Mittwoch de« 24 A^örua 'BW 8 NENZ-Ä e**j| DH AWÄ u II (Nachdruck verboten.) Wssa Aafcsnieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Einem Menschen alles sein, heißt für die Frau nicht leben und lieben, sondern ein Evangelium verkünden, eine Mission erfüllen: die Frau tut das, wofür sie gesandt ward. Es ist gewiß nicht wahr, daß moderne Jrauenpriester- innen der Decadence sind, daß unsere Entwicklung eine sinkende Lilie bildet. Wir steigen und steigen! Mer — wir müssen einem einzigen Menschen alles sein können. Menn ich also wirklich bald sterben sollte — er sein alles bald verlieren müßte — dann besäße er mich ja erst ganz und für ewig; denn Liebe kann kein Ende nehmen. Ich wollte, ich! wärie gestorben in der Nacht, wo sie aus der Pinienwiese den Saltarello tanzten, wo ich zu ihm gehen wollte und ihn bei der kleinen, grünen Pforte traf, wo ich seine schlummernde Jugend wachküßte. Tas Glück hätte mich töten müssen. Auch, für ihn wäre es besser gewesen, viel, viel besser. Aber das ist ein schivermütiger Gedanke. * Unt Gottes willen, nur nicht unglücklich werden! Tas Unglüick ist etwas zu Häßliches. Mr müssen in strahlender Schönheit enden. * Taß es dergleichen gibt! Tenn er ist mir Bruder und Freund, Gatte und Geliebter — eben alles! Aber er soll nur mein Geliebter sein, nichts anderes als mein Geliebter! Würde mich mit nicht inmitten des erstickenden Jubels plötzlich die Angst wieder befallen: die Todesangst vor mir selbst! Ich kann'sie nur einwiegen, wenn ich bei ihm bin, wenn ich mich, an seine Brust dränge. Seine Nähe ist für mim Wiegengesang. * Menn ich ihm meine Märchen vorgeplaudert habe, erzählt er mir vou seinem Leben in der Villa Falconieri, die er noch mehr liebte als mich, und auf die ich eifersüchtig bin. Und das mit großem Grund! Tenn seine Villa Falconieri ist ohnegleichen, und seine arme kleine Viviane — die Angst! O, die Angst! Was kann ich nur tun gegen diese entsetzliche mordende Angst? Also er erzählt mir, wie er mit Kohlenbrennern, Hirten, Jägern und Campagnuolen gelebt hat: über zwanzig Jahre! Wir sitzen vor unserem kleinen Hause, die Marmorleiber, die eingemauerten, wollen zu uns heraustreten, können nicht, scheinen sich zu krümmen und zu winden, scheineu zu stöhnen und zu seufzen. Tie Riesenhand krampft sich in Qualen zusammen und erhebt sich drohend gegen uns. Die Augen der jungen Fran, die leben möchte und sterben muß, können sich noch immer nicht schließen, ihre wimmernden Lippen noch immer den letzten Seufzer nicht aushauchen. Es wird Abend. Ueber dem Cavo steigt die blasse Mondsichel auf; aus dem Molaratal quillt der Dunst des heißen Tages in Nebelwellen zu uns empor. Im Hause zündet mein vertrauter alter Diener die Kerzen an. Wir bleiben draußen sitzen und er erzählt mir. Es sind Geschichten von Menschen aus einer Welt, von der ich nichts wußte. Welch tierisches Dasein! Er hat ein Mitleid mit allen diesen Leuten, welches ich nicht fühlen kann. In diesem einen sind wir einander ganz fremd. Menn es ein böses Fieberjahr gab, hat er oft wochenlang in der Campagna gelebt, den Leuten Chinin gebracht, die Kranken gepflegt und die Sterbenden getröstet. Biele sind in seinen Armen gestorben. Er ist eine Samariterseele und tut Werke der Barmherzigkeit mit solcher Naturnotwendigkeit, wie eine Mon- daine unausgesetzt an ihre Schönheit und Eleganz denken muß. Ich habe von einer Samariterin keinen Atemzug in mir; und wenn ich wie eine Heilige unter meinen Bettlern und Krüppeln stehe, so ist das nur eine Pose. Ich, könnte ihm aus meiner Welt auch Geschichten erzählen. Aber ich werde mich hüten. O, ich bin klug! * Wir müssen vorsichtiger sein. Vorsicht ist häßlich,; und