1904 LZLLL. ■?y fi-. H eis (Nachdruck verboten.) Irühüngsstürme. Roman von Paul Oskar Höcker. ___ ,(Fortsetzung.) Sie kämpfte mit sich, ob sie ihn begleiten sollte. Eine Sekunde lang ruhten ihre Micke ineinander. Mer die Tür schloß sich dann hinter ihm, ohne daß sie der Versuchung erlegen war, mit ihm zu gehen. „Nun also wieder — an die Arbeit!" sagte sie langsam und stockend zu Stojentin und setzte sich ans Pult. Die Feder zitterte jedoch in ihrer Hand. Besorgt blickte der Buchhalter auf. Sie war leichenblaß und ihre Stirn war feucht wie von Angstschweiß; er schrieb ihre Erregung aber dem Unfall auf dem Werk zu. So nahm die Arbeit denn ihren Fortgang. * An diesem Abend zeigte sich Zupitza seit längerer Zeit zum erstenmale wieder auf dem „Menschentag". Ein paar Herren wollten eine gewisse Verstimmung gegen ihn berauskehren, aber da er's gar nicht zu merken schien, wurden sie bald wieder gemütlich. Daß der Doktor reisen wollte, interessierte sie alle lebhaft. Leikschat, der Referendar, der von Beginn des Abends an, in einer besonders übermütigen Laune gewesen war, zwinkerte ihm plötzlich vergnügt mit den Augen. „Sie leben, Sie genießen!" rief er parodistisch. „Und unsereiner dient hier treu der Bürgerpflicht und dem teuren Vater- lande." „Wollen Sie üfteit^ wieder mal Sommerleutnant spielen?" schnarrte Herr' v. Gamering, der sich fortgesetzt die ehrlichste Mühe gab, den Doktor zu schneiden, ohne es dahin zu bringen, daß diese Msicht deutlich in die Erscheinung trat. „Nein, das nicht. Wer —" der Referendar machte eine Spannungspause — „aber ich feiere morgen offiziell meine Verlobung." Das elektrisierte die Herren. Gemunkelt hatte man freilich längst so allerlei. „Gegen wen?" kalauerte der Reichsbankbeamte. Natürlich handelte sich's um das jüngste Fräulein Behr. Krappe ergriff, nachdem der Sturm sich gelegt, das Wort zu einer längeren Glückwunschrede, wie er das so liebte. Der Gefeierte mußte ein paar Flaschen Sekt kaltstellen lassen, und es versprach ein sehr bewegter Abend zu werden. Auch Zupitza hatte dem jungen Bräutigam gratuliert. Heimlich klopfte Leikschat ihm hernach einmal auf die Schulter. ,,Eine Viertelmtllion, Doktor", flüsterte er, „hatten Sie bavon 'ne Ahnung? Sehen Sie — und das haben Sie sich verscherzt." „Verscherzt — ich — wieso?" „Na, Mulchen, die ältere, die war doch riesig vernarrt in Sie." „Ich habe nie etwas davon gemerkt." Der Referendar lachte. „Na — noch deutlicher konnte! sie nicht gut werden. Wer aus Ehre, Sie haben die Leutchen miserabel behandelt. Mein zukünftiger Schwiegervaterj sprach noch heute nachmittag davon." Es war Zupitza peinlich, mit Leikschat, der die ersten paar Glas Seit in seiner Festfreude wohl zu rasch hinabgestürzt batte, in diesem Tone über em solches Thema zu reden." „Na, Doktor, ich bin ja diskret. Und tvenn Sie von! Ihrer Reise zurückkehr^n und sich die Sache Überlegt hu fahren. So entging er dem Besuch des Amtsrichters, der von der Kunde, sein Freund wolle die Praxis hier niederlegen, „rein erschlagen" war. Bei allen Begegnungen, die heute zwischen Gillern stattfanden, ward das Thema eifrig erörtert. Auch das Diner, das der Spediteur Behr aus Llnlaß der Verlobung seiner jüngsten Tochter gab — Zupitza war nicht geladen worden, weil er im Frühjahr mehrmals abgesagt batte — ftcunter dem Eindruck dieser sensationellen Meldung. Was in Gill gesprochen ward, wußte man stets einen Tag später auf dem Schmalschen Werk. Von dort kolpor- uerte Sjojentin, dessen Wohnung sich in der nächsten Nach- barschast der Schmalschen Villa befand, alles Mssenswerte nach Sakuthen. Ain Mittwoch nach Pfingsten brachte der Buchhalter gleich früh die Botschaft ins Bureau: Zupitza sei tags zuvor bei Frau Hartung, seiner Hauswirtin, gewesen und habe mit ihr ausgemacht, daß sein Nachfolger in den Mietskontrakt eintrete. Doktor Wenglein treffe morgen mittag in Gill ein, Znpitza werde fast zur gleichen Stunde abreisen, denn er wolle