1904. »BH S WWZ W- Samstag den 20. Aeöruar.^ M B Zs (Nachdruck verboten.) Wssa Jalconieri. Von Richard Voß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Du hast es gut auf der kalten, stolzen Höhe Deiner Vortrefflichkeit! Du thronst in den Wolken Deiner Tugenden, stehst zu Deinen Füßen die staubige, sündige Welt, fühlst Dich erhaben über Erdenqualen und Menschenfchuld: über all, den Jammer da unten! Du urteilst von der Höhe Deiner strengen Sittenreinheit herunter; und — Nein! Du verurteilst nicht — noch nicht! Noch bist Du gütig und barmherzig, noch schaust Tu geduldig zu. . . Aber da Du mich unmöglich verstehen kannst, wie könntest Du mir wohl vergeben? „Alle Schuld, der Du selber Dich zeihst, liegt ja nur in Deiner Einbildung, arme, kleine, dumme Viviane!" Damit entschuldigst Du mich bis zur Stunde, damit versuchst Du, mich zu entschuldigen. Freilich ist alles, alles nur in der Phantasie. Bei uns Frauen ist immer nur alles in unserer Phantasie! Das ist es ja eben! Das ist für uns Frauen die Gefahr. Unsere Phantasie ist die Kupplerin. Begreifst Du nicht? Wenn alles Phantasie ist, so ist auuch alles Impression und Sensation! Welches Unheil haben wir Frauen allein durch unsere Impressionen und Sensationen ungerichtet: über andere und über uns selbst gebracht! Wir können durch Impressionen und Sensationen zu Märtyrerinnen, Heldinnen und Heiligen — zu Betrügerinnen, Ehebrecherinnen und Dirnen werden. Auch zu moralischen Totschlägerinnen und Mörderinnen. Und wenn die Impression vorbei ist, die Sensation verflogen, die Phantasie wieder entnüchitert — Was dann? _ _ Was dann, wenn wir erkennen, daß alles, alles aus- schlreßlich Impression und Sensation war; alles, alles ledig- lrchj m unserer Phantasie lag? Selbstmörderinnen werden wir nicht. Dafür sind wir zu feige. Auch Büßerinnen werden wir nicht. Dazu sind wrr zu frivol. ..Wir werden einfach immer verlogener, verworfener, verächtlicher. Und das Ende? Eine alternde, kokette Mondaine, eine alte, entnervte Mondame... Und das heißt man dann „gelebt" habere Trostlos! Könnte ich dieser erdrückenden, erstickenden Wüstenluft entfliehen, in Dein grünes Bergland hinauf. Hochlandsstürme! Es müßte köstliche sein. Und wenn eine Windsbraut die am Rairde eines Wgrunds Wandelnde faßte und hinunterrisse — Aengstige Dich nicht. Das sind 'Eindrücke, Stimmungen, eben Impressionen. Sie gehen mit dem Scirocco vorüber. Und wenn wir eine kräftige Tramontana bekommen, werde ich gar nicht mehr verstehen, weshalb ich mir einen Abgrund wünschte. Ich kenne mich viel zu gut. Das ist ja eben mein Unglück! Geliebte Beichtmutter, ich wurde versucht. Es geschah zum erstenmale in meinem Leben, daß es wirklich eine Versuchung war. Siehe! Ich befand mid) in einer Wüste und fühlte mich dem Verschmachten nahe. Da trat der Versucher zu mir, zeigte mir das Land aller Verheißung, wollte es mir zu eigen geben, wollte mich erquicken und vor dem Verschmachten bewahren, wenn ich — ihn ein einziges Mal küssen würde. Sei ruhig: ich küßte ihn nicht. Und so bleibe ich denn in meiner Wüste und verschmachte. * Wie der Versucher aussah? Wie sehen heutzutage Versucher aus? Cie haben weder Hörner noch Bocksfüße, speien weder Flammen noch riechen sie nach Schwefel. Mern Versucher trägt die Uniform Seiner Majestät des Königs von Italien, hat dunkle, kleine, entzückende moustaches und parfümiert sich mit Lavendelwasser . . . Du siehst, wie ruhig, Tu sein kannst, Tenn Deine kleine, dumme, aber stolze Viviane und irgend ein hübscher, flotter Offizier — Wüsteneinsamkeit und Tod durch Verschmachten sind denn doch besser. Daß er nicht gerade von Kopf bis zu Füßen irgend einer ist, wirst Du Dir übrigens denken können. 