M. 142, 1904. TC'öTö'p.r. au»g,. H-Noii. Gifcsse-n $JiS@ Hin angenehmes Krke. Humoristischer Roman. Von Victor von R e i s n e r. (Nachdruck verboten.) (Schluß.) Höchstfeld lächelte bitter. Nun konnte er doch unmöglich an dem Hasse des Pfarrers zweifeln, und resigniert sagte er: „Dann weiß ich, genug." „Nein, Sie wissen noch gar nichts, aber jetzt sollen Sie die Wahrheit hören", entgegnete ihm der Pfarrer, und sich energisch in die Höhe richtend und ihm fest ins Auge schauend, sagte er: „Dreiundzwanzig Jahre sind es her — mein Freund Hinko war damals so gut wie verlobt mit ihr, als Ihr Vetter zu uns kam. Mit ehrlichster Gastfreundschaft sind wir ihm entgegengekommen, und jeder von uns stand ihm mit Rat und Tat zur Seite. Mich beehrte er mit seiner besonderen Freundschaft", fuhr er bitter fort, „ich habe sie teuer bezahlen müssen! Und als man die Schiwester mir dann tot ins Haus brachte, da höhnte ich der Allmacht Gottes und wollte mit eigener Hand die besudelte Familienehrie reinwaschen." „Still, Adame, still", suchte ihn der Graf zu beruhigen. Der Pfarrer känrpfte den aufsteigeudeu Schmerz nieder, und aus Stepenaz deutend, sagte er: „An seinem Leid richtete ich mich auf und fand meinen Gott wieder. Kein Mensch kann es aber je erfassen, was, ich damals gelitten habe! Wissen Sie", fragte er mit zitternder Stimme, „was das heißt, der eigenen Schwester ein ehrliches, christliches Leichenbegängnis versagen zu müssen?!" Uebernrannt von der Erinnerung schluchzte er laut auf, und während die anderen noch ergriffen dastanden und nicht wußten, was sie sagen sollten, fuhr er mit zitternder Stimme fori: „Ich habe es getan — mir sollte niemand nachsagen, daß mir nicht ein Mensch wie der andere ist, und wer mit der Sünde Idahingegangen ist, soll es auch vor dem höchsten Richter verantworten; die Kirche aber darf in ihrer Pflicht nicht wanken — und ich bin ihr Priester. Ich, konnte für sie nur beten, wie für jeden anderen Sünder, und auch ihn, dem der Herr ein gnädiger Richter sein möge, auch ihn habe ich in mein Gebet eingeschlossen. Und als dann sein letztes Stündlein schlug, und er, gefoltert von Gewissensqualeu nach der letzten Oelung lechzte, da durfte ich ruhig meine Pflicht tun, denn ich — ich hatte ihm vergeben." Höchstfeld starrte mit dem Ausdruck völliger Fassuugs- losigkeit vor si chhin. „Wie ist das möglich — wie ist das möglich", murmelte er dumpf. Mitleidig verzeihend jah ihn der Pfarrer an. „Einem echten Christen ist alles möglich", sagte ev mit ruhiger Milde, „und wenn Sie jetzt, wo Sie wissen, daß ich dem Toten vergeben habe, auch noch glaubest) daß ich Ihr Feind bin, dann — daun muß ich eben gehen."> Ueberwälttgt von solch hoheitsvoller Gesinnung und! wahrer Herzensreinheit, streckte ihm Herr von Höchstfeld beide Hände entgegen und bat: „Nein, Herr Pfarrer, bleiben Sie, und wenn Sie könnest, vergeben Sie auch mir!" Dieser drückte ihm, seine Rührung nur schwer 6e# zwingend, die Hände. „Ich habe Ihnen nichts zu vergeben",; sagte er einfach und schlicht, „Sie haben menschlich geirrt, und das tun wir alle." „Nein, nein, Herr Pfarrer, ich habe mehr als geirrt", widersprach ihm der Major, „ich habe mich mit Msichr gegen die Wahrheit verschlossen, weil ich — weil ich mrt dem Vorurteil hierher kam, auf Schritt und Tritt gegen Falschheit und Bosheit ankämpfen zu Müssen. Die Lehre-, die Sie mir heute durchs Ihre Großmut geben, ist für mich beschämend, und doch danke ich Ihnen dafür, denn sie zwingt mich zur Einkehr m mich selbst und wird . . „Quälen Sie sich doch nickt Mit solchen Selbstanklagest> unterbrach ihn der. Pfarrer mit aufrichtiger Herzlichkeit, „lassen Sie uns lieber die Vergangenheit vergessen und vost nun an in treuer, rückhaltloser Freundschaft zu einander halten." Herr von Höchstfeld schüttelte unmerklich mit