bereits am Freitag von Hamburg aus mit dem neuen deutsch-brasilianischen Postdampser „La Plata" in See stechen. „Dauernd weg? Er will dauernd weg? Wohin? Warums Dann wird er aber doch zuvor noch einmal Herkommen?" fragte Dieter Lotz in höchster Erregung. „Er hat es uns doch versprochen! — Und warum in aller Welt will er uns verlassen? So plötzlich? Was ist ihm? Was fehlt ihm hier? Fränze — weist Du? Mein Gott, das kommt ja so überstürzt!" Fränze suchte müde zu erklären: es sei wohl bloß die Nervosität daran schuld, unter der Zupitza seit einigen Wochen leide. Sie stand so, daß der Kranke ihr Gesicht nicht sah. Sie preßte die Lippen aufeinander, um ge- waltsanc das Schluchzen zu unterdrücken, das aus ihrer Brust emporsteigen wollte — das ihr schon die Kehle zusammenschnürte. Kaum eine Stunde zuvor hatte sie einen Brief von Zupitza mit seinem letzten Lebewohl erhalten: er kam nicht mehr nach Sakirthen! Für Dieter treffe, wenn er fort sei, ein kurzes Abschiedsschreiben ein. Noch einmal ihm gegenüberzutreten, das brächte er nicht über sich. Seine Koffer waren gepackt. Er benutzte den letzten Zug, der heute abeud von Ußditten abging. Den Bekannten hatte er gesagt, daß er morgen in der Frühe reisen werde, denn er wollte von niemand zur Bahn gebracht sein. Von niemand — wenn es sie nicht zu einem letzten Händedruck drängte, zu einem letzten, allerletzten Scheidegruß. Das war nun das einzige, was ihr von ihm bleiben sollte, dieses armselige Blatt, das in bitteren, Hoffnungsleeren Worten vom Scheiden und Meiden sprach. Sobald sie entrinnen konnte, ohne daß Dieter Verdacht schöpfte, schlüpfte sie in ihr Zimmer im Giebel. Da warf sie sich auf ihr Bett und weinte, weinte. Es war ihr eine solche Wohltat, ihren dumpfen, quälenden Schmerz in Tränen sich auflösen zu lassen, in kaum versiegbaren, heißen Tränen. * Dieter wartete Stunde um Stunde in wachsender Spannung auf den Doktor. Als es mittag ward, ohne daß Zupitza kam, tröstete ihn Fränze: „Gewiß hat er sich vorgenommen, uns abends zu besuchen." Sie wunderte sich selbst darüber, wie geläufig ihr diese bewußte Unwahrheit über die Lippen ging. Dieter war nur für eine SBteile beruhigt. Aber dann meinte er wieder, man sollte doch einmal telephonisch in Gill an fragen. Als Fränze vom Apparat aus dem Bureau zu ihm zurückkehrte, schien sie ganz unbefangen, aber sie sah ihren Gatten nicht an. „Hast Du ihn gesprochen?" „Za, Bär. Es könnte spät werden — neun Uhr vielleicht Lider noch später — aber er habe sich's natürlich fest vorgenommen." „Nun siehst Du!" sagte Dieter aufatmend. Nachmittags sollten Alex und Theo — dessen Ferren diesmal nur ein paar Tage gedauert hatten — nach Ußditten zur Bahn gebracht werden. Pratje, der Theo abgeholt hatte, war mit ein paar Bekannten auf einer Pfingstfahrt durch Finnland unterwegs, daher hatte sich Frau Stojen- tin erboteu, die beide« Feriengäste im Sakuthener Wagen nach der Station zu bringen. Als es Zeit ward, anspannen zu lassen, schickte Fränze aber rasch noch die beiden Jungen mit Süßigkeiten für die Stojentinschen Kinder zu der jungen Frau hinüber: sie danke ihr vielmals für ihr Anerbieten, aber sie wolle ihre kleinen Pfleglinge doch lieber selbst begleiten, sie habe Geschäfte in der Stadt, und auf der Rückfahrt müsse der Wagen noch zum Lachsfang nach Moikehmen, um dort eine bestellte Lieferung in Empfang zu nehmen. Seit jenem stürmischen Frühlingssonntag hatte sie das Haus und den Kranken nicht mehr verlassen. Dieter war dadurch so verwöhnt, daß er ihren Entschluß fast ängstlich vernahm. Er rechnete die Zeit aus, die er hier allein bleiben würde. Wb sie noch so viel Einkäufe und Besorgungen zu erledigen hatte, konnte sie vor acht, halb neun Uhr nicht zurück sein. Vor der Einsamkeit graute es ihm seit damals noch sehr. „Nun, wenn dann der Doktor kommt, feiern wir noch einmal einen fröhlichen Abend", sagte er, sich zu einem Aufschwung zwingend. „Ihr müßt musizieren. Ja, was meinst