H GW ifi Areiiag dm §2. Januar. /»■ | U ■ n S» (Nachdruck verboten.) Wssa Jatconieri. Von RichardVoß. Erster Band. (Fortsetzung.) Meine Mutter lag krank, ich durste nicht zu ihr. Mein Vater ging mit verstörtem Gesicht einher und gönnte mir kein Wort. Tie wackeren Männer, welche die große Tat vorbereitet hatten, schlossen sich mit meinem Vater ein, blieben in langen leidenschaftlichen Debatten beisammen, verließen das Haus, mit finsteren Mienen — ohne meinem Vastr die Hand gereicht zu haben. Alle Freunde und guten Bekannten, sämtliche Nachbarinnen wurden abgewiesen. Selbst der Hausfreund fand keinen Einlaß. So ging es eine halbe Woche, während der ich von Mariano nichts hörte, noch sah. Wir hatten verabredet, daß ich ohne „den Segen meiner Eltern" ihm angehören wollte. Für ein römisches Bürgermädchen bedeutet das etwas Ungeheures; während es wenig, oder nichts bedeutet, daß sogar die römische Bürgersfrau ihren Liebhaber hat. So ist es nun einmal bei uns. An dem Tage, da ich meinen Eltern das Mariano gegebene Versprechen mitteiken wollte, ließ nun Vater mich zu sich rufen. Ich fand bei ihm Vittorio, der mir als mein Verlobter vorgestellt wurde. Meine Mutter ließ sich nicht sehen. Ich erfuhr nicht, wie alles so wunderbar gekommen war; denn meine Eltern hatten alle ihre überschwenglichen Hoffnungen, die sie auf meinen Kaufpreis gesetzt, aufgegeben. Von jener großen Tat, bei der mein Vater beteiligt gewesen, hieß es jetzt: sie hätte verschoben werden müssen. Ta ich die Braut eines Franzosen geworden war, so hielt ich das für eine günstige Fügung. Ich liebte meinen Verlobten sehr, ich war sehr glücklich, sehr dankbar: ich durste mich nach freier Wahl an einen geliebten Mann verschenken.' Meine Mutter hatte mich nie geliebt; aber jetzt haßte sie mich. Sie haßte auch Mariano, worüber dieser nur lächelte. Er war überhaupt sehr heiter, so berauschend heiter und dabei so strahlend wie ein Frühlingstag. Gegen mich benahm er sich stets ritterlich und respektierte sogar die Sitte. Nach römiscyer Sitte durfte auch mein Verlobter keine Minute mit mir allein sein. Bei seinen täglichen, nur sehr kurzen Besuchen befand sich eine Magd oder mein Vater bei uns. Meine Mutter erschien niemals. Er saß mir dann gegenüber und baute Luftschlösser, in deren Glanz ich! schweigend hineinsah. Weil er mich! sehr schon fand, und weil er Wer meine Schönheit sich freute, kleidete ich mich zum erstenmal in meinem Leben hübsch. Gr machte aus mir ein ganz anderes Wesen. Tas Herrlichste war aber doch, daß er nicht viel ($etb hatte, daß er mich nicht hatte kaufen können. Er wollte mich nach Paris bringen, wo sein Vater ein berühmter Maler war. Bereits nach wenigen Wochen fand unsere Hochzeit statt; denn meine Eltern wollten uns beide möglichst, schnell aus dem Hause haben. Als wir zur Kirche fuhren, lag meine Mutter in Krämpfen; und von den vielen Freunden und guten Bekannten ließ keiner sich sehen. Gleiche nach der Trauung verließen wir Rom — Mariano war mittlerweile aus der Armee getreten und gleich nach der Trauung erfuhr ich alles. Er sagte es mir im Rausch unserer Hochzeitsnacht. Meine Mutter hatte sich- unsinnig in ihn verliebt und — — Und dann hatte meine Mutter in ihrer tollen Leidenschaft ihm den politischen Plan verraten. Dadurch hatte er meinen Vater in seine Gewalt bekommen. Gr hatte gedroht meinen Vater und alle Verbündeten dem Gericht zu übergeben, hatte als Preis für sein Schweigen die schöne Tochter gefordert. Er hatte