m i Pho^op.r .au L j «l sWW LKd-LLLÄ (Nachdruck verboten.) Im Da last der Ilazah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) „Auf der einen Seite" fuhr sie mit Aufbietung großer Ueberredungskunst fort, „steht Ihnen ein Gatte aus guter Familie in Aussicht, der ein sicheres Einkommen hat und Ihnen ein eigenes, hübsch eingerichtetes Heim bieten kann. Es liegt dabei in Ihrer Hand, ihn zu einem besseren Menschen zu erziehen. Was aber bietet sich Ihnen auf der anderen Seite? Nichts als das gewöhnliche Schicksal eines armen, heimatlosen Mädchens in Indien." „Ich werde mich sofort nach einer Stellung umsehen." „Tas ist leichter gesagt, als getan. Wenn es' gut geht, werden Sie vielleicht irgendwo als Kindermädchen mit zwanzig Rupien Monatslohn unterkommen." „Nun, ich werde jedenfalls den Versuch machen", antwortete ich tapfer. „So sind Sie also fest entschlossen, Ihre Verlobung aufzulösen?" „Ja, unwiderruflich fest entschlossen." „Gut", rief sie, sich erhebend, mit einer Stimine, aus der deutlich der verhaltene Zorn klang, „dann sind wir beide mit einander fertig! Ta kommen Sie nun einfach in mein Haus hineingeschneit, vereiteln mir meine Pläne, setzen mich dem allgemeinen Spott aus, veranlassen mich zu ungeheuren Ausgaben ... ha, es ist abscheulich! Was soll ich nun zu den Leuten sagen?!" schrie sie mich an. „Sehen Sie doch die Kleider an! Wie soll ich mich entschuldigen?" „Sagen Sie, was Sie wollen. Werfen Sie alle Schuld auf mich." „Tas werde ich natürlich! tun. Heute ist Donnerstag. Es bleibt meinem Mann und mir also nichts anderes übrig, als sofort auf einige Wochen zu verreisen, um dem Klatsch aus dem Wege zu gehen. Deshalb kann ich Sie auch nicht um ein längeres Bleiben bitten." „Es war ungeheuer freundlich von Ihnen, mich überhaupt beherbergt zu haben, und ich werde Ihre Gastfreundschaft ganz gewiß nicht länger als bis morgen mißbrauchen. Ich habe eine Bekannte, mit der ich! die Reise hierher machte. Zu ihr werde ich gehen, und mit ihrer Hilfe wird es mir hoffentlich gelingen, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen." „Mer ist diese Frau?" fragte sie rasch. „Eine Mrs. Evans. Ihr Mann ist Forstmeister tu Lohara." „Hunderte von Meilen von hier entfernt! Ein Ort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Es ist am besten, Sie telegraphieren sofort dahin. Ich werde Ihnen die Ajah zum Packen schicken." Tannt verließ sie mich. Nach kaum fünf Minuten erschien auch wirklich dis Ajah mit ziemlich mürrischer Miene, da sie von ihrer Mahlzeit abgerufen worden war. Ihren klugen, alten Augen sah ich es an, daß sie von allem unterrichtet war. In der einen Hand hielt sie ein Telegrammformular und eine Feder, in der anderen einen aufgeschlagenen Fahrplan. Ja, es ivar Tatsache, wenn Tizzie einmal etwas in die Hand nahm, so tat sie es nicht halb! Diese rasche W- fertigung eines lästigen Gastes war ein schlagender Beweis dafür. * Ich hatte also meinen Marschbefehl bekommen. Bald war ein passender Zug herausgesucht, der um sieben Uhr morgens abging, dann setzte ich eine kurze Drahtnachricht an Mrs. Evans auf und händigte sie mit einigen Rupien der Ajah ein, die sofort damit hinauseilte. Wer weiß, ob draußen nicht sogar ein Bote schon darauf wartete! Ein fieberhafter Schaffensdrang hatte sich meiner bemächtigt — nur handeln so rasch als möglich, darin gipfelte iitetit ganzes Streben. Zum kühlen Ueberlegen blreb mir ja auf meiner 36 Stunden langen Reise noch mehr als genügend Zeit. So begann ich denn mit Hilfe der Ajah all die Sachen wieder einzupacken, die vor kaum einer Stunde erst aus den Koffern genommen worden waren. Nach zweistündiger, gemeinschaftlicher Arbeit waren ivtr