Samstag den 23. Januar. ynfTTTTTME IUMKS M>z.^WMpilG l>l .UM» A IiMWWW chSW'M^E inj|F^ä kirn (Nachdruck verboten.) Wlla Jalconierk. Von R i ch a r d V o ß. Erster Band. (Fortsetzung.) Eine Scheidung der Ehe Marias mit Mariano war, bank dein famosen 'Code Napoleon, nicht durchzusetzAc. Nur eine Trennung der beiden Gatten war möglich. Uitb auch dann konnte Maria durch den machtvollen Arm pes. die Bürger eines Staates schützenden Gesetzes zur Rückkehr zu ihrem Mann gezwungen werden. Mariano konnte daher unser Schicksal sein und unseren Etott spielen. Mir sprachen niemals darüber. Niemals wurde berührt, daß Maria erst nach Marianos Tod vor der Welt mein Wwb sein konnte. Wozu bedurften wir beide einer Ehescheidung und eines Dcspenses des Papstes? Zwec Unglückliche hatten sich schweigend die .Hand ge- vercht. Die hielten die verschlungenen Hände fest ineinander geschlossen. Vor der Welt ni.^t mein Weib--mochte doch die Welt ihren berühmten Stein ausheben und nach uns werfen. Mir würden uns steinigen lassen und zwar ohne uns darum als Märtyrer zu fühlen. Tre Welt muß nach der Strenge ihrer Sitte richten; und wir müssen nach Maß unserer Sittlichkeit handeln. Ich ließ für Maria die Zimmer einrichten, die sich um die Loggia mit der kleinen Fontäne gruppieren. Aus diesen stillen Gemächern hatte sie den Blick auf die Pinienwicse der Billa Taverna und die lange Cypressenallee, welche die Oelwälder durchfchueidet und zur Billa Montragone hinauf- führt; auf das herrliche Sabinergebirge und die köstlichen ' Höhen von Tusculum. Hielt sie sich in diesen Räumen aus, drang kein anderer Laut zu ihr, als das Rauschen des Springbrunnens, Vogel- gesang und nkkkunter entfernte Musik, die, aus der ungeheuren Palaftruine der Villa Mondragvne tönertb, wie eine Geisterstimme über den Wipfeln der Oelbäume schwebte. Um für ihren dunkeln Ernst eine möglichst heitere Umgebung zu schaffen, ließ ich ihre Zimmer mit sehr hellen Farben ausmalen, und edle Möbel und schöne Geräte hinein- stellen. Aber sie hatte an diesen Trugen keine Freude; nicht einmal an den Blumen, mit denen jeden Morgen Basen imb Schalen gefüllt wurden. Tie Trauer um ihr Kind legte sie sehr bald ab unb sing an, sich mir zuliebe schön anzuziehen. Sie besaß eine Borliebe für sehr Helles Grau. Sie sah in diesen lichten Kleidern ganz besonders schön aus —• vielleicht etwas zu feierlich. Aber auch das paßte wiederum gut zu ihr. Ich merkte, daß sie um ihren toten Liebling leidenschaftlich trauerte. Sie zeigte es indessen niemals, besuchte niemals das Grab. Es lag eben nicht in ihrer Natur, an einer Gruft zu stehen und zu weinen. Nachdem sie das eine Mal von ihrer Vergangenheit gesprochen hatte, tat sie es nie wieder. Nur ein einziges Mal hatte sie mir gesagt, daß sie mich liebte: so liebte, wie ein Weib nur lieben kann! Niemals fragte sie mich wieder nach meiner Liebe zu ihr, nach- dem sie es einmal aus meinem Munde gehört und meiner Versicherung geglaubt hatte. Sie wußte, daß sie , nicht meine erste Liebe war; aber sie fühlte die feste Gewißheit, daß sie meine letzte bleiben würde. Ohne Unterlaß trachtend, nur für Maria zu leben, erkannte ich darin nur einen triftigen Grund mehr, um mich in die schöne Einsamkeit der Billa Falconieri zu vergraben. Wie die Verhältnisse jetzt lagen, war an ein Aufhören dieser Traumexistenz gar nicht zu denken. Tenn niemals würde ich Maria einem unehrerbietigen, oder nur zweifelhaften Blick ausgesetzt haben. Ter ZauberÄeis innerhalb der Mauern unseres leucht- tenden Hauses schützte