1964. Samstag den 24. Septemver^v SJI Dis Sirene. Won Anton T f äji echöf f. (Nachdruck verboten.) Nach einer Sitzung des St—schien Friedensrichterplenums hatten sich die Richter in dem Beratungszimmer versammelt, um ihre Uniformröcke abzulegen, einen Augenblick auszuruhen und dann ncd): Hause zum Mittag zu fahren. Der Präsident des Plenums, ein stattlicher Herr mit pompösem Backenbart, der bei »einem der soeben verhandelten Prozesse „bei besonderer Meinung" geblieben war, saß letzt am Tische und beeilte sich) diese seine Meinung schriftlich niederzulegen. Der Bezirksfriedeusrichter Milkin, em jjunger Mann Mit einem melancholischen, sehnsuchtskranken Gesicht, der für einen mit dem Milieu unzufriedenen und nach einem Lebenszweck suchenden Philosophen galt, stand am Fenster und blickte trübselig auf den Hof hinaus. Der andere Bezirksfriedensrichter und einer der beiden Ehrcnfriedens- pichter waren schon gegangen. Der andere Eh r en fr ie d en s r ichter, ein schwammiger, schwer atmender dicker Herr, und der Prokureursadjunkt, ein junger Deutscher mit einem katarrhalen Gesicht, saßen auf dem kleinen Divan und warteten, bis der Präsident mit dein Schreiben fertig würde, um dann zusammen zürn .Esserr zu fahren. Bor ihnen stand der Sekretär des Plenums, Shilin, ein kleines Männchen, mit Bartansätzen bei den Ohren und süßern Gesichtsausdruck. Mit halber Stimme und einem honigsüßen Lächeln sprach er, zum Dicken gewandt: „Wir möchten jetzt freilich alle essen, denn wir sind Müde und die Uhr geht schon aus vier, aber das, mein Herzchen, Grigori Ssawwitfch ist doch nicht der richtige Appetit. Den richtigen Appetit, wahren Wolfshunger, wo man, glaube ich, seinen eigenen Water auffressen könnte, hat man nur nach physischer Bewegung, zum Beispiel nach einer Parforcejagd, oder wenn man so hundert Werst ohne Unterbrechung mit Postpferden gefahren ist. Auch die Einbildungskraft macht viel aus. Wenn Sie zum Beispiel Von der Jagd nach Hause fahren, so dürfen Sie niemals an etwas Kluges denken; das Kluge und Gelehrte verdirbt einem immer den Appetit. Sie wissen ja selbst: die Philosophen und Gelehrten sind, was das, Essen anlangt, die allerletzten Leute und schlechter als sie essen — Sie verzeihen — fressen nicht mal die Schiweinp. . . Wenn man nach Hause fahrt, muß man nur an die Karaffe und an die Sakuska denken. Einmal schloß ich unterwegs die Augen Und stellte mir in der Phantasie ein Spanferkel mit Meer- rettig vor — ich bekam vor lauter Appetit beinahe einen hysterischen Anfall. Ja, und wenn Sie zu sich in den Hof einsahren, muß es gerade nach etwas. . . nach etwas . . . so etwas riechen, wissen Sie. . ." „Gebratene Gänse haben das Duftest los", sagte der Landfriedensrichter schwer atmend. „Ach nein, mein Verehrtester Grigori Ssawwitfch eine Ente oder eine Bekassine ist der Gans darin bei weitem! voraus. Dem Bukett der Gans fehlte es an Zartheit und Delikatesse. Am kräftigsten riechen junge Zwiebeln, toenttj sie, wissen Sie, etwas aubrxnnen rind durch das ganze Haus zischen, die Kanaillen. . . Nun also, wenn Sie eintreten; muß der Tisch schon gedeckt sein. Sie setzen sich, steckest gleich die Serviette hinter die Binde und langen ohne Eile na chder Schnapskaraffe. Und das Schnäpschen gießen St« sich nicht in ein Spitzglas ein, sondern in irgend so einest vorsintflutlichen silbernen Familienbecher, oder in so eist dickwanstiges Gläschen mit der Aufschjrift: „Auch, eist Mönch, ein krasser, trinkt nicht immer Wasser I" Und Si« trinken nicht gleiche sondern seufzen zuerst auf, reiben sich die Hände, werfen einen gleichgiltigen Blick an die Decke, führen dann das Schpäpschen ohne Eile an die Lippen —( und sofort fühlen Sie, wie Ihren ganzen Körper Vorst Magen aus belebende Funken durchzucken. . ." Der Sekretär verlieh seinem süßen Gesicht den Ausdruck! von Glückseligkeit. „Funken. . ." wiederholte