Sumsiag den 19. HKäz ART 1904. — Zlr. 43. M HZ WKSMEPMW ^UWWWM ilMLqW WEWMLtM „Was sagen Sie zu dieser Tatkraft?" rief der Gatte bewundernd. „Nun ist sie in ihrem Element! Ihr geht nichts über einen lebhaften Umtrieb, und nun hat sre zur Abwecrslung auch noch gar eine Hochzeit!" „Kommen Sie, Pamela." Sie stand auf und raffte ihre Briese zusammen. „Wenn Sie mit dem Frühstück fertig sind, wollen wir uns auf den Weg machen." Rasch erhob ich mich unb folgte ihr in den Salon mit ängstlich klopfendem Herzen. „Ich habe etwas mit Ihnen zu reden", begann ich mit zitternder Stimme. „Nun, das freut mich, meine Liebe", denn ich dachte schon, Sie hätten die Sprache verloren. Was gibt es? Sprechen Sie rasche Sie wissen, wie sehr meine Zeit in Anspruch genommen ist." „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich werde sogleich zurück sein." , , Ich eilte in mein neben dem Salon liegendes Zimmer, um nach wenig Minuten etwas außer Atem mit dem meiner Reisetasche entnommenen Lederrahmen zurückzukehren. ,, „Darüber wollte ich mit Ihnen reden", sagte rch, ihr das Bild reichend. , r. , „Tas ist ja Maxwells neueste Photographre! Wre kommt denn die in Ihren Besitz?" fragte sie in schneidend scharfenr Tone. Noch ehe ich antworten konnte, hatte sre das Bild von neuem ausgenommen und die Widmung in der Ecke gelesen. „Walter seiner lieben Pam", las sie laut. „Walter seiner lieben Pam?" wiederholte sie, das Bild niederlegend. Tann sah sie mich mit ihren scharfen kleinen Augen prüfend an und rnurmelte fast unhörbar: „Was soll das heißen?" „Walter schickte mir dieses Bild als seine Photographie", erwiderte ich nachdrücklich. „So sind Sie also mit dem Gedanken hierhergekommen, diesen Manu da zu heiraten?" Sie deutete auf das Bild. Ich antwortete nicht, allein Schweigen war so viel wie Zustimmung. _ r .. „Aber ich bitte Sie, man lrebes Kind", fuhr fre erregt fort, „da muß doch irgend ein abscheuliches Mißverständnis obwalten! Es ist ja doch unmöglich, daß Watty Ihnen dieses Bild als sein eigenes geschickt hat!" „So sehen Sie doch nur die beiden Namen an, die dar- ails geschrieben sind", entgegnete ich mit eisiger Ruhe. „Auch die Schrift kann Ihnen nicht fremd sein." Mein Mut mußte unzweifelhaft mit den Umständen gewachsen sein, denn meine Stimme klang so ruhig, als spräche ich von den Ungeleg«-Heiten einer Fremden. „Tann scheint es fast", erklärte Mrs. Hassall nach einer langen Pause, „als habe er einen schlechten Scherz nut Ihnen ged iehen. Ich begreife die Geschichte nicht, jedenfalls (Nachdruck verboten.) Jm Fakali der Mazaß. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Zu der Nähe des Bungalows angelangt, sah ich einen Herrn auf einem der Wege herabreiteu, während ich auf einem anderen hinaufging. Auch er bemerkte mich und zog grüßend den großen Hut. Nun erst erkannte ich Maxwell Thorold. Das ivar ein früher Besucher. Als ich das Eßzimmer betrat, saßen Oberst Hassall und seine Gattin bereits beim Frühstück. Letztere sah wohl und munter, wenn auch bei dem Tageslicht ziemlich verblüht aus. Ein ganzer Stoß Briefe lag neben ihrem Teller aufgestapelt. t , „Ah, hier sind Sie ja!" rief sie, die Zuckerzange in der fing schon an zu fürchten, Sie seien am Ende davongelaufen. Nun sind Sie geiviß recht hungrig nach Ihrem Spaziergang?" t,El . „Ich glaube auch", antivortete ich, mich setzend. „Nun, Miß Ferrars, haben Sie gut geschlafen?" fragte Oberst Hassall. „Hoffentlich haben Sie sich von den Strapazen der Reise erholt und neue Kräfte gesammelt für den heutigen, ereignisreichen Tag?" fügte er, mich nut schalkhaftem Lächeln ansehend, hinzu. Seine redselige