Du? Es geht mir ja leidlich — und ich denke, es wird uns alle wieder ein bißchen auffrischen. Den Doktor auch." Er seufzte aus. „Daß es freilich das letzte Mal sein soll — nein, das will mir gar nicht in den Sinn. Man hat ihn doch lieb gewonnen. Nicht, Fränze?" Sie nickte still vor sich hin. Mehr und mehr versank er in schwermütiges Sinnen. „Collenberg ging, Pratje ging — Zupitza geht — nun wandern auch die Jungens wieder — und die dableiben, so von den Bekannten, ach, von denen trennt einen vielleicht noch mehr als bloß die Eisenbahn- oder Damhfschisfstrecke. Fränze, Fränze, warum wird's denn mit eins so trüb!- selig einsam hier bei uns?" Sie hatte sich auf die Armlehne seines Amerikaners gesetzt, halb dem Lichte zugewandt, ließ ihre Linke in seinen zuckenden Fingern, mit der freien Rechten strich sie sich langsam über die Stirn. „Wir beide bleiben ja beisammen, Bär", sagte sie leise. „Und schließlich: wenn uns auch alles verläßt — wir brauchen uns deswegen doch nicht einsam zu fühlen auf unserm kleinen Eiland." Sie atmete tief auf. „Wir müssen selbst nur die innere Freiheit besitzen, dann ist es uns kein Kerker." Er entsann sich eines hübschen Wortes, das sie früher einmal gesagt hatte. „Ja, die Phantasie kann sich frei aufschwingen — kann uns ein Glück „vorgaukeln". Er nickte müde, ein letztes Nestchen wehmütiger Sehnsucht flammte in seinem halberloschenen Blick auf. „Die Hoffnung !" „Und die Erinnerung, Dieter!" flüsterte sie, die Augen schließend. Bald darauf kamen die Küaben, schon reisefertig, um Abschied zu nehmen. Dem Kranken ging es immer sehr nahe, wenn es' zum Lebewohlsagc« kam. Tirsell, der seit seiner kleinen moralischen Entgleisung doppelt besorgt um seinen Herrn war, ihm jeden Wunsch von den Augen ablas, schob den Stuhl des Kranken ans Fenster. Von da aus sah Dieter dem davonrollenden Magen nach. Aber die im Wnd flatternden Taschentücher der kleinen Reisenden, auf die ihn Tirsell aufmerksam machte, konnte er nicht mehr erkennen. Seine Sehkraft hatte rapide abtzenommen in den letzten Wochen. Wenigstens hörte er die lebhaften Rufe des Paares, die noch von der Landstraße her fröhlich zurückklangen und ein mattes Lächeln auf seine massen Züge weckten: „Auf Wiedersehn tut Sommer!" „Im Sommer!" — wiederholte er melancholisch. (Fortsetzung folgt.) Aas Knde eines Schneikfahrers. Zn dem tötlichen Unfall, den der österreichische Großindustrielle Baron Leitenberger im Taunus mit seinem Automobil erlitt, bringt das „N. Wien. Tgbl." eine Reihe interessanter Mitteilungen, denen nackütebendes entnommen sei: ES 871 — WettausstellungsSriefe. Von Paul Gartmann. 3. Der Wett st reit der Nationen. St. Louis, Anfang Juni. Japanische Kultur. — Der japanische Pavillon. — Deutsche Kunstausstellung. — Das deutsche Kunstgewerbe. — Diebstähle auf der Ausstellung. — Schlechte Wege. — Ein Stierkampf. Geht man jetzt durch den Vergnügungspark der Ausstellung, so kann man zwischen den lärmhaften Ausschreiern, die das Publikum für Kiesenmenagerien und andere Bestien anlocken, einen kleinen, schmächtigen Japaner bewundern, der unbekümmert um seine Umgebung in grösster Ruhe damit beschäftigt ist« ein großes Holzhaus mit dekorativen Malereien zu schmücken. Er hat eine Reihe Farbcntövfe neben sich und malt aus freier Hand, ohne jede Schablone oder Vorzeichnung, Blumenstücke uni» Tiere. Er malt Hunderte von Füllungen, aber niemals kehren dieselben Motive wieder. Je länger man ihm zusieht, desto größer wird die Bewunderung für das beinahe unbegreiflich« techniche Können, das hier ein einfacher Handwerker an den Tag legt und das allen fernen Landsleuten wie etwas selbstverständliches erscheint. Ohne Uebertreibung darf man sagen, daß man bei uns bis in die Reihen der hervorragendsten Kunstmaler hinaufsteigen müßte, um diese verblüssende Sicherheit des Farbengeschmackes und der Raumkomposition zu finden. In der Arbeit dieses Handwerkers spricht sich der entscheidend? Zug aus, der