auch sie wie ein Talisman gegen alles Gemeine. Von neuen Arbeiten und Werken hätte schwerlich die Rede sein können, wäre ich auch noch bei alter starker Schaffenskraft gewesen. Ich hatte zu viel mit unserem Seelenleben zu tun, mußte fort und fort in uns hineiw blicken und über unser Geschick grübeln und brüten. Vielleicht gelang es mir, zu entdecken, daß mein Mitleid für Maria doch Liebe war! Dann waren wir beide gerettet. Oder ich mußte befürchten, daß Maria das Opfer meines Lebens erriet; und dann waren wir beide verloren. r Wie ich uns aber auch beobachtete und bewachte; jeden Gedanken zehnfach analysierend, jedes Gefühl, beständig unter die Lupe bringend — ich entdeckte bei mir nur die eine einzige machtvolle Empfindung, bei ihr nicht eine Regung von Mitßrauen. Ich mußte mich beständig streng vor jedem Selbstverrat bewahren. Vieles in meinem neuen Leben wap schwer. Aber dieses Eine erschien mir als des hwerste. Es verzehrte meine ganze Kraft und oft überfiel mich töh liche Ermattung. * Einmal war es unumgänglich notwendig, mich persönlich nach Rom zu begeben. Seit Jahren war ich nicht dort gewesen. Ich entsetzte mich selbst darüber, wie alles auf mich wirkte, mich beunruhigte und quälte. Ich fühlte mich auch physisch.schwer krank. Im Cafe Orianio genoß ich etwas. Neben mir saßen römische Literaten, von denen ich einige kannte. ?lber sie 50 erkannten mich nicht.. . . Wie verändert ich mich haben Mußte — seltsam! Uebrigens war ich sehr froh, daß mich! niemand erkannte. Sie redeten von Literatur; und es wurde mir noch unbehaglicher zu Mute. Tenn wenn sie von mir ge- sp-rocyen Hutten--Aber sie nannten nur Namen, die ich gar nicht kannte. Bon mir spracht niemand. Gott sei Dank! Auck) in der Literatur mußte vieles anders geworden sein: genau so, wie ich es vorausgesehen hatte. Noch einmal: Gott sei Dank, daß ich mich zur rechten Zeit aus den Reihen der absterbenden Dichter davongeschlichen und mir selber das Grab gegraben hatte. Trotzdem quälte mich alles, was die Leute neben mir sprachen. Jedes Wort wühlte in mir. Es war so wunderbar, daß ich einstmals auch ein lebender Dichter gewesen sein sollte und längst vergessen worden war. Längst vergessen — So schuett ich! konnte, beendete ich, mein Mahl, zahlte und ging mit abgewandtem Gesicht hinaus. Warum wendete ich das Gesicht ab? Auch auf der Straße fürchtete ich jeden Augenblick trotz der großen Veränderung, die mit mir vorgegangen fein mußte, daß dieser oder jener mich erkennen könnte. Warum fürchtete ich mich, erkannt zu werden? Zum Glück ward es bald dunkel. Mein Weg führte rNich am Valletheater vorüber. Erinnerungen erwachten. Ich hatte sie längst, längst totgeglaubt. Und jetzt waren sie plötzlich da, jetzt wollten sie sich nicht zurückdrängen lassen. Wie Geister stieg Vergangenes vor mir auf: Im Valletheater wurde ein neues Drama gegeben. Das Haus war überfüllt, der Beifall brach tosend aus. DaS Werk riß das Publikum hin; und — es war mein Werk! Sie riefen meinen Namen, sie jubelten mich auf die Bühne: wieder, immer wieder! Ich sah mich selbst Tie Toten standen auf — ich sah' ein Gespenst. Tenn ich befand mich vor dem Valletheater und- las den Titel des Stückes, das am Abend gegeben wurde: „Agrippina!" Tragödie in fünf Aufzügen vor: Eola Eampana. . . Wie von Geisterhänden gezogen, ttat ich ins Haus und an den Schalter, wo ich! meine Loge einnahm. Es mußte noch sehr früh sein; denn es kamen sehr wenige teilte. Aber das Stück hatte bereits angesangen und das Haus war fast leer. Ich