1904. Samstag dm 21. War w :81' iFiK Afiitgken. Wer leiht dem Geiste Zanberschwingeu, Wer sprengt den Bann, der ihn umhüllt, Um jubelnd es hinauszusingen, Was doch die Seele ganz erfüllt? Aufjauchzend will das Herz sich weiten Der Welt voll Duft und Sonnenschein, Und tönend klingt's aus goldnen Saiten: O Mensch, die ganze Pracht ist dein!" O Mensch, die ganze Pracht ist dein! So klingt und singt und jauchzt es allüberall! Die Sonne lacht es uns vom blauen Himmel zu und die Vögel im Walde singen es. Du hörst es im Ruf des Kuckucks und im Summen der Biene, die von Blüte zu Blüte eilt. Laut künden es die Glocken von den Türmen, und die weite, leuchtende Flur haucht es dir zu in dem Duft taufrischer Blumen. Am lautesten sagt es dir das eigene Herz, das erfüllt ist von der Freude des lieblichen Festes. „Ja, „wunderschön ist Gottes Erde und wert, darauf ein Mensch zu sein". Doch nicht nur der Mensch ist erfüllt von der F«ude des Daseins, sondern die ganze Natur singt den Hymnus der Freude. Felder und Wäldw prangen rn ihren herrlichsten Gewändern. Die Blüten lachen dem Leben entgegen und alle Kreatur atmet freudig des Frühlings belebende Luft. Und da sagen sie, die Welt wär' ein Jammertal und der Mensch darin das beklagenswerteste Geschöpf. Etliche, die sich nicht darin zurechtfinden können, gehen freiwillig von hinnen. Vielleicht hat ihren Seelen nie ein Pfingstfest geblüht und ihre Augen sahen wohl nicht des Schöpfers Hand, die auch ihnen den Tisch gedeckt hatte und sie geführt haben würde zur Quelle des Glückes und der Freude. Andere aber verschließen sich der Freude, weil sie Gott besser zu dienen glauben, wenn sie sich abwenden von der Freude und ihr entsagen mit ernstem Gemüt. Sünde ist ihnen die Freude, erfunden von dem bösen Geiste, die Menschen zu bestricken und zu verführen zu böser Lust und stnh eilig em Wesen! Welch ein Irrtum! Welche Verkennung der Absichten des Schöpfers! Warum erglänzt denn die Welt im Sonnenlicht? Damit das Erschaffene lebe, blühe, gedeihe! Und warum prangt die Flur in tausend Farben? Daß wir uns freuen der Schönheit der Natur! Und warum hat der Schöpfer seinen Tempel erbaut so hoch, so gewaltig, so voll Pracht und Herrlichkeit? Daß wir Gott erkennen ernen in seinen Werken und voll Dank zu ihm empor- chauen in Hoffnung und Vertrauen und uns getrösten einer Macht, die nicht verderben läßt, was sie liebend chuf. Und aus der Freude am Zeitlichen erblüht die Hoffnung des Ewigen, die uns durch das Leben führt mit ihrer starken Hand. Und so ist es denn auch keine Siinde, fröhlich zu sein mit den Fröhlichen. Nicht ein Werk des Bösen ist die Freude, sondern eine Gabe vom Vater des Lichts, der die Erde segnet mit allem Schönen und Guten, nicht, daß wir sie verachten, sondern daß wir sie genießen in rechter Weise und reinen Herzens. Doch — warum freuen wir uns des Festes? Wir schmücken unsere Häuser mit der Birke jungest Zweigen. Wir kleiden uns in helle Farben und auf unfern Hüten prangen Laub und Blumen, wenn wir hinauszogen in Wald und Feld. Die Jugend trinkt der Freude Becher, den ihr das Leben kredenzt. In der verjüngten blühenden Erde sieht sie ihr eigenes Bild und genießt die Freude unbewußt, um der Freude willen, weil sie nicht anders kann. Sie jubelt dem Leben entgegen wie der Vogel im Walde, der sein Lied singt, weil er nicht anders kann. Und das Alter genießt die Freude auch, aber mit Bewußtsein, mit Bedacht. Wehmütiger Erinnerung voll denkt es der eigenen Jugend, die so schnell dahin ging, so schnell, wie auch dieser Frühling verblühen und vorübergehen wird. Ja, vergänglich ist die Zeit, die dahin geht und nimmer wiederkehrt: Vergänglich ist der Lenz, und seine Blumen welken schnell dahin. Vergänglich ist die Jugend und das Leben, und ehe wir es denken, ist alles verblüht. Warum also die Freude an etwas, das wir nicht halten können, und das uns, kaum erkannt, schon wieder enteilt. Ach, es ist das Vergängliche nicht, das uns frommt. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". So ist unser Erdenfrühling nur ein Gleichnis, das Bild eines ewigen Frühlings, dessen Ahnung wir im Herzen tragen, wenn wir sie nicht mit Gewalt daraus vertreiben. Wer über diese lachende schöne Welt hinaus sehen kann in die unsichtbare Welt, wer ihren Frühling in seinen! Herzen trägt, der wird ein stetes Pfingstfest feiern. Sein Haus ist immer geschmückt mit der Maien glänzendem Grün und seine Seele ist erfüllt von dem Sonnenglanze eines istrmerwährenden Frühlings. Unser Pfingsten ist ja nicht nur das Fest des Lenzes und der weltlichen Freude, es ist mehr: es ist das Fest des Geistes! Wenn in den Kirchen der fromme Gesang erschallt: „Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein, und laß uns deine Wohnung sein!" dann wollen wir einstimmen in dies Gebet, denn wir haben es nötig, wenn wir nicht untergehen wollen in dem Strudel unserer Zeit mit ihrer Jagd nach dem Glück, mit ihrer Sucht nach Genuß, mit ihren Kämpfen und Leidenschaften, ihren Wirren und Irrungen, die unfern innern Frieden bedrohen, das einzige, das höher ist, als -cfie Vernunft. Wenn wir offenen Auges uns umsehen in der Welt, dann will uns oft fast der Mut sinken, daß wir ausrufen möchten: „Herr, es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt." Mit Recht freuen wir uns unserer Fortschritte und Erfolge. Und dennoch fallen in unsere sonnige Wielt tiefe Schatten und so vieles — 302 — geschieht, was nicht gut ist. Eine neue Zeit ist hereingebrochen. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Mit dem neuen Leben kommt aber auch ein neuer Geist. Mit der Zeit wandeln sich auch die Anschauungen, und die Begriffe von recht und unrecht, gut und böse, wahr und unwahr verschieben sich mit der Zeit. Wir sind ein glückliches Volk und fühlen uns ficher und geborgen in dem festen äkm, den wir errichtet haben in ruhmvoller Zeit. Und schier vergessen sind die Jahre, wo unser Volk das Tal der Trübsal durchwandern nrußte, in der es geläutert wurde, gestärkt im Glauben, in der Demut, um aus harter Zucht gereinigt und veredelt hervorzugehen, bereit zu den höchsten Opfern und geweiht zur heroischen Tat. Nun aber sind wir so glücklich und so satt. Mit dem Wohlstände wuchsen die Bedürfnisse und des Daseins begehrenswertestes Ziel erblicken wir im Genuß. — Wir sind ein glückliches Volk und fühlen uns sicher in unserem Besitz. — Haben wir nicht auch die neidenden Götter zu fürchten! Die Sonne, die im Sommer so hell und warm auf uns herabscheint, weckt auch den Donnerer aus seinem Schlummer, der seine Blitze herabschleudert auf die friedliche Erde. Wie oft schon, da die Menschen arglos schliefen, brach der Feind herein, das Gliick zu zertrümmern. — „Er sah die Stadt >an und weinte über sie", heißt es in der Schrift. Und vierzig Jahre später lag Jerusalem, die hochgebaute Stadt, in Schutt unb Asche. — Doch, wir begehen ja heute keinen Bußtag, wir feiern ja das fröhliche, liebliche Fest der Maien. Mer auch an dem Pfingsttage — und besonders an ihm — wollen wir daran denken, daß der Geist ans der Höhe zu uns kommen will, uns zu reinigen von allem Bösen, uns zu heiligen zum guten Werk, den Pfad zu erhellen, wo wir im Dunkeln wandeln, und uns zu trösten, wenn wir des Trostes bedürfen. Um der Pfingsthosfnung froh zu werde», müsseu wir auch den rechten Pfingstglauben haben. Das aber ist der Glaube an die Macht und den endlichen Sieg des Guten, das in unserem Volke lebt und noch immer wieder zum Durchbruch gekommen ist. Die Erde lag ja auch in dem Banne eines langen, dunklen Winters. Und alljährlich, wenn ihre Zeit gekommen ist, bereitet sie sich zum tiefen Schlaf, und die weiße Decke des Todes wird über sie gebreitet, als sollte sie nimmer mehr erwachen. Mer dann kommt der Ostermorgen. Der Wind erhebt seine Stimme zum gewaltigen Weckruf und der Auferstehung