fertig, und wieder stand urein Gepäck verschlossen und zusammengeschnürt zur Weiterreise bereit, diesmal mit der Adresse: Station Mirpur. Tultas höfliches Atterbieten, mir das Gabelfrühstück hereinzubringeu, lehnte ich ab. Dagegen nahm ich dankbar ein Glas Milch ait, das mir mit dem noch in meiner Reisetasche befindlichen Zwieback das angenehme Gefühl gab, die widerwillig gewährte Gastfreundschaft so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen. Sobald die Ajah dann mit den Resten der kleinen Mahlzeit verschwundetl Ivar, setzte ich mich an den Schreibtisch und verfaßte einen empörten Brief an Mrs. Dhorold. Ja, nun war auch ich endlich, und zu meinem eigenen Schaden, zu der Ueberzeugung gelangt, daß diese Frau niemals etwas ohne eigennützige Beweggründe tat. Mit List und Ueberreduug hatte sie mir meinen Entschluß ab- gerungen, um mich ihrem Sohne zum Opfer zu bringen. Zum Glück aber ivar die gestellte Falle noch rechtzeitig, entdeckt worden. Auch an meiire Tante richtete ich mit fliegender Hast ein scharfes Schreiben und entwarf ihr ein getreues Bild meines Exbräutigams. Ich sagte ihr, daß nichts mich dazu bewegen könne, seine Frau zu werden, daß ich ihrer Güte aber auch niemals mehr zur Last fallen, sondern mir meinen Unterhalt als Erzieherin oder Gesellschafterin selbst verdienen wolle. Indien sei für Leute mit bescheidenen Ansprüchen ein billiges Land, zum Glück sei ich, noch im Besitze von dreißig Pfund an barem Gelbe und außerdem 178 habe ich in Mrs. Evans doch wenigstens eine befreundete Seele. Tie mitgebrachien Hochzeitsgeschenke waren bereits zusammengepackt und an meine Tante adressiert. Ich fügte meinem Briefe deshalb die Bitte bei, die betreffenden, Gaben zurückzuerstatten, indem ich meiner Tante versicherte, daß dies die letzte Gefälligkeit sei, die ich von ihr verlangen werde. Ein tiefes Gefühl der Erleichterung erfüllte mich, nachdem diese Tinge erledigt, die Drahtnachricht abgeschickt, die Koffer gepackt und die Briefe geschrieben waren. Ich zog nun ein leichtes Morgenkleid an, rückte einen bequemen Lehnstuhl dicht an die offene, mit dem Rollladen versehene Türe, von wo aus ich hinaussehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden, und begann meine Lage zu überdenken. Eine schwierige, wenig versprechende Lage war es gewiß! Trotzdem wollte ich alles eher ertragen, als Wally Thorold heiraten. Lieber Hungers sterben, als die Frau eines solch erbärmlichen Wichtes zu werden, der alle Selbstachtung eingebüßt hatte. Und doch — als ich den um Rettung flehenden Mann unbarmherzig hatte zu meinen Füßen liegen lassen, da war ich mir trotz aller Verachtung fast ebenso kalt und hartherzig vorgekommen, als wenn ich einem in reißendem Wasser dahintreibenden Menschen meine Hilfe versagt hätte. Tizzie ließ mich freilich nur zu gern ziehen, seitdem ich das schwarze Schaf der Familie von mir gestoßen und dadurch ihr Fest zerstört hatte. Zum Glück gingen unsere Lebenswege weit auseinander, ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihr war also nicht anzunehmen. Und der Vetter, Mr. Thorold? Er würde hoffentlich nie, niemals etwas von dem eigentlichen Grund des Bruches zwischen Watty und mir erfahren. In seinem eigenen Interesse würde Wally mein Geheimnis wahren. Es mochte jetzt zwischen vier und fünf Uhr sein. Tie Lust war warm und erschlaffend, und von dem langen Hinausfiarren nach den gelben Rosen und den hin und her jagenden Eichhörnchen schlossen sich allmählich meine Augen. So erschöpft war ich von all den Aufregungen und der anstrengenden körperlichen Arbeit, daß ich schließlich einschlief. Mir war, als träumte ich, Tizzie und Maxwell * Thorold säßen draußen auf der