er, die Augen zukneifestd, „Sobald Sie getrunken haben, müssen Sie sich gleich an dis. Sakuska machen." „Hören Sie mal", sagt der Präsident, seine Augen zu dem Sekretär erhebend, „sprechen Sie etivas leiser! Ich verderbe Ihretwegen schon den zweiten Bogen." „Ach, entschuldigen Sie, Pjotr Nikolaitsch! Ich werde leiser . . ." sagte der Sekretär und fuhr im Flüsterton fort? ,Mun, und die Sakuska, mein verehrter Grigori Ssaw-, witsch, muß man sich; auch mit Berständnis auswählen. Man muß wissen, was sich dazu eignet. Die beste Sakuska ist, wenn Sie es wissen wollen, her Hering. Haben Sie davon ein Stückchen mit Zwiebeln und Senfsauce gegessen), mein Bester, so nehmen Sie gleich solange Sie noch die Funken im Magen spüren, etwas Kaviar — allein für sich oder, wenn Sie wollen, mit Citrone — dann gewöhnlichen! Rettig mit Salz, dann wieder Hering. Am besten aber, meist Liebster, sind diese rötlichen Pilze, die Brätlinge, gesalzen, ganz fein wie Kaviar geschnitten und mit Zwiebeln und Provenecröl angemacht... da kann man sich krank drast essen! Und nun gar Aalquappenleber — das ist schon das! reine Epos!" „Hm, ja. . ." stimmte der Ehrenfriedensrichter, di« Augen zukneifend, bei. „Als Sakuska sind auch. . . hist, gedünstete Steinpilze gut." „Ja, ja, ja — mit Zwiebeln, wissen Sie, mit Lorbeer und verschiedenem Gewürz. Man öffnet die Kasserolle und aus ihr steigt so ein Dampf, so ein Pilzaroma, daß einem zuweilen sogar Tränen in die Augen kommen! Nun also, sobald aus der Küche die Pastete kommt, gleich ohne Zett zu verlieren, den zweiten hinter die Binde." „Iwan Jurjitsch!" sagte mit weinerlicher Stimme der Präsident. „Ihretwegen, verderbe ich jetzt den drittest Bogen!" 670 „Hol's der Teufel, er denkt nur ans Essen!" brummte der Philosoph Milkin mit einer verächtlichen Grimasse. „Gibt es im Leben denn wirklich keine anderen Interessen als Pilze und Pasteten?" „Nun, also vor der Pastete muß man eins trinken", fuhr der Sekretär mit halber Stimme fort. Er war schon so in den Zug gekommen, daß er, wie eine schlagende Nachtigall, nichts mehr außer seiner eigenen Stimme horte. „Die Pastete' muß appetitlich und schamlos in ihrer rosigen Nacktheit sein, damit sie verführerisch tvirkt. Man blinzelt ihr zu, schneidet sich ein Stück ab und macht nur so mit den Fingern vor Ueberfluß an Gefühl. Wenn man sie ißt, träufelt die Butter wie Tränen herunter . . . Die fette/ saftige Füllung mit Ei, Gekröse, Zwiebeln. . ." Dem Sekretär gingen die Augen über und er verzog den Mund bis an das eine Ohr. Der Ehrensriedensrichter räusperte sich und machte eine Geste, aus der man ersehen konnte, wie lebhaft er sich die Pastete vorstellte. „Das rst ja weiß der Teufel was —" Brummte der MZzirksfriedensrichter, zu dem anderen Fenster hinüber- ^gehend. „Zwei Stück ißt man und das dritte hebt man sich zu der Kohlsuppe auf", fuhr der Sekretär begeistert fort. „Sobald Sie mit dep Pastete fertig sind, lassen Sie gleich, ohne den Apparat einschlafen zu lassen, die Kohlsuppe auftragen — Kohlsuppe muß brennend heiß sein. Am besten aber, mein Berehrtester, ist ein Borstschok aus Beeten auf kleinrussische 'Art mit etwas Schinken und Wiener Würsteln. Dazu wird saure Sahne und frische Petersilie mit etwas Dill genommen. Vorzüglich ist auch eine Rassoljnik-Suppe mit Gekröse und jungen Nieren; lieben «sie dagegen Bouillonsuppen, so ist die beste die Julien-Suppe aus Ge- müse und Kräutern: Karotten, Blumenkohl und ähnliche Jurisprudenz." „Ja, die schmeckt vorzüglich —" redete der Präsident, den Blick vom Papier losreißend. Aber er kau: sogleich! wieder zur Besinnung und stöhnte: „Daß Sie sich nicht schämen! Aus diese Weise werde ich mit meiner „besonderen Meinung" vor dem Wend nicht fertig! Den vierten Bogen muß ich wegwerfen!" „Gut, gut, sich werde nicht mehr — Verzeihen Sie!" entschuldigte sich der Sekretär