Boni! aSk® W NU Wflrfpi MÄti fl WWäMnÜ F fill?; Iinuiaiikz ^M I Wgt A U s^WWW EMgM i7z ti*4tlö!ESjir! w« Km angenehmes Kröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mit vielen Entschuldigungen, kein bessert Unterkommen bieten zu können, schloß endlich der Agent den Speicher auf, müde und matt ließen sich alle auf den herumliegenden Eichelsäcken nieder. Plötzlich drang ein entsetzlicher Schrei durch den unfreundlichen Raum. Mit einem Satz wären alle auf den' Beinen. „Was ist dennn los?" „Eine Ratte", stammelte Erna schreckensbleich. ,,Ach, was denn nicht noch", schält der Major, sah aber im selben Augenblick selbst, tote zwei dieser niedlichen Tierchen in einer Ecke verschwanden. Nun war auch hier ihres Bleibens nicht länger, und so lagerten sie sich unter Gottes freiem Himmel auf ihren Koffern und Kisten. Herr von Höchstfeld raste vor' Wut, Erna jammerte, daß sie es vor Hunger nicht mehr aushalte, die Mama zitterte und bebte vor dem Ueberfall irgend einer Räuberbande, die ja hier zu Hause seien, und Erich horchte nach allen Windrichtungen, ob sich nicht nahendes Wagengerassel hören ließe. Es ging schon stark auf zehn Uhr — noch dazu in einer stockfinsteren Nacht, als endlich wirklich die bestellten Fuhrwerke — eine Equipage vorsintflutlicher Bauart und zwei Leiterwagen für das Gepäck — anlangten. Der neue Ver- toalter — eigentlich nichts anderes als auch ein Bauer, nur daß er eben zur Rot ein bischen schreiben konnte — war selbst mitgekommen und erschrak nicht wenig, als er die Herrschaft schon ihrer wartend antraf. Geduldig und ohne den geringsten Widerspruch zu wagen, ließ er sich zusammenschimpfen, und erst, als Herr von Höchstfeld erschöpft innehielt, sagte er mit pfiffigem Lächeln: „Eh, das hätte sich der gnädige Herr ersparen können, denn uns trifft ja kein Verschulden. Wenn der Kapitän so ein pflichtvergessener Mensch ist und nach dem Fahrplan fährt, dann verdient er die Schelte und nicht wir, die wir zwei Stunden vor der Zeit hier sind. Der Herr Pfarrer hat uns noch strengstens befohlen, nicht zu früh auszubrechen, damit die Pferde nicht so lange —" „Was hat der Herr Pfarrer bei mir zu befehlen" — unterbrach ihn Herr von Höchstfeld wütend — „Sie sind der Verwalter und haben selbst zu wissen, was sich gehört." „Eh, nichts für ungut, Euer Gnaden", entschuldigte sich der Gescholtene, „aber ich habe noch nie etwas ohne Befehl getan. Früher hat eßen Seine Gnaden befohlen, und weil doch Seine Gnaden als Toter nicht mehr befehlen und anschaffen kann, so haben eben Hochwürden der Herr Pfarrer und Ihre Gnaden der Herr Graf abwechselnd nach dem Rechten gesehen, bis Euer Gnaden selbst da sein würden." „Nun, was sagst Du nun dazu, ist das eine Lotterwirtschaft oder nicht?" wandte sich Herr von Höchstfeld zu Erich. „Solch einem Heuochsen vertraut mein lieber Vetter unser Erbe an! Es ist himmelschreiend! Aber das soll von jetzt an anders werden, ich —" „Lieber Erwin", beschwor ihn seine Frau, „wäre es! nicht angezeigter, endlich einzusteigen? Zu Hause kannst Du dann in aller Ruhe —" „Natürlich", unterbrach er sie, „Ihr Frauen denkt nur an Eure Bequemlichkeit. Wenn Ihr die habt, dann kann alles drunter und drüber gehen", dann kehrte er sich barsch um und befahl, mit dem Wagen zu wenden. „Eh, Herr", meinte der Verwalter unterwürfig, „wenden können wir schon, aber zurückfahren — gar keine Idee!" „Was soll das heißen? Wieso, warum?!" „Weil die Pferde erst eine Stunde rasten müssen." „Ihr seid doch im Schritt angefahren gekommen!" „Das schon, und wir werden ja auch im Sch,ritt nach Hause fahren —" „Nein, das werden wir nicht!" „Doch, Herr, das werden wir müssen", widersprach ihm der Verwalter demütig, „bei diesen Straßen würden wir sonst nur Hals und Beine brechen, und das könnte der gnädigen Herrschaft nicht angenehm sein." Herr von Höchstseld sah schließlich ein, daß er sich ins Unabänderliche fügen müsse und forderte seine Familie auf, es sich