Samstag den 25. Juni. WZ MWWRWWuE y .MHEMMWijTra 9 V (Nachdruck verboten.) IrüßLingsstürMe. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Man hatte herrliches Pfingstwetter gehabt. Auch heute war's wieder sonnenhell, wenn auch der Mnd scharf von der See her blies. Auf dem Karpaßstrom herrschte buntes Leben, seitdem das letzte Treibeis rauschend ms Haff hinabgefchwemmt worden war. Täglich kamen Dutzende von Flößen den Njemen herab) in den Ternereien an der Gilge, am Ruß- und Karpaß- strom war das Geschäft in vollem Gange, zwischen der Fähre und den Sakuthener Werken lagerten bereits an die hundert Traften zum Verkauf. Von den rückwärtigen Gartenfenstern aus, die nach der Wasserseite gingen, übersah Zupitza eine gute Strecke weit den Strom. Mit dem Glase konnte er sogar die Gesichter der auf der Fähre U-ebersetzenden erkennen. Malerisch war das Bild der dicht bei den breiten Fluß bedeckenden Witinnen, sobald die Sonne unterging, den Himmel tönte, goldene, lachsrote und opalfarbene Reflexe auf dem blauen Wasser hervorrief und die ungeheuren Baumstämme blutigrot färbte. Da er die Magd heute nachmittag des Gepäcks wegen Mit der Post nach Utzditten vorausgeschickt hatte — sie sollte ihn dort zum Zuge um zehn Uhr erwarten — befand er sich ganz allein daheim. Er hatte die Fenster nach dem Garten geöffnet, das volle, warme Abendlicht des schönen Frühsommertages fiel herein, er wanderte noch Einmal in den großen Zimmern auf und nieder. Seine Blicke schweiften aber doch immer wieder hinaus ins Freie — über die vom roten Sonnenlicht durchglühten Mesen — zum Kürpaßstrom, zur Fähre, auf der nun bald der Sakuthener Wügen erscheinen mußte, der Franze von der Bahn Machte. Sie wollte ihm nicht auf der Station Lebewohl sagen s— sie suchte ihn hier auf. Lichter blitzten am jenseitigen Ufer auf. Bald auch da und dort auf den Flößen vor den kleinen Strohbuden, ivo die Dschimken beim offenen Feuer über dem Strom Hockten, ihre grauen Erbsen oder „Fleck" kochend. Hier in Gill waren die meisten der armen Burschen, die Wochen- oder monatelang in Nässe, Kälte, Sturm und Gefahr auf dem Strome trieben Tag und Nacht, — für den erbärmlichen Lohn von kaum zwanzig Rubeln, — hier waren sie endlich an ihrem Reiseziel angelangt. Nächster Tage zogen sie dann wieder stromaufwärts, der fernen Heimat zu. um sich ein zweites Mal zu verdingen. Nun feierten fte abends bei Schnaps und Gesang die erste Sommeretappe. Aber es waren wehmütige Lieder, die von dem schim§ mernden Dors her übers Wasser klangen. Der näselnde, dünne Bogenstrich der Geige, der ihn da und dort begleitete, der leirige Ton der Harmonika mit dem ewigen, langgezogenen Nonenakkord machte ihn nur noch trostloser und banger. Und so oft sie den Text der Lieder wechseln mochten/ es schien doch immer nur dieselbe schwermütige Heimwehs klage. Einer begann das Lied — eine seltsam rhythmisierte Weise von nur wenig Tönen Umfang in der Mrttellage/ mehr gesprochen als gesungen — und nach einem langens Halt, jtet dem der Ton abschwoll, schließlich erstarb, setzte der übrige Chorus ein. Meist sangen sie zweistimmig. Zuweilen aber gesellte sich noch ein Baß hinzu, der mit seinen fast nur gebrummten Quinten- und Quartschrittep immer neue, aufwärtstreibende Sequenzen erzwang, manchs mal wilde, unerwartete Modulationen, die dem Chor in der Höhe etwas Kreischendes gaben. Resigniert klagend kam dann wieder eine lange Tirade der Geige. Es war die Musik von Menschen, die nicht lachew können. Die ganze traurige Geschichte des stumpfen niedern Volkes von Halbäsien klang aus dieser trüben, quälenden Musik, die so bitter klagte, ohne doch den Mut