denk Kopf. „Es ist zu viel vorgefallen", sagte er, „ich fühle es, daß ich Ihre Freundschaft nur als mitleidiges Almosen empfangen würde, und deshalb ist es ivohl am besten, ich kehre dorthin zurück, woher ich gekommen bin — ich bin ein zu alter Baum- um noch in dem neuen Erdreich Wurzel fassen zu können." „Das ist nicht Ihr Ernst, dann kann und darf nicht Ihr Ernst sein!" rief Graf Stepenaz völlig verblüfft über diesen unerwarteten Ausgang. „Doch, es ist mein heiliger Ernst", erklärte Höchstfeld bestimmt, „aber meinen Sohn ivill ich Ihnen hier lassen, der ist noch elastisch und wird sich in die neuen Verhältnisse bald hineingelebt haben." „Das wird er", meinte der Pfarrer schmunzelnd. „Und nun", wandte sich Herr von Höchstfeld an dest Grafen, „habe ich eine große Bitte an Sie. Vertreten Sie meine Stelle bei ihm, stehen Sie ihm mit Rat und Tat zur Seite, und wenn Sie das nötige Vertrauen in seinem Charakter gefunden haben, dann gewähren Sie ihm das Glück, nach dem er schon lange lechzt, daun schenkest Sie ihm die Hand Ihres Kindes." „Vater!" rief Erich glückselig und küßte ihn auf beide Wangen, dann stürzte er hinaus, um, berauscht vor Freude, der Reihe nach die Geliebte, die Gräfin, seine Mutter, Ern« und auch Leutnant Vladoj in die Mme zu schließen. „Mein lieber Major", sagte indes Graf Stepenaz, „wir könnten uns gar keinen tüchtigeren Mann für unser Kintz 666 ßvünschen, als es Ihr Junge ist. Seinen Charakter zu Prüfen, haben wir nicht cr]l nötig, den kennen wir schon, und daß er sich nicket ändern wird, dafür bürgt uns Ihre persönliche Ehrenhaftigkeit, denn ein Mann, der so offen und freimütig sein Unrecht eingesteht, das ist ein ganzer Mann und ein durch und durch, biederer Charakter. Und nun kommen Sie, wir wollen die Kinder nicht länger auf unseren Segen warten lassen." Als Höchstfeld der Liebenden Hände ineinander legte und sie mit vor Rührung zitternder Stimme ermahnte, stets in Treue und Gottvertrauen zueinander zu halten, da öffnete sich die Tür und auf der Schwelle erschienen Dinko und Mirko, die von Neugierde geplagt den Eltern nachgekommen waren. Erst starrten sie ganz verdutzt darein, dann begriffen sie endlich und Erich bei der Hand erfassend, stotterte Miicko: „Das ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie Ljubiza..." „Ja, sehr liebenswürdig", pflichtete ihm Dinko bei, „aber wir werden uns dafür auch revanchieren und Ihre Schwester heiraten!" Bladch schob sie sachte zur Seite. „Bemüht Euch nicht", »agte er mit verlegenem Lächeln, „das werde ich schon besorgen — auf Euch mühte sie ja zu lange warten", und sich an Herrn und Frau von Höchstfeld wendend, bat er: „Seien. Sie großmütig, machen Sie heute noch ein Paar glücklich; wir werden es Ihnen zeitlebens danken!" „Mer das geht ja nicht, Erna ist ja noch ein Kind", protestierte Frau von Höchstseld. Der Major legte ihm wohlwollend die Hände auf die Schulter und sagte: „Ich habe Ihnen schon einmal erklärt, daß wir gegen Sie nicht das geringste einzuwendetl haben) und wiederhole Ihnen, daß Sie in zwei Jahren auf weniger Widerstand bei uns rechnen können." „Herr von Höchstfeld, gnädige Frau", nahm in diesem kritischen Augenblick der Pfarrer das Mort, „darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?" — zünd als ihn beide fragend anschauten, fuhr er mit beredter Stimme fort: „Sehen Sie, Ernas unfreiwilliger Ausflug wird ja doch bekannt werden, um nun allen buntmen und gehässigen Redereien die Spitze zu bieten, können Sie nichts besseres tun, als in die Verlobung einzuwilligen!" „Mer sie ist doch noch ein Kind ..." „Ich sage ja auch gar nicht, daß die Hochzeit aus dem Fuße folgen soll, bei den zwei Jahren Wartezeit kann, es ja immerhin bleiben, und da Sie ja die Kleine doch wahrscheinlich mit sich nehmen werden — das heißt, wenn Ihr Vorsatz