Montag den 20. Juni T5KSEÖT~aufe. H.Noii. Glessen.. äKTTiTS irBÄsJie (Nachdruck verboten.) Irüßtingsgürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Sie fühlte sofort heraus, daß Dieter unter dem Besuch schwer gelitten hatte. Er wollte zwar weder klagen, noch anklagen. Aber sie entnahm seinem Ton, seiner ganzen Art, die sich geradezu an sie zu klammern suchte, wie trostlos und verlassen er sich unter seinen Gästen gefühlt hatte. Als sie zögernd, noch immer fchuldbewußt und unsicher, weitersorfchte, gab er ihr es endlich auch zu. Matt wehrte er ihr indessen: „Schuld daran trifft aber niemand als mich selbst. Franze. Ich mußte doch wissen, daß Gamering immer gleich so derbe wird. Ich bin jetzt auch fertig mit ihm. Schließlich hätte ich mir das alles vorher sagen können. Mer ich wollte gerade einmal wieder selbst so — so ein bißchen ausgelassen sein, weißt Du, — so zeigen, daß na ja, mein Gott, daß man noch lebt . . ." Er versuchte ihr zuzulächeln, aber seine Stimme schwankte, es war ein unsagbar trauriger Ausdruck in seine blassen, durchgeistigten Züge getreten. Fränze fühlte ein Würgen in der Kehle, das Herz zog sich ihr zusammen, und sie stammelte in tiefer Erschütterung: „Wie pflichtvergessen ich war, — wie unbarmherzig pflichtvergessen." „Liebste, liebste Fränze!" suchte der Kranke sie zu beschwichtigen, selbst erschrocken über den tiefen Eindruck, den seine Hilflosigkeit aus sie ausübte. .... Wie ein Schemen erschien vor ihrem geistig en. Auge das Bild jener fremden Frau, die sie auf der Herfahrt so greifbar deutlich vor sich gesehen, die sie sprechen gehört hatte, deren leidenschaftliche Forderungen ihr so unantastbar, so zwingend klar erschienen waren. Und für eine Sekunde rauschte und umbrauste sie's: das Meer, der Sturm — und sehnsüchtig sich steigernde, das Blut aufpeitschende, wollüstig trunken machende Harmoniken und melodische Liebesworte voll berauschenden Ueberschwangs. . . Aber im Nu entschwand das wieder, und sie sah klar und nüchtern die trostlose Umgebung, 1— den ohnmächtig der Gnade oder dem Spott der andern preisgegebenen Kranken. Und immer unnatürlicher, immer unbegreiflicher ward ihr der schonungslose Auftrag jener Fremden, die auf ihr heiliges Recht pochen wollte, während sie selbst ihre heilige Pflicht mit Füßen trat. Ein Schwindel hatte sie erfaßt, sie tastete um sich, ein stöhnender Aufschrei kam aus ihrer Brust. Im nächsten Augenblick lag sie auf den Knieen neben Dieters Stuhl, preßte ihr Antlitz in die Decke, die über seine erstorbenen Glieder gebreitet war, und weinte, weinte herzbrechend. Er strich mit seinen zitternden £ in gern in der seltsam zuckenden Bewegung, die sie neuerdings angenommen hatten, über ihr Haar, beschwor sie, sich nicht zu grämen. „Ach Bär!" sagte sie, noch immer schluchzend. „Ach Bär!" „Was ist Dir, Fränze? Geh — ich ängstige mich um Dich. Ist denn das — etwa — bloß meinetwegen? Fränze?" Sie antwortete nicht. Es ging wie ein Schütteln durch fre. Dieters Augen nahmen einen seltsam starren Ausdruck an. Seine Hände hielten inmitten der Bewegung wie in einem plötzlichen Krampfe inne. „Fränze — um Herrgotts willen — sag mir, was Dir ist? Sag' mir doch, was Dir ist?" Gewaltsam suchte sie sich aufzuraffen. Sie fuhr sich über das Antlitz, strich sich übers Haar, dann faßte sie in den Klagen und zog daran, als schwüre der ihr den Hals ein. „Laß nur, laß nur, Bär. Es war bloß so ein Anfall, so ein dummer Anfall. . ." Unsicher erhob sie sich. „Ich bin nämlich draußen gewesen — ja, im Sturm draußen auf dem Wasser. Und — und da im Boot, da packte mich's . . ." „Was denn — was packte Dich, Fränze?" fragte er tonlos. Sie preßte die Arme an sich „Die Furcht, Dieter, 0, die grenzenlose Furcht, Du machst Dir keinen Begriff." „Vor dem Sturm?" „Ja, Dieter, vor dem Sturm, wie er daherkam — und dabei das Klingen, das Rauschen — und alles so groß, so gewaltig, so furchtbar. . ." Sie sprach ohne eigenen Willen, ganz zügellos, es waren nur Empfindungen, die