zur Auflehnung zu finden. Zupitza stand noch immer am Fenster und lauschte. Nun mischte sich in das Geigenspiel ein seltsames, erregtes Flüstern. Am Gartenzaun sah er zwei Gestalten. Auf der Mese zwischen dem Dorf und dem Strom trieb sich oftmals allerlei armseliges Liebesvolk herum: russische Boidak- und Kahnschifser, kurdische Lachsfischer und litauische MädchM vom Karguller Moor. Er hatte nie auf sie geachtet. Es war eine wimmernde Stimme, deren Flüstern immer dringlicher, immer schmerzlicher ward: manchmal ging sie in leises, bitterliches Weinen über — dann zischte aber eine trockene, scharfe Männerstimme sie nieder. Wieder begann sie jedoch nach kurzer Pause, bittend, klagend, sich steigernd. Und abermals klang das schroffe, kurze Verweisen oder Verneinen des Mannes in das demütige Flehen. Er verstand kein Wort von dem, was sie sprachen. Dennoch ergriff es, erschütterte es ihn in seiner jetzigen Stimmung. Aufstampfend wandte er sich endlich in das Zimmer zurück. Da verstummte das Geflüster draußen. Gleich darauf zog der Mann weiter und das Mädchen folgte. Es schien eine der russischen Arbeiterinnen, die zur ersten Heuernte aufs Delta gekommen waren; sie trug die bis zum Knie reichende Kazawaika mit den charakteristischen weiten Aermeln. Er war seiner Ausrüstung nach ein russischer Floßschiffer, der auf der Heimkehr begriffen fetrt mochte; er trug die Lischke, den geflochtenen Kober mU — 374 — seinen Habseligkeiten, an einem Strick um den Leib, die Bastschachtel, die seinen Mundvorrat barg, in der Hand. Weiter unten am Flusse begann die flehende, inbrünstig flehende, aber immer nur flüsternde Frauenstimme wieder. Endlich verwehte ihr Klang inr Winde. Um was bat sie? Gab es denn innerhalb des großen Elends, das all diese Aermsten umfaßte, noch ein Unterscheiden zwischen Glück und Leid? Es war schon so ruhig und klar, so kirchenstill in ihm geworden — und er hatte Franze bloß als guter Kamerad klaglos und gefaßt und vorwurfsfrei die Hand zum M- fchted reichen wollen — und nun brach das ganze Trennungsweh mit so unbarmherziger Gewalt wieder ihm durch. Ms die Tür aufging, als Fränze hereinkam — noch etwas erregt, weil es ihr gewesen war, als ob ganz Gill es durch die geschlossenen Fenster, die dicken, grauen Holzwünde sehen müßte, daß sie hier ins Haus eintrat — konnte er sich nicht mehr beherrschen, laut aufschluchzend umschlang er sie und glitt an ihrer Gestalt nieder, bis er auf den Kirren vor ihr lag und sein Antlitz sich in ihr Kleid preßte. „So schwer willst Du mir's machen — so schwer!" sagte sie zitternd und hilflos, wie mit zerbrochener Stimme. Und darauf weinten sie beide — klammerten sich an einander — ihre Lippen fanden sich in langem, fast schmerzbereitendem Küß — und verzweifelnde, anklagende, wilde, Wunde Worte klangen ineinander. Am Fenster ließen sie sich dann nieder, noch immer eng umfaßt. Aber fie sahen einander nicht in die Augen, sie wollten sich ihre Tränen nicht zeigen. Stumm blickten sie in die erlöschende Glut des Himmels und lauschtet! dem monotonen Heimwehlied der armen Russen auf dem Strome da drüben. „Verstehst Du, was sie singen?" fragte er endlich matt, durchs Fenster zeigend. Sie nickte. „Es ist eine traurige Weise, nicht?" — Aber übersetzen wollte sie es ihm nicht. Sie konnnte auch immer nur ein Paar Worte hervorbringen: sie wußte, daß sie wieder weinen mühte, ivenn sie mehr sprach. „Es paßt auf uns, Fränze, wie? Drum willst Du mir's nicht sagen. — Oder ist es nicht von einer unglücklichen Liebe?" „Sie handeln alle von unglücklicher Liebe, Hermann." Er mußte immer wieder lauschen. Die Melodie erschien ihm jetzt fast