11 ÄW > ■W W SS tiö Gin angenehmes Gröe. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) 1. Frau von Höchstfeld trocknete mit dem Taschentuch einige nie geweinte Tränen, und Erna, der holde Backfisch gab sich gleichfalls die redlichste Mühe, eine möglichst würdige Trauermine zur Schau zu tragen. Er, der Herr des Hauses, Major a. D. Erwin von Höchstfeld, Ritter des Zipperleins und noch vieler anderer wohlerworbener, wenn ch nicht sehr angenehmer Attribute, ging unterdes nu. sorgenvoll gefurchter Stirn auf und nieder und dachte und dachte — endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit einer Stimme, die zwischen Aerger und Lachen schwankte: „Nun möchte ich bloß wissen, weshalb Du eigentlich heulst!" Frau von Höchstfeld zuckte beleidigt zusammen, fuhr sich in der Erregung anstatt mit dem Taschentuch mit dem Schlüsselbund übers Gesicht und maß ihn mit einem niederschmetternden Blick. „Na, was soll denn das heißen?" fragte er verwundert., „Das soll heißen", erwiderte sie pikiert, „daß ich mich trotz unserer viernndzwanzigjährigen Ehe noch nicht an diesen Ton gewöhnt habe." „Das tut mir leio", meinte er, „Zeit dazu hast Du gerade genug gehabt. Uebrigens zwingst Du nnch ja durch Dein Benehmen zu solchen Bemerkungen — man heuchelt nicht einen Schmerz, den man unmöglich empfinden kann." Mit einem Ruck schnellte Frau von Höchstfeld in die Höhe, mit einem zweiten zwang sie sich zu gemessener Würde, und gewaltsam eine ihm von Rechtswegen gebührende Zurechtweisung unterdrückend, verließ sie stolz erhobenen Hauptes das Zimmer. Kopfschüttelnd sah er ihr nach, brummte etwas, das auf ein Haar wie „verrücktes Frauenzimmer" klang, und postierte sich dann vor Erna. „Na, Knirps", fragte er, „willst Du mir auch solche Flausen vormachen?'" Erna war sich nicht sofort klar darüber, ob sie schon ihr gewöhnliches Gesicht zeigen durfte, oder ob es nicht passender sei, noch die Niedergeschlagene zu spielen, und deshalb seufzte sie mit verdrehten Augen und hauchte ganz pathetisch: „Der arme Onkel." „Du bist ein Schaf", schalt der Vater zornig, ging einige Male durchs Zimmer, setzte sich dann wieder, winkte sie zu sich heran, zog fie auf den Schoß und sagte — „merke Dir eins: sich verstellen ist eine Unwahrheit ist eine Lüge und wer lügt, der betrügt, und wer betrügt, der stiehlt und wer stiehlt..." — er unterbrach sich und sah nach seiner Frau hin, die eben wieder eintrat und auf das Nähtischchen zuschritt. Es zuckte ihm um die Mundwinkel, und mit über- höflicher Galanterie fragte er: „Was suchst Du denn, liebe Eveline, kann ich Dir vielleicht behilflich sein?" „Ich danke"", lehnte sie kühl ab, um dann um so verlegener hinzuzufügen, „ich habe nur meine Schlüssel liegen lassen." „Na ja, bas konnte ich mir denken"", meinte er mit leichtem Spott, schob Erna sachte vom Knie und vertrat seiner Frau den Weg. Sie sah ihn groß an. „Wünschest Du etwas?" „Gewiß. Ich will mit Dir eine vernünftiges Wort reden." „In Gegenwart des Kindes?"" „Aber, liebe Mama"", platzte Erna unbedacht heraus, „warum soll ich denn nicht auch einmal etwas Vernünftiges hören dürfend" Wie vom Schlag gerührt, starrte Frau von Höchstfeld sie an, und selbst der Vater, der sonst für die Keckheiten seines Lieblings stets eine Entschuldigung fand, war im ersten Moment ganz perplex. „Für diese Unart gehst Du sofort auf Dein Zimmer"", befahl er dann, „und läßt Dich nicht eher sehen, als —" „Mer. lieber Papa, es war doch gar nicht so gemeint —" „Nicht so gemeint? Um so schlimmer!! Habe ich Dir nicht eben erst gesagt, daß man nicht gegen feine Ueber- zeugung spricht?"" Erna hätte darauf gern etwas erwidert, indes — weit vom Schuß war jedenfalls sicherer, und so schlüpfte sie achselzuckend zur Tür hinaus. Die