sich in wahllose Worte prägten. Sie hörte selbst voll Staunen, was sie sagte und wie sie die Worte setzte, wie seltsam abgerissen sie sprach Hätte sie ihm nun Mes gebeichtet, so wie es ihr fester Plan gewesen ivar, so wiq siW es unterwegs jene Fremde hatte sagen hören, — sie wäre nicht im stände gewesen, sich Einhalt zu gebieten, so wahnsinnig ihr's davor graute, sich 'zu verraten. Aber unter den prüfenden, angstvoll forschenden Blicken Dieters, die sie noch immer auf sich ruhen fühlte, zwang sie sich dann doch allmählich zur Fassung. Während sie noch sprach, nahm sie sich vor, ihrem Verzweiflungsanfall von kurz zuvor eine ungesuchte, mehr äußerliche Erklärung zu geben. Sie staunte dann selbst, wie leicht ihr die Verstellung gelang. Und ein gewisses Mitleid kam in ihr auf darüber, daß Dieter sich so unschwer täuschen ließ. Sie tummelte sich jetzt geschäftig in der Wirtschaft, räumte die Flaschen und Gläser, Zigarrenkisten und Aschenbecher weg, richtete den Teetisch her, machte auf der Rietet und in der Küche Licht, während sie die Tür zu Dieters Zimmer offen ließ, um beim tzinundhergehen von der Fahrt! — 362 über die Mesen, von Kemeneits und von dem imvroVisierten Dampferausslug übers Haff zu erzählen, ließet' die äußeren Erlebnisse berichtete sie haarklein, wie sie das stets getan, schwärmte auch von den schönen Farben beim Sonnenuntergang, nur daß sie in Zaraningken gelandet waren, das verschwieg sie. Es kam sie mehrmals wie eine große Versuchung an, auch das noch zn-sagen, sie glaubte dann freier zu werden, dann noch mehr die Herrschaft über sich selbst zu finden. Aber eine seltsame Müdigkeit, eine traurige Leere überfiel sie, so oft ihr Bericht daran streifte. Dieter lauschte in tiefer Versunkenheit. Als sie endlich wieder zu ihm kam und ihm den Tee brachte, saß er noch immer regungslos da, vorgebeugten Hauptes. „Du hast ein Stück Gotteswelt gesehen, Fränze", sagte er leise und sinnend, „es hat Dich aufgewühlt, es hat Dich erschüttert in seiner Wucht, seiner Grüße, — und ich hab' hier inzwischen die Krone der Schöpfung zu Gast gehabt, das Ebenbild Gottes, den Menschen, und es hat mich so erniedrigt, Fränze, seinen Egoismus, seinen Reinlichen Skeptizismus — ach, feilt eganze Erbärmlichkeit zu sehen." Fränze ward ein innerliches Frösteln nicht los. „Sprich nicht so — sprich doch nicht so!" flehte sie. Aber ins Auge zu blicken vermochte sie ihm nicht. „Siehst Du, Fränze", suhr er mit gramvollem Ausdruck fort, „von allen Freuden, allen Herrlichkeiten dieser Welt hat mir die Schöpfung ja längst nichts mehr gegönnt. Ich halte mich mit meinen armseligen Händen nur noch an der einen einzigen Hoffnung fest. Dem Glauben an Dich. Der ist mein Lebensinhalt geworden." Er atmete tief und schwer auf. „Ja, Fränze, siehst Du, und d!a gibt's nun Leute, Freunde und getreue Nachbarn — Spaßvögel, die grausamer als Scharfrichter — die mit einem spottenden Wort Zweifel anfachen, einen Verdacht — einen so — entsetzlichen Verdacht. . ." „Dieter!" unterbrach sie ihn schreckhaft, denn er rang plötzlich nach Luft, und die Stimme überschlug ihm. Er wehrte erschöpft ab: „Nun ist's ja vorbei, ist's überwunden. Keine Sorge, keine Sorge, Schatz. Ich hab' von der unbarmherzigen Menge, die da unten im Staube kriecht, endgiltig Abschied genommen. Ich bin aus die Höhe gewandert und hab' mich mrs Kreuz geklammert. Was kann sie einem Einsamen hier oben noch anhaben? Und — lieber Gott — was kann das Leben mir denn rauben, solang Du bei mir bist?" Er sah ihr lange in tiefer Ergriffenheit ins Auge. „Mag die Welt draußen ihr Wesen treiben — Du bist der Burgfriede hier, Fränze, der nichts Niedriges, nichts Häßliches über die Schwelle läßt. Nicht wahr, Fränze? — Fränze, meine Fränze!" Zitternd streckte sie die Hand nach ihm aus. Es war ihr, als ob eine fremde Macht sie dazu zwänge. Als sie feine Lippen auf ihrer Haut fühlte, schloß sie die Augen. Bitterer Gram furchte dabei ihre Züge, unendliches Weh sprach aus ihrem