'Er ist so köstlich frisch, ein junger Held! Und dann: Er ist ein ganzer Mann! Ich glaube, er liebt mich sehr. Aber leider weiß ich was er an mir liebt. Und dieses Was hat mich vor ihm bewahrt.. Sonst hätte mich mein Genie für Impressionen, hätten mich meine Gelüste nach Sensationen vielleicht in bas mir gezeigte Paradies herabgezerrt. Ich wäre in dem Garten Eden eine kleine, sehr kleine Weile wahrscheinlich leidlich selig gewesen — nur in der Phantasie natürliche —. und dann — Aber mein junger Held liebt an mir nur meinen Lech will von mir nur meinen Leib besitzen. Und noch einmal nichts sein als Körper — zehnmal lieber lasse ich meine Seele hungern, dürsten, umkommen. Wer meine Lippen berühren will, muß meine Seele besitzen, meine Lippen gar nicht haben wollen. Wie Du einsehen wirst, kann ich meinen jungen Heldech der ein ganzer Mann ist, nicht helfen. 110 Ich! bin feige. * liches geschahen. * die Verantwortung. große Furcht, schreiben konnte ich Worte: und warten. ! Jedoch dann geschah's... t a Es waren gerade viele Leute in der Villa; denn Frascatr bat jetzt season. Die Torlonia sind hier, die Aldobrandcm, Gracioli, und viele andere. Man lebt jetzt hier in Pau oder Baden. Auf Tusculum soll demnächst im griechischen Theater Komödie gespielt werden. Ich hoffe, Assunta Nerr kommt dazu her. . Also • es war viel Welt bei uns, und auf der Pmien- wiese fand ein fete champetre statt. Ich hatte die schönsten Mädchen und jungen Männer ausgesucht, in das alte, prächtige Frascatanerkostüm gesteckt und ließ unter den Pinien Saltarello tanzen. Die Sarkophage waren mit frischen Rosen gefüllt, in denen große Scheiben Eis aufgestellt wurden. Hier soupierte Man an kleinen Tischen. Es war wirklich sehr hübsch. , r Die Fürstin M. . . . war da. Schrieb rchs Dir, daß diese Dame meinen Prinz-Gemahl unwiderstehlich findet? Ich schrieb es Dir wohl nicht? Es ist ja auch so gleuh- giltig. Stelle Dir vor: Madame la Prmcesfe ließ sich sogar von Monsieur le Prince Smaragde schenken — Außer diesem famosen Paar befand sich trt der Gesell- Gott stehe mir bei! Ich übernahm * Wie das gekommen ist? Ich schrieb ihm nicht: ich hatte zu Ich! dachte immerfort daran; aber das an mir sich vollziehen soll? Vielleicht schauderte nur, weil ich an keine Wunder für mich mehr glaube. Oder kam es, weil er so ganz anders ist als alle Männer, die ich kenne? Weil ich vielleicht einen anderen Mann gewissenlos vernichten könnte, nur nicht diesen Mann! Weil seine Stirn der Genius geküßt hat, sodaß es em Sakrileg sein würde, wollte ich seinen Mund küssen: nicht um ihn zu erlösen, sondern zu vernichten . Ich weiß es nicht — nichts weiß ich! Ich muß erst Wieder zu mir selbst kommen. Ich muß mich erst erforschen, muß ergründen, ob ich — Dina, Tina! ob ich die Beantwortung übernehmen darf? Ich höre Deine feste, klare, kalte Stimme nur antworten: „Nein!" " * Die ganze Nacht wachte ich, wollte denken, überlegen, beschließen und kam zu keinem Entschluß. Sein Licht brannte nicht. Als der Morgen graute, schrieb ich ihm. Ich bat ihn, mir Zeit zu lassen. Ich sehe und höre nichts von ihm. Jeden Morgen, wenn die Kammerfrau zu mir ins Zimmer tritt, erwarre ich, daß sie sagen wird: ... „ , „Imaginez-vous, madame: le comte de la Villa rai- conieri, vous savez, le monsieur avec la grande passion, s’est tu6 cette nnit!