Wr. 108, 1904. .1»! «LM" a u f q.. ti M Samstag den 23. Aust. H -e el? --! s JA WZ Gin angenehmes Kröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der weitere Teil der Reise verlief nun ohne irgend welchen nenneiiswerten Zwischenfall, aber das Ungewisse der Zukunft lag auf allen wie ein Druck, der, je mehr sie sich dem Ziele näherten, um so schwerer aus ihnen lastete. Diesem Gefühle gab auch, der Major mit den treffenden Worten Ausdruck: „Es ist wie vor der Schlacht. Selbst der Mutigste erzittert bei dem Gedanken, daß man vielleicht einer erdrückenden Uebermacht gegenüberstehe — ist man aber erst im Feuer, dann ist alles Erwägen und Ueberlegen verschwunden, dann haut man drein, so lange es überhaupt etwas zu hauen gibt, und ist nichts mehr da, daun hat man eben gesiegt." Erich schmunzelte leicht vor sich hin, was den Alten zu neuen Vorhaltungen veranlaßte: „Ihr jungen Leute glaubt natürlich über unsere Erfahrungen spötteln zu dürfen", grollte er, „weil Ihr ein oder das andere Manöver mitgemacht habt, dünkt Ihr Euch schon lauter Moltkes! Ich aber sage Dir, daß ein Manöver zur Wirklichkeit in demselben Verhältnis steht, wie das Gelbe vom Ei zur gebratenen Gans!" „Mer, lieber Mann", nahm sich Frau von Höchstfeld ihres Jungen an, „Erich hat doch gar nichts gesagt — nicht ern Sterbenswörtchen." „Er hat sich's aber gedacht — oder meinst Du, daß ich mich auf diese Gesichterschneidereien nicht verstehe?!" — und zu Erich, gewandt, sagte er schar f— „ich bemerke es überhaupt schon seit einiger Zeit, daß Du meinen Bestimmungen nicht den schuldigen Respekt entgegenbringst und Dir eine eigene Meinung zu haben erlaubst. Das dulde ich nicht — jetzt weniger als je. Du scheinst mit dem Waffenrock auch die Subordination abgelegt zu haben, aber bilde Dir nicht ein, daß ich so etwas durchgehen lasse — noch bin ich der Herr!" „Ich wüßte wirklich nicht, wann ich Dir den Respekt verweigert hätte", verwahrte sich Erich, „aber da ich nicht vor meinem Vorgesetzten, sondern vor meinem Vater stehe, so wird es mir auch wohl erlaubt sein, meine Anschauung aussprechen zu dürfen." t Der Major räusperte sich verlegen. „Hier und unter vier Augen habe ich nichts dagegen", lenkte er ein, „sobald wir indes unfern neuen Wirkungskreis angetreten haben, hast Du für alle ein Vorild stummen, willenlosen Gehorsams zu sein. Mir hat es schon nicht gefallen, daß Du auf eigene Faust mit diesem Grafen ,Ste- penaz Bekanntschaft beschlossen hast, und wenn Du Dir wirklich irgend welche Pläne von Familienversöhnung zurecht gelegt haben solltest — Dein Rotwerden bei der Erwähnung von Komtesse Ljubiza scheint mir das fast zu bestätigeni so schlage Dir das bei Zetten aus dem Kopf!" „Du weißt doch, daß es eine zufällige Begegnung war", protestierte Erich zögernd. „Und das zweite Mal?" „Auch nur Zufall!" „Du, solche Zufälle kenne ich!" drohte ihm der Alte unwillkürlich schmunzelnd. Mit ernster Miene erklärte der Major seinem ziemlich ungeduldig dreinschauenden Sohne: „Vergiß nicht, was wir dem Andenken Deines Onfels schuldig sind! Haben diese Stepenaz' des Pfarrers Partei ergriffen, der es in seiner heimtückischen Scheinheiligkeit doch nur darauf ab- ?,eschen hatte, Karl für sein holdes Schwesterlein einzu- angen, so können sie uns nie nähertreten — nie!" Frau von Höchstfeld seufzte beklommen. „Laß das", schalt er ärgerlich, „damit schaffst Du die Sache nicht aus der Welt! Wir können doch, gar nicht anders, wir müssen mit den gegebenen Verhältnissen rechnen, das verlangt der Familiensinn, und das verlangt die Achtung vor uns selbst! Freilich^, da sie unsere nächsten Nachbarn sind, werden wir wohl nicht gut einem Besuch aus dem Wege gehen können, aber das verpflichtet noch lange nicht zu einem intimeren Verkehr, und ich werde nicht ermangeln, ihnen zu verstehen zu geben, dast ich »uich mit meinem Vetter eins fühle, und daß die von Höchstfeld stets für einander eingetreten sind." Solch