Siegessang hallt jubelnd durch die erwachende Welt. Was aber das Osterfest begonnen hat, das will das Pfingstfest vollenden. Wie unser Glaube nicht eitel war, so wird auch unsere Hoffnung nicht getäuscht werden. Die Erde hat ihr schönstes Kleid angelegt, und vom Freudenjubel hallen Berg und Tal. Die Welt ist erstanden am Ostertage, heute aber blüht sie und strahlt im goldenen Sonnenglanz. Und so dürfen wir hoffen auf ein glückliches weiteres Gedeihen. Heute wollen wir nicht Raum geben dem Zweifel und trüben Gedanken. Für alle aber, die dennoch sich bedrückt fühlen in ihrem Gemüt, gilt das Wort der Schrift: „Ich will Euch den Tröster senden." Diese Verheißung erfüllt sich heute. Doch' wir müssen bereit sein, den Tröster zu empfange». Wr müssen unsere Herzen öffnen dem Geiste aus der Höhe, der uns reinigen und heiligen will zu einem neuen Leben. Wir wolle» die Liebe einziehen lassen in unsere Herzen, jene heilige Liebe, die alles hofft, alles trägt, alles duldet und die sich auch des irrenden und fehlenden Bruders annimmt. Nicht etwa, daß wir gut heißen, was böse ist, O nein. In gerechtem Zorn gegen das Böse in den Krieg ziehen und die Sünde bekämpfen, das ist unsere Pflicht. Nicht der Sünde soll unsere Liebe, unsere Duldung gelten, sondern dem Sünder, dem irrenden und fehlenden Mit- menschen. Um dies zu können, müssen wir aber selbst rein und frei sein von allem Bösen. Und dazu will uns das Pfingstfest verhelfen. Wenn wir so im rechten Glauben an die hohe Bedeutung dieses Festes feinen Geist in uns wirken lasse», dann wird uns auch die Hoffnung auf den schließlichen Sieg des Guten, des ewig Wahren und Schönen nicht verlassen. Aus dieser Hoffnung aber erwächst jene höhere, reinere Pfingstfreude, die nicht von außen her in die Seelen hineindringt, sondern die aus dem innersten Herzen' heraus ihre Strahlen erhellend und leuchtend in die Welt sendet, eins zu werden mit der großen Freude, die heute die Welt durchzittert und nicht mit dem Frühling vergeht. Wenn einst gebleicht die bunten Farben, Wenn längst verdorrt der Maien Grün, Des Lenzes heitre Weisen starben Und seine Blumen nicht mehr blühn: Der Liebe Heitger Geist wird leben u unfern Herzen allezeit. '. oit Himmel ward es uns gegeben, uin Pfingstfest für die Ewigkeit! —i Erich zu Schirfeld. (Nachdruck verboten.) Irühtingsffürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Das Kirchdorf Gill, das nicht mehr als zwei Kilometer vom Sakuthener Dampfsägewerk der Firma Lotz & Pratje entfernt war, bestand aus zwei baumbepflanzten, beim Gasthaus zum Löwen sich kreuzenden Straßen. Beide mündete» anr Wasser bei den Fähren, deren eine über den breiten Karpaßstrom führte und zur Fahrt nach Ußditten benutzt ward, während die andere, die über die Strehme, den Verkehr mit dem Eschenberger Mündungsdelta vermittelte. Doktor Hermann Zupitza war bei Nacht in Gill angekommen. Als sei» Wagen noch mit ein paar anderen Gespannen auf die breite Fähre rollte und die Ueberfahrt über die rauschende Flut des Karpaßstromes im geheimnisvollen Licht der Mondsichel vor sich ging, hatte ihn das Bild dieser weltabgeschiedenen Küste, die nun seine neue Heimat werden sollte, fast fremdländisch angemutet. Er war zwar von Hause aus Altpreuße, die Häuslichkeit seines Vaters, der höherer Postbeamter gewesen war, hatte aber so zahlreiche Wanderungen durchs Reich durchgcmacht, daß ihn sein Heimatsgefühl überhaupt nicht an eine bestimmte Gegend fesselte. Die Fährleute sprachen litauisch, am Ufer des Deltas harrte eine armselig-bunte Gruppe russischer Erntearbeitcr, die die hochbeladenen Heuwagen nach dem Festland bringen wollten, der Ueberfahrt, auf den Flößen hockten die Dschim- ken, halb in ihre- Strohbuden verkrochen, bei de» kleinen Feuern, der klagende Ton einer Harmonika strich übers Wasser, von einem der Flöße klang der melancholische Gesang eines russischen Volksliedes an Zupitzas Ohr. In dem