“ La grande passion — Wie diese Person das r schnarrt und das s zischt! „La grande passion“ — Erinnerst Du Dich des Eindrucks, den die Phrase damals auf mich machte? Und jetzt - jetzt höre ich,immerfort, immerfort mit dem geschnarrten r und dem gezischten f r „La grande passion! La grande passion!“ Und jeden Morgen erwarte ich, daß meine Kammersrau mir mitteilt: es sei in der Villa Falconieri etwav Eiusetz- ihm nicht. Und unablässig dachte ich an ferne „Du kannst mich erlösen, oder vernichtens Es war so seltsam! Daß ich die Macht besaß, zu vernichten, wußte ich wohl — welche Frau weiß es nicht? — daß ich! aber auch eine arme Menschenseele erlösen tonnte, hatte ich nicht gewußt. „ Einem einzigen Menschen „alles" zu sein, wünschte ich? Jetzt konnte mein Wunsch sich erfüllen! In einer einzigen Empfindung groß zu sein, sehnte ich mich? Jetzt konnte ich meine Sehnsucht stillen ... Und jetzt graute nur's vor meiner eigenen Macht, jetzt fürchtete ich mich bor nur selbst. Undich schrieb ihm noch immer nicht, ließ ihn warten Eine Mondaine zu sein und nichts anderes als eine I Mondaine, ist doch eigentlich etwas Jammervolles. Selbst die große Mondaine macht die Sache nicht besser. Als Mondaine geboren werden, als Mondaine lebeii, sterben und sich begraben lassen; und was zwischen solcher Geburt und solchem Tode liegt — mir graut's! Assunta Neri ist ein großer Mensch; andere Frauen sind | große Malerinnen, Schauspielerinnen, Dichterinnen. Oder sie sind große 'Emanzipierte. Wiederum andere — ja, was sind andere Frauen sonst noch? I Sie sind groß als Gattin, oder groß als Mutter, oder- groß als Geliebte, oder groß als Weib. I Ich möchte gar keine große Künstlerin sein, wäre ich nur als Weib etwas weniger klein. .L I Worin könnte ich ausschließlich in meiner Weiblichkeit groß sein? c j Als Gattin nicht, auch nicht als Mutter; dann also I Eine große Leidenschaft! Eine große Leidenschaft! „ Wenn ich einem Menschen alles sein könnte — würde | ich dann nicht auch ein einziges Mal leben, ehe ich sterben I muß? Und ich soll so bald sterben müssen! I Wie aber, wenn auch diese eine mich verzehrende Sehn- i sucht nur der gierige Wunsch nach Sensation wäre? * Der Prinz hat eine neue Maitresse, mein junger Held bleibt fort und hat sich — mit einem anderen Leibe getröstet. Auch Cola Campana läßt sich nicht blicken. Die Madama soll abgereist sein — ganz plötzlich! Was bedeutet das? . . - Und warum kommt er auch jetzt nicht? Sollte er sich fürchten? Sollte er — ! Ich schrieb Dir, daß er wirklich gar nicht so alt sei. Aber weißt Du auch, woher es kommt, daß er mit seinen vollen fünfundvierzig Jahren noch gar nicht so alt ist? Seine Jugend ist früh, sehr früh eingcschlafen: durch einen bösen Zauber verhext. Als verzauberte Märchenprinzessin ruht sie eingeschlossen in seiner Seele, unter lanter, lauter Dornen. Tie grauen Stacheln werden duftende Blüten treiben und die Prinzeß wird aus ihrem Todesschlafe erwachen, wenn — Cola Campana auf den Mund geküßt wird. Es kommt freilich darauf an, wer ihn küßt. Es müßte merkwürdig