mich! durch sein Schweigen erkauft. Alles war aus und vorbei. Ich wollte aus dem Zimmer. Aber er lachte nur. Ich schleuderte ihm meine Verachtung ins Gesicht. Abe« er lachte nur. Mit einer Schurkentat bezahlte er mich, mit einer Gewalttat nahm er mich. Und ich ließ es geschehen! * Wiederum war ich ein armes Geschöpf geworden. Aber ich war kein Mensch mehr, keine Frau; sondern nur ein lebendiges Ting. Er brachte mich nach Paris. Wir wohnten bei dem berühmten Künstler, der sein Vater war. Dieser machte großes Wesen aus meiner Schönheit, die mir jetzt geradezu abscheulich erschien. Ich bekam eine Kammerstau, mußte mich! wundervoll kleiden, und im Atelier Herzöge und Minister, große Dichter und Künstler empfangen. Alle sagten mir ins Gesicht, daß ich sehr schön sei und daß sie mich sehr bewunderten. Vornehme Damen kamen. Sie betrachteten mich durch ihr Lorgnon und waren sehr herablassend gegen mich. Mariano war ungemein eitel auf mich-. Wenn irgend ein großer Herr oder berühmter Mann mir seine Leidenschaft gestand, schmeichelte ihm das. Ter junge Herzoge von Cligny, ein Freund von Guy de Maupassant, erschoß sich, weil ich seine schändlichen Anträge zurückwies; und Mariano war glücklich- über die Sensation, die dieser Selbstmord in ganz Paris machte. Sein Vater drapierte mich bald als antike Statue, iß bald als Madonna. Er malte mich und gab Soireen, wv ich als lebendes' Bild stand. Ich ließ alles geschehen. Tann brach der Krieg mit Deutschland aus. Mariano ging mit der Armee, sein Vater starb, und ich befand mich eines Tages aus der Straße. Herzöge und Minister wollte» für mich sorgen. Ein Ekel zuckte in mir auf — ein Ekel. . . Ich mietete ein schlechtes Zimmer, zog ein ärmliches Kleid an und suchte Arbeit. Tas einzige, was ich gelernt hatte, war etwas Goldstickerei. Ich war aber auch barnt ungeschickt. Ueberdies hatten wir Krieg. Charpie und Bandagen waren notwendig, keine Stickereien. Wäre mir nicht alles, alles so grauenvoll gleichgiltig gewesen, hätte ich Paris durch irgend ein Tor verlassen und mich in dem ersten besten Torf als Magd verdingt. Wie einstmals bei meinen Eltern, mußte ich oft hungern. Doch ich fühlte es kaum. Auch war es eine gute Vorübung für die Huugerszeit während der Belagerung. Als Mariano mich Ttr schilderte: wie ich damals über die blutigen Leichname der Kommune hinweg durch die Straße gegangen; als wären es Regenlachen — da merÜe ich an Deinem Entsetzen, welch elendes Geschöpf ich damals gewesen sein muß. Mariano kam aus Teutschlaud zurück — als Flüchtling! Er suchte mich. Ich hatte an gar nichts gedacht. Sonst wäre ich doch wohl fortgegangen — ganz gleich wohin. Aber nun sand er mich und sagte mir, daß er meinetwegen den Preußen entflohen wäre. Mariano wollte leben, wie er früher gelebt hatte und er hatte das Leben eines großen Herrn geführt. Wir waren aber ganz arm. Einen kleinen Popen wollte er nicht annehmen, und anderes fand sich nicht für ihn. Sarcey bot ihm eine Sekretärstelle bei sich an; aber Mariano wollte sein eigener Herr sein. Er schrieb für den „Temps". Aber er schrieb nur, wenn er Lust hatte; und er hatte selten Lnst. Er spielte Hazard. Aber er hatte kein Glück im Spiel. In einem Liebeshandel kam es zu einem Duell. Er verwundete dabei einen einflußreichen Mann und mußte fort aus Paris. Ein sehr reicher Freund begleitete uns. Tenn Mariano nahm mich wieder mit; und — ich ließ mich wieder mitnehmen. Ich hatte immer Gott dafür gedankt, daß ich kinderlos blieb. Nur