Gatten waren allein, und mit Frau von Höchstfeld a sofort eine große Veränderung vor. Aus der un- aven Dame war eins, zwei ein besorgtes Hausmütter- chen geworden, und zwar ohne jedweden Apparat — ganz wie beim Taschenspieler. Trotzdem er oies Knnststückchen seit Jahren kannte, mußte er doch immer wieder von neuem die! geradezu einzig dastehende Doppelnatur seiner Frau bewundern, denn sie spielte nicht etwa Komödie, sondern gab tatsächlich jedesmal ihr ureigenstes Ich. Dem Mann gegenüber — das heißt, wenn sie mit ihnt allein war — kannte sie nur weibliche Hingabe und Unterordnung; waren aber die Kinder zugegen, ja, dann änderte sich die Sache, dann hielt sie es im Interesse der Erziehung für notwendig, auf ihre Rechte zu pocheN und' kein Tüpfelchen ihrer gleichberechtigten Autorität preiszugeben. „Erwin, wie konntest Du mir das nur vor dem Kinde antun l" machte sie ihm nun, da sie allein waren, nachsichtig zum Vorwurf. „Was habe ich Dir denn angetan?"" fragte er ärgerlich. — 422 — „Du hast gesagt, daß ich heule und — heuchle." Er zwirbelte ungeduldig an seinen Schnurrb artenden, hustete einige Male verlegen und gab dann zögernd zu: „Nun ja, ich hätte nnch allerdings etwas parlamentarischer ausdrücken dürfen, indes — wahr ist es doch!" „Erwin!" „Jawohl, es ist wahr, und glaube mir nur, das merken die Kinder ganz genau," „Meine Kinder werden nie glanben, daß ihre Mutter heuchelt!" protestierte sie und wischte sich nun eine wirkliche und wahrhaftige Träne aus dem Ange. Er aber tat, als ob er es gar nicht merkte, und fuhr fort: „Du bildest Dir soviel auf Deine Erziehungsmethode ein, ich aber sage Dir, daß es mit den guten Lehren alleiu nicht getan ist. Die Hauptsache bleibt: ein gutes Beispiel zu geben, oen Kindern als leuchtendes Vorbild zu dienen und sie durch unsere gleichmäßige und nie wankende Charakterfestigkeit zu tüchtigen, bestimmten Menschen zu formen." Frau von Höchstfeld rang verzweifelt die Hände. „Erwin, um Gotteswillen", lainentierte sie, „Du wirst doch nicht etwa behaupten wollen, daß ich unseren Kindern ein schlechtes Beispiel gebe?" Er schaute sie nicht ohne ein gewisses Mitleid an, setzte sich zu ihr und sprach nun in etwas freundlicherem Tone: „Sieh, liebe Eveline, Du mußt Dir vor Augen halten, daß Erna sehr aufgeweckt ist, daß sie auch in dem Alter steht, wo man scharf zu beobachte« ansängt und über Dinge grübelt, die — na, das gehört ja nicht hierher, und ich will nur sagen, daß wir uns vor ihr jetzt doppelt in acht nehmen müssen. Wenn sie Dich nun über den Tod meines Vetters Karl außer Rand und Band geraten sieht, muß sie sich, da nicht fragen, wie das möglich ist?" „Es ist aber doch so schrecklich —" „Was? Daß er mich zum Erben einsetzte?'" . „Nein, das gerade nicht, aber —" „Aber, aber, abexr — hier gibt es gar kein aber und gar keine allgemeinen Erwägungen, sondern hier handelt es sich ausschließlich um Karl. Und das weiß das Kind ganz gut, daß er uns durch sein unverwandtschaftliches Benehmen ferner als irgend ein Fremder stand — ich wüßte also wirklich nicht, woher da der Schmerz kommen sollte!" „Freilich freilich er hat ja nicht recht an uns gehandelt", gab sie zu.. „Und als lch damals meinen letzten Kredit ausnutzte, um zn ihm naöh Kroatien hinabfahren zu können, und ihm unsere Verhältnisse darlegte, da mußte ich niich wie ent Bettler demütigen, um nicht mit leeren Händen zurückzukommen !" ,,Er hat es ja durch das Erbe gutzumachen gesucht"", bemühte sie sich, ihn zu beschwichtigen. „Ein nettes Erbe!" höhnte Herr von Höchstfeld ingrimmig und sich mit den Fingern durch die borstengerade hinaufstehenden Haare fahrend, fügte er ärgerlich hinzu: „ich furchte, daß wir damit eine harte Nuß zu krtacken bekamen." Aengstlich, besorgt