sein, die schlummernde Jugend in dieser Mannesseele zu wecken. Er würde dann gewiß wieder ein Dichter werden, vielleicht sogar ein großer Dichter. Ja! Es müßte wunderbar sein. . . Dina, Tina! Ich beichte Dir meine Sünde, meine Gedankensünde: „mea culpa, mea maxima culpa!" Bin ich sehr schuldig? Kannst Du mir meine Gedankensünde verzeihen? Keine so leicht wie diese! * Heute kam er zu mir und sagte: ,jDu kannst mich erlösen, oder vernichten." Er sagte es ganz ruhig. Ich hatte auch! gär keine Furcht. Es durchschauerte mich nur im Allertiefsten. Mir war es, als wäre ich eine große Souveränin und die Richter legten in meine Hände ein Todesurteil; und wenn ich das Blatt unter schrieb, mußte ein Mensch sterben. Es war solche Verantwortung, die er in meine armen kleinen Hände legte. Nun weiß ich sehr wohl, daß eine Mondaine keine Verantwortung zu tragen hat: weil sie keine Verantwortung übernimmt. Eine echte Mondaine legt niemals Rechenschaft ab: weder Gott noch sich selbst. Was man Gewissen zu nennen pflegt, dieses Organ wird von einer solchen Dame gar nicht gekannt, also gar nicht besessen. Dennoch durchschauerte es mich. Eine echte Mondaine läßt sich lieben, nimmt einen Liebhaber und verläßt einen Liebhaber. Sie beseligt kurze Zeit und macht für lange Zeit unselig. Sie bringt ins Irrenhaus, treibt zum Selbstmord, zur Schande und — bleibt eine echte Mondaine. Und trotzdem diese Schauer! Bin ich besser und stärker, als ich selbst weiß? Will ich eine Verantwortung übernehmen? Will ich erlösen und nicht vernichten? Oder will ich durch seine Erlösung mich selber befreien; und graut mir's nur vor dem Wunder, schäft noch ein zweites: mein junger Held und die kaum verheiratete Herzogin D. . . . Du staunst? Ich ganz und gar nicht! Tenn' ich kenne die Welt. Die junge Herzogin ist übrigens reizend'. Ich saß unter den geschmückten Särgen wie in einer Theaterloge und sah die Komödie mit an. Aber auf einmal wurde ich tootraurig. Bei Anbruch der Dunkelheit begann man unter den Pinien zu illuminieren: Lampions, Raketen', Feuerrädeb, griechische Lichter. Dazu Musik, Lachen, Liebe, Glück, Leidenschaft, Lebensfreude. Nur ich war traurig und einsam. Ich wußte, daß ich an diesem Abend sehr schön aussah. Man hatte es mir mit Worten und Blicken deutlich genug zu verstehen gegeben. Mein junger Held ließ sogar seine reizende Herzogin im Stiche, kam zu mir, blieb bei mir, und seine Blicke sagten mir unaufhörlich!: ,Du bist sehr schön! Du bist so schön,'daß ich Dich haben muß! Und ich werde dich haben! Denn — ich kann warten.' Da faßte mich solcher ©fei. . . Dazu der Ltchtkampf, die Musik, das Lachen, die Lebensfreude, das Liebesglück der anderen! Die Villa Foleonieri lag dunkel und einsam über mir; und ich wußte: dort oben wartet einer auf dich, den du erlösen kannst — erlösen allein durch deine Seele. Ich erhob mich, ließ meinen jungen Helden sitzen, ging durch alle Mensc^n über die Wiese. Ich- ging an dem Prinzen und seiner Fürstin vorüber,, ging geradenwegs auf die kleine grüne Pforte zu, die jetzt immer unverschlossen ist. Ich hätte die Pforte geöffnet, wäre geradenwegs hinaufgegangen, wäre zu ihm gekommen und hätte ihm gesagt: „Hier bin ich. Jetzt erlöse du mich!" Aber bei der Pforte stand er und wartete. Als er mich kommen sah, lief er mir entgegen. Er warf sich vor mich hin, umschlang mich, drückte