angenehme Gespräche, bet welchen sich der Chef der Familie in immer größeren Zorn gegen die ihnr noch unbekannten Feinde hineinredete, würzten die ganze Reise, und mit einem Gefühl freudiger Erlösung nahm Frau von Höchstfeld die Nachricht hin, daß die Eisenbahnfahrt in drei Stunden zu Ende sei. Dann hatte man noch auf einem kleinen Savedampfer — oder wie Erna korrigierte: Saudampfer — drei Stunden Talfahrt, und von der Station Mariance, wohin die Wagen schon bestellt waren, die letzten zwei Stunden per Achse zurückz-ulegen. Im ganzen also immerhin noch acht Stunden, aber Frau von Höchstfeld und die Kinder gaben sich der angeneh- nren Hoffnung hin, daß die neue Umgebung den Vater auf andere Gedanken bringen würde. Und das traf tatsächlich ein, denn mit dem Moment, da! man den Dampfer bestieg, fluchte er nicht mehr über die vage Zukunft, sondern über die greifbare Gegenwart. Die um eine ganze Stunde verspätete Wfahrt bot ihm willkommenen Anlaß, über die „elende Hundewirtschaft" und über die „infame Lotterei" dieser „Bagage" loszudonnern, die wohl glaube, daß er seine Zeit „gestohlen" habe! Mama Höchstfeld war in tausend Aengsten, und auch Erich befürchtete,, daß sich ein oder der andere der Passas — 430 — fitere diese in allgemeinen Ausdrücken gehaltenen Beleidigungen verbitten könnte. Ihre Beruhigungsversuche hatten aber leider nur den Erfolg, daß er nun erst recht loslegte. Da, als er im ärgsten Räsonuieren war, klopfte ihm ein biederer Semliner Holzhändler ganz ungeniert auf die Schulter und s agte: „Wissen Sie, mein lieber Herr, ich höre Ihnen schon Oie längste Zeit zu, und ich bedauere Sie." „Bedauern Sie sich gefälligst selbst!", knurrte ihn Herr von Höchstfeld wütend an. „Ne, ne, ich bedauere Sie", beharrte dieser in aller Gemütsruhe, „denn sehen Sie, mein lieber Herr, wenn Sie schon hier Ihren ganzen Vorrat an Schimpfworten aus- kramen, dann bleibt Ihnen doch nichts für die anderen Stationen übrig!" Herr von Höchstfeld war über diese Dreistigkeit so perplex, daß er gar keine weitere Zurechtweisung fand. Der urgemütliche Semliner fuhr deshalb in' feiner wohlmeinenden Belehrung fort: „Glauben Sie vielleicht, daß es bei den folgenden Stationen anders sein wird? I bewahre, eine Stunde Verspätung haben wir mindestens bei jeder, und wenn nicht mittlererweile die Nacht hereinbricht und der Kapitän sich, deshalb weiterzufahren weigert, darin können wir noch von Glück sagen." Allmählich kam der Major aus seiner Erstarrung zu sich. „Aber zum Teufel", schrie er, „zu was hat man denn dann überhaupt einen Fahrplan?!" „Na", meinte jener mit der unschuldigsten Miene von der Welt, „Ordnung muß doch sein." „Und das nennen Sie Ordnung? Da weiß doch kein Mensch, wie er daran ist." „Wieso denn nicht, lieber Herr?" widersprach ihm der Semliner ruhig, „wir wissen ganz gut, daß wir eine Stunde zu spät immer noch rechtzeitig ankommen. In Mirkowae, der nächsten Station, kommen die Leute deshalb schon um zwei Stunden später usw. Da wir also die wirklichen Abfahrtszeiten so ziemlich genau kennen, so darf man doch nicht von Unordnung oder von Hundewirtschaft reden, das wäre ungerecht, lieber Herr." Herr von Höchstfeld hatte von dieser ersten Erfahrung auf kroatischem Boden genug und wandte sich brüsk um. Der Semliner hingegen schaute ihm die längste Zeit kopfschüttelnd nach, und auf eine Frage der Umstehenden, was es denn gegeben habe, sagte er nur achselzuckend: „Eh, nichts, Brüder, 's ist so ein verrückter Deutscher, er will nach dem Fahrplan abfahren." , „Nach dem Fahrplan? Warum denn das?" „Ja, wenn er das selbst wüßte! — Weil es gedruckt steht" Er folgte ein homerisches Gelächter, bann steckten fte tue Kopfe zusammen und lispelten und wisperten, und bald darauf wußte es das ganze Schiff, daß man einen „armen Kranken" vor sich habe, dem man das Schimpfen NM übel nehmen dürfe, da er ja nicht ganz klar im Kopfe sei. Aus den teils scheuen, teils