kein Kind voll diesem Manne! Um Gottes willen nur das nicht! Als wir in die Villa Falvonieri zogen, fühlte'ich mich Mutter. Tiefe Verzioeiflung! Gott, Gott, diese Verzweiflung! Vielleicht brachte ich ein totes Kind zur Welt. . . Unb ich schrie die Muttergottes um ein totgeborenes Kind an. Alle Nacht lag ich in der Kapelle vor dem Altar und flehte: „Laß das Kind sterben!" Aber das Kind lebte. „Tu tötest es", nahm ich mir vor in der Stunde, da ich's gebar. Sie legten das Kind an meine Brust. Es schrie jammervoll. Als ich es tränkte, als es dann stille ward, als es an meiner Brnst einschlief: da — war ich die glückseligste Mutter. Es ist ja auch wunderbar. * Tann wußte ich vom Leben nichts mehr, als daß mein Kind auf der Welt war. Marianos reicher Freund starb, bevor er ausgebeutet werden konnte. Anstatt Herr der Villa Falcouieri zu sein, wurde Mariano der Pächter. Wiederum waren wir arm. Ta kamst Du in die Villa. Tu warst so anders, als alle Männer, die ich bis dahin kennen gelernt hatte: so ganz anders! Tu warst der erste Manu, dessen Blick ich nicht schon als Beleidigung empfand. Tu warst der erste Mann, der an mir nicht unr meine Schönheit sah; der erste, für den ich anch eine Seele besaß. Ich liebte Dich nicht. Wie konnte ich das, da ich mein Kind hatte?. Aber ich faßte sogleich Vertrauen zu Dir, hatte sogleich einen Glauben an Dich, der zur Religion für mich wurde. Mariano konnte ein solches Mysterium nicht verstehen. Er konnte nur verstehen, ivas war wie er selbst. Und so gab er denn meiner stillen, schönen, friedlichen Empfindung einen häßlichen Namen. Ich sollte „verliebt" in Dich sein. Er verhöhnte mich mit Dir. Weil er es mit seinen Mißhandlungen nicht konnte, marterte er mich täglich mit Dir. Täglich schrie er mir zu, wie ich mich Dir an den Hals werfen sollte, wie Du mich aus Mitleid an Deinem Halse lassen würdest — aus Barmherzigkeit mit der unglücklichen Frau. Er haßte Dich; denn er fühlte die Reinheit Deines Lebens. Und ihm war im tiefsten Herzen nichts so zuwider wie alles geistig Helle und seelisch Schöne. Tu wärst vielleicht der einzige Mensch gewesen, von dem er kein Geld angenommen hätte. Aber weil er wußte, daß ich darunter litt, nahm er auch Dein Geld. Er wollte mich sogar zwingen. Dich darum zu bitten und hätte dann an meiner Qual seine Freude gehabt. Ta ich Dich nicht bat, brachte er andere Männer ins Haus. Sie kamen meinetwillen, und wenn sie mit Mariano am Spieltische saßen, rnnßte ich dabei sein. Co war mein Leben, so ward ich täglich von neuem geschändet. So tief bin ich gesunken, so ganz und gar bin ich. ohne Frauenwürde mehr. Und Tu, Du Guter und Reiner, erhebst mich ans dem' Abgrund, reinigst mich vom Staube, weihst mich von neuem durch Deine Liebe. Tann tötete er mein Kind. Und als ich in der Nacht nach dem Begräbnis hinaus!- ging und tun wollte, was ich längst hätte tun müssen, riefst Tn mich beim Namen. Da gab Tein Wort mich dem Leben zurück. Da fühlte ich, daß ich Dich liebte, daß ich Dich vom ersten Augenblick an geliebt hatte. Und da glaubte ich Tir, was Du mir in der Nacht, die meine Todesnacht hätte fein sollen, sagtest. Es ist nicht Großmut! Keine Barmherzigkeit ist es, kein Mitleid: Auch Tu liebst mich! Von Camaldoli kam der! 