wenigstens einstweilen im Wagen bequem zu machen. „Bis zur Abfahrt könnt Ihr ja schlafen", tröstete er. „Aber ich habe doch so schrecklichen Hunger", lamentierte Erna. „Ein Soldat hat nicht Hunger zu haben, im Feldzug fragt man auch nicht danach, ob —" „Aber ich bin doch gar nicht Soldat, und im Feldzug sind wir ja auch nicht." „Still bist Du, sonst —" „Euer Gnaden, verzeihen", erbot sich der Verwalter, „ich will schnell ins Pfarrhaus springen, der hochwürdige Herr wird es sich zur Ehre anrechnen, die Herrschaften —" „Daß Du Dich nicht unterstehst", drohte ihm der Major, „ich zerschlage Dir sonst die Knochen im Leibe!" „Lieber Erwin", bat Frau von Höchstfeld, „vielleicht könntest Du wenigstens etwas aus dem Gasthaus besorgen, lassen." „Meinethalben", gab er nach und reichte dem Verwalter einen Gulden, mit welchem dieser eiligst verschwand. Dann stieg man in das Wagenungetüm und wartete und wartete. Schließlich übermannte aber alle di« Müdigkeit, und der . Reihe nach schliefen sie, trotz Aerger, Angst Md Hunger, ein. - 434 — Erich hm der erste, der sich ermunterte. Erst wußte er sich gar nicht die eigentümlich beengte Situation zu erklären. Er fühlte nur vor sich und rechts und links neben aFüße, die doch unmöglich alle ihm gehören konnten erst durch das rythmische Schnarchen von Vater, Mutter und Schwester — Baß, Alt und Sopran — wurde es ihm klar, daß man sich wohl noch aus der Station Mariance befand. „Donnerwetter", schoß es ihm durch den Kopf, „wir wollten ja nach einer Stunde aufbrechen, und jetzt müssen doch mindestens schon zwei Stunden, wenn nicht mehr, verstrichen sein." Mühsam nur gelang es ihm, soviel Armfreiheit zu gewinnen, um seine Uhr herauszuziehen, aber so sehr er auch seine Augen anstrengte, so vermochte er doch nicht in der herrschenden Finsternis das Zifferblatt zu erkennen. Ein Streichholz anzuzünden, wagte er nicht, um nicht Mama unnötigerweise zu früh auszuwecken, und so versuchte er möglichst geräuschlos aus dem Wagen zu schlüpfen. In demselben Moment reckte sich aber auch Papa, stieß ihm mit einer Armbewegung die Uhr aus der Hand, und ehe er sich noch danach bücken konnte, war Erna, von dem Geräusch erschrocken auffahrend, direkt auf sie getreten. Erich entzündete nun eni Wachsstretchholz und beleuchtete die Bescherung. ja, total hin, als ob ein ausgewachsener Elefant auf ihr herumgetrampelt hätte", fing Herr von Höchstfeld sofort wieder zu schelten an, „und ivem haben wir das alles zu verdanken? Diesem Herrn Pfarrer, der die Leute nicht zur Zeit abfahren ließ." „Er hat es gewiß nur gut gemeint", wagte Frau von Höchstfeld schüchtern einzuwenden. jawohl, gut gemeint!", höhnte er, „einen Vorgeschmack der unser harrenden Widerwärtigkeiten sollten wir bekommen. Ich durchschaue ihn, Karl hat mich nicht umsonst vor ihm gctoanit", dann sah er sich verwundert um und schrie nach dem Verwalter. Als auch auf wiederholtes Rusen keine Antwort erfolgte, griff er nach der Uhr. „Ein Uhr!" rief er außer sich, „wir müßten schon zwei Stunden unterwegs — beinahe zu Hause sein! Na, wartet, ich toill. Euch Ordnung beibringen, ich will —" „Die Kutscher der Leiterwagen sind auch nicht da", meldete Erich, der mittlerweile Umschau gehalten hatte. „Allmächtiger kreischte Frau von Höchstfeld entsetzt auf, „sie stecken sicher mit einer Räuberbande unter einer Decke — unsere letzte Sturrde hat geschlagen!" Erich hatte alle Mühe, die arme, von den Strapazen der Reise durch und durch nervöse Mama halbwegs zu be- schwichtrgen und sie wieder in dem Wagen unterzubrtngen, wo sie nun leise vor sich hinweinte und ein Stoßgebet nach dem andern zum Himmel sandte. Dann horchten sie angestrengt in die Nacht hinaus, vernahmen aber nichts weiter, als das abgerissene Quietschen eines Dudelsackes vom Dorfe her. „Es wird wohl am besten sein, ich gehe nach dem Wirtshaus", meinte endlich Erich, „die Kerle werden sich dort festgesetzt haben." „Hast Du Deinen Revolver in der