Montag den 22. Aköruar. BW (Nachdruck verboten.) Wüa Jatconieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Mein ganzes Leben ist Staunen geworden. Tausend Dinge gehen in mir vor, davon ich nichts wußte — wie hätte ich davon auch wissen können?! Ich glaubte zu wecken und wurde selbst geweckt; ich glaubte zu erlösen und wurde selbst erlöst. Jetzt treibt es und blüht, drängt und stürmt, wird und gestaltet sich. Ich kann immer nur staunen, immer nur still vor mich hinsprechen: „Siehe, ein Wunder!" Wenn ich! Leute sehen muß, so ist mir"s, als ginge ich mit leisen, leisen Schritten glanzvoll durch die Menge, als wäre es stumm und feierlich! rings um mich als spräche eine göttliche Stimme: „Sieh, so schuf ich das Weib!" Verstehst Du, was ich meine? Aussprechen läßt es sich nicht. Du mußt es ahnen können. Und Cola? Er begriff mich nicht, als ich zu ihm sagte: „Du bist ja so jung! Tu bist ja viel jünger als ich." Weil seine Jugend so lange den Zauberschlag schlief, ist sie die Jugend eines Kindes geblieben. Und dann ängstigt sich der Mann fort und fort, quält sich und mich daß er zu alt wäre: „viel zu alt". Dann lache ich ihn aus ... Ob er wirklich! ein Genie zum Dichten besitzt, weiß ich nicht; ich! weiß nur, daß er Genie hat zu lieben. Und ich! muß staunen, staunen. * Höre und lache! Aber lachen kann Deine kühle Hoheit ja nicht. Also höre und — lächle. Wir sind uns einander ähnlich. . . Lächelst Du auch? Denn er und ich — wir sollten einander ähnlich sein? Ter große, unverbesserliche Träumer und die große, unverbesserliche Mondaine! Und doch ist es so. Er lebte in einer Oede — wie ich; er war darin verkümmert, bereits halb zu Grunde gegangen — wie ich; er verzehrte sich in Sehnsucht — wie ich. Noch! mehr Aehnlichkeiten! Ich sehe die Natur mit seinen Dichteraugen; und was ich sehe, drücke ich! oft beinahe mit seinen Worten aus. Du solltest dann sein leuchtendes Gesicht sehen! Gestern bemerkte ich eine hohe Rüster, die am Wipfel mit feinen, feinen Zweigen in die Luft griff. Ich! sprach davon, wie die alte Waldriesin „sich aushauche". Da meinte er das nämliche, was Du einstmals im Kloster behauptet hast: in mir wäre ein Fünklein Poesie. Weißt Du, Tina — ich glaube, ich sah die Natur schon damals mit seinen Augen. Und ich sah sie so, weil meine Seele noch ein vollkommen leeres Blatt war. Auf diese weiße, weiche Fläche schrieb seine Hand mit scharfem Griffel. Denn Tu erinnerst Dich des «Eindrucks, den seine Natur- schilderungen schon damals auf mich machten? Unbewußt wirkte er dann in mir fort und fort. Und das wäre kein Wunder?! Ich! erzähle ihm Märchen. Und weil ich alle Märchen, die ich weiß, ihm bereits erzählte, so erfinde ich! selber Geschichten. Ich tue es nur darum, weil er mir zuhört wie ein Kind; und weil dann seine Augen solchen Glanz haben. Du siehst, was aus uns beiden geworden ist: Zwei glückliche Menschen! * Des Schlüssels zu der Keinen grünen Pforte bedürfen wir nicht. Wir sprachen darüber gar nicht, es verstand sich von selbst. Er kommt nicht hinunter in die Villa Taverna, die der Prinz bewohnt; und ich gehe nicht hinaus in die Villa Falconieri, wo — auch er nicht allein war. Wo wir zusammen sind? Niemals hat ein Liebespaar solchen seltsamen Schlups», winkel gehabt! Auf Tusculum ist es jetzt so einsam wie am Ende der Welt; denn die Hitze hat selbst die Hirten hinuntergetriebeü in die Wälder von Rocca di Papa. Nur Scharen großer Smaragdeidechsen Hausen in den verbrannten