den Japanern hier auf allen Gebieten der Ausstellung einen Erfolg verschafft hat, dem man geradezu eine welthistorische Bedeutung zusprechen muß. Die unerhörte „Sicherheit", die sie in der Gestaltung des größten Kunsttverkes und des kleinsten Gebrauchsgegenstandes übereinstimmend bekunden, ist von einer Großartigkeit, die mit Worten nicht gewürdigt werden kann. Eine kulturelle Tradition vieler Jahrtausende hat auf diesem asiatischen Jnselreiche in allen Bevölkerungsschichten einen so feinen Geschmack herausgebildet, daß man ganz instinktiv in allen Punkten das „Richtige" trifft. Auf keinem Bilde gibt es Verzeichnungen oder nicht zusammenklingende Farben. Jeder Gegenstand des Kunstgcwerbes hat die Form, die ihm seinem Charakter nach notwendig ist. Nirgends wird man finden, daß Ledcrtapeten aus Papier gemacht werden oder Eisenkonstruktionen holzartig angestrichen werden, daß ein Damcnsalon aus- sieht wie eine unterirdische Katakombe oder ein Eßtisch wie ein Sarg. Es gibt in diesem Sinne nichts „Falsches". Als vor wenigen Tagen das Rcpräsentationshaus der japanischen Nation eröffnet und hierbei den Spitzen der Gesellschaft ein kleines Fest gegeben wurde, tuschelten sich viele Europäer das Wort von der „gelben Gefahr" zu. Dieses kleine Haus, das auf einem Hügel liegt, dessen Abhänge zu einem Garten ausgestaltet sind, ist der ästhetisch schönste Punkt der ganzen Weltausstellung. Der Garten an sich ist ein kleines Meisterwerk. Anmutig, farbenfreudig, im besten Sinne abwechselungsreich, hat er nicht eine Stelle, die tot oder leer wirkt. Einzelne Plätze, die man ihrer besonderen Lage wegen nicht anders ausgestalten konnte, hat man kühü Llurch die Aufstellung einzelner großer Basen oder Bronzen belebt. Das hat zunächst etwas befremdendes, aber es läßt sich nichts Ernsthaftes dagegen sagen, denn in jedem einzelnen Falle paßt sich der aufgestellte Kunstgcgenstand so völlig der landschaftlichen Umgebung ein, geht seine Farbe so harmonisch mit dem Grün des Rasens und der Bäume zusammen, daß man staunend die intime Kenntnis der Gärtner für den wesentlichen Charakter einer jeden Erscheinung anerkennen muß. Tarin besteht der große Unterschied zwischen den beiden Völkern, die hier, wie schon allgemein begriffen und anerkannt wird, um die Siegespalme streiten: zwischen Japan und Deutschland, daß bei den zähen und selbstbewußten Asiaten eine völlig fertige und in sich abgeschlossene Kultur zu konstatieren ist, während sich bei uns allerlei fremde Einflüsse kreuzen und ein emsiges Suchen und Ringen nach neuen Formen den Ausschlag gibt. In unserer deutschen Kuustabteilung kommt das freilich nicht zum Ausdruck. Das ist der schwerste Vorwurf, der den zuständigen Behörden gemacht werden muß, daß sie durch den kleinlichen Streit mit den Sezessionen hier eine Bildersammlung zusammengestellt haben, die der Forderung, ein Ausdruck des Geistes zu sein, der unsere deutsche Malerei und Bildhauerkunst beherrscht, geradezu Hohn spricht. .Die überwiegende Anzahl der hierher gesandten Kunstwerke stammt aus jener traurigsten Epigoncnzeit unserer Kunst, in der die Maler überhaupt nicht den Ehrgeiz hatten, „Maler" zu sein, also die Ausdrucksmöglichkeiten der Farbe zu erschöpfen, sondern in der sie meist süßliche und sentimentale Geschichtchen mit dem Pinsel erzählten. Alle die großen Schlagworte, die seit zwanzig Jahren und noch länger unsere deutsche Kunst in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlt haben, scheinen für die Veranstalter der hiesigen deutschen Kunstabteilung nicht zu existieren. Realistnus, Naturalismus, Freilichtmalerei, Impressionismus — alles nur Ausdrücke fikr das heiße Streben nach künstlerischer Wahrheit — sind nur aus einigen wenigen Arbeiten erkennbar, die sich wie durch einen Zufall hierher verirrt haben. ' Unvergleichlich viel besser ist hingegen die deutsche kunstgewerbliche Abteilung, in der etwa sünzig völlig eingerichtete Zimmer von dem großen