weißen, gespenstischen Licht wirkte das Wasser mit den weit sich hinziehenden Wiesenslächen, auf denen kaum da und dort kümmerliches Wviden- und Grlengebüsch das Ufer eines kleinen Kanals, eines Memelabflüsses oder die Grenze einer Moorvogtet bezeichnete, fast trostlos in seiner Einförmigkeit, seiner Weltverlorenheit. Der einzige Mensch, den er auf dem Giller Delta kannte, der Amtsrichter Krappe, hatte sich zu seinem Empfange nicht einfinden können. Er war aus einer Dienstreise unterwegs. Aber wenigstens hatte er noch vor seiner Abfahrt für das Unterkommen des Freundes so gut als möglich, gesorgt. Frau Hartung, die Nichte Collenbergs, zugleich seine einzige Erbin, überließ dem Ankömmling die bescheidene Häuslichkeit und das kleine Holzgebäude, worin der alte Arzt — seit rund einem Dutzend Jahre als Witwer — gelebt hatte, zu annehmbaren Mietsbedingungen. Doktor Zupitza kam also ohne eigene Anstrengung gleich zu einem kompletten Hausstand. Auch für eine Bedienung hatte die Frau Amtsrichter, die sich in wirtschaftlichen Dingen gern erschöpfte, schon gesorgt. Bei dem Antrittsbesuch, den Zupitza der rundlichen jungen Frau abstattete, versprach sie ihm sogar, daß sie sich in der nächsten Zeit der litauischen Magd noch persönlich annehmen werde. Während der Doktor auf seinen Rundfahrten weilte, kam die Frau Amtsrichter denn auch richtig in Morgenhäubchen und Wtrtschaftsschürze zur Inspektion in die Nachbarküche herübergeflitzt. Das war mehr als ihm eigentlich lieb sein konnte. Als er am zweiten Tag ziemlich spät von seinen Pa- tientenbesuchen zum Mittagessen heimkehrte — das die Magd unter der strengen Oberaufsicht nicht ohne Herz- 303 - gefalteten Hände zu ihm emporgehoben: er solle mir doch um Gottes Barmherzigkeit willen nicht länger Kvmödie Vorspielen . . . Aber unter Barmherzigkeit verstand er Trost, immer dieselbe fromme Heuchelei: man brauche die Hoffnung nicht aufzugeben!" Sie war ein paar Schritte weit durchs Zimmer gegangen. Nach Atem ringend hielt sie nun inne und preßte, die Augen schließend, die Rechte gegen die Stirn. Die Szene war ihm äußerst peinlich. Weichliche Sentimentalität lag nicht in ihm. Hier rührte aber doch etwas an sein Mitgefühl. Plötzlich wandte sie sich nach ihm um. „Als Collenberg starb und als es hieß, daß ein neuer Arzt Herkommen werde, da glaubte ich mich von dem Druck schon halb erlöst. Ich ahnte es: nun ist die Wahrheit unterwegs. Gestern, als ich Sie zum ersten Male sah, fürchtete ich mich freilich. Ja — da fürchtete ich mit einem Male die Wahrheit- Aber nur meines Mannes wegen. Denn in der Nacht, als ich schlaflos dalag und grübelte, wich alle Furcht wieder von mir. Und ich wußte, was ich zu tun hatte: gleich heute, von der Bahn aus zu Ihnen fahren und rücksichtslos mit Ihnen sprechen. Irgend etwas sagte mir: Sie werden Collenberg diese falsche Humanität, die für mich nur eine Folter ist, nicht nachahmen. Ja, ich fühlte es: Sie können nicht lügen!" In wachsender Erregung, voll tiefer, innerer Jtnterl- nahme hatte er zugehört. Mn paarmal w-ollte er sie unter- brechen, sie beschwichtigen — er wußte selbst nicht lvarum und mit welchem Recht — aber sie sprach mit so aufwühlender Leidenschaftlichkeit, daß die konventionellen Entwendungen, zu denen er sich zwingen wollte, versagten. Ihr letztes Wort berührte ihn da wie ein Peitschenschlag. Er merkte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, wie ihn der Trotz packte. „Haben Sie dieses Wort meinem Vorgänger auch schon entgegengehalteu, gnädige Frau?" fragte er, rasch wieder besonnen, gemessen und überlegen. „Ja, einmal. Ein paar Tage vor seinem Tode." „Und was hat er Ihnen erwidert?" Sie zuckte mit dem Kopf, blickte an ihm vorbei ui§ Leere, und ein müdes, verächtliches Lächeln spielte um ihren ernsten Mund. „Er hat mich ausgelacht." Sie ließ die Arme schlaff sinken. „Und damit waren meine Zweifel dann wieder für eine Weile