Gräsern und Kräutern, deren Wohlgerüche uns umströmen. Den Gipfel bedeckt verdorrtes Farrnkraut, welches dasteht wie aus Goldbronze ziseliert. Und Felder blühender Königskerzen erstrecken sich, von der Höhe bis ins Molaratal hinab, daß der Berg einem Riesenaltar gleicht, dicht besetzt mit kunstvoll gearbeiteten Kandelabern. Aus dem silberhellen Laubwerk erheben sich die schlanken goldigen Blumenfackeln, von der Sonne für unsere Licbesfeier entzündet. Aber in den Ruinen der Tibervilla glänzt und gleißt der ganze römische Sommer! Die Höhlungen, die die versunkenen Hallen in den Boden gerissen haben, füllen weiße Cistusrosen und bunte Wicken; in den eingefallenen Wölbungen, durch, deren Schuttwälle man wie durch die Trümmer eines Bergsturzes schreitet, wuchern unter blühenden Hollunderbäumen mannshohe Disteln mit großen violetten, purpurroten und ultramarinblauen Blüten, und das einstmalige Nymphäum des schrecklichen Tiberius ist ein einziges Malvenbeet. Blumendickichte bilden jetzt das Unterholz der Kastanienwälder, die in der Tiefe rings um Tusculum einen dichten Wall ziehen. Die schönen Bäume stehen in voller Blüte; und die weißen Kronen leuchten zu unserer Höhe empor, als würde der Berg von märchenhaften Schaumwellen umbrandet. An Sciroccotagen sind wir von der Welt durch 114 dem * dem Wenn ich nicht bei ihm bin, so umkreisen ihn meine Gedanken wie ein Flug schimmernder Vögel. Meine Liebe kam zu ihm wie die Taube, die mit Oelzweig über den sinkenden Wassern schwebte. Sollte ich wirklich bald sterben müssen, so möchte ich meine Hände in die seinen legen und darin so lange lassen, bis die Leichenfrau sie herausnehmen muß. Wte gut meine armen, kalten Hände in den seinen aufgehoben Hand in Hand möchte ich mrt ihm fortgehen, Hand m Hand mit ihm wandern: mit ihm wandern durch die Unendlichkeit. * (Fortsetzung folgt.) freute waren wir wieder einmal wie die Kinder. Wir liefen von unserem Hause fort zu der Jelsenwand an dem fürchterlichen Abgrund unter dem Kreuz, wo im Frühling der Ginsterzauber lohte, und schrieben an eine Klippe unsere Namen. Gin riesengroßes V: Viviane, und ein C: Cola. Jetzt stehen auch unsere Namen unter dem Zeichen des Kreuzes — unter dem Zeichen der himmlischen Liebe. Wie glückselig töricht man sein kann! Kaken Sie Kinder? Eine Kleinstadt-Humoreske von O. Metterhausen Meine kleine Frau war ganz unglücklich. Sieben Jahre hatten wir vergnügt tn Hamburg gelebt, und nun plötzlich., wie ein Blitz aus heiterem Hunmel, kam die Versetzung nach — Halt, Diskretion ist Ehrensache sagen wir: nach Dingsda. ___ ,r„ , Wenn es nicht bei der leidigen Kahlheit der Oberfläche meines Gedankenbehälters als Prahlsucht ausgelegt werden könnte, so würde ich sagen: mir sträubten sich die Haare, als ich die Versetzungsordre in den Händen hielt. UTtD meine Stimmung wurde nicht besser, als mein Freund John Schmidt, der in seiner Eigenschait als Repeonkel das deutsche Vaterland „von der Maas bis an dre Memel, von der Etsch bis an den Belt" wie seine Westentasche kennt mir aus meine Frage entsetzt antwortete: „Menschenskind, Dingsda? Das is'n Flecken . . . Brrr! Da gibts nur ein Mittel. Opalpasta. Wie viel Zentner darf ich für „Dich notieren? Was halfs? Ich mußte wohl oder übel da» Unvermeidliche mit Würde tragen. . „Laß gut sein, Herzchen", tröstete ich meine Frau, „es hätte ja noch schlimmer kommen können. Dmgsda ist immer noch besser, als Posemuckel oder ein ähnliches gottver- Se^euä ich^las