mitleidigen Blicken, mit denen man sie auf Schritt und Tritt verfolgte, entnahm dre Familie Höchstfeld recht bald, daß irgend etioas nicht ganz richtig sei. Das heimliche Getnschel ringsherum erweckte in Frau von Höchstfeld sogar die Angst vor einem geplanten Attentat, und vergeblich suchte ihr Erich diese völlig unbegründete Furcht auszureden. — Selbst Erna, die doch sonst nicht so leicht unterzukriegen war, fühlte sich in der fremden Umgebung recht unbehaglich und hatte ihre ganze Käckheit eingebüßt. Nur der Herr Major a. D., um den sich doch alles drehte, ging räfonnierenb auf und nieder und schien von alledem nichts zu bemerken. „Wenn der Vater doch endlich zu fluchen aufhören wurde", jammerte Frau von Höchstseld, „er bringt uns noch alle ins Unglück!" „Aber, liebe Mama", beschwichtigte sie Erich, „die Leute Meinen sich über Papa zu amüsieren, und das ärgert mich fast noch mehr." „Nein, nein, sie führen irgend etwas im Schilde", beharrte sie, und die Finger in seinen Arm krampfend, flüsterte sie schreckensbleich: „Wenn sie ihn — am Ende — ins — Wasser . . ." „Aber, Mama!" „Sie tnn's, sie tnn's!" rief sie voller Entsetzen, und sich von Erich losreißend, stürzte sie znnt Kapitän, den sie, ob- fileich er Junggeselle war, bei Weib unb Kindern beschwor, ihren Mann vor dieser fanatischen Horde in Schutz zu nehmen. „Wer, meine Gnädigste", beteuerte ihr dieser, „fein1 Mensch wird Ihrem Herrn Gemahl ein Haar krümmen. Lassen Sie ihn nur austoben, unser Volk ist durchaus gutmütig, das tut einem Kranken gewiß nichts zu leide." „Mein Marrn ist aber doch gar nicht krank." Er sah rrach dem erregt ans- und abmarfchirrenden Major hin, dann betrachtete er sich voller Aufmerksamkeit die vor ihm stehende, nicht minder erregte Frau, und endlich schien er zu begreifen. „Verlassen Sie sich auf mich, gnädige Frau", versprach er höflich, „ich werde schon Sorge tragen, daß niemand Ihre Familie belästigt" — und als sich Frau von Höchstfeld endlich zögernd entfernte, rief er den Obermaschinisten heran und befahl ihm, für alle Fälle einige Kübei Wasser und ein paar feste Hanfstricke zurechtzulegen — weil alle beide verrückt seien. „Beide?" fragte dieser verblüfft. „Beide!" bestätigte der Kapitän, „möglicherweise auch die Kinder — kann man es denn wissen? Jedenfalls kürzen wir heute unsere Aufenthalte auf das allernotwendigste ab und trachten so schnell wie möglich nach Mariance zu kommen, um diese verdächtige Gesellschaft loszuwerben." „Aber, Herr Kapitän", wagte der Maschinist einzn- wenden, „wenn wir so früh wegfahren, ist ja noch nirgends ein Passagier zur Stelle." „Tut nichts", entschied dieser, „sollen sich, wenn es ihnen nicht paßt, beschweren. Ich fahre einfach nach dem Fahrplan, und da kann mir nichts geschehen." Dabei blieb es auch, und diesem Umstande hatte es die Familie Höchstfeld zu verdanken, wirklich nur mit einer einzigen Stunde Verspätung anzukommen. Ihre Freude war indes nur von sehr kurzer Dauer, denn nun stellte es sich heraus, daß die zur Ankunft des Dampfers bestellten Wagen vor mindestens drei bis vier Stunden nicht zu erwarten seien. Ans der Station selbst gab es weder eine Restauration, noch einen Wartesaal, wo man sich zur Not hätte nieder- lassen können. Erich bat daher den Stationsvorsteher — hier Agent genannt — um Auskunft, ob sich im Orte ein halbwegs anständiges Gasthaus befmüe, da man doch bei der eintretenden Dunkelheit unmöglich auf der Landstraße bleiben konnte. „@in Gasthaus ist schon da", meinte dieser, „aber da es nur ein Schcmkzimmer hat und heute Feiertag ist, also getanzt wird, so werden Sie dort wohl schwerlich mit den Damen einkehren wollen." Erich sah hilflos um sich, unb ber Agent, welcher den neuen Besitzern von Dolina gern zu Diensten fein wollte, beteuerte, daß er es sich zur Ehre anrechnen 'würde, die .Herrschaften zu sich zu bitten. Er habe indes mir zwei Zimmer, und selbst diese seien nicht frei, da