besiegt. Denn — man hofft doch gern. Das ist ja menschlich." Der Ausdruck, mit dem sie die letzten Sätze sprach, war so kindlich und rührend, daß Zupitza seüren Groll rasch wieder vergaß. Mehr und mehr glaubte er die Handlungsweise des Alten, die ihm noch kurz zuvor unfaßbar und unhaltbar vorgekommen war, zu begreifen. (Fortsetzung folgt.) Wkaudereien aus der KckMstM. (Nachdruck verboten.) Der Streik in der Backstube. — Die gute, alte Zeit. — Berliner Einkaufs tag. — Machnow's Nachfrlger, auch ein Wunderkind. Wenn einer ans der guten alten Zeit wieder auserstände und sich die Brote und Brötchen heute in den Berliner Bäckerläden einmal ansähe, ich glaube, er würde unrettbar dem Wahne verfallen, in dieser verNeinerungseffrigen Gegenwart und am Hungertod zu gründe gehen zu müssen. Wie ein Luftballon, der hoch in den Aether steigt und dem nachschauenden Auge kleiner und kleiner, so kommt mir die Berliner Semmel vor und der „Knüppel", jenes beliebteste aller Berliner Weißbrotchen, fuhrt seinen Namen nur durch die grausamste Ironie. Bei diesem rastlosen Streben nach Verniedlichung, das durch btc Gilde der ehrsamen Teigkneter geht, habe ich mir immer eingebildet, cs liege an den Herren Gesellen und ihren unersättlichen Ansprüchen. Aber wie sich jetzt herausstellt, haben die guten Backofenwächter bisher nicht gerade übertriebene Forderungen gestellt. Auf vielen anbereit Gebieten des Erwerbslebens gewährt man in Berlin längst kürzere Arbeitszeit und höhere Lohnbezüae. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann unsere Semraeksormer sich ähnliche Rechte erobern würden. Und man darf es ihnen zum Ruhme nachsagen: sie haben ihren Streik nicht vom Zaune gebrochen, sondern sind erst nach langen Unterhandlungen, die en einzelnen Stellen gleich zum Erfolg führten, in den Ausstand getreten. Heute kann der Streik schon als beinahe erledigt betrachtet werden. Sie haben gesiegt auf der ganzen Linie, wie Japan über Rußland. Das letzte kleine Fähnlein der noch mchesiegten Meister wird wohl oder übel gleichfalls in kurzem die Waffen strecken klopfen zubereitet hatte — stand der Saknthener Wagen vor der Tür. , c ,, , _ Ede Tirsell, der Kutscher, berichtete dem Dockor, daß seine Gnädige im Sprechzimmer auf ihn warte. Heute früh, als er bei Lotz auf Sakuthen war, hatte Zupitza die junge Frau nicht angetroffen. Sie befand sich aus der Fahrt nach Ußditten, um ihre beiden kleinen Feriengäste zur Bahn zu bringen. Bon da war das Gefährt erst vor wenigen Minuten zum Giller Delta zurück- gekehrt. r r , „Ihre biedere Litauerin hat mich schon mit scheelen Blicken gemustert", sagte sie, sich vom Fensterplatz erhebend, als der Doktor eintrat. „Sie hat Ihnen zweifellos ein unvergleichlich schönes Prunkmahl vorzusetzen. Wer ich hab' ihr Mich gelobt, daß ich Sie nur für ein paar Sekunden in Anspruch, nehme." Sie zwang sich zu einem lebhaften, freundlichen Ton. Zupitza merkte ihr aber doch die große innere Erregung an. Er war gleichfalls merkwürdig unsicher. „Sie haben mit meinem Mann gesprochen", fragte sie dann stockend. „Jawohl, gnädige Frau, ich habe eine gründliche Untersuchung vorgenommen. Herr Lotz hat mir auch ausführlich Ausuknft gegeben. Ueber den Sturz damals auf dem Stätteplatz und den Anfang seines Leidens. — Und es stimmt alles vollkommen mit dem überein, was Collenberg darüber in sein Journal" eingetragen hat." Das Letzte hatte er rasch und kurz, beinahe abweisend herausgebracht, als sollte damit jede weitere Erörterung abgeschnitten sein. Mn paar Sekunden lang schwieg sie denn auch. Er sah sie nicht an, Mer er merkte, nein, er fühlte, daß ihr argwöhnischer Blick in ihn dringen, ihn fast durchbohren wollte. „Herr Doktor", unterbrach sie das kurze, peinliche Schweigen plötzlich in flehendem Tone, „ich bin kein Kind mehr, ich muß die Wahrheit hören, auch wenn sie grausam ist, seien Sie also offen gegen mich, ich — ich kann diese Zweifel