Tasche?" erkundigte sich Herr von Höchstfeld. Erich bejahte es und wandte sich zum Gehen. Da tauchte aber Mamas schreckensbleiches Gesicht aus dem Wagen auf und angsterfüllt ries sie ihn zurück. „Nein, nein. Du darfst nicht fort", beschwor sie ihn händeringend, „sie töten Dich!" „Wenn Du mir doch glauben wolltest, liebe Mama, daß eS ein harmloses, gemütliches Volk ift", redete Erich beruhigend auf sie ein. Herr von Höchstfeld lachte ingrimmig vor sich hin'. ^Ein gemütliches Volk! Nun, ich will ihnen diese Ge- mütllchkeit, die Herrschaft aus der Landstraße liegen zu lassen, gründlich austreiben, lind nun spute Dich, mein Sohn, sonst mache ich mich selbst auf den Weg," „Dann nimm wenigstens noch einen Revolver mit", bat die Mutter. „Eher di« Peitsche zum Dreinschlagen", meinte Erich lachend und eilte davon. Bald darauf befand er sich vor dem Wirtshaus«, durch dessen offenstehende Fenster sich ihm ein gar seltsames Bilo darbot. Die tanzenden Paare schienen innegehalten zu | haben, denn noch standen sie, sich umschlungen haltend, im Kreise, dessen Mitte der Dudelsackpfeifer bildete, und aller Blicke wandten sich dem aus dem Tifche hin- und herschaukelnden Verwalter zu, der mit vor Rührung zitternder Stimme eine Rede hielt. Von dem Inhalt verstand Erich natürlich nichts, doch ließ sich durch die fast in jedem Satze wiederkehrende Anführung oes Namens Höchst- seld leicht erraten, daß es sich um einen Toast auf die neue Gutsherrschaft handelte. Und richtig, als der Redner mit einem „Zivila obitelj Höchstfeld" schloß, da dröhnte es „Zi- vio, Zivio!" kreischend, quietschend und gröhlend von allen Lippen, und der Verwalter, der ehrend seiner Herrschaft gedacht, wurde unter allgemeinem Jubel im Zimmer herumgetragen. Im selben Moment trat Erich in den Rahmen der Tür. Wie ein Gespenst starrten ihn alle au, und die Burschen, die den Verwalter auf ihren Schultern hielten, ließen diesen unsanft zur Erde fallen und suchten schnell in den hintersten Reihen zu verschwinden. Der Anblick war so tragikomisch, daß es Erich schwer fiel, seinen Ernst zu bewahren und nicht hell aufzulachen. „Du bist ein niederträchtiger, pflichtvergessener Kerl", wandte er sich an den zu seinen Füßen kriechenden Verwalter — „anstatt den anderen mit guten: Beispiel voranzugehen, besäufst Du Dich hier und läßt Deine Herrschaft vergebens auf Dich warteu!" „Hab' Erbarmen, Herr" — winselte der Betrunkene, indem er sich vergeblich auszurichten bemühte — „aber nicht mich trifft die Schuld, sondern den Wirt. Ich wollte Ewch ja gleich etwas zu essen bringen, aber er hatte ja nichts anderes mehr als Zwiebel und Speck und das durften wir Euch doch nicht bieten! Und deshalb dachten wir —■ nimm es uns nicht übel,. Herr — es wird wohl am besten und Gott am wohlgefälligsten fein, wenn wir den Gulden aus Euer Wohl vertrinken." Der intensive Schnapsgeruch belehrte Erich, daß er jetzt doch nur tauben Ohren predigen würde. Er wandte sich' deshalb an den Wirt und verlangte von diesem einen zuverlässigen, nüchternen Mann, der sie nach Dolina fahren könnte. Dieser sah sich der Reihe nach seine Gäste an, endlich meinte er, sich verlegen den Schädel krauend: „Eh, Herr, zuverlässig sind sie alle, aber nüchtern — das kannst Du doch an einem Sonntag, und no chdazu bei solch feierlichem Anlaß, wo sie Eure glückliche Ankunft begossen, nicht verlangen." Nun ging Erich aber doch die Geduld aus. ,-Zum Teufel noch einmal" — schalt er — „wir können doch unmöglich warten, bis diese Kerle ihren Rausch aus- geschlafen haben!" „Freilich, freilich, das könnt Ihr nicht" — gab der Wirt kleinlaut zu — „da wird eben nichts anderes übrig bleiben, als den Herrn Pfarrer zu wecken. Sein Bursche hat Kirchenstrafe und darf drei Wochen nicht ins Wirtshaus — der wird Euch gern fahren." Schon wollte Erich einwilligen, als ihm noch rechtzeitig einfiel, daß Papa von dem Pfarrer eine Gefälligkeit nicht werde annehmen wollen — und es vor ihm verheimlichen