edel in dem großen, wunden Schmerz, den er hineindichtete. „Es ist ein Schifferlied", sagte Fränze endlich, noch halb sich sträubend. „Die Geliebte, die daheim sitzt und den Fluß hinabsieht, der zum Meer führt. Das Meer ist das Leben draußen. Ich kann es nicht mehr so recht — Dieter hat es einmal übersetzt." Sie machte eine Pause, denn ihre Stimme überschlug sich. Dann zitierte sie schlicht: „. . . . Und der Tag ist kommen, sie harret sein: heut naht er alnf goldenem Boote! Doch schleicht nicht ein schwarzes Segel flußauf? — Weh, Kinolein, das kündet vom Tode!" Er hielt ihre Hände an seinem Gesicht, küßte die Innenflächen und Preßte sie dann gegen seine Stirn. „Schwarze Segel!" Sie erhob sich, lehnte sich an ihn und blickte ergriffen hinaus. Allmählich teilte sich ihrem Antlitz ein träumerischer Ausdruck mit. „Wer es ist doch nicht so hoffnungsleer, das arme Liedchen", sagte sie, dem Schluß lauschend. „Hörst Du? Ihre Liebe ist nicht gestorben, sagt sie, denn sie weiß schon von einem neuen Leben. Das ist ihr dann das weiße Segel. — Mein Gott!" Sie seufzte. Dann weinte sie plötzlich wieder ganz erschüttert. „Fränze, Fränze!" flehte er, sie an sich pressend, „und wir — wird es für uns noch einmal ein neues Leben — ein neues Hoffen geben? Fränze, liebste Fränze, laß mich doch nicht allein in die Welt hinaus — ach, laß mich doch nicht allein . . ." Sie wiegte sich in seinen Armen, lehnte den Kopf auf seine Schulter zurück und sah ihm schwärmerisch ins Auge. „Wenn ich frei wäre, Hermann, ach — weißt Du denn nicht, wie gern ich mit Dir unter weißen Segeln, die fröhlich vor dem Frühlingswind herflattern, in die Welt hinausziehn möchte? — und ein Sonnenkind würde ich Dir dann schenken, ein lichtes, schönes Sonnenkind mit Deinen trotzigen Augen, Deinem Glückesdurst . . . Ach, und es müßte die ganze Welt mit Schönheit und Licht erfüllen." Wie in einem Rausch überkam es sie beide. Aber dann wehrte sie ihm. „Geh, Liebster", sagte sie weich und innig. „Vielleicht wartet schon draußen irgendwo in der Welt ein neues Glück auf Dich, von dem Du heute noch nichts weißt." „Ich werde — auf Dich warten, Fränze", erwiderte er. Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin dann alt, Hermann. Ja, das weiß ich heute. Wenn es auch nur ein einziges Jahr noch dauert. Ich werde altern, weil ich das furchtbare Ende sehen muß." „Du mußt es nicht!" „Hermann —-!" flehte fte verzagt. „Er siegt im Tode", sagte Zupitza bitter, „der Sterbende siegt über uns beide, uns Lebende, über unsere Jugend, über unsere Liebe." „So sollst Du nicht reden, Hermann. Nicht der Sterbende besiegt unsere Liebe. Meine Liebe wird ein ewiges Leben haben. Bloß das ist's: Die Pflicht siegt über die Leidenschaft." „Ja, die Pflicht", wiederholte er, „die mit schwarzen Segeln durch die Welt zieht!" Er stand mit drohend erhobenen Fäusten da und starrte trotzig auf den Strom, über den sich die ersten Schatten der Nacht Breiteten. * Fränze war gegangen. Sie hatten einander noch lange still in den Armen gelegen — hatten dann nur mit wenigen müden, bangen Worten übers Schreibeil gesprochen — über den letzten äußeren Zusammenhang, der ihnen blieb. Zupitza wollte drüben ein halbes oder ganzes Jahr wieder als Schiffsarzt fahren — über seine fernere Zukunft schmiedete er noch keine Pläne. Nun stand sie mit verweinten Augen auf der Straße. Sie machte sich gar feine Gedanken darüber, daß etwa die Amtsrichtersfrau sie jetzt sehen könnte. Sie fühlte sich so unantastbar, so gefeit gegen alle Kleinigkeiten des Alltags. Trotz all ihrem Leid war es doch Festtag in ihrer Seele geworden. An der Fähre erwartete sie der Sakuthener