nicht mehr ertragen!" „Aber ich versichere Ihnen, gnädige Frau —" „Gestern habe ich Sie gebeten, meinen Mann zu schonen. Aber ich selbst — ich kann nicht mehr so wie bisher im Dunkeln tappen, meine Angst immer wieder beschwichtigen. Herr Doktor, diese entsetzliche Ungewißheit, die — die richtet mich, zu Grunde." Dieser Ton ging ihm durch und durch. Als er nach der Untersuchung des Kranken das Saknthener Werk verlassen hatte, war fast etwas wie Groll über die Verheimlichungsmethode Collenbergs in ihm aufgekommen. Die Vorstellung, daß er von nun an selbst dem rettungslos zum Tode Verurteilten mit derselben Lüge, denselben unwissenschaftlichen Trostversuchen gegenübertreten sollte, hatte für ihn etwas Aufreizendes und zugleich Demütigendes gehabt. Er hatte vor allem das Gne nicht begriffen, daß Collenberg nicht wenigstens die nächste Umgebung des Kranken über die wahre Natur seines Leidens aufgeklärt hatte. In dieser Sekunde aber, als die junge Fran ihm mit so ernsten, durchdringenden und verzweiflungsvollen Blicken ins Auge sah, als ob Leben und Tod von seinem Ausspruch abhinge, kam ihm erst die ganze Schwere der Verantwortung, die auf ihm lastete, zum Bewußtsein. Und er fand nun plötzlich doch den Mut nicht, ihr kurz und bündig die Wahrheit einzugestehen. „Warum quälen Sie sich, gnädige Frau? Ich kann Ihnen nur versichern, daß Collenberg alles getan hat, was sich im Interesse des Kranken tun ließ, er hat nichts, nichts versäumt. Und wenn er Ihnen Hoffnung gelassen hat, so war das einfach? r-" er atmete auf — „so war das einfach seine allererste Pflicht als Arzt." Noch immer löste sich ihr Blick nicht aus dem seinen. „Sie wollen sagen — als Menschenfreund. Nicht wahr, das ist es doch? Aber wenn ich mich Ihnen nun offen anvertraue, Herr Doktor, wenn ich Ihnen gestehe: ich habe unter den Zweifeln, die mich seit einiger Zeit nicht mehr los lassen wollen, tausendmal qualvoller gelitten, als wenn Collenberg mir rund heraus die schrofffte Wahrheit gesagt hätte? — Herr Doktor, hier auf derselben Stelle bin ich ihm mehrmals gegenüber gestanden — ich habe mir die Zeit abgestohlen, habe mich heimlich oder unter allerlei versteckten Vorwänden zu ihm geschlichen, immer in der Angst, mein Mann könnte es erfahren und könnte Verdacht schöpfen. Ja, und sehen Sie, das letzte Mal habe ich die — 304 — müssen — und das liebe Publikum wird schließlich wie immer die Zeche bezahlen, wenn es auch Stimmen unter ihnen gibt, die mit optimistischer Sicherheit behaupten, noch kleiner könnten die Schrippen und Knüppelchen nicht mehr werden. Sie werden es demnächst schon merken! Nicht ganz unberechtigt hört es sich übrigens an, was die alten Meister aus ihren Lehr- und Ge- sellcnjahren in diesen bewegten Zeiten zum besten geben. Damals war das, was die Herren Gesellen heute als unerträglich hin- stellcn, gute Zeit. Man plackte sich wirklich anders anno dazumal. Ich beobachtete jüngst einen richtigen kleinen Entrüstungssturm, als in einem der großen Berliner Warenhäuser an einem sehr.geschäftslebeudigen Samstag der Geschäftsschluß nur um eine einzige kleine Viertelstunde hinausgcschoben wurde, sodaß die jungen Herren und Dämchen erst um %9 Uhr in die Paletots schlüpfen konnten. War das ein Seufzen und Stöhnen, heimliches Schimpfen Und zorniges Poltern! Was hätten die Herrschaften wohl vor zwanzig Jahren sagen wollen, als noch kein Ladenbesitzer daran dachte, die Tür vor zehn Uhr zu schließen, wo man an manchen Samstagen noch bis gegen elf überall bereitwillige Hände fand, die einem ohne gekrauste Stirnen und unfreundliche Worte noch schnell alles das vorlegten und einpackten, was man zu haben wünschte! Ueberhaupt läßt der Ton in den Berliner Geschäften oft viel zu wünschen übrig, und der Fremde steht der manchmal zutage tretenden Unkoulanz unangenehm erstaunt gegenüber. Aber es liegt eben zeitiger an unseren Geschäftsinhabern, als am vielfach