'Prior, um zwischen den beiden Ehegatten zu vermitteln; und aus dem nämlichen Grunde erschienen einige Väter des Tuskulanerklosters. Ich wollte nicht, daß sie Maria quälen sollten, und wünschte allein mit ihnen zu verhandeln. Doch als sie bei mir versammelt waren, trat plötzlich Maria ins Zimmer un.d erklärte: sie betrachte ihre Ehe mit Mariano als gelöst. Alle Ermahnungen, Vorstellungen und Vorwürfe der guten geistlichen Herren hörte sie mit vollkommener Ruhe an. Zum Schluß sagte sie nur: ob die Priester eine Ehe, wie sie sie geführt hätte, für et»“- christliche Ehe hielten? Unverrichteter Dinge kehrten v.e würdigen Männer in ihre Heiligtümer zurück. Es verbreitete sich das Gerücht: Mariano wollte Mönch werden. Fürs erste blieb er in Camaldoli, wo er eine der kleinen Einsiedeleien bezogen hatte. Hier sollte er in fanatischer Askese leben, fast fein1 Nahrung zu sich nehmen, die Nächte im Gebet verbringen und die Bußübungen sün- drger Mönche tun. Ich war begierig, wie lange dieser Paroxismus dauern würde. Inzwischen ließ ich Marianos Gläubiger befriedigen und alle seine Verhältnisse ordnen, wobei sich Dinge ergaben, bie einem Zolaschen Roman entnommen schienen. Für Mariano trat ich in den Pachtkontrakt der Te- nuta ein. Tie meisten Leute hingen mit solcher Schwärmerei an ihrem Herrn, daß sie unter mir nicht bleiben wollten. Ich setzte einen Verwalter und verschiedene andere tüchtige Männer ein. Sie bewirtschafteten die Tenuta nach Landesbrauch und -befinden sich noch heute in meinen T-lensten. (Fortsetzung folgt.) 47 Unsere alte Warle. Von Margarete Stadler. Wie ein substantieller Gruß aus meiner alten Weichsel- heunai stand sie vor mir, im kornblumenblauen Wollkleide, eine riesige „Wippe", wie man bei uns zu Hause die hellen breitkrempigen Strohhüte nennt, auf den dicken, schwarzen, vielfach um den Kopf gelegten Flechten. Sie war damals noch nicht „die alte Marie", konnte aber auf Schönheit ebensowenig Anspruch erheben wie heute mit ihrer kleinen untersetzten' Figur und dem gelben, pockennarbigen Gesicht, aus welchem zwei kleine Aengelein freundlich und treuherzig blickten. Aber nachdem sie im Osten des Reiches erst meiner Schwiegermutter, dann meiner verheirateten Schwägerin treu gedient hatte, worüber sie allmählich 38 Lenze alt geworden war, wollte sie durchaus Berlin kennen lernen, und natürlich war ich, wie Reuters Frn Pastern sagt, die Nächste dazu, sie mit der Metropole bekannt zu machen. Allerdings hatte Marie in ihrem Aeußeren der Reichshauptstadt wenig Konzessionen gemacht, und die anderen Mädchen im Hause lachten sie in ihrem altmodischen Putz tüchtig aus. Aber Marie ließ sich nicht beirren, auch hatte unser Spreeathen wenig Gnade vor ihren Augen gefunden. Für das Treiben in den Straßen interessierte sie sich wenig, weil es sie naturgemäß beängstigte, und es war ihre größte Freude, daß ganz in unserer Nähe eine katholische Kirche sich befand, wohin sie jeden Donntagmorgen in oben beschriebenem Staat, den ein rotbuntes türkisches Schaltuch halb verhüllte, mit einem großen Gebetbuch und riesigen Taschentuch in der Hand wanderte, sobald die Glocken zu rufen begannen. Nachmittags pflegte sie dann ihrer großen bunten „Lade", einer altväterischen mit riesigen Tulpen bemalten Truhe, die Photographien ihrer verehrten früheren Herrschaft zu entnehmen und mit diesen und weiteren Andenken, als da waren: eine kleine mit Muscheln beklebte Schachtel vom „Danziger Dominik", welche winzig kleine Nähuten- filien und einen Miniaturspiegel enthielt, ein paar in grellen Farben ausgeführte Heiligenbilder und dergl. mehr — einen gemütlichen Sonntag unter vielem Kaffeetrinken und Erzählen zu verbringen, wobei sie meiner Schwiegermutter stets