bleichen Antlitz. Aber Dieter sah- es nicht. Er hatte sein Haupt tief und schwer aus ihre schlanke, nervöse Hand niedersinken lassen. Er weinte. * Tirsell war nicht zu erwecken gewesen. Sie brachte den Kranken also selbst zu Bett. Allein Dieter lag dann noch stundenlang wach. Die Extravaganzen, die Aufregungen der letzten Tage rächten sich; er ward von quälenden Schmerzen heimgesucht. Um Mitternacht bat er sie um die Tropfen, die ihm der Arzt verschrieben hatte. Sie enthielten Morphium und sollten nur selten und in besonders schwierigen Fällen gegeben werden. Der Kranke gestand ihr aber endlich, daß er sich schon seit Wochen derart daran gewöhnt hatte, daß er ohne sie überhaupt nicht mehr einschlief. Tirsell hatte ihr das bisher verschwiegen gehabt. Sie blieb bis gegen ein Uhr neben Dieters Bett. Er hielt ihre Hand krampfhaft in der seinen. An dem allmählich ermattenden Druck fühlte sie, daß das Opiat seine Wirkung tat. Als feine Atemzüge langsamer und leiser wurden, verließ sie das Zimmer unhörbar. In ihrer kleinen Giebelstube oben war's kalt. Sie zündete alle Lampen an, dann trat sie nebenan an Saschas Bett. Der Kleine schlief seinen festen, gesunden Kinderschlaf. Lange stand sie da in schwermütigen Gedanken. An den Fensterscheiben rüttelte der Wind, man hörte von Zeit zu Zeit vom Kesselhaus und Heizraum her, wo mit Mitternacht die erste Montagschicht einsetzte, das Klappern der eisernen Türen, zuweilen auch das Schüren in der Glut mit dem mächtigen Haken. Ruhelos wanderte sie durch die beiden Räume, bis der Glockenschlag der Uhr, der die zweite Morgenstunde verkündete, sie aufschreckte. Nun ließ sie sich müde und fröstelnd an ihren kleinen Schreibtisch nieder, zog einen Briefbogen hervor, stützte das Haupt auf und starrte auf das leere Blatt — voller Furcht vor der Aufgabe, die jetzt ihrer harrte. „ . . . Nein, nein, Hermann, Deine arme, dürftige schwache Fränze hat nun doch nicht den Mut gehabt, vom Schicksal ihr Glück zu fordern. Sie hat den Mut nicht zur Grausamkeit — vielleicht auch nicht die Größe, die dazu gehört . . ." 10. Kapitel. Als sich an diesem Morgen Patienten in Zupitzas Wartezimmer einstellten, mußte ihnen die litauische Magd die Mitteilung machen, daß keine Sprechstunde stattfinde. Ihr Herr hatte in aller Frühe durch einen Jungen vom Saku- thener Sägewerk einen Brief bekommen, bald darauf war er weggegangen. Hinterlassen hatte er nicht, wann er zurückkäme, auch nicht gesagt, wohin er ginge. Auf dem Lötzschen Werk war er nicht, das erfuhr die Amtsrichtersfrau, die interessiert herübergekommen war, auf eine telephonische Anfrage. Stundenlang warteten die paar Bauersfrauen, die von weither gekommen waren, vergeblich. Erst gegen Mittag traten sie dann seufzend den Heimweg wieder an. Zupitza hatte sich in seiner ersten Verzweiflung und Fassungslosigkeit, in die ihn Fränzes Brief versetzte, sofort auf den Weg nach Sakuthen gemacht. Aber er war nicht ins Haus eingetreten, er traf Fränz« draußen auf dem Stätteplatz am Wasser bei den Arbeitern. Der Wind blies über den Strom und trieb die zerfetzten Wolken am Himmel hin, das Licht war weiß und scharf, die Luft klar und kalt. Keiner von den Arbeitern auf dem Hofe, die um sie her ihren Geschäften nachgingen, hatte eine Ahnung davon, wie furchtbar die beiden miteinander rangen, wie sie an ihren Herzen rissen, — daß es auf Tod und Leben ging zwischen ihnen! Zupitza wollte an den Ernst dieses Abschieds nicht glauben. Aber aus ihren Worten klang es wie inbrünstiges Flehen — und zugleich so fest und ernst, ja drohend, als ob sie ihm ein feierliches Gelübde ablegte: sie müsse, müsse, müsse, an Dieters Seite bleiben, müsse seine Pflegerin, sein Weib, seine Freundin und seine Gefährtin bleiben, bis die Natur selber sich seiner erbarmte. (Fortsetzung folgt.) Are Kötter des Krieges. Von M. Maeterlinck. Autorisierte Uebersetzung von Fr. von Oppeln-BroniwusU. Die schreckliche Tragödie, die fern von uns am andern Weltende begonnen hat, bereitet