wirklich unwiderrufliche ist--so . . ." „Das ist er — sobald Ljubiza und Erich getraut sind, kehren wir in die Heimat zurück." „Nun, dann rate ich Ihnen erst recht, nicht unerbittlich M bleiben. Diese Zeit der Trennung wird für beide ein Prüfstein ihrer Liebe sein, und haben sie diese unangefochten überstanden, dann, ist es gleichzeitig eine Gewähr Mr ihr ferneres Glück." Die Gatten schauten sich fragend an. „So sagen S' doch schon ja", redete ihnen die Gräfin zu, „vielleicht nimmt die Kleine in ihrer bräutlichen Würde ein gesetzteres Wesen an." Diese Hofftiung gab schließlich den Ausschlag, und wenn auch nicht besonders freudig, so sagte Herr vöit Höchstfeld doch mit väterlichem Wohlwollen: „Nun denn, in Gottes Namen, es sei, habt Euch lieb und laßt es uns nie gereuen, so unvernünftig nachgiebig gewesen zu sein." „Nie, nie!" beteuerten beide. Mit zufriedenem, glücklichem Lächeln rieb sich der Pfarrer die Hände. „Siehst Du, Hin ko", sagte er schmunzelnd zu dem Grafen, „habe tdji es nicht gesagt, daß es noch ein gutes Ende geben wird? Ja, ja, unser Herrgott wendet doch immer alles zum Geisten!" Ende. Aus der guten, alten Jett. Wvr das ein Treiben in der guten, harmlosen Stadt Frankfurt! Der König kommt! Und er kommt nicht allein) ondern mit seinem ganzen Hofstaat! Und eine große Be- ustigung soll es geben, daß Tränenbache in die Oder ließen. Denn Seiner königlichen Majestät Hofnarr Morgen»- lern soll „in einem! possierlichen Habit" tm großen Auditv- rium der Universität eine Disputation halten über „Vernünftige Gedanken von der Narrheit", und sämtliche „Pro- fessores ordinarii" und „extraordinarii" sind allerhöchst ab- komMandiert, deut lustigen Rat zu imponieren. O, wird das ein Gaudium werden für jeglichen Hörer! Der stolze, strenge, selbstbewußte Geheime Rat und Rektor Johann Jakob Moser wird mit dem Narren Friedrich Wilhelms I. feier lichst „coram publico" disputieren, er zuerst und alsdann die übrigen hochgelahrten Herren „secundnm ordi- nem". Das muß eine unerhörte Komödie iuerben! Man lachte männiglich schon bei diesem Gedanken und präparierte sein gefährdetes Zwerchfall. Nur einer; lachte nickst, sondern war tief entrüstet. Nimmermehr mit dem Narren disputieren! Nimmermehr, und koste es das Leben! Er eilt zum Obersten von Connor, dem Kommandanten von Frankfurt, und verkündet dem Liebling des preußischen Königs diesen festen Entschluß. Der Oberst bittet ihn, er fleht ihn an, dem Herrscher, der an den unbedingten! Gehorsam gewöhnt sei, keinen Widerstand eutgegenzusetzen. Bei dem geringsten Versuche der Weigerung sei es um ihn und die ganze Universität geschehen. Er aber, der ernste, Gelehrte, bleibt unerschütterlich dabei, dieser Gehorsam gehe gegen Ehre und Gewissen, und da er seine Reputation nicht erst in Frankfurt, geholt, wolle,er sie auch nicht in Frankfurt lassen. . Er hatte schon einiger» Grund, so hohe. Töne anzu- schlagen, der berühmte Rektor der Universität. War er doch bereits mit neunzehn Jahren in seiner schwäbischen! Heimat zum Professor ernannt worden! Als gereifter Jüngling hatte er ganze Bibliotheken durchgewühlt und' epochemachende Werke veröffentlicht, und hätte er dem mach)' tigen Kanzler Pfaff gehorcht, der ihn mit Gewalt zum Gatten seiner Nichte machen wollte — wer weiß, welchen Rang er schon in der württembergischen Beamtenwelt eingenommen! Aber Moser war nicht zu bewegen gewesen), sein Her zünd seine Hand zu verkaufen, wie ihm ebensowenig! sein Glauben seil war. Er hätte eine „gar ansehnliche Bedienung" bei dem kaiserlichen Reichshofrate haben können, wollte er sich nur dazu verstehen, „die lutherische Erbsünde abzuschwören". Allein er begnügte sich mit der goldenen! Gnadenkette und dem Bildnis des erhabenen römischen Kaisers deutscher Nation und zog uubekehrt imb unbedienstet von dannen, zurück