Veranda im Gespräch über Watty und mich und die neuesten Ereignisse. „Tas ist eine schöne Geschichte, die Watty wieder einmal recht ähnlich sieht", sagte Tizzie. „Ich kann aus der Sache gar nicht klug werden", antwortete der „Stolz der Familie". „Entsetzlich nach Branntwein duftend, kam Watty zu mir herübergestürzt, und tobte und wetterte über seine schöne Pam. Er schien tatsächlich nicht recht bei Sinnen, und so ließ ich ihn mit einem Eisbeutel auf dem Kopf zu Bett bringen, wo er jetzt noch liegt." „So weißt Du also noch gar nicht, daß seine schöne Pam sich entschieden weigert, ihn zu heiraten?" Ein Ausruf des Erstaunens ertönte. „Das ist es also! Ich dachte mir gleich, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse." „Etwas Besonderes? Sage offen, Maxwell: sieht sie wie ein Mädchen aus, das einen Menschen wie Watty zum Manne nimmt?" „Der Geschmack der Frauen ist unberechenbar", erwiderte der andere kühl. „Und was veranlaßte das Mädchen dann zu der Reise?" „Tante Gussie und seine bezaubernden Briefe. . ." Jiin schaltendes Gelächter brachte mich plötzlich zu mir selbst. Entsetzt sprang ich auf — so war es also kein Traum, sondern schreckliche Wirklichkeit?! Eine richtige Unterhaltung hatte ich mit angehört, die nur wenige Meter von meiner offenen Türe entfernt geführt wurde! Hinter meinen Rolladen versteckt, konnte ich Tizzie, in einen be- queinen Stuhl zurückgelehnt, und ihr gegenüber, ebenfalls behaglich auf einem Lehnstuhl sitzend, den vielgepriesenen Adonis sehen. Sein Lachen war es, das mich aufgeweckt hatte. Mein Herzschlag stockte, um dann mit um so heftigeren Sch.ägen wieder einzusetzen. „Ist es denn möglich!" rief er endlich „Jawohl, die Briefe und eine Photographie; im Verein mit Jugenderinnerungen weckten sie schlummernde Gefühle. Erst bei ihrer Ankunft erfuhr sie, daß Watty sie mit den Briefen und der Photographie anderer Leute angelockt hatte." „Aha, und er glaubte wohl, daß sie, erst einmal hier angelanat. auf ihn anaewiesen sein würde, und daß Armut und Angst vor Aussehen sie an ihn bürden würde?" rief Mr. Thorold entrüstet. „O der Schurke!" „Ja und wie schändlich auch mich so zu hintergehen!" wimmerte Tizzie. „Aber ich bitte Dich, das ist gar nichts im Vergleich dazu, wie das arme Mädchen betrogen worden ift", versetzte er entschieden. „Was beabsichtigt sie nun zu tun?" „Sie hat eine Freundin in den Zentralprovinzen und reist morgen ab." „Tas ist klug und weise von ihr. Ich würde mich wahrhaftig schämen. Miß Ferrars nach der Behandlung, die ihr von einem Verwandten von mir ividerfahren ist, noch einmal unter die Augen zu treten." „Und dabei ist Watty nahe daran, über seine Abweisung vollends den Verstand zu verlieren, weil sie so viel hübscher ist, als er erwartet hatte." „Und er so viel schlechter, als sie erwartete." Tie ganze Zeit über stand ich regungslos in der Mitte des Zimmers. Ein Entrinnen war unmöglich denn zwei Türen mündeten auf die Veranda, eine dritte in den Salon. Was hätte es auch genützt, wenn ich in meinem Morgenkleide und mit gelösten Haaren zwischen die beiden Sprechenden gestürzt wäre? Und doch machte ich mich durch mein Bleiben zur heimlichen Lauscherin. Tie Glastüren standen weit offen, an der Wand waren Luftlöcher angebracht, und so drang jedes Wort so deutlich zu mir, als ob 'ich neben den Sprechenden säße. Diese Stimmen waren überdies die einzigen hörbaren Laute in diesem ganzen großen Bungalow mit seiner lautlos einherschreitenden Dienerschaft und den mattenbelegten Gängen. Als sei ich an den Boden festgewurzelt, die Hände vors glühende Gesicht gepreßt, stand ich da. „Wie konnte es feilt Mädchen ihres Schlages überhaupt in Erwägung ziehen, seine