es empört mich, die Häßlichkeit dulden zu müssen. Es hilft jedoch nichts. Ter Prinz ist jetzt merkwürdigerweise weniger als sonst in Rom. Er ist jetzt immer sehr ritterlich, beängstigend höflich. Es ist eine Caprice von Cola, daß er nicht in die Villa Taverna kommen will. Wir disputieren darüber; aber er gibt mir nicht recht. Ich bitte ihn; aber er schlägt mir meine Bitte ab. Ich schmolle mit ihm; doch bleibt er dabei, daß er nicht kommen will. Ich werde ernstlich böse, und — er kommt trotzdem nicht! * Wir sahen uns einige Tage nicht. * Ich, eilte ihm entgegen, ich warf mich in feine Arme, drängte mich an seine Brust. Ich wollte aus seinen Armen gar nicht wieder heraus. Er ist so gut, so gut! Ich bin bei ihm so sicher und geborgen, werde so gut bei ihm, so viel, viel besser. Er ist mein Hort und mein Heil. Er war nicht böse mit mir; nur sehr ernst, selch traurig. - 118 Ich weinte. Er dichtet. Er schreibt ein Drama. Er ist wie berauscht. Seit fünfzehn Jahren dichtet er wieder! Immer wieder und wieder sagt er mir: er danke es mir, einzig und allein mir! Ich mache ihn nicht allein zum glücklichen Menschen — ich mache ihn auch wieder zum Dichter. Es wird ein modernes Stück: eine Verherrlichung der Frau. . . Wiederum eine Verherrlichung der Frau; noch dazu der modernen Frau! Ich sorge mich etwas. Er scheint zu wünschen, daß die Neri sein Stück spielt. * Ich bin gar nicht so froh, wie ich sein sollte. Ich bin eifersüchtig auf seine Arbeit: sie zieht ihn ab von mir. Wozu braucht er wieder zu dichten? Er soll lieben! Er soll mich lieben. Er soll nie mehr etwas anderes tun, als an mich denken, als mich in seine Arme schließen. Was kümmert ihn die moderne Frau? Er kennt sie ja doch nicht- Es ängstigt mich geradezu, daß er uns Frauen wiederum verherrlicht. Wer er ist so rührend in seiner Glückseligkeit, endlich wieder arbeiten zu können. * Heute sprach er mit mir über Maria. Es war das erstemal, daß er ihren Namen nannte. Ich wandte mich ab. Er hat ihr „alles" geschrieben. Sie bleibt in Deutsch-- land. Ich mochte ihn nicht fragen, was sie ihm geantwortet hatte. Er machte solch sonderbares Gesicht, als er ihren Namen nannte. , Ich, stahl ihn dieser Fran! Er gehört mir, ganz mir, ewig mir! . . . Ja, ich raubte ihn ihr. Nein! Denn er hat ihr niemals gehört. Eigentlich tut sie mir leid. Sb er wohl viel an sie denkt? Es geschah ja doch nur aus Mitleid, daß er sie an sein Herz nahm. . Ihre weißen wilden Wolfshunde habe ich jetzt zu meinen Füßen. Das ist auch ein Triumph! Zuerst fletschten sie die Zähne gegen mich hätten mich am liebsten zerrissen; jetzt kriechen und winseln sie vor mir. Nach der Wreise ihrer Herrin suchten sie diese tagelang; tagelang rührten sie kein Fressen an. Und jetzt spiele ich mit ihnen tote mit Mäuslein. Cola liebt nicht, daß die Hunde bei mir sind. Sie kommen jedoch immerfort auf den Berg gelaufen, lassen sich nicht fortscheuchen, bleiben bei mir als meine Trabanten. Ich weiß recht wohl, weshalb er mich nicht gern mit Marias Hunden sieht. * Ein Bekenntnis !Es treibt mir vor Schchm das Blut ins Gesicht. Ich! komme mir vor, wie noch einmal entweiht. Ter Prinz machte mir eine Erklärung: er sei in mich verliebt! Ich soll seit kurzem seltsam verändert fein. Es soll etwas über mir liegen, etwas Unaussprechliches, Unverständliches. Wenn er wüßte, welche Gottheit mich berührt hat. . . Das nenne ich Deeadenee: die Decadence des Mannes am Ende dieses Jahrhunderts! Er verliebt sich in seine Frau erst dann, wenn sie einen andern liebt. Er findet sie erst dann begehrenswert, seitdem ein anderer sie besitzt ^U^tetwas Glanzvolles über ihr liegt, was nicht von dieser hätte es ihm so gern