I shö MM s™lt Arettag deu 22. April.^, Aa H < A I jlulx^ s£SaM W WMV LEMr (Nachdruck verboten.) Im Ma lall der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Der Monat August war gekommen. Die meisten Regierungsbeamten, die vornehmen Damen von Madras und wer von den Offizieren irgendwie Urlaub bekommen konnte, war hinauf nach Neilgherries entflohen, während wir armen Tröpfe in der staubigen Ebene mühsam nach Luft schnarchen. Abends kam wohl allerdings eine frische Brise vom Meere herüber, und die Sonnenuntergänge waren unbeschreiblich herrlich — so wunderbar farbenprächtig, tote man sie wohl nur im südlichen Indien zu sehen bekommt. An einem dieser schönen Abende verfiel Friedrich Augustus plötzlich auf den Einfall, er wolle ein Mondfest rn entern der alten, am Abhang von Palaveram gelegenen Bungalows geben, ein Gedanke, der natürlich mit allgemeinem Beifall ausgenommen wurde. Da die Stellung des Mondes kein langes Zögern zuließ, soute die^ Sache sogleich vor sich gehen. Es mochte eine Gesellschaft von etwa fünfzig Personen sein, zu der auch rch gehörte, denu mein Versuch, mich zu drücken, war erfolglos geblieben. Frau Rosario blieb fest, ich mußte mrtgehen, weil ich ja doch so wenig Vergnügen habe. Palaveram war einst eine bedeutende Garnisonstadt gewesen, und noch heute standen die verlassenen und zum größten Teil zerfallenen Kasernen, Baracken und Bungalows an den grasüberwucherten, von Feigenbäumen beschatteten Straßen. Mitten aus der weiten Ebene ragten Pyramiden- glerch zwei eigentümliche, tausend Fuß hohe Bergkegel empor, auf deren Spitze je ein großer Bungalow stand. Unternehmungslustige Einwohner hatten diese Gebäude ohne Zweifel einst in der süßen, aber trügerischen Hoffnung, stch dort oben gewissermaßen im Gebirge zu befinden, erbaut. Bei der großen Entfernung von den Bazaren, der Post und den Masservorräten und bei den steigenden Ar- bettslöhnen waren sie jedoch bald mit ihrer ganzen Emrrchttmg im Stich gelassen worden. Die große Zahl solcher leerstehenden und vollständig eingerichteten Bunga- totoS tst eine der unerklärlichen Eigentümlichkeiten des südlichen Indiens. Angefüllt mit seltsamen alten Möbeln, Bswern, Lampen, Porzellan und Nippsachen stehen sie sich überlassen! d!a und werden nur hin und wieder bei Prckmcks oder sonstigen ländlichen Festen benützt. Friedrich, der in Palaveram geboren war, hegte eine Ehrfurcht vor diesen alten Gebäuden und konnte sich auch tatsächlich noch der Zeit erinnern, da eines davon voxMergehend bewohnt war. Der »a, den wir zu Fuß nach dem von ihm in Aussicht genommenen Bungalow zu- rucklegen mußten, erwies sich nun allerdings als höchst tnterestant. Zwischen Palmen und Gujavabäumen und von der Sonne versengten kahlen Abhängen kletterten wir hinauf, ms totr endlich bei einem zwischen zwei Anhöhen liegenden, uralten Hindutempel anlangten. Ein ungeheurer Feigenbaum überschattete ihn, und im Mittelpunkt des inneren Hofes stand ein riesiges steinernes Götzenbild, eine scheußliche Gestalt auf einem seltsam geformten Pferde, das übrigens ebenso gut eine Kuh vorstellen konnte. Das ganze Gebäude, obwohl von solider Bauart, machte einen verfallenen Eindruck. toar hineingetreten, um mich etwas umzusehen. Plötzlich fuhr ich beim Klang einer Stimme neben mir erschrocken zusammen. „Dies ist der Tempel des Kali. Dort drüben steht der Opferstein. . . Sehen Sie nur, wie abgenützt er ist. Vor vierhundert Jahren war er in täglicher, ja stündlicher Benützung." Die Stimme und Erklärung kam von dem mir so verhaßten Ibrahim, der Eulalie in seinem Wagen hergeführt hatte. Wie hatte er mich nur