Eifer zeugen, mit dem zur Zeit von Malern und Architekten daran gearbeitet wird, bie Re- naissanceformen zu überwinden, die die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht und in dem überwältigenden „Muschclaufsatz" unseligen Angedenkens ihren reinsten Ausdruck gesunden hatten Die besten Kräfte unserer neuen kunstgewerblichen Entwicklung haben hier mitgearbeitet. Dennoch sind manche Ungeheuerlichkeiten schlimmster Art unterlaufen. Das ist in Zeiten des Kampfes nicht anders. In dem Bestreben, neu« Wege zu entdecken, geht man häufig in die Irre. Das Schlimmste haben in dieser Beziehung hier die Damen geleistet, die eine Sammlung von „Tumbach", wie der Berliner sagt, hergeschickl ist charakteristisch, daß L. erzählte, sein mächtiger 60 HP Mercedes, der über 100 Kilometer die Stunde zu machen im stände ist, sei lenkbar wie ein Kind. .Das Fahren damit sei ein Kinderspiel und er bedauere nur, daß das Vehikel nicht schneller sei. Er erwähnte die Bestellung eines 90 HP Mercedes und sagte, er freue sich schon darauf, diesen in Besitz zu nehmen. Sein Sechzigpferder sei ihm zu langsam. Interessant ist, auf welche Weise Baron Leitenberger zu semem neuen Sechzigpserder kam und daß dieser Wagen eigentlich ein rechter Unglückswagen ist. Jin Sommer 1902 verunglückte der ehemalige Radrennfahrer Paul Alberts auf einer Trainingfahrt für das Rennen Paris-Madrid; er fuhr bei In g e l - heim auf seinem 60 HP Mercedes im Renntempo, wobei er eine Mulde in der Straße Nicht rechtzeitig geivahr wurde. Es erfolgte ein fürchterlicher Sturz, wobei Albert sein Leben einbüßte. Jene Teile seines Mercedes-Wagens, die noch zu brauchen waren, wurden von der Fabrik bei dem'Sechzigpserder verwendet, mit dem Graf Zborowski im Frühjahre 1903 in Nizza das Turbie-Rennen bestreiten wollte. Graf Zborowski hat schon bei der ersten Biegung, wo sein Wagen an die Felsemnauer anprallte, den Tod gefunden. Ten rekonstruierten Zborowski-Wagen, der, wie erwähnt, Teile des Albert-Wagens in sich hatte, erwarb der französische Konsul in Stuttgart, M. Pallu de la Barriere. Um dieselhe Zeit hatte Leitenberger einen 60pferdigen Mercedes bestellt, und da er nicht warten wollte, bis er fertig wurde, so kaufte er von Herrn Pallu den 60 HP, der, wie ftir seine früheren Besitzer, nunmehr auch für ihn ein Unglück-Wagen geworden ist. — In dem genannten Blatte wird noch weiter geschrieben: Es gehört schon eine ziemlich physische Kraft dazu, um einen solchen Wagen bei einem Tempo von 90 bis 100 Kilometer in seiner Fahrbahn zu erhalten. Baron Leitenberaer war nichts weniger als ein Riese. So lange der Wagen auf der geraden Straße fuhr, konnte er ihn wohl noch meistern. Tas traurige Ereignis hat aber gezeigt, daß der Verunglückte einer sich plötzlich zeigenden kritischen Situation nicht gewachsen war. Seit Wochen fuhren die Rennfahrer die Rennstrecke fast täglich ab, um sich mit ihr nur recht vertraut zu machen. Wenn nun so erprobte Fahrer es nötig fanden, die Rennstrecke auf das allergenaueste kennen zu lernen, um sie ohne Zwischenfälle befahren zu können, wie schwierig mußte das Befahren dieser Route nun für einen Amateur sein, der sie nicht kannte und einen viersitzigen Tourenwagen lenkte, der mit seinen Passagieren ein Gewicht von mehr als 1400 Kilo gramm hatte! Man stelle sich die Situation vor: Baron Leitenberger, der nicht sehr kräftig war, saß am Steuer eines 60pferdigen Wagens und führ in einem Tempo von 90 bis 100 Kilometer. Plötzlich sah er sich .vor einer scharfen Kurve, die wahrscheinlich so gelegen war, daß sie erst im letzten Moment bemerkt werden konnte. Ter Rennfahrer, der die Strecke schon wiederholt abgefahren hat, weiß, selbst wenn er im 110 Kilometer-Tempo und noch schneller fährt, daß jetzt diese und jene Kurve zu nehmen ist, und weiß nun auch, was er zu tun hat; er ist also auf die Situation, die er bemeistern soll, vorbereitet. .Hier ist aber ein Amateur, den das Rennfieber gepackt