sah ihn seine Frau an, dann glaubte sie ihn zu verstehen uni) sagte seufzend: „Ja, ja, es wird sich wohl schwer ein tüchtiger Oeko- nom für da unten finden." „Du rätst doch immer daneben" polterte ep, „als ob ich dazu einen Oekonomen brauche — ich werde mein eigener Oeeknom sein/" „Aber, lieber Erwin", wagte sie schüchtern einzuwenden, „das muß doch wohl auch erst gelernt sein."" „Unsinn! Ein paar Ochsenwagen werden sich Wohl leichter als ein ganzes Bataillon kommandieren lassen. Uebrigens liegen die einschlägigen Bücher, die ich mit Erich durchnehmen werde, schon da. Der Junge ist ein heller Kopf, er wird die Geschichte auch schnell heraus haben." „Es handelt sich aber doch um eine Herrschaft von viertausend Morgen !" „£® vierzig oder viertausend, das bleibt sich für den Anordnenden gleich — die Hauptsache ist der Ueberblick — verstehst Du? — der Ueberblick! — Na, und den gewinnt man beim Militär zur Genüge. Ueberhaupt sollte jeder Landwirt früher Militär gewesen sein, dann käme ein strammerer Zug in das Ganze. — Mas die Bewirtschaftung anbelangt, davor ist mir also ganz und gar nicht bange. aber ich frage mich: Wie werden wir uns zu der dortigen Gesellschaft stellen?" Frau von Höchstfeld sah hilflos um sich. „Ja, wenn wir nur halbwegs eine Ahnung hätten, was eigentlich mit ihm vorgefallen ist."" „Das ist es ja eben"", bekräftigte er, „nichts, rein nichts weiß man, und ich kann doch nicht frenide Leute danach fragen! Aber ich habe es ja vorausgesehen, daß die Geschichte nicht ganz glatt ablaufen wird. Als er damals auf den verrückten Einfall kam, sich da unten, nahe der türkischen Grenze anznkaufLn, da habe ich ihm redlich abgeraten und ihm vor Augen geführt, daß dorthin ein sogenattnter zivilisierter Mensch nicht Paßt. Na, er hat mich ausgelacht, wie er überhaupt immer den! Uebergescheiten herauszubeißen ttmßte, und die ersten Jahre schiert es ihnt auch ganz gut zu behagen, bis dann auf einmal. . ."" „lieber zwanzig Jahre sind es her, und doch erinnere ich mich an den Bries, als ob er gestern eingetrofsen wäre", unterbrach sie ihn, „eine ganze Liste von Büchern mußtest Du ihm damals besorgen und darunter nicht einen einzigen Roman, sondern lauter solch wissenschaftliches Zeug, daß wir uns gleich sagten: er ist über- geschnappt."" „Das konntest nur Du gesagt haben"", protestierte er, „denn ich hatte immer gehörigen Respekt vor der Wissenschaft." „Sogar solch gewaltigen, daß Du ihr meilenwett aus dem Wege gingst"", ergänzte sie lächelnd. „Das verstehst Du nicht, liebe Eveline", verwies er sie, „der Mann der Tat hat mit freiem Blick um sich zu schauen und braucht nicht erst aus den Büchern Lebensweisheit zu schöpfen wie diese Zimmerhocker. Und da auch Karl ein Mann der Tat war, so machte mich sein plötzliches Verlangen nach Gedrucktem allerdings stutzig."" „Erwin!"" rief sie erschrocken und erfaßte ihn beim Arm, „wenn wir dort unten am Ende auch zu solchen Sonderlingen würden!"" Er machte sich mit einer kurzen Seitenbewegung frei. „Ich bitte Dich, liebe Eveline, überlaß diese albernett Bemerkungen Erna", sagte er ungeduldig, „Dich kleiden sie nicht mehr." Gekränkt wandte sich Frau von Höchstfcld zum Gehen. „Natürlich"", rief er ihr nach, „das ist so Weiberart — die Beleidigte spielen und mich mit dem Brummschädel allein lassen!"" Sie kehrte sofort willig um, machte ihm aber doch. Vorwürfe über seine ungehörige Ausdrucksweise, was er anscheinend ganz zerknirscht über sich ergehen ließ, unt dantt, als sie fertig war, mit unterdrücktem Schmunzeln zu sagen: „Ich dachte, nur in Gegenwart der Kinder di« Wahrheit verschlucken zu müssen. Albern ist übrigens gab nicht so schlimm — wenn ich noch gesagt hätte dumm oder..." „Nun habe ich es satt"", rief