uns mehr als ein Erstaunen. Zum erstenmale seit dem Anfänge der Geschichte erscheinen auf dem Schlachtfelde völlig neue Kräfte, die endlich gereist an das Licht treten aus dem Schatten Jahrhunderte langer Versuche und Vorbereitungen und nun statt der Menschen den Kampf führen. Bis auf diesen letzten Krieg (vom Burenkriege spreche ich nicht, er war unvollständig und zu ungleich) waren sie nur auf halben Wege erschienen, sie hielten sich abseits und wirkten nur von fern. Sie zögerten, sich ganz zu offenbaren, und es bestand immer noch ein Band zwischen ihrem ungewohnten Eingreifen und dem unserer Hände. Das Gewehr schoß nicht weiter, als unser Auge sah, und die zerstörende Wirkung des mörderischesten Geschützes, des furchtbarsten Sprengstoffes behielt menschliche Proportionen. Heute sind wir überflügelt, sind wir endgiltig abgedankt; unser Reich ist zu Ende, und wir find den ungeheuren und rätselhaften Gewalten, die wir zu Hilfe zu rufen wagten, gleich Sandkörnern preisgegeben. * Freilich war der Anteil der Menschen am Ausgange des Kampfes nie sehr groß und entscheidend. Schon in den Tagen Homers mischten sich die Olympischen Götter auf dem Schlachtfelde vor Troja unter die Sterblichen und lenkten, schützten oder schreckten die Krieger, während sie selbst, in eine Stlber- wolke gehüllt, fast unsichtbar, aber desto einflußreicher blieben. ^Aber. diele Götter waren noch wenig mächtig und geheimnisvoll. — 363 — Wenn ihr Eingreifen auch übermenschlich schien, so spiegelte es doch nur die menschliche Gestalt und Psychologie wieder. Ihre Geheimnisse bewegten sich in der Bahn unserer engen Geheimnisse. Sie entstiegen dem Himmel unserer Vernunft, sie besaßen Leidenschaften, unsere Gebrechen, unsere Gedanken, und zwar kaum etwas gerechter, höher und reiner. In dem Maße, wie der Mensch in der Zeit fortschreitet und die Illusion hinter sich läßt, wie sein Bewußtsein zunimmt und die Welt sich entschleiert, werden auch die Götter, die ihn begleiten, größer, aber auch ferner, undeutlicher, aber unwiderstehlicher. Je mehr er lernt und begrMt, desto mehr überschwemmt die Flut des Unbekannten seine Menschenwelt. Je besser organisiert und je größer die Heere werden, je mehr sich die Waffen vervollkommnen, je mehr die Wissenschaft im Unterjochen fortschreitet desto mehr gehorcht es jener Gruppe von nnenträtselbaren Gesetzen, die man Glück, Zufall, Schicksal nennt. Man lese einmal bei Tolstoi die prächtige Schilderung der Schlacht von Borodino oder der Schlacht an der Moskwa, nach jenem Musterbeispiel der großen napoleonischen Schlachten, das den Eindruck völliger Wahrhaftigkeit macht. Die beiden Führer, Kntusoff und Napoleon, stehen dem eigentlichen Kampfe so fern, daß sie von ihm nur nichtssagende Episoden gewahren können und von dem, was eigentlich vorgeht, so gut wie nichts wissen. Kutusoff ist als Slawe überzeugter Fatalist; er hat den Glauben an die „Macht der Dinge". Dick, einäugig, schläfrig, wie er ist, liegt er auf einer mit einem Teppich bedeckten Bank und harrt des Ausganges der Schlacht, ohne einen Befehl zu geben; es genügt ihm, zu dem, was man ihm vorschlägt, ja oder nein zu sagen. Napoleon dagegen schmeichelt sich, die Ereignisse, die er nicht einmal sieht, zu lenken. Am Vorabend hat er den Schlachtbefehl diktiert; aber schon seine ersten Anordnungen werden infolge jener „Macht der Dinge", der sich Kutusoff überläßt, nicht ausgeführt und können es auch nicht. Trotzdem bleibt er dem imaginären Plane treu, den die Wirklichkeit völlig nmgewvrfen hat, und glaubt Befehle zu geben, während er, da er zu spät kommt, doch nur die Befehle des Zufalls aussührt, die seinen verstörten und toll gemachten Adjutanten überall vorauseilen. Und die Schlacht geht ihren von der Natur vorgezeichneten Gang, wie ein dahinströmender Fluß, der das Geschrei der an seinen Ufern stehenden Menschen nicht achtet. Trotzdem ist Napoleon von allen Feldherren unserer letzten Kriege der einzige, der wenigstens den Schein