiland; ich vertraue ihr wie der Schisser in fremden, gefährlichen Gewässern dem Piloten. Mein Glaube und Vertrauen sind so über allem Ausdruck stark wie meine Liebe. Und diese ist eine Naturgewalt. Wir haben nur nötig, uns eine klare, reine Lebensatmosphäre zu schaffen, bevor durch das schmachvolle Geheimhalten ein Tropfen Gift in uns dringt. Allerdings sind wir noch immer so von uns selbst berauscht, daß wir uns kaum auf uns selbst zu besinnen vermögen — wie viel weniger also auf das, was zunächst geschsshen soll und was uns jedenfalls des Häßlichen genug und übergenug bringt. Seitdem sie mich liebt, ist sie solch zitterndes, angstvolles, hilfloses Geschöpf; und wenn ich ihr sage: die Lüge sei das Allerhäßlichste, so starrt sie mich mit solchem Entsetzen an, daß ich schwach werde und nachgebe. Das Glück muß sie erst wieder gesunder machen und sie wird dann gleich widerstandsfähig sstn. Uebrigens bringt jeder Tag sie ihrer Genesung näher. Und daß ich der Wundertäter war, der zu dieser Gestorbenen sprach: „Weib lebe!" — sieh, allein dieses ist wert, daß ich so lange gelebt und gelitten habe. * Erst jetzt, wo ich anfange zu gesunden, weiß ich, wie krank ich war. Wenn ich's recht bedenke, graust mir's, daß Gehirn und Gemüt so etwas aushalten können! Wie war ich nur imstande, mich so ganz in die Einsamkeit zu flüchten, in die Natur zu versenken? Das war ja Unnatur! Und diese Wut, die Menschen zu meiden, als ob sie »erpestet wären. Aus der Einsamkeit heraus flüchte ich mich jetzt zum Keuschen; aus dem Wunder der Natur fort, versenke ich mich jetzt in das Mysterium des geliebten und liebenden Weibes. Es ist Auferstehung! Lieber Freund, ich feiere jetzt meine Ostern. Gelingt es mir denn, Dir auch nur annähernd betzreiflich zu machen, wie ich empfinde und was aus mir geworden ist? * Ich glaube, ich schrieb Dir einmal, wie ich in meinem Freskenzimmer lag und träumte; wenn die gute, holde Frühlingsgöttin aus ihrem leuchtenden Gewölk eine ihrer Blüten auf mich herabwürfe, so würde ich aufstehen und wieder leben — wieder arbeiten. Die Himmlische behielt ihren Lenz für die Erde und die übrige Menschheit; aber eine gütige Gottheit schickte mir das Weib, welches für mich geschaffen worden ist. Sein Kuß sank auf meine Stirn wie eine weiche, sonnenheiße betäubend duftende Wunderblume; und auch das zweite große Schicksal erfüllte sich an mir: nach fünfzehnjährigem Verstummen finde ich noch einmal die Sprache wieder. Ich weiß, daß ich verschollen und vergessen bin, und ich habe mich damit abgefunden. Jetzt soll die Welt mich noch einmal hören. Bist Du erschrocken? Fürchtest Tu, es möchte eine Geisterstimme sein? Hast Tu Grspensterfurcht? Ich selbst bin ganz ruhig, ganz sicher. Und sollte meine alte romantische Weise in dem Getöse des Zeitensturmes auch wunderlich klingen, wird es wenigstens eine Melodie sein. Sie wird aus meiner tiefsten Seele aussteigen, dahinrauschen, mit ihrem Klang andere mühselige und beladene Seelen ersüllen. Während um uns daS Geschrei über die „Entartung" des Weibes lärmt, will ich im stillen Glück das hohe Lied des Weibes dichten. Ich will sagen, woran unsere Zeit leidet: daran, daß sie nicht mehr an die von alten Leiden erlösende Liebesgewalt der Frau glaubt. Ich will sagen, daß dieser Zauber sich noch immer an uns mächtig erweist, daß unser Seelenheil allein auf der Frau fre***^1 Der Genius der Zeit muß wieder das liebende, sich selbst verleugnende, im Manne ausgehende, reine Weib werden. Ich schreibe