Frau zu werden?" „Nun, ich sagte Dir ja schon, Tante Gussies Ueberred- ungskunst, eine traurige Heimat, die Aussicht auf Befreiung und eine einnehmende Photographie." „Ach richtig, Du erzähltest mir ja noch gar nicht, wessen Gesicht der Magnet war, der das Mädchen den weiten Weg von England hergeführt hat. . ." Ob sie es ihm wohl sagte? Ob sie so grausam, so erbärmlich war? Ich glaube, ich wäre verrückt geworden, wenn ich noch länger zngehört hätte. Wie ein vom Jäger gestelltes Wild sah ich mich nach Rettung um — es gab keine. Dann rannte ich in die entfernteste Ecke des Zimmers, bedeckte die Ohren mit den Händen und lehnte, nach Atem ringend, den Kopf an die Wänd. Das war der Höhepunkt meines Jammers, meiner Demütigung. Durfte ich auch nur ganz leise hoffen, daß Tizzie die Wahrheit ungesagt ließ? Während ich so mit in die Ohren gepreßten Fingern an der Wand lehnte, hörte ich keinen Ton. Mir schien, als habe ich das Bewußtsein meiner eigenen Persönlichkeit verloren, mein Verstand war wie gelähmt. Wie lange ich in dieser Haltung verharrte, weiß ich nicht — eine ziemlich unsanfte Berührung meines Armes weckte mich aus meiner Erstarrung. Einen halbunterdrückten Schrei ausstoßend, wandte ich mich um und stand der Ajah gegenüber. Im ersten Augenblick mußte sie mich entschieden für verrückt gehalten haben, als ich jedoch die Hände vom Gesicht nahm, aufmerksam lauschte und nach der Veranda schaute, erfaßte sie die Sachlage mit der ihrer Rasse eigenen Schlauheit. „Alles fort", verkündigte sie mir vertraulich. „Thorold Sahib sehr böse, furchtbar böse fortgegangen. Mem Sahib schickt Ihnen dies hier." Cie händigte mir ein Briefchen ein, an dessen Umschlag der Gummi noch nicht trocken geworden war. Es mußte also soeben erst abgeliefert worden sein. Hastig riß ich es auf und las: Liebe Miß Ferrars! Da die plötzliche Aenderung Ihrer Pläne Jhnm obne Zweifel einige Ungelegenheit verursacht hat und das Reisen in Indien teuer ift, erlaube ich mir, Ihnen zwei Hundertrupienscheiue zu übersenden. Ihre ergebene E. Halsäll. P S. Ihr Zug geht morgen früh punkt sieben Uhr ab. Ich hatte die niederdrückende Ueberzeugung, daß die zwei Hundertrupienscheine nicht von Tizzie stammten, sondern mir von deren „freigebigem Vetter" übersandt worden waren. Welch ein Glück, daß ich seines Geschenkes nicht — 179 — bedurfte ! Denn kluger Weise hatte ich mir von oem für meine Ausstattung bestimmten Gelbe eine kleine Summe zum Ankauf eines Pianinos zurückgelegt, und nun bewahrten mich diese dreißig Pfund vor jener grausamen Demütigung, und vor der äußersten Not. So traurig meine Lage auch war, so hätte sie noch schlimmer sein können; Geld wenigstens brauchte ich keines aus den Händen Maxwell Tho- rolds anzunehmen! Nachdem idji den Inhalt dieses aufregenden Briefes ordentlich erfaßt hatte, setzte ich mich an den Schreibtische und versuchte eine Antwort niederzuschreiben, obwohl meine Hand so sehr zitterte, daß ich nach jedem Wort aussetzen mußte. Endlich aber gelang es mir doch, folgende Zeilen zu stände zu bringen: Geehrte Mrs. Hassall! Anbei erlaube ich mir, die mir gütigst übersandten Rupienscheine zurückzuschicken, da ich reichliche Mittel zum Bestreiten meiner Reisekosten besitze. Zugleich danke ich Ihnen, daß Sie mich an die Abgangszeit meines Zuges erinnern und versichere Sie meiner Pünktlichkeit. Ihre ergebene Pamela Ferrars. (Fortsetzung folgt.) Wom Geiste der Kochkunst. Von Tr. Emil Rechert. Aus der „Mener Mode". „L’homme d’esprit sait seul manger.