von Men nach den Ufern des Neckar. Und nachdem er in Stuttgart als Regierungsrat ungescheut die Korruption der berüchtigten Grävenitz, der geldgierigen Geliebten des Herzogs, bekämpft und als Tübinger Rechtslehrer sich mit servilen Denunzianten und beschrankten Zensoren herumgeschlagen, da hatte er dem Rufe nach Frankfurt Folge geleistet, in welchem es hieß, daß der König ihn schätze wegen seiner „imjure publico und der deutschen Rechtshistorie bekannten Wissenschaft und sonderbaren Meriten". Und nun sollte er, der schon über hundert Bände geschrieben und die ganze gelehrte Welt mit seinem Namen erfüllt hatte, er, der deutschem Ernst, deutschem Sinn, deutscher Gediegenheit in Frankfurt zur Herrschaft verhelfen wollte, seine ganze Vergangenheit verleugnen und seine ganze Zukunft Preisgeben? Er war jetzt, im Jahre 1737, kaum in der Blüte des Mannesalters, kaum 36 Jahre konnte er zählen, und da sollte er Bedenken um Amt und Brot haben, sollte er sich herbeilassen, mit einem Narren ,W disputieren! Nochmals und abermals: Nimmermehr! Mer da kam der Pedell mit der Disputation und dem gemessenen Befehle des Monarchei», unweigerlich zu opponieren, imb da sendet der König auch schon am frühen Morgen eine Ordonnanz und gleich darauf einen hohen Offizier, den Geheimrat »»ach: dem Auditorium!» zn bringen. Vor der Universität harren Tausende des heiteren Schauspiels, und im Vorsaal steht die glänzende Suite. „Das' ist ein unglückseliger Tag für unsere. Universität", ruft Moser dem Prinzen Ferdinand zu. „Aus diese Meise ruiniere!» Seine Majestät die Universität." „Ei, Herr Geheimer Rat, nicht so hart, das kann der König nicht leiden", bemerkt ihm rin alter General, mit dem Schwarzen Adler-Orden auf der Brust. „Ich kann nicht dafür. Man tut alles, was die Universität niederdrückt, und dann fordert man von mir, ich solle machen, daß sie floriere." „Ah, das ist ja der Moser", begrüßt der König den? Rektor seiner .Hochschule. „Was habt Ihr nur gegen den Morgenstern? Wenn man einen Haken haben will, muß inan ihn ja von Universitäten holen: lassen. Ein Quentchen 667 Mutterwitz ist besser!als ein Zentner Universitätswitz. Gundling war ein gelehrter Mann; aber er ist mit dem Morgen;-, stern nicht zu vergleichen. Und daß Ihrs wißt, ich habe ihn; zum Vizekanzler aller meiner Universitäten gemacht." Gundling, der Possenreißer und Trunkenbold, den der König trotz des Widerstandes der Geistlichkeit, nachmals in einem Weinfasse begraben ließ, er war als lustiger Rat nicht nur zum Freiherrn mit sechzehn 'Ahnen väterlicher Und mütterlicher Seite, sondern auch zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, zum Nachfolger von Leibnttz ernannt worden. Warum sollte mithin nicht auch, Morgenstern Vizekanzler sämtlicher Universitäten werden? „Aber, wo bleibt der Morgenstern?" „Er liegt noch im Bette, Majestät!" „Mas doziert Er?" fragte der König inzwischen Moser. „Hauptsächlich das jus publicum." „Jus publicum und Philosophie senyd nützliche Dinge; aber die Pandekten machen solche Leute, welche anderen Leuten das Geld aus dem Beutel spielen." Moser wagt die Bitte, ihn vom Opponieren zu entbinden, aber kommt dabei übel an. „Ja, ja. Er ist auch so ein Heuchler! Wenn ich keinen Mein trinken will, muß ich nicht lauge dagegen protestieren, sondern eben nicht trinken. Was ist es denn, ein jederMensch hat seinen Narren. Ich habe den Soldatennarren, ein anderer hat de» geistlichen Hochuiutönarren", und dabei weist er auf Jakob Moser. „Es ist ja nur ein erlaubter Scherz und Spaß." „Scherz und Narretheydungen seynd denen Ehristen- tnenschen verboten; wenigstens bleiben es allemal unnütze Morte, für deren jedes wir einmal Rechenschaft geben müssen." Darüber kommt der lustige Rat. Sein „possierliches Habit" ist aus Stücken zusammengesetzt, die der König