und mit diesen Leuten ein Geheimnis teilen, welches sitz Gott weiß wie auslegen würden, konnte ihm erst recht nicht passen. „Nein, nein, der Herr Pfarrer darf nicht in feiner Ruhe gestört werden", lehnte er daher ab, „suche nach' einem anderen Ausweg." „Eh, dann wird nichts anderes übrig bleiben", sagt« der Wirt nach kurzem Ueberlegen, „als Du kutschierst selbst und meine Tochter Mara setzt sich zu Dir aus den Bock, um Dir den Weg zu weisen." Erich war damit einverstanden und verlangte nur noch- daß er das Gepäck, welches am nächsten Morgen nachge- fayren werden sollte, ins Wirtshaus tragen lasse, damit nichts wegkomme. Nun war aber der Mrt entrüstet. „Eh, Herr, was glaubst Du denn eigentlich!" sagte er. „Unsere Leute mögen Schwein« sein und sich besaufen, und Lumpen, die unserm lieben Herrgott den Tag stehlen — aber sich an fremdem Gut vergreifen, das wirst Du bei uns nicht finden! Eure Sachen liegen auf der Landstraße ebenso sicher, als wenn sie hinter Schloß und Riegel wären!" Erich mußte sich zufrieden geben, und nachdem er den Seinen von allem ausführliche Mitteilung gemacht und' -*■ 435 — Jgorotos. Dieser wilde Völkerstamm, der in der Weltausstellung seine Sitten und Gebräuche vorführt, liebt entsprechend seinem heimatlichen Klima ein anspruchsloses Kostüm, das aus einem unterhalb des linken Kniees getragenen Beinring und einer Tabakspfeife besteht. Für die hiesige Schaustellung hatte man sie natürlich mit einem Schurz versehen, und viele Wochen hindurch freute sich das Publikum an der Heiterkeit uno Neu- gierde der dunklen Gesellen. Aber kaum hatten einige Damen bemerkt, daß Gott diese Wilden ohne Korsetts geschaffen hat, als sie sofort öffentlich Lärm schlugen und mit Entschiedenheit für die Anschaffung ausreichender Seidenhöschen eintratcn. Vorläufig wehren sich die von dieser kleinlichen Kultursucht Betroffenen noch energisch gegen die lästige und ungewohnte Dekoration, aber schon heute ist vorauszusehen, daß sie sehr bald der landesüblichen Prüderie zum Opfer fallen werden.-- Und dasselbe Volk, das sich 'des nach Gottes Ebenbild geschaffenen nackten Menschen schämt, hat auf der anderen «eite so harmlos gemeine Vergnügungen, wie sie sich der Europäer gar nicht auszudenken vermag. .In allen romnniichen Landern gibt es bekanntlich so stark gepfefferte Schaustellungen, daß dem harmlosen Deutschen sehr ost die Haare zu Berge stehen. Aber was sind die Vergnügungen, die in den heimlichsten und verschwiegensten Winkeln in Paris und auf Sizilien betrieben werden, gegen die abstoßende und verletzende Niedrigkeit, die hier ganz öffentlich zutage tritt. , Für zehn Cents kann ;eder uurepe Bursche in eine der vielen Buden gehen, die sich dicht vor den Toren der Weltausstellung etabliert haben und hier Tänze — oder was mau so nennt! — sehen, gegen die der berüchtigte, danse du ventre den wohlerzogenen Knixen gleichkomnit, die die deutsche höhere Tochter in der Tanzstunde lernt. Damit die Vorübergehenden auch gleich wissen, was hier zu erleben ist, leuchten „weithin große Schilder mit der Aufschrift: „Nur für Herren! Extreme überall! Ist an dieier einen Stelle die dem Publikum vorgesetzte Kost widerwärtig gepfeffert, so laßt wieder anderseits der Vergnügunasteil der Weltausstellung selbst auch das geringste Salz vermissen. Hier müßte eigmtlich an xeder Vorführung ein Schild sein:.