in dem einen feine kranke Frau und in dem anderen fein ebenso kranker Schwiegervater läge. „Aber", rief er plötzlich in freudigem Erinnern, „unser Herr Pfarrer wird sich gewiß ein Vergnügen daraus machen, die Herrschaften bei sich zu begrüßen — ich will sofort zu ihm schicken." Rechtzeitig fiel e snoch Herrn von Höchstfeld ein, daß in Dolina, welches nur dreihundert Einwohner zählte, keine Kirche fei, deshalb fragte er vorsichtigerweise, wie der hiesige Pfarrer heiße? Und als er den Namen Nenadovie gehört, bat er den Stationsvorsteher, ihn und die Seinen im Güterschuppen unterzubringen. „Wir wollen den geistlichen Herrn nicht stören", erklärte er ausweichend, „die paar Stunden werden ja schneller vorübergehen." (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Das „leere" Berlin. — Einer, der zu Hanse bleibt und dabei Weltreisen macht. — Von den Marine-Schauspielen. Ist es ein Zeichen dafür, daß die Geschäfte gut gehen, wenn ber Berliner en mässe im Sommer auf Reisen geht und die Sommerfrischen und Bäder bevölkert, so darf man aus den diesjährigen Bahnhofsaitakken um den Ferien- schlußtag herum bte erfreulichsten Schlüsse ziehen. .Ein« — 431 moderne Völkerwanderung War es, die sich in dieser Julihitze den Augen des staunenden Beobachters zeigte. Alle Droschken waren in Bewegung, und Koffer aller Perioden, selbst solche, die ihrer Beschaffenheit nach schon in Naohs Arche gestanden haben konnten, prangten auf den KUtfch- böcken neben den mühsam Balance haltenden Rosselenkern. „Alles, was 'n bischen was is", wie der Berliner ironisch zu sagen pflegt, hat sich davon gemacht, um nicht wie voriges Jahr im schmelzenden Asphalt stecken zu bleiben, und wer die statistischen Zahlen zu Gesicht bekommt, die ihm verraten, daß von diesem Bahnhof in vier Tagen 109 000 Personen, von jenem ziemlich 90 000 abgedampft sind, ohne daß die Ausströmung schon beendet wäre, der hat. in seiner Phantasie das Gefühl, Berlin müsse nun leer sein, etwa wie Moskau, nachdem es Rostopschin für Napoleons Empfang illuminieren ließ. Aber ein Blick in die großen Verkehrsadern im Westen und Osten belehrt ihn schnell eines Besseren. Man spürt so gut wie nichts von diesem sommerlichen Aderlaß. Nur im Tiergartenviertel sind ganze Fronten mit den heruntergelassenen Wetter- Mousieen als lebendige Zeichen der Verödung sichtbar; aber das kann man dort auch um die Tage der Rivierareisen bemerken. Von denen, die zurückbleiben mußten, weil ihnen leider keine Ferien beschert wurden, traf ich unlängst einen wackeren Optimisten, einen mit echtem Spreewasser getauften Geschäftsleiter, der in früheren Jahren manch Stück Welt gesehen hat, ohne dabei sein Berlin je unterschätzen gelernt zu haben. Gehen Sie mir mit dem verrückten Reiserummel von heute!" sagte er lachend auf meine Anfrage, wann er seine Koffer zu packen gedenke. „Keine- zehn Pferde kriegen mich aus Berlin heraus, wo ich alles haben kann, was das Herz sich wünscht! Oder halten Sie es für einen Genuß, Tag und Nacht in einem Eoupö dritter Jüte eingepökelt zu sitzen, um sich nachher ein paar Wvchen lang in der Schweiz oder Tirol mit zweifelhaften Beefsteaks füttern zu lassen? Wer em gutes Beefsteak essen will, bleibt in Berlin und geht zu Friede oder auch meinetwegen in den Rüdesheimer. Lieben Sie Wiener Küche, so spazieren Sie über die Linden zu Skrevanek. Ein besseres Backhähndl finden Sie drei Meilen um den Stephansturm herum auch nicht! Oder schwärmen Sie für Maccaroni mit Tomatensauce? Auch das weise ich Ihnen nach, daß Sie meinen sollen, Sie seien in Florenz oder Napoli. Schwäbische Spätzle und Leberknödel kommen in Berlin zur Welt, daß sich alle Allemannen die Finger danach lecken. Und wenn die echten Königsberger am Mittwoch ihren geliebten „Fleck' bei Siechen kosten und nicht einfach verhimmeln vor heimatlicher Wonne, dann sind es elende Heuchler!" Die Rede war noch viel länger, die er mir hielt, und es kamen