ihr aus Neumanns Ortslexikon die Naturgeschichte unserer künftigen Heimat vor: ,,DiNg^>a, 4563 Einwohner, Post, Eisenbahn, Telegraph, Amtsgericht, Gymnasium, fürstliche Sommerresideuz ■ horst Du, Schatz? Residenz! - blühende Schuhwarenindustrie." Einige Tage später fuhr ich, vorläufig allein, dem Hans Sachsschen Dorado zu, um mir eine Wohnung zu mieten. Meine Frau hatte mir noch einige Dutzend Ratschlage nnt- i gegeben: „Achte auch gut darauf, Männchen, daß dre Wohnung recht warm ist und daß dre Oefen ordentlich imstande sind und daß der Herd gut zieht und daß dre Spiegelwände nicht zu schmal sind und dre Stuben nicht zu klein und die Decken nicht zu niedrig. . - Um Gottes willen keine Kellerküche! Wer ja einen abgeschlossenen Flur! Nicht höher als eine Treppe, am liebsten Mdgeschoß ! mit Vorgarten und, wenn möglich, auch Hintergarten oder I doch einem Spielplatz für die Kinder. Und vergiß auch | nicht zu fragen, wer die Treppen rein zu machen und I wer die Straße zu fegen hat. Undmache auch gleich ab, I wie es mit der Benutzung der Waschküche gehalten werden I soll . . . Hast Du nun auch alles behalten, oder soll ich's I Dir lieber aufschreiben?" , Ich hatte genug zu tun, um all diese Ratschlage aus dem Haufen zu halten, und war vergnügt, als ich mittags, i ohne daß mir mehr als etwa ein halbes Dutzend von ihnen laufen gegangen wäre, in Dingsda eintraf. I Da es noch nicht Zeit zum Mittagessen war, so schlen- I bette ich in den Straßen umher, um mich nach aushangen- I den Plakaten: „Hier ist eine Wohnung zu vermieten , um- Wolkendunst geschieden. Wir scheinen alsdann zwischen I Himmel und Erde zu schweben, erblicken nichts, als über I uns, unter uns das leuchtende Gewölk, um irrte die Blumen- I gefilde — eine Insel der Seligen tut Ozean der Luft! Höre nur weiter: t t | Ganz auf der Höhe, zwischen der Kaiservilla und dem griechischen Theater, auf der Stätte des ehemaligen Forum, I liegt ein kleines Haus, wie es auf der Welt kein ähnliches gibt. Lucian Bonaparte, dem Tusculum gehörte, hat es I erbaut; und die Königin von Sardinien, die dem Napoleo- I niden im Besitz des Berges folgte, soll darin ein Teezimmer eingerichtet haben. Jetzt ist das Haus Ruine und Eigentum Colas. Eines abends, als wir miteinander nach Tusculum I hinaufritten, führte er mich hin. Er führte mich: in einer I Weise, daß ich mich plötzlich vor einer Wand des Hau,es I befand; und als ich über etwas, was ich hier sah, hesttg I erschrak, mich geradezu entsetzte, lachte er wie ein übermütiger Knabe, dem ein Schelmenstreich gelungen war. In der Wand befinden sich nämlich mehr antike Statuen, Ornamente und Marmortrümmer als Steine. 1 Einige Figuren sind nur zum Teil eingemauert und machen den Eindruck, als schritten sie gespenstisch aus dem Gestern. I Eine wie im Todeskampf geballte Riesenhand greift heraus. Aber da ist vor allem ein furchtbares Antlitz: das blasse I Antlitz einer jungen, lieblichen Frau. Nur das Haupt drängt I sich qualvoll aus dem Mauerwerk. Grausen, Entsetzen und Todesangst haben die Augen weit aufgerissen, die Lippen I geöffnet. Sie stöhnt, ächzt, wimmert, schreit. Sie strebt hinaus und ist doch eingemauert; sie will leben und muß | doch sterben. Es ist ein gräßliches Antlitz! I * Und mir war es, als ob diese fürchterlichen Augen mich anstarrten, als ob dieser stöhnende Mund ntich um Hilfe anschrie... , . , Cola führte mich zur Tür, hob mich auf und trug mich über die Schwelle. Drinnen hielt er