ins Gesicht gesagt! Zum Gluck schwieg ich Wie ich mich schäme! * Cola nennt mich sein „Schicksal". , Ich bin also für ihn eine überirdische Macht, gleichsam eine göttliche Gewalt und könnte Vorsehung spielen. So etwas gefüllt einer eitlen Frau. Er hat manchmal einen ganz eigentümlichen Blick, wenn er mich sein Schicksal nennt: solchen Seherblick! Wer der Dichter soll ja wohl 'Prophet sein? Heute setzte ich meinem Liebsten die Gründe auseinander, weshalb ich ihn lieben muß: aus Naturuotweudia-- keit lieben! Erstens: weil er ganz anders ist als alle anderen Männer, ganz, ganz anders. Zweitens: weil er mich liebt, wie kein anderer mich lieben kann. Drittens: weil er ein guter Mensch ist und seine Güte mich gut macht. Viertens: weil er etwas in seinen Augen hat — eben die Himmelsflamme, die große Leidenschaft. Fünftens: weil er mich immer verstehen, immer entschuldigen wird, also niemals verdammen kann — was auch geschehen möge. Sechstens — Ich vergaß, welchen Grund ich ihm sonst noch angab. Es sind ja auch Gründe genug und übergenug. Wenn er mich jemals aus seinem Herzen fortstoßen sollte, würde ich ihm folgen. Ich würde ihm nachschleichen wie ein Hündlein seinem Herrn. Ich würde nicht eher ruhen, als bis er mich wieder an sein Herz genommen hätte. Denn' nur an seinem Herzen finde ich Rettung. Rettung wovor? Vor mir selbst! Wie klein, wie jammervoll klein ist doch alles, wenn man fühlt, was ich fühle: eine große Leidenschaft! Um den Wert aller Dinge kennen zu lernen, muß man lieben. Kami Liebe jemals enden? Nein! Nein! Es müßte denn fein, daß — Was müßte feb* Besinne Dich! Es müßte sein, daß Uebersättigung eintritt: ein physisches und seelisches Zuviel! Ein Zuviel, welches Ekel einflößt. Und Ekel ist der Tod eines jeden Gefühls. Heute sprach ich mit ihm hierüber. -Er verstand mich gar nicht, war ganz entsetzt, geradezu empört. rief: „Eine seelische Uebersättigung! Was meinst Du eigentlich damit? Wie kann es eine seelische Uebersättigung geben?!" Ich lächelte: „Mein Gott, ja! Eben ein embarras de richesses an Gefühlen. Man wird so müde davon, so —" Ich verstummte unter seinem entsetzten Blicke. Es war nicht recht von mir; denn ich wollte ihn quälen. Ich verspürte plötzlich solche Lust dazu, daß es mir selbst ganz unheimlich war. Es sind dies Anwandlungen jenes alten schändlichen Jchs, das in mir noch nicht ganz erstorben ist. Ich wollte, es würde in mir umgebracht: so mit einem einzigen Schlage! Denn immer wieder diese Angst, diese Todesangst . ,. * Hoffentlich liest er mir fein Drama nicht vor. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Dichter ihre Sachen vorlesen! Sie sind dann so pathetisch. Und alles Pathos ist geschmacklos. Ich werde ihn bitten, mich mit der Aufführung zu überraschen. * Heute wollte er mit mir über die Zukunft sprechen: über unsere Zukunft. . . Still, v still! Ich will von keiner Zukunft hören. Und ich küßte ihn so lange, bis er still war. Ich glaube wahrhaftig, er wünscht, daß ich dem Prinzen alles eingestehen soll. Gerade jetzt, wo der Prinz — Er ist doch durch und durch ein großes Kind: eben ein Dichter, ein Verklär er der grauen Wirklichkeit. Darum liebe ich ihn ja! Mein junger Held von diesem Sommer wird von seiner jungen Herzogin so rasend geliebt, daß sie sich von ihrem Mann trennen lassen will. Also auch eine „große Leidenschja.fi". Merkwürdig! * Assunta Neri kommt im Herbst. Ich freue mich! sehr auf sie. -Eigentlich verdanke ich ihr den Anfang meiner Erweckung, meiner Erlösung. Sie sprach damals so große, feierliche Worte zu mir; und seit jenen Worten begann ich anders über mich selbst zu denken. Ohne ihren hypnotischen Einfluß hätte ich mir niemals die Kraft zugetraut, die Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung — Das Wort hat solchen sonderbaren Klang! * Sehr freue ich mich auf Assunta Neri <►. 