„Nur für Backfische! Alles ist von verletzender Harmlosigkeit, Nüchternheit und schrecklich belehrendem Ernst. Auch hier tritt ein charakteristischer Zug des Amerikaners in die Erscheinung. Ueberall werd geredet! So, wie im ganzen öffentlichen und gesellschaftlichen Leben fortwährend große Redensarten gemacht werden, hinter denen die eigentliche Tat gewöhnlich stark zurückbleibt, so wird man auch bei allen diesen Schaustellungen mit entern lagenn Sermon empfangen. Wie großartig diese Schaustellung ist, -- was sie gekostet hat, — was die Zeitungen von ihr beachtet haben, — in welchen Städten sie schon früher Beifall gehabt hat kur», daß sie die großartigeste Errungen,Hast dieser Welt ist. IN Europa ist man gewöhnt, wenn man beispielsweise eine Jongleurtruppe besucht, daß einem diese durch ihre Vorführungen beweist, was sie kann. .Anders hier. Die Jongleure arbeiten vielleicht fünf Minuten, der Redner luflt aber eine Viertelstunde über ihre Vergangenheit, Zukunft, Familien-Ver- hältnisse - die den Beschauer eigentlich gar sticht interessieren. Fängt dann endlich die .Vorstellung an, so ist sie gewöhnlich unerhört steif und ernst. Fast .alle Schaustellungen der „Tske , wie der Vergnügunasteil der Ausstellung genannt wird, scheinen von Schullehrern inszeniert zu sein. Ueberall ist es auf die „Belehrtins>ne^>bgesthen. mit gewaltiger, weitM fickst- barer Kuppel wird die Erschaffung der Erde nach der biblischen Darstellung vorgeführt. .Jeder einzelne der sieben ^Lage gelangt in einer Nicht einmal ungeschickt entworfenen «zeneae zur Darstellung und am Schluffe erheben sich Adam und Eva, die von einem Engelchor sehr feierlich bewillkommnet werden Aehn- lich pathetisch geht es bei der mit großem Pomp angekundigten Reise von Newyork zum Nordpol" zu. Außen ist zu lesen, daß diese Schaustellung endlich das Problem des Nordpols lose, und man betritt daher mit großer Spannung das ungeheure Ge- bäitde. Hier sieht man sich einer kleinen Buhne gegenüber, in deren Mitte sich ein Schiffchen besmdet, an dem mit Hilfe der h'nlänglich bekannten einfachen Wandeldekorationen zunächst die Häuser der Stadt Newyork vorbeigezogen werden. -Dann kommt das offene Meer und schließlich die Eisberge, die das Schiffchen so einschließen, daß es nicht mehr Wetter fahren kann Die nächste Vorstellung beginnt m 10 Minuten . Mach langweiliger ist die Reise auf der „sibirischen Eisenbahn , bei bet ein Waggon, in dem man Platz nimmt, zum Zwecke der Erzeugung der Fahrillusion etwas geschüttelt wird, wahrend am Fechter ein Stück Leinwand vorbeigezogen wird, auf dem an paar sibirische Städte aufgemalt sind. Da bte Natur so freundlich war, m Sibirien sehr viel eintönige Steppen zu schaffen, so hat der Maler wenigstens nicht viel Farben gebraucht. Spendiert man sich weitere 25 Cents, so kann man nicht wett davon im Unterseeboot von Newyork nach Paris und von dort im Luftballon nach St. oLuis zurückfahren. Bei der Hinreise plätschert die Wasserleitung, und das «kioptiion zeigt den Meeresgrund mit Fischen und Hummern, die den masten Beschauern mariniert oder mit Remoulade entichieden angenehmer wäre«. Bei der Rückreise bekommt man zuerst eme Achicht von noch "schnell die Pferde getränkt hatte, fuhr man endlich in die schweigende, finstere Nacht hinaus. Ringsum herrschte heiliger G-ottesfriede, und aus dem Unterholz des Waldes, der sich zu beiden Seiten der Straße entlang zog, klang der Schlag der Nachtigallen, die sich nicht einmal durch das laute Knarren der Wagenräder verscheuchen ließen, und hellaufjauchzend und sehnsüchtig schmachtend vor Liebeslust und Liebespein, in die Lüfte tirilierten. . Von den Insassen des Wagens hörte sie aber niemand. Erna, die selbst so oft geliebt und sie daher am besten verstanden hätte, war, trotz allen. Rüttelns nnd Schüttelns, sanft eingeschlummert, und Mama Höchstfeld lauschte nach ganz anderen Tönen, als nach dem Schlag der Nachtigallen. Sie hörte im Unterholz nur das Knacken von heranschleichenden Mördertritten und jedesmal, wenn der Wagen in einem der schier abgrundtiefen Löcher versank und Eriche die erlahmenden Pferde durch ermimternden Peitschenknall zur erneuten Kraftanstrengung anspornte, glaubte sie, daß Schüsse gefallen seien und dachte ihr letztes Stündlein gekommen. Herr von Höchstfeld, dsr weder Furcht kannte, noch, eingeschlafen war, hätte wohl recht gut auf das wunderbar süße Konzert hören können und ihm hätte zu passenderer Zeit dafür auch nicht das richtige Empfinden gefehlt, da sich hinter seiner rauhen Außenseite ein