sie ernstlich empört, „feit Du Deine schlechte Laune nicht mehr aus dem Kasernenhof auslassen kannst, betrachtest Du mich als Prügeljungen! Das ist, das ist — unfein — so, jetzt weißt Du es!" Er nickte und brummte: „Hm ja —< jetzt weiß ich es"", dann hielt er ihr die Hand hin und bat: „na, schlag ein. Alte, wollen uns wieder vertragen." Sie überlegte und fand richtiger, sich Nicht so schnell versöhnt zu zeigen. _ „Laß nur, laß", wehrte sie deshalb^ „Du machst Dtr ja doch nichts daraus, ob ich mich gekränkt fühle oder nicht." „Das ist aber doch- weiß Gott! nicht wahr!" protestierte er lebhaft; „ich rede ja so manches daher, aber daß ich Dir je absichtlich und mit Ueberlegung wehe getan hätte —• nein, dagegen verwahre ich mich ganz entschieden. Also- gib mir die Hand, alter Kriegskamerad, und laß uns vernünftig miteinander reden."" Mit absichtlich zur Schau getragenem, leichtem Widerstreben überließ sie ihm ihre Rechte, freute sich aber im Innern, daß er sein Unrecht eingesehen und, was eigentlich noch nwhr bedeutete, daß er es auch einmal zugegeben hatte. „Die Sache liegt nämlich für uns teuflisch verzwickt"^ nahm er nach einer Weile das Gespräch von neuem auü „von Rechts- und von Anstandswegen sind wir natürlich dazu verpflichtet, den nächsten Gutsnachbarn Antritts- — 423 besuche zu machen, andererseits aber sind wir Karls Erben und haben als solche und Verwandte auf sein Andenken Rücksicht zu nehmen." „Mr wissen aber doch gar nicht, was vorlag. . „Jedenfalls keine Kleinigkeit, sonst bricht nicht ein lebenslustiger Mensch, wie er es war, den ganzen Verkehr plötzlich ab!" entgegnete er mit Bestimmtheit, und im Auf- und Mtzehen fuhr er fort, „ich. habe ihn ja damals zu sondieren versucht, konnte aber absolut nichts Positives aus ihm herausholen. Das einzigste, was er sagte, war: Wenn ich einmal nicht mehr bin und Ihr mein Erbe angetreten habt, dann hütet Euch vor dem Pfarrer Nenadovic — was den Namen Höchstfeld führt, wird er bis unter die Erde mit seinem Haß verfolgen." Nach einer längeren Pause, in der beide ihren Gedanken nachgehangen hatten, sagte endlich Frau von Höchstfeld zögernd: „Du darfst es mir nicht übel nehmen, lieber Erwin, aber nach all dem, was Du sagst und was auch unser Junge erzählte, der doch erst vor Mei Jahren unten war, will es mir saft scheinen, als ob sich! Karl irgendwie an ihm vevsündrgt hätte." Mit zusammengezogenen Brauen blieb er dicht vor ihr stehen. „Meinst Du vielleicht"- fragte er, „daß ein Höchstfeld einer unehrenhaften oder auch nur ungerechten Handlung fähig ist?" „Aber, Erwin, wann hätte ich dergleichen behauptet!" lenkte sie erschrocken ein, „ich denke nur, daß wir jetzt alle Eventualitäten ins Auge'fassen müssen, um darnach unser Verhalten einzurichten. Wenn ihn irgend eine Schuld trifft — ich glaube es ja nicht, aber gesetzt den Fall, es wäre wirklich so — dann sehe ich nicht em, warum wir darunter leiden sollen." „Leiden, leiden, leiden!" höhnte er. „Jawohl, leiden", beharrte sie resolut, „vergiß nicht, daß wir dort gesellschaftlich auf die Gutsnachbarschaft und auch auf die Geistlichkeit angewiesen sind." „Ein deutscher Edelmann genügt sich selbst, trotzte er, „sein Heim und seine Familie gehen ihm über alles und lassen ihn mit Freuden auf die sogenannte Geselligkeit verzichten." Sie antwortete nicht, sondern seufzte nur schwer. Breitspurig postierte er sich vor sie hin und sagte mit geringschätzigem, zwischen Spott und Mitleid schwankendem Tone: „Ja, ja, darin seid Ihr Euch alle gleich, Ihr denkt nur ans Vergnügen und wieder ans Vergnügen. Ich aber Meine, daß wir dort fürs erste gar keine Zeit zum Vergnügen haben werden, daß wir unsere ganze Kraft werden anspanneu müssen, um in diese chaotischen, zerfahrenen