Gattin aber nahm mir die Antwort von den Lippen, indem sie ausrief: „Ich finde, sie sieht aus, als habe sie statt meiner die Nacht durchwacht." „Ich bin aber vollständig ausgeruht", entgegnete ich, bemüht, die Aufmerksamkeit von meinem Aussehen abzulenken. „Haben Sie sich aus dem Ball gut unterhalten, "'„Nicl)t^Mrs. Hassall: Tizzie!" verbesserte sie mich. „Za, ich vergnügte mid). königlich. Um drei Uhr kamen wir eist nach Hause, und wenn ich nicht, so entsetzlich, viel zu tun hätte,, würden Sie miet' jetzt nicht schon hier sehen. Ties hier", fuhr sie, auf die Briefe zeigend, fort, „sind lauter zusagende Antworten auf meine Einladung zur Hocb-- zeit. Nun muß aber vor allem das Hochzeitskleid ausgepackt werden. Doch hoffentlich weißer Atlas?" „Za, aber sonst sehr einfach", antwortete sie kleinlaut. „Sobald ich dem Hausmeister meine Befehle gegeben Und einige Briefe geschrieben habe, wollen wir es uns ansehen. Ihre Brautjungfern kommen nämlich zum Gabelfrühstück zu mir, und nachher soll hier Kleiderprobe stattfinden. Tie Mädchen müssen alle ganz gleich gekleidet sein, und ich will sehen, ob alles in Ordnung ist. Wenn ich einmal etwas in die Hand nehme, wird es auch ordentlich gemacht; ich tue niemals etwas halb." — 170 aber wird sich die Sache aufklären, sobald er kommt. In weniger als einer Stunde muß er hier sein", fügte sie mit einem Blick auf die Kgminuhr hiuzu. Tann rief sie, wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt: „Wer hat Sie denn aber aufgeklärt? Woher wissen Sie, daß dies nicht Watty ist?" „Ich sah das Original gestern abeich, nachdem Sie fortgegangen waren. Er brachte die Drahtnachricht." „Ja, ja. Und diesen Morgen war er auch schon wieder hier, nun verstehe ich Er sagte, er habe Sie spielen hören, und daß Sie der heiligen Cacilia Konkurrenz machten, woraus ich ihn fragte, was er von Ihnen halte. Soll ich Ihnen sagen, was er mir antwortete?" „Nein, nein! Ich will nicht wissen, was die Leute von mir denken." „Tu meine Güte, wie albern! Mir macht es gerade Spaß, zu erfahren, was die Leute von mir sagen, aber freilich, wir beide sind eben auch grundverschieden. Für meinen Geschmack kann ein Mädchen nicht dunkel genug sein, Max jedoch erzählte mir heute früh, er habe Sie gestern abend für eine Erscheinung aus einer höheren Welt gehalten, als Sie groß, blond, weiß gekleidet, schweigend und mit den Augen eines schüchternen Rehes in den Lichtkreis der Lampen getreten jeien. Nach dem, was Sie mir vorhin sagten, kann ich jetzt natürlich sehr wohl begreifen, daß Maxwells unerwarteter Besuch Ihnen einen tüchtigen Schrecken eingejagt hat. Im übrigen hätte er besser daran getan, zu Hause zu bleiben, als sich hier herumzutreiben." „Jedenfalls wählt er etwas eigentümliche Stunden für seine Besuche. Zehn Uhr am Abend und vor neun Uhr morgens." „Oh, damit nimmt man es in Indien nicht so genau; daran werden auch Sie sich bald gewöhnen. Allein ich wollte, Sie hätten Watty zuerst gesehen, dann wäre auch die Geschichte mit der Photographie von keiner Bedeutung. Ich bin wirklich recht böse auf Watty; das heißt doch den Scherz zu weit treiben!" „Einen Scherz nennen Sie das?" ries ich empört. „Natürliche was denn sonst?"' Sie erhob sich. „Ich muß jetzt mit dem Hausmeister reden, und wenn Sie mir, bitte, Ihre Schlüssel geben wollen, dann werde ich der Äjah sagen, daß sie sofort nachsieht, was an Ihrem Hochzeitskleid unter Umständen noch in stand gesetzt werden muß." Ich zögerte einen Augenblick, dann händigte ich ihr aber doch die Schlüssel ein. Ich verpflichtete mich dadurch ja zu nichts. „Welch entsetzlich ernstes Gesicht machen