in ihr neben Hamburger Aalsuppe sowohl das Leibgericht der Westfalen: „dicke Bohnen mit Speck", als auch der Schlesier geliebtes „Himmelreich" zur Sprache. Außerdem wußte er, wo mau die Hummern am frischesten, die Krebse am größten und die Gebirgsforellen am billigsten in Berlin zu essen bekommt. Er nannte mir Weinstuben mit Elsässer und Badener Landweinen, Lokale mit Grogspezialitäten und solche, wo man »unverfälschtes Schwarzwälder Bauern-Kirschwasser trinken kann. Er war ein Geograph , des Gaumens für seine geliebte Spreeheimat, wie mir bis dahin noch keiner vorgekommen war. Aber er kannte auch ihre landschaftlichen Reize. Nur amen ihm diese erst in zweiter Linie. Und er lachte mich aus, als ich ihn deswegen einen krassen Materialisten nannte. „Halten Sie nur Umfrage bei den Leuten, wenn Sie heim- kehren und ihr Geld Gott weiß wo verzehrt haben, ob nicht die Hälfte seufzend eingefteht, daß mau tn Berlin doch immer am besten futtert und daß die schönste Natur auf die Dauer nicht über die Mängel auf diesem Gebiete hinweghelfen kann", behauptete er ernsthaft. „Und die andere Hälfte?" fragte ich lachend. „Das sind nichtsnutzige Schwindler!" erklärte er und schüttelte mir vergnügt"die Hand zum Abschied. Ich aber wünschte im stillen jedem, den unumstößliche Pflichten an die teuflische Glut des großen märkischen Babels festhalten, die so echt Berlinische, gutmütig großkozige Zufriedenheit, die mit Humor über etwas unabänderliches sortzukommen weiß. Nebenbei ist auch für jene, die auf stärkere Reize reagieren, als mein Gaumengeograph, reichlich in diesen Julitagen für Abwechslung gesorgt. Neben dem wirklich prächtig gewordenen Ausstellungspark am Lehrter Bahnhof vrä- sentiert sich ein anderes großstädtisches Gartenlokal in Halenfee, dem „Dorado" aller Tanzfeen, die sogenannten „Terassen" als sommerliche Sehenswürdigkeit, und gar am Kurfürstendamm hat sich ein Stück des fernen großen Ozeans aufgetan, auf dessen weitem Spiegel sich augenblicklich so ungeheuerliche Vorgänge abspielen, daß die Augen der ganzen Welt nach dort gerichtet sind. — Man hat dort ein Riesenbassin entstehen lassen und es! ;mit Tribünen umbaut, die für ca. 4000 Personen Raum bieten. In diesem Bassin, das etwa 6000 Kubikmeter Wasser enthält, schwimmen 31 den großen russischen und japanischen Kreuzern, Torpedos und Torpedo-Zerstörern nachgebildete Schiffe, und diese werden in den dort stattfindenden Vorführungen mit allen Chikanen der Technik gegeneinander geführt, um den Zuschauern ein Mld von den gewaltigen Vorgängen auf dem Ozean im fernen Osten zu vermitteln. Seegefechte, Explosionen, die Beschießung von Port Arthur und andere nervenaufreizende. Dinge gelangen zur Erscheinung. Uni) was seit Wochen und Monaten tagtäglich in den Berichten vom Kriegsschauplatz gesucht wird — hier wird es zur grausigen Wahrheit. Also eine Sensation allerersten Ranges mitten in der toten Saison! Berlin hat wirklich alles, was man sich nur wünschen kann. Und trotzdem genügt ein Blick auf das immer übermütiger werdende Quecksilber meines Thermometers, um das sonst so langweilige Kursbuch riesig interessant zu finden. Was mich anbetrifft, sind keine zehn Pserde nötig, um mich aus Berlin herauszubringen. Ich mache es zur Not per pedes apostolorum! A. R. Vermischte». * V m Hitzschlag. Jevder ist der Gefahr des Hitz- schlages ausgesetzt, der sich der Einwirkung hochgradiger Somruer- wärme im Verein mit tleberanstrengung bei ungenügender Luftzufuhr und behindcrtem Schwitzen aussetzt. Man sorge dch.r bei unvermeidlicher Anstrecchung in großer Sonnenhitze dauernd für Verdunstung des Schweißes durch ausgiebige Lockerung der Kleidung beziehungsweise Entblößung stark schwitzender Hautflächen und berücksichtige, daß schweißdurchtränkte, der Haut fest anliegende Unterkleidung die Schweißverdunstuug fast gänzlich hemmt. Reichlicher Genuß von reinem Wasser soll nicht unterlassen werden. Alkoholartige