und fuhr fort zu flüstern: „Sobald Sie den Borstschok oder die Suppe gegessen haben, mein Berehrtester, lassen Sie sofort^ den Fisch austragen. Bon den Zischen ist der beste — in Lahne gebratene Karausche; nur muß jntan sie, damit sie fein wird und nicht nach dem Sumpf schmeckt, vorher vierundzwanzig Stunden lebend in Milch halten." „Auch ein kleiner Sterlett ist Nicht übel", sagte der Ehrenfriedensrichter, die Augen schließend. Aber sofort und ganz unerwartet sprang er auf, machte ein wütendes Gesicht und brüllte, nach dem Präsidenten gewandt: „Pjotr Nikolaitsch, sind Sie bald soweit? Ich kann nicht länger warten! Ich kann nicht!" „Lassen Sie mich nur zu Ende schreiben!" ' „Ra, dann fahr ich! allein! Hol' Sie der —" Der Dicke machte eine ungeduldige Geste, griff nach, dem Hut und lief, ohne sich zu verabschieden, zum Zimmer hinaus. Der Sekretär seufzte auf, und fuhr, zum Ohr des Pro- kureuradjunkts gebeugt, mit halber Stimme fort: „Auch Sandart oder Karpfen mit einer Tunke von Tomaten und Pilzchen ist gut. Aber Fischs macht einen nicht satt, Stepan Franzitsch; das ist kein reelles Essen, und die Hauptsache bei ne Mittag sind nicht der Fisch, nicht die Saucen, sondern der Braten. Welches Geflügel schätzen Sie am meisten?" Der Prokureursadjunkt machte ein saures -Gesicht und sagte mit einem Seufzer: „Ich kann Ihre Gefühle leider nicht teilen: ich leide an einem Magenkatarrh." „Ach was! Magenkatarrhe haben die Aerzte erfunden! Diese Krankheit kommt mehr vom Freisinn und vom Stolz. Beachten Sie sie gar nicht. Sie möchten, wollen wir sagen!, nicht essen, oder es ist Ihnen widerwärtig; achten Sie aber nicht darauf und essen Sie ruhig. Wenn zum Beispiel als Braten ein Pärchen Doppelschstepfen aufgetragen wird und dazu ein RebHühnchen oder ern Pärchen fetter Wachteln, — jda vergessen Sie jeden Katarrh, Ehrenwort! Und ein gebratener Truthahn? Weiß, fett, saftig, wissen Sie, wie so 'ne Schmphe — „Ja, das muß wohl gut schmecken", sagte mit einem trüben Lächeln der Prokureursadjunkt. „Truthahn würde ich vielleicht auch essen." „Mein Gott, und Ente? Wenn Sie eine junge Ente nehmen, so um die ersten Herbstfröste, wenn die Ente vielleicht zum erstenmal übers Eis gelaufen ist, und sie auf der Pfanne mit Kartoffeln braten und zwar so, daß die Kartoffeln fein zerschnitten sind und schön braun werden und vom Entenfett ordentlich durchjagen sind und —" Der Philosoph Milkin machte ein bestialisches Gesicht und wollte offenbar etwas sagen. Aber plötzlich schmatzte er mit den Lippen, sich wahrscheinlich die gebratene Ente vorstellend, nahm, ohne ein Wärt zu sagen, seinen Hut und lief davon, von einer unbekannten Kraft getrieben. „Ja, vielleich!t würde ich! auch Ente essen —" seufzte der Prokureursadjunkt. Der Präsident stand auf, ging einmal durch das Zimmer und setzte sich wieder. „Nach dem Braten beginnt der Mensch ein Gefühl von; Sattigkeit zu empfinden und verfällt in einen süßen Dusel", fuhr der Sekretär fort. „Der Körper fühlt sich dann wohl und das Gemüt schwelgt in Seligkeit. Da werden Sie; etwa drei Gläschen im Ofen selbst abgezogenen Likörs! nicht ohne innere Befriedigung zu sich nehmen können." Der Präsident räusperte sich und durchstrich einen Bogen. „Ich verderbe den sechsten Bogen", sagte er ärgerlich. „Das ist doch —" „Schreiben Sie, schreiben Sie nur, Berehrtester", flüsterte der Sekretär. „Ich werde nicht mehr . . . Ich m-ach's leise. — Ich muß Ihnen aufrichtig sagen, Stepan Franzitsch', fuhr er in kaum hörbarem Flüsterton fort/ „ein selbst abgezogenes Likörchen ist besser als jeder Champagner. Gleich nach dem ersten Gläschen geht Ihre Seele in Verzückung auf — so 'ne Fata Morgana — und es kommt Ihnen vor, als säßen Sie nicht 'bei sich zu Hause imj Lehnstuhl, sondern irgendwo in Australien auf einem! weichen, sich sanft wiegenden Straußenrücken —" „Ach, fahren wir doch, Pjotr