Sie aber für eine Braut!" sagte sie plötzlich und streichelte mir mit ihren mageren Fingern die Wange. „Seien Sie doch heiter und guten Mutes; Sie sehen ja wie ein Gespenst aus." Vergeblich suchte ich nach einigen Worten, allein mir war das Weinen näher als das Lachen. „Möchten Sie Watty lieber allein empfangen, wenn er kommt?" „Ja, bitte, das wird am besten sein." „9tun, ich hoffe. Sie werden mit dem Aermsten nicht gar zu streng ins Gericht gehen, nicht wahr?" Ihr einschmeichelndes Lächeln milderte jedoch den harten Ausdruck ihrer Augen nicht. „Wenn Sie sich nur kein zu vollkommenes Bild von ihm gemacht haben! Der arme Watty ist leider ein etwas schwacher, aber überaus gutmütiger und leicht zu lenkender Mensch, und er hat die besten Vorsätze gefaßt. Eine Frau, jtoie Cie, ist gerade das, was er braucht, und wert, mit Gold aufgewogen zu werden." Mit dieser übertriebenen Schmeichelei verließ sie mich. 4. Vergnügt mit meinen Schlüsseln rasselnd, ging Tizzie davon. Ich warf mich in einen Lehnstuhl und verschlang die Hände hinter meinem brennendheißen Kops. In mein Zimmer konnte ich nicht gehen, da die Ajah es gerade in Örd- Mng brachte, und hier • war ich wenigstens allein. Ach, rnd von Samstag an würde ich ja ohnehin nie mehr allein lein! Aber mußte es soweit kommen? Noch war ich frei ind mein eigener Herr. O, nur ein bischen Mut. . . nein, diel, viel Mut bedurfte ich! War es nicht ganz unwürdig, vie ich jetzt da saß, die Augen voll banger Erwartung auf pie kleine silberne Uhr geheftet? Plötzlich vernahm ich Räderrollen. Das konnte doch nicht schon Walter sein? Es war ja erst zehn Minuten nach elf! Und doch: der Wagen kam auf das Haus gefahren. Hoch aufgerichtet, mit heftig klopfendem Herzen starrte ich hinaus: Eine Mietsgharry, auf deren Verdeck ein abgetragener Ueberzieher lag, kam herangerasselt und verschwand vor der Treppe. Ich hörte lebhafte Begrüßungsrufe, dann fragte eine männliche Stimme: „Ist sie gekommen? Nun, was für einen Eindruck hat sie auf Dich gemacht?" „Der Eil,druck, welchen Tu auf sie machen wirst, ist weit wichtiger", lautete die mit hoher, schriller Stimme gegebene Antwort. „Zieh mal Deine Krawatte gerade! Und warum hast Tu Dir denn nicht die Haare schneiden lassen? . . . Aber still! Sie sitzt dort drin." Als der Perlenvorhang des Salons klirrend auseinandergeschoben wurde, erhob ich mich, und im selben Augenblick kam ein blonder, untersetzter junger Mann in schmutzigem Flanellanzug ungestüm hereingeeilt. „Pam!" rief er, mit ausgebreiteten Armen auf mich zu- sturzend ... „O wahrhaftig, Pam, Du bist ja eine Schönheit geworden!" Ja, dies war nun wirklich Walter. Wie hatte sich doch während der langen Trennung sein Bild in meinem Gedächtnis verwischt! Nun sah ich daß er sich nur wenig, jedenfalls aber nicht zu seinem Vorteil verändert hatte. Tas Gesicht war aufgedunsen und mit Pusteln bedeckt, die blauen Augen sahen verblaßt aus, das Haar war zerzaust, der Gang unsicher, die Haltung schlapp. Mit abwehrender Hand und unfreundlicher Miene wies ich die beabsichtigte Umarmung ab. „Pam, ich sage Dir, Tu bist wahrhaft entzückend!" rief er, meine Hand mit Gewalt erfassend. „Mindestens einen Fuß bist Du gewachsen." „Nur zwei Zoll", entgegnete ich eisig. „Jedenfalls bist Du entzückend. Es tat mir fürchterlich leid, daß ich Dich nicht abholen konnte. Hatte einen scheußlichen Fieberanfall. Zum Glück ging er rasch wieder vorüber!" Er lachte nervös auf. Ach, wie ich diese schleppende, schnarrende Sprechweise wiedererkannte. „Freust Du Tich denn nicht ein ganz klein wenig, Deinen alten Watty wiederzusehen? Warum bist Du so