Getränke sind ganz zu meiden, kohlensäurehaltige, sogenannte Mineralwässer sind weniger zu empfehlen, als frisches, reines Wasser. Der geringere Grad des Hitzschlagcs, den man mit „S o n n e n st i ch" zu bezeichnen pflegt, äußert sich in Beeinträchtigung der Gehirnfnnktionen. Nach anfänglichem Kopsschmerz treten Schlasr.gk.it, Benommenheit, mehr oder minder starke Beeinträchtigung des Bewußtseins, taumelnder Gang, selbst epi- lipsieähnliche Krämpfe ein. Man bringt den Verunglückten in den Schatten, löst ihm alle beengenden Kleidungsstücke, so daß er möglichst entblößt wird, gibt ihm eine Halbs.-ende et llung, besprengt ihm kräftig Kopf, Hals und Brust mit frischem Wasser, um tiefere Atemzüge anzuregen, oder flößt ihm Wasser evemuell nut Wein, Kognak usw., oder Hoffmannstropsen vermischt ein. — Der Hitzschlag in schwerer Form kennzeichnet sich durch die gleichzeitige Unterbrechung der Gehirntätigkeit und der Atmung. Das Gesicht nimmt schnell eine bleiche, die Lippen eine bläuliche Färbung an, die Augen sind matt, nur von Zeit zu Zeit hebt ein schwerer und doch nur oberflächlicher Atemzug die Brust; der fadenförmige Puls deutet das drohende Aufhören der Herztätigkeit an — ein Zustand, der schnell in Herzlähmung übergeht, Wenn nicht schleunigst Hilfe . geschafft, wird., Hier ist, nachdem man die soeben angegebenen, beim Sonnenhich nn- zuwendenden Maßnahmen recht schnell ausgesührt hat, wenn sie erfolgreich sind, sofort die künstliche Atmung vorzunehmen. Die Belebungs- und Erquickungsmittel erweisen, sich erst dann als nutzbringend, wenn die Atmung wieder hergestellt worden ist. Läßt der Verunglückte Zeichen wiederkehrenden Bewußtseins wahrnehmen, .so kann Bürsten, beziehungsweise Reiben der Brust und der Fußsohlen, Massieren der Gliedmaßen, kalter Umschlag auf den Kopf, besonders auch ein mit vorsichtiger Ueberwaschung angewandtes lauwarmes Bad die vollständige Wiederbelebung sehr beschleunigen. Die künstliche Atmung wird selbstverständlich am besten von einem Arzte oder einem amtlich geprüften Heilgehilfen vorgenommen. * Die Schwimmbäder im Freien haben nicht nur die einfache Bedeutung eines Reinigungsbades, sondern sie find in hervorragender Weise geeignet, den Körper abzuhärten und zu kräftigen. Die Schwimmbewegung nimmt alle Ntuskelgruppen in Anspruch; sie befördert dadurch den Stoffwechsel, Wie wenige andere körperlichen Uebungen, und das Hungergefühl, welches sich nach einem SchWimmbade einzustellen pflegt, ist die gesunde Wechselwirkung. Ein Schwimmbad kann auch länger genommen Werden als ein Flußbad ohne Schwimmen, weil in letzterem Falle .der Wärmeverlust für den Körper ein zu großer würde, da — 432 — er bei dem ruhige» Verhalten nicht die Wärmemengen neu bildet, »velche beim Schwimmen durch die Bewegung entstehen. Freilich soll auch das Schwimmbad in seiner Dauer nicht übertrieben werden. M ist stets ein Zeichen, daß die Wärmebildung des Körpers nicht mehr mit dem Wärmeverlust in Einklang steht, wenn in Form einer sogenannten Gänsehaut ein leises Frösteln sich einstellt, und es soll dann unter allen Umständen das Wasser verlassen und die Kleidung angelegt werden. Das gleiche Zeichen ist auch bei dem Lustbade von grösster Bedeutung. Es ist im allgemeinen wohl zu raten, nach dem Verlassen des Bades und nachdem der Körper abgetrocknet ist — durch die Luft den Körper abtrocknen zu lassen, führt sehr leicht zu ernsten Erkrankungen — einige Zeit unbekleidet sich in der freien Luft, oder noch besser, im Sonnenschein, aufzuhalten. Aber auch dann ist die Bewegung der Ruhe dorzuziehen und auf keinen Fall die Dauer des Lustbades über das Eintreten des Frostschauers auszudehnen. Daß beim Militär das Schwimmen zwangsweise gelehrt wird, ist eine äußerst dankenswerte Bestimmung, und es würde für unsere Jugend ein Gewinn sein, wenn gleich dem Tnrnen auch das Schwimmen, wo immer die Wasserverhältnisse es gestalten, ein obligatorischer