warmfühlendes, nicht ganz poesieloses Herz barg — aber heute beschäftigten ihn zu ernste, zu schwere Gedanken. Nie im Leben war er einem offenen, ehrlichen Kamvf ausgewichen und stets hatte er seinen Manu gestellt. Hier aber trat ihm der Feind in der Maske des Biedermannes entgegen — das fühlte er ganz deutlich und deshalb hieß es doppelt vorsichtig fein, um sich keine Blöße zu geben. — Wie wäre auch sonst gerade der Pfarrer, Karls Todfeinds dazu gekommen, auf feinem Besitz nach dem Rechten zu sehen und ihm seine Hilfe aufzuzwingen?! — Daß dahinter nur eine Falle stecken konnte, war ihm klar, und im düsteren Grübeln suchte er nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth. Mit Anspannung aller Sinne hatte Erich unterdessen das Gefährt gelenkt, und nun endlich, nach vollen drei Stunden, konnte er ausatmend zurückrufen, daß in fünf Minuten alles überstanden sein werde, (Fortsetzung folgt.) WettaussteLungsöriefe. Bon Paul Gartrnann. (Nachdruck verboten.) 6. Wie man sich amüsiert. Temperenzler und Trinker. — Die Seidenhöschen der Wilden. — Eigenartige Tänze. — Die Schöpfung, — Die Lösung des Nordpol-Problems. — Im Unterseeboot und Luftballon. — Präsident Francis und das Lachkabinett. — Orientalische Bazare. — Eine Ueber-Rutschbahu. :— Feuerschauspiele. — Ein wirklicher Brand auf der Ausstellung. St. Louis, .Anfang Juli. Dev Amerikaner neigt zum Extrem. In allen Lebensbezieh- ungcn äußert sich das. .In keinem Lande der Welt gibt es soviel fanattsche Temperenzler wie hier, und nirgends soviel r— Säufer. Die goldene Mittelstraße, unseren biederen deutschen Durst, kennt man hier nicht. Weite Volksschichten verschmähen grundsätzlich auch das harmloseste GlaS Bier, und dementsprechend gibt es unzählige Wirtshäuser und Restaurants, in denen keinerlei alkoholische Getränke vorrättg gehalten werden. Jeder Gast bekommt sofort das hier unvermeidliche Glas Eiswafser hi,n- ,estellt und wer etwas „dickere" Getränke bevorzugt, muß.sie ich au8 dem nächsten Kaufmannsladen holen lassen oder selbst Wien. ES handelt sich also nicht etwa um Temperenzgasthäuser, andern der Mangel an Bier und Wein rührt nur davon her, >a§ diese fast nie verlangt werden.--Andererseits ist beinahe an jeder Straßenecke ein „Saloon", was man nicht etwa mit „Salon" übersetzen darf, sondern mit „Destillation". Hier wird der landesübliche Whisky in ungeheuren Mengen konsumiert, und in den Abendstunden findet man dort ganze Rotten sinnlos betrunkener Menschen. Aehnlich verhält es sich mit dem religiösen und sittlichen Leben. Der orthodor-puritanische Geist beherrscht alle öffentlichen Einrichtungen. Me äußere Heiligung des Sonntags wird Soweit getrieben, daß bekanntlich sogar die Weltausstellung ge- chlosfen bleiben muß. Jeder Bürger ist am Sonntag recht eigentlich ein Gefangener in seinem eigenen Hause, und wer es etwa wagt, seinen Gästen einen Krug Bier zu holen, verfällt tatsächlich uns in allem Ernste der öffentlichen Verachtung. Augenblicklich tobt ein heißer Kampf um die Seidenhöschen der — 436 — Paris zu sehen, die eine verzweifelte Aehnlichkeit mit einer verlassenen Jndianeransiedelung hat, und trifft dann, .nachj- dem man aus dem Meere das unvermeidliche Gewitter erlebt hat, viel schneller in St. Louis wieder eilt, als man bescheiden genug ist, zu wünschen. Hier sehen Sie die Weltausstellung. Tas großartigste Werk, das je Menschengeist ersonnen hat; ihr Präsident, Exgouverneur Francis, hat mit Recht gesagt: „Wenn jetzt ein unabsehbares Unglück die gesamte Kultur der ganzen Welt vernichtete, so könnte sie — falls diese Weltausstellung stehen bliebe —. nach ihrem Vorbilde wieder rekonstruiert werden." — Es gibt hier auch ein Lach-Kabinett. . . . MaS dort zu sehen ist, kennt man zwar, aus den deutschen Panoptikums. Aber inimerhin, — es ist lustig. Da sind zuerst die bekannten Spiegel, in denen sich kleine Leute ganz ungeheuer groß vorkommen können. Dünne erscheinen dick, Dicke wiederum dünn — und diese groteske Verwechslung aller hergebrachten Vorstellungen tvirkt tatsächlich erheiternd. Auch ein Irrgarten, ist da, in dem man lange Zeit auf einem ganz kleinen Platze beständig .um sich selbst herumlausen kann, wobei man vorwärts zu schreiten glaubt. In einigen Wänden sind kreisrunde Löcher angebracht. Steckt man hier den Kopf hmein, so sieht mau in einen Spiegel sein eigenes Gesicht, auf einem sremden Körper, .zu dem es in gar keinem Zusammenhänge steht. Dann endlich gelangt man in einen dunklen Gang, bei dem es bald bergauf, bald bergab geht, wobei einem der Boden bedenklich unter den Füßen schwankt. .Plötzlich findet man sich dann auf einer glatt polierten Fläche, auf der man ohne andere Apparate, als sie jedem Menschen angeboren sind, blitzschnell in die Tiefe saust. Dieses Lach-Kabinett ist die einzige Stelle, wo keine Rede gehalten wird. Hier nimmt man auf den Präsidenten Francis nicht Bezug. Im ganzen gibt eS etwa fünfunddreißig, solcher Attraktionen. Den meisten Platz nehmen die unter dem Namen „Cairo" oder „Constantinopel" bekannten Trödel-Bazare ein, Vie nachgerade bei allen Ausstellungen unvermeidlich geworden zu sein scheinen. .Hier kann man für teures Geld die fürchterliche Fülle schrecklicher Souvenire kaufen, die geschmackvolle Menschen bis in ihre Träume hinein zu ängstigen pflegen, hier kann man in schlechtem Fett gebackene Eberswalder Spritzkuchen als „echt orientalisch" erstehen und Haremsdamen sehen, an denen das Schönste ihre dichten Schleier sind--Nicht weniger als vier solche Industrie-Zentren haben sich hier ausgetan, und nicht nur ihre Waren gehören zu denen, die nach dem bekannten Sprichwort „nicht alle werden". Den meisten Zuspruch hat aber unstreitig die große Rutschbahn. Das Wort Rutschbahn genügt eigentlich nicht. Es ist eine Ueberrutschbahn. .Dreimal muß man um die ganze riesenhafte Anlage herumfahren, ehe man wieder frei gelassen wird. An Ketten werden die Wagen hoch hinauf gewunden, um dann in fürchterlichen Wellenbewegungen zu Tal zu fahren. Der Magen dreht sich .jedem um. Die Damen kreischen und die Kinder schreien, daß man es weithin hört. Durch dunkle Schluchten saust man und an Panoramen feuerspeiender Berge und Urwaldsszenerien vorüber. Immer in rasendem Tempo bergauf und bergab. .Für zehn Cents kann man sich auf drei Tage den Appetit verderben. Das ist sehr lohnend, denn die Restaurationspreise nehmen allmählich märchenhaften Charakter an. Neulich bemerkte ich ein bäurisch aussehendes Ehepaar, das in der mit der „Feuerwehr-Vorführung" verbundenen Restauration dadurch sparen wollte, daß es sich eine Portion geteilt hatte. Aber der Wirt verlangte hierfür eine Extra-Gebühr von 25 Cents, also nach deutschem Gelde über eine Mark, und die Leutchen zogen mit sehr langen Gesichtern von dannen. Sonst ist an diesen Feuerwehr-Vorstellungen nicht viel zu sehen. Mit echt amerikanischem Phlegma werden die programmmäßigen Uebungen ausgeführt und im großen ganzen klappt alles ganz leidlich. Wenn es jedoch ernst wird, dann sieht es gleich ganz anders aus. Als vor einigen Tagen das von der „Gesellschaft der Holzhändler" errichtete Ansstellungshaus in Brand geriet, wurde die Feuerwehr zwar rechtzeitig alarmiert, aber sie vermochte der Feuersbrunst keinen Einhalt zu tun. Das Haus brannte völlig nieder, und wenn zufällig der Wind eine andere Richtung gehabt hätte, so stände heute voraussichtlich kein Haus der ganzen Ausstellung mehr. Am schwersten bedroht war das deutsche Gebäude, das nur durch die Geistesgegenwart zweier deutscher Aufseher gerettet wurde, die es beständig unter Wasser hielten. Zum Glück begann es erst nach dem Brande zu regnen. Das klingt sehr sonderbar. Hätte es aber vorher geregnet, so waren die Wege wahrscheinlich in einer solchen Verfassung gewesen, daß die Feuerwehr nicht zur Brandstelle gekominen Ware!! Literarisches. —: Karl von Perfall: Frau Sensburg. Roman. Verlag von Egon Fleischel & Co., Berlin