Wagen. Er war schon fast vor einer halben Stunde aus Woikehnlen eiugetroffeu. „Ich war schou beim Doktor", sagte sie ganz ruhig und gefaßt zum Kutscher, „hoffte, er ivürde uns gleich begleiten, aber er reist schon heute abend." Das gedachte sie Dieter ebenfalls zu sagen. Sie wußte, daß sie sich auch da völlig in der Gewalt haben würde. Niemals, niemals sollte er erfahren, was sie in dieser letzten Stunde mit sich dnrchgerungen hatte. Während ihr Wagen am Karpaßstroin entlang rollte, brachte das kleine Gespann des Posthalters den Doktor über die Fähre zum Festlaild. Daß das Ziel dieser Fahrt die Bahnstation war, daß er Gill schon am heutigen Abend für immer verließ, das sollten die Bekannten drüben im „Löwen" erst in der Nacht erfahren, wenn das Gefährt mit der alten Litauerin aufs Delta zurückkehrte. Die Mondsichel stand am Himmel, als er über den schimmernden Strom übersetzte. Aus den Ätinnen waren die Feuer erloschen. Aber als er am jenseitigen Ufer sich noch einmal nach der Insel umwandte, sah er die Lichter von Sakuthen. Er schloß die Augen und preßte die Zähne aufeinander. In seiner Kehle fühlte er einen würgenden, nagenden So namenlos traurig, so verlassen und vereinsamt wat er sich selbst damals nicht vorgekommen, als das Schicksal ihn zur Waise gemacht hatte. 11. Kapitel. Seit dem frühen Morgen war der Sangaller Landauer unterwegs. Der Kutscher steckte in seiner besten Livree, die Rappen erstrahlten im Schmuck des Geschirrs erster Garnitur, und die beiden Herren, die im Wagen Platz genommen hatten, trugen glänzende Zylinder. Es war also eine Fahrt offiziellen Charakters. Herr v. Gamering wollte es auf eine Kraftprobe ankommen lassen: er stellte feinen Freunden und Bekannten seinen Vetter vor, den praktischen Arzt und Wundarzt — 375 — Dr. nteb. Erich t). Gamering, der sich mit dem heutigen Tage hier in Gill niederließ. Der erste Besuch in der Kreisstadt drüben galt selbstverständlich dem Landrat, der zweite galt Gamerings ehemaligem Regimentskameraden, dem Gendarmeriehaapt- mann. Dann kamen die Kollegen von Ußditten an die Reihe, der Kreisarzt, sowie der jüngere Herr mit dem unaussprechlichen polnischen Namen. Sämtliche .Honoratioren von Gill und Umgegend sollten den Schluß bilden. „Siehst Du, Erich", sagte der Rittmeister, als er mit seinem Schützling von Oberförsters zurückfuhr, „was sie Deinem Vorgänger in unseren Kreisen nie so recht vergeben konnten, das ist das eine: er war Junggeselle. Du wirst Dich also möglichst postwendend verloben, mein Jungchen, an guten Partien, prima, tipp-topp> fehlt es hrer nicht, da laß mich nur «rächen, und dann ist die Moral unter Dach und Fach gebracht. Denn auf Moral wird hier höllisch gesehen, Erich. Tja. Na, das in Parenthese." Darauf erzählte er, was man hier so über Zupitza und Frau Lotz gemunkelt hatte. Der junge Arzt blickte ziemlich beunruhigt über das unermeßliche, hüben ans Wasser, drüben an die langen Deiche grenzende Moorland. Die kleinen Holzhäuschen oder Torfhütten, in denen die Familien hausten, während die Männer tagsüber in Ußditten oder Sakuthen zur Fabrikarbeit weilten, machten einen gar dürftigen Eindruck. Auf manchen Moorstrecken war schon Torf gewonnen und in mannshohen steilen kleinen Hügeln aufgeschichtet. Das bot so von weitem einen ganz putzigen Anblick: es sehe aus, meinte Gamering, wie eine Kompagnie Soldaten mit Tornister und Helm beim Stiefelappell. Darüber lachten sie dann beide, Gamering warf die Staatszigarre weg, die ihnen der Oberförster beim Portwein zugemutet hatte, und präsentierte seinem Begleiter die silberne Zigarettendose. Den russischen Tabak paschte man