hat; er verliert die Geistesgegentvart und tut instinktiv das, was vielleicht einem Stärkeren, Geübteren gelingt, ihm aber fehlschlägt; er betätigt plötzlich alle ihm zur Verfügung stehenden Bremsen. Am Boden des Wagen, unter den Füßen des Fahrers, sind neben einander drei Pedale plaziert. Das äußerste linke dient dazu, den Motor auszuschalten, die beiden anderen sind Fußbremsen. Zur rechten Hand des Lenkers ist der Hebel der Handbremse, die auf beide Hinterräder wirkt. Wenn nun durch plötzliche Betätigung sowohl der Hand- als auch der Fußbremsen dem Trägheitsmoment der sich mit so enormer Geschwindigkeit bewegenden kolossalen Masse entgegengearbeitet wird, so ist es nicht möglich, daß dieK entfesselte Kraft durch das brüske Bremsen plötzlich verschwindet; sie muß sich in irgend einer Art und Weise äußertr und es wird der Wagen zu schlettdern und eventuell sich zu drehen be g in neu. . . SSarott Leitenberger war als überschneller Fahrer bekannt und ist von seinen Verwandten wiederholt gewarnt worden, seine Vorliebe für üngetvöhnlich rasche Fahrten einzudämmen. Er hatte noch in der Vorwoche eine Fahrt Semmering-Wien in der Zeit von einer Stunde 22 Minuten gemacht und sich dieser Fahrt gerühmt. In automobilischen Kreisen war man hiervon peinlich berührt und man versuchte es, Baron Leitenberger begreiflich zu machen, daß derartige schnelle Fahrten auf öffentlicher Landstraße nicht geeignet sind, das Automobil bei dem großen Publikum beliebt zu.machen. 372 Laben, die ihnen das Privilegium der „besseren Halste" raubt. In einem einzigen Raume sind viele Hunderte der verschiedensten kunstgewerblichen Kleinigkeiten zusammengedrängt worden: Gläser und Lampen, Bilderrahmen und Spiegel, Bucheinbände und Stickereien — kurz eine ziemlich wahllose Kollektivausstellung. Ich stand gerade mit einem bekannten Berliner Architekten auf der Schwelle dieses . . . dieses Speichers und wir sprachen davon, wie unvorteilhaft sich diese kritiklose Anhäufung von den anderen geschmackvoll eingerichteten Zimmern unterscheidet, als neben uns ein amerikanisches Ehepaar austauchte, das mit großer Freude konstatierte, neben all' den anderen „leeren" Räumen endlich ein wohnliches Zimmer gefunden zu haben. Das ist amerikanischer Geschmack. Man stellt soviel Möbel in ein Zimmer, wie man irgendwie unterbrsilgen kann und hat für eine geschmackvolle architektonische Anordnung der Möbel, unter sorgfältiger Vermeidung jeder Ueberladung, keinerlei Verständnis. Es ist deshalb sehr fraglich, ob die deutschen Zimmereinrichtungen hier einen praktischen Erfolg haben werden. Am meisten zu gönnen wäre ein solcher unstreitig Proftssor Alsted Grennnder, der zwei imposant vornehme Interieurs ausgestellt hat. Die Einzelheiten lassen auch hier freilich die Sicherheit vermissen, die vorher den Japanern nachgerühmt wurde. Als Beispiel sei eine kleine Kaminnhr genannt, die auf einem hohen Gehäuse angebracht ist, wie man es sonst für Standuhren verwendet. Oeffnet man den Kasten, in dem sich die Gewichte zu befinden pflegen, so sieht man ins Leere. Diese „Täuschung" des Beschauers ist einer der schlimmsten Fehler, von dem wir uns leider noch immer nicht befreien können. Tiefer Widerstreit zwischen der konstruktiven Form eines Gebrauchsgegenstandes und feiner äußeren Hülle feiert manchmal wahre Triumphe. So hat Peter Behrens für einen Bibliothek- faal Beleuchtungskörper geschaffen, die einem Vogelbauer so ähnlich sehen, daß man sich ihre „Belebung" durch Zeisige oder Stieglitze wirklich herbeiwünscht. Eurt Stöving hat Stühle ausgestellt, die offenbar für irgend ein noch unbekanntes Riesenvolk bestimmt find, denn ihre Lehnen find fast genau so hoch wie eine danebenstehende große Standnhr. ,Und selbst Joseph Olbrich hat Stühle entworfen, bei denen der hellgrüne Seidenbezug der Sitzfläche vorn bis beinahe auf die Erde hinabgeführt ist!! Nichtsdestoweniger muß Olbrichs „Sommersitz eines Kunstfreundes" als d er Clou