W. 35. Preis 4 Mk. —: Die Geschichte einer Eheirrung, die sich aus den besonderen Bedingungen des Kleinstadtlebens ergibt, ist das Sujet des neuesten Romans von Karl von Perfall. Der liebenswürdige Doktor Lindacker hat sich als praktischer Arzt in Ittenhausen niedergelassen, wo sein älterer Korpsbruder Sensburg als Bezirksamtmann der vornehmste Beamte ist. Die Honoratiorentöchter Jllenhausens sind sehr leichtlebiger Natur und vertreiben sich die 'Langeweile mit Liebschaften. Linbacker fühlt, nachdem er sich zweimal in solche Liebschaften eingelassen hat, das Bedürfnis nach edlerer Gemüts- anregung. Die Frau seines Freundes zieht ihn mehr und mehr in diesem Sinne an. Lange dauert es, bis die Beziehungen einen verhängnisvollen Charakter annehmen. Sie werden gelöst, als Frau Sensberg sich legitimerweise Mutter fühlt und dadurch an das Recht der Familie erinnert wird. Lindacker leidet lange unter dem Verluste — bis er die Liebe eines jungen Mädchens findet, das er heranwachsen sah, und in dessen Leben er eingegriffen hat durch .die humane Fürsorge, die er ihrem heißgeliebten Vater, einem durch seine unglückliche Ehe entgleisten Kollegen, zuteil werden ließ. Eie Eheirrung der Frau Sensburg ist scheinbar eine überwundene Episode im Leben zweier Menschen geworden, als durch den namentlich von einer früheren Geliebten Lindackers geschürten Klatsch das Geheimnis dem inzwischen zum Regierungsrat ernannten Sensburg offenbar wird. Ein Duett, in bem1 Sensburg fällt, bringt fchtveres Unheil über alle Beteiligten. Per- fall gibt in der Charakterzeichnung .der Frau Sensburg ein Meisterstück unverkünstelter Seelenkunde mit tiefen Einblicken in das Wesen der Ehe, und damit verbindet er eine Kraft des Gefühlsausdruckes/ die an verschiedenen Stellen von hinreißender Schönheit ist. Aber auch in anderen Figuren gibt er wieder überaus feinsinnige Beweise seiner eindringlichen Menschenbeobachtung. Die Handlung fließt tn straffer Komposition, in vornehmem Stil der Darstellung sicher dahin und zwingt den Leser mit scheinbar einfachsten Mitteln ganz in den Bannkreis der vorgeführten Menschen und Geschehnisse. Wir haben ein überaus fesselndes, stark empfundenes Werk vor uns, aus dem vottes, warmes Leben spricht und dazu eine Künftlerschaft von schlichter Größe, die keine äußerlichen Künst- stückchen braucht, weil ihr starker Lebcnsgehalt auch ohne solche eine tiefe Wirkung ausübt. Man hat seine Zeit wahrlich nicht vergeudet, wenn inan sich mit einem solchen Werke beschäftigt hat. Lied eines Schweizers zum Preise der deutschen Sprache. Dich vor allem, heilige Muttersprache, Preis' ich hoch; denn was mir an Reiz des Lebens . Je gewährt ein karges Geschick, ich hab' es Dir zu verdanken. Spröde Nennt der Stümper dich nur; mir gabst du Alles; arm att eigenen Schätzen bin ich. Doch werschwenderisch wie ein König schwelg' ich Stets in den deinen. Mancher Völker Sprachen vernahm ich; keine Ist an Farbe, plastischem Reiz, an Reichtum, Wucht und Tiefe, keine 'sogar an Wohllaut Ist .dir vergleichbar. Ja, du bist der griechischen Schwester selber Ebenbürtig, wärst des Gedankenfluges Eines Pindar wert und der Kiinst der alten Göttlichen Meister. Wenn die Zeit auch nicht an des deutschen Volkes Weltberuf mit ehernem Finger mahnte, Eine solche Sprache allein genügte. Ihn zu. verkünden. H einrichLeuthold. (Aus der Zeitschrift des Attg. Deutschen Sprachvereins.) Anagramm. Nachdruck verboten. Kain, Angel, Trave, Streich, Genie, Falte, Launen, Eris. Von jedenr Wort ist durch Umstellung der Buchstaben ein andres Hauptwort zu bilden und zwar derart, daß die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter einen wichtigen Teil der kaufmännischen Buchführiing benennen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rätsels in vor. Nr.r Gedanken. (Enge, Dank.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Vertag der Vrülh'schenltniversitätS-Vnch- und Cteindruckerci. R. Lange, Gießen.