“ Brillat-Savarin. Tie Kochkunst ist die stationärste Kirnst: sie lebt ohne neue Ziele, ohne Umwertung bestehender Mehlspeiswerte. Sie kennt nicht den beunruhigenden Hang nach dem Modernen, und das ist nur recht und in ihrem Geiste begründet; alle Unruhe würde den Essenden nur stören. In ihrem Reiche ist wohl allerdings alles schon da- gewesen, und wir Spätgeborenen, die wir auf so vielen Gebieten gewaltiger Fortschritte uns rühmen, speisen eben nicht besser, als man in früheren Stadien der Weltgeschichte speiste. Wem wäre der wackere Hammelbraten, „lecker bereitet, nach dem weiland die homerischen Helden „die Hände erhoben", ein überwundener Standpunkt? Nicht nur die Sonne Homers ist es, die uns heute noch lächelt! Unsere verwöhntesten Feinschmecker möchten wohl über ein Tiner aus der römischen Kaiserzeit nicht die Nase rümpfen. Wer würde heute einen Kapaun ä la Pompadour verschmähen, und doch tragen alle diese Gerichte ihre historische Vergangenheit an der Stirn. Was in der Zeiten Speisesaal Jemals i'fti trefflich gewesen, Tas wird immer einer einmal Wieder auffrischen und essen also müßte man einen bekannten Spruch Goethes umdichten. Eher geraten sogar noch die geistigen Produkte aus „der Zeiten Bildersaal" in periodische Vergessenheit, als bedeutende Erfindungen trefflicher Köche; der Magen hat ein besseres Gedächtnis und ist dankbarer gegen ferne Wohltäter, als der Kops, der sogenannte edelste Teil des Menschen. Dieser Charakterzug eines edlen Konservativismus, der Erhaltung des einmal für gut Befundenen, gilt nicht nur für die eigentliche Zubereitung der Speisen; er nimmt den ganzen Apparat des Essens, die Anrichtung und Auftragung der Mahlzeiten unter seine schützenden Jittige. Vielleicht hat es hier nur eine einzige grundlegende Aender- ung gegeben, als man sich zu Tische setzte, nicht mehr legte. Daß bereits im vorigen Jahrhundert völlig moderne Manieren bet den Gelegenheiten entfaltet wurden, wo man eingehend und ausführlich tafelte, wird niemand bezweifeln, der einmal in dem „Manuel des Amphitryons" geblättert hat. Dieser Leitfaden guter Tafelsitten rührt von Grimod de la Reyniöre, einem witzigen Schriftsteller und Sonderling, her, der einer der tiefsten Esser jenes philosophischen Zeitalters war. Man höre z. B. bloß, wie la Reynisre sich über die damalige Art des Servierens des Kaffees vernehmen läßt: „Ter Kaffee, der früher vom Haushofmeister in Begleitung eines Dieners mit dem Käffeebrett, auf dem die Tassen und die Zuckerdose standen, aus der Kanne im Rundgange an die Gäste verteilt ward, wird heute in einem eleganten, mit einem Hahne versehenen und von den Tassen umgebenen Behälter serviert, der sich auf einem Toppelgueridon in der Mitte des Salons befindet." Hat sich daran nur das Geringste geändert? Und der Verfasser fügt die elegante Vorschrift hinzu: „Alsdann nimmt jeder seinen Kaffee in einer Ecke des Salons ein." Auch was la Rehniörere über die Liköre sagt, ist ist ganz up to date. „Entweder gießt der Gastgeber selbst die Liköre unter Angabe des Namens in die Gläschen und bietet sie der Reihe nach jedem einzelnen Gaste an, oder die Flaschen oder Flacons werden einfach den Gästen zur Verfügung gestellt, die sich dann nach Belieben bedienen. Diese letztere Methode zeugt von größerer Pracht und ist kaum kostspieliger als die erste, denn die Bescheidenheit ist bei den Feinschmeckern eine weit verbreitetere Tugend, als man glaubt." Man findet eine treffliche Uebersetzung des Büchleins von la Reynisre in der Reklam schen Umver- sal-Bibliothek als Anhang zu Rumohrs Buch der Kochkunst. Tie meisten Erzeugnisse und Gebräuche der Kochkunst haben eine ehrwürdige Vergangenheit. Ter duftige Faschingskrapfen erinnert schon durch seinen Namen — altdeutsch chrapfe, der Haken — daß er von allerältestett Ahnen stammt, und diese Beispiele ließen sich ins Ungemeine