saß in dem öden Hause, sah meine Gestalten, hörte meine Verse sprechen. . . Gespenster, alles Gespenster! In dem öden Hause blieb es still — still — still. Auf dem Zettel las ich daß die kleine Rolle der Marcia eine Debütantin spielte. Es wär ein blutjunges Geschöpf: hoch aufgeschossen, hager, hysterisch mit scharfen, eckigen Bewegungen und einer Haltung, als wäre sie schwiridsüchtia. Sie hatte eine eigen- ümliche Art, zu gehen: sie schob sich, vorwärts. Es war ehr unschön. Ihre langen, schmalen, blassen Hände waren in unaufhörlicher Bewegung. Diese nervösen Hände sprach!en! Sie sprachen zu den Herzen der Hörer viel beredter als meine pathetischen .Verse. Tie kleinen zitternden, bleichen Hände rührten das Publikum bis zu Tränen. Sie hatte eine Stimme ohne jeden Wohllaut. Im Grunde genommen war es eine echt italienische Sttmme. Verse konnte sie mit diesem hohen, schrillen, blechernen Organ -gar nicht sprechen. Auch keine große Leidenschaft konnte, sie damit ausdrücken. Nur Zärtlichkeit. Da wurde die Sttmme leise; leise und weich Da flüsterte und koste die harte, herbe Stimme; da lockte und lächelte sie. Ja, und was sie sonst noch ausdrücken konnte, das war Gram, Liebesschmerz, Herzeleid, Trauery Wehmut, sttlle todmüde Verzweiflung. Alle Töne eines zärtlichen, verratenen, aebrochpnen FranenherzenZ ' -■•-.i- Ihr Gesicht war häßlich. . . Wie? Oder war es schön?. Ich wußte es nicht. In diesem Augenblick erschien es mir entschieden häß? lich, im nächsten entschieden schön — wunderschön! Es war ein beständiger Wechsel in diesem kleinem hageren, süßen Gesicht. Alles darin war Ausdruck. Und der Ausdruck war eben alles. Sie debütierte also: in Rom debütterte sie! Bon ihrem Erfolge hing ihre künfrlerifche Zukunft ab; und sie hatte es nicht einmal für nötig befunden, sich zu schminken. Noch dazu im antiken Kostüm! Aber ihre Augen — Diese großen, weitoffenen, düsteren Augen; diese trau-: rigen, leuchtenden, märchenhaften Augen; diese rätselhaftem unergründnchen, unvergeßlichen Augen! Es waren die Augen einer großen Künstlerin, die Äugelt einer echten Tragödin! Und — es waren die Augen einer unglücklichen, kranken Frauenseele. Tas Haus war tief betroffen. Zuerst flüsterte maß. Es wurde sehr unruhig. Tann Totenstille. Man faß wie gebannt und hörte die schmerzlichen Lippen flüstern, die ruheloseli Hände reden, diese schwermütigen, glänzenden Augen eine tragische Liebesgeschichte erzählen. Als die kleine Rolle zu Ende gespielt war, raste das Publikum. Um das Werk kümmerte sich niemand. Das Werk gehörte zu den abgetanen Dingen, zu dem fortgeworfenen, vergessenen Ueberfluß. T!as Werk war tot! Tas Werk und der Dichter. Ader der jungen Schauspielerin und der Bühne, darauf sie souverän herrschen würde, gehörte die Zukunft. Friedlich und feierlich war später mein Heimritt in der Vollmondnacht durch die Campagna. Ich ließ mich von den Lichtfluten wie in ein himmlisches Kleid hüllen und von denr großen Schweigell der Natur mit einem Hauche göttlicher Ruhe erfüllen. Tann befaild ich mich, zu Hause! Schon im Hohlwege bei der Villa Lancellotti kamen mir meine drei jungen, weißen Wolfshunde entgegengeraff. Sie sprangen am Pferde in die Höhe und heulten vor Freude über die Heimkehr des Herrn. Daun stteckte mir durch das hohe Dor der alte Eichbaum feinte gewaltigen Aeste entgegen; und der wachsame Falke über demselben grüßte mit ausgebreiteten Flügeln. Dann umfing mich der Silberschimmer des Oelwalds, die Dämmerung des Stein- eichenhains. Dann trat ich ein in mein