seinen Kopf gegen meinen Leib und weinte. Ich küßte seine Haare, seine Stirn, seine Augen, seinen Mund. ' Ich küßte seine schlummernde Jugend wach. Wir sind sehr glücklich (Fortsetzung folgt.) Waudereisn ans der KaiserstM. (Nachdruck verboten.) Ans der Selbstmordchronik. — Die „Geheimrathsgö'hre." — Glückliche Künstler. — Bom neuen Opernhans- Tie trübste aller Rubriken in unseren hauptstädtischen Blättern bildet die keinen Tag ausbleibende Selbstmord- chronik, die mit einer unheimlichen Gleichförmigkeit als Ursachen für das freiwillige Scheiden aus dieser „besten aller Welten" Nahrungssorgen anzugeben Pflegt. Lebensüberdruß, Furcht vor Strafe oder Schande kommen erst in zweiter und dritter Linie; aber einen hohen Prozentsatz stellen auch! getäuschte Liebeshoffnungeu, zumeist beim weiblichen Geschlecht. Geradezu verblüffend und auf die Beziehungen unserer großstädtischen Jugend ein grelles Schlaglicht werfend, ist der jüngste Fäll dieser Art, nachdem ein dreizehnjähriges Mädchen ins Wasser gegangen ist, weil ihre Eltern denr Liebesverhältnis, das sie mit einem Gymnasiasten unterhielt, ein Ende gemacht hatten. Man erkennt daraus, wie früh der „holde Wahn" unsere Männlein und Fräulein überfällt und mit welchem Ernste sie dergleichen zu betreiben vermögen. Tie kleine, frühreife Julia, die ihres Romeo wegen in die kalten Fluten der Spree stieg, dort aber jämmerlich um Hilfe schrie, wurde gerettet aus dem nassen Element; ob ihr viel zu früh erwachtes Liebesleben sie nicht für einen anderen Untergang bestimmt, läßt sich schwer beantworten. Jedenfalls gibt der krasse Fall Eltern und Erziehern einen deutlichen Fingerzeig. Berliner Mädel lassen sich freilich schwer überwachen. Tie weiten Schulwege, die Unmöglichkeit, den Umgang zu kontrollieren, die heimliche Lektüre und manche anderen Momente, die in der kleinen Stadt ganz oder doch teilweise fortfallen, bewirken es, daß aus den Töchtern so mancher Eltern Geschöpfe mit einem höchst sonderbaren Innenleben werden, von dem nicht einmal die Mutter eine blasse Ahnung hat. Tie sogenannte „Geheimratsgöhre", die auf Abenteuer zweifelhaftester Sorte ausgehei, ist ja 111 — eine typische Romanfigur geworden; nur ist ihr Vater im wirklichen Leben sehr oft etwas ganz anderes, als Geheimrat. Eigentümlich berührt es, wenn man mittags vor den „höheren Töchterschulen" die Herren Kavaliere vom Gymnasium warten sieht. Tie Eisbahn bildet eine willkommene Gelegenheit, zarte Beziehungen zu festigen, und da die jungen Herrschaften meist über mehr Geld verfügen, als ersprießlich ist, kann man sie mitunter auch hübsch beieinander im Theater sitzen sehen. Aber sie gehen nicht etwa in den „Teil" oder „Wallenstein". Tas sind überwundene Scherze. Ihre Ziele sind realistischerer Art; sie besuchen mit Vorliebe Operetten und schrecken auch vor einem Pariser Ehebruchsschwank nicht zurück. Es gibt eben hierzulande keine Kinder mehr! Allerdings sorgen die lieben Eltern vielfach selber dafür, daß die halbwüchsigen Dinger nur alles so früh wie möglich kennen lernen. Ich erinnere mich nicht eines Theaterabends, in dem ich nicht irgend ein paar unverständige Mütter mit ihrem noch kurzröckigen, langzöpfigen Töchterlein im Parkett oder den Logen gesehen hätte. Tie gewagtesten Situationen, die salzigsten Zweideutig-, nein: Eindeutigkeiten lernen diese Kinder kennen und die Frau Mama