Lehrgegenstand wäre. *Der unschätzbare Wert der Mutterbrust. Der Säuglingssterblichkeit ist die Aufmerksamkeit der Hygieniker gegenwärtig ganz besonders zugewandt, nachdem durch 'einwandfreie Statistiken der hohe Prozentsatz bekannt wurde, welchen zu den Todesfällen gerade das Säuglingsalter stellt. Daher hat auch der Deutsche Verein für Volkshygiene auf seiner diesjährigen Generalversammlung beschlossen, daß in seinen einzelnen Ortsvereinen Kommissionen gebildet werden sollen, welche nach Verständigung mit einer ausreichenden Zahl' zuverlässiger Milchproduzenten auf dem Vertragswege die Ueberwachnng der Gewinnung und Vertreibung der Säuglingsmilch herbeisühren. So anerkennenswert ein solches Vorgehen ist, so darf doch nicht vergessen werden, daß die Mutterbrust für das Kind stets die gesundeste und zuverlässigste Nahrungsquelle ist, und vor allem soll im Sommer nichts unversucht bleiben, dem Kinde diese natürlichste Nahrung zu erhalten, weil trotz aller Sorgfalt die Kuhmilch in dieser Jahreszeit das Leben des Säuglings vielfach gefährdet. Nichts, selbst nicht einmal eine Amme, vermag die Mutterbrust ganz zu ersetzen, und es ist daher ein sehr dankenswertes Bestreben, daß man auch durch medikamentöse Mittel bemüht ist, die Milchabsonderung der jungen Mutter zu erhöhen. In dieser Beziehung scheint sich hauptsächlich ein Präparat zu bewähren, zu welchem man nach den seit Jahren in der Viehwirtschaft übereinstimmend gemachten Erfahrungen gegriffen hat. Die Landwirtschaft hat nämlich gefunden, daß durch Baumwollsamen der Milchertrag der Kühe sehr wesentlich sich hob, und daher hat man in der letzten Zeit aus diesem Baumwollsamen ein Pulver hergestellt, das „Lactagol" heißt und nach den bisher gemachten Beobachtungen in der Tat die Stillungsfähigkeit der Frauen erhöht. Hoffentlich werden sich diese Bestrebungen bestätigen, widrigenfalls nach derartigen Mitteln mit aller Energie weiter geforscht werden sollte, da nichts unversucht bleiben darf, dem Kinde die Mutterbrust zu erhalten. * (Sine neue Erfindung Edisons. Der geniale Forscher arbeitet schon seit geraumer Zeit anderVervollkomm- nung seines Phonographen. Jeder, der diesen an sich bewundernswerten Apparat kennt, weiß auch, haß insbesondere bei Wiedergabe von Gesangsstücken der Vortrag durch ein summendes, oft knarrendes Nebengeräusch sehr erheblich beeinträchtigt wird. Das wird nun durch die neue Edisonsche Erfindung vollkommen ausgeschlossen. Die „Aufnahme" der Stimme usw. erfolgt auf der Außenseite einer zylindrischen Walze aus präparierter Masse, und durch eine dem Röntgenapparat nicht unähnliche Einrichtung wird gegen das auf der Walze befindliche Stimmbild Gold geblasen, und zwar derart, daß sich um die Walze ein fester Goldmantel legt/welcher also an seiner Innenwand das Stimmbild negativ tragt. Nun wird um den Goldmantel eine Halle aus anderer Masse gegossen und nach Abkühlung des Ganzen, die innere Original-Walze herausgenommen. Das so erhaltene Negativ heißt „der Master". Es ist klar, daß das Gold alle Feinheiten des Stimmbildes aufnimutt und dauernd treu bewahrt, so daß auf unabsehbare Zeit hin die Abnahme tongetreuer Spielwalzen gesichert ist. Auch für diese Abnahme ist ein besonderes, sinnreiches Verfahren von Edison erfunden. Der „Master" wird in einer oben verschlossenen Metallhülse in eine fortwährend im Fluß befindliche warme Masse getaucht. An seiner Gold-Innenwand bildet sich aus dieser Masse ein Mantel, welcher an seiner Außenseite wieder das Positiv des Tonbildes trägt Sobald sich genügend Masse angesetzt hat, wird das durch Erglüi^n einer elektrischen Lampe automatisch angezeigt und das Ganze herausgehoben. Es kommt dann zur Bohr-, maschine, welche das Innere der Walze sauber ausoohrt und demnächst auf den Kühlapparat. Sodann wird die innere Walze herausgenommen, auf Drehbänken seitlich geputzt und ist nunmehr gebrauchsfertig. Trotzdem wird jede einzelne Walze