so rasch auffinden können? Als ich mich jedoch umschaute, bemerkte ich, zwar in angemessener Entfernung, Jocasta, die Spionin. Ein Erröten war bei ihrer Gesichtsfarbe ausgeschlossen, und Verlegenheit kannte sie überhaupt nicht. Vielleicht tat ich dem Mädchen aber auch Unrecht, Ibrahims Erscheinen konnte ja auch Zufall sein. Ob nun aber Zufall oder nicht — gern wäre ich länger hier geblieben, um die Seltsamketten näher anzusehen, oder mir von hier aus den feuerroten Sonnenball zu betrachten, wie er allmählich in sein purpurnes Bett niedersank und die ganze Ebene, die Spitzen der Palmen und Feigenbäume und das auf dem St. Tho- masberge gelegene weiße Gebäude in rosige Glut tauchte. Allein Mr. Ibrahim befand sich in meiner Nähe, und so eilte ich in atemloser Hast Iveiter, um mich unter die übrige Gesellschaft zu retten, dicht von ihm gefolgt, der stets bereit war, mir auf den unbegangenen, zwischen Gebüsch und Kaktussträuchern hinführenden Wege, den ich emporkletterte, hilfreich beizustehen. Das Unterhaltungsprogramm des Abends lautete folgendermaßen: kaltes Wendessen im Bungalow, dann Spaziergang nach Belieben im Mondschein, Gesang und Spiele, hierauf Rückkehr in den Bungalow und eine zweite Erfrischung vor dem Nachhausegehen. Zum Glück für mich war kein Klavier vorhanden. Das Essen verlief sehr heiter, jedermann war in bester Stimmung in diesem dumpfen Speisezimmer mit seinen alten Möbeln und Gemälden, die bei niemand außer mir einen Gedanken an verklungene Zeiten weckten. Friedrich Augustus hatte mich zu meiner großen Verwunderung unter seine besondere' Obhut genommen. Jetzt war nicht mehr von Armenhaus und Bettelvolk die Rede — wie ein Ehrengast mußte ich! zu seiner Rechten sitzen. Wie kam ich nur plötzlich zu dieser 238 Auszeichnung? Sollte etwas vom Bazargeschwätz an sein Ohr gedrungen sein, oder hatte Ibrahim ihm am Errde gar einen Wink gegeben? Während die anderen sich nach dem Essen ins Freie begaben, blieb ich hartnäckig zwischen Frau Cardozo und Frau Josephs sitzen, bis Ibrahim endlich doch die Geduld verlor und verdrießlich mit Eulalie davonging. Der Mond leuchtete in strahlender Pracht, allein die Lnft wurde allmählich doch recht kühl. Es war schon lange nach Sonnenuntergang, und die Glocken auf dem St. Thomasberge hatten bereits das Eintreffen der letzten Post verkündigt und uns gemahnt, uns Zum Heimweg Zu rüsten. Wieder war das Eßzimmer dicht mit Menschen gefüllt, die, um den Tisch herumstehend, eisgekühlte Limonade tranken. Da erst erschienen, als weitaus die letzten, Mr. Ibrahim und 'Eulalie. Sie seien ganz unten am Fuße des Berges gewesen, verkündigte Eulalie heiter, an einem „schrecklich romantischen" Platze. Sie trug die Schleppe ihres faltenreichen Kattunkleides über den Arm gehängt und setzte sich nun, gierig die Hand nach dem erfrischenden Getränk ausstreckeno, während sie zugleich die Schleppe fallen ließ.' Plötzlich stieß Frau Josephs einen ohrenzerreißenden Schrei aus, denn in Eulalies Schleppe aufgerollt lag — eine große Brillenschlange. Wahrscheinlich hatte Eulalie dicht neben ihrem Nest auf dem Boden gesessen, und, angelockt von der Wärme des menschlichen Körpers, war das Reptil in ihr Kleid gekrochen und von ihr bis in den Bungalow gebracht worden. Der Fall auf den harten Boden hatte die Schlange dann ohne Zweifel erst aufgeweckt. Eine Sekunde noch und sie hatte sich, zum Bisse bereit, wohl zwei Fuß hoch vom Boden in die Höhe gerichtet. So lag sie, ein schauerlich schöner Anblick, genau zwischen Eulalie uitb Ibrahim, während ringsum die Menge zwischen Tisch und Wand eng Zusammengedrängt stand. Niemand wagte sich zu rühren, und doch war der Tod in unserer Mitte. In nächster Nähe der Schlange befanden sich außer Ibrahim zufällig nur Frauen, und er war sicherlich kein Held. Sein Gesicht hatte eine entsetzliche, erdfahle Farbe angenommen, die Lippen waren von den Zähnen zurückgezogen, und aus dem Glase, das er in der Zitternden Hand hielt, lief das Wasser heraus. 