allesamt nicht leiden kann; ein blaues Sammetkleid mit sehr großen roten Aufschlägen, eine rote Weste, eine über den ganzen Rücken yinabfallende Perrücke, die Stickerei an den Knopflöchern, Taschen, Strümpfen, lauter silberne Hasen, statt des Degens einen Fuchsschwanz an der Seite und aus dem Hute statt der Federn Hasenhaare. So besteigt der Hofnarr das Katheder der Gelehrten und ruft Len ersten der Professoren aus. . . . Cs war in der Tat eine Faschingsposse, bet der man die Seiten sich halten mußte. Professor aus Professor streitet über die Vernunft der Narrheit, bis endlich! der befriedigte Herrscher pfeift und in die Hände klatscht, und die ganze Korona den Applaus wiederholt. Moser aber hatte den Platz geräumt; er war nach Haufe gegangen, legte sich auf das Krankenbett und kam, als er ein halbes Jahr später genesen war, um seinen Abschied ein. Der König mochte nachträglich den „Scherz und Spaß" bereuen und ließ Moser den Gesandtschafts- posten beiin Reichstag in Regensburg aubieten. Wer der tief gekränkte Mann lehnte diese Ehre ab und wurde unter ausdrücklicher Zusage der königlichen Gnade entlassen. Er hatte einen bitteren Kelch zu kosten bekommen; aber er sollte nicht der bitterste seines Lebens sein, und was Preußen ihm angetan, sollte Preußen auch sühnen. Nach mannigfachen Wechselfällen —' die längere Muße in Ebersdorf im Boigtlande hatte Moser dazu benutzt, dret- nndfünfzig Quartbände seines deutschen' Staatsrechts zu schreiben; dann war er Minister des Landgrafeil von Hessen- Homburg geworden, um nach wenigen Jahren vergeblichen Strebens, einen schwachen Duodez-Sultan zum vernünftigen Regenten zu erziehen, das Staatsamt mit der freien Stellung eines Direktors der privaten „Staats- und Kauz- lei-Akademie", einer Art Fortbildungsschule für junge Beamte und Diplomaten, zu vertauschen — nach allen diesen Wandlungen in der äußere»! Existenz hatte Moser die ihm angetragene Stellung eines Rechtskonsulenten der württem- bergischen Landschaft angenommen und war in seine Heimat znrückgekehrt. Zn Stuttgart aber regierte dazumal der Herzog Karl, der kleine Gernegroß, der durch seinen Kampf mit Friedrich dem Großen und Friedrich Schiller bekannt geworden ist. Da er sich einen französischen Abenteurer, de» Grafen Monturartüi, zum Minister erwält hatte, mußte er auch wie Ludwig XIV. sein Versailles haben und seine Maintenon Kissen und dem Grundsätze huldigen: „L'ötat c'est moi!" Das aber war watsche, nicht deutsche ätet, und die allergetreuesten Landstände Serenissimi wollten auch ein Wörtchen in die Geschäfte drein reden, wesscnthalben es zu einem Konflikte kam. Es War zu Beginn des siebenjährigen Krieges, als Herzog Karl, für den einst Friedrich seinen hochherzigen „Fürstenspiegel" geschrieben hatte, sich; auf die Seite seiner Gegner schlug und den Franzosen ein württembergi- sches Hilfskorps zur Verfügung stellte, selbstherrliche ohne die Landschaft zu fragen. Das deutsche Recht aber verpflichtete die LandesKnder, die Hut deutsch und protestantisch waren, nur, dem Herzog mit ihrem Leibe zu dienen „mit Rat und Wissen gemeiner Landschaft", und jede Beteiligung am Kriege, jebe Ausgabe von Geldern tvar abhängig von der Zustimmung der Verttetung des Landes; so stand es geschrieben im Tübinger Vertrag. Jetzt aber ließ Mont- marttn die „landschgftlichp Truhe" gewaltsam erbrechen und verlangte von der Landschaft „unbegrenzten und unbedingten Gehorsam". Wie sollte es da Jakob Moser ergehen in der bedenklichen Stellung des Rechtskonsulenten? Freilich hatte ihm noch im Jahre 1756 der Herzog geschrieben: „Wollte Gott, es dächte jeder so praktisch wie der Herr Konsulent und ich; es ginge gewiß Herrn und Lande wohl." Wer Moser war so patriotisch, das Interesse und Belieben des Herzogs nicht über das gute alte Recht des Volkes zu