diese Verklärung der Frau unter den stillen, von Genien durchgaukelten Wipfeln des Venushains und werde das Drama „Frühling" nennen. Das Seelenleben der neuen Generation hat sich auf der Jagd nach Ruhm und Genuß, nach Glück und Gold zu Tode gehetzt. Es liegt erstarrt unter funkelnder Decke. Auf den kalten Leichnam fällt die heiße Träne der unsterblichen Liebe der Frau. Da erhebt sich der Tote. Blumen sprießen ringsum auf, die ganze Welt bedeckt sich mit Blüten: „Frühling, Frühling!" Es wird ein Jubelschrei sein. * Ich muß immer wieder darüber staunen, wie sie em Teil meines Wesens ist und wie eine rätselhafte Vorsehung alles so wunderbar fügte ... Da leben die zwei getrennten Hälften eines Menschen, jede einsam für sich Das heißt: sie leben nicht — sie existieren nur. Und da werden sie durch einen Zufall — oder durch das Schicksal — zusammengeführt. Mit der Gewalt eines Elementes vereinigen sie sich, gleichsam durch Magie werden sie zueinander hingezogen — zu einander hingerissen. Wioerstand ist unmöglich. Plötzlich sind die beiden eines, eine Seele, ein Leib: ein Mensch! Das Gesicht, von dem wir noch gestern nichts wußten, bedeutet für uns heute das Antlitz der Menschheit; mit der Stimme, die uns soeben noch fremd war, spricht jetzt unsere eigene Seele zu uns; der Händedruck, der Blick, das Lächeln eines Menschen, an dem wir vielleicht ohne auszusehen vorübergegangen wären, hat die Nacht in uns zum strahlenden Tage verwandelt. Was wir bis dahin kannten, wird uns fremd; was wir bis dahin liebten, wird uns gleichgiltig; was wir so lange für Zweck und Ziel unseres Daseins hielten, erscheint uns wertlos. Wir werden zu treulosen Freunden, Gatten, Söhnen, zu Vernichtern ganzer Existenzen — wir müssen es werden, mögen wir uns auch noch so sehr dagegen wehren. Und wir werden zu Verbrechern, zu Wahnsinnigen und Selbstmördern. * Wie vor langen, langen Jahren sitze ich jetzt täglich viele Stunden an meinem Schreibtisch unter der Marmormaske von Michel Angelos schönem „Sterbenden", den ich um das wonnevolle Aushauchen seines Lebens so ost bitter beneidet habe. Heber mir halten die Genien der großen Göttin ein Blütengewinde; und ich schreibe, schreibe! Mir ist's- als müßte ich den Blick eines Sehers, das selige Lächeln des Verzückten haben. In solcher Glückseligkeit dichte ich meinen „Frühling". Wenn ich ausschaue, sehe ich unter mir die Campagna sonnenverbrannt. Ich sehe einen weiten goldenen Dunst, und darüber schwebt die Peterskuppel. Seit langen, langen Jahren habe ich wieder Nächte voller Schlaf und voll Friedens. Mein einsames Licht ist also endlich zur Ruhe gegangen! Und auch unten das ihre. * Letzte Nacht ließ die Glut mich nicht schlafen. Ich ftcmb auf, ging auf die Galerie — da leuchtete unter mir wieder der einsame Stern. Sie wachte! Aber als ich sie heute angstvoll fragte:, ob sie schon wieder schlechte Nächte hatte, flüsterte sie mir zu: Sie hätte gewacht, weil sie die ganze Nacht über gelauscht : ob sie unter ihrem Fenster meine Schritte nicht hörte? Sie hätte die ganze Nacht über gewartet. Ungern und zaudernd versprach ich ihr, das Geheimnis unserer Liebe noch so lange zu dulden, bis ich mein Drama vollendet habe. Und dann sofort volle Klarheit und Wahrheit! * Assunta Neri ist wieder Gast in der Villa Taverna. Sie kommt mir sehr verändert vor: krank, krank! Und so apathisch, so müde! Was ist das nur mit den Frauen?! — 123 — Da ist diese Frau Zoll für Zoll eine große Künstlerin — nicht reproduzierend, sondern