£5 Harnstag ven 19. Wovemöer 1904. — Wr. 173 ch 8 M !HTE 1 I kJ Z *1 KafchLanka. Bon Anton Tfch ech o f f. (Nachdruck verboten.) m , (Fortsetzung.) „Was t|t denn hier los?" ertönte eine laute, unwillige Stimme, und herein trat der Fremde im Schlafrock und mit der Zigarre zwischen den Zähnen. „Was soll das bedeuten? An den Platz!" Er ging aus den Kater zu, knirpste ihn auf den Buckel und sagte: „Theodor, was ist denn das? Eine Keilerei? Ach, Du alter Schuft! Kusch Dich!" Und sich zum Gänserich wendend rief er: „Herr Iwanow, an den Platz!" Ter Kater legte sich gehorsanr aufs Kissen und schloß die Augen. Nach dem Ausdruck seiner Schnauze und seines Schnurrbarts erschien er mit sich unzufrieden, daß er sich erregt hatte und in Streit geraten war. Kaschtanka winselte gekränkt, und der Gänserich streckte den Hals aus und begann etwas zu erzählen, aufgeregt, überzeugt und ver- nehmlich, aber äußerst unverständlich. . . ,._„®d)on gut, schon gut!" sagte gähnend der Herr. „Ihr mutzt Euch untereinander vertragen . . ." Er" streichelte Kaschcanka und fuhr fort: „Und Tu, Braunchen, brauchst ^rcch nrcht zu fürchren. . . Das sind alles brave Leute und tun niemand was zu leide. Uebrigens, wie soll man Lcch denn rufen? Ohne Namen darfst Du nicht bleiben, mern Bester." Ter Fremde dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „So .... Tu wirst also Tante heißen. . . Verstehst Du? Tante!" " Und das Wort „Tante" mehrere Male wiederholend gmg er hinaus. Kaschtauka setzte sich und begann zu beobachten. Ter Kater lag regungslos auf dem Kissen und tat, als ob er schliefe. Ter Gänserich fuhr fort mit aus- gestrccktem Halse, ununterbrochen von einem Bein aufs andere tretend, schnell und überzeugend von etwas zu erzählen. Es schien ein äußerst kluger Gänserich za sein; nach jeder langen Tirade trat er jedesmal erstaunt zurück, als bewunderte er feine eigene Rede. Nachdem Kaschtanka ihm einige Zeit zu gehört hatte, antwortete er: „Rrrr . . ." und begann, in den Ecken umherzuschnüffeln. In einer Ecke stand eilt kleiner Trog, in welchem Kaschtanka gequollene Erbsen und aufgeweichte Brotrindetl vorfand. Er probierte die Erbsen — sie schmeckten nicht, probierte die Rinden — und begann zu essen. Der Gänserich war durchaus nicht be- lerdtgt, daß der fremde Hund sein Futter verspeiste, sondern rm Gegenteil, er. begann noch überzeugender zu reden und trat, um sein Vertrauen zu bezeugen, an den Trog heran und atz selbst einige Erbsen. Blaue Wunder. Einige Zeit später- trat der Fremde wieder ein und brachte ein sonderbares Dina mit, das etwa wie ein Galgen aussah. An der Ouerstange dieses hölzernen Galgens hing eine Glocke und war eine Pistole befestigt, von denen je eine Schnur herabhing. Der Fremde stellte den Galgen; mitten im Zimmer auf, nestelte lange an den Schnüren herum, blickte dann auf den Gänserich und sagte: „Herr Iwanow, ich bitte!" Ter Gänserich kam heran und blieb in erwartunasvoller! Pose stehen. „Nun", s agte der Fremde, „fangen wir von Anfang an. Verbeugen Sie sich zuerst und machen Sie einen Kratzfuß! Schnell!" Herr Iwanow streckte den Hals aus, nickte nach allen Seiten und scharrte mit der Pfote. „So, bravo . . . Jetzt sterben Sie einmal!" Ter Gänserich legte sich auf den Rücken und hob die Pfoten in die Höhe. Nachdem der Fremde noch