setzen. „Recht ist bei mir Recht, Unrecht Unrecht, mag es meinen Herrn oder wen es will betreffen." Darum bekämpfte er mit zornigem Eifer die gefährliche Menschenklasse der Hofpublizisten, „die-Kerzen- und Obermeister der Souveränttätsmacherzunft", und darum verteidigte er gegenüber dem französischen, absolu- ttstischen Dünkel die „uralte teutschp angeborene Freiheit". Daß die Landstände, die Volksvertretungen, nur durch die Gnade der Fürste» existierten, so spreche wohl ein Macchia- velli, ein Hobbes, und wer sonst den Höfen zu Gefallen rede. „Dieses orientalische Staatsrecht paßt aber nicht auf unsere europäischen, am allerwenigsten auf unsere mit Landständen versehenen deutschen Lande, als worin es ein ztvischen dem Regenten und dessen geborenen Räten, denen Landständen, gemeinsames Geschäft ist, zu überlegen und zu prüfen, was nur den Nanren und den Schein oder das Wesen des gemeinen Besten habe. . . . Der Kopf allein ist nicht der Staat, und das Geblüt i stuicht allein für den Kopf, sondern für den ganzen Leib da. , . . Ich möchte depi sehen, der ans eine nur wahrscheinlich;!: Weise darzutun das Herz und das Geschick hätte, ein teutschrr Reichssürst habe in leinen Landen eine unumschränkte Gewalt. . . . Landeshheit und Landesfreiheito seynd einander nicht entgegen, sondern lassen sich wie Wasser und Wein vereinigen; der Wein ist alsdann nicht mehr so stark, berauschet aber auch um so weniger." Das waren die Ansichten, die Moser sich in Jahrzehnten gewissenhaften Forschens erworben hatte, und denen er auch als Konsulent der Landschaft Ausdruck gab. Infolgedessen begab es sich, daß er am 12. Juli 1759 nach Ludwigsburg zum Serenissimus beordert wurde. Er mochte wohl nicht das Beste ahnen, denn im Vorzimmer, wo er warten mußte, sprach: er« ernst zum diensttuenden Sekretär: „Unverzagt und ohne Grauen Soll ein Ehrist, Wo er ist. Stets sich lassen schauen." Des Herzogs Durchlaucht aber beehrten den Konsulenten alsdann mit ungefähr folgender allerhöchsteigcner Ansprache: „Meilen alle Meine bisher» gegen Ihne erlassene Reso- lntionen nichts geftuchtet haben, sondern die Landschaft mit ihren Respektswidrigen und Ehrenrührigen Schrifften noch immer fortfähret; so sehe ich Mich genötigt, Mich seiner, als des Eoncipistens, Person zu versichern, und Ihne nach Hohentwiel z>r schicken. I chwerde die Sache dnr/ch die allerschärfste Inquisition untersuchen lassen." „Euer Durchlaucht werden einen ehrlichen Man»' finden." Mit dieser Antwort hatte die Audienz ein Ende, und nun ging cs fort, im verschlossene»! Wage», drei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett zur Seite, draußen von Husaren eskortiert, ohne Rast, ohne Erfrischung, dreißig Stunden lang bis nach dein Bnrgverließ, wo ein ohnmächtig gewordener, vor Hunger, Strapaze» und Krankheit übermannter Greis aus dem Wagen in ein dumpfes, verfallenes, enges Zimmer getragen wurde, in sein Gefängnis! Ohne Recht, ohne Gesetz, ohne Richterspruch hat Moser sechs Jahre lang ans dem Hohentwiel Messen, wie Schn- — 568 bart auf dem Hohenaspertz, unter Umständen^ die jedes Herz empören. Er durfte niemand sehen, niemand sprechen, nicht die Kirche besuchen, nicht an das Sterbebett seines Weibes eilen. Die Nahrung war so karg und unreinlich daß er oft vermeinte, dem Hungertode zu verfallen. Im harten Winter, wo der eisige Wind an den morschen Fenstern des hohen Felsennestes rüttelte, erstarrten dem alten Manne die gichtbrüchigen Glieder, daß er oft nicht mehr anfstehen und selbst an Krücken fortguwanken vermochte. Nicht Kaffee, nicht Tee wurde ihm verstattet, utib nicht die geringste Beschäftigung seines Geistes. Keinerlei Bücher durfte er erhalten, keinerlei Schreibmaterialien, und als er na chlangen, bangen Monden Briefe seiner Teuren ausgehändigt erhielt, da war jeder weiße Streifen