eines, menschlichen Schlachtenlenkers wahrt. Die fremden Gewalten, die seinen Truppen beistandeNr und bereits über sie hinauswuchsen, steckten noch in den Kinderschuhen. Doch was würde er heute tun? Würde .e§ ihm gelingen, auch nur ein Hundertstel des Einflusses auszuüben, den er damals auf das Los der Schlachten hatte? Heute sind die Kinder des Mysteriums erwachsen, und neue Götter herrschen über unsere Bataillone, treiben unsere Schwadronen vor oder sprengen sie auseinander, brechen unsere Schützenlinien, lassen unsere Festungen wanken und bohren unsere Schiffe in den Grund. Sie haben nicht mehr Menschengestalt, sie tauchen aus dem ursprünglichen Chaos hervor, sie kommen von weiter her als ihre Vorgänger, und alle ihre Macht, ihre Gesetze und Absichten liegen außerhalb unserer Lebenskreise und jenseits unserer Verstandessphäre in einer völlig verschlossenen Welt, welche die größte Feindin der Geschicke unserer Art ist: der gestaltlosen und brutalen Welt der trägen Materie. Und diesen blinden und furchtbaren Unbekannten, die nichts mit uns gemein haben, die Anregungen und Befehlen gehorchen, welche ebenso unbekannt sind, wie die, welche die in fabelhaftester Ferne schwebenden Gestirne lenken, diesen undurchdringlichen und unwiderstehlichen Kräften überlassen wir die Sorge, das zu lösen, was den höchsten Fähigkeiten der Lebensform, die wir allein auf Erden bekleiden, am ausschließlichsten und eigentlichsten zusteht. Diese unklassifizierbaren Ungeheuer betrauen wir mit der fast göttlichen Ausgabe, als Vollstreckerinnen unserer Vernunft zu werken und den Ausschlag zu geben, was gerecht und ungerecht sei... Welchen Gewalten haben wir also unsere eigentlich mensch- lichen Privilegien übergeben? — Ich denke mir manchmal, wie es wohl wäre, wenn jemand die Gabe hätte, alles zu durchschauen, was um uns vorgeht, alles, wovon das Licht bevölkert ist, in dem unsere Augen sich baden und das wir für durchsichtig und leer halten, wie ein Blinder, die Finsternis, die seine Stirn umgibt, für leer halten würde, wenn andere Sinne ihn nicht eines Besseren belehrten. Gesetzt, unser Ange durchdränge einmal das Spiegelglas dieser gläsernen Kugel, in der wir leben, und die uns immer nur unser eigenes Antlitz, unsere eigenen Gebärden und Gedanken widerspiegelt. Gesetzt, wir durchdrängen eines Tages all die Scheinbarkeiten, die uns einkerkern, wir blickten durch bis zu den wesentlichen Wirklichkeiten, und das Unsichtbare, das uns von allen Seiten umgibt, niederschlägt, wieder aufricytet, vorwärts treibt, stillstehen oder zurückweichen heißt, enthülle mit einemmal die ungeheuren, schrecklichen und unbegreiflichen Gestalten, welche die Naturgesetze und Phänomene, deren gebrechliche Spielzeuge wir sind, irgendwo in einem Winkel des Weltenraumes annehmen müssen. Man sage nicht, das wäre nur der Traum eines Dichterhirns! Jetzt befinden wir uns im Traume, in dem winzigen Traume der menschlichen Illusion, jetzt, wo wir uns einreden, daß diese Gesetze weder Antlitz noch Gestalt haben, jetzt, wo wir ihren allmächtigen und unermüdlichen Einfluß so leicht vergessen. Dann aber würden wir in die ewige Wahrheit des Lebens eintoten, des grenzenlosen Lebens, in dem unser Leben schwebt. Welch niederschmetternder Anblick würde das sein, und welche Offenbarung, die alle menschliche Energie in der Tiefe ihrer Nichtigkeil mit Entsetzen schlüge und lähmte! So würde man z. B. unter manchen anderen illusorischen Triumphen unserer Blindheit die zwei Motten sehen, die sich zum Kampfe rüsten! Ein paar Tausend Menschen, die im Verhältnis zu den eingesetzten Kräften so verschwindend wenig und so ohnmächtig sind, wie eine Fingerspitze voll Ameisen in einem jungfräulichen Walde, einige tausend Menschen schmeicheln sich, zu Nutz und Frommen einer dem Weltall unbekannten Idee die unberechenbarsten und gefährlichsten feiner Gesetze zu unterjochen und zu benutzen. Man versuche einmal, jedem dieser Gesetze eine Gestalt und Physiognomie zu geben, die