einige ähnliche unbedeutende Stückchen vorgenommen hatte, griff er plötzlich nach seinem Kopf, drückte auf seinem Gesicht das furchtbarste Entsetzen aus und rief: „Hilfe! Feuer! Es brennt!" Herr Iwanow lief schnell zum Galgen, ergriff mit dem Schnabel eine der Schnüre und begann zu läuten. Ter Fremde war sehr zufrieden. Er streichelte dem Gänserich den Hals und sagte: „Brav, Herr Iwanow. Jetzt stellen Sie sich vor, daß Ste ein Juwelier sind und mit Gpld und Brillanten handeln. Stellen Sie sich nun weiter vor, daß Sie in Ihren Laden emtreten und dort Diebe vorfinden. Wie würden Sie in diesem Falle handelnd Ter Gänserich faßte mit dem Schnabel die andere Schnur und zog daran, worauf ein betäubender Schuß ertönte. Kaschtanka gefiel das Läuten sehr gut, und von dem Schuß geriet er in solches Entzücken, daß er um den Galgen zu laufen und zu bellen begann. „Tante, an den Platz!" rief der Fremde, „'s Maul halten!" Tie Arbeit Herrn Iwanows war mit dem Schießen noch nicht zu Ende. Eine ganze Stunde noch trieb ihn der Fremde an der Korde in die Runde und knallte mit der Peitsche, wobei der Gänserich über Barrieren und durch Reifen springen, sich bäumen d. h. sich auf den Schwanz setzen und mit den Pfoten zappeln mußte. Kaschtanka wandte von Herrn Iwanow nicht die Augen, winselte vor Vergnügen und lief mehrmals mit lautem Gebell hinter ihm her^ Nachdem Schüler sowohl als Lehrer gründlich müde geworden waren, trocknete der Fremde sich den Schweiß von der Stirn und rief: „Marie, ruf mal Frau von Grunzner her!" Gleich darauf ertönte ein Grunzen. Kaschtanka begann zu knurren, nahm eine äußerst mutige Stellung ein, trat aber für alle Fälle näher ztun Fremden heran. Die Tür öffnete sich, ein altes Weib sah ins Zimmer, sagte etwas und ließ dann eine schwarze, häßliche Sau herein. Ohne Kaschtankas Geknurr auch nur zu beachten, hob die Sau ihre 690 Schnauze in die Höhe und grunzte heiter. Sie schien äußerst erfreut, ihren Herrn, den Kater und Herrn Iwanow wiederzusehen. Als sie sich dem Kater näherte, ihn leise mit der Schnauze in den Bauch stieß und sich dann mit dem Gänserich über irgend etwas zu uuterhalten begann, konnte man in ihrer Stimme und im Zucken des kleinen Schwänzchens sehr viel Gutmütigkeit und Wohlwollen bemerken. Kaschtanka begriff sofort, daß auf solche Persönlichkeiten zu knurren und zu bellen vollkommen zwecklos sei. Der Herr stellte den Galgen beiseite und rief: „Theodor, ich bitte!" Der Kater erhob sich, dehnte sich schläfrig und näherte sich widerwillig der Sau, als erwiese er jemand einen großen Gefallen. „Nun, beginnen wir mit der „Egyhtischen Pyramide", meinte der Herr. Er erklärte weitläufig irgend etwas und kommandierte »ndlich: eins . . . zwei. . . drei! Beim .Worte „drei" schlug Herr Iwanow mit den Flügeln imb sprang aus deu Rücken "der Sau . . . Als er, mit dem Halse und den Flügeln balanzierend, auf dem borstigen Rücken einen sicheren Standpunkt gewonnen hatte, begann Theodor faul und schläfrig, mit denwnstrativer Nachlässigkeit und mit einem Gesichtsausdruck, als verachte er und schätze er seine Kunst gering, langsam den Rücken der Sau zu erklimmen, kletterte dann ebenso widerwillig aus den Gänserich hinauf und stellte sich auf die Hinterpfoten. Man erhielt das, was der Fremde eine „Egyptische Pyramide" nannte. Kaschtanka winselte vor Vergnügen auf. In diesem Augenblick aber gähnte der Kater und fiel, das Gleichgewicht verlierend, voni Gänserich herab. Herr Iwanow wankte und fiel ebenfalls. Der Fremde begann zu schreien, zu fuchteln und von neuem etwas zu erklären. Nachdem er sich üoch eine ganze Stunde mit der Pyramide abgeqnäli hatte, begann der unermüdliche Herr, Herrn Iwanow das Reiten auf dem Kater zu lehren, unterrichtete dann den Kater im Rauchen p sw. Der Unterricht endete damit, daß der Fremde sich den Schweiß von der Stirn wischte und hinaus ging, Theodor verächtlich nieste, sich aufs Kissen legte und die Augen schloß, Herr Iwanow zu seinem Trog ging und die ©au von dem alten Weibe wieder weggeführt wurde. Dank einer solchen Menge neuer Eindrücke verging der Tag unbemerkt, am Abend !oar Kaschtanka schon mit seinem Kiffen in der kleinen Stube mit den schmutzigen Tapeten einquartiert und verbrachte die Nacht in Gesellschaft Herrn Iwanows und des Katers. Genie! Genie! Es verging ein Monat. . . Kaschtankä hatte sich bereits daran gewöhnt, daß er einen luxuriösen Mittag bekam und Tante genannt wurde. Auch an den Fremden und an die neuen Genossen hatte er sich gewöhnt. Das Leben floß ohne jede Störung dahin. Alle Tage begannen auf dieselbe Weise. Gewöhnlich erwachte Herr Iwanow zuerst und kam sogleich an Kaschtanka oder an den Kater heran, streckte feinen Hals ans und begann etwas zu erzählen, heiß und überzeugend, aber noch immer unverständlich. Zuweilen erhob er sein Haupt und ließ lange Monologe vom Stapel. In den ersten Tagen hatte Kaschtanka geglaubt, daß er soviel rede, weil er sehr gescheit sei, aber nach kurzer Zeit verlor er allen Respekt vor dem Gänserich; wenn fiel) Herr Iwanow ihm mit seinen langen Reden näherte, wedelte Kaschtanka nicht mehr mit dem Schwanz, sondern malträtierte ihn, wie einen lästigen Schwätzer, der niemand Ruhe läßt, und antwortete ihm ganz ungeniert mit einem „Rrrr" . . . Theodor war dagegen ein ganz anderer Herr. Wenn er erwachte, gab er keinen Ton von sich, rührte sich nicht und öffnete nicht einmal die Augen. Er wäre überhaupt sehr gerne gar nicht erwacht, denn das Leben erschien ihm offenbar sehr wenig begehrenswert. Nichts interessierte ihn, zu allem verhielt er sich müde und lässig, alles verachtete er und nieste ekelerfüllt sogar dann, wenn er sein schmackhaftes Mittagsmahl verzehrte. Kaschtanka pflegte, sobald er erwacht war, eine Runde durch die Zimmer zu machen und alle Ecken zu beschnuppern. Nur er und der Kater besaßen das Recht, in der ganzen Wohnung umher zu gehen, der Gänserich dagegen genoß nicht den Vorzug, die Schwelle der kleinen Stube mit den schmutzigen Tapeten zu überschreiten, während Fran von Grunzner irgendwo ans dem Hofe in einem Stall wohnte und nur zu den Stunden erschien. Ter Herr wachte spät auf und begann sofort, nachdem er Tee getrunken, mit den Kunststücken. Jeden Tag wurden iu die Stube der Galgen, die Peitsche und die Reifen gebracht und jeden Tag wurde fast immer dasselbe absolviert. Ter lluterricht währte drei bis vier Stunden, sodaß Theodor zuweilen vor Ermüdung wie ein Trunkener wankte, Herr Iwanow den Schnabel öffnetejmb schwer atmete, und der Herr ganz rot wurde und die L>tirn gar nicht mehr trocken bekam. (Fortsetzung folgt.) Literarische Meteore. Von Ernst Eckstein. Won Zeit zu Zeit ist das harmlose Publikum unserer Journale und Wochenschriften Zenge des hier folgenden befremdlichen Vorganges. In den Feuilletons der „Neuen Mitternachtszeitung", in den Briefkastennotizen der „Oberdeutschen Revue", in den Essays der „Bückeburger Warte" und des „Gohliser Fremdenblattes" taucht urplötzlich die Kunde von der Existenz eines phönomeualen Talents auf: — Der Epiker Johann Leberecht Schulze, bis dahin so imßefannt, wie Schiller, ehe er die Räuber schrieb, steht mit einem Male auf der Höhe der Situation. Die genannten Organe und zwanzig, dreißig, vierzig andere wetteifern, dem neuen Eamosns zu huldigen; sie beleuchten seine Verdienste; sie analysieren seine Befähigung; sie weisen ihm den „gebührenden Platz" au, und gestatten sich int „Vermischten" ab und zu sogar ein Streiflicht ans das Privatleben des ueuerstandenen Heroen. Bei vielen dieser panegyrischen Elnkubrationen steht man zwar unter dem Eindruck, als ob der Verfasser manches verschweige, was ihm auf der Zunge schwebt, und mancherlei akzentuiere, was ihm nicht so ganz und voll aus der Tiefe kommt; eine gewisse Geschraubtheit des Ausdrucks, ein psychologischer Eiertanz, eine Equilibristik der schmückenden Beiwörter läßt sich mehr heransfühlen, als logisch erhärten; dennoch gewinnt der Leser die Vorstellung, daß der hochgeschätzte Epiker Johann Leberecht Gotthold Schulze eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung, ein Grandseigneur sei, dem zu huldigen sich keiner entbrechen könne. Befremdlich — neben der etwas gespreizten Stilistik dieser Lob- und Preis-Fenilletons — wirkt auch die Tatsache, daß die Rühmer des phänomenalen Gotthold Schulze so überaus sparsam sind mit der wörtlichen Reproduktion von Belegen. Ab und zu wird ja ein solcher Beleg faktisch zitiert; aber seltsamerweise kehrt das nämliche Bruchstück in beinahe sämtlichen Aufsätzen wieder. Mau erstaunt über diese Identität umsomehr, als man sich sagen zu müssen glaubt, gerade dieses Zitat verdiene die Hervorhebung seitens des Referenten gewiß ungleich weniger, als hundert andere Meisterstücke der Schulzeschen Muse. Der Gedanke, das zitierte Fragment sei unter sämtlichen Reimversucheu Johann Leberecht Gottholds so ziemlich das einzige, was man „stimmungsvoll" und „gewandt" finden könne, ohne sich gerade eine Blöße zu geben, kommt dem naiven Leser natürlich ebensowenig, wie die Ahnung der Gründe, die so und so viele sonst unbescholtene Menschen zur Glorifikation des Autors veranlassen. So vergeht ein Jahr nud ein zweites. Mit einemmale ist die Teilnahme der Publizistik für Gotthold Schulze wie ausgerodet. Nicht nur „das gewaltige Epos", nein, auch der Name des Mannes wird nirgends mehr — weder in der „Neuen Mitternachtszeitung" noch in der „Oberdeutschen Revue" — auch nur mit einer Silbe erwähnt. Die zeitgenössische Literatur ist um einen ihrer Koryphäen ärmer geworden; ein Gestirn am Firmamente germanischer Rhythmik versank ins Dunkel; ein Heros ging zu den Schatten. Das deutsche Publikum greift sich höchst erstaunt in den Busen und legt sich die gewichtige Frage vor: Wie erklärt sich diese eigentümliche Wandlung? Ist Johann Leberecht Gotthold jählings im Herrn entschlafen? Daun hätten die Männer von der „Bückeburger Warte" doch spaltenlange Nekrologe, sie hätten das Porträt des — 691 Verewigten bringen müssen, umvahmt von jtroyenben Lorbeerkränzen, den fackelsenkenden Genius im Hintergrund! Was also konnte mit so erschreckender Plötzlichkeit die Flamme ausblasen, die bis dahin so verheißend gelodert? Tie Sache ist eminent einfach. Gotthold Schulze war zurzeit feuer wuchernden Glorifikations-Artikel Chef-Redakteur der „Unterhaltungen am heimischen Herd", eines weitverbreiteten, einflußreichen Organs. Mit Beginn des neuen Halbjahres hat er seinen bedeutsamen Posten quittiert, — und dieser Wechsel in der äußeren Situation des Mannes hat ausgereicht, um den „gewaltigen Epiker" in die literarische Null zurückzuverwandeln. , . Als Chef-Redakteur der „Unterhaltungen am heimischen Herd" war Gotthold Schulze nicht nur imstande, die große Masse jener Schriftsteller dritten und vierten Ranges zu verpflichten, die in der Annahme ihrer Produkte seitens des Redakteurs eine Gunst erblicken; nein: er hielt auch das blanke Schwert des Kunstrichters in der trotzigen Faust, die Klinge, die ebenso gut ritterlich salutieren wie Schmarren und Wunden beibringen oder gar durch heimliche Sauhiebe braun und blau schlagen konnte. Johann Leberecht Gotthold schrieb, je nachdem Appoll es ihm eingab, huldvolle Anerkennungsartikel, oder „Ver- möblungen"; er streichelte oder zerriß; er verteilte Lorbeerkränze und Dornenkronen. Und zwar beschlich ihn gerade in diesem Punkte eine merkwürdige Neigung, denen wohlzutun, die ihn liebten. Er war hier Gemütsmensch. Wer im „Gohliser Fremdenblatt" die Behauptung gewagt hatte, Gotthold Schulze gehöre mit seinen „Lotosblättern" unzweifelhaft zu den ersten Dichtern aller Nationen; er stelle sich ebenbürtig neben den Sänger der „Braut von Abydos"; er überstrahle an Reiz der Formvollendung Goethe und Geibel: wer das im „Gohliser „Fremdenblatt" so treuherzig ausgeplaudert uitb gar durch Beifügung f einer Namensunterschrift sanktioniert hatte: dem konnte Johann Leberecht Gotthold nicht kram sein. Wenn der Zufall es fügte, daß der Verfasser sothaner Abhandlungen nun seinerseits ein Werk schuf, das dem Gebiete der schönen Literatur angehörte, so brachten die „Unterhaltungen am heimischen Herd" nun ihrerseits Parallelen zwischen der Novität und einigen altbewährten Schöpfungen der Weltliteratur und reichten dem gefeierten Autor die Palme. Tie vorgeschilderten zwei Momente reichten vollständig aus, um jenes Phänomen zu erzeugen, das dann so unvermittelt erlosch, dem farbenprächtigen Bilde vergleichbar, das die Laterna magica aus die Leinwand wirft. So lang die Stellung, die Johann Leberechü Gotthold inne hatte, die Lampe mit dem nötigen Brennöl versah, glänzte das Bild in dem ganzen Schimmer seiner wunderbaren Phantastik; in demselben Moment jedoch, da der Oelvorrat aufgebraucht, kehrte die uranfängliche Nacht zurück. Tas mehr ideale Verhältnis der gegenseitigen kritischen Anerkennung sicherte Herrn Gotthold Schulze die Sympathien gewisser namhafter Schriftsteller; das mehr ge» schriftliche des Manuskript-Annehmens oder Zurückweisens, die Sympathien der Kleinen und Kleinsten. Es war unglaublich, wie vorurteilslos Herr Schulze in diesem Punkt dem Drang seines Herzens folgte, ohne sich um die größere oder geringere Bedeutung der offerierten Beiträge zu bekiimmern. Er dachte, mit dem gläubigen Jüngling in Paul Hehses Novelle: Tie Liebe kommt von oben. Sie achtet keinen Wert. So warf z. B. der feurige Aufsatz, mit dem Roderich Meyer, der Feuilletonist der „Neuen Mitternachtszeitung", die Schulzeschen „Lotosblätter" begrüßte, ein so verklärendes Licht auf die endlose Serie von Literatur-Artikeln, die derselbe Roderich Meyer dem gefeierten Schulze zum Abdruck aubot, daß die Langweiligkeit, die der unbeteiligte Leser djesen Literatur-Artikeln zusprechen mochte, absolut nicht zur Geltung kam. Die Artikel erschienen, — und Schulze hätte sich seiner Vorurteilslosigkeit tatsächlich freuen dürfen, wären die Abonnenten ob dieses nnd anderer Mißgriffe nicht so massenhaft abgesprungen, daß der Verleger der „Unterhaltungen/" sich genötigt gesehen hätte, Herrn Schulze zu kündigen. Uebrigens waren es nicht nur die Schriftsteller, die am Piedestal des gefeierten Epikers bauten und ziminerten; auch die hochangesehene Verlagsfirma, die aus der Titelseite der „Lotosblätter" zu lesen stand, flößte dem Publikum: das Gefühl ein, als müsse Herr Schulze ein Autor von Distinktion sein. Tas Selbstgespräch nämlich, das der «Verleger sich vordeklamierte, eh' er sich zur Herausgabe des Werkes entschloß, drang nie an die Oeffentlichkeit. Es lautete etwa wie folgt: „Gotthold Schulze offeriert mir da eine Sammlung unsympathischer Reimereien, „Lotosblätter" betitelt. Tas Opus macht mir den Eindruck leidlicher Impotenz; dennoch läßt sich die These verfechten, ein Verleger, der es herausgibt, brauche nicht gerade mit dem Vorwurf des Cretinis- mus gebrandmarkt zu werden. Man hat schon Dümmeres gedruckt. — Vom Standpunkt des literarischen Ehrgefühls geht die Geschichte also Halbwege. — Nun das Geschäftliche. Im besten Fall verkauf' ich von diesen „Lotosblättern" hundert bis hundertfünfzig Exemplare; sonach verlier ich bei der Herausgabe achthundert Mark bar. Dafür jedoch bin ich, den verschämten Andentungen des Autors zufolge, sicher, daß die „Unterhaltungen" über jede Novität meines Verlags nach Möglichkeit eingehende nnd günstige Besprechungen publizieren. Hierdurch spare ich alljährlich an Inseraten mindestens fünfzehnhundert Mark: also mache ich immer noch ein brillantes Geschäft. So hat der Verleger als kundiger Geschäftsmann zu sich selber gesprochen, und Tags darauf erhielt Herr Johann Leberecht Gotthold Schulze eine höfliche Zuschrift, in der ihm mitgeteilt wurde, die Firma rechne es sich zur besonderen Ehre, mit einem so angesehenen Autor Beziehungen anzuknüpfen, die sich hoffentlich beiderseits zu recht angenehmen entwickeln würden. So ist's gekommen, daß Gotthold Schulze eine zeitlang vergöttert wurde, um dann mit einemmale von der Bild- Bildfläche zu verschwinden, Ivie ein Rechenexempel, das seine Schuldigkeit getan hat. Der arme, unglückliche, bejammernswerte Schulze! Was leidet er nun in seiner plötzlichen Obskurität! Wie grausam frißt ihm der Wurm der Verzweiflung am Herzen. Der Verfasser der „Lotosblätter" hat sich nämlich trotz der systematischen Organisation seines Scheinerfolges all- mählich in die Ueberzeugung hineingelebt, er sei nicht nur ein großer, sondern auch ein gefeierter Autor, ein ächter Liebling des Publikums. Tie erste Enttäuschung, das gänzliche Aushören der einst so volltönig erschallenden Lobeshymnen, hat ihn rücklings zu Boden geworfen. Allmählich indeß richtet er das blutende Haupt wieder auf; ingrimmig ballt er die Faust und ruft seinem Jahrhundert, insbesondere aber den ehemaligen literarischen Freunden, die drohenden Worte zu: „Wartet, Ihr Treulosen! Auch ohne Euch wird Gott- bold Schulze seinen lorbeerumgrünten Weg weiter wandeln ! Liegt in meinem stilvollen Pulte nicht zu drei Vierteln vollendet die Novelle „Riciana"? Heilte noch geh' ich ans Werk, und sobald sie drucksertig ist, soll der Verleger sre in glänzendster Ausstattung auf den Markt werfen! Ihr werdet Augen machen, Ihr Hochverräter! Nun erst «recht will ich Euch zwingen, mir die Kränze der Bewunderung zu flechten!" . Er setzt sich und schafft; er prüft und erwägt, er feilt und verändert. Nachdem die letzte Zeile des Manuskripts nbgetrocknet ist, schickt er feine „Ricinia" dem Verleger der „Lotosblätter"". . Acht Tage später erhält er die Arbeit nut der ganz ergebenen Bemerkung zurück: Man spreche ihm für den überaus ehrenden Antrag den allerverbindlichsten Dank aus, sei jedoch mit Rücksicht auf zahlreiche anderweitige Engagements an der Erwerbung der gewiß hochinteressanten Erzählung verhindert. So siebt sich denn der .Heros von einst plötzlüch zum literarischen Nichts reduziert: der Unglückliche, der bis dahin das Haupt so hoch trug, senkt es in grübelndem Menschenhaß, °oder wütet über die stillschweigende Verschwörung der Mittelmäßigkeit gegen das wahre Talent. ' Tas Publikum aber, das nicht imstaiide ist, hinter die Kulissen zu blicken, forscht noch gedankenvoll eine Weile nach diefem seltsamen „Mädchen mi» der Fremde", das, dem Schillerschen unübnlicb. von aller Welt Blumen nnd Früchte 692 empfing, und nun so unerwartet Abschied genommen — spurlos — auf Nimmer-Wiederkehr. Ein- oder zweimal noch begegnet man wohl dem Namen — in den Blättern solcher ehemaliger Lobpreiset', die ein gewisses Schamgefühl dazu treibt, nicht sofort das Gloeken- geläute, das so brausend erklungen war, abzustellen: dann aber ist auch dieser letzte Nachhall vorüber, und Gotthold Schulze bleibt für ewig int Dunkel — wenn nicht der Zufall ihm aufs neue eine ähnliche Position erschließt, tote die frühere so töricht verscherzte. Daun finden sich auch die Essayisten und Lokalkritiker wieder, die zu erzählen wissen von dem Dufte der „Lotosblätter" und den Reizen der Novelle „Ricinia", Zur Dienstbotenfrage. Bei der andauernd herrschenden Dienslootmnot kann es nicht . a) Gespenstisches Wesen, b) Kleidungsstück. 7. a) Tonstück, b) Münze. 8. a) Männlicher Personenname, b Hasenstadt. 9. k.) Geographische Bezeichnung, b) Geographische Bezeichnung. 10. a) Kalin, b) Blutsverwandte. Die neuen Worte bedeuten unter: I. Haustier. 2. Bogel. 3. Deutsche Universität. 4. Bezeichnung für Haß. 5. Hostienteller. 0. Fisch 7. Küchengerät. 8. Asiatischer Volksstamm. 9. Teil einer Zeitung. 10. Badeort im Großherzogium Hessen. Sind diese Worte nunmehr gefunden und deren Aiifangsbnch- staben aneinandergereiht, so erhält man den Namen eines bedeutenden russischen Heerführers im gegenwärtigen Kriege. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung deS Bilderrätsels in vor. Nr:. Mensch, ärgere dich nicht. Redaktion. August Goetz. Rotationsdruck und Verlag der Brilbl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.