sorgfältig abgeschnitten, damit sich der Gefangene nicht dessen bediene, seine Gedanken aufzuzeichnen! • Und dennoch brach benr geprüften Manne nicht das Herz! „Jmpavidunr ferient ruinae!" Er schärfte die Spitze seiner metallenen Lichtscheere und schrieb mit ihr weiß auf weiß die getünchte Wand seiner Zelle und die Ränder und .Zwischenräume zwischen den Zeilen seiner Bibel und jedes Stückchen Packpapier, dass er erlangen konnte, mit historischen, juristischen, theologischen Werken voll; er dichtete über tausend Kirchenlieder in Ljieser trostlosen Einsamkeit, in der ihm selbst das Abendmahl verweigert wurde, als er den Tod unmittelbar bevorstehend wähnte; er schrieb zweiundfünfzig nachmals veröffentlichte Bucher des allerverschiedenartigsten Inhalts mit der Spitze der Scheere, die auf seine Nachkommen vererbt ist, und selbst die gute Laune war ihm nicht ganz erstorben, denn hinter den Gittern komponierte er noch eine Reihe hnmo- rrstisch-satyrischer Fabeln: „Eines alten Mannes muntere Stunden während eines engen Festungsarrestes". Inzwischen starb sein-- geliebte Gattin, starb seine Lieblings- tochter, und seine übrigen Kinder standen vereinsamt in der Welt wie elternlose Waisen. Serenissimus aber fanden kerne Veranlassung, die verheißene Jngnisitiorr zrr veranstalten rrnd das Los eines Patriotischem Mannes zu erleichtern. Da sollte Jakob Moser Hilfe kommen und fein Frankfurter Schicksal vergolten werden. Alle Vorstellungen der Landschaft an den Herzog Karl ivaren fruchtlos geblieben Der Große Friedrich hielt es daher für geraten, vom Deutschen Kaiser direkt zu verlangen, „daß dem verzog von Württemberg ernstliche Anmahnung geschehe, diesen alte,! ehrwürdigen, hartbedrängten Mann aus feinem Gefäng- nrsse loszulassen." Er ließ auch durch seinen Gesandten, den Freiherrn von Rhod, die Kronen von England und Dänemark — mit Erfolg — ersuchen, dieses Verlangen zu unterstützen. Aber Serenissimus war nicht so leicht zu überreden. Denn er forderte nun nicht nur ein Gnadengesuch, sondern die Unterzeichnung eines Reverses, daß Moser si ch„durchmancherlei schwere Verbrechen einer schärferen Ahndung schuldig gemacht" und „sotyane Entlassung als eine unverdiente Gnade erkenne", „unter Berenunq seiner großen Fehler und Vergehungen". „Wollen E. H, D." — schrieb Moser darauf an den Herzog — „mir nicht in Ungnade vermerken, daß ich, als em mit Ehren in der Welt bekannter, seit 44 Jahren um das herzogliche Haus E. H. D. und das Land auf allerley Weise wohlverdienter und nun auf der Grube gehender Mann, mich nicht entschließen kann, meine Freyheit mit dem Verlust meiner wohl und sauer erworbenen Ehre zu erkaufen " ~ Dhne Rekurs aber gab es für den ivürttemberaischen Selbstherr;cher keine Freilassung - bis auf abermaliges Andrtngen des preußischen Königs eine geschärfte Anweisung! des Reichshofrates eintraf, Moser ans der Stelle feiner Hast zu entlassen. Da endlich fühlte sich der Mann, der nur zu befehlen gewohnt war, nachgerade gedrungen, einmal zu gehorchen. Der Hammer mußte wohl oder übel Ambos spielen. Moser aber, ein freisinniges und doch frommgläilbiges Gemüt, sprach da er sein Haus in Stuttgart betrat: „Sie zogen Daniel aus der Grube, und man spürte keinen Schaden an ihm, denn er hatte seinem Gott vertraut!" Der Herzog beschied sich damit, Moser wieder alsRechts- ^ochulenten der Landschaft zuzulassen und zu erklären, k.eJ? „aus erheblichen und wichtigen, auch vornehmlich besonderen Staatsursachen, verhängt worden sehe", gab ihin aber, wenigstens in späteren Jahren, das Zeugnis, Moser fei ein grundehrlicher Mann, ein guter! Patriot und getreuer Untertan. F-ür Deutschland ist er noch etwas mehr gewesen, nämlich der epochemachende Begründer der Wissenschaft des deutschen Staatsrechts, und zwar aus dem Grunde des deutschen Rechtsstaates. Sein