dieser' Abteilung bezeichnet werden. Um einen architektonisch großzügig gegliederten Hof, dem ein überaus eigenartiger Springbrunnen heitere Anmut verleiht, zieht sich ein offener Gang, an dem etwa zehn verschiedene Zimmer belegen sind. .Jedes von ihnen zeigt als Wohnraum einen anderen Charakter und die ganze Anlage bot überaus glücklich die Gelegenheit, die verschiedensten Innendekorationen zu zeigen. Leider kann das Publikum den vollen Wert dieser Anlage nicht kennen lernen, da jedes Zimmer durch Stricke abgesperrt worden ist. Den Grund hierfür bot die wahrhaft erschreckende Anhäufung von" Diebstählen. Was nicht niet- und nagelfest war oder beständig bewacht wurde, war der Gefahr ausgesetzt, entwendet zu werden. Die Wächter gaben sich alle Mühe, die Diebe zu fassen, aber diese benutzten die Zeit, in der man sie in den Olbrich'scheu Zimmern erwartete, dazu, um in Ruhe das Frühstück der Aufpasser zu verzehren. Das amerikanische Sprüchwort „Zeit ist Geld'" findet' eben auch auf diesem Gebiete seine. Anwendung und die Langfinger halten den achtstündigen Arbeitstag nicht inne. Zn der vergangenen Nacht haben sie mit großem Geschick in der deutschen Koloniulabteiluno eine Kassette geöffnet und für viertausend Mark Granatsteine daraus entnommen. Unter diesen Umständen haben es verschiedene Regierungsvertreter schon jetzt für angebracht gehalten, die Repräsentationshäuser ihrer Nationen nur noch für eingeladene Gäste zu öffnen. Wieder andere drohen mit der Schließung .ihrer Häuser, die in einem Falle sogar schon durch- geführt ist, weil die Zugangswege so unbeschreiblich vernachlässigt sind, daß die Teppiche und der Fußboden durch den hereingetragenen Schmutz völlig ruiniert zu werden drohen. So steht es schon heute, nachdem die Ausstellung erst fünf Wochen geöffnet ist; wie wird es erst am Schlüsse sein?! Der Charakter der hiesigen Bevölkerung äußert sich immer stärker in der Richtung .daß die Aussteller bestrebt sind, .ihre Waren der allgemeinen Besichtigung mehr und mehr zu entziehem Da nun ohnedies die Ausstellungshäuser wochentäglich um 6 Uhr abends geschlossen und an den Sonntagen aus Gründen der „Frömmigkeit" überhaupt nicht geöffnet werden, so wird bald gar keine Gelegenheit mehr fein, sich.eingehend mit der Ausstellung zu beschäftigen. Dasselbe Publikum, dem der Sonntag zu heilig ist, um ihn zum Besuche einer ernsten Ausstellung zu benutzen, verwendet ihn dazu, um in ungeheuren Massen einen — Stierkampf anzusehen. In einer gewaltig.großen, eigens zu diesem Zwecke erbauten Arena sollte gestern dieses blutige Schauspiel zum erstenmale stattfinden. ,Etwa 6000 Personen waren anwesend und die Vorstellung hatte mit der Vorführung von allerlei Reiterkuuststücken bereits begonnen, als plötzlich der Sheriff einfchritt und die Fortsetzung verbot. .Die Besucher waren so empört, daß man ihnen ihr harmloses Vergnügen störte, daß sie tumultuarisch ihr Geld zurück begehrten und als ihnen dieses nicht sofort ausgezahlt wurde, ttrrt Demolierung .der ganzen Anlage begannen, deren klägliche Ueberreste schließlich jin Brand gesteckt wurden. Der ganze Vor- 8äug bot ein unbeschreibliches Bild schlimmster Verrohung. So. eht in Wahrheit das Volk dieser Kulturstadt aus, die eine Welt-i ausstellung .abhält. .Noch jämmerlicher ist die Entschuldigung, die die Behörden heute für ihr merkwürdig spätes Einschreiten ait<> geben. .Sie behaupten nämlich, daß.der Unternehmer ursprünglich versprochen hätte, die Stiere mit — Korkmänteln zu umgeben, in denen die Spieße stecken bleiben sollten. Erst als man sah, daß er dieses Versprechen anscheinend nicht halten wollte, habe man die Vorführung unterbrochen. So unterstützen die hiesigen Bei Hörden den lächerlichsten und widerlichsten Humbug! Der erfinderische Korkmanteltore-chor wäre beinahe gelyncht worden. .Und auch unter der erregten Menge selbst schien es anfänglich .zu blutigen Kämpfen zu kommen. Die kostbaren Stiere brachen aus und