immer, zusammen mit den Petersburger Bonbons für die Damen, wenn man mal eine kleine Spritzfahrt über die Grenze machte. „Es ist ja niederziehend schmutzig da drüben, verstehst Du, aber hervorragende Weiber gibt's, mein Jungchen. Tja — Du wirst sehen, man kann hier schon leben." Zu Dieter Lotz wollte Gamering seinen Vetter nicht führen. „Das ist eine Taktfrage, weißt Du. Zupitza hat dort intim verkehrt, man behauptet sogar: sehr intim, — da könnte es der Gnädigen vielleicht einfallen. . . Sie kann nämlich zuweilen nichtswürdig sein. Na, Schwamm drüber. Wir zwei sind jedenfalls miteinander fertig, futschicato, perdutto." Er lachte. „Ich bin noch ganz italienisch." , Aus dem Schmalschen Werk erfuhr der Rittmeister indessen, daß Fran Lotz am Nachmittag Sakuthen verlassen habe, sie fei mit den beiden kleinen Pratjes zur Bahn gefahren und Frau Stojentin habe erzählt, auf der Rückfahrt von Ußditten solle der Wagen noch nach Wvikehmen. Vor abends acht Uhr könnte sie also nicht zurück sein. Das paßte Gamering nun gerade. „Denn man zu!" lachte er. Und seinem Schützling erklärte er: „Mit ihm, dem Dieter, wird man ja leicht fertig, wenn man ihü alleine faßt. Er war zwar ein bißchen geladen auf mich, es gab da mal 'ne besoffene Geschichte, na, das kommt ja vor. . . Aber diebische würde mich's freuen, wenn wir seiner Frau Fränze zum Torr. . . Na, nous verrons." Der Rittmeister hatte im Verlause des Tages mehrmals frühstücken müssen, auch bei Schmals war man gerade ins „Schweinevesper" hineingefallen, er befand sich also längst nicht mehr in der feierUctz-offiziellen Stimmung von heute morgen. * Als Tirsill den Besitzer von Sangallenn, mit dem er — wie ein dunkles Gerücht behauptete — Brüderschaft getrunken hatte, im Landauer auf den Hof fahren sah, sank ihm das Herz in die Hosen. Alle feine Sünde« von jenem schrecklichen Sonntag fielen ihm wieder ein. Mer Gamering schien sich dieser nnseligen Vorfälle gar nicht mehr zu entsinnen. Er legte auch seinem Duzbruder gegenüber, trotzdem er's bei der vertraulichen Anrede ließ (er hatte ihn freilich schon immer „Du" und „Ede" genannt), eine so hochfahrende Miene an den Tag, daß Tirsill zerknirscht alles tat, was ihm befohlen ward, und es vorzog, die Brüderschaft wieder eine durchaus einseitige sein zu lassen. Dieter Lotz hätte den Besuch kann: angenommen, wenn er ihm, wie das Tirsill nun schon seit Jahren lernen sollte, vorher angemeldet worden wäre. Aber Gamering folgte dem biederen Kuren gleich auf dem Fuße, ganz familiär, wie er das früher meistens getan hatte. „Ich will Ihnen bloß meinen Vetter vorstellen, alter Freund, der sich hier als Arzt niedergelassen hat. Er ist überall mit offenen Armen empfangen worden, na, und da dacht' ich, mein Lotzchen ist Mir ja wohl noch ein bißchen gram, aber wo sich's um so ernste Dinge handelt, da heißt es eben: nichts für ungut." Der Kranke legte eine fast ängstliche Scheu an den Tag. Gamerings Stimme tat ihm weh, und seine derb- gemütliche Art war ihm unausstehlich; unhöflich wollte er aber doch auch nicht sein, schon des fremden jungen Arztes wegen, der ein sehr zurückhaltendes Wesen zur Schau trug, sich jedenfalls völlig korrekt in einer ihm sichtlich peinlichen Lage benahm. Er hieß den jungen Herrn also willkommen. (Fortsetzung folgt.) Mandereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Das Redern'sche Palais am Pariser Platz. — Berliner Schul ausflüge. — Der Herr Doktor. — Ein Misanthrop. — O alte Burschenherrlichteit. Ein Hauch von Feudalität weht mich immer an, wenn ich durch das Brandenburger Tor wandere, und den die „Linden" eröffnenden Pariser Platz überschreite. Die