Zustände Ordnung zu bringen! Das hier", sagte er und nahm eines der auf dem Schreibtisch liegenden Fachbücher zur Hand, „hat von nun an unser Vergnügen zu sein, und ich will diesen geborenen" Landwirten da unten zeigen, daß ein deutscher Offizier mehr im kleinen Finger hat, als sie in chren landwirtschaftlichen Dickschädeln — was unsereins nur ernstlich will, das kann er auch schon!" — und als sie nun, anstatt ihm zuzustimmen, wieder auf- seufzte, da flog der „Kunst- oder Naturdüngers knallend ?ur Erde, und geregt polterte er auf sie ein — „was oll das ewige Geseufze bedeuten? Glaubst Du etwa, daß ich mich klein kriegen lasset Frau von Höchstfeld, die den ganzen Sermon er« tzebnngsvoll über sich hatte ergehen lassen, fühlte sich nun, da ihr vor der Tatkraft ihres Dtannes nicht wenig bange wurde, doch verpflichtet, ihn auf das Unsinnige und Gefährlich^ seines Vorhabens hinzuweisen. „Sieh, Erwin", begann sie, nach möglichst schonenden Ausdrücken gleichsam tastend, „ich möchte Dir ja so gern aus vollem Heiden beipflichten, und ich erkenne gewiß Deinen eisernen Mllen an. Aber der Wille allein tut es nicht, man muß auch die nötige Erfahrung haben, wenn Man nicht schweres Lehrgeld zahlen soll." „Und diese Erfahrung soll mir Wohl bei den dortigen -»Geselligkeiten" zufliegen", spottete er, „ich wußte es ja daß es darauf hinauslaufen wird." Verzweifelt starrte Frau von Höchstfeld vor sich hin, es stand aber zuviel auf dem Spiel, um dazu zu schweigen, und so entgegnete sie mit erzwungener Ruhe, doch nicht ohne eine gewisse Bitterkeit: „Ich, glaube nicht, in irgend einem Zeitpunkt unserer Ehe den Vorwurf der Vergnügungssucht verdient zu haben. Unsere finanziellen Verhältnisse schützten uns ja auch zur Genüge vor irgend welchen Seitensprüngen, und wir waren bis zur Stunde froh, eben noch den äußeren Schein wahren zu können." „Das hatten wir auch nur dem Geiz meines lieben Vetters zu danken", brummte er wütend. „Gewiß, er hat nicht schön, er hat sogar unrecht an Dir gehandelt", stimmte sie ihm rasch zu, „nun aber frage ich: wenn er sich gegen Dich, gegen seinen nächsten Verwandten aus purem Eigensinn ins Unrecht setzte, warum sollte er da gerade fremden Leuten gegenüber im Recht sein?" „Das ist Weiberlogik", wich er, in die Enge getrieben, aus." i „Nein, Erwin, dazu führt mich die ruhige Ueberlegung", sagte sie mit Festigkeit, „und spricht nicht auch das ganze Verhalten des dortigen Adels gegen ihn? Wenn das Recht auf seiner Seite gewesen wäre, würden sie ihn da fallen gelassen, würde er sich da freiwillig aus ihrem Kreis ausgeschlossen haben? Nie und nimmer!" (Fortsetzung folgt.) Aus dkm Lröen Ohm Krügers. Vor zwei Jahren etwa erschien zugleich in fast allen europäischen Sprachen ein Band Lebenserinnerungen des Transvaal- Präsidenten Paul Krüger. .Sie sind von ihm selbst erzählt und nach Aufzeichnungen seines Privatsekrctärs H. C. Bredell und des ehemaligen Unterstaatssekretärs der Südafrikanischen Republik herausgegeben von A. Schowalter. Der Inhalt des Buches ist in zehn Hauptstück: geteilt, in denen die Erlebnisse Krügers von seiner frühesten Kindheit bis zu seiner Uebersiedelung nach Europa und seinen vergeblichen Bemühungen, hier eine Intervention zu Gunsten der Südafrikanischen Republiken herbeizuführen, geschildert wird. Er bietet eine reiche Fülle biographischen Materials an, daß uns die Persönlichkeit des Verstorbenen mit plastischer Deutlichkeit entgegentritt. In anziehender, schlichter Weise schildert er seine Jugendjahre, die er auf der Farm seiner Eltern, schlichter Bauern, verlebt hat, und mit sichtlichem Vergnügen und einem gewissen Stolz erzählt er von seinen, in der Jugend erlebten Jagdabenteuern. Er hat seine 30 bis 40 Elefanten, 5 