119 Sie wird mir wieder helfen, mich wieder stark machten, Mir ihren edlen Geist suggerieren. Vieles ist eben doch recht schwer. Dieses entsetzliche eingemauerte Frauenhaupt. . . * Seit Wochen habe ich nichts geschrieben. Meine Hände Jinb wie gelähmt. Wie gelähmt ist meine Seele. * I !' Dina, hilf mir ! Tina, Dina! Was ist das nur mit mir? Sage Du mir's! Du bist ja so weise, so gütig, so barmherzig. Ich habe solche Angst, es ist solche Qual! Dina! Um Gottes willen, Tina! Ich will ihn lieben! Will? Ich muß! Sonst ist er verloren, sonst bin ich verloren! Es ist ja auch, nicht möglich, daß — Dina! Tina! — daß ich schon jetzt — schon so bald--: Ich bin gewiß verrückt. . . Aber so hilf mir doch! * Nein! Nein! Nein! Bin ich denn anders als andere Frauen? Bin ich eine Abnormität, eine seelische Mißgeburt? Ich will nicht anders sein! Ich will sein wie alle Frauen, die lieben und geliebt werden die glücklich machen und glücklich sind. Wäre er nur nicht so leidenschaftlich — * Ich wehre mich, wie ich nur kann. Ich kämpfe und ringe mit mir. ■ Ich schlage meiner Seele blutige Wunden. Gott, Gott, wie ich leide! * Er merkt nichts, ahnt nichts. Das beruhigt mich etwas. Er darf nichts ahnen — niemals! Es würde ihn — ich weiß nicht, was mit ihm geschehen würde . . . Doch! Ich weiß es genau. Ich wollte ihn ja erlösen, nicht vernichten. ! Ich übernahm ja doch die Verantwortung! Ich habe ja doch ein Gewissen! Käme Assunta Neri nur! Oder wenn Dina bei mir wäre, wenn ich zu chr könnte — - Warum kann ich nicht? Fort! * Ich muß bleiben! Was hülfe auch Flucht? Sich selber kann der Mensch ja doch nicht entfliehen. Ich will ihn täuschen. Es wird nicht schwer sein, da er so gläubig ist wie ein Kind. Und so glücklich Gott, Gott, so glücklich! Es ist merkwürdig, wie gut ich mich verstellen kann. Ich bin ruhig und heit-w, rede mit ihm viel über die Zukunft: über unsere Zukunft. Ich habe ihm versprochen, dein Prinzen nächstens alles zu sagen, mich von dem Prinzen zu trennen, den Skandal, den die Sache machen wird, mit souveräner Größe über mich ergehen zu lassen. Und wie er mir dankt, wie er mir vertraut. . . Wäre er nur kein solch guter Mensch! Sogar küssen lasse ich mich wieder von ihm — Es ist gar nicht so schwer. Las Heucheln und Lügen. Man gewöhnt sich sehr bald daran. Nur nachdenken darf man darüber nicht; denn sonst — * Die ersten Herbstregen! Die Campagna feiert ihren zweiten bacchantischen Lenz. Sie gleicht einer unglücklich Liebenden, die sich von Blüten ersticken läßt; denn unter diesem falschen Frühling lauert der Tod. Ich habe noch immer Mitleid mit ihm ... (Forts, flgt.) Aer kleine Japaner» Skizze von Rudolf Mac-Ivar. (Nachdruck verboten.) „Sehen Sie", sagte der kleine japanische Doktor Korito- rubi oder ribi oder so ähnlich zu mir, „die Miß, man spricht wohl hier Fräulein — also die Fräulein Lawreß!" Ich nickte billigend, wie man das bei Erwähnung eine-, so schönen und verehrungswürdigen jungen Dame tut, aber gleich daraus fuhr ich ganz perplex in die Höhe, als ich hörte: „Glauben Sie, daß sie mich heiraten möchte? Um Kinder zu habend Wenn eine von den nächstens in der Umgegend von Port Arthur oder Wladiwostok krepierenden Granaten oder Torpedos plötzlich aus einer allerdings etwas überreichlichen Entfernung neben mir eingeschlagen oder sich eingebohrt hätte, wäre ich kaum betroffener gewesen als bei dieser Frage. Die schlanke, weiße Thea Lawreß, diese goldblonde, stolze Germanin, und hier der kleine gelbe Japaner, der trotz Brille, europäischer