wechselnden, schlecht geschulten Personal, das mit den buntesten, sich immer mehr steigernden Nebeninteressen dem Publikum gegenübersteht. Wie opferwillig nnsere Kaufleute sind, beweist der tiom Komitee der Berlin-Brandenburger Heilstätten- vereinc arrangierte Einkaufs tag zum besten der Lungenheilstätten zu Belzig. Mehr als 400 Geschäfte, Hotels, Restaurants, Cafes usw. hatten sich bereit erklärt, von ihren Einnahmen am Montag, den 16. Mai, einen Teil jenen Heilstätten zu überweisen. Durch die Presse sowohl, als große Plakate war dieser Einkaufstag und sein Zweck lange vorher bekannt gegeben, sodaß viele Tausende aus billigem Barmherzigkeitsgefühl bestimmte Anschaffungen an diesem Montag besorgten und den Belziger Anstalten auf diesem Wege sicher eine stattliche Summe zur Verfügung gestellt werden, umsomehr als dieser Tag in der Woche vor Pfingsten lag, an dem bekanntlich auf vielen Gebieten ein besonders großer Bedarf zu verzeichnen ist. Man darf das manchem Geschäftsinhaber, der mit den hohen Berliner Spesen rechnen muß, und seine Not hat, glatt durchs Jahr zu kommen, als wirklich hochherzigen Entschluß anrechnen. Denn es wird ihm nicht ganz so leicht, Geld zu verdienen, wie unserem jüngsten Wunderkinde, das in stattlicher Länge von allen Litfaßsäulen grüßt. Es ist das Machnows Nachfolger, der lange Josef, ein 16 Jahre alter Bursche, der schon mit 12 Jahren vom Schulunterricht dispensiert werden mußte, weil in den Bänken der heimatlichen Klippschule teilt richtiger Platz für ihn vorhanden war. Er ist ca. 2,20 Meter hoch, trägt Bubenkleidung, um durch den Kontrast umso länger zu erscheinen, und steht im Passage-Panoptikum zur Schau. Und natürlich gibt es für viele Tausende unter den immer gafflustigen Pflastertretern nichts Interessanteres als so einen wahnsinnig emporgeschossenen Buben zu bewundern. Manch einer nimmt auch so eiuen Extraanlaß wahr, um die etwas ins Hintertreffen geratenen Herrlichkeiten der Wachsfigurenplastik verstohlen dabei in Augenschein zu nehmen. Denn die Zeiten sind vorüber, wo das Panoptikum noch zu den unerläßlichen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt gehörte, und der Spree-Athener lächelt vornehm, wenn sein Provinzbesuch die Absicht äußert, sich dort einmal umzusehen. Deshalb hat auch das Passage-Panoptikum längst den Weg der Umwandlung betreten und sich zu einem richtigen Brettl um ’ gebildet, in dem manchmal sogar die erste Garnitur der Artisten- \ Harde auftritt. Dazu gehört der lange Josef nun freilich nicht, i Aber er bildet doch eine ganz hübsche Anziehungskraft. Jeden- ! falls werden an diesem Wunderkinde die sonst so häufig beobachteten schlimmen Folgen durch Ucberarbeitung nicht zutage treten. Denn der lange Josef hat's nicht nötig, außer seiner respektablen Länge noch sonst etwas zu zeigen. Seine Größe ist seine Größe. Und das genügt vorläufig. Ob er am Ende nicht doch viel bedauernswerter ist, als die geistig über das Mittelmaß emporschießenden Wunderkinder, ist eine andere Frage, mit der wir uns den Pfingstsonnenschein nicht trüben lassen wollen, lieber Leser. Wenn der lange Josef will — er braucht sich am Werivenigsten vor der Arbeit zu fürchten! A. R. Vermachtes. * Die Entgiftung des Tabakrauches. Der Direktor des Berliner Pharmazeutischen Instituts, Professor Thoms, berichtet in der Chemikerzeitung über eine Reihe von interessanten Versuchen zur Entgiftung des Tabakrauches. Um über die Möglichkeit einer Beseitigung der durch den Tabakrauch den Organismus bedrohenden Gefahren ein Urteil zu gewinnen, muß man sich vergegenwärtigen, woraus die Rauchprodukte des Tabaks bestehen. Wenn man von den weniger schädlichen unter diesen Produkten Wicht, so sind es besonders das Nikotin, die Phridinbasen, Michylamine, sowie die Blausäure und Schwefelwasserstoff, ferner ein außerordentlich unangenehm riechendes Brenzöl, und endlich Kohlenoxhd, die als Gifte wirken, wenn sie