erschaffend! — und zugleich ist sie ein volles, echtes Weib. Und dennoch scheint sie unglücklich zu sein? . . . Vielleicht ist sie es gerade darum, weil sie eine große Künstlerin und ein echtes Weib ist! Denn kann das wahre Weib in dieser Welt vollkommen glücklich sein? Mein! Soll eine große Künstlerin ein lächelndes Gesicht haben? Nein, nein! Stumm kommt sie in die Billa Falconrerr, stumm geht sie wieder. Sie hatte Maria gern, scheint sie aber berells vergessen zu haben. Mit ihren stillen, schmerzlichen Augen sieht sie alles; und alles scheint sie düster zu sehen — auch unser neues leuchtendes Leben, von dem sie sicher weiß. Sie glaubt nicht daran. Sie glaubt überhaupt an kein Glück. Alles an ihr ist Schwermut und Erschöpfung. Was sagte sie damals von Viviane? Sie sei schwerlich zu retten. Sie ist gerettet! * Ich erzählte ihr von meinem Drama. Teilnahmlos hörte sie mich an. Am nächsten Tage jedoch kam sie und jagte sie wolle das Stück lesen. In einigen Tagen hofse ich fertig zu fein. * 53c€Ttbct! Holde, gute Frühlingsgöttin, sei gnädig meinem Werk! Unter deinem himmlischen Vlütenzeichen entstand es: mein bestes Stück Leben, welches ich zu geben vermag. Trage meine Worte auf deinen sanften Winden hinaus in die Welt. Lasse sie hier und dort auf ein einsames, schmerzerstarrtes Menschenherz niederfallen; und lasse es dann in dem armen, toten Herzen knospen und blühen, daß es noch einmal aufbebe in Werdedrang und Daseinslust: „Mai ist gekommen!" * Assunta Neri las mein Stück und — wird es spielen! „Vielleicht kann es Sie retten", sagte sie. Mich retten? Was meinte sie damit? Bin ich denn verloren, daß ich gerettet werden müßte? Jetzt, wo ich nach langem lebendigen Tod mein jubelndes Frühlingslied lang; wo ich Viviane, meinen ganzen Menschen, fand! Und jetzt sollte mich etwas vielleicht retten können? Meint sie etwa, daß auch ich „schwerlich" zu retten sei? Welche Phantasien! Ich schrieb mein Werk, ich fand Viviane, und — auch ich bin gerettet! Assunta Neri studiert bereits unter den Cypressen meine Heldin. Assunta Neri „studiert" — ich hätte sagen müssen: Assunta Neri beginnt meine Frauengestalt zu erleben. Und jetzt endlich, endlich Wahrheit! Meine große Weltdame ist ein großes Kind, das sich fürchtet. Aber ich lache mein törichtes Kind aus. Sie ist so rührend wenn si,e so angstvoll und hilflos ist. „Kind, Kind, was fürchtest Du nur? Etwa die Welt? Jetzt lachte sie auch. Wir machten es nun so aus: sie wird mit mir abreisen: irgend wohin! Zugleich schreibe ich dem Prinzen und stelle mich ihm zur Disposition. Diese Weise ist allerdings vollkommen rücksichtslos; aber vollkommen aufklärend — da es einen Eklat gibt, was ja doch nicht zu ändern gewesen wäre. Mein furchtsames Kind zittert davor, der Prinz könnte mich im Duell verwunden, wohl gar töten. Als ob das möglich wäre?! Jetzt sterben, wo ich eben erst anfange zu leben — Aber darin hat sie recht: erst müssen wir Assunta Neri abreisen lassen. Sie reist zum Glück bald. * Assunta Neri wird mein Stück in Rom im Nationaltheater spielen: und zwar bereits int Dezember, vor ihrer amerikanischen Turnee. Sie ist mit ihrer Gestalt fertig. Daß sie in der Seele dieser Künstlerin unter den Cypressen der Villa Falconieri entstand, freut mich jeden Tag von neuem, wenn es auch etwas totengräberhaft klingt: „unter den Cyprefsen". Mir soll es jedenfalls kein Omen sein! Morgen verläßt Assunta Neri die Villa Taverna, und übermorgen bereits — Wir wollen zuerst nach Neapel gehen. * Eie ist