mich an seiner Brust, mit Küssen mich fast erstickend. Dann ließ er mich: sanft nieder. Er griff in eine Schale voll Blumen und I streute sie vor mich hin, als ob ich eine siegreiche Königin wäre. I Mein Liebster hat das kleine, seltsame Haus für uns eingerichtet. Japanische Matten bekleiden die Wände und bedecken den Boden; anmutige, schöne Geräte stehen umher. Die Fenster verhüllen Vorhänge aus weißer Seide. An hellen Tagen erblicken wir unter uns das schwermütige Molaratal: vom Cavo bis zum Volskergebirge; sehen wir das Meer: vom Circekap bis Ostia. Und immer, immer sehen wir über uns auf dem Gipfel von Tusculum das Kreuz. Unsere Liebe steht unter dem Zeichen des Kreuzes. Eine große Leidenschaft! Ich kann sie nicht nur einflößen, ich kann sie auch selbst fühlen. Eine große Leidenschaft! Sie hebt den Gesunkenen aus Abgründen zu Wolkenhöhen; sie badet die befleckte Seele in Aether; sie macht den geschändeten Leib madonnenrein. Eine große Leidenschaft! Cs ist herrlich, sie zu erleben; aber göttlich müßte es sein, darin unterzugehen. * Wir Frauen sind erst dann Frauen: sind erst dann das, wofür wir geschaffen wurden, wenn wir lieben. Lieber Vater im Himmel, laß mich sein und bleiben, wofür Tu mich schufst. * Mein Kuß hat ihn geweckt. Er ist stolz und demütig, leidenschaftlich und sanft, trotzig und weich. Und wie jung er ist! _ Er müßte zwanzigjährige blonde Locken haben zu seinem zwanzigjährigen jauchzenden Herzen. Wenn er nicht mehr gar so toll selig ist, will er auch wieder arbeiten. Durch mich! * Mir sprechen nicht von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft. Auch «rat von der Gegenwart Wozu brauchen wir von ihr zu sprechen? Wir erleben sie ja! — 115 zusehen. Das war jedoch verlorene Liebesmüh'. Ich zog deshalb den Oberkellner in dem Gasthofe, wo ich mich inzwischen einguartiert hatte, zu Rate. „Sagen Sie mal, Herr Ober, sind denn hier gar keine Wohnungen zu vermieten. Es scheint ja fast so, denn ich konnte nirgends einen Aushang entdecken. Das pomadisierte Kotelettengesicht lächelte geringschätzig. „Erlauben Sie, ein Plakat aushängen, so was tut man doch nicht. Da sehen ja gleich alle Leute, daß man eine Wohnung leerstehen hat. Und ... die Blamage!" Ich muß gestehen, daß ich mich in diesen Gedankengang nicht so recht hineinfinden konnte; aber ich liebe es nicht, meine geistige Schwerfälligkeit jedem auf die Nase zu binden. Ich erkundigte mich deshalb nach der Zeitungsgeschästsstelle, um dort sofort eine Anzeige für das Dingsdaer Jntelligenz- blatt aufzugeben. Auch hier hatte ich mich verrechnet. Einer Leitung erfreute sich allerdings das biedere Dingsda, indessen erschien sie nur Mittwochs und Samstags. Und heute war Donnerstag! Drei Tage konnte ich unmöglich warten. „Wo bringt man also in Erfahrung, wer eine Wohnung zu vermieten hat?" „Ja. . . vielleicht beim Stadtsekretär." Also auf zu diesem! Der Stadtsekretär ist in so einem Nest ungefähr das, was ein Mädchen für alles in einem kleinen Haushalt. Das Dingsdaer Mädchen für alles geruhte noch zu schlafen, als ich gegen drei Uhr bei ihm vorsprach „Vor vier Uhr ist Herr Sekretär nicht zu sprechen." Ich war grausam genug, die ganze Unverfrorenheit eines Großstädters, dem Zeit Geld ist, hervorzukehren, überschüttete den dienstbaren Geist des Stadtsekretärs mit einem Schwall von Redensarten und erzielte damit schließlich den Erfolg, nach zehn Minuten dem Herrn gegenüberzustehen. Nach einer weiteren halben Stunde konnte