Ireitag deu LV. War M; KE «SN WWW (Nachdruck verboten.) Irühtingsstürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Frau Fränze zählte neunundzwanzig Jahre. Sie war schon vierundzwanzig gewesen, als sie heiratete. Als sie mit ihrem um nur sechs Jahre älteren Gatten die schmale Treppe vom Standesamt zu Marienburg hinabschritt, hatte sie in ihrer drolligen Art gesagt: „Siehst Du, Bär, das ist hier doch ein ganz famoser Jungbrunnen; als altes Mädel steigt man hinein, und als jüngste Frau von Ostpreußen kommt man heraus." Sie hatte sich äußerlich seit der Hochzeit kaum verändert. Von einer Fehlgeburt im ersten Jahre ihrer Ehe, woran ein unglückliches Ausgleiten aus dem Eise schuld war, hatte sie sich rasch wieder erholt. Sie war schlank und hoch gewachsen, als Tochter eines Militärarztes von Kindheit an auf Abhärtung und körperliche Tätigkeit bedacht, sie stand jetzt in der vollen Reise ihrer eigentlichen Jugend. Eine regelmäßige Schönheit war sie nicht, ihre Nase war schmal, aber nicht klein, es fehlte die Weichheit der Mundlinie, das weibliche Oval des Kinns. Ihr Teint war brünett; da sie ihn weder gegen die Sonne noch gegen die scharfe Luft am Wasser zu schützen pflegte, wirkte er gegenwärtig fast rauh. Vor allem waren es die klaren, großen, lichtblauen Augen, die ihrem Antlitz die Bedeutung ' gaben. Ihre Bräuen waren dicht und dunkel wie ihre Wimpern. Sie trug eine moderne, aber schlichte Frisur: das dunkle Haar in der Mitte gescheitelt und in breiten, gelockten Bandeaux zu beiden Seiten zurückgenommen. Der Haarknoten saß tief, fast im Nacken. Wenn der Wind ihr das Haar ein wenig zerzaust hatte, wie eben jetzt, wirkte ihre Frisur am hübschesten. Der Fremde hatte den Wagen verlassen. Ede Tirfel, der Kutscher des Hauses Lotz, meldete gerade, daß der gnädige Herr bitten lasse. „Herr Doktor Zupitza?" fragte die junge Frau, rasch um den Wagen herumkommend. Der Ankömmling, ein schlanker, sehniger, allem Anschein nach sehr lebhafter und energischer Herr, verbeugte sich kurz und abwartend, da er nicht wußte, ob er die Frau oder die Tochter vom Hause vor sich hatte. A(ls sie die Gartentür öffnete, sagte er: „Ich muß die Herrschaften um Nachsicht bitten, die Wege sind so weit, es ist später geworden als ich dachte." „Wir sind nicht förmlich, Herr Doktor. Treten Sie, bitte, ein. Ihr Kutscher fährt inzwischen ums Haus herum nach der Küche. Dort bekommt er seinen Grog, das ist er so gewohnt. Was, Rogaller?" „Ei sicher, Frau Lotz, allemal", sagte der Kutscher schmunzelnd. Er hatte die Tour zweifellos mit Absicht so eingerichtet, daß man auf dem Dampfsägewerk erst um Feierabend herum eintraf. So hatte es der alte Collen« berg ja auch immer gehalten. „Sie haben also schon eine große Fahrt hinter sich/ Herr Doktor?" fragte sie, während sie mit ihm durch deck Garten schritt. Er berichtete in flottem, ungezwungenem, aber seltsam abgerissenen Tone, wo er gewesen. Die litauischen oder kurischen Namen der kleinen Ortschaften wußte er noch nicht, recht auszusprechen, sie verbesserte ihn daher ein paarmal^ Als man außer Hörweite der Leute war, wairdte Frack Fränze, plötzlich den Schritt verlangsamend, ihrem Be-1 gleiter das Gesicht zu. „Sie wissen, daß mein Mann ein schwerer Patient tft ?"- sagte sie gedämpft. „Ich habe das Journal von Doktor Collenberg in deck beiden Tagen leider nur ganz flüchtig durchsehen können^ gnädige Frau." „Dann bitte ich Sie herzlich um eines, Herr Doktorr sprechen Sie heute noch nicht über seine Krankheit." Etwas verwirrt sah der junge Arzt sie an. „Wieso *— nicht über die Krankheit, gnädige Frau? Eigens deshalb' erlaubte ich mir doch . . ." „Ich wollte heute abend an Sie schreiben, um Sie vorher zu orientieren, Herr Doktor. Ihr Vorgänger war nämlich sehr befreundet mit meinem Mann. Da sagte er ihm so manches, vielleicht — so bloß zur Schonung. Wer das ist nun gewissermaßen Rettungsanker für meineck Mann geworden und es könnte zu Verwicklungen führen. Ich kann Ihnen das nicht so in der Eile erklären." Doktor Zupitza war stehen geblieben. „Dann komme ich also ungelegen?" Sie streckte in ihrer impulsiven Art hastig die Hand nach ihm aus. „Nein, bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie meinen Mann begrüßen wollten. Nur. . . Und jetzt erwartet er Sie ja auch schon — da würde es ihn am Ende, gar mißtrauisch machen, wenn Sie umkehren wollten." Ihm etwas flotter vorangehend, gewann sie die Ve^ randa, wo sie das Cape abwarf. „Ich bringe Dir Besuch, Bär. Herr Doktor Zupitza macht uns seine Aufwartung. Du weißt, der neue Herr Doktor aus Gill." Sie berichtete ihm gleich lebhaft über die Route, die der Ankömmling genommen. Durch seinen fragenden Einwurf schloß sie: „Rogaller hat bereits seine Anweisung auf den üblichen Grog. Er hat übrigens den Grauschimmel mit dem Fuchs zusammengespannt, was eigentlich keinen! Grog verdient." „Nehmen Sie, bitte, Platz, Herr Doktor!" sagte Lotz. „Da — auf dem Ledersessel hat der alte Collenberg auch, immer gesessen. Wenns Ihnen nicht nnangenehm ist. Wir sind hier nämlich ein bißchen konservativ. Das macht sich so üt der Einsamkeit ganz von alleine. Collenberg sagte es auch Immer: Ihr Litauer seid ein zu bockbeiniges G» — 298 — sindel. Dabei bin ich aber gar keiner, bloß meine Frau ist's großmütterlicherseits. Ja, das kann sie aber nicht vertragen, wenn mau's mal festnagelt." Frau Franze lachte. „Schweig bloß damit, Bär. Wenn wir uns sofort zanken, kaum daß der Herr Doktor ins Zimmer getreten ist, bekommt er einen schönen Begriff von uns — das Gerüst eines furchtbaren Ehedramas baut sich vor seinen Augen auf!" setzte sie in parodistischem Uebermut hinzu. Endlich kam dann ein regelrechtes Gespräch in Gang. Lotz erzählte vom alten Doktor, der im Verlauf seiner vierzigjährigen Tätigkeit mit der ganzen Gegend hier gewissermaßen verwachsen war, der fast jeden Einwohner aus der ganzen Niederung und auf den Inseln nach Namen, Beruf, Alter, Lebensgewohnheiten, Einkünften und Gesundheitszustand kannte. „Leicht war die Praxis nicht, das können Sie sich denken. Für einen alten Herrn wie unfern guten Doktor gehörte st., an ein tüchtiger Schuß Energie dazu, um so des Winters und bei Nacht bei mehr als einem Dutzend Grad Kälte mit dem kleinen Schlitten über das gefrorene Haff zu jagen. Und dann bei Eisgang, wenn die Decke den Schlitten nicht mehr hielt, und das Treibeis noch kein $oot durchließ. Na — vielleicht ist ihm nun molliger und ivir tun unrecht, wenn wir ihm so nachtrauern. Das' ist nur so die niederträchtige Philistergewohnheit, wenn man schließlich meint, es ginge nicht anders . . ." Die junge Frau hatte inzwischen eine Erfrischung kommen lassen. Sie klärte den Doktor darüber auf, daß die Litauer die steife Großstadtvorschrift, einem Besucher beim ersten Kommen nichts vorzusetzen, barbarisch nennen. So mußte er denn mit einem Schluck herben Ungar Bescheid tun. „Sie hatten sich wohl selbst schon gesagt, Herr Doktor, daß Sie hier gegen Erinnerungen würden ankämpfen müssen", meinte Frau Franze, „nicht wahr? — Haben Sie Collenberg übrigens gekannt?" fuhr sie, seltsam nervös gestimmt, rasch fort. „Flüchtig, ganz flüchtig. Als ich im letzten Semester in Königsberg studierte, machte ich einmal einen Ausflug hierher. Da sah ich den alten Herrn. Das ist nun aber auch schon bald zehn Fahre her." „O — zehn Jahre?" fiel Frau Franze etwas überrascht ein. „Und da gefiel Ihnen unser weltentlegenes Gill gleich so mächtig?" fragte Lotz schmuuzend. Der junge Doktor zuckte die Achsel. „Ich ahnte damals noch nicht im entferntesten, daß das Schicksal mich einmal hierher verschlagen würde. Die Sache machte sich jetzt ja sehr rasch. Als der Kollege starb, telegraphierte Amtsrichter Krappe an mich — wir kennen uns von der Burschenschaft her — und ich! nahm seinen Vorschlag sofort mit Dank an. Das ging von heute auf morgen." „Krappe erzählte mir. Sie seien inzwischen Assistent bei Professor Kretschmar m Göttingen geworden und hätten unserm Antrag zuliebe auf eine sichere Karriere verzichtet." „Sicher war die Karriere durchaus nicht. Ich vertrug mich nicht mit dem Professor. Oder vielmehr — er vertrug meinen Widerspruch nicht. So war die Trennung für beide Teile verhältnismäßig leicht." „Und Schiffsarzt sind Sie auch gewesen; da sollen Sie weit in der Welt herumgekommen sein?" Er berichtete, daß er ein paar Jahre lang auf einer brasilianischen Linie gefahren war. „Und haben Sie sich nun unter unfern guten Litauern hier auf dem Delta leidlich zurechtgesunden gestern und heute?" fragte Lotz jovial, weil ihm das verstimmte, oder wenigstens unbefriedigte Wesen des Neuankömmlings auffiel. „Ich weiß es wirklich selbst noch nicht", lautete die unter unwillkürlichem Stirnrunzeln gegebene Antwort. „Es sind zunächst wohl hauptsächlich — die Erinnerungen, von denen die gnädige Frau sprach, gegen die anzukämpfen fein dürfte." Etwas argwöhnisch musterte Frau Fränze den Fremden. Sie hatte nach Krappes gönnerhafter Schilderung geglaubt, es mit einem blutjungen Anfänger zu tun zu haben. Als sie nun den verschiedenen Daten nachrechnete, ergab es sich ihr, daß der Doktor ungefähr gleichalterig mit chrem Manne sein mußte. Sein ganzes Wesen, die kurze, zuweilen fast schroffe Art zu sprechen, etwas Trotziges, das in feinem Gesichtsausdruck lag, ließ ihn eigentlich noch älter erscheinen. Aus seinem sonstigen Aeußern war sein Lebensalter erst recht nicht festzustellen. Er tvar bartlos, trug auch das blonde Haar ganz kurz verschnitten, ein paar Schmisse durchzogen Wange, Kinn und Schädel. Seine Gesichtszüge trugen den Stempel der Intelligenz, waren dabei scharf markiert. Charakteristisch war auch die gerade, schmalrückige Nase, die seinem ernsten Gesicht etwas Entschlossenes, dabei gewissermaßen Feudales gab. Durch den randlosen Kneifer, den er trug, sah man kluge, hellbraune Augen, die einen durchdringenden, kühl prüfenden, vielleicht auch überlegenen Blick besaßen. Es war unverkennbar, daß ihn ihre Bitte, die Krankheit ihres Mannes bei seinem ersten Besuch völlig zu übergehen, wenn nicht verletzt, so doch mindestens gereizt hatte. Seine etwas sarkastische Art, mit der er an das Wort von den „Erinnerungen" anknüpfte, beunruhigte sie, ja sie empfand vor dem Fremden plötzlich ein gewisses Bangen. So oft sie merkte, daß Dieter ansetzen wollte, um seine Krankheitsgeschichte vorzutragen, riß sie das Gespräch in impulsiver Weise an sich. Fast unvermittelt erhob sich Zu- pitza aber plötzlich und griff nach seinem Hut. Der Hausherr war sichtlich enttäuscht, daß der Besuch nur von so kurzer Dauer sein sollte. Seit Collenbergs Tod hatte ihn der Gedanke, daß sie nun endlich auch einmal aus dem Munde eines völlig Fremden ein Urteil hören würden, viel beschäftigt. „Ich bin ja nicht besonders eitel und ruhmsüchtig", sagte er mit der ihm eigenen Selbstironie, „aber ich hätte doch gern möglichst bald vernommen, was Sie über mich sagen, Herr Doktor. Ich glaube nämlich, ich werde Ihnen immerhin das interessanteste Studienobjekt hier auf der Insel abgeben." „Wenn Sie gestatten, Herr Lotz, melde ich mich ein andermal. Zn jeder Ihnen gelegenen Stunde bin ich bereit." „O, bitte, bitte, es eilt nicht. Ich habe mich an das Warten mit Sachten gewöhnt. Ans Besserung warte ich jetzt nämlich schon das dritte Jahr. Das übt die Geduld mächtig." Fran Fränze hatte sich gleichfalls erhoben. „Es ist auch'wirklich besser, Bär, denn so spät regt's Dich auf. Aber wenn Sie nächster Tage einmal Zeit hätten, Herr Doktor? — Vielleicht gleich nach der Sprechstunde?" „Gewiß, gnädige Frau." Zupitza hatte eine höflich bestimmte, kühle und gemessene Art, als er sich empfahl. Lotz fragte seine Frau, als sie allein waren, in etwas unsicherem Ton: „He, was sagst Du?" Sie hatte sich abgewcmdt, um ihm ihre leicht verstörte Miene nicht zu zeigen. „O, zweifellos ein sehr intelligenter Mensch." „Nicht wahr? Ja, und lvie es scheint, ganz geradezu und offen. Nichts? Schließlich ist das doch auch ein Vorzug." „Sicher." Sie kämpfte mit sich selbst. Plötzlich schoß sie auf die Tür los. „Wohin, Schatz?" „Ach — bloß — ob sie auch den Wagen schon vorführen. Und die Jungens holen, die armen Kerle müssen doch Lunger haben." Sie blieb noch ein paar Sekunden auf den unteren Treppenstufen stehen, als zögerte sie absichtlich, um mit dem Besuch nicht noch einmal zusammenzutreffen. Dann entschwand sie den Blicken ihres Mannes. Doktor Zupitza hatte die Gartenpforte noch nicht erreicht, als er hastige Schritte hinter sich hörte. Er wandte sich um und sah Frau Lotz. Etwas Scheues, Gequältes prägte sich in ihren Zügen ans. „Herr Doktor, ich wollte mit Ihnen noch sprechen." „Gnädige Frau?" „Es wäre ja möglich, Herr Doktor", sagte sie, den Ton dämpfend, stockend, aber doch in großer Hast, „daß Sie den Zustand meines Mannes weniger hoffnungsvoll finden, als Ihr Vorgänger. Collenberg hat ihm nämlich stets versichert, sein Leiden sei zwar langwierig, aber nicht rettungslos. Und daran klammert sich mein Mann. Und da meine ich nun: selbst wenn es Ihrer Ansicht nach diese Rettung — nicht geben sollte . . ." Atemlos brach sie ab. Sie hatte ihm geradezu flehend ins Auge gesehen. Nun blickte sie ängstlrch und unsicher nach dem Hause zurück, denn man hörte den Wagen langsam um den großen Schuppen herumkommen. Die Erregung, 299 die! aus ihren letzten Worten klang, schien dem Doktor unvereinbar mit der ungezwungen heiteren Art, die sie noch kurz vorher im Beisein ihres Mannes zur Schau getragen hatte. „Haben Sie denn Sorge, gnädige Frau", fragte er verwundert, „daß Collenberg den Kranken nur hingehalten haben könnte?" „Ich — weiß selbst nicht." „Er hat auch zu Ihnen nie anders über den Fall gesprochen als zu ihrem Manne?" „Nie. Nur einmal, im letzten Winter, als Collenberg selbst leidend war, da sagte er mir, er habe die ganze Krankheitsgeschichte meines Mannes in seinem Journal ausführlich geschildert, um einem etwaigen Nachfolger eine Direktive zu geben." „Ich werde es gleich nach der ersten Untersuchung durchsetzen." Sie preßte die Hände bittend ineinander. „Möchten Sie sich nicht lieber gleich damit vertraut machen? Mein Mann wird natürlich mit Fragen in Sie dringen. Schweigen Sie, so schöpft er Verdacht, und widerspricht Ihre Darstellung auch nur im kleinsten Punkt dem, was Collenberg ihm gesagt hat — vielleicht nur zum Trost gesagt hat —" „Sie fürchten also wirklich, gnädige Frau —?" „Still! Bitte!" Sie sah sich wieder erschrocken um. Eine Fortsetzung des Gesprächs war nicht möglich, ohne daß Ede Tirsell, der die Gartentür geöffnet hatte, etwas davon aufschnappte. Sie sagte daher bloß noch ein paar konventionelle Worte zum Abschied. Aber sie gab ihm, wie um sich sein Einverständnis zu sichern, ihre Hand dabei. Endlich fuhr der Doktorwagen auf dem uach Gill führenden Vizinalweg ab, der vom letzten Sommerregen her noch unzählige Schlammgeleise aufwics, über die das schlecht federnde Gefährt hinwegrasselte. Mit einem kaum unterdrückten Jubelruf nahmen die beiden Knaben in einer Art Wettlauf von ihrer jungen Tante wieder Besitz. Arm in Arm kehrten sie mit ihr ins Haus zurück. Kein Zug in Frau Fränzes Antlitz verriet mehr etwas von der nervösen Erregung, in der sie geschwebt hatte. Ihrem Gatten zeigte sie wie immer ihre sonnige, strahlende Miene (Fortsetzung folgt.) Kine Aapfenstreich-Worstollung. Trauriges Erlebnis von Heinr. Huber (Gießen). Telegramm! Telegramm! „Zapfenstreich". Drama in 4 Auszügen von F. A. Beyerlein. Sensationell! Sensationell! Zu der Vorstellung werden 40 Mann, möglichst gewesene Militärs, gesucht! Direktor X. Wohl zum zwölften Male staiid ich vor dem Plakate. Ich reiste nämlich gerade durch Thüringen, und je kleiner ein Ort war, desto größer war die Sicherheit, mit der ich darauf rechnen konnte, dieser verlockenden Ankündigung zu begegnen. Bald prangte sie an einem oder zwei altersgrauen und -schwachen Sandsteinpfosten, bald hatte ein spekulativer Hausbesitzer es gnädigst gestattet, daß man der Fassade seines bausälligen Kastens durch die in sämtlichen Ostereiersarben gehaltenen Zettel ein etwas jugendlicheres Aussehen gab. Natürlich war ich sofort für das Unternehmen begeistert, denn „40 Manu gewesene Militärs" ivomöglich mit wirklichen Unteroffizieren, sieht man erstens nicht alle Tage auf der Bühne, und zweitens weiß ich aus Erfahrung, daß bei großer Reklame in Keinen Nestern nichts herauskommt, wie ■— viel Amüsement. Allerdings muß man seinem inneren Menschen vor dem Besuch einer derartigen Kunstfeierlichkeit das Ehrenwort geben, sich über nichts, absolut nichts zu ärgern. Da ich nun in dieser Beziehung etwas vertragen kann, hätte ich die so pompös an- Krtbigte Zapfenstreich-Vorstellung mit großem Vergnügen be- ■— wenn ich nur gekonnt hätte. Ich konnte aber nicht, denn gewöhnlich kam ich auf meiner Rundreise zu spät, oder das „Saisonereignis" war für eine Zeit angekündigt, die ich unmöglich erwarten konnte, ohne vor Langeweile zu sterben, und für so lebensgefährliche Sachen habe ich nie etwas übrig gehabt. Ich suchte deshalb das ominöse Plakat zu vergessen, reiste weiter, schrieb Ansichtskarten und bezahlte Hotelrechnungem Aber merkwürdig — der Direktor X. mit seiner Truppe wollte mir trotz der oben genannten Zerstreuungen nicht aus dem Kopfe. Für die vielen Naturschönhciten hatte ich keinen Sinn mehr, ich wurde, als ich an jedem Orte eine neue Enttäuschung erleben mußte, melancholisch und wäre schließlich noch ganz trübsinnig geworden, wenn — — Salzungen, Sonntag, 6. März 1904. Telegramm! Telegramm! , Zapfenstreich". Drama in 4 Aufzügen von F. A. B e y e r lei n. Sensationell! Sensationell! Zu der Vorstellung werden 40 Marin, möglichst gewesene Militärs, gesucht! Direktor X. Das war das erste, was rnir in die Augen fiel, als ich Sonntag mittag in Salzungen anlangte. Endlich — endlich also sollte meine Theatersehnsucht gestillt werden. Ich eilte sofort in das Hotel, deponierte bei dem Ober einen Taler und erklärte ihm kaltblütig, daß er mir dafür ein Theaterbillet besorgen müsse, sonst-- Ich muß ziemlich gefährlich ausgesehen haben, denn der Serviettenkommandant versicherte mir in einem Atem zweimal, daß er sich meinen Wünschen durchaus zu fügen gedenke und für einen guten Platz unbedingt garantiere. Dann erst stellte ich meinen triefenden Schirm in die Ecke (es regnete nämlich ganz anständig), entledigte mich meines Paletots und nahm am Fenster Platz. Jetzr, wo ich das Ziel meiner Wünsche erreicht hatte, kam etwas wie ein wohliger Frieden über mich und ich streckte behaglich meine Beine unter den Tisch.-- Abends 8 Uhr! — Sitz großartig. — Rechts von mir hatte ich eine ältere Dame von ca. 40 Jahren, links dagegen eine junge von etwa 29 bis 31, beide höchst nobel gekleidet und erquickend parfümiert. (Links Patchoulli — rechts Veilchen.) Die Junge musterte mich und meine Garderobe ziemlich wohlwollend und erzählte dann der Aelteren zu meiner Rechten, daß sie neulich bei dem Empfange der Fürstin Immergrün zu Schwefelgelb (oder so ähnlich) als Ehrenjungfrau uud Prologsprecherin fungiert habe; als sie aber dann ohne weiteres zur Rezitation des Empfangsgedichtes überging — es kam etwas von glühenden Herzen und ausgetauten Schmerzen darin vor — verschloß ich meine Ohren, öffnete die Augen und hielt Umschau. Besuch famos! Die besseren Plätze waren alle besetzt und dazu mit Leuten, deren Mienen deutlich die durch den hohen Eintrittspreis bedingte Kunstandacht ausdrückten, aber die Gesichter der Galeriebesucher zeigten nichts wie eine gewisse rauflustige Erwartung, die mein tapferes Herz entschieden ängstigte. Ich wußte: Wenn da nur ein Vorhang hängen blieb, ging dafür gleich der Teufel los! Der Direktor — er hatte mich vorhin ganz befonders tief bewillkommnet — schien allerdings ganz andere Sorgen zu haben. Er lehnte majestätisch am Eingang und kontrollierte mit dem linken Auge den Kassierer, während er mit dem rechten jede Bewegung des diensttuenden Theaterzettelverkäusers verschlang. — Klingelzeichen! Der Vorhang quietschte nach oben. — Im Vordergründe der Bühne saß der alte Bolkhnrdt, neben ihm stand sein Vorgesetzter, und beide dialogten lebhaft. Die ersten zwei Szenen waren glücklich vorbei, und ich fühlte wegen der ordnungsmäßigen Vorstellung schon eine kleine Enttäuschung, als etivas ganz Absonderliches vorging, der alte Volkhardt schnappte nämlich mitten im Worte ab, ließ den Mund weit offen und starrte wie entgeistert in die Höhe. .Unwillkürlich folgte ich seinem Beispiel (natürlich nnr dem letzten) und sah zu meiner aufrichtigen Betrübnis, daß sich der Vorhang langsam — ganz langsam, aber sicher — herniedersenkte. „Nanu", dachte ich, „was ist denn da los?" Anfangs war ich gar nicht abgeneigt, an einen Theatcrbrand a la Chicago zu glaube», die Mienen der übrigen Theaterbesucher verrieten aber nicht die geringste Angst, im Gegenteil, — man schien sich über die Störung zu freuen! Eine unverhohlene Heiterkeit, von hinten anfangend, griff nämlich mit solcher Schnelligkeit um sich, daß die Gesichter meiner beiden Nachbarinnen bereits in sanfter Freude erglänzten, ehe ich mich noch recht gefaßt hatte. Schließlich lachte alles — die Galerie — stürmisch, das 2. Parkett — laut, das 1. Parkett — zart und ich — lächelte! Jetzt ertönte wieder die Klingel! „Man will also wieder anfangen" flüsterte ich meiner Nachbarin zur Linken zu, die darauf verständnisvoll nickte. — Es klingelte zum zwcitenmale, dann hob sich der Vorhang und durch die Koulisse zwängte sich die ansehnliche Gestalt des Direktors. Man war inzwischen auf die Rede des Theaterbefehlshabers neugierig geworden und hatte durch energische Scht!-Rufe einigermaßen Ruhe geschaffen. — 300 — Der Direktor verbeugte sich einige Male kur» unv ängstlich und öffnete dann die Zähne: „Meine sehr verehrten Herrschaften", begann er, „der Bürgermeister — der Herr Bürgermeister und die hiesige Feuerwehr sind die Ursachen dieser Störung, oder vielmehr das Ministerium trifft die Schuld, denn soeben ist ein Telegramm vom Minister eingetroffen, worin er die Vorstellung verbietet, und da hat der Herr Bürgermeister natürlich — —" er deutete nach dem Vorhang. Ich ivar starr! Das Ministerium hatte „Zapfenstreich" verboten? Das schien mir unmöglich! Es mußte also etwas anderes dahinter stecken, und ich konnte mir die Sache nur so erklären, daß der Direktor die Aufführungskosten umgangen und der Verleger das Verbot erwirkt hatte. Ich wendete meine Aufmerksamkeit wieder dem Redner zu, der sich den Schweiß von der Stirn wischte und dann fortfuhr: „—- und ich möchte Ihnen deshalb den Vorschlag machen, sich das Stück doch vorlesen zu lassen." — So ein Schlaukopf! Auf diese Weise umging er die Rückzahlung der Eintrittsgelder und alle Unannehmlichkeiten: aber meine Opposition war durchaus überflüssig, denn das Publikum besorgte die äußerst gründlich: „Was —: vorlesen?" hieß es. „Unser Geld wollen wir wieder haben, unser Geld, weiter nichts." Allerlei freundliche Schmeicheleien tönten dazwischen und leider muß ich gestehen, daß sich mein sündhaftes Herz auch nicht zu der kleinsten Entrüstung über den Skandal aufschwingen konnte. Immerhin schien es unter den Besuchern doch einige Ahnungsvolle zu geben, die sich von einer Vorlesung manches versprachen und so entstanden schließlich zwei Parteien im Hause, welche beide recht kräftig ihre verschiedenen Meinungen zum Ausdruck brachten. Kaum hatte der immer mehr schwitzende Direktor diesen Zwiespalt entdeckt, als ein Lächeln seligster Befriedigung seine kunstgestempelte Bisage verklärte, er die Arme in die Luft warf und sich Ruhe, verschaffte. „Soweit ich dies von hier oben beurteilen kann, wünschen Sie, daß das Stück vorgelesen wird, nicht wahr?" „Quatsch, nicht vorlesen, — sawohl, vorlesen", tönte es vielstimmig zurück, der Direktor schien aber nur das letztere gehört zu haben, denn er verbeugte sich äußerst zustimmend und schlug sich seitwärts in die Koulissen. Wieder, die Klingel! Mit einem Buche bewaffnet, erschien ein Mime, jedenfalls der „Held" der Gesellschaft, und sing, ohne sich lange umzusehen, an vorzulesen. Einige Augenblicke schien das Publikum den Mut des Tapferen tatsächlich zu respektieren, dann aber brach Lin Geheul los, als wollte man unseren lieben Freunden, den Hereros, Konkurrenz machen, alles beteiligte sich daran, die Galerie — brüllend, das 2. Parkett — stürmisch, das 1. Parkett — laut und ich — ästhetisch. Von dem auf der Bühne war natürlich kein Sterbenswort mehr zu verstehen. Ich sah nur an dem mechanischen Aus- und Zuklappen des Mundes, daß er überhaupt noch redete. Nur manchmal schüttelte sich der Brave wie im Fieberfroste, als aber gar verschiedene kleine Wursgegenstände sein glorreiches Vorhandensein in Gefahr brachten, klappte er verzweifelt sein Buch zusammen und verließ die Stätte seiner Unwirksamkeit mit einem fürchterlichen Blick. dieser Blick — ich vergesse ihn nicht, und wenn ich so alt tote Sarah Bernhardt werde; er enthielt so ziemlich alles an Empfindungen, welche einen Künstler, her gewohnt ist, höchstens zwölfmal im Jahre mit faulen Aepseln trakttert zu werde», bei einer derartigen Schmach durchtoben können. — Mit dem Abgänge des Mimen war auch das Zeichen zur allgemeinen Revolution gegeben, man besetzte die Bühne und stürmte die Kasse mit unglaublicher Bravour — wobei die Kunstverständigen, welche am wenigsten bezahlt hatten, die größte Eile entwickelten — und auch ich ließ mich mit vornehmer Gelassenheit zur Kasse schieben.. Zu spät — futsch der Taler!. Als ich das Depot glücklich erreichte, setzte der Direktor den zuletzt Angekommenen gerade überzeugend auseinander, daß das vorhanden gewesene Kapital bereits verteilt sei, er aber versuchen wolle, bis morgen früh Geld zu beschaffen. Ob das Finanzgenie dieses Kunststück wirklich fertig gebracht hat, i|t mir unbekannt geblieben. Das Billet habe ich am andern Morgen bei meiner Abreise dem Hoteldiener für seine Bemühungen geschenkt. Der Mann bedankte sich melancholisch und erklärte mir dann: „Das ist das se ch st e, ich will die Dinger nur ruhig zu memen Treberaktien legen, denn--". — Das „d e n n" schnitt mir ms Herz und ich gab ihm noch 50 Pfennige Trinkgeld! Vermischte». :— Eulen als Unheilkünder. Schon den alten Römern, die bekanntlich sehr abergläubisch waren, galt der Uhu als unglückbringend, und als einmal einer in das Heiligtum des Kapitols geflogen war, mußte die Stadt feierlich gereinigt werden. Auch heute noch sieht das Volk vielfach in den Eulen, die fast alle Nachttiere sind, unheimliche und Unheil ankündigende Wesen. Der Totenvogel (Glaucidium passermum) gilt als Todes- Prophet, wenn eir nachts vor dem Fenster einer Krankenstube sein „Kiehit" (komm mit) hören läßt, und noch Bechstein (1805) bemerkte von ihm: „Unter allen Eulen zieht er sich am stärksten nach dem Lichte und wegen seiner feinen Witterung und aus einem eigenen Naturtriebe nach den Krankenstuben. Faulfieber, Friesel und andere dergleichen Krankheiten reizen ihn am stärksten." In Wirklichkeit ist es nur das Licht, nach dem der Vogel nächtlicherweile in Dörfern und kleinen Städten fliegt, wie Professor Dr. W. Marshali in der 32. Lieferung seines populären Prachtwerkes „Die Tiere der Erde" (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt) Hervorhebt. Mit dieser Lieferung, die auch eine prächtige Farbendrucktafel, gewellte Astrilde und Jndigovögel darstellend, ziert, ist der zweite Band dieses anerkannt vortrefflichen und in 50 Lieferungen zu je 60 Pfennig erscheinenden Werkes vollständig geworden, das dadurch illustrativ völlig eigenartig dasteht, daß sämtliche Abbildungen (mehr alt 1000, darunter 25 Farbendrucktafeln) nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt wurden. Auch zu diesem zweiten Bande wird auf Wunsch eine geschmackvolle und hochelegante Einbanddecke (zum Preise von 1,50 Mk.) geliefert. — D i e Beziehungen zwischen Alkohol und Poesie sind gerade in letzter Zeit oft erörtert worden. In der Tat ähnelt das dichterische Schaffen vielfach dem Rausch. Wir können ein dreifaches Bewußtsein unterscheiden: Bewußtsein unserer Persönlichkeit (Selbstbewußtsein im engeren Sinne), unserer Körperlichkeit, unserer Umgebung. Bein: Rausch wie beim dichterischen Schaffen sind die beiden letzten Arten des Bewußtseins häufig ausgeschaltet: das Handeln geschieht wie im Traum. Insofern der Dichter im poetischen Schaffen den höchsten Genuß sieht, kamt er mit Byron sagen: das beste am Leben ist wie ein Rausch. Doch wird der wahre Dichter eben daran erkannt, daß er der künstlichen Berauschung durch alkoholische Getränke nicht bedarf. Goethe, je älter er wurde, glaubte um so mehr, daß die dichterische Produktion der menschlichen Beeinfiusiung entzogen und über alle irdische Macht erhaben sei. Literarischer. — Die „Neue Musik-Zeitung" (Verlag von Karl Grüninger, Stuttgart) beginnt in Nr. 15 ihres 25. Jahrganges eine umfangreiche Abhandlung und kritische Beleuchtung der kürzlich erschienenen großen Brahms-Biographie von Max Kalbeck, nebst einem Jugendbildnis des Tonsetzers von Laurens. Ferner enthält die Nummer einen Aufsatz über die Traumtänzerin Magdeleine mit drei Abbildungen dieser interessanten Erscheinung, sowie als weiteren aktuellen Beitrag einen Artikel über das Theater in Japan. In der Musikbeilage sind ein Menuett von Cyrill Kistler sowie ein Lied von Nicolai v. Wilm, beides bekannte und geschätzte Komponisten, veröffentlicht. Der Abonnementspreis dieser populären Musikzeitschrift beträgt 1,50 Mk. fürs Quartal. Kesundßeilspflege. Das Heraufwürgen von Schleim frühmorgens nach dem A u f st e h e n, das bei so vielen, namentlich männlichen Personen sich befindet, rührt vornehmlich von chronischem Magen- und Rachenkatarrh her und ist sehr häufig die Folge fortgesetzten reichlichen Spirituosen- und Tabakgenusses. Daraus ergibt sich als erste Forderung eine erhöhte Mäßigkeit bezug lia, dieser Genußmittel. Außerdem empfiehlt sich als Mittel gegen den Magenkatarrh und die damit verbundenen Erscheinungen eine fortgesetzte Kur vou Karlsbadersalz, von welchem jeden Morgen nüchtern ein Kaffeelöffel in y. Liter warmem Wasser zu nehmen ist. Kreuzsilbenriitsel. (Nachdruck verboten). 1 4 TT" 3 6 Statt der Zahlen sind Silben zu setzen und zwar derart, daß jede Silbe rechts mit jeder Silbe links vereinigt ein bekanntes Hauptwort ergiebt. Die auf diese Weise entstehenden 9 Wörter haben folgende Bedeutung: 1. Vogel; 2. Schmuck der Fluren; 3. Feldblume ; 4. männliches Wesen; 5: Teil des menschlichen Körpers; 6. Bretterbau; 7. Eibe; 8. Metall; 9. Was bindet und bekräftigt» (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: Schulanfang (a Schuh, b Haus, c aus, d Land, e Fant, f Tasche, g Asche, h Gabel, i Abel) Redaktion - August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.