Kleidung und wirkliche ganz gediegener Bildung den asiatischen Massenmenschen nicht verleugnen konnte. Es schüttelte mich förmlich. „Um Kinder zu habend Ich überlegte die Idee eines urteutschen nachdrücklichen Faustschlages in das Genick oder auf die Hirnschale, die einen so vermessenen Gedanken aus- brüten konnte. Aber dann kam mich ein Lächeln an. Nein, ^das war sicher, sie würde auf diese Proposition kaum eingehen. Und ich fing an, mich wieder zu beruhigen. Hatte der Japaner die Antwort in meinem Gesicht gelesen? Ein merkwürdig trauriger und trostloser Ausdruck lag in seinen nur wenig schiefen Augen und mit einem ebensolchen sagte er jetzt: „Sie glauben nein?" fragte er. Ich schüttelte mit großer Vehemenz mein Haupt. „Und warum nicht?" Es klang ganz sanft. In meinem lieben Herzen und Gemüt überlegte ich eine Antwort, die Len Japaner nicht allzusehr verletzen möchte und die im Sinne des jungen Mädchens lag. Für mein Gefühl wäre der Grund der Abneigung gegen Zärtlichkeiten etwas ganz Seltsames gewesen. Nicht die gelbe Hautfarbe ober das schwarze, borstenähnliche Haar im Schnurrbart, das so einzeln zu stehen schien, störten mich, nein, es war ein Geruch, der außerdem wahrscheinlich nidEjt vorhanden war. Aber ich kann eine einzelne Maus nicht auf zwanzig Meter betrachten, ohne ihn sofort in der Nase zu haben, und ich kann keinen Chinesen, Mongolen oder Japaner sehen, ohne eine scharfe asiatische Ausdünstung zu spüren, die den Städten und Menschen im fernen Osten eigentümlich ist und die in der Tat den Begriff Les Ungeziefers nahe legt. Fast hatte ich das Gefühl im Verkehr mit dem Doktor Koritorubi oder ribi verloren, da er entschieden von peinlicher Sauberkeit war und diese auch in der Kleidung zum Ausdruck brachte, jetzt war es wieder da. Aber das konnte ich ihm doch nicht sagen, und außerdem wußte ich doch nicht, ob Fräulein Lawreß, deren Nähe ich mit Wonne ein- atmete, wie frische Wäsche, meine Empfindungen teilte. Ich sagte daher: „Nach unseren deutschen Anschauungen muß der Mann größer sein als die Frau, mindestens aber ebenso hoch. Und aus diesem Grunde vermute ich —" „O", sagte der Japaner, „ich habe hier schon kleinere Ehemänner als die Frauen gesehen. Sehen Sie, ich habe es mir hier ausgeschrieben — zusammen über sünfzig." Mit Recht war ich über diese statistische Begeisterung etwas betroffen. Das wurde ja immer schöner. „Mer", fuhr er fort, „es stimmt, ich bin zu klein. Eben darum, und das Fräulein Lawreß ist sehr schlank und groß. Unsere Kinder möchten nach ihr sein." Ich erboste mich wieder zusehends. Was dieser Mensch immer mit den Nachkommen von Thea zu tun hatte! Aber diese Erfindung mit der darwinistischen Zuchtwahl auf sich bezogen, war für den vordringenden Geist des Japaners bezeichnend genug. Tas könnte ihm so passen. Aller- dings, die Kinder Theas würden Rassebilder sein. Indessen wuchs meine Empörung immer mehr gen Ur» teutschland hin. Und wenn Fräulein Lawreß auch nur eine arme Erzieherin war, dachte dieser Asiate etwa, er könnte sie mit seinem Gold kaufen, wie ein Mädchen an der Straße? Und so donnerte ich mit der Faust auf den Tisch herunter. „Sie nimmt Sie nicht!" sagte ich laut und also entschieden deutlich. Er sah mich von der Seite an, als hätte ich zuviel 12'0 von dem Rüdesheimer getrunken. Tann blinkerte er mit seinen Zähnen, was wohl ein Lächeln sein sollte und für mich eine höhnische Grimasse war und ging nach einer geraumen Weile schweigenden Nachdenkens aus der Weinstube davon. Na, und ich habe daun meinen Grimm ordentlich begossen. Ungefähr zehnmal habe ich dabei in meinen Gedanken den Japaner mit bloßen Händen erwürgt und gegen siebenmal