Nikolaitsch!" sagte der Prokureursadjunkt, ungeduldig mit dem Bein zuckend. „Jawohl", fuhr der Sekretär fort. „Während des Likörs' ist es gut, eine Zigarre zu rauchen und Ringe in die Luft zu blasen. Da kommen einem so phantastische Gedanken! in den Kopfals wären Sie Generalfeldmarschall, oder als hätten Sie die erste Schönheit der Welt zur Frau — und diese schöne Frau schwimmt den ganzen Tag über vor Ihren Fenstern in so einem Bassin mit Goldfischen herum. Sie schwimmt so umher, und Sie sagen zu ihr nur: „Komm, Schätzchen, küß mich!" „Pjotr Nikolaitsch!" stöhnte der Prokureursadjunkt auf. „Ja —" fuhr der Sekretär fort. „Wenn Sie ausge- raucht haben, nehmen Sie die Schöße Ihres Schlafrockes auf und — „nur auf ein Piertelstünchen"! Sie legen sich so auf den Rücken, mit dem Bauch nach oben und nehmen eine Zeitung in die Hand. Wenn die Augen einem zukleben und der ganze Körper si chschläfrig dehnt, ist es ganz angenehm, über Politik zu lesen: hier hat Oesterreich irgend etwas schlecht gemacht, dort ärgert sich jemand über Frankreich oder der Papst kommt jemandem in die Quere — man liest das alles und es wird einem ordentliche wohl dabei —" Der Präsident sprang auf, warf die Feder beiseite und griff mit beiden Händen nach dem Hut. Der Proküreursgehilfe, der seinen Katarrh vergessen hatte und vor Ungeduld verging, sprang ebenfalls auf. „Fahren wir!" rief er. „Pjotr Nikolaitsch! Und Ihre „besondere Meinung", rief der Sekretär erschrocken. „Wann werden Sie die denn ausfetzen? Sie müssen doch um sechß Uhr zur Stadt!" Der Präsident machte eine abwehrende Geste, und stürzte nach der Tür. Der Prokureursadjunkt machte ebenfalls eine abwehrende Geste, nahm sein Portefeuille und verschwand 'mit dem Präsidenten. Der Sekretär seuszte auf, blickte ihnen vorivurfsvoll nach und begann die Akten zusammenzu legen. 671 Maudereten aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Emil Thomas t- — „Kettenglieder" von Heyermans. — Bom Roland von Berlin. Der Tod unseres einstmals besten Berliner Komikers ist für das große Publikum sehr überraschend gekommen. Prangen doch noch heute an allen LitsaWulen der Residenz die Affichen des „Luisen-Theaters" mit dem Bilde des Heimgegangenen, um zu seinen dort vor wenigen Tagen begonnenen Gastspielen einzuladen. Aber seine Freunde wußten es längst, daß die Tage des Unermüdlichen gezählt waren, daß seine unerschöpflich scheinende Kraft nur noch dank seiner eisernen Energie aushielt, daß sich unter der lachenden, blühend geschminkten Maske ein bleiches, von heimlichen Schmerzen zeugendes Gesicht barg, dem em leiser hippokratischer Zug etwas tragisches verlieh. Emil Thomas litt seit ca. zwei Jahren an einer Nierenverschrumpfung, die den immer lustig scheinenden Liebling der alten Berliner nun auf das letzte Lager geworfen. Erstaunt wird mancher fragen, warum der beinah Siebzigjährige, der sich bis in seine letzten Jahre mit den höchsten.Gagen verwöhnen lassen durfte, nicht früher ausgespannt hat, um sich den Wend seines Lebens behaglicher zu gestalten und nach Möglichkeit zu verlängern. Wer Emil Thomas war trotz seiner enormen Einnahmen, die unsere Ministergehälter weit überstiegen, ein armer Manu. Aus den Jahren seiner Direktionssührung hatten sich ihm Schulden angehängt, Vie wie sch-vere unlösbare Ketten hinter ihm her schleiften; fehlgeschlagene Spekulationen mögen das Uebel noch vergrößert haben — kurz: es war ein offenes Geheimnis, daß der alte Virtuose des Lachens zum größeren Teile für seine alten Gläubiger arbeiten mußte. Und so ist er denn „in den Sielen gestorben", ein Los, das sich einst der Recke Bismarck gewünscht hatte, dem es zu seinem Leidwesen nicht zu teil geworden. Für das künstlerische Charakterbild des alten Schauspielers wäre es zweifellos von Vorteil gewesen, wenn er ein Jahrzehnt früher von den Brettern, so die Welt