in letzter Stunde nach Cannes abger^st — mit dem Prinzen. Ich lag so krank, so krank. Nein! Du sollst nicht kommen. Es soll niemand kommen. Denn sie muß ja jeden Tag kommen. Ich erwarte sie stündlich. Seit Wochen stündlich Sie muß ja kommen! Ich begreife nicht — nichts begreife ich! Wahrscheinlich weil ich immer noch krank bin. Sie liebte mich ja doch Da sie sich mir gegeben hatte, mußte sie mcch ja doch lieben. Das ist so einfach so klar und verständlich Ich begreife nicht, was ich dabei nicht Begreifen kann? Weshalb sollte sie mich verlassen, wenn sie mrch doch liebt? Ich habe sie ja doch nicht gewaltsam an mcch gerrssen. Sie hat sich mir frei wie eine Göttin geschenkt. Nehmen denn die Götter ihre Spenden wieder zurück? Noch den Tag vorher, ehe sie mit dem Prinzen nach Cannes ging, schrieb sie mir: wie die schlanken, wetchen Arme tyrer Zärtlichkeit mich umschlingen sollten, wenn sie und ich — , Und einen Tag daraus reifte fte nut jenem Menschen nach Cannes! Man muß ja doch begreifen, daß so etwas nrcht möglich ist, daß ich verrückt bin. Es gibt ja doch eine Verantwortung! Der Mensch hat ja doch ein Gewissen! Wir müssen ja doch Rechenschaft ablegeni Kann fie mit einem reichen Leben voll Feuer und Liebe gespielt haben, nur um zu spielen? Ich liege noch immer so krank, so krank. Ich schreibe ihr täglich Ich erwarte sie täglich Sie kann stündlich kommen. Sie kommt gewiß! Sie muß kommen! * Sie schreibt nicht, sie kommt nicht. Ich liege und ringe mit dem Wahnsinn. Verrückt werden ist nichts. Aber seinen^ Glauoen an die Menschheit verlieren und dabei seinen Verstand behalten °U *Herr, Herr, Herr, nimm mir meinen Verstand! Denn deine Güte währet ewiglich. Amen. * (Fortsetzung folgt.) pariser Arreste. Aus Paris schreibt man dem „Berl. Börf.-Conr.": Man schlägt sich wieder ein bischen. . . Die politischen Duelle fehlten uns fest einiger Zett. Tas lag daran, daß die Politik so vernünftig gemacht wurde, wie sie ihrer eigenartigen Natur nach gemacht werden kann. Das heißt, möglichst ohne Namen. Jetzt haben sich die Damen, oder wenigstens eine, hineingemischt, und gleich gibt es Degenstöße. Man kann überhaupt annehmen, daß, wo auch immer es Degenstöße geben man, eine Frau im Spiele ist. Mag die Sache noch so politisch aussehen, mag sie bte allerdemiisionier- teftcn Minister zum allergeheimnisvollsten Sllrnrunzeln bringen: alles Unsinn! Eine Sache, in der es Degenstöße gibt, ist nicht politisch Sie scheint nur so. Vor einiger Zeit erschien hier etn feministisches Organ La Fronde", das von Damen redigiert, geschrieben,, gedruckt, gefaltet, versandt und verkauft wurde. Als Direktorin fungierte Madame Marguerite Durand, eine Dame von vielen Gaben und Gnaden, eine frühere Schauspielerin, die endlich ihre Literatur entdeckte und sie teils selbst machte, teils von anderen machen ließ. „La Fronde war eine Zeitlang gar kein schlechtes Blatt. Es Über- 124 strömte zwar nicht von interessanten Dingen, aber es leistete in der Dreyfus-Affäre ganz entschieden der guten Sache Hilfe. Später hatte es keinen rechten Zweck mehr. Ls wurde ganz langweilig, die Mitarbeiterinnen wurden zum Teil nicht bezahlt. „La Fronde" ging ein, und Madame Marguerite Durand wurde gewissermaßen frei. Tie Dame sah sich nackt einem Wirkungskreise um. Gerade um die Zeit, als es der „Fronde" schlecht zu gehen begann, meldete ein neues antiklerikales Blatt sein Erscheinen an und nahm alsbald einen großen Aufschwung. Es nannte sich „l'Action" und wurde von den Herren