ich mit dem erhebenden Bewußtsein das Sekretariatszimmer verlassen, daß in Dingsda ganze fünf Wohnungen, für meine Verhältnisse passend, zu meiner Auswahl standen: Nummer eins bet einem Rittmeister a. D., Nummer zwei bei einem zur Ruhe gesetzten Oberförster, Nummer drei bei einer verwitweten Frau Amtmann, Nummer vier bei einem Rentner, Nummer fünf endlich bei zwei älteren unverheirateten Damen. Ich beschloß, in dieser Reihenfolge, die gleichzeitig der Güte der Wohnungen entsprechen sollte, die Prüfung vorzunehmen. Schon die erste Wohnung entsprach wie ich mit großer Befriedigung feststellte, fast genau den von meiner Frau aufgestellten Bedingungen: hohe, große Zimmer, zu ebener Erde, keine Kellerküche, abgeschlossener Flur usw. Und dazu ein anscheinend prächtiger Hauswirt, der Herr Rittmeister; das Urbild eines alten Kavalleristen, eine martialische Gestalt, fast einen Kopf größer als ich — und ich bilde mir schon ein, das reichliche Durchschnittsmaß eines Germanen zu besitzen. Da auch der Preis der Wohnung kein allzu hoher genannt werden konnte, so war ich drauf und dran, das Geschäft kurzer Hand abzuschließen, als plötzlich ein weibliches Wesen die Treppe herabgerauscht kam. „Meine Frau", stellte der Rittmeister vor. „Dieser Herr, liebe Klothilde, wünscht die Wohnung zu mieten." Sie lächelte verbindlich „Dars ich mir eine Frage gestatten ... Sind Sie verheiratet?" „Allerdings, gnädige Frau." „Und . . . haben Sie Kinder?" In gerechtem Vaterstolze warf ich mich in die Brust. „Gewiß! 'Einen Knaben von sechs und ein Mädchen von vier Jahren." „Ach, ein Pärchn! Das ist ja reizend", flötete die Gnädige. „Aber", setzte sie mit einer gewissen nervösen Hast hinzu, „da ist die Wohnung doch wohl zu klein für Sie." „O, was das betrifft", wagte ich zu erwidern, „so habe ich keine Bedenken. Wir find von Hamburg her nicht verwöhnt. Bei den dortigen hohen Mietpreisen lernt man sich in bezug aus die Wohnung einzuschränken. Ich bin deshalb überzeugt. . ." Sie ließ mich nicht ausreden. „Ach nein, glauben Sie mir, die Räume hier würden Ihnen nicht genügen. Sie wurden Ihnen sicher zu Nein sein." Ich sah mich nach dem Rittmeister um, und es schien mir, als sei er plötzlich einen Fuß Netner geworden. M rieb verlegen die Hände und sah saft ängstlich bald seine Frau, bald mich an. „Allerdings", meinte er, „Familie. . . hm, ja, das ändert die Sache. Ja, hm, was ich sagen wollte . . ." „Ich begreife", erklärte ich, „Sie nehmen Anstoß an meinen Kindern, und so bleibt mir nur übrig, mit bestem Danke auf Ihre reizende Wohnung zu verzichten." Das Ehepaar wollte noch einige verbindliche Redensarten vom Stapel lassen, aber ich schnitt dieselben durch Schließen der Haustür ab. „Merkwürdige Gesellschaft!" sagte ich mir, während ich dem Tuskulum des Oberförsters schritt. „Nun, es gibt —: Gott sei Dank! — noch vernünftigere Leute." Das Gebimmel der Türglocke, die ich an dem ober- försterlichen Hause zog, rief drinnen einen Höllenlärm hervor. Ein halbes Dutzend Hunde von allen möglichen Größen — wie ich durch das Türfenster sah — bläffte, heulte, winselte durcheinander. Nachdem der Spektakel einige Minuten gewährt hatte, öffnete sich drinnen eine Tür und eine Männergestalt mit dickumwickelten Gichtbeinen, mürrischem Gesicht und einem zollstarken Eichenstock kam den Gang herabgehinkt. Der Oberförster — denn er war's zweifels- hone — öffnete die Tür ein wenig und schrie durch den sich jetzt verdoppelnden Lärm der Hunde