stolz? Was ist los? Sprich!!" „Sehr viel ist los!" antwortete ich erregt. „Wie kamen Sie dazu, mir die Photographie Ihres Vetters mit der Behauptung zu schicken, es sei die Ihrige?" „Aha", da liegt der Hase im Pfeffer. Meine Liebe, ich tat es ja nur zum Scherz . . . oder sagen wir als Lockspeise. Mein Vetter und ich sehen uns ja so , ähnlich wie ein Ei dem andern; wir sind die reinen Zwillinge. Ich sah, wie Du weißt, Deine Photographie auf einem Gruppenbild und war sofort so sehr davon entzückt, daß ich dachte, ein geschmeicheltes Bild von mir müsse auf Dich die gleiche Wirkung haben. Und ich täuschte mich nicht, denn hier bist Du ja!" Er versuchte mich von neuem in seine Arme zu schließen. Allein ich stieß ihn zurück und setzte mich in einen Lehnstuhl. Er lachte nur und fuhr fort: „Alle Frauen sind von Maxwell entzückt und preisen ihn als den Ritter ohne Furcht und Tadel, das ist eine!alte Geschichte. Diesmal war er aber nur der Lockvogel, ich —" dabei schlug er sich auf die Brust — „ich bin der wahre Jakob. Es war doch eine feine kleine List, denn nun bist Du hier und mein Eigentunr." „Nein, nie, niemals!" rief ich heftig. „Ha, endlich finde ich die alte Pam wieder! In allem anderen bist Tu so verändert, da ßich Tich schwerlich, wiedererkannt hätte. Auch dachte ich mirs wohl, Du werdest in eine schöne Wut geraten, wenn Du meine List entdecktest. Allein, auch ein Zorn geht im Leben vorüber." „Dieser nicht- Ich werde niemals Ihre Frau." „Aber mein liebes Kind, was bleibt Dir denn anderes übrig?" Mit gespreizten Beinen stellte er sich vor mich hin. „Beruhige Dich doch jetzt endlich und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden." „Ich bin vollständig ruhig." „Tizzie hat nämlich nicht gern junge Mädchen als Gäste in ihrem Hause, besonders nicht, wenn sie hübsch sind, 171 und auch! jetzt ließ sie sich nur herbei, Dich eine Mochte lang zu beherbergen. Wohin willst Du dann gehen, wenn Tu Dich sträubst, Mrs. Walter zu werden? Noch einmal: sei vernünftig; ich verspreche, daß ich ein guter Gatte sein will. Ich schwöre Dir, mich zu bessern." „Bessern?" Er wurde rot. „Aha, die Alte hat geschwiegen! Ei, wie Tu aussiehst mit diesem Blick! Wie eine Königin, sage ich Tir. Aber ich merke schon, ich muß Tir lieber gleich die Wahrheit sagen, denn wenn ich es nicht tue, so besorgt es irgend ein guter Freund. Nun also: ich bin nämlich nicht immer ganz nüchtern gewesen." Er betrachtete mich dabei mit einem halb beschämten, halb verschlagenen Blicke. Da ich jedoch schwieg, was ihn übrigens durchaus nicht aus der Fassung brachte, fuhr er fort: „Es ist ein verwünscht durstiges Land, dieses Indien, und da fand die Alte, daß ich unbedingt eine Frau haben müsse." (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der KaifMM- (Nachdruck verboten.) Maeterlink als Heiligen-Manager. — Rezept ä la Maggi. — Die bedrohte Ruhestätte eines Freiheitsdichters. Maeterlinck, den die Berliner immer noch Mäterlinck statt Mäterlinck sprechen, hat nach der guten Aufnahme seiner „Schwester Beatrix" mit Agnes Sorma im „Neuen Theater" nicht Ruhe gelassen, bis auch seine zweite Legen- den-Tichtung auf einer Berliner Bühne zur Aufführung kam, obwohl ihm kritische Geister und wohlwollende Freunde ernstlich davon abgeraten haben. Ter fabelhafte Erfolg seiner innerlich verlogenen „Monna Vanna" in Berlin, die seinerzeit in Paris glatt abgelehnt wurde, mochte ihn vom geschäftlichen Standpunkt aus sehr wohl dazu berechtigen. Tas Berliner Theaterpublikum geht mit Tir durch Dick und Dünn! sagte er sich stolz und ließ sich den Durchfall seines „heiligen Antonius" an anderen