Flußpferde und allein 5 Löwen geschossen, davon den ersten im Alter von 14 Jahren im Jahre 1839, aber seit fünfzig Jahren hat sich Krüger an größeren Zagd- zügen nicht mehr beteiligt. Manche schwere Gefahr hat Krüger auf seinen Jagdzügen bestanden, und auch ohne schwere Verletzungen ist es dabei nicht abgegangen, so ist er einmal von einem Rhinozeros gar arg zugerichtet worden. Den Warnungen seines Schwagers Theunis zum Trotze, stellt er sich einem solchen Untier entgegen. Er läßt es auf drei Schritt herankommen und schießt. Aber das Zündhütchen versagt. Zu einem zweiten Schüsse hat er keine Zeit. Krüger will fliehen, aber sein Fuß verfängt sich im Gestrüpp; er stürzt auf das Gesicht; im Nu erreicht ihn das schnaubende Ungetüm. Der erste Stoß mit seinem gefährlichen Horn streicht dem verwegenen Jäger gerade über den Rücken hin; mit der Nase drückt es den Feind auf den Boden fest und will ihn mit den plumpen Füßen zerstampfen. Aber behende dreht sich Krüger unter dem Tiere um und Meßt ihm die zweite Kugel unter das Blatt gerade ins Herz. Das Rhinozeros springt mit einem Gebrüll des Schmerzes zur Seite und stürzt alsbald tot meder. Doch nicht immer geht Krüger ein dreistes Unterfangen so glücklich aus. Im Jahre 1866 mußte er auf der Heimreise von einer Volksratssitzung in Potchefstroom, bei der Farm Schoon- klof, über einen Bachgraben. Dieser war wohl eingetrocknet, aber der Weg, der hindurchführte, war völlig pnterwühlt und zerrissen, sodaß er für Wagen und Pferd unpassierbar war. Statt nun einen Umweg zu machen, fuhr Krüger mit seinem zweirädrigen Karren ein Stück zurück und trieb dann seine Maultiere in vollem Galopp gegen das Rinnsal, damit die Tiere hjnübersprmgen und den Karren nach sich ziehem Das Wagestück mißlang. Das Gefährt schlug um und Krüger brach am Knie das linke Bein. ES ist infolge dieses Unfalles nachher allezeit ein wenig kürzer geblieben. Aber beim .Gehen, so versichert Krüger ausdrücklich, wird dies jemand kaum merken. Ein anderes Mal ist ein Kriegs abenteuer, bei dem Paul sein robustes Heldentum bekundet. Im Jahre 1853 wird General Potgieter auf dem Zuge gegen den Häuptling Mapela erschossen. Er stand gerade am Rande eines Felsenabhanges, da wurde er von der tätlichen Kugel getroffen. Potgieter stürzte in die Tiefe, mitten in die Kaffernschanzen hinein. Krüger sah es und eilte ohne Zögern hinab, um wenigstens die Leiche zu bergen. Hurtig sprang er über den Wall der Kaffernschanze, hob den Entseelten auf den Wall, setzte dann mitten im Kugelregen, mitten im Pulverdampfe tvieder hinüber und brachte so die Leiche des großen und schweren Mannes mit sich. Die Macht der Triebe scheint auch im alten Krüger einmal 424 rege gewesen zu fein. Kaum siebzehn Jahre alt, holte er sich aus dem Lande südlich des Vaal die Jungfrau Maria du Plessies zur Ehesrau. Maria mag ihm in jenen Tagen sehr teuer gewesen feilt. Denn bei einer Reise zu seiner Braut findet der junge Krüger das reihende Wasser des Vaal hoch angeschwollen. Aber die Sehnsucht ist größer als die Gefahr mtb seine Kraft stärker als die Gewalt des Stromes. So trieb er denn, ohne seine Kleider abzulegen, seine Pferde in die Flut und durchschwamm den Vaal unter Umständen, die eine fast sichere Todesgefahr bedeuteten. Der alte Wärter, der an diesem Tage mit seiner Fähre nicht über den Fluß zu sehen wagte, las ihm gehörig den Text. Doch wohlgemut zog der Verliebte seines Weges weiter. Der Bund mit Maria du Plessis sollte nicht lange währen. Vier Jahre später, im Januar 1846, trifft Krüger das Unglück, daß er seine Frau und das Kindchen, dem sie das Leben gegeben hatte, verlor. Er klagt darüber nicht. Wohl aber erzählt er, daß Gott ihm eine neue Lebensgefährtin in der Jungfrau Gesiiia Susanna