Bsrenger und Charbonnel, letzterer ein ehemaliger Geistlicher, redigiert. Anfangs ging alles gut, innerhalb der Zeitung und außerhalb, wenn auch die anderen antiklerikalen Blätter, wie die „Raison", die „Lanterne" u. a. m. das Aufblühen der „Action" mit etwas scheelem Auge betrachteten. Was auch immer die Ursache dieses Aufblühens warf die Leitartikel ausgezeichneter Freidenker und Sozialisten oder die Tätigkeit der Herren Bsrenger und Charbonnel: es steht fest, daß „l'Action" in kurzer Zeit einen Einfluß gewann, wie wenige Zeitungen sich seiner rühmen konnten. Da kam das Malheur. Es trug die Züge einer Frau; wie gewöhnlich Diese Züge gehörten eigentümlich Frau Marguerite Durand. Nach dem Eingehen der „Fronde" fühlte sich die Dame nicht völlig befriedigt. Sie hatte ihrer Ansicht nach ein solches Talent im Eingehenlassen von Zeitungen, daß sie es als ein Verbrechen würde angesehen haben, sich nicht noch weiter zu betätigen. Sie sah sich nach einem Blatte um, bei dem es ganz besonders schauer war, einen ungünstigen Einfluß auszuüben. Ein schon leckes Schiff zum Sinken zu bringen, konnte ihrem Ehrgeize nicht genügen. Es mußte etwas ganz Solides sein, woran sie ihre Kraft aufs neue erproben konnte. Nach längerem Suchen fand es Madame Marguerite Durand. Tie „Aktion" sagte ihr zu. An der „Fronde" hatte die verehrte Kollegin — oder ist sie das nicht? — so ziemlich alles zugesetzt. Man sagte es so. Dieser Zusammenbruch setzte sie indes in den Stand, sofort mit einem größeren Kapitale in die „Action" einzutreten. Gute Freunde stellten es ihr zur Verfügung, heißt es, und ist dies der Fall, fo wäre es in der Tat unmenschlich, Madame Durand zu der Opsersreudigkeit ihrer Freunde nicht zu beglückwünschen. Unter ihnen sollen sich einige größere, d. h. sehr große Coulissiers befinden. Ob sie nur in ihrer Eigenschaft als Coulissiers opferfreudig gewesen sind — wer kann es sagen? Mit Recht behauptet man schon seit einiger Zeit, daß die Geschichte schwer zu schreiben ist. Aber die Gründung Roms hüllt sich in ein undurchdringliches Dunkel. Warum sollte die Gründung der „Action" sich nicht auch ihrerseits in undurchdringliches Dunkel hüllen? Wissen wir auch nichts über die Motive einer Opferfreudigkeit, die in der heutigen von Selbstsucht beherrschten Zeit—so sagt man wohl? — erfrischend, erhebend, ermutigend wirkt; — ich sage — wissen wir auch nichts darüber, wie es diese neue Zauberin Durand fertig bekommen hat, aus einem versinkenden Schiffe nicht nur in ein neues flottes sich zu retten, sondern sogar sofort seine Kommandantin zu werden, so wissen wir doch, wer ihr geholfen hat, das Szepter oder den Admiralsstab an sich zu reißen. Wir wissen es wenigstens annähernd. Die Herren Gaston Dreyfus und Gustave Zadocks habeu sich in dieser Woche interviewen lassen. Sie sind ebenfalls unter den Kommanditären der „Action", wie es aber scheint, gehören sie zu einer späteren Serie. Die Liste zu vervollständigen, muß den Geschichtsforschern der Zukunst überlassen bleiben. „Nous laissons cela ä nos neveux", sagt Balzac an einer Stelle, wo er ebenfalls über eine sehr tiefe Angelegenheit spricht (siehe die „Physiologie du Mariage"). Tie „Action" brachte vor einiger Zeit einige ganz treffende Artikel gegen die vereideten Makler von Paris und Frankreich im allgemeinen, Artikel, die als von der Pariser Coulisse inspiriert angesehen wurden. Ihr Erscheinen hat den einen Mitredakteur, Herrn Charbonnel, zum Austritte aus dem Blatte veranlaßt. In einer