liebes einsames Haus, in Mein schönes Asyl. Maria erwartete mich in der Halle; und sie hatte dort gewiß seit Stunden gewartet. Mit heimlicher Sorge sah sie mir in die Augen. Ich! konnte jedoch lächeln. Ja! Ich! war ein toter Poet; aber — es schmerzte nicht mehr. * . - Sehr bald darauf lernten wir Euch kennen. Wißt Ihr noch wie es kam? Wir erinrrern uns jeder Einzelheit; und so oft ioir daran denken, danken wir dem Geschick für Eure Freundi- schast. In der Billa Müti war's, in der. „Rosenvilla". Ich wollte sie Maria in der Blütezeit zeigen; und selbst meine kühle Maria sagte: vM ist schpu." Rosen — Rosen — Rosen! Marsch,al-Niel und Gloire jöe Dijon. Und Malmaison und die wunderschöne Königin: la France! Rosen — Rosen — Rosen! Sie stiegen zu beiden Seiten der Straße wie Bollwerke empör, krochen auf allen Wegen hin,, kletterten an allen Ballustraden empor, durchwucherten alle Bosketts, füllten alle wasserleeren Fontänen und Römersarkophage. Sie umrankten die antiken Säulen und Statuen, die Stämme der Pinien und Steineichen- Sie schwangen sich von einem Baum zum andern, stürzten sich aus den Wipfeln heraH Ms«n wie rosige Teppiche vpn den Wwchen her. MpMM 51 Sie sprossen aus den Stufen der Treppen, aus den Fugen der Mauern, breiteten sich zu Feldern aus. Rosen — Rosen — Rosen! Wir kamen in ein Labyrinth von engen, dunkelen Lor- beergängen, die uns über eine kleine Brücke auf ein von trüben Wassern umflossenes Inselchen führten. In dem Teich wuchsen Kallas und Lilien; und ringsum die hohen Gebüsche durchleuchteten wiederum Rosen — Rosen! Aus dem winzigen Eilande stand ein alter Erdbeerbaum, darunter eine Büste der Zenobia aufgestellt war. Antike Ka- pitäle und gestürzte Altäre standen als Sitzplätze umher. Hier wart Ihr! Ten Schoß voller Rosen, saß Deine Fran unter dem schönen Baum. Sie trug ein leichtes, weißes Kleid und erschien uns tote der Genius des Ortes. Auch Tu gefielst mir mit Deinen ernsthaften Augen und Deiner freundlichen Stimme recht gut. Wir beide sprachen miteinander. Aber Maria blieb scheu zurück und schaute unverwandt auf Deine Frau. Ta wühlte diese die schönsten Rosen aus ihrem Schoßt ging auf Maria zu und reichte ihr mit einem Lächeln den Strauß. (Fortsetzung folgt.) Maudereim aus der KaiserstM. (Nachdruck verboten.) Lestlng in Gala. — Menzel und der Kaiser. — Der Berliner Hausschlüssel. — Privatnachtwiichter. Direktor Reinhardt, der gefährlichste Rivale Otto des Gewaltigen vom „Deutschen Theater", weiß immer etwas Neues, Ueberraschendes, das Berliner Theaterpublikum Faszinierendes in Szene zu setzen. Unlängst hat er Herrn Gotthold Ephraim Lessing wie einen modernen Modedichter behandelt; d. h. er hat die „Minna von Barnhelm" mit all der Liebe und Sorgfalt auf die Bühne seines „Neuen Theaters" gebracht, tote das sonst bei uns nur „Haupt- und Sudermännern" zuteil wird. Dekorationen und Kostüme, streng im fredericianischen Stil nach Cho- dowiecki.schen Kupfern, und eine Besetzung dazu mit Kräften allerersten Ranges. So wirkte dieser Lessing in Gala fast tote eine Novität und ganz Berlin ist begeistert von dem Kunststück, das dem Geschmack unseres Publikums noch so gewaltig imponieren kann, dem Feinschmecker selbstverständlich das prickelndste Behagen schafft, vorbildlich aber ohne jede Bedeutung bleibt. Tenn wenn um jede Neuheit oder Neueinstudierung ein solcher Apparat von Nachfragen, Besuchen, Informationen —' und Ausgaben in Tätigkeit gesetzt werden soll, so darf Jemand nur noch Theaterdirektor zum Vergnügen sein und dabei