Friederike Wilhelmine du Plessis geschenkt habe. Also eine zweite du Plessis — und eine zweite Frau. Ans dieser Ehe erwuchsen dem Vater Krüger nenn Söhne und sieben Töchter. Drei Söhne und fünf Töchter sind noch am Leben. Ein „Anhang" der Krügerschen Lebenserinnerungen bringt den Wortlaut der Reden nnd Erlasse des Präsidenten. Dem merk- würdigsten Armeebefehl, den die Kriegsgeschichte kennt, dem Zir- kulartelegramm des Staatspräsidenten an die Kriegsosfiziere, aus Machadodorp, 24. Juli 1900, seien hier einige Stellen entnommen. In dem theologisch-militärischen Aktenstück heißt es: „Aus Ihrem Bericht und verschiedenen änderen Berichten sehe ich, daß der Geist des Unglaubens überall austritt wie ein brüllender Löwe, um unsere Menschen wankelmütig zu machen. Brüder, Ihr begreift doch, wenn Ihr den Feind an Euch laßt Vorbeigehen und fangt an zu zweifeln, ob Ihr ihn angreifen sollt oder nicht, treibt Ihr die anderen, die noch zurück sind, im ganzen Lande, wo sie das hören, auch zum Wankelmut und zum Unglauben; aber wenn Ihr Eure Pflicht tut und den Feind anpackt, wo er kommt, so macht Ihr den Unsrigen, die A'uf den Farmen in der Republik zurückgeblieben sind nnd das hören, Mut, um auch kämpsen zu helfen, mögen sie und wir auch nur wenige fein. Denn der Sieg ist nicht in der Hand der Uebermacht, sondern in der Hand des Herrn, und der Herr gibt ihn denen, die in seinem Namen streiten, wenn wir auch noch so wenige sind. . . . Wer feststeht in dem Herrn, kann mit dem Apostel Paulus und mit Timotheus sagen: „Werde nicht mutlos, wenn Du Abtrünnige siehst, denn es muh ein Abfall kommen." Und der Herr Jesus sagt selbst im Matthäus 24, daß Kriege und Gerüchte von Kriegen kommen werden, aber: „Erschreckt nicht, sondern bleibt getreu, denn diese Dinge müssen geschehen." Halte also Mut, du gottesfürchtige Schar, in deiner Schwachheit wird der Herr seine Kraft beweisen . . . Seht Psalm 83, daß der böse Geist der Lust gesagt hat, der wahre Kämpfer, Israel genannt, dürste nicht bestehen, und der Herr sagt: „Er wird bestehen." Und seht in der Erklärung, die wir an Salisbury geschrieben haben, daß wir nur unsere Unabhängigkeit erhalten wollten. Da antwortete er auch demselben Geist, daß dieses Volk nicht bestehen dürfe, oder um seine eigenen Worte zu gebrauchen: «Ich werde nie zugeben, daß Ihr Volk als Volk bestehen mag." Liebe Brüder, auf Grund von Gottes Wort bin ich dessen sicher, daß der Sieg uns gehört. Doch laßt uns treu bleiben und streiten im Namen des Herrn auf seine Verheißung hin, und ich ersuche, haß die Offiziere diese Kundgebung den Bürgern immer wieder vorlesen . . ." vermischte». * „F r a u e n b e fr e i u n g". Eine fleißige Schriftstellerin auf dem Gebiete der „Frauenbefreiung" ist Ellen Key. Ihr neuestes, von Francis Maro übersetztes, Werk heißt „U e b e r Liebe und Ehe" (Berlin, S. Fischer). Das Ziel von Ellen Key ist nickst das Ziel, dessen Erreichung auf Frauenkongressen usw. erstrebt wird, und in Erreichung aller männlichen Aemter und Würden — nur mit Ausschluß der Militärdienstzeit — gipfelt; die beredte Fürsprecherin ihres Geschlechts beschäftigt sich init der Aufbesserung der Frauenstellung gegenüber dem Manne im — kurz gesagt — Eheleben. Die heutige Gesellschaftsordnung ist ihr nach dieser Richtung eine Summe von Ungerechtigkeiten, da die Ehefrau immer die Untergebene des Mannes sei. Nach den neuesten Gesetzgebungen ist diese „Untergebenheit" allerdings stark eingeschränkt und es ist ein Rahmen geschaffen worden, innerhalb dessen die Kongruenz der beiderseitigen Neigungsgebiete, die sogenannte Liebe, das Weitere ordnen tarnt. Aber die Verfasserin will weiter gehen, sie will dem beiderseitigen Willen des Zusammen- und des Voneinandergehens