mit glühender Verehrung gedachte, die sich in den Worten aussprach: „Un die Frau Amtmann is so gemein! Viel gemeiner un niederträchtiger wie Sie, gnädige Frau", was für den Nichteingeweihten befremdlich klingen mag, aber leichter verständlich! wird, wenn man weiß, daß „gemein" und „niederträchtig" „leutselig" und „herablassend" bedeutet. Unsere Kinder hingen mit großer Zärtlichkeit an ihr und sie wieder war sowohl dem „Jretche" wie dem „Alt- friedche", wie sie die Namen Grete und Alfred aussprach, herzlich, zugetan und erzählte den Kindern unermüdlich! aus ihrer Heimat, von dem Leben der Flissaken, die auf Flößen geboren werden, leben, lieben und sterben und auf Keinen Weidenflvten so schöne Musik zu machen wissen in ihrem schwimmenden Reich. Tas war für die Kinder eine Märchen- ivelt, und auch Maries drolliges Polnisch-Deutsch war ihnen eine Quelle des Entzückens, sodaß mein kleiner Alfred eines Abends beide Aermchen um meinen Hals schlang und schwärmerisch sagte: „Mama, wenn ich groß bin, heirate ich die Marie, die hab' ich so lieb, weil sie immer „das Milch" sagt und „derr Brott". Allgemach begann auch Marie sich an die Berliner Luft zu gewöhnen und zwar durch die gütige Mitwirkung von „Portiers". Jede Berliner Hausfrau weiß, daß die Portierfrau eine Macht ist, mit der gerechnet werden muß. Wehe, wenn sie in Feindschaft mit den Mädchen lebt, dreimal wehe aber, wenn diese zu einem innigen Freundschaftsbunde wird, welche überraschende Wandlung innerhalb 24 Stunden vor sich gehen kann. _ So war es auch hier. Nachdem Marie im unverfälschten östlichen Heimatsdeutsch die Portiersfrau unaufhörlich für eine „dwatschss Flirr" — alberne, putzsüchtige Person — und eine „rechte Schlunz" — unordentliche Frau — erklärt hatte, war sie plötzlich zur Erkenntnis ihrer guten Seiten gelangt. Von nun an hieß jene nur noch „die Frau Krausen" und was sie sagte oder tat, wurde mir treu berichtet. Diese unerwartete Wendung der Tinge hatte darin ihren Grund, daß „Portiers" die Marie aufgefordert hatten, an ihren sonntäglichen Ausflügen „nach die Heide" oder „nach'n Rummelsburger See" teilzunehmen, welcher Einladung Marie, angetan mit dein Kornblumenblauen, gern gefolgt war. Von jenem ersten Sonntag mit Portiers datierte eine neue Epoche in Maries Dasein, die sich sofort durch sichtbare Veränderung 'hres äußeren Menschen kundgab. Sie putzte sich, nunmehr eine halbe Stunde, ehe sie die Markthalle aufsuchte, sträubte sich auch nicht mehr, ein weißes Häubchen auf die schwarzen Flechten zu setzen, sondern sie versah dasselbe sogar mit wehenden bunten Bändern, schnitt mit Müh' und Sorgfalt die Aerrnel ihrer Taillen kurz, um die prallen, starkrosigen Arms dem Auge des Beschauers nicht länger vorzuenthalten, und brannte die zu „Pouies" vevschnittcneu Stirnhaars kunstgerecht und verführerisch Auch nähme:, ihre Wege nunmehr doppelte Zeit in Anspruch Doch nicht nur der äußere Mensch wurde diesem rapid verlaufenden Verschönerungs- Prozeß unterzogen, auch ihrer Geistesbildung begann Marie kräftig nachzuhelfen und hielt zu diesem Zweck den in Lieferungen erscheinenden Roman „Rinaldo Rinaldini", den sie abends halblaut, Silbe fü.r Silbe mit dem Zeigefinger verfolgend, mit Feuereifer und inniger Anteilnahme las, sodaß eines Abends, als ich die Kinder zu Bett brachte, zu deren Entsetzen die dun,Pf gemurmelten Worte aus der Küche herübertönten: „O—heiß—gelieb—teh Ro—s.: mein, mein—Weg—führt zwar—durch—Blut—und—Lei—chchn—obber—zu—dir" mit