sitzt daneben und amüsiert sich mit! Aus diesen Kreisen stammen natürlich auch die Bücher, die in der Klasse heimlich kursieren: To- vote, Hans von Kahlenberg, Maupassant und ähnliche Back- sisch-Lektüre. Mitunter wird dergleichen sogar gemeinschaftlich gelesen. Es gibt so nette Konditoreien mit verschwiegenen Rauchzimmern, die für ein „Lesekränzchen" wie geschaffen erscheinen! Ein besonderes Kapitel verdienen die ungesunden Verhimmelungen beliebter Schauspieler an unseren großen Bühnen, die ich schon einmal gestreift. Ich habe bei einem dieser Herren eine Sammlung von Mädchen- briefen gesehen, die neben naiven Kindertönen eine ganze Skala von verschleierter Verdorbenheit enthalten; Verdorbenheit, die über Selbstmordgedanken wegen eines gewaltsam beendeten Liebesverhältnisses längst hinaus ist. Ein trostloses Bild', das freilich noch übertroffen wird von jenem, das sich aus bedauernswerten Schichten entrollen läßt, die durch die Macht schlechter sozialer Verhältnisse ihre Kinder verseuchen lassen müssen. Ein glückliches Völkchen ist in diesem Winter das Personal unserer Königlichen Oper, das sonst, zumal im Orchester, nicht gerade knapp beschäftigt ist. Durch den Not- Umbau des Opernhauses, der sich nun schon über den zweiten Monat hinzieht und vorläufig noch immer nicht beendet ist, genießen die Braven eine Reihe herrlicher Ferientage, die höchstens ein paarmal in der Woche durch Vorstellmrgen bei Kroll unterbrochen werden. Ueber den Bau des geplauten neuen Opernhauses kursieren noch immer die verschiedensten Gerüchte. Es ist aber jetzt sicher, daß es unter Zuhilfenahme des sogenannten Prinzessinneu- Palais an die Stelle kornmt, wo jetzt der alte Bau steht. Doch liegt dieser Bau noch im weiten Felde. Dian wird zuvor erst die Krollsche Bühne derartig umbauen, daß sie für die JNterimsjahre vollen Ersatz bietet. Und da der Kaiser bekanntlich alle Sicherheitseinrichtungen moderner. Theaterbäukunst auch für diese Ersatzbühne angewandt wünscht, so wird dieser Ersatzbäu erst einmal längere Zeit in Anspruch nehmen; vielleicht mehr als die geplanten neuen Privattheater, mit denen wir im nächsten Jahre an der Weidendammer Brücke und mrderswo beglückt werden sollen. _______ A- N- Milder aus dem ^ande der ausgehenden Sanne. Von Dr. Ludwig Rieß.") I. Der japanische Soldat in Krieg und Frieden. 1. Dai Ni hon Bansai, d. h. „Großjapan für immer", wird es jetzt Tag für Tag anf den Kasernenhöfen und Uebungs- plätzen widerhallen, wenn die Exerzitien zu Ende sind oder der Heimmarsch angetreten wird. Beiin Ausrücken zu den Felddienstübungen werden die Lieder aus dem offiziellen Kriegsliederbuch gesungen werden, das vor 10 Jahren eingeführt wurde. Viele neue Texte zu den bekannten Weisen, *) Ter Herr Verfasser kennt durch einen 15jährigen Ausenthalt in Japan, mährend dessen er die Professur der Geschichte an der kaiserl. Universität zu Tokio bekleidece, Land und Leute aus genauer Anschau 112 die bei der ausgeschriebenen Konkurrenz den Preis gewonnen haben, werden sehr bald hinzukommen. Bis der Truppentransport im großen beginnen kann, muß ja erst der Seekrieg entschieden sein. Es bleibt also Zeit genug, nach Feierabend in kleinen Trupps marschierend, die für die neue Situation passenden Strophen fest einzuprägen. Die Japaner singen zwar nicht sehr schön; aber sie haben ein vorzügliches Gedächtnis für