Springbrunnen vor der „Französeschon Botschaft" und dem gegenüberliegenden Kasino des „ersten Garde-Regiments zu Fuß" sprudeln ihre glitzernden Strahlen inmitten vornehm gehaltener Parkanlagen empor, die nur selten von Menschenfüßen betreten werden, obgleich, der Verkehr raftlos hier vorüberflutet. Kein Kinderantlitz spiegelt sich in den Becken, kein Musketier findet dort eine Bank zum Ausruhen, wo er seiner „jeliebten Inste", Jehcimrats Kindermädchen, den Arm um. die drallen Hüsten legen kann: denn man ist seit Olims Zeiten bestrebt gewesen, der Abgeschlossenheit dieses Platzes mitten im Weltstadttrubel seinen Charakter zu wahren. Wer nun legt doch schließlich der alles nivellierende moderne Geschäftssinn Bresche in diese Unnahbarkeit. Das 1736 von Gratzl erbaute Palais des Grafen Redern,das die südöstliche Ecke des „Pariser Platzes" bildet, soll nämlich in nächster Zeit zu einem großen Hotel nmgewandelt worden. Dieses mächtige, von keinem geringeren als Schinkel 1833 in florentinischem Stile erneuerte Gebäude, dem leider die Verputz-Fassade den Stempel höchster Vornehmheit versagt, galt bisher als unveräußerlicher Majoratsbesitz, und .es gehörte die Einwilligung des Monarchen dazu, ihn zu verkaufen. Nach einem langwierigen, jetzt endlich erledigten Prozeß soll der alte Familicn- sitz nun in andere Hände übergehen. Herr Adlon, der Nachfolger Dressels, der auch den Restaurationsbetrieb des Zoologischen Gartens leitet, besitzt das Vorkaufsrecht für das Palais, dessen Kaufpreis aus 4-/4 Millionen Mark angesetzt ist. Nach dem Umbau und der völligen Einrichtung zu seinem neuen Zwecke dürfte fiaj der Gesamtpreis wohl auf das Doppelte stellen. Alsbald werden dann Globetrotter aus aller Herren Ländern, . englische Snobs und Chicagoer Schweinehändler hier ihren Einzug halten und das große Wort führen, wo mehr als ein Jahrhundert lang die Blüte märkischer Ritterschaft in kühler preußischer Reserve ihre streng abgeschlossenen Zirkel gepflegt hat. Sic transit gloria munde! Die Rederns werden die letzten nicht sein, die den modernen Millionen zuliebe ein altes Familiennest opfern! Meinen Betrachtungen über den Wandel der Zeiten werde ich durch den strammen Schritt einer lustigen. Kompagnie Berliner Blutes entrissen, die in voller Ausrüstung die Wilhelm- straße hinabmarschiert, um den Potsdamer Bahnhof zu erreichen. Es find aber nicht etwa Soldaten, die da so zuversichtlich auftreten. .Ihre Waffe ist.ein Wanderstock, und die Tasche, die sie sich umgehängt haben, enthält weder Patronen noch Pulver und Blei/ sondern eine erstaunliche Anzahl von Muttern gut belegter Butterstullen. .Die Berliner Schuljugend absolviert wtzt nämlich ihre von den nicht gerade zu beneidenden Herren Lehrer geleiteten Ausflüge. .Jeden Morgen sind die Vahnhöse belagert. Die Be- amten, die in ihre Bureaus fahren wollen, Buchhalter, die gern noch vor dem Ches in das Kontor flitzen möchten, Telephonistinnen, die auf dem Amt zur Ablösung erwartet werden — alle werden sie durch diese feierfreudigen Schlingel, die sich 'vorläufig noch heftig als richtigen Mittelpunkt der Welt fühlen, in Mitleidenschaft gezogen. Wer so sehr die Alten auch poltern über diese verdammte Wirtschaft — ein jeises Lächeln Huscht doch ab und 376 — zu über ihre Züge, wenn sie die dreisten Berliner Jungen mit den blitzenden Augen und dem losen Mundwerk beobachten. Hier klettert eine Gemeindcschule in die Coupss, dort eine Gymnasial- klasse; weiterhin sogar eine Herde künftiger Salongünschen, Pardon: eine höhere Töchterschule! Man braucht nicht darum zu fragen. .Die Futterkörbe verraten alles. Bei den Kindern aus dem Volke haben