welcher geschmackvollen Wendung Rinaldo sein Eheglück zu begründen beflissen war, während Marie ihrer Aufregung in einem gemurmelten „dem Kreet könnt' ich doch so jäben!" Ausdruck gab. Die Folgen dieses literarischen Genusses blieben insoweit nicht aus, als Marie sich bestrebte, in gewähltenr Ltil zu sprechen und daher alle Augenblicke die Worte „allerdings berreits" ihren Sätzen einfügte. So vergingen einige Wochen, und es war an einem Montag vormittag — Marie hatte tags zuvor, von Portiers „chapervniert", ein Tanzkränzchen besucht — während wir beide in der Küche beschäftigt waren, als unaufhörlich tief- schmerzliche Seufzer vom Küchenfenster, an welchem Marie Möhren putzte, bis zum Herd herüberklangen, wo ich den Sonntagsbraten in neuer Herrlichkeit auferstehen ließ. Endlich fragte ich nach der Ursache ihrer trüben Stimmung und sie begann: Och gneddige Frau, habb' ich doch so schwerres Herz! Weiß ich doch nich, was ich soll machen. Und dann erfuhr ich daß sie „ollerdings berreits" vor einigen Wochen „eine Bekanntschaft" gemacht habe, und zwar in Person eines Verwandten der Portiersfrau, Namens Emil Noack, eines nach ihrer Versicherung „bildschönen" Menschen. Sehen und lieben war auf beiden Seiten eines gewesen und nun hatte er sich als „junger Mann mit ernsten Absichten" dokumentiert und gestern feierlich um Mariens Hand geworben. Sie aber stand wie Herkules am Scheidewege und wußte nicht recht, was sie wollte. Ja, Marie, wenn er ein ordentlicher Mensche ist und Sie ihn. lieben, daun sagen Sie doch „ja", meinte ich. Och, gneddige Frau, örtlich, Mensch! Sollten Sie bloß seh'n die Obberhemden! Abber, abber — Nach vielem Zögern und Seufzen kam dann die Kehrseite der Medaille zum Vorschein. „Er" >var Beamter — in welcher Funktion der Staat ihn beschäftigte, erfuhr icb nicht — und stand just vor dem Avancement. Dazu aber brauchte er eine Kaution, deren Höhe — o Wunder! sich mit dem Betrage, der in Maries Sparkassenbuch verzeichnet war, völlig deckts. Wenn sie es hergab, stand ihrem Glück nichts mehr im Wege! Natürlich redete ich ab und beschwor sie den. Werber wenigstens erst näher kennen zu lernen, auch wollte ich meinen Gatten bitten, Erkundigungen über den bildschönen Emil eiuzuziehen. Aber all das war nicht nach ihrem Sinn, denn in ihren Zügen stand deutlich zu lesen: Rate mir, aber rate mir nicht ab: Und das Endergebnis ihrer Mitteilungen war d c Tatsache, daß sie dem Geliebten bereits das Sparias,ei:bnch versprochen hatte, und er zur Mittagsstunde h.mmen würde, um es sich abzuholen und sich uns giei.gzeUrg als glücklicher Bräutigam vorzustellen. _ 4 Als ich den Erkorenen sah, begriff ich sofort, daß er Maries, wenn auch nicht junges, so doch unerfahrenes Herz hatte im Sturm erobern müssen. Etwa fünf Jahre fünaer als Marie, die sich bei dem Besuch vollständig als 48 glückseliges, verschämtes Bräutchen zeigte, wär er ein großer, stattlicher blonder Mann, im Besitz eines prächtigen Schnurrbarts, und schien viel auf sein Aeußeres wie auf Haltung und Manieren zu geben. Mein Mann fragte ihn nach seinen militärischen Ber- hältuissen und erhielt ausführlichste Auskunft, so daß er von 9)iarteg Wahl bald sehr eingenommen war. Ich aber lerntte bange Ahnungen nicht unterdrücket: und sagte, als' ich mit dem Erkorenen, der sich tmter elegantester Ver- beuguug empfahl, allein war: Sie sind doch auch sicher, daß das Geld gut angelegt wird, so daß das Mädchen reinen Verlust haben kann?, meine düstere