entkamen. So entgingen sie wenigstens dem Flammentode. Auch die anderen Bestien wurden alle gerettet . .. j - Literarisches. === Von der 17. Auflage des altbewätzrtest Hausbuchs „Dr. Bocks Buch vom gesunden und kranken Menschen" (20 Lieferungen zu je 30 Pfg., Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin Leipzig) sind uns soeben die Lieferungen 11 bis 16 zugegangett. Das in tausenden von Familien eingeführte Werk wird somit in.Kürze vollständig vorliegen. Es sei unfern Lesern hiermit erneut empfohlen. Der Nährwert des Kakaos wird sehr häufig überschätzt, und die irrtümliche Annahme ist weit verbreitet, daß eine Tasse Kakao, wenn sie auch mit Wasser bereitet ist, sehr nährwertig wäre. Gewiß hat, so schreiben die „Blätter für Volksgefundheitspflege", Kakao gegenüber Kaffee und Tee, seinen Konkurrenten auf dem Gebiet der Genußmittel, einen hohen Nährwert, der besonders in Fetten und Eiweiß besteht. Abgesehen aber davon, daß das Fett der Kakaobohne in dem in den Handel gebrachten Kakao zum großen Teil fabrikmäßig entfernt wurde und jener Gebrauchskakao als der beste gilt, welcher der fettärmste ist, möge man doch auch die Menge in Betracht ziehen, die tatsächlich zu einer Tasse Kakao verwendet wird. Wenn auf 100 Gramm Wasser drei Teelöffel Kakao genommen werden, so werden die meisten Hausftauen das schon für sehr, reichlich halten. Diese drei gehäuften Teelöffel Kakao sind höchstens 20 Gramm, und wenn man im Kakaopulver durchschnittlich 30 Prozent Fett und 15 Prozent Eiweiß annimmt, so hat eine solche Tasse sehr starken Kakaos doch nicht mehr als 3 Gramm Eiweiß und 6 Gramm Fett. Selbstredend sind auch diese geringen Nährwerte immer besser als keine; aber daß sie nur gering, sind, müßte jedem bekannt sein, der eine Tasse Kakao genießt oder genießen soll, und die unklare Vorstellung des Publikums über den großen Nährwert des Kakaos muß auf das richttge Maß zurückgeführt werden, damit häufiger, als es heute der Fall ist, und zwar vor allem bei den Kindern, statt Wasser zur Bereitung des Kakaos Milch genommen werde, wodurch natürlich das Gettänk einen viel höherwertigen Nährcharakter erhäll. Auch durch reichlichen Zusatz von Zucker zur Tasse Kakao kann diese nahrhafter gemacht werden. Freilich sättigt sie dann auch sehr erheblich und verringert den Appetit gegenüber nährwettigeren Zuspeisen. Das letztere gilt in Micher Weise wegen ihres-- hohen Zuckergehaltes für die Schokolade, und ohne Kakao oder Schokolade diskreditieren zu wollen, ist es doch entschieden richtiger, bei Widerwillen nicht zu ihrem Genuß zu zwingen, sondern in einer Tasse leichtem Tee und einem bis zwei Eiern ein Frühstück zu bieten, welches an Nährwert und auch vielleicht an Verdaulichkeit- bedeutend günstiger beurteilt werden muß; denn mit einem Ei führen wir dem Körper durchschnittlich 6 Gramm Eiweiß und 15 Gramm Fett zu. Auf der Jagd und bei Bergtouren hat natürlich die Schokolade eine andere Bedeutung als im gewöhnlichen. Haushalt, und es wird dem Jäger und dem Wanderer stets zu empfehlen sein, sich in reichlicher Menge mit diesem Präparat zu versehen, welches wenig Raum einnimmt und doch den Hungrigen und Ermüdeten in vorzüglichster Weise zu erquicken vermag. Im Hause aber können Kakao und Schokolade nur als Frühstücks- form empfohlen werden, und wo Neigung zu Verstopsimg besteht, sollte man auf beide lieber gänzlich verzichten. Merkrätsel. (Nachdruck verboten.) Waldemar, Ehrenwort, Verfehlung, Salomo, Schleuder. Bon jedem Wort sind zwei nebeneinanderstehende Buchstaben zu merken. Diese Buchstabenpaare müssen im Zusammenhang gelesen einen dem Verkehr dienenden. Raum bezeichnen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Zahlenschrift in vor. Nr. r Das Leben ist der Güter höchstes nicht . . . (Schlüssel: Asien, Rügen, Dante, Blei, Schönheit). Redaktion-. August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcu Aniversitäts-Buch- und Ctciudrrickerei. R. Lange, Gießen.