mich an: „Was wünschen Sie?" „Zuvörderst wünsche ich, daß Sie diese Bestien einmal zur Ruhe bringen, damit man sein eigen Wort verstehen kann und seines Lebens sicher ist." Der Alte fuhr mit dem Knotenstock zwischen die in ihrem Eifer die Türfüllung mit Pfoten und Zähnen bearbeitende Schar. „Wollt ihr ruhig sein, ihr Hallunken! Kusch dich, Unkas! Nero, willst du weg, du Vieh!" Das Wutgeheul verwandelte sich in ein Wehgeschrei, aber die Tür wurde frei, und ich konnte ohne Gefährdung meiner Beine das Zimmer des Oberförsters erreichen. Da die beiden Teckel, die mit in die Stube gedrungen waren, sofort das Sofa in Besitz nahmen, so mußte ich mich mit einem Stuhl begnügen. „Also die Wohnung wollen Sie mieten?" fragte der alte Herr, nachdem er zuvörderst einen regelrechten Steckbrief von mir ausgenommen hatte. „Da erlauben Sie mal erst eine Frage: Haben Sie Kinder?" Am liebsten wäre ich sofort wieder aufgestanden und hätte die Tür von außen zugemacht, aber die an derselben jetzt wieder erschallenden drohenden Wauwaus und die scheelen Blicke der beiden auf dem Sofa liegenden knurren den Teckel nötigten mich zu einer anderen Taktik. „Kinder?" fragte ich deshalb harmlos. „Leider bische ich deren nicht so viel, wie Sie Hunde. Ich habe nur zwei; aber wenn Ihnen das nicht genügt, so ließe sich vielleicht Rat schaffen. Ich könnte ja ein Pensionat an- legen. Was meinen Sie dazu?" ,^jum . . ., Herr", polterte er los, „was fällt Ihnen ein? Glauben Sie, mein Haus ist ’ne Kinderbewahranstalt? Ich bin ein nervöser alter Mann. Ich kann durchaus nicht über Lärm und Kindergeschrei sein." „Oho", machte ich bedauernd, „verzeihen Sie das Mißverständnis. Ich bin weit davon entfernt, die idyllisch^ Ruhe Ihres Hauses stören zu wollen. Empfehle mich gehorsamst." Ich war froh, als ich die Straße wieder mit heiler Haut und heilen Unaussprechlichen erreicht hatte. Mit Nummer zwei war's also auch nichts/ Nun: Vivat seguenz! Die Drei ist die heilige Zahl, und — das muß ich sagen — ziemlich günstig ließ sich die Verhandlung mit der Frau Amtmann an. Die gute Dame führte mich durch alle Räume der immerhin noch ganz netten Wohnung; wir krochen durch Keller, Böden und Ställe, ohne daß die verhängnisvolle Kindersrage zum Vorschein kam. Ich wähnte mich, als die näheren Bedingungen des Mietsabschlusses festgestellt waren, bereits am Ziele, da plötzlich — mir sträubten sich die Haare — begann die alte Dame mit der unvermeidlichen Einleitung: „Nun, zum Schlüsse, nehmen Sie mir aber eine Frage nicht übel, mein lieber Herr: haben Sie Kinder?" Am liebsten hätte ich meinen Gefühlen in einem indianischen Kriegsgeheul Luft gemacht, aber ich beherrschte mich noch und antwortete mit verbindlichem Lächeln: „Nur zwölf." 116 „Was? Wie? Zw . . .Zwölf?" Die alte Dame wich ganz entsetzt zurück. „Wer Sie können doch — unmöglich — schon so lange — verheiratet sein?" „O doch! Schon sieben Jahre." „Sieben Jahre? Und dann bereits . . ." „Zwölf Kinder", vollendete ich. Allerdings! Jedes Jahr Zwillinge, das letztemal sogar Drillinge" — es kam mir auf diesen Rechenfehler gar nicht an. „Wie Sie mich hier sehen, halte ich in dieser Beziehung den Weltrekord." Ich konnte mit der Genugtuung das Haus verlassen, die Frau Amtmann auf einige Stunden sprachlos gemacht zu haben. Wer was nützte das alles? Die Zahl der mir verbleibenden Wohnungen schmolz immer mehr zusammen, und wenn nicht endlich ein kinderfreundlicher Hauswirt ein Einsehen hatte, was dann? Es