sie nämlich einen sehr soliden Umfang, denen hat „Muttern" gleich das Mittag- und Vesperbrot mit auf die Reise gegeben, während die „höheren" Dämchen blos kleine Paketchen kokett an den behandschuhten Fingern pendeln lassen. Sie brauchen nur Frühstück; denn Mittag essen sie irgendwo bei einem Gartenwirt ihr vorher durch den „Herrn Doktor" vereinbartes Menu. Dieser Herr Doktor hat einen schweren Stand. Er mutz die Beschwerden der Verwöhntesten geduldig mit anhören, die „solche Suppe" nicht essen kann, oder kein „Fischmesser" bekommen hat; er muß den weniger Wählerischen, die aber „mehr" gewöhnt sind, Nachlieferungen tiermitteln; er muß die allzu Kecken, die für Alkohol schwärmen und Cigaretten lieben, im Zaum halten; er muß sich „kriegen" lassen und „Bock schiele nicht" spielen, er muß Walzer und Polkas verzapfen, wenn ein Klavier entdeckt wird und auch selbst tanzen — und zu alledem immer eine freundliche Miene machen und so tun, als ob er sich riesig amüsiere. .Auf der Eisenbahnfahrt möchte jede in seinem Coups sitzen, vorausgesetzt, daß er ein bischen was von Adonis hat und nicht etwa ein wltes Scheusal, „der schon verheiratet" ist. Und was er an Unterschriften auf Ansichtskarten leisten muß, läßt sich schwer feststellen. Warum bewunderst Du nicht die Geduld und Opferfähigkeit dieses armen geplagten Pädagogen, arger Misanihr p, d.n e'.n Zufall auf den gleichen Dampfer v.rschlc-gen hat, .mit dem ein solches Völkchen von Glienicke nach Wannsee fährt? Der alte Griesgram macht dem Kapitän Vorwürfe, daß er ihm nicht gesagt hat, was man in Glienicke für einen Zuwachs bekomme. . Er wäre dann sicher nicht mitgefahren. Der biedere Kapitän aber antwortet lächelnd^ „Dampfer für Kinderfeinde fahren überhaupt nicht! Sind Sie nicht auch 'mal jung gewesen, älter Herr?" Und wie zur Antwort stimmt eben ein Trüppleiii künftiger Heldenmütter den Sang von der alten Burschenherrlichkeit an, der schönen, goldenen, frei und ungebundenen Zeit, die nie Wiederkehre! Es sind Schülerinnen des Mädchengymnasiums, die doch keine .Schullieder mehr fingen können und sich selbstbewußt in das Kommersbuch geflüchtet haben! Da legt der gräßliche Mummelgreis sein Plaid um den Kopf und blickt anklagend gen Himmel. .Der Kapitän lächelt. Der „Herr Doktor" wird rot. Aber er hat gar keine Ursache dazu; denn er hat heute mehr als seine Pflicht getan. Und wenn ihm am andern Morgen der Briefträger, die vierzig Postkarten bringt, die an feilte Adrefse gerichtet waren, und die die nichtsnutzigen Mädels ihn scheinheilig haben mit unterschreiben lassen, so wird er auch lächeln und vielleicht wie der vergnügte Kapitän murmeln: „Liebes, olles Rackertüg!" A. R. KesundHcitspflege. — Nach Pen Erfahrungen, die Dr. K o e p p e in Gießen in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht, sind bie, mit Butt ermilchkonf.erven erzielten Resultate in der Säuglingsernährung durchaus denen mit frisch bereiteter Buttermilch an die Seite zu stellen. Sie eignet sich besonders für atrophische Säuglinge und solche mit chronischem Darmkatarrh, wobei ihre Billigkeit und Haltbarkeit noch besonders ins Gewicht fällt. Bei fiebernden Säuglingen mit' Dyspepsie oder akutem Dünndarmkatarrh ist die Buttermilchnahrung erst zu geben, wenn nach .vollständigem Aussetzen jeder Milch- und fetthaltigen Nahrung wieder gleichmäßiger Stuhl vorhanden ist. LZteramschsr. — Wilhelm Gutekunst: Der Liebesgockel. Roman. — Verlag von Egon Fleische! u. Co., Berlin W. 35. — Preis: Mk. 3.