'Ein entsetzlicher Austritt folgte. 'Einige schrieen, andere waren vor Angst wie erstarrt, ein Mädchen siel in Ohnmacht, und noch jetzt sehe ich die dicke Frau Cardozo auf ein Seitentischchen klettern: eine Leistung, die unter gewöhnlichen Umständen als Ding der Unmöglichkeit erschienen wäre. Nicht eine Sekunde, nein nicht eine halbe Sekunde war mehr zu verlieren, jeden Augenblick konnte sich das züngelnde Untier auf sein Opfer stürzen. Ich schaute mich nach einer Waffe um, nach einem Stock oder Schirm. Hinter mir auf dem Tisch lag Friedrichs bester Sonnenschirm. Rasch griff ich danach und schlug der Bestie mit meiner ganzen Kraft über den Kopf. Ver- fehlte ich mein Ziel, oder war der Schlag nicht stark genug, um die Schlange ^u betäuben, so mußte ich meinen Mißerfolg, dessen war rch mir vollkommen bewußt, mit meinem Leben bezahlen — die Schlange oder ich! Allein, gestählt durch die Kraft der Verzweiflung, hatte ich ihr das Rückgrat zerbrochen. Unter wütendem Zischen und scheußlichen, ohnmächtigen Windungen und Zuckungen sank sie sofort zurück, jedenfalls zu einem Angriff unfähig. Nun kehrte Ibrahims gewohnte Gesichtsfarbe zurück, und sich beit Anschein tollkühnen Mutes gebend, machte er mit Unterstützung des jungen Melville der Schlange vollends den Garaus. Jetzt brach ein wildes Durcheinander Von Reden und Gegenreden los. Eulalie warf sich mir in die Arme und fing krampfhaft an zu weinen. Ausrufe des Entsetzens ertönten, und jeder wußte irgend eine schreckliche Schlaugengeschichte zu erzählen! Endlich half man auch der armen Frau Cardozo von ihrem Tisch herunter, und die tote Schlange, die reichlich vier Fuß maß, wurde auf einem Stock hinausgetragen. Ich bin überzeugt, daß die Hälfte der Anwesenden nicht anders glaubte, als Ibrahim habe die Schlange getötet, umsomehr, als er Anspruch auf deren Haut erhob und sie ausstopfen lassen wollte. Friedrich aber konnte sich jedenfalls keiner Täuschung hingeben und war sich des wirklichen Tatbestandes wohl bewußt, als er entdeckte, daß ich ihm seinen schönsten europäischen Sonnenschirm zerschmettert hatte. -d Wenn die Arbeiten des Nachmittags getan, alleK ( geordnet und die Vorräte herausgegeben waren, pflegte ich meinen Spaziergang zu machen auf dem grasüberwucherten, auf den verlassenen Wällen hinlaufenden Pfad, der wenig begangen und durch eine Palmengruppe von der Hauptstraße getrennt war. Dort wandelte ich denn wohl eine Stunde lang auf und ab, vergeblich bemüht, mir einen Plan auszudenken. Hatte das angreifende Klima mich bereits stumpf gemacht, mir Verstand und Tatkraft gelähmt? Ich war einundzwanzig Jahre alt, von guter Familie, auch hübsch, wie man mir sagte, und hatte etwas gelernt, und doch war ich hier festgekettet — vielleicht fürs Leben — als die Dienerin eines indischen Kosthauses! Vor allem mußte ich Geduld haben und warten, bis ich dreihundert Rupien zusammengespart hatte, dann konnte ich vielleicht die Ueberfahrt nach England auf einem Frachtschiff bestreiten. Ich war ja jung und gesund, hatte gute, freundliche Menschen um mich und verdiente mir meinen Unterhalt. Ich hätte mich in viel schlimmerer Lage befinden können — welch ein Glück, daß ich wenigstens nicht Watty Thorolds Frau war! Und doch, wenn