Besorgnis auf diese Weife so rücksichtsvoll wie möglich einkleidend. Gr aber trat gekränkt einen Schritt zurück, legte die Rechte auf das weißgestärkte Oberhemd uud sprach die denklvürdigeu Morte: Madame, was denken Sie von mir? Ta täte wich das Mädchen ja Ville zu leid! Ties war das letzte, was ich von Emil Noack vernahm. Ein Tag nach dem andern ging ins Land, tntb aus Abend und Morgen wurden allmählich vierzehn Tage, ohne daß Marie einen Brief aus R., wo er sein neues Amt antreten wollte, erhielt, und des Geliebten Rückkehr zum „Ausgehsonntag", den sie zusammen verleben wollten, war bereits zu. erwarten, als ich meinte, den jungen Herrn in der Friedrichstraße in fröhlichster Gesellschaft gesehen zu haben. Ich glaube, Marie, ich bin heut Ihrem Bräutigam begegnet, sagte ich so harmlos- als möglich, als ich nach Hause zurückkehrte. „Och, gneddige Frau", war die zuversichtliche Antwort, was denken Sie! Wenn Emil -in Berlin wär', dann wär' er auch bei mir!" Aber leider trog diese schöne Hofsnung. Wo Emil verblieben ist, haben wir nicht feststelltzu können, benit weder Marie noch wir haben jemals wieder etwas von ihm gehört. Eine Anzeige auf der Polizei zu machen, wünschte Marie nicht, die wohl immer noch nicht die Hoffnung aufgeben mochte, den Ungetreuen eines Tages reuig zurückkehren zu sehen. Tie Portierfrau leugnete auf ernstes Befragen jegliche Verwandtschaft ab, erklärte Emil Noack für „jauz entfernt anjeheirat" und wußte nichts Näheres; sie und Marie waren ivieder tödlich verfeindet. Doch letztere blieb nicht lange mehr in unserm modernen Babel, sondern ging zum großen Leidwesen meiner Kinder wieder zur „hochgnt'gen Frau Amtmann", wie sie meine Schwiegermutter zu nennen pflegte, zurück, um im stillen Frieden des ostdeutschen Landlebens die Wunde zu heilen, die sie im Treiben der Welt empfangetr hakte. Tert oben sahen wir sie einige Jahre später gelegentlich eines Heimatbesuchs wieder, älter geworden, aber wie immer arbeitsam und voll rührender Hingabe für unser ganzes Haus. Eines schönen Sonutagsabends besprachen wir auch das Berliner Erlebnis, den einzigen Roman ihres Herzens! Es tut mich abber doch nich leid, gneddige Frau, sagte das alte Mädchen mit nachdenklichem Kopfschütteln und fester Stimme, bin ich doch damals serr glücklich gewesen. Damit senkte sie den Kopf ttnb ging langsam toieber in bie Küche. Mein Mann aber erwiderte, als ich ihm diesen Ausspruch Maries wieder erzählte: So ein Frauenherz ist eben ein seltsames Ting, mag es nun einer Gräfin gehören oder unsrer alten Marie! Vermachtes. * ll e b e r die Litauer, die den äußersten Nordosteu der Provinz Ostpreußen bewohnen in einet Stärke von ca. 120 000 Köpfen, bringt die letzte Nummer der „Bötker- schau" interessante Einzelheiten. Sie stammen aus dem litauischen Hauptland jenseits der Memel und sind im 16. Jahrhundert eingewandert, als der deutsche Orden, nachdem er 1466 Westpreußeu und Ermland an Polen verloren hatte, daran denken mußte, das ihm verbliebene Gebiet besser zu kolonisieren. Im Gegensatz zu ihren südlichen Nachbarn, den Masuren, haben hei ihnen wenigstens noch die Frauen und Mädchen ihre malerische Nationaltracht bewahrt. Ter bunte Rock, Marginne (von margas •— bunt) ist von koketter Kürze, besteht zumeist aus Wolle und zeigt eine bunte Farbenmischung, besonders am unteren Rande. Tas schmucke Mieder, welches über einem blendend weißen Hemd sitzt, ist tnnt schwarzer oder grüner Farbe. Dazu kommen noch eine reichgestickte