war eine keineswegs rosige Stimmung, in welcher ich den die Nummer vier meines Programms bildenden Rentner aufsuchte. Tausendmal wiederholte ich mir den Wahlspruch des biederen Pomuchelskopp in Reuters „Strom- ttD": „Immer lavieren, immer lavieren, ein vorsichtiges Lavement kann nie schaden!" Aber als der dickbäuchige Dingsdaer Philister, der auf seiner feisten Backe noch das Muster seines Mittagsschlummerkissens trug, mir auf das gleich vorgebrachte Bekenntnis meiner Vatereigenschaft entgegnete: „Ja, wissen Sie, mit die Kinder. . . das 's nu so 'ne Sache" — da war es mit dem ganzen Lavieren vorbei. Ehe der Herr Rentier seinen Satz vollenden konnte, war ich mit einem kürzeren Satz zur Tür hinaus. „Warum", fragte ich mich zähneknirschend, „lebt denn der alte Hunvld Singuf nicht mehr? Hier würde er am richtigen Platze sein. In Hameln haben sie ihn geächtet, hier hätte man ihn sicher zum Ehrenbürger ernannt." Ich begrub bereits alle meine Hoffnungen, eine Wohnung zu finden, während ich ergebungsvoll der Nummer fünf zu schritt. Daß es auch mit dieser nichts würde, war ja klar. Zwei ältere, unverheiratete Damen ... na, so ein paar schrullenhafte, alte Jungfern! „Du kommst sicher vom Regen in die Traufe", sagte ich mir und überlegte schon, ob ich meine Nachkommenschaft verleugnen sollte. Wer ich bin nun mal ein ehrlicher Kerl und wollte es auch bleiben, wenn ich auch den Kelch des Leidens bis zur Neige auskosten sollte. „Ich höre, hier ist eine Wohnung zu vermieten", führte ich mich ein. „Ich wäre geneigt, dieselbe zu mieten, falls Sie nicht daran Anstoß nehmen, daß ich zwei Kinder habe." Die Dame, welcher meine Anrede galt, und die anscheinend den Posten einer Verkäuferin in dem Weißwarengeschäft von Friederike und Sophie Schmidt versah, lächelte mich an, knixte ein halbes Dutzend mal und trippelte dann eilfertig zu dem den Laden von dem Hinterzimmer abschließenden Vorhang. „Ach, Fiekchen, sei so gut, komm' einen Augenblick her! Hier ist ein Herr, der die Wohnung mieten möchte." „Gleich, Riekchen", tönte eine ebenso dünne Stimme aus dem Nebengemache, und nach einigen Augenblicken kam auch die Besitzerin dieser Stimme hereingetrippelt, knixte sich bis an den Ladentisch heran und lächelte mich ebenfalls an. „Wollen Sie sich bitte hier durchbemühen." Sollten sie ganz überhört haben, daß ich meine Kinder erwähnte? Es schien fast so, und ich wiederholte deshalb mein Bekenntnis noch einmal, wobei ich hinzufügte: „Zwei Kinder, einen Knaben von sechs und ein Mädchen von vier Jahren." Aber — o Staunen! — es geschah das Gegenteil von dem, was ich vermutet hatte. „Ach, ein kleines Pärchen", rief Riekchen, „nein, wie reizend! Hast Du's gehört, Fiekchen? Ein Pärchen!" „Wie süß!" antwortete Fiekchen, und wie zur Entschuldigung setzte sie mir zugewendet hinzu: „Meine Schwester und ich mögen so gerne Kinder leiden." Ich mußte an mich halten, um die beiden alten Damen picht auf der Stelle zu umarmen, und in meiner Herzensfreude mietete ich die Wohnung, obwohl sie zwei Treppen hoch leg, ihre Zimmer niedrig, die Oefen alt, der Herd ein riesengroßes, Feuerung schluckendes Ungetüm und die Wände aus dünnem Fachwerk waren. Meine Frau entsetzte sich, als sie aus unseren mit allen Bequemlichkeiten der Neuzeit ausgestatteten Hamburger Räumen in diese Löcher übersiedeln sollte. Ich aber sagte» „Hättest Du die gleichen Erfahrungen gemacht, wie ich Du würdest anders reden. Im übrigen: Raum ist in der kleinsten