bedeuten, hätte abtreten können. Sein Humor hatte zuletzt etwas Forziertes, manchmal Automatenhaftes, zumal an der Stätte seiner letzten längeren Tätigkeit, am „Metropoltheater" wo er seine prächtige Kunst nicht just den edelsten Ausgaben widmen mußte. Auch sein Organ war greisenhaft und knarrig geworden. Aber die Berliner, die mit ihm alt geworden waren, spürten davon nichts und jubelten ihm nach wie vor zu als „unserem Thomas". Dem Mimen sticht die Nachwelt keine Kränze. Dieser berufene Vertreter der heiteren Berliner Muse wird zu den wenigen gehören, die wenigstens im Gedächtnis ihrer Zeitgenossen, fortleben. Am „Metropoltheater" hat schon mit Beginn der Saison ein Wiener seine Erbschaft angetreten, dessen drolliger Begabung ein Stich ins Karrikaturenhafte mitgegeben ist: Josef Giampietro, früher am „Neuen Theater"' des Herrn Reinhardt. Sein Talent genügt vollauf, um Thomas an dieser Stelle zu ersetzen. An die von ihm geschaffenen Berliner Typen in den Volksstücken L'Arronge's usw. reicht sein Wienertum nicht heran. In das Theater des Herrn L'Arronge, das als „Deutsches Theater" lange Zeit als das beste Musenhaus Berlins galt, ist inzwischen Paul Lindau als Direktor eingezogen, nachdem Otto Brahm mit seinem Repertoir und seiner Künstlerschar in das „Lefsingthcater" übergesiedelt ist. So ist aus dem „Lcssing- theater" eigentlich das „Deutsche Theater" der Tradition geworden, uns das liebe Publikum wird sich im Laufe des Winters ganz sicher manche Verwechslung leisten. Habe ich doch unlängst erst einen Bekannten am „Lessingtheater" vergeblich auf seine Schwägerin wartend getroffen. Er war beordert, sie aus dem „Zapfenstreich" abzuholen, den man auch lange genug dort gegeben hat, aber seit Brahms Einzug im „Berliner Theater" verzapft. Wie Paul Lindau in der Schumannstraße seine Aufgabe als Direktor lösen wird, läßt sich nach den knappen Anfängen von heute noch nicht übersehen. Sein aus dem Nichts geschaffenes Ensemble bedarf noch sehr der Sichtung und Ergänzung. Seine ersten Vorstellungen waren zwar glänzend inszeniert, aber im übrigen herzlich mittelmäßig. Mit der unlängst erfolgten Aufführung von Hermann Heyermans' „Kettenglieder" hat er mehr Glück gehabt, obgleich die Familien-Tragikomödie, wie alle Heyer- mans'schen Stücke, viel Unerquickliches und Gequältes hat. Dieses vom Dichter, natürlich ironisch, als fröhliches Spiel am häuslichen Herd bezeichnete Drama zeigt uns einen alternden Selfmademan, der es vom Kettenschmied zum Fabrikbesitzer gebracht hat, gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder, noch einmal auf Freiersfüßen. Tie um ihr Erbe besorgten lieben Verwandten trium- phiercn schließlich mit Hilfe des Irrenarztes und Staatsanwalts und treiben die Geliebte des Alten aus dem Hause. Viel Bosheit und Häßlichkeit, viel Roheit und Schnmtz lebt in diesem Stücke, aber es' ist flut gemacht und daher wirkungsvoll. Außerdem ist es von einem Ausländer, der in Berlin ja immer Glück hat. Auch Leoncavallo, der wohlgenährte Masstro Italiens, wird demnächst seine Lorbeeren an der Spree einheimsen dürfen. In der Königlichen Oper arbeitet man mit heißem Bemühen an der Inszenierung des „Roland von Berlin". Doch schioebt noch ein dichtes' Geheimnis, um die dicke Partitur, das anscheinend etwas ängstlich gehütet wird. T-er gute Meister soll nämlich der alten Ueberlieferung, wonach der rebellische Bürgermeister von der fallenden Rolandsäule getötet wird, ein unglaubliches Schnipp« chen geschlagen und in seiner Oper eine brillant vertonte Bcr- söhnungsszene zwischen Fürst und Bürgermeister als Schlußeffekt ausgebrütet haben. Wie man sich mit dieser leichtherzigen Ver—Änderung des Berliner Rolandstofses abfinden wird, ist eine recht heikle Geschichte. Tapfer hat Leoncavallo gegen alle die vom Leder gezogen, die die Uebertragung dieses urbrandenburgischen Vorwurfes an einen Ausländer nicht für zweckentsprechend hielten. Trotzdem ist es nicht ausgeschlossen, daß sein „Roland", der den Berliner Bürgermeister so glimpflich aus der Bedrängnis entkommen läßt, üun nach einer anderen Seite füllt und irgend ein Malheur anrichtet. Der Berliner Roland muß doch ein alter ungefügiger Koloß gewesen sein!.