vermehren. Freilich kennt auch die Geschichte der Kochkunst rückläufige Bewegungen, die mit den Epochen des Verfassers großer Kulturen zusammenfallen. Tas Menu der Germanen — aus Tacitus wissen wir, daß es zwar höchst gesund, doch jeglichem höheren Streben abhold war: Früchte, frisches Wildbret, geronnene Milch — was war das neben der Millionenschüssel des Kaisers Vitelftus, wo sich das Gehirn von Fasanen und Pfauen, die Zungen von Flamingos, die Milz und Leber der kostbarsten Seefische zusammenfanden? Brennpunkt einer großen Kultur war diese Schüssel. Und als das Germanentum über Som Ste, da siegte auch das kunstlose Menu über alle Schulen Lehrer der Kochkunst. Durch Jahrhunderte hindurch dauerten die kulinarischen Nachwehen dieses Sieges. Im ganzen Mittelalter konnte die einstige erhabene Stufe nicht entfernt erklommen werden. Anna Boleyn verzehrte zum Frühstück ein Pfund Speck und eine Kanne Beer — d,e schöne Anna Boleyn! Und zur Zeit der jungfräulichen Elisabeth erhielten die Hofdamen Pökelfleisch, Brot uni Bier — die allerliebsten Hofdamen! Erst die Renaissance in Italien bedeutete auch bte Wiedergeburt der Kochkunst. Jakob Burckhardt scheint kein Feinschmecker gewesen zu sein, sonst hätte er in seinem berühmten Werke „Tie Kultur der Renaissance in Italien" aucb für die Leistungen der Kochkünstler einige tiefempfundene Worte finden müssen. Aus Italien kam die Blütezeit nach Frankreich Hier war das 18. Jahrhundert in der Tat „das Jahrhundert der großen Küche". (Le ftöcle de la grande cuisine et des grands cuisinicrs. Paul Lacrorx. XVIIIe ©iecle.) Der Feldzug des Prinzen Soubise in! Deutschland wurde bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege". Damals wurden die „Dejeuners litte» raires et philosophiques" Mode, aber auch mit den Lastern der Zeit hing die Kochkunst in diesem „lastervollsten Jahrhundert" zusammen, wie Tühren in seinem unlängst erschienenen Werke „Ter Marquis de Sade« und seine Zeit nachweist. Doch leben seine besten Namen gleichfalls m der Kochkunst fort, Richelieu, Mazarin, Conds, Colbert; große Staatsmänner, Tichter, Philosophen nehmen tätigen Anteil an der Förderung dieser Kunst, ja sie treten selbst als sinder neuer Gerichte auf. Ihre Namen stehen heute nicht nur in den Annalen der Weltgeschichte, sondern auch auf den Speisekarten. Tie „Sauce Colbert" ist fast ebenso berühmt wie der „Merkantilismus" Colberts und hat im Gegensätze zu diesem keine Widersacher gesunden. Ueberhaupt haben die besten Männer der -Nationen die Kochkunst nie gering gehalten. Was wünscht Goethe von „Tes Knaben Wunderhorn?" „Von rechtswegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein. Ja, die Kochkunst hat eine stolze Vergangenheit, eine blühende Gegenwart; die Zukunft ist ihr sicher, denn ohne sie gäbe es keine Zukunft. Tie Kochkunst hängt mit den Wissenschaften des Geistes zusammen; die Chemie dient ihr, die Volkswirtschaft reicht ihr fteundlich die Hand. Philosophie und tiefere Bedeutung sind ihr ebensowenig fremd wie heiterer Scherz und Ironie. Faßt man all 180 dieses ins Auge, Wirtz inan es keine Herabwürdigung des Geistes nennen, wenn man den „Geist der Kochkunst" entdeckt haben ivtll. Er darf sich neben dem „Geiste der Gesetze", dem „Geiste des römischen Rechtes" sehen lassen. Tiefer dürfte ohnehin für die wenigsten der „Geist, den sie begreifen", sein. Ter Feinschmecker hat einen denkenden Magen, er empfindet, er dichtet sogar. Ter Vegetarier wende sich schaudernd ab, der Teinverenzler verhülle weinend sein Haupt — aber jener wird trotzdem Hammelkotelettes ä la Soubise ein Essen von weltgeschichtlichem Ernste nennen. Er heißt den Roquefort vornehm sarkastisch, den Emmentaler gemütstief und den Camembert hingebend Pikant. Er entfaltet das Banner des Geistes im körperlichsten Reiche. vermischter. * Au f der Düsseldorfer Garte ndan-Aus- st e l l u n g werden für die Blumenschmuckkunst folgende Ausstellungen stattfinden: Frühjahrs-Bindeknnst- Ausstellung vom 12.