Schürze untz farbige Strümpfe. Tie Hände zieren selbstgenähte Handschuhe mit blumigen Mustern. Die Mädchen schmücken häufig! das Haupt mit einem weißen Aufsatz von Spitzen, und Blumen oder auch- mit einem Rautenkranze. Tie 'Litauer sind freundlich, gesellig und gastfrei. Hervorzuheben ist ihre Gesangeslust. Ihr äußeres und inneres Seelenleben spiegelt sich: in den Tainos (Liedern) wieder, die allenthalben lustig erklingeu, bei feierlichen Zusamwen- künften und g!emeinfamen Arbeiten, beim Spinnen, Fischen, Flachsbrechen usw. Ten Inhalt bilden meistens Wtern- und Geschwisterliebe, Tratter um verlorenes Glück und die Schönheiten der Natur, mit der sie innig verwachsen sind und deren Reize sie glücklich zu genießen verstehen. In den Liebesliedern spielt die Raute eine große Rolle, welche! die Stelle der Myrte und Rose vertritt und Liebe und Unschuld versinnbildlicht. Bei den Festen, welche beim! Mähen und Ernten, Flachsbrechen, Begräbnissen und Hochzeiten gefeiert toerben, spielen Essen und Trinken die Hauptrolle. Taneben wechseln Tänze, darunter einige Na- tionaltänze mit Tainogesang und dem Erzählen von Geschichten abenteuerlichen und gruseligen Inhalts. In denk Volke, leben noch Reste des Heidentums fort. Noch vor 50 Jahren fand ein Mann bet der heidnischen Zeremonie der Boüheiligmtg seinen Tod. Auch die Saunten, Gottheiten niederer Ordnung atts der heidnischen Zeit, sittd noch nicht vergessen. Einem neuen Erdenbürger wird ost bis zur Taufe abends ein Licht neben der Wiege angesteckt, welches die gattze Nacht hindurch brennen muß, damit nicht Lainta oder deren Dienerin Apmaine das Kind forttrage und an seine Stelle einen Wechselbalg lege. Tie Furcht vor bösen Geistern ist groß. „Wiener Mode", 17. Jahrg., Heft 8, Ausgabe vom 15. Januar 1904 enthält eine größere Auswahl hübscher Maskenkostüme, teils farbig, ausgeführt. Jedes einzelne ist von guter Wirkung. Besondere Anerkennung verdienen! die Kostüme Karo-Dame, Augsburger Patrizierin aus dem 15. Jahrhundert, das dalmatinische Miederkostüm und ein Kostüm aus der Zeit der Marte Antoiuette. Tie diesjährigen Karnevalsmoden weisen vieles Neue auf; die Kunst, sich zu kleiden, stellt nicht nur im täglichen Leben, sondern auch bei festlichen Gelegenheiten höhere Ansprüche ganz dem verfeinerten Geschmack entsprechend, der sich auf jedem Gebiete geltend macht. Das Heft bringt aber auch einfache Toiletten für Promenade, Theater und Haus, uud zwar mit der in dieser Saison wünschenswerten Reichhaltigkeit. Tie umfangreiche Abteilung „Handarbeit" enthält eine Fülle schöner Vorlagen für verschiedene Ausführungen, dann folgt der. Unterhaltungsteil „Im Boudoir", dessen wertvollster Beitrag der Roman „Iw Bruck-, müllerhof" von der leider zu früh verschiedenen Tichterin Antonie Baumberg, ist. Man abonniert bei allen Buchhandlungen sowie direkt beim Verlage ber Wiener Mode in Wien VI/2 zum Preise von 2.50 Mark vierteljährlich. Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten.) Die Buchstaben sind in die Felder des Dreiecks derart eilt- zutragen, daß die drei Außenseiten, wie auch die drei wagerechten Jnnenreihen Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. Weltstadt ; 2. Mehl; 8, Haustier4. Flur; 5. technisches Hilfsmittel; 6. Gedankeugang. (Auslösung in nächster Nmnnier.) Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Burgunderweine, Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Triihl'schen UniversnätS-Buch- und Cteiudruüerei. R. Lange, Gießen.