die edle Absicht haben, tote der brave Werner, seine wohlgefüllten Beutel los zu werden. Dieser brave Werner ist denn bei der Premitzre auch eilt ganz hübsches Sümm- chen los geworden. Ter.Flüchtling vom „Deutschen Theater", Kayßler, war es, der ihn darstellte, und dieses einmalige Auftreten gegen ein gerichtlich ergangenes Verbot kostete ihm 1000 Mark. Ta es eine gute Reklame war, wird sie Max Reinhardt auf sein Konto genommett haben. Jedenfalls war die Verquickung deS Namens Menzel mit dieser Lessing-Aufführung ein sehr geschickter Ausgleich nach der anderen, für dergleichen Renommisterei weniger empfänglichen Seite. Mmeister Menzel wurde nämlich tu aller Ehrerbietung ersucht, Ratschläge für die Kostüme, zumal das der Sorma als Minna zu geben. Und er lieh die Ehodowiecki'schen Kupfer her, die man im Museum natürlich auch hätte einsehen können; er ioctr auch bei der Premiere und amüsierte sich vortrefflich, und er drückte Frau Agnes Sorma nachher schriftlich seine Anerkennung aus. Und das stand alles tropfenweise in der Zeitung, um dem alten Herrn in Wolfenbiittel auf dein Kirchhof einen großen Erfolg zu sichern. Oder wem? ... Tas Beispiel lehrt übrigens, daß die berühmte Menzel'sche Grobheit zu Zeiten gar nicht so arg sein kann. Aber mit 88 Jahren hat man vielleicht auch das Recht, bei dieser Tugend einmal auszusetzen. Sehr niedlich ist ein Geschicht- chen, das man sich vom letzten Besuche des Kaisers in Menzel's Atelier erzählt. Ter Kaiser war wohl gratulieren gekommen, und die kleine Exzellenz hatte ihn munter und straff wie sonst empfangen. Jin Geplauder bat plötzlich per Kaiser, ,M>ep setzen Sie sich doch, Exzellenz!", Menzel jedoch schüttelt bett Kopf, gestikuliert mit dein erhobenen Zeigefinger und entgegnet: „Tanke, Majestät, aber ich setze mich nicht!" Tie Aufforderung wiederholt sich; aber Menzel bleibt bei seiner Weigerung, bis der Kaiser, dem der alte Herr doch höchst ruhebedürftig vorkommt, fragt: „Aber warum wollen Sie sich eigentlich nicht setzen?" Und! die kleine Exzellenz antwortet treuherzig: „Wenn ich mich setze, Majestät, so schlaf' ich ein!" Zu glauben ist's schon, daß man in diesem gesegneten Alter auch am Tage manch- mal Schlafbedürfnis hat, zumal wenn man in der Jugend die Nächte am Arbeitstisch geopfert. Tie Jugend von heute geht natürlich auch nicht um zehn Uhr schlafen; aber sie tummelt sich in diesen Stunden auf anderen Gebieten als auf dem der Arbeit, und führt deshalb nicht selten vorher einen erbitterten Krieg um den Hausschlüssel. Der Berliner Hausschlüssel ist ein vielbegehrtes Objekt. In zwei Exemplaren liefert ihn der Wirt seinem Mieter ans, und zu vier, fünf Köpfen sind die Herrschaften mitunter draußen in der Welt, in der man sich nicht langweilt: der Vater beim Skat, die Mutter im Theater, die Söhne im „Turnklub", meist eine Verschleierung vom „Wintergarten", das Töchterchen bei einer Freundin, wo fie itatürlich „ihn", den „Herrlichsten von Allen" trifft, und Anna, die holde Fee der Küche, die sich in der leeren Wohnung ja graulen muß, entweder bei einer ihrer rätselhaften Tanten, von denen jedes anständige Dienstmädchen in Berlin wenigstens, drei hat, oder mit dem altbewährten „Cousin" spazieren. Natürlich, fünf in drei geht nicht, Borgen wir uns einen. Aber auch dann muß Anna das Fräulein, und Vater die Mutter abholen (oder timgekehrt!) und die Herren Söhne nlüssen sich irgendwo zum Antritt der Heimreise treffen. Besser haben es die Mieter, deren Haus von der neueingerichteten Privat-Nächtwachgesellschaft