-... A. R. Are Arautschuke. Endlich hat eine deutsche Frau den Mut gefunden, in unserem Schulwesen eine Lücke zu entdecken, die von Huüderk- tausenden von Ehemännern aufs schwerste empfunden wurde, ohne daß auch nur einer von ihnen die Geistesgegenwart besaß, einen Vorschlag zur Abhilfe zu formulieren. Nun, wo einmal das erlösende Wort gefallen: „Es gibt keine Schulen für Bräute", nun wind die Pädagogik alsbald ihren letzten, ihren größten Fortschritt vollziehen. Wir werden zu Fachschulen gelangen, in denen der Lehrplan ausschließlich den Bedürfnissen der Bräute angepaßt ist. .In dem neuesten Heft der „Frauen-Rund- schau" wird sie Notwendigkeit der Schulen für Ehe- Aspirantinnen überzeugend motiviert: „In jedem Berufe", so schreibt eine Frau Carola, „dem ein Mädchen sich widmet, wird eine gründlicye und gediegene Vorbildung verlangt, gute Zeugnisse, und womöglich schon eine Zeit der praktischen Arbeit auf diesem Gebiete. Wie steht es aber mit unseren Bräuten, mit den Mädchen, die dem schönsten und heiligsten Berufe sich widmen wollen, dem der Hausftau und der Mutter?" Ferner zur näheren Erläuterung: „Eine Braut soll nicht nur aus dem wirtschaftlichen Gebiete und im Haushalt gut Bescheid wissen, sondern vor allen Dingen auf dem Gebiet der Kindespflege und -Erziehung. Was ist denn wichtiger: ob ein Braten mit oder ohne Sahne zubereitet wird, oder: welches sind die besten Ersatzmittel für Muttermilch für den Säugling? Aber von solchen „heiklen" Dingen darf man ja als Braut garnicht reden, wenigstens heutzutage leider noch nicht! Deshalb sollte jede Braut vor ihrer Verheiratung einen Kursus durchmachen, in dem sie theoretisch und praktisch in all den Dingen unterrichtet wird, die eine junge Mutter durchaus wissen muß." Ich habe wörtlich zitiert. Jedermann fühlt auf den ersten Anhieb, daß es sich hier um die Anregung einer bedeullwgs- vollen Reform, um die Entwickelung eines ganz neuen Zweiges der Kurlst zu unterrichten handelt, um die Begründung des bisher gänzlich unangebaut gebliebenen Gebietes der Ehestands- pädagogik. Mit Freuden wird jeder Unbefangene dem Vorschläge der Frau Carola zustimmen. .Auch jede Unverheiratete. Denn niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen, und cs kann im Jahre 1905 schon verheiratet sein, wer im Jahre 1904 noch seine rauhe Seele an den schlimmsten Schwiegermutterwitzen erlabte. Indessen ist niemals in der Welt eine große Reformidee Wirklichkeit geworden, ohne daß sich ihr tausend Schwierigkeiten entgegengetürmt hätten. Wer soll den Bräuten den dringend erwünschten Unterricht geben? Frau Carola hat Recht: Wer spricht gern mit einer Braut über Kindererziehung? Die einzigen Menschen, die das heutzutage ungescheut tun, sind die katholischen Geistlichen, wenn sie den bekannten Revers unterschreiben' lassen, der ihrer Kirche die Anrechte auf die Seelen der aus einer ncubegründcten Ehe ins «Piel kommt. Im übrigen werden sich diese Herren selbst nicht für kompetent halten, den von der „Frauen-Ruudschau" empfohlenen Unterricht zu erteilen aus Gründen, deren Erörterung zu weit führen würde. Vielleicht .aber verstehen sich bewährte „weise Frauen" zur Abhaltung eines Kleinkinderbehandlungskursus. . Sie haben ihrerseits das Fach erlernt; sie haben ein Examen über ihre Befähigung av- gelegt, und^wenn, Ivie dies in Preußen fast selbstverständlich ist, ihnen der Ltaat bei treuer Pflichterfüllung einen ansprechenden Amtstitel beilegt, etwa „Brauträtin" oder dergleichen, so geht der Beruf der Wehemütter schöneren Zeiten