Orten nicht weiter zu Herzen gehn. Tie Berliner würden es schon schaffen. Und sie hatten zweifellos auch den besten Millen dazu. Aber Herr Maeterlinck, der sonst immer seine Geistermäuschen unter der Schwelle des Bewußtseins rascheln ließ und mit weise verteiltem, frisch aufgebügeltem alten Urväterspuk so gruselig angenehme Theaterwirkungen zu erzielen wußte, ist sich nicht ganz treu geblieben. Sein heiliger Antonius, der nach Gent kommt, um eine eben gestorbene Erbtante wieder von den Toten aufzuerwecken, imponiert ihm trotz des aufleuchtenden Heiligenscheines selber nicht. Man sieht das ironische Lächeln um des Tichters Lippen allzu deutlich und glaubt ihm daher nicht, weder auf Seite der Frommen noch auf der Bank der Spötter. Schwester Beatrix, die von der Sünde verlockte und von der Mutter Gottes in ihren Aemtern vertretene Nonne aus der mittelalterlichen Klosterlegende ist mit diesem in der elektrisch beleuchteten Gegenwart umhergespensternden heiligen Antonins, den die Schutzleute schließlich zur Polizeiwache abführen, gar nicht zu vergleichen. Und trotz aller Mühe der Regie und der Höhe der Tarstellung machte das „Deutsche Theater" mit diesem neuesten Maeterlinck das vorhergesagte Fiasko. Sanft ruhe die Asche des heiligen Antonius und aller übrigen Heiligen; denn Maeterlinck wird eingesehen haben, daß Spuk ein Tramenzusatz ist, von dem wie bei Maggi's oft angepriese- ner Suppenwürze „wenige Tropfen genügen", während „zuviel dem Geschmack schadet." Weniger Glück im Leben als der längst zum Grandseigneur gewordene Pariser Dichter hatte in Berlin ein deutscher Poet, der nun selbst im Tode nicht Ruhe finden kann. Heinrich von Kleist, der noch keine hundert Jahre am hügeligen Ufer des Mannsee's mit seiner geliebten Freundin Henriette Vogel zusammen schlunimert, mit der er dort vereint in den Tod gegangen, hatte am Seeabhang inmitten hochstämmiger Ahorne, Kiefern und Akazien, deren melancholisches Rauschen wie eine Totenklage um den an sich selbst verzweifelten Sänger klang, seine Grabstätte erhalten. Ein einfaches Gitter umschließt den Hügel mit dem Steinblock, dessen Inschrift lautet.: Heinrich von Klei st, geboren am 10. Oktober 1776 gestorben am 11. November 1811.. Dem Block vorgelagert ist eine Platte, die die fast erloschene Widmung trägt: Er lebte, sang und litt In trüber, schwerer Zett; Er suchte hier den Tod Und sand Unsterblichkeit! Ten Namen der unglücklichen Frau, die dem an sich selbst irregewordenen Dichter die Waffe in die Hand drückte, damit er ihrem und seinem Dasein ein Ende machen sollte, nennt keine Inschrift, aber eine deutsche ELche reckt ihren Stamm aus dem Toppelgrabe, als wäre sie ein Symbol für die unauflösliche Gemeinschaft der unter ihr Schlummernden. Und so mancher Verehrer des Poeten, der hinauspilgerte, die einsame Stätte zu grüßen, empfand mit wehmütiger Lust die stille Weihe und den hehren Frieden dieses Grabes im grünen Walde, das seitab vom lärmenden Verkehr des Tages durch Jahrhunderte erhalten bleiben mußte zum Gedächtnis des edlen Toten! Da kommt die Kunde, daß der neue Teltowkanal den Hügel mit seiner Grabstätte beseitigen wird. Fahrt Wohl denn, ihr rauschenden, brausenden Jöhrenwipfel, die der lebenweckende Märzfturm zum letztenmal mit seinen wehenden Fittigen streift; du tröstliche Eiche, die aus der Asche der Entschwundenen ihre Kraft empfangen, du heiliger Waldesfrieden, den ich manchmal bei verglühender Sonne mit wonnigen Schauern empfunden! Es wird nichts übrig bleiben, als die sterblichen Reste Heinrich von Kleift's, dem Waldboden, der dem Untergang geweiht ist, zu entführen und sie anderswo einzubetten. Wohl hat Ernst von Wildenbruch den Versuch gemacht, diese Profanierung vielleW noch zu verhindern; aber ich glaube nicht, daß er Erfolg haben wird wie kürzlich bei Goethes Gartenmauer in Weimar. Alan wird wahrscheinlich das Angebot der Kolonie Wannsee annehmen und dem Dichter auf dem Gcmeindekirchhos daselbst eine neue Gruft bereiten. Aus wie lange? .... Ach, das werden unsere Nachkomme:: in wahrscheinlich nicht allzu ferner Zeit erfahren! ... A. R. Vermischtes. * Bestrafung gewalttätiger Eh efraueu im Mittelalter. Tie Strafrechtspflege des deutschen Mittelalters, so hart sie im allgemeinen auch war, hat doch auch so manchen humoristischen Zug aufzuweisen. So findet sich z. B. in manchen uns noch aus jener Zeit enthaltenen Folterkammern ein wunderliches Gerät vor, das etwa wie eine Tonne aussieht, außen mit bunten Bildern bemalt und auf der oberen Seite mit einem Loche versehen ist, groß genug, um einen menschlichen Kopf hindurch zu stecken. Dieses Instrument hieß der Schandmantel und war vorzugsweise bestimmt, bösen Weibern, die sich an ihren Echeherren vergriffen hatten, zur Strafe um Hals und Schulter gelegt zu werden. Sonntags mußten die Unglücklichen, mit dem 'Holzkleide angetan, zum Gespött der ganzen Gemeinde an der Kirchentür stehen. Uebrigens galt dieser Schandmantel noch als eine verhältnismäßig geringe Strafe; häufig ahndete man körperliche Mißhandlungen, mit denen sich eine „böse Sieben" gegen ihren Ehemann vergangen hatte, ungleich schimpflicher. Eine solche härtere Bestrafung gewalttätiger Eheweiber bildete zum Beispiel der Eselsritt, ein sehr weit verbreiteter Brauch, der noch bis zum Jahre 1604 in St. Goar am Rhein in Uebung war. Hier erhielt der Besitzer der Gröndelbacher Mühle alljährlich zwei Klafter Holz gegen die Verpflichtung, den Esel zu stellen, auf dem die Weiber, „so ihren Mann geschlagen", rücklings durch die Stadt reiten mußten, während der Amtsdiener auf öffentlicher Straße das Urteil verlas, nachdem der Tambour mit seiner Trommel dem Manne des Gesetzes Gehör verschafft hatte. Tann zog die Menge johlend und schreiend, von den Stadtknechten nur mit Mühe von Angriffen auf die ohnedies hart Bestrafte zurückgehalten, durch alle Gassen des Ortes bis zum Gefängnis zurück. Auch in Darmstadt und den umliegenden Ortschaften begegnet uns die Sitte des „Eselsrittes" noch bis in das 17. Jahrhundert. * Tas Aufwachen aus dem Schlafe zu einer bestimmten Stunde kann man durch Uebung erlernen und es soweit bringen, daß das Gehirn den besten Mecker ersetzt. Tie „Medizinische Woche" teilt Beobachtungen mit, die Professor Vaschide an sich und anderen gemacht hat und die beweisen, daß es durch intensive Vorstellung der gewünschten Stunde wirklich möglich ist. 172 Redaktion - August Götz. — Rotationsdruck und B-rlg» der UnirerfltätS-Euch- und Cteindruckerei. R. Lauge, Cießen. achtunge.» über den Einfluß einfarbigen Lichtes auf verschiedene Organismen zusammenhält, so zeigt es sich, daß mit Ausnahme vielleicht der Pflanzen lebende Organismen durch die chemischen Strahlen unangenehm beeinflußt werden, ja daß diese sogar, wenn sie genügend stark sind, geradezu schädlich wirken können. Tiefer starke Reiz, den die chemischen Strahlen schon auf die gesunde Haut ausüben, verstärkt sich natürlich bei einer krankhaft veränderten Haut, wie diese. bei einer Reihe von Infektionskrankheiten, insbesondere bei den Pocken, vorliegt. Und von diesen theoretischen Erwägungen ausgehend, schlug Finsen eine neue Behandlungsmethode gegen diese Krankheit vor, die darin besteht, daß d-ie Kranken in Räumen untergebracht werden, aus denen die chemischen Strahlen des Sonnenspektrums ausgeschlossen sind, indem man nämlich das Licht rotes Glas oder dichte rote Stoffe passieren läßt. Bei diesem Heilverfahren wurde die Vereiterung der Pockenbläschen und die danach auftretende entstellende Narbenbildung vermieden. Tiefe Behandlungsmethode der Pocken, die ebenso wichtig in Anbetracht der durch sie erzielten Resultate, wie merkwürdig durch das ihr zu Grunde liegende neue therapeutische Prinzip ist, ha! nun in Teutsch- land ihre erste umfassende Feuertaufe bei der jüngsten in Straßburg t. E. ausgebrochenen Pockenepidemie erhalte», wo der leitende Krankenhausarzt 18 Fälle damit behandelt hat. Tie Resultate waren außerordentlich zufriedenstellend, sowohl hinsichtlich der Tauer wie der Natur der Erkrankung, die beide wesentlich durch die Ausscheidung der chemischen Lichtstrahlen des umgebenden Lichtes beeinflußt wurden, so daß begründete Aussicht besteht, daß diese von Finsen angegebene" Methode eine neue Aera der Pockenbehandlung anzubahnen geeignet, ist. Tr 2' Gesundheitspflege. Moderne Pocken behandln« g. Ter Kampf der Jmpfgegner tobt seit Jahren ungeschwächt fort, trotzdem die Medizinalstatistik fast aller europäischen Länder den unividerlegbaren Beweis von der Wirksamkeit der Schutzimpfung längst erbracht hat. Aber das seit alten Zeiten genährte Mißtrauen treibt weite Volkskreise immer wieder dazu, vermeintliche Schäden und Folgen der vorausgegangenen Impfung zuzuschreiben und in Scharen zu der Zahl der Jmpfgegner zu strömen. Mehr wie je beansprucht daher eine Behandlung der Pocken lebhaftestes Interesse, die gegenüber allen bisherigen Methoden Gefahrlosigkeit der Anwendung mit Sicherheit des Erfolges verbindet und vielleicht dazu berufen sein wird, auch in vorbeugender Hinsicht das Problem des Pockenschutzes zu lösen. Tas ist die von dem Kopenhagener Forscher Niels Finsen vor einigen Jahren angegebene und bei der jüngsten Pocken- epidemie in Straßburg i. E. zur Anwendung gelangte Behandlung mittels roten Lichtes. Bekanntlich enthält das Licht chemische Strahlen und Wärmestrahlen, die ersteren — hauptsächlich die blauen, violetten und besonders die ultravioletten — sind die am stärksten gebrochenen Strahlen des Spektrums, letztere — die roten und ultraroten — sind die am wenigsten gebrochenen und ihre chemische Wirkung ist verschwindend. Tiefe beiden Arten don Lichtstrahlen unterscheiden sich in ihrer physiologischen Wirkung wesentlich von einander, und wenn man eine Reihe von Beob- willkürlich aus dem Schlafe zu erwachen. Interessant rst die Fehlergrenze des Gehirns, die in dreiunddrelßlg Fallen gewöhnlich nur eine Viertelstunde betrug. Ueberhaupt erwachten die Versuchsschläfer um so früher, je großer der Ab stand des festgesetzten Termins von dem gewöhnlich en Erwachen war. Vaschide unterscheidet drei Arten von psychischem Verhalten beim Erwachen; bei dem einen geschah es plötzlich mit einem Ruck und der Betreffende 'glaubte etivas versäumt zu haben; bei dem zweiten in Ruhe, wie nach gewöhnlichem Schlaf, ohne Erinnerung -rii den Vorsatz; bei dem dritten nach unruhigem Umher- tverfen in der vorletzten Stunde, besonders unter Träumen, die sich auf versäumtes Erwachen bezogen. Am pünktlichsten erwachten die Personen niederen Bildungsgrades, Bauern, Tienstboten, weniger solche gebildeten Standes und nervöse Naturen. Auch das Verhalten beim Einschlafen war verschieden; bei den meisten unter der Befürchtung, den Termin zu versäumen; manche konnten nur mühsam einschlafen, andere suchten bestimmte Jdeen- verbinduiigen zum Aufwachen, wieder andere Sug- gesttonen; zwei junge Mädchen schliefen sofort wie gewöhnlich. Es ist wohl anzunehmen, daß der ganze Vorgang eine Art Aiitosuggestion ist, ähnlich wie man einem Hypnotisierten suggerieren kann, zu bestimmter Stunde etwas zu tun, ohne" daß ihm der Auftrag ins Bewußtsein kommt. Auch hier wird, wie im Schlaf, das Bewußtsein ausge- schaltet und die suggerierte, stets harmlose Handlung erfolgt fast automatisch. * Die Unterhaltungen der Frauen. Einer, der recht viel Zeit zu haben scheint, ist auf den soudrrbaren Gedanken gekommen, die Liebltugs-Gesprächsthemata unserer lieben Frauen statistisch zu beleuchten, mit anderen Worten: er wollte feststellen, wovon die Frauen am liebsten und am häufigsten sich unterhalten, wenn sie unter sich sind. Um streng wissenschaftlich zu forschen, teilte er den Tag in hundert Teile und gelangte zu folgenden Proportionen: Unterhaltungen über die Dienstmädchen: 20; über die Kinder: 13; über die Nachbarn: 15; über Bälle, Kränzchen, Theater und andere Vergnügungen: 10; über Krankheiten : 3; über die Religion: 3; über den Mann (den eigenen natürlich!): 3; über andere Gegenstände (Behandlung der Wäsche, Kochrezepte, Schneiderinnen re.), zusammen: 18. Durch diese gründliche Statistik wäre also haarscharf bewiesen, daß der Mann die Gedanken seiner Frau nur in dem wenig erfreulichen Verhältnis von 3 v. H. beschäftigt. Hoffentlich kommt nun bald eine Frau, die ihrerseits nachforscht und feststellt, in welchem Verhältnis die Frauen an einem Tage die Gedanken ihrer Männer beschäftigen. Wir fürchten, daß sie noch weniger als 3 v. H. herausrechnen würde! Kausivirlschaft. hr. Tie Verdaulichkeit der H ü l s e n f r ü ch t e. Tie Hülsensrüchte bilden wegen ihres hohen Giweißgehalts in erster Linie ein hervorragendes Ersatzmittel für die teuren tierischen Eiweißpräparate. Ihrem großen Nährwerte stehen jedoch leider die schlechte Ausnützbarkeit und die schwere Verdaulichkeit hindernd im Wege und Technik sowohl wie die Kochkunst sind schon lange darauf bedacht, diese Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. So hat man unter hohem Drucke gedämpfte Hülsenfruchtmehle: die Leguminosenmehle hergestellt, die in einer halben Stuirde weich werden. Jede Hausfrau weiß ferner, daß Erbsen und Bohnen niu)t mit den Hülsen zubereitet werden dürfen, weil sie sonst blähend wirken. Ebenso ist eine längst bekannte Tatsache, daß Erbsen nur in weichem Wasser weich werden. Hartes Wasser beeinträchtigt den Nährwert der Speisen, die mit hartem Wasser gekochten Erbsen zerfallen schwerer und werden nicht völlig weich, wie es überhaupt schwerer ist, aus ihnen einen Brei zu bilden. Untersuchungen, die hierüber im „Archiv für Hygiene" veröffentlicht wurden, ergaben, daß alle Hauptbestandteile der Erbsen in hartem Kochwasser schlechter ausgenützt werden, als im weichen. Ties ist zurückzusühren auf die Bildung von Erdsalzseifen, welche der Auflösung durch die Verdauungssäfte einen erheblichen Widerstand entgegensetzen. Tie schlechte Ausnützung wird außerdem verursacht durch Verdauungsstörungen, Blähungen, Koliken und Diarrhoen. Der länger dauernde Genuß von hartem Wasser ist daher hygienisch zu beanstanden; hartes Wasser muß entweder vorher gekocht werden, oder es wird ihm doppeltkohlensaures Natron zugesetzt (eine Messerspitze auf ein Liter Wasser). Merkrätsel. Nachdruck verboten. Männer, Kerze, Verse, Million, Schande, Wien. Von |ebem Wort sind zwei nebeneinanberstehende Btlchstaben zu merken. Diese Buchstabenpaare bezeichnen im Zusammenhang gelesen einen kleinen Frühlingsboten. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Gleichklangs in vor. Nr.: Anhalten.