mein Blick hin und wieder auf andere englische Mädchen fiel, wenn ich sie wohlbehütet, in heiterer Sorglosigkeit reiten, fahren, rudern oder Einkäufe machen sah, und ich ihr Los mit dem meinigen verglich, dann entrang sich mir mehrmals ein tiefer, schmerzlicher Seufzer. Ja, es überkam mich manchmal die Angst, ob ich im alleinigen Umgang mit diesen zwar guten und harmlosen, aber oberflächlichen Menschen schließlich nicht auch auf den Standpunkt dieser Mädchen herabsinken würde, denen an nichts anderem lag, als an schönen Kleidern, Süßigkeiten und Hosmachern! Mr. Ibrahim hatte ich seit dem Vorfall mit der Schlange, wo er sich so geschickt mit Lorbeeren zu schmücken verstanden hatte, nicht wiedergesehen. Zu meiner unbeschreiblichen Freude und 'Erleichterung hörte ich, daß er in wichtigen Geschäften nach Delhi gereist sei. Doch leider wurde diese Freude bald zerstört. Eines Tages kam Joeasta zu mir herangeschlichen und stieß heftig mit dem Kopf gegen mich — das war die Art, wie sie ihre Zärtlichkeit auszudrücken beliebte. „Was willst Du nun wieder? Ich habe keine Bonbons." „Ich will auch gar keine, im Gegenteil, ich habe etwas für Sie." Dabei öffnete sie langsam die Hand und brachte ein Briefchen zum Vorschein, das die Adresse trug: Miß Ferrars. „Für mich?" rief ich erstaunt. „Ja, für Sie! Von Mr. Ibrahim. 'Er ist von Delhi zurück und bat Mich, Ihnen dies hier in die Hand zu steckqn, wenn es niemand sehe." „Joeasta", rief ich höchst ärgerlich, „tote kastnst Du so etwas Abscheuliches tun?" „Weil es mir Spaß macht." Sie war durchaus nicht beschämt. „Gib Mr. Ibrahim den Brief sofort zurück; ich nehme ihn nicht an." „Wie? Warum denn nicht? 'Eulalie und Josephine gebe ich immer eine ganze Wenge solcher Briefchen. Mr. Ibrahim hat mir für die Besorgung eine Schachtel mit kandierten Früchten und Geld versprochen." „Und von mir kannst Du dann außerdem noch eine kräftige Ohrfeige bekommen, wenn Du Dich noch einmal unterstehst, mir Briefe zu bringen. Das ist Sache des Briefträgers." „Darf ich Mr. Ibrahim das fugen?" fragte sie schlau. „Nein! Sage ihm, daß ich reine Briefe von ihm annehme." „Aber er ist ja doch so reich und so fürchterlich in Sie vernarrt. Die schönsten Sachen will er Ihnen schenken, wenn Sie nett mit ihm sind . . ." „Mach' jetzt, daß Du fortkommst, Joeasta!" Ich versetzte ihr einen Stoß. „Es ist kein Wunder, daß man Dich Joeasta, Duckmäuserin, nannte." „Und Sie nannte man Pamela, die Stolze. Mr. Ibrahim heißt Sie sogar Pamela, die Prinzessin; ich aber heiße Sie Pamela, die Abscheuliche!" Damir rannte Ibrahims Botin wutentbrannt mit fliegende Zöpfen davon; niemals aber brachte sie mir mehr einen Brief. Eines arrdern Abends jedoch schlenderte ich ohne Huk mit auf dem Rücken verschlungenen fänden auf meinem Lieblingswege hin und baute, wie gewöhnlich, Luftschlösser. Fran Rosarrv batte drei Kälber verkauft und mir mein 239 — Gehalt: ausbezahlt. Hundert Rupien befanden sich jetzt in meiner Brrefmappe; das war doch wenigstens ein Anfang. Als ich am Ende des Weges anlangte, sah ich zu meinem Schrecken. Ibrahim in seiner gewohnten unterwürfigen, selbstgefälligen Haltung neben mir stehen. „Hier ist also Ihr Schlupfwinkel". Er zog den Hut. „Schon häufig habe ich mich gefragt, wohin Sie sich eigentlich immer verstecken. Warum laufen Sie denn stets davon, wenn Sie mich sehen, Wiß Jerrars?" „Das tue ich nicht", antwortete ich mit dem innerlichen Vorbehalt, daß ich ja schon entfloh, wenn ich nur seine Stimme hörte. „O pfui, ich glaubte, eine englische Dame lüge nicht! Daß Sie mich nicht leiden können, ja, daß ich Ihnen sogar verhaßt