entgegen. Ihm werden sich alsdann aus den Kreisen der „Damcnbewegung" manche Frauenrechtlerinnen zuwendcn, die den Hebammenberuf bisher von oben herab angesehen und gemeint haben, die Frau, die sich um das leibliche Wohl ihrer Brüder und Schwestern bekümmern wolle, dürfe dies unter dem Tr. med. nicht tun. Wer es hieße den ehrenwerten Stand der Bräute herabdrücken, wenn man in den Brantschulen sich nur auf das beschränken wollte, was man in jeder „Krippe" in mehr oder minder kürzer Zeit lernen könnte. Soll die Brautschule das Ansehen genießen, das ihr im inodernen Völkerleben zukommk, so muh in ihr alles gelehrt werden, was einer allen Ansprüchen der Neuzeit gerecht nordenden Gattin zu wissen srvmmk. ^Ns- besondere muß die Psychologie des Ehestandes von philosophisch gründlich durchgebildeten Kräften vorgetragen werden. Ob dies von Frauen geschehen kann oder soll? Selbst bei hervorragendster wissenschaftlicher Qualifikation wäre es bedenklich, einer Frau diesen Unterricht zu übergeben. Frauen sind den Männern gegen- iiber stets parteiisch, Namentlich heutzutage, in dem Zeitalter des Befreiungskampfes der Frau aus den Fesseln Jahrtausende alter Vorurteile, hat der Mann immer seltener auf eine objektive, gerechte Beurteilung von feiten der Frauen zu rechnen. Wie, wenn sich diese säkulare Kampfesstimmung des modernen Weibes im Unterricht auf die Bräute übertrüge? Wie, wenn bei ihnen als Residuum des Lehrkursus der Kriegsberuf ihre Seele erfüllte: Weg mit den: Sklaventum dem Manne gegenüber! Würden da nicht manche Verlobungskarten zu Wechseln werden, die vergeblich auf ihre Honorierung warten müßten? Und selbst wenn eine Lehrerin der milderen Tonart das Seelenleben der Bräute int Verhältnis zum Seelenleben der Männer beeinflußte, wenn nur ganz nebenbei cs als empfehlenswerteste Maxime einer selbstbewußten Frau hingestellt würde, daß sie nie dem Manne nachgeben dürfe, um nicht für immer von ihnt unterdrückt zu werden, zu welch' bedenklichen Konsequenzen inüßten solche Irrlehren in der Ehe führen? Ändererseits sind auch die Mätmer — ich will gerecht fern — in den delikaten Fragen des Herrentums und der Weibes- demut, der Herrenmoral und des Frauenstolzes nickt immer unparteiische Berater. . Nur zu leicht mißbrauchen sie das Recht des Stärkeren zur Anbahnung und Befestigung einer Herrschaft, deren Jock) nicht sanft, bereit Last nicht leicht ist. Vielleicht empfiehlt sich unter Berücksichtigung dieser gerichtsnotorischen Umstände die Einführung eines gemischten Unterrichtsshstems, dergestalt, daß in dem lehrplanmäßigeu Unterricht über Ehepsychologie gleich viele Stunden von männlicher und von weiblicher Seite erteilt werden. . Dürrn diese Parität würde die lernende Braut nickt auf ein einseitiges Extrem der Männerverachtung oder der Männerverehrung, des Ueberweibtrohcs oder der Skla- oinnenhingebung festgelegt werden. Schließlich wird auch auf diesem Gebiete der Pädagogik die Erfahrung die Lehrmeisterin des nimmer rastenden Menschengeschlechts sein. Aber ich gehe weiter als Frau Carola. Wenn die Brautschule eine Notwendigkeit ist, ist es die Bräutigamsschule nicht ebenso? Wo lernt der junge Mann, der sich zum Eintritt in den Ehestand entschließt, was für dieses Fach unentbehrlich ist? Heiraten doch viele, wie man in zahllosen Heiratsanzeigen lesen kann, „aus Mangel an Damenbekanntschaft". Wo haben sie gelernt, den Frauen zu begegnen, wie es ihnen gebührt? Wieviel Verstöße gegen die guten Sitten begeht mancher junge Ehemann in seinem Verhältnis zu seiner anderen Hälfte! Nicht ans bösem Willen, aber aus Unkenntnis des guten Tones in allen Lebenslagen. Mancher, obwohl er es durchaus wert wäre, seiner Frau die Schuhriemen zu lösen, versteht cs nicht einmal, sich seiner eigenen Schnür- oder Knopsstiefel richtig zu entledigen. Die meisten Menschen glauben am Ziel zu sein, ehe sic