längeren Artikelreihe der „Raison" erörterte er die Stellung der „Action" und griff besonders den Verfasser der Aufsätze, den Senator Delpech;, an, den Charbonnel, wie die „Action" im ganzen, als von der Coulisse gekauft bezeichnete. Man weiß, daß Herr Delpech ein Ehrengericht verlangte, dem Charbonnel sich zu unterwerfen ablehnte. Das beweist, daß Charbonnel nicht sicher war, seine Behauptungen beweisen zu können. Man hat deshalb doppelten Grund, ihm gegenüber ungläubig zu sein, denn Herr Delpech gilt als sehr ehrenwerter Mann, auch ohne daß er nötig hätte, ein Ehrengericht anzurusen. Tie Folge des Streites war, daß der Sohn des Senators Telpech den Sekretär des „Raison" forderte und nach vierundfünfzig Minuten langem Kampfe verwundete. Seon Daudet, der nationalistische Schreihals, der letzten Sonntag in der „Libre Parole" einen sehr heftigen Artikel gegen Herrn Delpech schrieb, wurde seinerseits von diesem gefordert und kräftig am Arme verwundet. Vielleicht kommt noch etwas. Es tväre schade! Besonders bedauernswert aber bleibt bei alledem, wenn man von der gegen Herrn Delpech fälschlich geschleuderten Behauptung absieht, daß man nicht weiß, warum Herr Charbonnel so mit einem Male solche Mängel in der „Action" findet und vor das Schwurgericht kommen will, obwohl er weiß, daß die beregten Artikel des Herrn Delpech geschrieben waren, ehe noch die Coulisse ausnahmsweise nicht geschoben wurde, sondern schob. Und warum wollen Madame Durand und Herr Verenger, mit einem Male und gleich, Herrn Charbonnel los werden? Welche Verschwörung? Ja, wenn man das alles wüßte! Aber wäre die Geschichte nicht viel weniger interchantz als sie wirklich ist, wenn sie nicht, wie ich schon vorhin so richtig bemerkte, so schwer zu schreiben wäre? Ln. Literarisches. — Gräfin Uxkull: Friedliche Eroberungen. Cittenroman aus dem modernen Egypten. — Verlag von F Fontane u. Co. in Berlin. Preis 6 Mk. — Gräfin Uxkull führt uns in das Innere Nordafrikas. Auf Grund eigener Erlebnisse und Erfahrungen entwirft sie ein anschauliches und fesselndes Bild von den dortigen Verhältnissen. Nicht nur vom Leben der Eingeborenen allein, sie erzählt von Engländern, Franzosen, Griechen und Deutschen, tote der Kampf ums Dasein überall wilde Rivalitäten zeugt. Besonders hat die Verfasserin es verstanden, die Einwirkungen, die der Orient auf die verschiedenen Charaktere ausubt, zu schildern. So sehen wir einen Deutschen mit ausgeprägtem Handelsgeifte zu einer Eroberungsnatur werden. Da ist der ideale deutsche Schwärmer, dem es erst auf dem Boden Egvprens nicht behagt, und der doch nach kurzer Zeit sich so unlöslich: an diesen Boden gefesselt fühlt, daß er Nicht mehr fähig ist, in die engen Verhältnisse, in das kleiN- bürgerliche Leben der Heimat zurückzukehren. Dazwischen Naturschilderungen, Liebescpisoden eingeflochten, Intimitäten des Harems scharf beobachtet und sein wiedergegeben. Dreieüsrätsel. (Nachdruck verbalen.) A A A DEE G G I N | N 0 0 R W Die Buchstaben sind in die Felder des Dreiecks derart eimrn iraqen, daß die drei Außenrethen wie auch die drei wagerechten Mittelreihen Wörter bilden von nachstehender Bedeutling: 1. Waste; 2. römische Göttin; 3. russische Festung; 4. Nahrungsmittel; 5. Landschaft in Vorderindien; 6. männlicher Vorname. Auflösung in nächster Nuunner. Auflösung der Geheimschrift in vor. Nr.: Wie du mir, so ich dir. Redaktion: August Göb. — 8iotaticn$brud und Verlag der Vrühl'sclcn llnirersttötk-Buch- und Cteindrucierci. R. Lange, Ließen.