Hütte für . . . eine mit Kindern gesegnete Familie." Mit dem Raum war's allerdings nur schwach, bestellt, aber sonst geftel's uns doch, ganz gut in der neuen Wohnung. Riekchen und Fiekchen waren zwei durchaus annehmbare Wirtinnen, wenn sie auch, die Dingsdaer Eigenart nicht ganz verleugnen konnten. Kam mal eines der Kinder mit unabgeputzten Stiefelchen von der Straße ins Haus, so erschien Fiekchen sofort mit Besen und Flanelltuch und folgte errötend feinen Spuren. Oder hattep die beiden Kleinen aus dem zwanzig Quadratmeter großen, mit drei Rosenstämmen und einigen kleinen Stauden bepflanzten und daher mit dem stolzen Namen Garten belegten Hofplatz herumgetollt, — flugs nach, ihrem Abzüge war Riekchen da und ebnete mit dein Rechen säuberlich die kiesbestreuten Wege. Leider wachsen mit den Jähren und den steigenden Einkünften die Ansprüche. Und da sich auf unsere Wohnung das Schillersche: „Es wachsen die Bäume, es dehnt sich das Haus", nicht anwenden ließ, so mußten wir uns nach einer anderen Unterk"nft umsehen. Richtiger müßte ich eigentlich sagen: mußte meine Frau sich umsehen; ich für meineP erson hatte genug von dem erstenmale. Was sie, die mit tausend Masten in den Dingsdaer Ozean hinausschiffte, erlebt hat, habe ich nie erfahren. Ich weiß nur, daß sie nach, acht Tagen eifriger Wohnungssuche sagte: „Weißt Du, Männchen, ich meine, es ist am besten, wenn wir uns ein eigenes Haus kaufen." Und so kam es. Denn das wissen wir, Herren der Schöpfung ja alle: wenn unsere Frauen sich einmal etwas in den Kopf gefetzt haben, dann ist nicht eher Friede im Land, als bis wir unser Ja und Amen dazu gesagt haben. Also kurz, ich kaufte mir ein Haus, ein niedliches Gartenhaus, für zwei Familien eingerichtet. „Das sag' ich Dir aber, Herzchen, ich nehme nur einen Miter mit Kindern. Ich will zeigen, daß ich nicht bin, wie die Philister hier." „Natürlich", sagte meine Frau, „das versteht sich von selbst." Und wir hatten Glück. Bald nachdem ich die Wohnung ausgeboten hatte, rückte ein neuer Amtsrichter in Dingsda ein, der bei mir als Suchender erschien. Da ihm die Wohnung gefiel, so wollte er sofort abschließen. „Erlauben Sie", sagte ich jedoch, „eine kleine Bedingung habe ich zu stellen. Es ist nämlich Grundsatz bei mir, dre Wohnung nur an Leute zu vermieten, welche Kinder haben." „O, was das anbetrifft", meinte er, „damit kann ich dienen. Ich habe vier Jungen von acht bis herab zu zwei Jahren." „Topp", rief ich, „Sie sind mein Mann." Seitdem haben wir in der Tat nur Familien nut Kindern gehabt, und haben es nicht bereut, obschon wir gleich bei Amtsrichters die Erfahrung machten, daß totr die Tätigkeitsleistung der Kinderstimmen und namentlich der Kinderbeine früher ein wenig unterschätzt hatten, ^as konnte uns doch nicht bewegen, an einen Mietslustrgen, der vertrauensvoll unser Haus Betrat, die verhängnisvolle Frage zu stellen, deren Unbill wir einst selbst erfaßen hatten, und wenn den Lebensäußerungen meiner klemen Hausgenossen hier und da selbst mein Mittagsschlummer nicht standzuhalten wußte, so tröstete ich mich nut dem Goetheschen: .. , Wenn sich der Most auch ganz absurd geb erdet, Es gibt zuletzt doch noch 'nen Wein! Streichholzspiel. (Nachdruck verboten.) Wie macht man aus diesen 9 Streichhölzern drei und einhalbes Dutzend, ohne eins hinzuzuiügen oder zu zerbrechen i Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Das Wort ist frei. Nedaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.