Name ist mit goldenen Lettern im Buche der Kulturgeschichte verzeichnet. Seine Gedanken gehören der Gegenwart an, seine Schicksale aber, die Komödie von Frankfurt wie die Tragödie vom Hohentwiel, hoffentlich für immer der Vergangenheit, der vielgepriesenen patriarchalischen, der lieben „guten alten Zeit." Johannes Lenzen (in der „Freien Deutschen Presse"). Kesundheilspflege. — Die Pflege des Ohres. Auf die Pflege des Ohres muß schon beim Säugling Wert gelegt werden. Jede Erkältung ist sorgfältig fern zu halten; beim Bade darf man nie Wasser in die Ohren und in die Nase kommen lassen. Durch einen Schnupfen kann sehr leicht die Ohrtrompete, ein Verbindungskanal zwischen dem Ohrinnern und dem Rachen, entzündet und der Zutritt der Luft zum Innern des Ohres unmöglich gemacht werden; infolgedessen kann leicht Taubheit Eintreten. Man darf deshalb Säuglinge niemals von Personen küsse» lassen, die an schnupfen leiden, es ist überhaupt auch sonst empfhelenswert, die üble Angewohnheit vieler Menschen, ein junges Kind, das sie sehen, gleich zu küssen, auf das eindringlichste zu verbieten, denn durch den Kuß können leicht Krankheiten üb rtragen werden. Wenn das Kind gebadet wird, so mug man sorgfältig die Ohren abtrocknen, weil sonst Hautausschläge entstehen können. Das beste Mittel, um das Kind gegen Ohrkrankheiten zu schützen, ist eine allgemeine Abhärtung des Körpers, und man erreicht einen solchen Schutz nicht etwa, wie es häufig in allzu großer und falsch angebrachter Fürsorge geschieht, durch Hineinstopfen von Watte in die Ohren. Im Gegenteil, dadurch werden dieselben höchstens , noch empfindlicher gegen Witterungseinflüsse werden. Die Reinigung des Ohres darf nur mit einem weichen Handtuch geschehen, Ohrlöffel und Haarnadel sind dagegen höchst gefährliche Jiistrumente, die leicht Berletzungen des Trommelfells her- beiführen können. Das Lochstechen zur Anbringung pon Ohrringen ist eilte sehr unvernünftige Unsitte, die eigentlich in unserem modernen Zeitalter nicht mehr so verbreitet sein sollte. Auch der alte Aberglaube, da» das Tragen von Ohrringen vor Krankheiten bewahre, ist heute noch allzuviel verbreitet. Eine große Gefahr für die Gesundheit der Ohren bilden die so oft als Züchti-gungsmittel benutzten „Ohrfeigen". Es ist nicht selten vorgekommen, daß dadurch das Trommelfell gesprengt wurde, daß eine Erschütterung des Labyrinths und dauernde Taubheit die Folge waren. Auch das Hineinschreien in die Ohren kann leicht ein Platzen des Trommelfells herbeiführen; überhaupt schädigen starke Schalleindrücke das Gehör, besonders wenn sie ganz unerwartet .eintreten. Gelangt einmal ein Fremdkörper in den Gehörgang, so ist es am besten, sich gleich an einen Arzt zu wenden und nicht von unberufener Hand Extraktionsversuche ,nachen zu lassen. Die Bettlerin. Eine Dame, reich, im Pruukg-ewande, Ward von einem Weibe angefleht, Tas, voll Trauer, in der Armut Kleide, Sie um eine kleine Gabe bat. „Unverschämte Bettlerin!" Sie tief Aergerlich und trat in einen Laden, „Wählt' eilt Tuch und fragte nach dem Preise. „Fünfunddreißig Mark" versetzt' der Kaufmann. „Laßt's für dreißig!" bat die reiche Dame. Wer war nun die größte Bettlerin? A. Ammann. Städte-Kapfelrätsel. Nachdruck verboten. In nachstehenden Ortsnamen ist je der Name eines anderen Ortes verborgen. Wie lauten diese? Adenau Bischossburg Bromberg Eggenfelden Friesack Glauchau Helmstedt Kulmbach Marggrabowa Planet« Neichenhall Tegernsee. (Auflösung in nächster Nmmner.) Auflösung des Anagramms in vor. Nr.r Raumer Rein Roea Thor Wilna Ries Palme Seil List Maurer Iran Karo Hort Alwin Eris Lampe Ilse Stil Mater Boa Regen. Trema Abo Genre. Redaktion: An an st Goeü. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'kchen ttniversttats-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.