noch die genügende Zahl von Knöpfen geöffnet haben. Gewaltmenschen dieser Art, die nicht die einfachsten Hantierungen des täglichen Lebens zu verrichten vermögen, verharren ihren Frauen gegenüber in der niederdrückenden Rolle des Verlegenen; sie beschwören allerlei Verstimmungen herauf; sie untergraben das Glück ihrer jungen Ehe, weil ihnen des Weibes Seele und ihre Bedürfnisse, weil ihnen die berechtigten Ansprüche der Frau auf hunderterlei kleine Aufmerksamkeiten mangels eines ausreichenden Unterrichts in einer Bräutigamsschule fremd geblieben sind wie die grundlegenden Bestimmungen des Drciklasseiiwahlsystcms oder . die Elemente der Infinitesimal- und Integralrechnung! Daher, wenn wir uns endlich zu Brautschulen durchgerungen haben werden, müssen wir ihnen Bräutigamsschulen auf dem Fuße folgen lassen. Und da die neuere Pädagogik immer energischer auf den gemeinsamen Unterricht beider Geschlechter drängt, so hoffe ich des lautesten Beifalls aller Sachverständigen sicher zu sein, wenn ich einem kombinierten System von Braut- und Bräutigams- schulen das Wort rede. Der ethische Wert des gemeinsamen Lernens, des gemeinsamen Unterrichts der Verlobten in den wichtigsten Fragen der Menschheitserhaltung und der Menschheitsentwickelung ist nicht hoch genug anzuschlagen. Wir betreten damit die Schwelle einer völlig neuen Epoche. Die Ehe, vielfach als soziale Einrichtung in Mißkredit gekommen, wird als die Grundlage aller Kultur einem neuen, ungeahnten Aufschwünge cntgegenblühen. Werden vollends, wie ich für dringend wünschenswert halte, zu den Braut- und Bräutigamskursen auch solche jungen Leute beiderlei Geschlechts als Hospitanten bezieh- nngsweise Hospitantinnen zugelassen, die noch nicht verlobt sind, •iaber gern verloben möchten, so wird auch die Zahl der Eheschließungen einer rapiden Zunahme nicht ermangeln. Was wiederum allen Wäsche- und Möbelausstattungsgeschäften, vielen Lebensversicherungsagenten, sowie allen bei Hochzeiten in Funktion tretenden Musikkapellen oder „Klavierspielern mit Violin-, Flöten- und Flügelhornbesetzung" von unendlichem Segen sein wird. Der Würwolff in der „Berl. Volksztg.". VeNMZschiüS. *Zig'citren ohne Kleb st off am Mundende. Man hat versucht, den Klebstoff am Mundende, der Zigarre dadurch zu vermeiden, daß man dao Deckblatt durch eine gefaltete Metallhülse aus Blattzinn zusammenhalten läßt, deren nach innen reichende Kanten in die Oberfläche der Zigarre eindringen. August Trabitzsch in Bitterfeld hat eine durch § 23 des Patentgesehes und § 4 des Gebrauchsmustergesetz.es geschützte Erfindung gemacht, nach ivelcher gleichfalls die Zigarre keinen Klebstoff am Mundende erhält uud dock eben so fest, ja vielleicht fester iff, als die mit metallener Hülse. Jedenfalls hat sie den großen Vorteil vor allen Zigarren, daß das Deckblatt auch dann ntcht aufgeht, wenn es an einzelnen Stellen beschädigt i|t Ter Erfinder erreicht die geschilderten Vorteile dadurch, daß er das Deckblatt nicht vom Brandende, sondern von dem Mundende her aufwickelt. Damit nun aber beim Brennen der Zigarre das Deckblatt sich nicht abwickelt, versieht er es an der nach außen liegenden Kante, ea. ,2i/a Zentimeter vom Mundende entfernt bis zum Brandende mit einem schmalen Rande aus solchem Klebestoff, welcher beim Verbrennen keinen Einfluß auf den Geschmack der Zigarre ausübt. Der Kopf wird toie bei jeher Zt- garre in bekannter Weise gefüllt. So kann dann d:e Zigarre biS zum kleinsten Ende aufgeraucht werden, ohne daß em Lockern des Deckblattes eintritt. Wer da weiß, Ivie unangenehm das Gefühl ist, das geklebte Ende einer Zigarre in den Mund nehmen zu müssen, wird die Erfindung am besten zu würdigen verstehen; und es überläuft einem das Gruseln, wenn man daran denkt, daß das bisherige Kleben des Deckblattes am Mundende hänfig genug noch unter Zuhilfenahme von Speichel geschieht.'