bewacht wird. Ter; vetr. Wachter schließt gegen, einen kleinen Obulns Leuten die er kennt, oder die sich als Hausinsassen ausweisen können, die Haustür selbst um die vierte Morgenstunde auf. Eine sehr verführerische Einrichtung, die zur Folge hat, daß auch ganz junge Leute mitunter bei Tage Menzel'sche Anwandlungen bekommen imb daher peinlich vermeiden, zum Sitzen zu kommen, — so lange Se. Majestät der Chef in Sehweite ist. A. R. Aus einem Karem. < Muriel Baddington, eine Engländerin, die sich, in Teheran in Abdullah Hussein Khan, einen Vetter des Schahs von Persien, verliebte und die durch ihre Heirat tritt ihm! eine der „führenden Damen" in seinem Serail wurde, erzählt im „American" sehr interessant von: Leben in enteilt persischen Harem. „Mein Gatte" — schreibt sie — „baute mir ein hübsches, englisch aussehendes Haus. Das Klimaj ist prächtig, und ich ritt häufig aus; aber der persische Schleier, der Augen und Gesicht vollständig bedeckt, raubt! einem viel Vergnügen.. Das Benehmen der Perser gegen Frauen ist dabei sehr frei; obgleich ein Soldat und vier! schwarze Diener uns bewachten, machten wir beim Spazierengehen sehr unangenehme Erfahrungen, sodaß wir lieber fuhren oder ritten. Der Schleier gewährt den Perserinnen den Eindruck höchster Lieblichkeit. .An Wirklichkeit enttäuschen aber ihre Gesichter, die Figuren sind eckig und ungraziös. Das Ideal der Schönheit in Persien ist, dunkle Augen — blaue oder graue Augen sieht man selten — und schwarze Augenbraauen zu haben, die ans der Stirn zn- fammenstoßeu. Wenn das Haar natürlich hell ist, muß es im Bade dunkel gefärbt werden. Mn „Bad" in Persien; dauert vom frühen Morgen bis zum späten Abend; das. Haar allein wird siebenmal mit Wasser und Seife, gewaschen. Persien ist das Land des Anmalens, Puderns, Färbens und der prächtigen Kleider. Ein beliebter Besatzj ist eine mehrere Zoll breite Einfassung aus echten Perlen^ und die Kissen, auf denen wir lagen, waren mit kostbaren! Perlen geschmückt. Für Korsetts sind die Perserinnen indessen nicht. 'Als ich einer starken Fran einmal ein Korsett anzog und die Schnur zuziehen wollte, wurde sie blau im Gesicht und bat mich sie von der Folter zu erlösen, Was die Erziehung persischer Frauen betrifft, so ist es wahr, daß selbst manche Prinzessinnen weder lesen noch schreiben können und oas Leben sehr langweilig finden'. Sie lauschten stundenlang meinen Erzählungen von denk, freien, gflücklichxn Leben englischer Frauen, und viele von ihnen sehnen sich: nach Freiheit und Bildung. Ihre Tänze, 52 Gespräche und Sitten sind sehr wenig erfreulich; ihnen inan gelt sehr die schulmäßige Disziplin. Als ich ihnen von der Achtung erzählte, die englischen Frauen von ihren Männern gezollt wird, seufzten sie. Tenn diese armen Frauen werden sehr grausam behandelt; wenn ihr Mann zornig ist, so wickelt er ihr Haar so fest um ihre Arme, daß die Frauen vor Schmerz schreien; für Kleinigkeiten werden sie geschlagen und gedemütigt. Nur reiche und einflußreiche Frauen können sich scheiden lassen und sich dann wieder verheiraten. Tas tzaremsleben ist sehr monoton. Berufsmäßige Tänzer werden zur Erheiterung angestellt, aber ihre Tänzer und die der Frauen sind nicht einwandfrei. Ein Musikant durfte vor uns spielen; denn er war gänzlich erblindet. Tie Haremsfrauen dürfen außer ihrem Gatten nur ihren Großvater und Onkel sehen, weil eine Heirat mit diesen unmöglich ist. Ter Schah hat aber das Vorrecht, daß jede Frau in seinem Reiche sich vor ihm entschleiern muß und ihm