bin, weiß ich nur zu gut. Deutlich steht es in Ihren Augen geschrieben, und das ist sehr traurig, denn ich. habe Sie gern, o so sehr gern! ©ie. wissen das auch ganz gut, nicht wahr?" „Nein." „Wie, noch eine Lüge? Ich will aber, daß Sie auch mich gern haben. Ich möchte Sie beschützen. Ihnen dienen, mich Ihnen, wenn möglich, nützlich erweisen." „Sie mir dienen, warum?" „Weil . .." Eine lange Pause folgte. „Nun, weil ich mich für Sie interessiere. Sie sind nicht nur schön, sondern Sie haben auch einen starken Charakter und ein gutes Herz." In ärgerlichem Schweigen wandte ich das Gesicht ab. Seite an Seite gingen wir jetzt über die Straße. „An jenem Abend auf dem Balle, als ich Sie zum erstenmal sah, tat ich ber mir einen feierlichen Schwur und faßte dabet einen Entschluß, der mein ganzes Leben ändern wird..... Können Sie ihn erraten? Sind Sie nicht neugierig?" „Wenigstens nicht bezüglich Ihrer Plane." „Nun denn, so will ich großmütig sein und es Ihnen sagen: ich habe mich entschlossen. Sie zu heiraten." „Mich — zu — heiraten?" wiederholte ich langsam. „Ja, Sie sind der Typus einer Frau, wie er mir gefällt. Ihr goldenes Haar allein schon ist ein wonniger Anblick. Ihre Züge, Ihr weißer Hals . . ." „Genug!" fiel ich ihm heftig ins Wort, „ich verbitte mir eine solche Rede!" „Einen Augenblick noch hören Sie mich geduldig an. Nicht allein Ihre Schönheit und Ihr goldenes Haar ziehen mich au, sondern auch Ihre Charaktergröße und Ihre heldenmütige Selbstverleugunng. Oben im Norden, wo ich kürzlich war, erfuhr ich Ihre Geschichte; Bazare sind eine gute Quelle. Einen unwiirdigeu Bräutigam haben Sie abgeschüttelt, sich dadurch mit Ihren Freunden überworfen und sich auf eigene Füße gestellt, so schlecht es Ihnen auch geht. . ." Wieder machte er mir ein Zeichen, ihn aussprechen zu lassen. „Sie sind jung, llug, vornehm und tapfer. Warum Ihre Jugend, Ihre Schönheit, Ihr Leben hier begraben? Erlauben Sie mir, daß ich Sie dieser unwürdigen Umgebung entreiße", — er zeigte verächtlich auf Mrs. Rosarios Anwesen — „und Sie zu meiner Frau mache". „Ihre gute Meinung von mir ist ja recht schmeichelhaft", antwortete ich kalt, nachdem er endlich zu sprechen aufgehört hatte, und nun stehen blieb, „allein ich muß Ihren Antrag ablehnen." „O dann sind Sie eine Törin", entgegnete er mit vollkommener Selbstbeherrschung. „Es nützt Sie übrigens auch gar nichts, denn ich habe einen eisernen Willen und viel Glück, das durchzuführen, was ich mir vorgenommen." „Auch ich habe einen Willen, wenn ich mich auch nicht viel Glückes rühmen kann. Sie haben meine Antwort gehört; wenn ich einmal etwas sage, so bleibt es dabei." „Das glauben Sie jetzt. Doch lassen wir in diesem Falle die Ausnahme gelten, welche die Regel bestätigt. Hören Sie mich an:, ich biete Ihnen Reichtum, kostbaren Schmuck, Freiheit und Rückkehr nach England. Ihnen zu Liebe will ich einen Teil des Jahres in London zubringen. Ich bin ein Gentleman und von guter Familie. Jeden Wunsch, soweit er irgend in meiner Macht steht, werde ich Ihnen erfüllen. In Ihrer Kirche, nach der Lehre Ihrer Religion Null ich mich mit Ihnen trauen lassen, ich bin selbst Christ. Sie sollen einen Magen zu Ihrer Verfügung haben." „Ich bitte, reden Sie nicht weiter", unterbrach ich ihn, zornbebend, denn meine Geduld war erschöpft. „Was Sie auch anführen mögen, nichts kann meinen Entschluß ändern". Mit Aufbietung meiner ganzen Wilkensllmft sah ich ihm fest und stolz in die abscheulichen Augen. „Nun, so gewähren Sie mir wenigstens die Gunst Ihrer Bekanntschaft und erlauben Sie mir. Ihnen zn einer besseren Stelle zu verhelfen." (Fortsetzung