den genauen Wortlaut. Seitdem die Japaner im Februar 1889 die allgemeine Wehrpflicht mit den uns früher so geläufigen Zahlen, drei Jahre in der Linie, vier Jahre Reserve, fünf Jahre Landwehr, angenommen haben, so ist häufig eine Vermehrung der Kadres vorgenommen worden, daß die Zahl der Eximierten und sich freilosenden immer geringer wurde. Die Friedensstärke des japanischen Heeres wird streng geheim gehalten. Aber die Schätzung, daß seit 1900 jährlich etwa 55 000 Mann ein- geftctlt werden und daß jetzt zu einer stehenden Armee von 160 bis 170 Tausend Mann noch 170 Tausend Reservisten imb 150 000 Landivehrleute hinzukommem (im ganzen also 480 bis 490 Tausend) wird der Wahrheit sehr nahe kommen. Es sind kleine, salopp gekleidete und außer Dienst in dem ungewohnten ledernen Schuhzeug recht lässig wandelnde Gestalten, aber wohlgemute, sich als etwas Besonderes fühlende frische Kerls, die eine sonst den Japanern ganz fremde Vorliebe dafür haben, angefaßt zu Zweien und selbst Dreien durch die Straßen zu trollen. In die große, der preußischen nach geformte Schirmmütze sind sie besonders verliebt. Extra- mülien ist der einzige Luxus, den sie sich erlauben. Von dem m anderen Ländern den Mannschafteil eigenen „Hang zum K: : vcrsonal" ist den japanischen Soldaten nichts eigen; meist halten sie sich auf ihren Vergnügungsgängen ganz nistrr sich. Allerdings sieht man vor Speise- und Tee- häuscrn häufig die hohen Schäftstiefel und Gamaschen-Schnür- stiefel flehen, die dem Kundigen verraten, daß drinnen Soldaten auf den Matten hocken imb ihren inneren Menschen restaurieren. Namentlich die Erzählerbuden haben an ihnen eine gute Kundschaft. Das Leben in der Kaserne ist den japanischen jungen Männern aller Stände etwas Gewohnteres und Anheimelnderes als uns. Die große Gleichmäßigkeit der Lebensgewohnheiten, die allgeineine Liebe zur Sauberkeit, die gefügigen Umgangsformen, die schon das Gasthausleben in Japan so vollkommen regulieren, wiederholen sich eigentlich nur in den großen Stein- und Holzbauten, die der Staat ihnen ange- wiesen hat. Auch die Einjährigen empfinden in dein Vierteljahr, das sie in der Kaserne zubringen müssen, wie mir meine dienenden Studenten ost versicherten, keine Beschränkung des gewohnten Komforts. Besonders erfreulich war mir als Historiker und Preußen die Tatsache, daß die japanischen Einjährig-Freiwilligen ebenfalls schwarz-weiße Achselschnüre statt der den Landesfarben entsprechenden rot-weißen tragen. Dadurch dokruuentieren sie auf den ersten Blick, woher Japan und alle Länder der Kulturivelt dieses Institut des Einjährigen Dienstes übernomnien haben. Militär-Musikkapellen gibt es nur beim ersten Garderegiment, an der Toyama- Schule für Unteroffiziere und bei der ersten Marine-Division in Yokosuka. Auch diese spielen nur bei Festlichkeiten und Paraden. Auch Trommler und Flötisten sind bei der japanischen Armee unbekannt. Beiin Marschieren lösen sich nur zwei Gruppen von Hornbläsern ab, die immer wieder dieselbe, kurze Weise wiederholen. Da erklärt es sich denn auch, warum in der japanischen Kompagnie das Singen von Marschliedern ebenso eifrig geübt wird wie das Banzai l (Hurra!)