seiner Macht und seinen Funktionen angemessen ist. Um nicht gleich am Unmöglichen und Unvorstellbaren Schiftbruch zu erleiden, lasse man die tiefsten und gewaltigsten, wenn man sie fürchtet, einmal außer acht, zum Beispiel die Gesetze der Schwerkraft, welcher die Schiffe gehorchen und das Meer, das sie trägt, und das Land, das die Meere trägt, und alle Planeten, welche die Erde in der Schwebe halten. Man müßte die Elemente, aus denen sie besteht, in solcher Ferne, in solchen Unendlichkeiten und Einsamkeiten, weit hinaus über so und so viele Gestirne suchen, daß das Weltall selbst nicht genügen würde, um ihr eine Maske zu leihen, noch irgend ein Traum, um ihr eine annehmbare Gestalt zu geben. Nehmen wir also vorlieb mit den begrenztesten, — wenn anders es solche gibt, die Grenzen haben —, mit denen die uns am nächsten stehen, — wenn es solche gibt, die uns nahe stehen. Beschränken wir uns einstweilen auf die, welche die Schiffe in ihren Flanken tragen, die wir für besonders folgsam und für das Werk unserer Hände halten. Welches UngeheueranÜitz, welchen Riesenschatten leihen wir wohl — um nur von ihr zu sprechen — der Kraft der Sprengstoffe, dieser letzten unter den neuen Göttern, die alle früheren Götter im Tempel des Krieges entthront haben? Woher, aus welchen Tiefen, aus welchen unerforschten Abgründen kommen diese Dämonen, die bisher nie das Tageslicht erblickt hatten? Welcher Familie des Schreckens, welchem unverhofften Schoße von Mysterien sind sie entsprossen? Melinit, Dynamit, Panklastit, Kordit und Roburit, Lyddit und Balistit, — lauter unbeschreibliche Gespenster, neben denen das alte Schwarzpulver, der Schrecken unserer Väter, ja selbst der Blitzstrahl, der für uns die tragischeste Gebärde des göttlichen Zornes bedeutete, wie gute, etwas schwatzhafte Weiber dastehen, die zwar ein loses Handgelenk haben, im übrigen aber fast harmlos und mMerlich sind, — noch hat niemand das oberflächlichste Eurer zahllosen Geheimnisse gestreift, und der Chemiker, der Euch tnt Schlaf zusammensetzt, wie der Ingenieur oder Artillerist, die Euch erwecken, leben in gleich tiefer Unkenntnis über Eure Natur, Euren Ursprung, Eure Seele, die Triebfedern Eurer unberechenbaren Explosionen und die ewigen Gesetze, denen Ihr plötzlich gehorcht. Seid Ihr die Empörung der seit unvordenklichen Zeiten gefesselten Naturkräfte oder die blitzende Verklärung des Todes, die fürchterliche Heiterkeit des sich schüttelnden Nichts, ein Ausbruch des Hasses, oder ein Ueberschwang der, Freude? Seid Ihr eine neue Lebensform, deren Glut die geduldige Arbeit von zwei Jahrtausenden in einer Sekunde verbraucht? Seid Ihr ein Blitz des Weltenrätsels, der in den Gesetzen des Scywel- gens, die es ersticken, einen Spalt fand? Seid Ihr ein verwegener Vorschuß an Kraft aus der Energiequelle, bie unsere Erde int Weltenraume hält? Vereinigt Ihr in einein Augenblick und zu einem unvergleichlichen Sprung nach einem neuen Scyick- sal alles, was sich im Geheimnis der Felsen, der Meere und Gebirge vorbereitet, bildet und anhäuft? Seid Ihr Stoff oder Kraft oder ein dritter, noch namenloser Zustand des Lebens ? Woher nehmt Ihr die Kraft zu Eurem Zerstörungswerk, wo setzt Ihr den Hebel an, der einen Kontinent spaltet, und woher stammt Eure Kraftleistung, die bis über die Zone der Gestirne hinaus wirken kann, denen die Erde, Eure Mutter, ihren Willen fühlbar macht? v r r, cc. Auf alle diese Fragen wird der Gelehrte, der Euch erschafft, einfach antworten: „Eure Kraft resultiert aus der plötzlichen Entwickelung einer großen Gasmenge in einem zu engen Raume, als daß sie unter dem einfachen Luftdruck beisammenbltebe. Damit ist sicherlich alles beantwortet und alles eryart. Wir sehen bis auf den Grund der Wahrheit und wissen fortan, wie in allen Dingen, woran wir uns ;n halten haben. . . Künftige Wirkung des AadfaHrens Sei Magenkeiden. Von Dr. .Hans Fröhlich. (Nachdruck verboten.) Einstimmig wird von allen Radfahrern die hervorragend appetitsteigernde