jede gehört, an der er Gefallen findet; er hat 160 Frauen, die ich alle kenne, da ich ständig feinen Harem besuchte. Persische Frauen ordnen ihr Haar in Hunderten von kleinen Flechten an; bei jeder größeren Gelegenheit werden diese aufgeflochten und stehen in einem schrecklichen dicken Gewirr um den Köpf herum. Ich erfreute die Schwester des Schahs und mehrere Fürstinnen, indem ich ihre schwarzen Dienerinnen lehrte, das Haar auf englische Weise zu frisieren. Fast alle Dienerinnen sind arabische Sklavinnen. Tie Wärterin meines Sohnes war z. B>. eine Araberin, die wir für 320 Mk. kauften. Sklaven werden oft wegen geringfügiger Ursachen enthauptet. Die meisten Leute strafen die Wärterinnen für die Vergehen der Kinder; daher bemühen sich erstere, den Kindern gute Manieren beizubringen und zwingen sie, die üblichen drei Verneigungen zu machen, so -oft sie ihre Mutter sehen. Die vornehmen Perserinnen kiimmern sich selbst kaum um ihre Kinder." * W i e solle n u n s e r e K l e i n ft e n s ch l a s e n ? Die Wiege, dies altehrwürdige Stück deutschen HauSra's, ist jetzt jo, gut wie verschwunden. In Bauernhäusern ist sie noch hier und da zn finden, aber es wird viele Leute in recht erwachsenem Alter geben, die ein solches Ding überhaupt nicht mehr gesehen haben. Namentlich in den Städten ist sie ganz ausgerottet und in der Regel verdrängt durch den Kinderwagen. Mit dem Vrrschwin- den der Wiege ist die Hygiene ganz einverstanden, aber von ihrem Ersatzstück auch n i t sonderliche n t z ü ck t. Das Gedächtnis an die allerersten Kinderjahre ist tut Menschen schlecht entwickelt, und wir können unfern Kleinsten ihr Behagen schließlich nur nach ähnlichen Gesichtspunkten zu schaffen suchen, wie sie sich für uns als zuträg- ltch erwiesen haben. Sich in den Schlaf wiegen lassen, hat zwar int dichterischen Gebrauch eine sehr schöne Bedeutö ung, ivürde im buchstäblichen Sinn wohl aber fast niemand recht angenehm sein. Tie seitlich schaukelnde Bewegung der Wiege ist nun freilich beim Kinderwagen ausgeschlossen, an ihre Stelle aber tritt das Hin - und Herfahren oder das Aus- und Niederwippett der Wagen auf den über den Rädern angebrachten Federn. Die Mütter, die für die jüngsten Sprößlinge unseres Volkes verantwortlich sind, mögen es sich gesagt sein lassen, eine solche Behandlung der Schlafgelegenheit ihrer Kleinen zu vermeiden und zn verbieten und daran zu denken, was Wohl ein Erwachsener dazu sagen würde, wenn sein Bett in dieser Weise in Bewegung gesetzt würde. Wenn ein Kind unruhig ist, so soll inan den Gründen seines Unbehagens nachspüreu oder es auf andere Weise zu beruhigen, nicht oft ex auf irgend eine Art zu betäuben suchen. Tie Gesundheitspflege verlangt überhaupt, daß e in Ki n d v o n vornherein in ein feststehendes Bett und weder in einer Wiege noch in einen Kinderwagen gelegt wird. Letzterer sollte nur zum Fahren oesttmmt sein oder, wenn für die gleichzeitige Anschaffung etnes Betts und eines Wagens die Mittel nicht vorhanden >uw, ivenigstens nicht dazn bemrtzt werden, die Nachteile der alten Wtege fortzupslanzen und gar noch, zu verschlimmern. Eine Karte an den lieben Gott im Himmel wurde auf der Wiener Post aufgegeben und dieser Tage dem Herrn 9L N. als unbestellbar zurückgestellt. Der Inhalt der Karte mar eine Bitte an den lieben Gott, er möge dem Schreiber für die Weihnachtsbescherung einen Wagen, ein Pferd und eine Peitsche schenken. Die Bitte war unterstützt mit der Versicherung, daß der Briefschreiber recht artig sei, das ganze