- Schreien. In seinem Unteroffizier und Feldwebel sieht der japanische Soldat in erster Linie den Lehrer, dem er mit dem von Confucius vorgcschriebenen großen Respekt entgegenkommen muß. VerMischte». . * Die Religion der Japaner. Ein Kenner japanischer Zustande, Herr Joseph McCabe hielt dieser Tage rn London einen Vortrag über das Thema: „Japan eine Nation ohne Gott". Der Vortragende führte aus, Japan habe eigentlich drei Religionen — Shintoismus mit Millionen Gottheiten, Buddhismus mit einer Anzahl Götter, und- Konfuzianismus, die Hauptreligion, ohne Gottheit und ohne irgend welche Beziehung zu einer Gottheit. Während der letzten 1000 Jahre ist jeder gebildete Mann in Japan Anhänger des Konfuzianismus gewesen. Der Shintoismus die eigentliche einheimische Religion, ist eine Mischung voU Naturanbetung und Ahnenkultus; er will das Volk nicht moralisch inspirieren und ist lediglich ein Kultus der Zeremonien. Der Buddhismus ist eine edle Relgion; moralisch und erhebend in seiner Auffassung ist er leider zum Formenkram geworden und in theologischen Spekulationen versumpft. Auf die besseren Regungen der Nation übt er keinen Einfluß mehr aus. Der Konfuzianismus war die Quelle aller idealen Bestrebungen in Japan. In den japanischen Schulen wird keine Religion gelehrt, den Kindern werden nur allgemeine ethische Begriffe hergebracht. Gott oder der Himmel werden nie erwähnt. Den Kindern wird nur die einfache menschliche Pflicht, die der Mensch zum Menschen hat, gelehrt. Seit tausend Jahren hat der japanische Nationalgeist es sich genügen lassen, eine rein ethische Kultur im Volke zu pflegen. Im Herzen der Nation hat der Konfuzianismus eine Stätte gefunden, und alle Versuche, das Christentum auszubreiten, sind fehlgeschlagen. * Japanische Schauerromane. Japan scheint das gelobte Land für den Verfasser von Schauerromanen zu sein. Tic Japaner , sind eifrige Leser und cs wird in reichlichem Maße für die Bedürfnisse des lesenden Publikums gesorgt. Allerdings ist der Lesestoff nicht darnach angetan, europäische Kritiker zu begeistern. Eins der berühmtesten und am meisten gelesenen Werke der japanischen Literatur ist zum Beispiel „Die Geschichte der acht Hunde", ein Roman in 106 Bänden. (1) Zur Entschuldigung des „Dichters sei bemerkt, daß die Blätter immer nur auf einer Seite gedruckt sind, so daß man eigentlich „nur" 53 Bände rechnen kann. Aber trotzdem. . . . Ferner gehört es zu den Eigentümlichkeiten japanischer Schriftsteller, in ihre Romane eine solche Menge von Personen zu drängen, daß weder das Publikum, noch der Verfasser selbst am Ende ein und ausfinden können. So geschieht es schließlich nur unter dem Druck der eisernen Notwendigkeit wenn der Verfasser einen nach dem anderen von seinen Charakteren durch Gift, Dolch, Kugel, Strick oder irgend eine standesgemäße Todesart ans dem Wege räumt. Und so kommt es, daß die japanischen Romane die europäische Hintertreppen-Literatur weit hinter sich zurücklassen; es ist nur zu verwundern, daß sich noch kein Unternehmer in den sogenannten zivilisierten Ländern dazu bereit gefunden hat, unfern Küchenfeen die Schätze der Literatur im Reiche der Sonne zugänglich zu machen. Sicher sind da noch Goldminen verborgen. Bilderrätsel. (Nachdruck verboten.) (Auflösung in nächster Nummer., Oh.H. 1*«*- Gut Auflösung des Scherzrätsels in vor. Nr.: — senn. (Arsen, Rasen, Eisen, Sensen, Gassen, Senegal, Grausen, Flausen.) Redaktion: Auanst Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Briihl'schen UniversitätZ-Bnch- und Steiudruckerei. R. Lang«, Gießen.