—15. Mai, Sonder-Ausstellung Rosen Dom 25.-28. Ium, Sonder-Ausstellung „Braut- schmnck" vom 30. Juni bis 1. August, Internationale Bindekun st-Ausstellung vom 17.—20. September, Sonder-Ausstellung „Chrysanthemum" vom 20.—23. Oktober. In Düsseldorf sollen alle Blumenspenden, welche dem Charakter und der Stimmung nach zusammen gehören, vereinigt werden. Hierdurch kommt der Beschauer zu einem erhöhten Genuß und es können auf diese Weise recht stimmungsvolle Bilder geschaffen werden. Für die Internationale Bindekunst-Ausstellung haben sich in 50 deutschen Städten und in den meisten europäischen Ländern Ausschüsse gebildet, welche die gemeinschaftliche Beschickung vorbereiteu. So wird z. B. die Stadt Berlin ein Hochzeitshaus im Blumenschmuck zeigen. Ter Speisesaal enthält die Hochzeitstafel und eine Anzahl kleinerer Tafeln, während ein an den Speisesaal anstoßender Salon die Hochzeits-Blumenspenden aufuehmen soll. Ueberans originell rst die Aufgabe, die sich Hamburg gestellt hat. Tas Heim einer Künstlerin soll die Blumenspenden zeigen, die der Tiva beim Benefiz überreicht wurden. Die vereinigten Blumenhändler der Stadt Köln haben es sich zur Aufgabe gestellt, einen großen Pavillon von 50 Meter Länge und 30 Meter Breite als Empfangs- und Festraum für einen Besuch des Kaiserpaares auszuschmücken. Dieser Pavillon wird außer einem prunkvollen Blumen- und Pflanzenschmuck eine kostbare Festtafel, sowie hervorragende Blumenspeuden enthalten, die zur Ueberreichung an das Kaiserpaar geeignet sind. Ten künstlerischen Blumenschmuck eines Ballsaales mit Festtafel und originellen Gruppierungen von Kotillon-Arrangements hat eine andere Stadt übernommen. Kiel, die Stadt der Regatten, wird mit Bezugnahme auf die „Kieler Woche" mit einer größeren Anzahl Boote ankommen, die zur Blumen-Regatta geschmückt sind, während der Wagen-Blumenkorso, der Fahrrad-Blumenkorso, der Kinder-Blumenkorso und „last not least" der Automobil-Blumenkorso von vier anderen Städten zur Schau gestellt werden. Trauschmuck ist die Aufgabe einer anderen Stadt. Ein Programm mit 64 sehr interessanten Aufgaben wird denjenigen Gelegenheit geben, sich an der Ausstellung zu beteiligen, welche sich- den Kollektiv- Ausstellungen nicht anschließen wollen. Als eine dieser Aufgaben nennen wir die Blumenspende für die Kaiserin, als Huldigung der Kunst- unb Gartenbau-Ausstellung gedacht. Für diese Aufgabe sind allein 2100 Mark Geldpreise, sowie goldene und siwerne Medaillen ausgesetzt. Ter erste Preis beträgt 1000 Mark. Tie Kaiserin hat sich bereit erklärt, die mit dem ersten Preise ausgezeichnete Blumenspende entgegenzunehmen. Für Preise für die Abteilung Bindekunst sind im Ganzen ca. 28 000 Mark zur Verfügung gestellt worden. Kesundheitspflege. (hr.)Maul- und Klauenseuche und Kinderste r b l r ch k e i t. Es ist lange bezweifelt ivorden, ob die Maul- und Klauenseuche der Rinder und Schweine auf den Menschen übertragbar sei; es sind aber jetzt so viel Fälle festgestellt, daß die Uebertragbarkeit keinem Zweifel mehr unterliegt. Beim Menschen entwickelt sich eine richtige Infektionskrankheit, die mit Schüttelfrösten und Fieber beginnt und sich an der Mundschleimhaut festsetzt. Es treten am Mund, der Zunge und den Lippen Blasen auf, die bald in Geschwüre übergehen. Tie Krankheit hat in manchen Fällen sowohl bei Kindern wie Erwachsenen einen tödlichen Ausgang