Vaterunser, Gegrüßet' seist du Maria und das halbe Credo wisse. Die Karte, die am 23. Dezember v. I. anfgegeben, wurde schon am 26. mit der Bemerkung: „Von St. Petrus nicht angenommen, daher retour", dem Vater des kleinen Briefschreibers übergeben. Das merkwürdigste nun i|t, daß die Karte nicht mit einem Strafporto belegt wurde, denn das Land Himmel steht nicht im Verzeichnis der Länder des Postverkehrs. * Wenigstens etwas. Frau Doktor: „Ihr Herr Gemahl hat, wie ich! höre, den ersten Preis für sein gelehrtes Werk erhalten — da gratuliere ich!" — Frau Professor: „Unter uns gesagt, liebe Frau Doktor, es ist ein wahrcs Glück, daß mein Mann wenigstens etwas von der Wirtschaft versteht, — in der Wirtschaft zu Hause ist er auch zu rein gar nichts zu gebrauchen!" * In einer süddeutschen Schule. Ein Schul- inspektor fragte bei der Prüfung: „Kannst Tu mir sagen, warum der Krebs immer rückwärts in seine Schlupfwinkel geht?" Kärtchen antwortet: „Damit er sich net erum ze drehe braucht, ivann er wieder eraus geht." LrteLmMches. — Anna Schramm, die prächtige Darstellerin ko- . Mischer Charaktere am Königlichen Schauspielhause zu ■ Berlin, schreibt in der ersten Nummer des neuen Jahrgangs der Theater- und Kunstrevne „Bühne und Brettl" (Tie Bühne) ein Schwänklein über ihr erstes Auftreten. Ferner finden wir in dem Heft eine Würdigung von Halbe's „Strom". Tr. Paul Kraemer eröffnet eine Artikelserie „Theater und künstlerische Kultur". Ein autobiographischer Beitrag sowie eine Komposition von Adalbert von Goldschmidt, ein humoristisches Vvrtragsgedichit von Rideamus, ein Preisausschreiben für ein lyrisches Gedicht, eine lustig illustrierte Abteilung: „Theater-Humor", etne Tvtationsbewilligung an die Bühnengenossenschaft, die vornehme Ausstattung des Heftes durch viele erstklassige Origitialzeichnungen und beste Autotypien (Porträts, . Szenen- und Kostümbtlder usw.). Man abonniert auf diefe Halbmonatsschrift, die in der nächsten Nummer einen Beitrag von Engelbert Humperdinck bringen wird, zum Preise vott 5 Mark pro Jahr in den Buchhandlungen (Berlin W., Schöneberger Ufer 32.) — Die Kunst. Monatfchrist für freie und angewandte Kunst. (Berlagsanstalt F. Bruckmann A.-G, München; Preis vierteljährlich 6 Mk.) Aus dem reichen .Inhalt des Januarheftes heben wir zunächst einen vorzüglich illustrierten Aufsatz über Max Liebermann von Hans Rosenhagen hervor, eine feine Charakteristik dieser außerordentlichen künstlerischen Individualität. Moritz v. Schwind erfährt au seinem 100. Geburtstage eine eingehende Würdigung aus der Feder von Fr. Haack; die biefett Aussatz illustrierenden Abbildungen, zum Teil nach noch recht wenig bekannten Werken Schwinds, werden den vielen Freunden seiner anmittigen Kunst eine willkommene Gabe sein. In dem kunstgewerblichen Teil des Heftes berichtet P. I. Rse über die Arbeiten des Von R. Riemerschmid geleiteten 3. Kunstgewerblichen Nürnberger Meisterkurses; dem schließt sich ein von 22 Abbildungen begleiteter Aufsatz über die Wohnungsausstellung der Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst an. Einige kleinere Aussätze und drei sarbige Kunstblätter bilden den übrigen Inhalt des Heftes. Gleichklang. Bin's heut zu lust'ger Schmauserei. Trum will mir nicht behagen, Daß ich es bin zur Polizei, Weil ich's zu schwer den Wagen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Dreiecks in vor. Nr.: P A U RAD IDEE STIER Aidtckim: Au LI! ä Götz. — Notatiousdrnä und Bsdea der Brühl'scheu Universitäts-Buch- 4iud Etciudruckerei. N. Lange, Gießen.