Wirkung dieses Sportes gerühmt. Eine wahre Freude ist es, einem Stahlroßreiter nach mäßiger, nicht über- — 864 — anstrengender Fahrt beim Essen zuzuschauen, wie er schmunzelnd ganze Berge von Speisen vertilgt. Diese mächtige Anregung des Appetites ist die Folge der Bewegung und Muskelarbeit in frischer Luft. Körperliche Arbeit macht Hunger, denn wir verdauen nicht nur mit dem Magen, sondern gewissermaßen mit Armen und Beinen. Durch das Treten der Maschine und die dadurch bewirkte abwechselnde Anspannung und Erschlaffung der Bauchmuskeln findet aber auch eine Unterleibsmassage ersten Ranges statt, Magen und Darm wird außerordentlich in seiner Tätigkeit angeregt, die Verdauung gewaltig befördert, der ganze Stoffwechsel beschleunigt: Und rascher kreist in den Adern das Blut, Es stählt sich der Körper, es wächst der Mut! Hierzu kommt die anhaltende Erschütterung des gesamten Organismus, welche eine milde Art von Vibrationsmassage darstellt und beim Ritter vom Pedal doch nicht so stark erschütternd wirkt wie beim Ritter zu Pferde. Aber nicht nur bei Gesunden steigert sich nach Radansflügen ausnahmslos das Nahrungsbedürfnis, sondern auch Magenleidende erfahren eine wesentliche Aufbesserung ihres darniederliegenden Appetites. Daher ist das Radfahren in allererster Reihe jenen Tausenden zu empfehlen, welche durch ihren Beruf an eine sitzende Lebensweise gebunden sind und infolgedessen an Appetitlosigkeit oder schlechter Verdauung und deren Übeln Folgen leiden. Ungezählte blasse, empfindliche und verdüsterte Stubenhocker gewinnen nach Erlernung des Radfahrsports ein frisches heiteres Aussehen und guten Appetit; sie können dann gar nicht genug rühmen, welche Erlösung von ständiger Pein ihnen die Stahlmaschine gebracht hat, und lernen an ihrer ge-, steigerten Lebens- und Arbeitslust die Wahrheit kennen: Soll geisüges Leben wohl gedeihen. Muß der Leib ihm Kraft verleihen! Unendlichen Nutzen bewirkt das Radfahren ganz besonders bei nervösen Verdauungsstörungen, zumal wenn damit verbunden ist Neurasthenie oder Hysterie oder Blutarmut. Es ist eine bekannte Tatsache, daß bei den meisten bleichsüchtigen jungen Mädchen der Appetit schleckt nnd die Verdauung höchst unregelmäßig ist, die Tätigkeit der Unterleibsorgane sehr darnieder- liegt, und was derlei Beschwerden mehr sind. Hier gerade beweist seit Jahrzehnten der überaus günstige praktische Erfolg den großen Heilwert des Radfahrens. Selbst schwerer neroöse Foriu u von Appetitlosigkeit mit fast unüberwindlicher Abneigung nnd Furcht vor der Nahrung haben dadurch Heilung gefunden. '.'.i.’ häufigsten Magenleiden sind entschieden diejenigen, welche durch Tiätfehler hervorgerufen werden, sei es, daß man von einer einzelnen schwer verdaulichen Speise zu viel genießt oder überhaupt den Tafelfreuden zu sehr huldigt. Zur Beseitigung dieser „Magenverstimmungen" wende man nicht allerlei scharfe und saure Delikatessen und starke Getränke an, sondern lasse den überangestrengten Magen hungern und mache einen Rad- ansflug in mäßigem Tempo. Ganz wunderbar schnell werden daun die lästigen Erscheinungen weichen. Dasselbe gilt für Magenkatarrh jeder Art, wofern er nicht als Begleiterscheinung schwerer organischer Grundleiden auftritt. Auch auf diejenigen Magenleiden, welche beim „herrlichen" Geschlecht so zahlreich sind infolge zu großer Huldigung von Bacchus und Gambrinus, hat der Radfahrsport höchst segensreiche Wirkung.' Da schwinden alsbald alle Jammergefühle und Seekrankheitssymptome und machen einer wohligen, von allem Unbehagen befreiten Verfassung Platz, welche durch den allmählich ins großartige vermehrten Appetit sich bis zu einer nie gekannten Gesundheitsfreudigkeit steigert. Ein gleich günstiger Einfluß zeigt sich auch bei der vielverbreiteten sogenannten „Magenschwäche", mit welcher fast nach jeder Nahrungsaufnahme Sodbrennen, Druck- und Vollgefühl, Ausstößen, Brechreiz verbunden sind. Fühlt sich nun der magenkranke Radfahrer endlich von seinen Beschwerden