ihn in eine Gosse getreten, wo er absolut unsichtbar verschwand. Für seine Vermessenheit, an die Kinder von Thea zu denken. Als ich in die Pension kam, glaubte ich aus der entgegengesetzten Tür des Speisezimmers, in dem Fräulein Lawreß jetzt allein saß, den Japaner verschwinden zu sehen. Außerdem schien mir das junge Mädchen sehr erregt zu sein. Aber ich war in der rechten Stimmung, Konflikte heraufzubeschwören und durchzufechten. „Ist denn kein Anftaudswauwau für Sie da, gnädiges Fräulein?" fragte ich mit Hinsicht auf die Zimperlichkeit in der Pension und ihre eigene Achtung vor den Philistersitten, die sie immer hatte, ziemlich rauh und männlich Sie zuckte zusammen, sonst hatte ich sie in der letzten" Zeit immer mit dem Vornamen angeredet, wenn wir allein waren. Nun ja, gegenüber liebenswürdigen und schutzbedürftigen Mädchen, die ganz einsam in der Welt stehen, gewöhnt man sich leicht Vertraulichkeiten an, deren Fortfall nachher von beiden Seiten äußerst schmerzlich empfunden wird. Aber es geschah etwas, was ich der stolzen Thea niemals zugetraut hätte und worüber ich dann auch etwas aus der Form ging. Sie beugte nämlich ganz still ihr goldschimmerndes schlankes Haupt, und ich sah etwas Blitzendes auf ihre weißen Hände fallen, was meiner Vermutung nach nur Tränen sein konnten. Trotzdem ich sonst eigentlich von Natur nicht sehr rührselig veranlagt bin, sondern, wie gesagt, mehr nach den Ursitten hinneige, war mir dieser stumme Schmerz doch sehr beweglich bezüglich meines Herzens, das sonst immer mehr im Amtsstil schlug, was mit meiner Tätigkeit als Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt zusammenhängt. Ich trat also ziemlich spronstreichs an das junge Mädchen heran, möglich, daß ich dabei meinen Arm um ihre Schultern gelegt und mich zu ihr hinuntergebeugt habe, man weiß nachher so etwas „nimmer genau", würde Scheffel im Ekkehard sagen und fragte ziemlich erregt: „Thea, hat Ihnen der Japaner etwas getan? Ich gehe ihm dann sofort nach und drehe sein Genick gen Ragasuki oder Tokio. Wohin wollen Sie es haben?" „Ach, Herr Mac-Ivar", meinte sie mit ihrer „seligen" Stimme (dieser Ausdruck rührt von einem vernünftig-verrückten Musiker in der Pension her), „das werden Sie nicht tun. Nein?" In solchen Momenten verspricht man alles mögliche, und ich habe denn auch damals versichert, ich würde den guten (sic!) Japaner bis an das Ende seiner Tage leben lassen, wofür er mir jedenfalls dankbar zu sein alle Ursache hat. Dann aber fragte ich: „Was wollte er denn eigentlich von Ihnen, Thea?" Als sie nun mit der Sprache nicht recht heraus wollte, was ich erklärilch fand, erwähnte ich so obenhin die Heiratsgedanken, über die sick Koritorubi oder ribi zu mir geäußert hatte, sehr vorsichtig natürlich. Thea Lawreß wurde ganz rot, und ich, bemerkte, daß ihr das auch sehr gut stand. Grund genug für mich, um bei dem Thema zu beharren. „Ich fürchte mich vor ihm", meinte sie. „Mein Zimmer liegt neben dem seinen, und ich sage es noch heute, daß ich dort ausziehen möchte." „Tauschen wir!" schlug ist vor, da mir die Aussicht, das ehemalige Stübchen Theas zu bewohnen, ganz närrische Empfindungen hervorzurusen schien, über die ich unbedingt gern mehr Kiarheit gehabt hätte. „Außerdem, wenn etwa ein starker deutscher Männerarm sonst notwendig sein sollte — ich bin keineswegs klein und schwächlich —" „O, Mac-Ivar", sagte sie, „Sie müssen immer spaßen." Wenn «sie mir schon die Ehre erweisen wollen", erwiderte ich, „mich mit meinem Vornamen anzureden, so muß ich Ihnen bernerkliw machen, daß ich Rudolf heiße." „Wird es Ihnen nicht zu beschwerlich sein, mich zu beschützen, fragte sie leise. Ich hatte mich