sorgfältig inipiziert, und wenn sie sich nicht als ganz tadellos erweist, entweder sofort vernichtet oder durchgespielt. Die Fabrik der National Phonograph Company, Südufer 24-25, wo wir diesen ganzen Betrieb besichtigen konnten, verläßt keine Walze, welch« auch nur den allergeringsten Fehler aufweist. Wir hatten Gelegenheit, festzustellen, daß in der Tat die mit den neuen Goldgußwaizen versehenen Edison-Phonographen alle Stimmen und Tonstücke mit überraschender Klarheit und erstaunlicher Schärfe wiedergeben. *DasGordonBennett-Rennen. In einer Frankfurter Mädchenschule wurde vor einigen Tagen als Thema zum deutschen Ausiatz gegeben: „Welche Bedeutung hat das G.-B.- Rennen in wirtschaftlicher Beziehung?" Die kleine Miua Meier beantwortete dieses Thema folgenderweise: Das Gordonbene- Rennen ist mit Automobil. Dieses macht einen großen Profit für das Vaterland, nämlich wegen der Doktersrechnung oder auch für den Totengräber. Drittens wegen dem Kaiser. Wenn der Kaiser kommt gibt es viele Leute. Sie gehen in die Wirtschaften und trinken, weil sie durstig sind. .Wegen dem Staub...... Und von das Hochschreien. Sie stinken auch/) Und gewinnen thut es immer ein Anderer. Mein Onkel war auch dabei. Er liegt im Bett, weil er kein Alleebaum war. Indem sie ihn sonst nicht überfahren hätten. Er sagt es ist in jeder Beziehung eine Sauwirthschaft mit diese Rennen. Wodurch ich schließen muß. Mina Meier. * Folgendes „Ehe-Idyll" spielte sich kürzlich ab in drei aufeinanderfolgenden Nummern der „Lauenburger Ztg.", Kreis- und Lokalblatt. Nr. 136 vom 13. Juni 1904;' „Hiermit warne ich einen Jeden, meiner Frau etwas zu borgen, da ich für nichts aufkomme, weil sich "dieselbe dem Trünke total ergeben hat. F. Skibbe, Maurer". Nr. 137 vom 14. Juni: „Ich, als Ehefrau, warne hiermit Jeden, meinem Manne etwas zu borgen, auch nichts von ihm in Empfang zu nehmen, von Sachen der Wirtschaft, da ich gerichtlich einschreiten werde. Mau- rerfrau Lina Skibbe, geb. Eigentümertochter Thran." Nr. 142 vom 20. Juni: „Ich widerrufe die Annonze im „Kreis- und Lokalblatt" gegen meine Frau, erteile ihr alle Rechte wieder, es war Uebereilung. Maurer Ferdinand Skibbe. Obiges stimmt! Es war Liebe gegen Liebe! Die Rechte behalte der Mann. Maurersrau Skibbe, geb. $brun." * Aus einer Gendarmerie -Anzeige. Bei der Kronprinz Rudolf-Brücke ereignete sich gestern abend ein Vorfall», der beinah ein Menschenleben zur Folge gehabt hätte. *JmWildschweinpark. .In dem bei D a r m st a d t gelegenen, durch seine prächtigen Laubwälder bekannten fürstlichen Wildschweinpark befinden sich viele an Jagdabenteuer der früheren Landgrafen erinnernde Gedenktafeln, die für die Hofpoesie jener Zeit — des 18. Jahrhunderts — charakteristisch sind. Eigenartige Wünsche sind jedenfalls folgende: Der, welcher Wald und Wild beschert Und uns mit seinem Segen mehrt, Woll' unserm Fürsten langes Leben Und hier die größten Schweine geben'. So nimmt zu unsres Fürsten Ruh Auch sein Vergnügen täglich zu. Oder: Schweinen steht der Eingang offen, Nur der Ausgang hat nicht statt. Doch, .ihr habt genug zu hoffen: Rüben und Kartoffel satt. Drum, ihr Jäger, laßt vor allen Vor des hohen Fürsten Haus Hier das Hifthorn freudig schallen. Rufet „Vivat Ludwig" aus. *). Natürlich meint Minchen die Automobile. A. d. Red, Rittsel. (Nachdruck verboten). Wen lockte nicht in schönen Lenzestagen Der Wald im Schmuck des jungen Grüns hinaus k Hinaus aus unsers Zimmers dumpfer 3—1, Und aus der Großstadt Trubel und Gebraus. 2 dem Geschick, deß milde Hand mich endlich Aus all der Hast und all der Last befreit ? Lenzfröhtich sind nun meine 1—2—8 auch, Gegrüßt sei mir, du holde Einsamkeit! Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in vor, Nr.r Arena Z p Meierei p 9 £ Biberfell Urania p n Robinson p Geduld Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brülh'schenUniversttätS-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen»