1904. Sa h III sM ®| MttlWoch den 20. April MS^Ä- tl (Nachdruck verboten.) Am Makak der Majak. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Bald saßen Mr. Ibrahim und ich in einer Ecke des Erfrischungszimmers, wo er mich zuerst diensteifrig mit belegten Brötchen und Limonade versorgte und dann, ohne sein Erstaunen über mein H-iersein auch nur mit einer Silbe zu äußern, ein Gespräch über deutsche Walzer, die Hitze in Madras, Theatervorstellungen und die Unannehmlichkeit des Staubes anknüpfte, als sei ich eine alte Bekannte von chm. Er sprach vorzüglich englisch mit einer kaum merklichen fremden Betonung, und so oft ich den Blick erhob, sah ich seine Augen bewundernd auf mich gerichtet. Mein ganzes Wesen aber bäumte sich ,auf gegen den Beifall dieses schlauen Persers. Er war viel gereist, wie er mir sagte; überhaupt tat er durchaus nicht geheimnisvoll mit seiner eigenen Person. „Ich bin zum Teil in England erzogen worden und machte in Edinburg mein Doktorexamen." „Sv beschäftigen Sie sich wohl auch jetzt noch mit gelehrten Studien?" fragte ich gleichgilttg. „O", entgegnete er mit überlegenem Lächeln, „ich verbringe meine Zeit mit einer einträglicheren Arbeit, obwohl ich mich noch immer für Chemie interessiere. Darf ich fragen, wofür Sie besonderes Interesse hegen. Miß Ferrars?" „Ich weiß es wirklich nicht. Friiher war es wohl die Musrk." . „Wahrscheinlich gipfeln Ihre Interessen überhaupt mehr in Personen als in Sachen; das wäre für Ihr Alter auch natiirlicher", bemerkte er, sich mit zutraulicher Miene zu mir herüberneigend. „Nein", entgegnete ich schroff und versuchte aufzrv- stehen, allein eine dichte, laut schwatzende Menge umschloß mich so eng, daß ich mich hier ebenso allein mit diesem Mann fühlte, als säße ich mit ihm hinter einem der Wind- schrrme auf der Veranda. Auch er mochte dasselbe empfinden, denn er führte die Unterhaltung plötzlich in persönliche Bahnen. Er legte berde Arme breit auf den Tisch und sagte, mich darüber hinweg mit seinen listigen Augen ansehend: „Missen Sie, daß ich aufs höchste erstaunt war, eine englische Dame unter dieser Gesellschaft anzutreffen, und ^vollends eine so hochgebildete, wie Sie, die schwierige deutsche Walzer vollendet spielt, schön und aus guter Familie tft, und doch, getrennt von ihrer Kaste, in einem ärmlichen Kosthause mit den sonst von den Engländern so verachteten Eurasiern lebt? Was ist der Schlüssel zu diesem Rätsel?" fügte er, seine Stimme zu fast zärtlichem Flüstertöne dämpfend, hinzu. Bebender Zorn erfüllte mich. „Wenn Sie überrascht gewesen sind", antwortete ich nach sekundenlanger Panse, „so überwiegt mein Erstaunen das Ihrige jedenfalls bei weitem." „Wieso?" Seine Augen schienen mich verzehren zu wollen. „Daß ein Mann — ein mir völlig Fremder — es wagen kann, mich über meine Privatangelegenheiten auszufragen !" Erschrocken, als hätte er einen Schlag ins Gesicht erhalten, fuhr er zurück, und ich sah deutlich, daß er wirklich überrascht war. Ich hatte mich zu meiner ganzen Hohe aufgerichtet, ein Gefühl der Ueberlegenheit der herrschenden Rasse durchströmte meine Adern und hob mich über meine Umgebung und diesen gleißenden, schwarz- braunen Perser hinweg. „Ich wünsche in den Saal zurückzukehren", fuhr ich fort. „Verlassen Sie mich jetzt, bitte." Da hierdurch unser Streit natürlich sofort bekannt geworden wäre, folgte er meiner Aufforderung nicht, dafür aber bahnte er mit einer Unterwürfigkeit, tote sie sonst nur einem gekrönten Haupte zu teil wird, einen Weg durch die Menge, und wenige Augenblicke später befand ich mich in dem jetzt fast leeren Ballsaale. , „ „Ich habe Sie beleidigt, gegen meine Absicht tief belerdigt. Ich nahm fälschlicherweise an... ." Fest sah ich ihn au, und das Ende seines Satzes verlor fich in einem unverständlichen Gemurmel. „Ich wünschte Sie ja nur zu beschützen. Verzeihen Sre mir." Er verbeugte sich mit einer lächerlichen Demut. Ich aber nahm seine Abbitte in hochmütigem Schweigen in Empfang, ohne seinem Blick auszuweichen. Dann ging ich aufs Klavier zu und begann zu spielen. Sofort füllte fich der Saal. Staubwolken wirbelten auf, und das Gewoge begann von neuem. Ibrahim hatte sich an der gegenüberliegenden Wand aufgestellt und sprach lebhaft mit Lola, wobei er mich beobachtete, das heißt zu beobachten versuchte, denn er konnte nur einen Teil meines Kopfes votr der Seite sehen. Um zwei Uhr erhob ich mich mit der befriedigenden Ueberzcugung, daß ich meinen Teil zum Gelingen des „kleinen Hopsers" beigetragen hatte. Mit einiger Mühe sammelte ich meine kleine Schar. Schließlich aber saßen wir doch alle wieder in unserem Gharry eingepfercht, der von den Verehrern der Mädchen und vor allein der Ballkönigin Eulalie umlagert war. Eine große Menge versammelte sich überdies auf der Veranda, um uns abfahren zu sehen, und es konnte kein Zweifel bestehen, daß Frau Rosarios Häuflein an diesem Abend tatsächlich die anderen Gäste in den Schatten gestellt hatte. Auch Mr. Ibrahim sah ich etwas abseits von den anderen in der Nähe des Wagens stehen. Lebhaft ivinkte 234 fcr uns Sei der Abfahrt mit der Hand noch einen Gruß zu. Von dem Geschnatter und Geschwätz öfter, das jetzt in unserem Gharry losging, macht man sich keinen Begriff. Eine Schar Elstern und Papageien war nichts im Vergleich zu diesen vier Mädchen, die alle zu gleicher Zeit und in den höchsten Tönen zusammenschrieen. „O Pamela, Sie sahen wirklich großartig aus", sagte Eulalie, „und Ihr Spiel ging mir bis ins Herz und in die Zehenspitzen. Noch niemals habe ich mich so gut unterhalten 1" „Ich auch nicht!" rief Lola. „Ich tanzte alle Tanze, und jedermann fragte mich, woher Sie kämen, Pamela, und wenn ich sagte: Bon Rosarios, da glaubten sie, ich scherze. Und bei Ibrahim haben Sie Eulalie ausgestochen! Er tanzte schließlich fast gar nicht mehr, sondern sah nur immer Sie an, und ein ganzes Heer von Fragen hat er an mich gerichtet, wann und woher Sie gekommen seien, und ob Sie Herrenbekanntschaften in Madras hätten. Fernandez fagt, er sei furchtbar reich und reise oft nach London und Amsterdam." „Meinetwegen kann er ins Pfefferland reisen", warf Eulalie dazwifchen. „Mir ist er unausstehlich . . . Ach, und was ich Schlaf habe, und doch will ich noch gar nicht schlafen, ich bin ja so glückliche Rasch wandte sich Gwendvline um. „Ja, das glaube ich, ich sah wohl, wie viel Du mit Melville tanztest und wie ihr dann eine Ewigkeit draußen bliebet. -Eulalie, gesteh' es nur, er hat Dich geküßt!" „Und ich sage, Du bist eine dumme Gans!" Eulalie brach in etwas gezwungenes Lachen aus. „Ich glaube wahrhaftig, ich habe meine Schuhe durchgetanzt, und hier ist auch ein Kafseefleck auf meinem schönen Kleide.... Seht nur, da dämmert schon der Morgen" — sie zeigte auf einen schwachen, zwischen den Palmen hindurchschimmernden Lichtstreisen — „heute werde ich wohl sehr spät aufstehen." Nun langten wir an und fuhren auf dem holperigen Wege vor den Bungalow. Kaum waren wir dann ausgestiegen, so floh Eulalie, die doch vor lauter Glück nicht zu schlafen gewünscht hatte, uns voraus in ihr Zimmer. Ich für meine Person war zwar nicht glücklich, schlief aber doch bald tief und ruhig. 12. Cs mag auffallend erscheinen, daß ich mich so rasch und fast ohne Kampf in diesen neuen Kreis fand, sozusagen darin unterging, als sei ich von einem Morast verschlungen worden. Und doch hielt ich mich noch immer kampfesmutig über Wasser: mein Ehrgeiz war durchaus nicht tot, er schlummerte nur. Wer was kann ein mittelloses, alleinstehendes junges Mädchen, das zu stolz ist, um eine Unterstützung zu bitten, in Indien anfangen? Sie ist wie eine Gefangene, der man die Hände gebunden hat, und die vergebens gegen die sich vor ihr auftürmenden Hindernisse ankämpft. Meine Tante war gestorben, eines raschen Todes, so schrieb mir Linda in einem kurzen, förmlichen Briefe, der mich erst erreichte, nachdem er nach Lohara, dann zurück zu Mr. Evans nach England und ein zweites Mal nach den: Osten geschickt worden war, und den ein herzliches Schreiben Mr. Evans sowie ein glänzendes Zeugnis begleitete. Meine Dante hatte mir vergeben, wie Linda versicherte, allein ich fühlt» aus dieser steifen Anzeige deutlich heraus, daß Linda sich durch diese Nachsicht ihrer Mutter zu nichts weiter verpflichtet fühlte. Diese Türe war mir also für immer verschlossen, und die der Dregar hatte ich mir mit eigener Hand versperrt. Dem ersten Briefe Mr. Evans' war bald ein zweiter gefolgt, worin er mich dringend Sät, das Haus in der Crundallstraße sofort zu verlassen, da er einen währen Abscheu vor allen Eurasiern habe. Wenn ich nun aber wirklich. meine gutherzige Frau Rosario, die mir den Lohn für drei Monate schuldete, im Stiche ließ, so würden mir diese hundert Rupien auch nicht weit geholfen haben. Mr. Evans hätte mir ja wohl auch Geld geliehen, aber ich kannte seine Vermögensverhältnisse zu gut, als daß ich mich an seine Großmut hätte wenden mögen. Ein halbes Jähr wohnte ich jetzt in Vepery, und diese Zeit war nicht ohne besondere Ereignisse verflossen, wenn Liefe auch nicht mich persönlich betrafen. Tante (Stent, das arme alte Wesen, hatte man eines Morgdns tot in ihrem Bett gefunden und sie dann mit viel Aufwand begraben. Gwendvline, deren Vertrag an der Dovetonschule nahezu abgelaufen war, hatte sich mit einem netten jungen Kaufmann, der zugleich einem Regiment Freiwilliger angehörte, verlobt. Fitz Alan war sterblich verliebt in die Tochter eines Eisenbahnbeamten, und da seine Werbung nicht recht vorangehen wollte, quälte er seine Umgebung nicht wenig durch schlechte Laune. Lola hatte, wie nicht anders anzunehmen war, ihre Prüfung mit großen Ehren bestanden, und John war, wie ebenfalls zu erwarten war, mit leeren Händen und in gedrückter Stimmung zurückgekehrt, während Eulalie noch immer unentschlossen unter der Schar ihrer Verehrer hin und her flatterte. Ibrahim, der nicht abließ, ihr seine Huldigungen darzubringen, fand sich nun fast täglich als Besucher in Nummer 16 ein. Bald nach dem Balle war er einmal als Gast Friedrichs, der diesen reichen Herrn mit seiner ganz besonderen Gunst auszeichnete, zum Abendessen gekommen, und da hatten wir ihm zu Ehren großartige Vorbereitungen treffen müssen. Auf der Tafel brannten zwei Lampen, und dem Essen wurden Süßigkeiten, Rotwein und sogar ein Salm aus Büchsen hinzugefügt. Dazu entlehnten wir eine Menge Gegenstände von unfern Nachbarn rechts und links. Frau Gardozos Glasschalen und Löffel, Frau Jo- seph's Tischtuch und Gläser, und noch viele andere Dinge mußten zum Glanze des Hauses beitragen. Das Entlehnen war überhaupt an der Tagesordnung in Vepery und Blacktown. Vom Klavier bis herab zu einer Pastetenschüssel, von einer Fadenrolle bis hinauf zu einem Ballkleid liehen und entlehnten wir. Auch ich lieh fortwährend meine Sachen aus. Wie hätte ich mich wohl von den allgemeinen Sitten ausschließen können? Allerdings beschränkte ich mich dabei auf unfern eigenen kleinen Kreis. So schrieb Gwendoline ihre Eroberungen vornehmlich meiner Federboa und meinem seidengestreifien Rocke zu, Eulalie trug meine Lieblingsbluse, und andere Sachen wurden überhaupt als Gemeingut betrachtet. Dabei muß ich allerdings sagen, daß mir, wenn ich es gewünscht hätte, stets dieselbe Aushilfe zu teil - geworden wäre. Daß zum Empfang eines so vornehmen Gastes wie Ibrahim auch ganz besonders sorgfältige Toilette gemacht wurde, läßt sich denken. Frau Rosario fühlte sich so sehr geehrt und gehoben, daß sie sich zu dieser Gelegenheit sogar mit einem leuchtend grünen Atlaskleid schmückte, wozu sie aber einen Umhang trug, um einen großen Riß in der Taille zu verdecken. Sie streute eine doppelte Lage Puder auf ihr Gesicht, ließ sich von einer entlehnten Ajah das Haar kunstvoll aufstecken, und mit etwas Einbildungskraft und gutem Willen konnte man wohl sehen, daß die in Vepery verbreitete Kunde von ihrer einstigen Schönheit feine bloße Sage war. Als Mr. Ibrahims Besuche sich dann häufiger folgten, konnten wir uns natürlich nicht immer auf der Höhe dieses ersten Abendessens halten. Es war unvermeidlich, daß der vornehme Gast uns auch so zu sehen bekam, wie wir wirklich waren, das heißt, die andern, denn ich wich ihm sorgfältig aus. Er sah Frau Rosario in ihrem alten, fettigen Hausrock, dem sie den Namen „Teekleid" beizulegen beliebte; er sah Gwendoline und Lola mit ausgewickelten Haaren und Mardie in ihrer allerschmutzigsten Verfassung. Nichtsdestoweniger folgten feine Besuche einander mit unverminderter Regelmäßigkeit. Er holte Eulalie zu Spazierfahrten in seinem Wagen ab, und so verhaßt ihr auch seine Gesellschaft war, wie sie uns lavt versicherte, so fuhr sie doch mit, um die Mädchen der Nachbarschaft zu ärgern, vor deren Häusern niemals solch vornehme Privatwagen hielten. Auch Teegefellschaften wurden öfters auf dem dürftigen, mit Steinen übersäeten Rasen vor dem Bungalow abgehalten, wobei Ibrahim niemals fehlte. Er brachte dann Blumen, Bücher, Süßigkeiten und Schmuckgegenstände mit, die er alle Eulalie zu Füßen legte. Dennoch hatte ich die ganze Zeit über int geheimen das abscheuliche Gefühl, daß der reiche Perser tn Wirklichkeit nur meinetwegen kam. Mir galten feine Blicke, mit mir fuchte er zu sprechen, so selten ihm auch Gelegenheit dazu wurde. Ganz allmählich und verstohlen schlängelte er sich unter der Maske als Eulalies Verehrer zu mir herum und so geschickt ging er dabei zu Werke, daß kein Mensch etwas davon merkte, außer Jooasta, die stets auf der Lauer faß, ihre Beobachtungen machte und hinter alles kam, "235 < „Er kommt nur Ihretwegen", flüsterte sie mir eines Tages zu, indem sie mir in ihrer frechen Weise einen Puff verletzte und mich boshaft anblinzelle. „Bis über die Ohren fei er in Sie verliebt, heißt es im Bazar und in ganz Vevery." „Pfui, Jvcasta! Wie kannst Du auf solches Geschwätz hören!" erwiderte ich ihr zornig. „Wenn Du mich etwas augiugest, würde ich Dich jetzt tüchtig durchprügeln lassen." „Durchprügeln? Ha, ha, ich bin fast fünfzehn, und möchte es niemand raten, mich anzufafsen, obwohl jedermann sagt, daß Oberst Bilters Frau von ihrem Manne heute noch Prügel bekomme." (Fortsetzung folgt.) Mrstfat in Amerika. Wie wenig Wagners Lebenswerk tatsächlich die Welt bisher erobert hat, beweist die gegenwärtig im Vordergründe der musikalischen Interessen stehende „Parsifal- frage". Wer das Bayreuther Reservatrecht verteidigt, muß zu jeder Stunde auf die Entgegnung gefaßt sein: Warum sollen all die vielen, die „nicht nach Bayreuth fahren können", vom Genüsse des Bühnenweihsestspiels ausgeschlossen bleiben? Und wenn man daun erwidert: gerade weil „Parsifal" ein Bühnenweihfestspiel ist, eignet es sich nicht als Repertoirevorstellung eines Theaters, mag dies auch zehnmal einen guten Tenor, eine vorzügliche dramatische Sängerin und einen tüchtigen Dirigenten haben, so begegnet man ungläubigem Kopffchütteln oder zweifelnden Gesichtern. Man weiß eben einfach nicht, daß Wagner mit seinem Musikdrama ganz was anderes hat schaffen wollen, als Opern, bei denen man sich je nach Geschmack langweilt oder amüsiert. Wer das eine sollte man denn doch einsehen oder wenigstens gläubig hinnehmen: daß der Mann, der einer ganzen Welt zum Trotze mit unerhörter Energie sein Ziel verfolgt Und zu Ende geführt hat, doch genau wußte, was er tat, als er sein letztes Werk zum unzweifelhaften Heile der deutschen dramatischen Kunst nicht den Tagesbedürfnissen unserer Theater preisgab. Was dies Tagesbedürsnis daraus machen kann, zeigt jetzt Amerika. „Parsifal" war die musikalische Sensation der Newyorker Saison! Doch will Conried nicht bloß der Hauptstadt der Vereinigten Staaten das Heil der Kunst widerfahren lassen, sondern in der Erkenntnis, daß es natürlich nun auch wieder Leute in Amerika gibt, die „nicht nach Newyork fahren können", geht der Direktor mit seinem Kassenstück auf Reisen. Chicago, Boston, Cincinnati und Pittsburg sind zunächst ins Auge gefaßt. Wer gibt es nicht sicher auch solche Leute, die „nicht nach Boston, Chicago, Pittsburg fahren.^ können? Gewiß, und demgemäß werden andere Theaterunternehmer Conrieds Beispiel folgen. Und da es bekanntlich auch solche Leute gibt, die „Musik nicht hören können", so hat der entgegenkommende Kunstsinn amerikanischer Theaterdirektoren auch hier rasch Whilfe geschaffen: „Parsifal" wird einfach als „Schauspiel" in englischer Sprache gegeben werden, und neuerdings ist allen den Leuten, die „nicht ins Theater gehen können", Gelegenheit geboten, in den Warenhäusern beim Einkauf von materiellen Bedürfnissen auch die geistigen der Saison ganz billig zu erwerben; man erhält dort für wenige Cents die Parsifalpartitur. Um aber endlich der plötzlich riesengroß angewachsenen Begeisterung für die deutsche Kunst in Amerika genügenden Wfluß zu schaffen, hat em Herr Savage in Newyork ein Konkurrenzunternehmen aufgemacht und wird in einem obskuren Theater gegenüber dem Hosbräuhaus des Broadway, mitten im Treiben der nächtlichen Blumenmädchen Newyorks, den „Parsifal" mit kleinem Orchester (und von vornherein ungenügendem Solopersonal) aufführen. So ist denn hier einmal die moderne Forderung der Verschmelzung von Kunst und Leben ganz überraschend und wahrhaftig glänzend 'gelöst. Und all diesen Faktoren gegenüber sage nun noch einer, daß die amerikanischen Theaterdirektoren nicht mehr für die Vertiefung und Verbreitung der Kunst Sorge trügen, als Wagner und Bayreuth mit ihren „unverständlichen" Geboten! Wo aber bleiben angesichts solcher Tatsachen mit ihren Meinungen all jene „Vernünftigen", die vor kurzem noch Mit der Miene wohlwollender Ueber- legenheit aussprechen zu können glaubten, daß Wagner heute sicherlich anders über das Bayreuther Reservatrecht denken und den „Parsifal" zweifellos den Bühnen freigeben würde, heute, wo wir es doch gar so herrlich weit gebracht haben. Nein und tausendmal und immer wieder nein: Bayreuth soll nicht zu bett Leuten, sondern die Leute sollen nach Bayreuth kommen! Hierfür ausreichende Mittel zu finden, wird das Streben der nächsten Zeit sein. „Parsifal in Amerika" muß allen noch Wankelmütigen die Augen geöffnet haben, und vielleicht entpuppt sich Con- rieü noch als ein Teil von jener Kraft, die stets oas Böse will und stets das Gute schafft. — Nun auch einige Worte über Conrieds „grundlegende" erste Aufführung des „Parsifal", und über die, die sie ihm leider ermöglicht haben. Daß Conried eine gute Aufführung des „Parsifal", im Rahmen der Repertoirebühne, herausbringen würde, war zu erwarten. Konnte er doch nur hiermit den Ansturm der entgegengesetzten Meinungen in Deutschland und Amerika äußerlich abschwächen. Und warum sollte bei reichlichen Mitteln eine blendende Opern- vorstellung nicht möglich sein? Ist doch heute für Geld alles zu haben, auch deutsche Künstler. Und die Mitwirkung dieser ist im Falle Conried vielleicht das bedauerlichste Moment. Haben sie nicht insgesamt, Sänger und Sängerinnen, Kapellmeister und Regisseure, Orchestermitglieder, Dekorationsmaler re., dem Schöpfer des musikdramatischen Stils unendlich viel zu verdanken? Hat nicht Bayreuth manchem Ehre und Ruhm in Hülle und Fülle gebracht? Sind sie nicht alle, mittelbar oder unmittelbar, erst durch die zielbewußte, unerschrockene und unermüdliche Tätigkeit der Leitung der Bayreuther Festspiele zu dem geworoen, was sie heute befähigt, die Wagnerschen Kunstwerke würdig darzustellen? Und hatten Vertreter dieser Künstlergruppen (mal abgesehen vom Mangel an tieferer Einsicht) nicht so viel Dank für Richard Wagner übrig, um von dieser Seite wenigstens seinen letzten Willen, der gewiß keine Marotte eines alten Mannes ist, zu ehren? Conried ist Amerikaner; es gab in seinem Falle keinen gesetzlichen Schein, der die Aufführung zu verhindern imstande gewesen wäre, und auch für die Kunst gilt drüben offenbar die Maxime: Amerika den Amerikanern, d. h. hier: wir, die wir noch keine Kunst haben, nehmen ohne Rücksicht, was uns gefällt. Außerdem wunderte man sich in Newyork nicht wenig über die Auftegung in Deutschland wegen der beabsichtigten Vorstellung, man verstand uns drüben nicht. Das muß uns genügen, den Groll gegen Amerika etwas zu mildern, und man wird vielleicht Herrn Conried, als echten Amerikaner, für sein Beginnen nicht so sehr verantwortlich machen können. Sie wissen nicht, was sie tun. Wer den deutschen Künstlern Hertz und Fuchs, Burgstaller und Göritz, Lautenschläger und Frl. Ternina .c. ist ihr Verhalten nicht zu verzeihen. Denn eins ist nicht zu vergessen: ein innerer zwingender Grund, den „Parsifal" m Newyork vor 1913 auszuführen, lag nicht vor! Wenn Frau Cosima Wagner allen, die in Newyork im „Parsifal" mitgewirkt haben, Mchreuths Pforten für immer verschlossen hat, so sollten auch die übrigen deutschen Opernbühnen, die ja Richard Wagner in mehr als einer Hinsicht so unendlich viel schuldig sind, diesem wirksamen Protest folgen und damit dokumentieren, daß sic, in lieber' einstimmung mit uns, mit den Newyorker Parsifalsängern nichts mehr zu tun haben wollen. Wir können sie auch wirklich entbehren. (Uns würde diese Maßregel doch etwas zu hart und fragwürdig erscheinen, wenn es sich um wirllicye Künstler handelt. D. Red.) Und mag man über Wagners letzten Willen denken, wie man wolle; eins ist sicher und wird von niemand geleugnet werden: Deutsche Künstler durften nicht da mitwirken, wo ein moralisches Recht des Meisters, das für sie eigentlich auch noch ein gesetzliches in sich schließt, mit Füßen getreten wurde. Ich glaube, daß amerikanische Bürger solche Wtrünnige im umgekehrten Falle nicht wieder in Ehren aufnehmen würden? Und wir? — Der Broadway von Newyork ist nicht der Ort für die Tat einer Parsifalaufführnna, diese Ü berzeugung hat sich nun wohl bei allen, • die Conrieds Vorstellung miterlebt haben, Bahn gebrochen. Die „Reue Musik-Zch." hatte sie von vornherein, als die ersten Nachrichten über Conrieds Vorgehen bekannt wurden, ausgesprochen. Die restlose Wiedergabe eines Kunstwerkes wäre ja doch nur erst eine Seite der Bayreuther Forderungen; eine andere, und meiner Meinung nach sicher nicht weniger wichtige, ist die gehobene Stimmung der Zuhörer, wie sie nur auf vorbereitenden Momenten äußerer und innerer Natur sich aufbauen kann. Wird diese aber, wenn überhaupt ge- 236 Literarisches. Kesundyeitspflege. z ta Na K 0 A E N R V A E N R Z A K N mer wiederkehrende mecha- Magen und Tickbarm. Zur Homogramm. (Nachbildung verboten.) Verhütung ist daher die feinste Zerkleinerung der Speisen A „Munde, sowie eine größere Bevorzugung der breiig- flussigen Form notwendig. Oswald Kühn in der „Neuen Musik-Zeitung". (Stuttgart, Verlag von Karl Grüninger.) ---- Meta, Nadel, Tadel, Delta, Naine. del , Hinblick auf den Internationalen Frauenkongreß, der im Junr m Berlin tagen wirb, bringt jetzt „Die Frau" (heraus, gegeben von Helene Lange, W. Dtoeser, Berlin 8.) eine Reihe von mterejsanten Artikeln über die hervorragenden Frauen, die der Kongreß auS dem Ausland hierher führen wird. Ein längerer Essay des Märzhestes schilderte die markante Persönlichkeit und das bewegte Leben der Seniorin der Frauenstiminrechtsbewegung in Amerika, Susan B. Anthony, die voraussichtlich trotz ihrer 84 Jahre nodj die Reise nach Deutschland wagen wird. Im Aprilheft gibt Helene Lange eine Lebettsskizze von Lady Aberdeen, der zweiten Vorsitzende,i des Frauenweltbundes. Als Gattin eine liberalen Mitgliedes des Oberhauses, des Lord Aberdeen, der unter dem Ministerium Gladstone Vizekönig von Irland und später während fünf Jahren Generalgouverneur von Kauada gewesen ist, vor allem aber als Führerin der großen politischen Frauenverbände der liberalen Partei in England und Schottland, ist Lady Aberdeen mit der politischen TageSgeschichte Englands mannigfach verknüpft. Es dürste für alle, die dem Internationalen Kongreß Interesse entgegen bringen, sehr wertvoll sein, sich au der Hand dieser Artikel über die Persönlichkeiten, die dort eine Rolle spielen werden, zu unterrichten. — Das Aprilheft bringt außerdem einen sehr aktuellen Artikel der Vorsitzenden des deutsch-evangelischen Frauenbundes, Paula Müller, über das kirchliche Wahlrecht der Frauen, sozialpolitische Beiträge von Dr. Robert Wilbrandt und Dr. Robert tooimcn ,nicht sogleich wieder zerstört, wenn wie in New- York den Zuschauern des „Parsifals", die in der Pause das Theater verlassen, plötzlich die tausend Stimmen der abendlichen Großstadt entgegenbrausen? Wenn ihnen die neuesten Nachrichten zugeschrieen werden über die Abfahrt der russischen Flotte aus Wladiwostok und die Landung japanischer Truppen in Korea? Oder über den letzten Kurssturz und den geheimnisvollen Mord in der Dachkammer? Was soll man denken, wenn die elegante Damenwelt, die wegen des Beginns der Vorstellung am Nachmittag im erste« Akt in Straßentoilette erschienen war, nun in der Pause auf Gummirädern nach Hause eilt, um sich in Grande- Toilette zu werfen? Oder wenn den Besuchern der um- liegenden Restaurants dort eine Musik entgegenschallt, die im krassesten Gegensatz zu der eben vernommenen steht? Und unter solchen Umständen soll sich vom Bayreuther Geiste etwas erzeugen können, dem Geist, den Magner für fern letztes Werk vor allem nötig hielt, weshalb er es auch vor Profanierung jeder Art zu schützen suchte? Die ganze „Aufmachung" des Conriedschen Projekts war aber trotz alledem eine, wenn auch vielleicht ungewollte Herabsetzung der Wagnerschen Ideen vom Kunstwerk und dessen hoher Bedeutung für die Menschen. Es sollen hier nicht dre gute Absicht und das „Verständnis" der Newyorker angezweifelt werden; mit dem Verständnis ist's Wohl auch hüben noch nicht überall und immer zum besten bestellt, und es darf sich hierum im Streite der Meinungen auch gar nicht handeln, weil es töricht wäre, jemanden die , . .. Gelegenheit zum Verstehenlernen zu entziehen. Die tiefere I Michels, einen literarischen Essay über Mörickes Briese usw. Frage ist die, ob nicht das Zusammentreffen der im täa- I . —Zur populären Astronomie. Der dritte Band lrchcn Leben einer modernen Riesenstadt zum Ausdruck kom- I Prachtwerkes „Weltall und Menschheit" (Berlin w, Menden „Kultur" mit der des Dramas vom reim»» I «. Co., 100 Lieferungen groß 8° zu 60 Pig.) ist der ®e- unb der Gralsentbüllvna das ni>vns.„ 'lLür.ett | schichte der Erforschung des Weltalls gewidmet. Der 3. Abschnitt, M welcher die Himmelskunde behandelt, liegt ersreulicherweise in den $.■ Z.. a „rCoI r• JP tCr an ®a9ner,3 Gegenteil der- I Händen einer vornehmen litterarischen Persönlichkeit, Professor -i , Hbschmacklose, m Newyork geprägte I Wilhelm Förster. Die Gewalt des teleologischen Gottesbeweises Wort „Parsisantrs spricht hierzu Bände, die einen Kom- I wird (S. 12) mit folgenden Worten anerkannt: „Und man geht mentar unnötig machen. Lassen wir also den Amerikanern I gewiß nicht fehl, wenn man in dem Eindruck dieser Größe der ihre Sensation, und bleiben wir bei unserem Glauben' I Weltlenkung eine der wesentlichsten Stützen des Monotheismus daß der „Parsifal" seine einzige Sprache vollverständlich '«ährend aus dem Eindrücke der Regellosigkeit, Willkür und nur dort reden kann, wo der Frieden und die Lieblichkeit I ^^arNgkeit der irdrschen Erscheinungswelt, einschließlich des Geber Natur, wo eine vom Werktagslärm und TagesplackeRn 7Z,'."^/"Ä^enS der Polytheismus seine Nahrung zog. Diesem befreite UrnrrpFutnA mluucruivn s gelt es schon als eine Befriedigung des Erklarungsbedurinisses schassen 17n8 barttnn ^2-hbdtNgUNgen dafür | gegenüber den ordnungslosen unverstandenen Naturerscheinungen, «t-r „ z wnch er zuruckkehren von unsrer- I wenn man ihnen eine Lenkung durch menschenähnliche Willens« wil.cger Pilgerfahrt, dorthrn, auf den stillen Hügel vou i entscheidungen zugrunde legen konnte, die an sich auch vielfach Bayreuth, bis kommende, bessere Zeiten ihm eine würdige I problematisch und regellos war, aber wenigstens als etwas Ge- Statte auch anderswo bereitet haben, ihm und seines- I wohntes und häufig als etwas Sympathisches erschien, vielleicht gleichen! j auch sympathisch gestimmt werden konnte." Es liegt nahe dabei, an Schiller zu denken, der in den Göttern Griechenlands diese Unvollkommenheit der hellenischen Naturauffassung poetisch verherrlicht hat. Der Abschnitt über die chronologische Bedeutung dO Mondes berücksichtigt die Forschungen von P. Kugler 8. J. über die Astronomie der Chaldäer und entlehnt seinem Werke „Die babylonische Zeitrechnung" eine Keilschrist-Reproduktion. Ueberhaupt sind auch in diesem Teile des Gesamtwerkes die Beilagen und Vollbilder zahlreich und gut ausgewählt. (hr.) Die Zerkleinerung der Speisen. Ein I Hcmptgrnndscch bei der Herstellung von Krankenkost ist der, | dreSpersen tn möglichst fein zerteiltem Zustande zu reichen, I Weil sie hier am verdaulichsten sind. ’ Wer diese ster- | klemerung der Speisen paßt nicht allein für Kranke, sondern fie rst auch den Gesunden notwendig. Tenn je mehr I dre Nahrungs/toffe zerkleinert sind, um so besser werden sie von den Verdauungssäften gelöst und um so geschwinder I werden sie verdaut. Tas gilt sowohl von Fleisch wie I bott Gemüsen und Obst. Tie Bedeutung desjenigen Organs, z welches diese Zerkleinerung zu besorgen hat, nämlich der Zahne, wird dadurch in das richtige Licht gerückt. Tie | Mundverdauung durch Zähne und Speicheldrüsen ist leider j w^mg bekannt und wird vielfach unterschützt. Würde t Die Buchstaben sind in die Felder der Figur derart einzutra- oer .muakt und die bannt verbundene starke Durchtränkung X gen, daß die drei wagerechten Reihen gleichlautend mit den senk- der Spelsen mrt Speichel verlängert werden, so würde es j rechten sind und Wörter von folgender Bedeutung ergeben: 1. bei naa) Ansicht eines italienischen Arztes möglich sein, die ! den Damen beliebter Schmuck; 2. lästiges Nagetier; L. männlicher Quantität der genossenen Speisen bedeutend herabzumin- | Vorname. deru, weil als sicher angenommen werden muß, daß ein I (Auflösung tn nächster Nummer.) des Fettes und des Eiweißes beim Durch- I Auflöiuna des Kreurrätsels in oor Nr.» schmttsmenschen infolge des hastigen Essens unverdaut f Ö| n9 0CS ^reuzral,cis m vor. Jir.. wieder abgeht. Wichtig ist die Zerkleinerung der Speisen I autf) für dre Verhütung des Krebses der Verdauunas- dieser hat seinen Sitz dort am häufigsten, wo •,5 ^hhrungsbestandteile immer wiederkehrende mechanische Rerze abgeben, also im ™ " R A N Sieboftions August Götz. - Rotatiou-druck und Berkag ter Brüh,'scheu lluirerflöts-Bvch- und Cteiudruüerei. R. Lange Gießen.