genommen. In den Jahren 1898—1900 sind in Preußen in zehn Regierungsbezirken Uebertrag- ungen der Seuche auf den Menschen beobachtet ivorden, doch ist kein Fall tödlich verlaufen. Neben der allgemeinen Infektion kann auch eine lokale Uebertragung stattfinden, und es wurden auf diese Weise bei Stallbediensteten an deren Händen Blasen beobachtet, die durch direkte Berührung der kranken Stellen der Tiere entstanden waren. Beim Menschen bildet in der Regel die Milch und deren Genuß die Vermittlerin der Krankheit, seltener Butter oder Quarkkäse und es stellt sich demgemäß bei Kindern häufig eine mit Blasen einhergehende Mund- entzündung ein, die sog. Aphthen. Auf eine neue Beziehung zwischen Maul- unb Klauenseuche der Tiere und Erkrankungen der Menschen hat neuerdings Prof. Wyß in Zürich aufmerksam gemacht. Er studierte die Kindersterblichkeit in Zürich und fand, daß das Jahr der größten Kindersterblichkeit dort, nämlich das Jahr 1898, zusammentraf mit der grö ßten Verbreitung der Seuche unter dem Rindvieh. Merkivürdig war dabei, daß die Erkrankungen und Sterbefälle bei Kindern einige Monate später erfolgten, als die Krankheit der Tiere angezeigt wurde. Ties erklärt Prof. Wyß damit, daß die Milchproduktion bei den Tieren aus der Höhe der Erkrankung zurückgeht; da die Kinder diese Milch also nicht genießen, können sie auch nicht daran erkranken oder sterben. Erst nach Monaten tritt die Milchabsonderung wieder ein, die Milch ist aber noch lange Zeit hochgradig verändert und wird daher den Kindern verhängnisvoll. Mo solche noch nicht bestehen, sind daher überall Polizeiverordnungen notwendig, daß nur die Milch von gesunden Tieren verlauft werden darf. Ta nach Maul- unb Klauenseuche oft bauernbe Gesundheitsstörungen bei den Tieren auftreten und die Milch auf lange Zeit geschädigt wird und daher als Kindernahrungsmittel ungeeignet wird, so macht Prof. Wyß den Vorschlag, die Milch derartiger Tiere aus lange Zeit am besten für immer als Kindernahrungsmittel auszuschließen. Erprobtes Akzept. — Fußbodenteppiche zu reinigen. Teppiche, die schmutzig und fleckig geworden sind, kann man sehr gut selbst reinigen und dadurch wieder brauchbar machen. Dazu erforderlich ist eine nicht zu harte Bürste und eine Abkochung von Quillayarinde (Panamaspäne). Bon letzterer nimmt man 100 Gramm auf 2Va Liter Wasser. Man taucht die Bürste wiederholt in die lauwarme Lösung ein, bürstet ein Stück des Teppichs, immer nach einer Seite streichend, gut durch und spült dann den Schaum ab. So fährt man fort, bis der ganze Teppich durchgebürstet ist. Dann wieder rasch! noch einmal mit kaltem Wasser übergossen und mit der Bürste überstrichen, bis aller Schaum entfernt ist. Nun hängt man den Teppich, am besten über zwei Stangen, zum Trocknen auf. Durch dieses Verfahren kommen oft ganz verblichen scheinende Farben wieder hervor. Zahleurätsel. 9 10 11 4 2 1 2 7 7 1 2 3 7 5 2 3 1 8 4 2 3 12 10 6 4 8 2 Statt der Zahlen sind Buchstaben zu setzen, sodaß die senkrechten Reihen. Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. Stadt an der Donau; 2. Gewässer ; 8. Nebenfluß an der Donau; 4. Beherrscher eines großen Reichs; 5. bekannter Badeort; 6. Na ine von Päpsten; 7. Nebenfluß des Neckar; 8. Singstinnne; 9. altgriechische Göttin. Die durch stark umränderte Felder hervorgehobenen Zahlen bezeichnen einen Teil des Jahres. tAuslösung in nächster Nummer.) Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.: Märzenschnee tut den Bäumen weh. (Märchen, Zehn, Asche, Neger, Student, Orden, Blätter, Krume, Wein, Weber, Hase.) Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl"scheu LniversttätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.