unterdessen ihrer Hände bemächtigt und beschäftigte mich damit, sie abwechselnd ganz zart zu küssen und wunderte mich nur, daß sie es ganz geduldig geschehen ließ. Trotzdem fano ich Zeit, die Antwort zu geben, daß ich eine derartige Beschützerrolle für einen ausgesuchten Leckerbissen hielte. „Warum können Sie den Japaner nicht heiraten?" fragte ich störrisch weiter und unterbrach einen Augenblick meine liebliche Tätigkeit. „Mögen Sie ihn?". Wir sahen uns an und lachten auf einmal. „Es ist eigentlich schändlich", sagte ich. „Was denn?" fragte sie unschuldig. „Wissen Sie denn das Wort überhaupt?" meinte ich hochmütig, wie ein Vollblutgermane nur sein kann. „Mäuse!" „Aber, Thea, Sie waren ja nicht in China oder in Japan. Was wißt Ihr Frauen denn von der gelben Gefahr!? Und deswegen magst Du den koritorubischen Doktor nicht?! Frauen oder Volksinstinkt? Warum denn mich?" „Wir haben beide so schöne englisch klingende Namen." „Tas ist wahr", bemerkte ich und mußte sie dafür küssen, „aber einer geht nun verloren, Thea. Oder ist es Tir nicht recht?" In diesem Augenblick erschien selbstverständlich die Pensionsmama, wie um in Ermangelung der richtigen Mutter die Szene unwiderruflich historisch zu gestalten und sie mit einer Aufwallung des Gefühls, wie sie vorkommt, nicht zu entschuldigen. Als sie sich mit der höhnischen Frage, ob sie störe, zurückziehen wollte, bemerkte ich daß dazu keine Notwendigkeit vorläge. „Aber", fuhr ich fort, „ich! war gerade dabei, meiner Braut bemerklich zu machen, daß sie nun mindestens mir gegenüber einen Teil ihrer Reserviertheit und ihres holden Stolzes aufgeben müsse. Ich denke, ich habe sie überzeugt." Ta gratulierte sie salbungsvoll, wie das nur eine tugendhafte deutsche Pensionsgewaltige tun kann. In der Tat, wenn mir jemals einige Momente bei meiner Ehe, oder vielmehr bei ihrer Vorgeschichte peinlich wären, so wäre cs das, daß ich mir mein schlankes, goldenes Lieb' aus einer deutschen Pension holen mußte, diese sind mir immer als wahre Brutstätten von Philisterhaftigkeit erschienen, und zweitens, daß sich in die eigentliche Veranlassung meines zunächst zu vermutenden Glückes, die ja der kleine Japaner gab, der Ausdruck „Mäuse" eingeschlichen hat und wird beide einem so intelligenten und tapferen Volke Unrecht getan haben. Aber Instinkte und Geruchsempsindungen müssen bei Liebenden gleich sein, ich halte es für notwendig, das zu betonen, weil man das noch nie erwähnt sand. So ist die verbesserte Nach- kommenschaft des kleinen Japaners an der feinen Nase meiner Thea gescheitert. Ein Vorwurf, des Nachdenkens von Gelehrten würdig. ßrp obtcs M zept. Zum Reinigen der Petroleumlampen empfehlen wir als einfaches Mittel trockene Holzasche, mit welcher man Brenner und Glasbecken innen und außen mit weichem Papier abreibt. Das Becken wird spiegelklar und darf nur noch mit einem trockenen Tuche nachgewischt werden. Dieses Putzen mit Asche ist dem vielfach gebräuchlichen Auskochen mit Seife und Soda bei weitem vorzuziehen, da letzteres Verfahren nicht nur viel umständlicher ist, sondern mit der Zeit auch oft die Trennung des Brenners vom Becken zur Folge hat. Die in Seife und Soda enthaltenen Aetzstoffe lösen nämlich die übliche Verkittung auf, welche jene beiden Teile verbindet. Geheimschrift. Nachdruck verboten. * || = § △ ? || + x - || 0 ! § II + Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Streichholzspieles in vor. Nr.: Man legt die Streichhölzer in zwei Hauieu von drei und sechs Stück; der erste Hausen sind drei, der zweite ein halbes Dutzend Streichhölzer. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Terlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.