folgt.) Htto Roquette. Seinen achtzigsten Geburtstag würde am letzten 19. April Otto Roquette, der am 18. März 1896 verstorbene Dichter des poesieduftigen Rhein-Wein- und Wandermär- chens „Waldmeisters Brautfahrt" begangen haben. Aus diesem Anlasse mögen hier einige ERnnerungen an den „Waldmeister" ihre Stelle finden. Roquette war sein« Stellung als Lehrer für deutsche Literatur an der Berliner Kriegsakademie gekündigt worden, weil er, wie er selbst berichtet, bei einer Abgeordnetenwahl für den alten Iortschrittsmann Waldeck statt für seinen Gegenkandidaten' General „Papa Wrangel" seine Stimme abgegeben hatte. Ein Ruf an die Technische Hochschule zu Darmstadt kam dem Gelehrten und Dichter daher sehr gelegen. Dennoch stellte er aber auch hier die Bedingung, daß ihm das Tragen der CivilunisormderLehrer erlassen werde. „Denn ich hatte bereits erfahren", so erzählt Roquette in seinen Memoiren, ,chaß alle hessen-darmstädtischen Beamten uniformiert Augen, von den Ministern, durch alle Rats- und Schulklassen, bis zu den letzten Gerichtsboten und Pedell. Für gewöhnlich (es gab auch eine große Staatsuniform für alle) trug jeder Angestellt« einen langen mausegrauen „Paletot", hinten mit einem Gurt, nach Art eines Soldatenmantels, oben befand sich ein gleichartiger Sammetkragen, auf dem sich vorn zwei kleine Litzen mit einem Knopf befanden. Die verschiedene Farbe der Litze bezeichnete den Rang, die jursstische, pädagogische oder sonstige Stellung. Der Civildegen fehlte weder im Gerichtssaal, noch in der Bibliothek, noch auf dem Katheder, noch in der Knabenschule." Mirllich wurde Roquette die Uniform erlassen, aber auch gleichzeitig dekretiert, daß auch die übrigen Dozenten der Hochschulen fortan keine Uniform mehr tragen sollten. „Darüber gerieten aber die älteren Lehrer außer sich vor Entrüstung", so berichtet der Dichter weiter. „Denn dieser graue, lange Mantelrock, der im Winter und Sommer getragen werden konnte, bequem war, jedes Defizit der Garderobe bedeckte oder ersetzte, so verschossen (nrtrb abgetragen sein durfte, als er mochte, um zugleich als Amts-, Berufs- und Schlafrock gut zu sein, der sollte nun abgeschafft werden! Dadurch wurde eine neue Kleidung von mehr europäischer Art nötig, neue Ausgaben und unerwartete Unbequemlich^iten. Dies hatte ich verschuldet, und man denke sich, mit welchen Gesinnungen man mir entgegenkam. . ." Einstweilen hielt sich Roquette für die schlechte Aufnahme, die er in Darmstadt gefunden, durch Spaziergänge in die schönen Waldungen schadlos. Aus einem solchen trat nur ans einem Gebüsch plötzlich eine junge Dame entgegen, blütenweiß gekleidet, einen Strauß Maiblumen in der Hand. ,M" — so redete sie mich an — „das ist ja hübsch. Ich suchte Maiblumen und finde den Waldmeister!" Ich grüßte sehr verwundert und blieb stehen. Da fragte eine männliche Stimme: „Mit wem unterhältst Du Dich denn da, Alices „Komm nur her und sieh selbst!" Gleich darauf trat ein junger Mann in Uniform hervor, ebenfalls eine Ausbeute von Maiblumen in der Hand, der mich begrüßte, indem er mich beim Mimen nannte. Jetzt erst wußte ich, vor wem ich stand. Es war der Prinz Ludwig (später Großherzog Ludwig IV.), damals noch designierter Thronfolger, und seine junge Go- mahlin, Alice, Prinzessin von England..." Sehr bald verstand es Otto Roqilette, sich die Gunst der Darmstädter in hohem Maße zu erwerben. Besonders die Studierenden der Technsschen Hochschule brachten dem Lehrer, dessen Vorlesungen über deutsche Literatur, obwohl nicht obligatorisch, die besuchtesten waren, fchwärrMrischs Verehrung entgegen. Roquette war im besten Sinne feinen Schülern, zu denen Schreiber dieses auch zu gÄhdrrn die Freude hatte, ein wahrer Freund. Als der „Waldmeister" vor 8 JaH«n nach LlMvtgcv Tätigkeit als MeratmProfessor in DarnrWavt die Wae« 240 »in organisch, aus K a n s n K R A R a t t e A n t o 0 Wn^Hon«&orb.fire in kindlichem Vignettenstil herabhängt. Auch hier bietet sich alles sinnvoll ans den Gebrauch gedacht und dabei reizvoll nuanciert dar. Ein prächtiges Stuck, für jeden Erwachsenen erstrebenswert, ist der Wasch- ttscy nut der mattgelben Marmorplatte, dem eingelassenen Beckeu, gehämmert aus versilbertem Kupfer, dem Prokosch en Kleingerät aus demselben Material, dem appetitlichen Kasten, der statt des Holzbodens eine starke Glasplatte hat Das Bett mit hohem Kopfteil zum Anlehnen beim Srtzen rst m seinem Inhalt aus Roßhaar, Seinen und Kameelhaar streng hygienisch, und es gewinnt einen Schmuck durch das nicht hineingestopfte, sondern frei mit ausgezackter Kante und Durchbruchs-Rand herabhängende Laken So läßt moderne angewandte Kunst die Kinder zu sich kommen und bereitet Zukunst. Dr. Felix Poppenberg (im Rh. Cour.). Vermischtes. I _ — Speisezettel von 1764 unb 1766. Die .Franks. Zeitung" bringt zwei Speisezettel, die Dr. Diehl im 28. Band der I „Monnmenta Germaniae Paedagogica“ veröffentlicht hat, zum Wiederabdruck. Die beiden Schmausereien fanden bei Gelegenheit des Examens der Lateinschule in dem Nachbarstädtchen Nidda statt. Sie lauten: , „Nidda, den 18. August 1764. Wurde mit dem Sternwirth Johannes Orth wegen der zu haltenden Herbst Examen Mahlzeit accordiret und demselben von jeder Person Ein Gulden Acht Albus versprochen worden. Dabey demselben aufferlegt ist, folgende Speiße auffzutrageu: L a) Eine Suppe nebst Huhn b) Wirsing Krauth nebst Brodwürst und spanisch Brod c) Sauer Krauth mit schweinen Fleisch d) Rindfleisch mit Senfft oder Merrettich e) Eine Pastete nebst geflügel oder Sauer Fleisch. II. a) Carpen mit Brüh oder Blau b) Kalb oder eingebietzt Fleisch c) Hecht mit Brüh d) Gebackenes. HI. a) Braten mit Salat b) Gebratene Hahnen mit Quetschen c) Krebs d) Torten e) Kringen oder Bretzel f) Allerley Obst." , Handelt es sich hierbei um drei verschiedene Mahlzeiten an einem Tage, so bezieht sich der zweite Zettel nur auf ein Essem „Nidda, den 1. Sept. 1766. Wurde wegen der auff künftigen Montag zu haltenden Examen Mahlzeit mit dem zeitigen Sternwirt Ludwig Rullmann accordiret und demselben vor nachstehendes Essen nehmlich Eine Suppe Gemüß und Brathwurst Ein Stück Rindfleisch mit Zugehör Ein Essen Carpen Gebratene Haßen Kalbs Brachen Dorten und Bretzeln von jeder Persohn, die der alten Observantz nach bei dießen Tracte- ment adhibiret worden, 27 alb. versprochen." Daß dabei auch nicht schlecht gebechert wurde, lehren andere Einträge. 1766 z. B. vertilgen in Nidda 19 geladene Gäste 66 Maß Wein und 21 Maß Bier! — für immer schloß, da trauerte mit der Technischen Hochschule auch die gesamte Bevölkerung der hessischen Residenz Zu den besonderen Verehrern Otto Roguettes, der unverheiratet geblieben war, gehört auch Ludwig Fulda der auch nach dessen Tode seine „Nachgelassenen Dichtungen" in pietätvoller Weise herausgegeben hat. v. M. im B. B. C. Bersteckriitsel. (Nachdruck verboten.) Es ist ein Sprichwort zu suchen, deffen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in nachstehenden Wörtern ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung. Beilage, Vertagung, Stemmeisen, Schwindler, Meister, Leichtsinn, Hasen Preisregeln. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Homogramms in vor. Nr.r >en worden. Ohne Stilornament, | _ .. - . - m r’em Material heraus. Körnig der- ! waridte nut Gluck das einfach überkreuzte Leistenwerk. | Solch quadratisches Gitterwerk zieht sich rund Über den : E ^vlbt sich Über dem Sitz gu einem aller- ' ttebft«! Laubendach. Es dient als Füllung der Schrank- I f),er lehr schmuck durch Glas und ge- I spanntet hellschrmmernden Stoff hinterlegt. j Schranktüren fällt noch eine praktische Neuer- I Sie haben wuchtige, handlich ausgehöhlte Holz- I Jte Jtd) bequem, ohne daß man den Schlüssel als Griff benutzen muß, öffnen lassen. I ift atS Abteil dieses Zimmers ge- H0lzlambr^um, wieder aus solchem überkreuz- trn Lelstenwerk, von dem eine Letnenportiere mit einer I Außerordentlich gelungen scheint dies Thema in den Kluderzrmmern, bte der Architekt Körnig im Auftrag zweiM Berliner Immen für die Weltausstellung zu St. Louis entworfen hat. ® I ®raue, schöngemaserte Esche ist das Material der Zim- I mer. Der leitende Gesichtspunkt der Anlage und Durch- I ein h h gien isch -ä st he tis cher; blanw, saubere, ab- I waschbare Stoffe dominieren, und damtt zum Praktischen, I Gesunden der Augenreiz komme, sind sie in gut abgetönter I Farbenstlmmung gewählt. I Den Fußboden bedeckt Linoleum, olivgrün, und in I Welcher Farbe zieht sich mit einer breiten Leiste abge- I Linoleumpaneel um die untere Hälfte der I Ew. Der Raum darüber ist mit Hellen durchlässigen I garben bemalt. Das ist ein heiterer und zugleich ruhiger I Hintergrund für die grauen Möbel. J I rund, ohne Kanten gehalten. Stühlchen und Tische wurden ungemein zweckmäßig so gebaut, daß sie durch eigene Schwere gehalten, nicht umfallen können, aber sie «»«en bequem durch den Raum geschoben werden. Sehr hübsch funb für den Kindersinn, der aus den Dingen immer Ser“ etwas anderes macht, als sie sind, passend scheint I ber bsimen Sessel, der wie SckMttenkufen ein glattes Gleiten auf dem Linoleum ermöglicht. j Eeschlckt ist für die Möbel, für den Schränkchen-Umbau | ®c§ Rsi"?tursophas unb für die Kleider- und Wäscheschränke «n Ftachenschmuck gefunden worden. Ohne Stilvrnament Kinderstuöen. Unsere moderne dekorative und kunstgewerbliche Bewegung ist tätigst keine Atelier- und Theorie-Betätigungi mehr. Sie sucht offenen Auges Wirklichketts- und Lebens- zusammen hänge. Man erkennt dies vor allem daran, wie sie sich um das Kleinste und — um die Kleinsten bemüht. Sie will praktischen Bedürfnissen und inneren Vorstellungen möglichst jedem seine Umwelt schaffen und ihr den äußeren Ausdruck geben, der dem Wesen unb der Art der Bewohner entspricht. Das stellt eine schöne Entwicklung bar; statt wie früher vom Stilatlas wird nun vom Menschen ausgegangen; statt wie früher von der festge- legten Form und dem dekretierten Schmuckornament werden nun von den Gebrauchsmöglichketten, von den Gewohnheiten, vom Komfort die Bedingungen diktiert. Erst wenn sie genau erkannt sind, dann sucht man nach dem möglichst rvcjengxiftctt uiw bci&ei ciTvntuti^cit tool)loctixidbf ett eit for* jnaten Ausdruck. So wandelt sich die „sttlvolle Wohming" znm wirklichen Herrn. . a ^«e der erziehlichsten Aufgaben ist die Komposttion des Klnderzimmers, das man heute nicht mehr mit dem ausrangierten Möbelstaat ehemaliger „guter Stuben" füllt andern Helfer sinnvoll seinen kleinen Ansassen akklimati- si.^bn will. Eine sehr erziehliche Aufgabe. Denn hier gilt es vor allem, stteng fachlich zu fein, den Charakter zu treffen, die unbedingte Gebrauchsfähigkeit, ohne dabei nüchtern zu werden, zweckvoll und gefällig zugleich zu komponieren. S(nwt* Aotatiousdruck und Bcrlag P?r Lrühl'schen VniversdW-Tuch- und Eteiudruckerei. R. Lange Gießen.