—. In diesem Buche wird, statt der jetzt üblichen romantischen Studentengeschichten, einmal das akademische Leben und Treiben in seiner wirklichen Gestalt geschildert, ohne Schönfärberei und bengalische Beleuchtung, mit unerbittlichem Realismus und großer Wahrheitsliebe. So sehr der Held dieses Romans, dessen Spitzname „Liebesgockel" schon zeigt, daß es besonders die Beziehungen zum weiblichen Geschlecht sind, die ihm verhängnisvoll werden, eigene individuelle Züge trägt, so sehr ist sein Geschick auch thpisch für eine ganze Reihe junger Leute, die ohne feste Grundsätze, ohne sittlichen Halt von der Schule hinaus in die akademische Freiheit treten und dort in jugendlicher Unreife zu Sklaven ihrer Leidenschaften werden. Die Schuld des studentischen Milieus, der Einfluß der schlechten Gesellschaft wird nicht verhehlt, und diese werden ohne falsche Scheu und ohne Zimperlichkeit, oft auch mit erfrischendem Humor geschildert. Mit fester Hand legt der Autor hier den Finger in manche Wunde unseres heutigen Lebens und gibt in seinem Werk, dem jede aufdringliche Tendenz fehlt, doch mit bewußter Absicht den Söhnen eine Mahnung, den Vätern eine Warnung. * Aus A. Pichlers Tagebüchern. Die Süddeutschen Monatshefte" veröffentlichen aus Adolf Pichlers un- gedruckten Tagebüchern einige Seiten, die in jeder Zeile von dem Lebensernst und dem frischen Geschmack des trefflichen Tiroler Dichters Zeugnis ablegen. Einiges fei hier notiert: (1851.) Tas Leben macht uns oft weniger für unsere Taten als für unser Wesen verantwortlich, * Der ethische Gehalt unterscheidet den Dichter vom Virtuosem * (1854.) Was nicht von innen wächst, taugt nichts. * (1859.) Habe Achtung vor allem Lebest, denn es ist eist Heiliges! * Man spricht so viel vom Recht auf Arbeit, warum so wenig von der Wicht zur Arbeit? Logogriph. (Nachdruck verboten.) Wandrer, mach' ich mit i Dir Beschwer, Trägst Du nach mir mit a Begehr. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Merkrätsels in vor. Nr.r Wartehalle. Auflösung des Preisrätsels in Nr. 86 der Familienblätterr A R R A N | 8 EjR 1. Preis: „Frau Musika", eine Sammlung ausgewählter neuer Kompositionen: Ernestine Ehmer-Gießen. — 2. Preis: „Friedliche Eroberungen", Sittenroman aus dem modernen Egypten, von Gräfin Uxkull: Christel Schulze -Gießen. — 3. Preis: 2 Bände aus „Natur und Geisteswelt": PaulKöllner-Lollam Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Ein dichterisch veranlagter Leser und Löser sandte uns die Lösung mit folgenden Versen: Herr Redakteur, es war sehr schwer, Die aufgegeb’ne Nuß zu knacken. Ich hab' gesonnen hin und her, Mich wollte schier Verzweiflung packen. Tas „Fahrzeug" ließ ich drum im Stich, Mich zog es über’n Erdenbaü, Nicht länger plagen wollt' ich mich, Ich flog zum fernen Portugal. Und die Provinz war schnell zur Hand, Denn Portugal ist etwas klein, „Entdeckte" bald das „neue Land", Nur BEIRA könnt der Name sein. Das I im Mittelpunkte dann Fuhrt mich zum weiblichen Geschlecht, Gab mir den schönen Namen an: ELISE, ja! so ist es recht I Durch Spanien ging’S die Kreuz und Quer Ach war dort etwas lang verschwunden.) E—A gibt mir die Deutung her, ECJJAl endlich roar’S gefunden. Nun wagt' ich wieder mich hinein Jn's Fahrzeug, doch es gibt so viele! Ich stieg beim schönen Mondenschein In eine BARKE, nah' dem Ziele. Dann ging es nach der Heimat hin, Ich schied von südlicher Natur. Die Frucht und Pflanze, war mein Sinn, Die suchst du nur auf Deutscher Flur. ERIKA war es und die BIRNE, Nun stimmte alles schwarz auf weiß. Es rann der Schweiß mir von der < 'vite, Mir bleibt die Hoffnung — aus den Preis. Leider traf den Dichter das Glüüslos nicht. Redaktion; August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schcn Universitäts-Luch- und Ctcindruckerei. R. Lange, Gießen.