dem Organismus in größerer Menge zugeführt werden. Das Nikotin ist bereits vorgebildet in dem Tabak enthalten, während die übrigen Produkte meist erst infolge des Rauchens entstehen; sie sind die Produkte einer trockenen Destillation. Um die Schädlichkeiten des Tabakrauches zu beseitigen, hat man versucht, das Nikotin dem Tabak zu entziehen. Hierbei zeigte sich jedoch, daß eine derartige Extraktion dem Tabak außer dem Nikotin auch diejenigen Stoffe nimmt, die das Aroma des Tabaks bedingen und beim Rauchen einen eigenen Genuß gewähren. Professor Thoms hat nun versucht, ein geeignetes Mittel zu finden, um wenigstens einen Teil der giftigen Rauchprodukte abzuscheiden. Denn von einer Gesamtbindung aller schädlichen Stoffe des Rauches kann nie die Rede sein, weil sie einmal zu verschiedenen Klassen chemischer Verbindungen gehören, um mit einem Mittel beseitigt werden zu können, und weil ferner mit ihrer völligen Beseitigung dem Raucher jeder Genuß entzogen würde, würde er doch dann in seinen Zigarren weiter nichts als etwas Wasserdampf und Kohlensäure rauchen. Als Imprägnierungsmittel für das Filter (Watte) können nur solche in Frage kommen, die erstens selbst ungiftig sind, zweitens nicht durch Verdampfen in den Rauch gelangen, drittens das Aroma des Tabakrauches nicht beeinflussen. Ein solches Mittel hat Professor Thoms in der Verwendung von faserigem Material, das mit einer Eisenoxydsalzlösung getränkt ist, gefunden, ,imt> zwar dient am besten mit Eisenchlorid imprägnierte Watte. .Thorns hat beobachtet, daß durch solche Eisenchloridwatte von der Gesamtmenge der Basen des Tabakrauches 77,8 Prozent Nikotin gebunden werden, von Ammoniak wurden sogar 86,1 Prozent gebunden. Weiter konnte der Nachweis erbracht werden, daß beim Hindurchgleiten von Tabakrauch durch Eisenchloridwatte das höchst unangenehm riechende ätherische Brenzöl und Schwefelwasserstoff gebunden, Blausäure zu ungefähr der Hälfte zurückgehalten wird. Durch dieses Thomssche Verfahren wird also die Giftwirkung des Tabakrauchs, wenn auch nicht aufgehoben, so doch möglichst abgeschwächt. Kleine praktische Watschläge. ; Um beim Waschen wollener Strümpfe deren Filzigwerden zu verhüten, empfiehlt es sich, dieselben in nicht zu warmem Wasser mit Hinzufügung von Salmiakgeist zu waschen. Selbstverständlich muß der äußerst flüchtige Salmiakgeist bei der Anwendung vollkommen kräftig und nicht etwa verdunstet sein. —■ Teerflecke aus weißer Wäsche entfernt man dadurch, daß man sie vor der Wäsche mit Weinsäure etwas weichen läßt und dann ausreibt; sie werden ohne dieses sonst nach der Wäsche gelbbraune Spuren hinterlassen. — Steingut und andere Geschirre sollen sehr dauerhaft werden und ihre Glasur sehr halten, wenn man sie im neuen Zustande, noch ehe sie gebraucht werden, in gewöhnlicher, gut geseihter Lauge von Holzasche zwei Stunden lang aussiedet und darin erkalten läßt. — Fleisch schnell weich zu kochen. Man gebe nach dem Abschäumen auf IV2 Kilo Fleisch einen Teelöffel voll Branntwein. Hartes und altes Fleisch wird dadurch wieder zart und gut. Die Velden Dichter. Es waren einmal zwei deutsche Poeten, Die hatten beide nicht Hut noch Frack; Drum schrieb. der eine für alle und jeden, . Im braven, soliden Famiiiengeschmack. Der andere hat sich nach keinem gerichtet, Drum las auch keiner, was er schrieb. Er hat nur selten, sehr selten gedichtet, Nur wenn das Blut ihn dazu trieb. Der eine war zehn Jahre in Mode, Dann hat er sich zur Ruhe gesetzt. Der andere hungerte sich zu Tode. Doch dann, dann wurde er — auch nicht geschätzt. Karl Ettlinger. (Münchener Jugend.). Geheimschrift. (Nachdruck verboten.) | — ? x — +ox ! O + (=) x O x Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kreuzsilbenrätsels in vor. Nr.; Ra be Rabe, Rasen, Rade; Bu sen Bube, Busen, Bude; Ei de Eibe, Eisen, Eide. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Cteindruckerci. R. Lange, Gießen,