befreit und ist der Appetit neu erwacht, so muß er doch noch längere Zeit die früheren Diätvorschriften einhalten. Namentlich darf er nicht nach einem Ausfluge an der verlockenden Tafel im Essen und Trinken darauf lossündigen. Ferner muß er dafür sorgen, daß die Verdauungsorgane beim Fahren nicht beengt oder gedrückt werden durch enge Gürtel, festes Schnüren oder — was sehr wichtig — durch gebückte kruimne Haltung. Einen großen Fehler begehen manche Magenleidende dadurch, daß sie nach dem Grundsätze „viel hilft viel" gleich von Anfang an zu schnell und zu lange fahren, in der Hoffnung, auf diese Weise einen größeren Appetit hervorzurufen nnd ihre Beschwerden schneller loszuwerden. Eine solche Kur rst aber ganz falsch und direkt schädlich, da Ueberanstrengung den Appetit gerade vermindert und den Körper schwächt. Im Anfang soll nur s hr mäßig und langsani geradelt werden. Einen Kilometer lege man nie schneller als in 5 Minnten zurück und durchfahre den Tag über höchstens 40 Kilometer. Den besten gleichsam experimentellen Beweis für die heilsame Wirkung des Radfahrens bei Magenkrankheiten bildet die bekannte Tatsache, daß im Winter, in der „radfahrlosen" Zeit, bei vielen Rückfälle ihrer Leiden sich einstellen nnd erst mit den tru Frühling wieder aufgenommenen Radtouren abermals schwinden. Daher muß man diese ungünstige Wirknng der schlechten Jahreszeit mildern, inbem man jeden schönen Wintertag ausnutzt und auch sonst fein Stahlroß regelmäßig in gedeckten Fahrbahnen tummelt, die es ja in dielen Städten gibt. Im Sommer aber fleißig hinaus in die herrliche Natur! Namentlich die ersten Morgenstunden sind von heilkräftiger Wirkung auf Körper und Gemüt! Das wonnige Gesundungs- Gefühl, das sich dann einstellt und alle Glieder durchströmt, rst unbeschreiblich. Darum rafft euch auf alle, die ihr magenkrank seid! Auf's Rad und hinaus zur allheilenden Mutter Natur! vermischtes. *Jch willdir zeigen, was eine Harke ist. Diese Redensart, die bekanntlich bedeutet: ich will dir etwas gehörig, in handgreiflicher Weise klar machen, wird auf die Erzählung von einem Bauerrrsohne zurückgeführt, der, nach langem Aufenthalt in der Fremde Heimgekehrt, verächtlich auf die väterliche Wirtschaft herabsieht und vorgibt, nicht einmal mehr zu wissen, was eine Harke ist. Als er jedoch aus Versehen auf die Zähne einer Harke tritt und ihm dabei deren Stiel ins Gesicht schlägt, vergißt er alle städtische Bildung und ruft aus: Au, du verdammte Harke! Dem entspricht die Wendung „er kennt die Harke nicht" von einem der so tut, als fei er in der Heimat fremd geworden und als verstehe er seine Muttersprache nicht mehr, ein Ausdruck, der besonders in Holstein in der Form „He kennt de Hark nig" üblich ist. Friedrich von Hoffs hat die Geschichte von dem Bauernsohn in folgende launige Verse gebracht: Der Rechen. Der Stoffel war drei Vierteljahr Im Franzenland gewesen. Das Deutsche halt' er schier verlernt, Er könnt' es kaum noch lesen. Er trat ins Zimmer mit bon jour Statt mit dem guten Tage. „Comment — wie sagt man gleich auf deutsch?" War seine dritte Frage. Bei Tisch begrüßt' er Pommes de terre ES Wie mundeten sie Stoffeln! „Comment? Wenn ich nicht irre bin,. Sagt man auf deutsch: Kartoffeln." Nach Tische ging er in den Hof. Ta lag ein "neuer Rechen; Ter mochte mit dem blanken Stiel Ihm in die Augen stechen. „Comment?" Er zeigte mit dem Fuß lind trat aufs untere Ende; Der Rechen richtet sich empor .•= O unverhoffte Wende! Ein derber Schlag auf Naf und Maul Lehrt plötzlich deutsch ihn schrecken. Er greift nach seinem Kopf und schreit: „I du verdammter Rechen!" Rösselsprung. (Nachbildung verboten.) Auflösung in nächster Nummer. lau aus er dein west und se tet bläst re gel die so manns steu recht fahr unb nur und gel es setz halt see tröst zu das ge ost fest ob Auflösung der Charade in vor. Nr.r Bergmann. Redaktion: 8(uauft Götz. — NotaUcnstrnck und T erlag der Brühl'schen Umrersitats-Buch- und Etciudruckerei. N. Lanae. Gießern