größere Freiheit zuerkannt wissen. Was man bisher als eine Haupterrungenschaft der heutigen Jahrtausende alten Menschenkultur angesehen hat, will Ellen Key nicht mehr gelten lassen: „Auf Grund des Wilms des Jnd vidnums zu persönlicher Wahl bei seinen persönlichen bedeutungsvollen Handlungen muß die Weiterführnng der Ehe — wie ihre Schließung — von jedem der Ehegatten abhängen, die Scheidung folglich frei werden; ein Zwang auf diesem Gebiet ist Erniedrigung". Hm! Bisher überlegten sich doch vernünftige Leute so etwas vor der Annäherung. Und weiter liest man: „Erst wenn ein unbestechlicher Realismus auch in der Familie den Grundsatz aufstellt, daß jeder seinen eigenen Kops für sich behält, erst dann wird der Idealismus der seinen Freiwilligkeit der gegenseitigen Hilfe vollen Spielraum geben. . ." Jeder seinen Kopf für sich! Nun, es käme auf eine Probe für die Menschheit an, .vielleicht auf ein Jahrzehnt. Gerade der Hinblick auf „Behalten des eigenen Kopfes für sich" hat die Gesetzgeber immer wieder dazu geführt, die Ehe, unter Schonung individueller Freiheit, fest zu schmieden und gesetzlich zu schützen. Die Verfasserin begeistert sich schließlich für den schon in der französischen Revolution vorgeschlagenen Eheparagraphen: „Tie, die sich lieben, sind Mann und Fran". An sich ist das gewiß sehr hübsch und in Wirklichkeit auch wohl der Fall, .wenngleich in anderer Teutuny. Nur erschien die allzu große Freiheit für den Zeitpunkt von je gefährlich, von dem der Dichter singt: „Zum Schlüsse kommt das Voneinander- geljen!" Ehe bedeutet Gesetz (alth. etoa, eha) und wird es ewig bleiben im Gegensatz zu dem von der Verfasserin angedenteten „ubi bene ibi connubium". Literarisches. Der Rhapsode. Monatsblätter für Vortragsliteratur. (Verlag von Richard Ruckdeschel in Gera.) Rhapsoden nannte man bekanntlich jene altgriechischen Vortragskünstler, welche die Feste der Hellenen durch Rezitationen verschönern halfen, und sich uM die Verbreitung und Erhaltung dichterischen Edelgutes ein hervorragendes Verdienst erwarben. Der letzte Rhapsode war der dahin- gegangene Nibelungen-Dichter Wilh. Jordan. Die vorliegende Zeitschrift will auf die gleiche Werse für unsere zeitgenössischen Schriftsteller und für den auserlesenen Schatz älterer Poesie Vermittlerin fein. Der abgeschlossene erste Jahresband, dem Reinhold Fuchs, her Sänger trefflicher Balladen, einen warmherzigen Geleitsbries mit ta'uf den Weg gegeben hat, enthält in Vers und Prosa, in hochdeutscher und mundartlicher Sprache eine Fülle gediegener ernster und heiterer Auswahlproben, zum Teil von den berühmtesten und gepriesensteu Verfassern. Martin Greif hat das geistige Protektorat für den jetzt taufenden zweiten Jahrgang übernommen. Das durchaus zeitgemäße und ohne Zweifel sehr Entwicklungsfähige Blatt tierbient die kräftigste und nachhaltigste Förderung. Es sei vor allem den Leitern von Vereinsbibliotheken zur Beachtung empfohlen. Auch der einzelne, still für sich genießende Kunst- und Bücherliebhaber, mehr aber noch jeder, der es liebt, .in geschlosfenem Kreise Dichd- ungen von Wert zum Vortrag zu bringen, wird an dem wechselvollen Inhalt seine Freude finden. Der Verleger tut sein bestes, um die monatlich zur Ausgabe gelangende Zeitschrift auch äußerlich auf vornehmster Höhe zu halten. —• Briefe, die ihn erreichten. .(Verlag Szelinski u. Co., Wien. Oktav. 16 Bogen stark. 5 Mk. So nennt sich ein Roman, der bei Szelinski u. Co. in Wien erschien. Wieder ein anonymes Frauenbuch, aber durch den Titel, der eine gewisse innere Verwandtschaft mit dem bekannten Roman der Baronin Hey- king symbolisiert, deutet das neue Werk an, daß es nicht die Pfckde der leider allzuviel besprochenen krampfhaft „modernen" Jungmädchenliteratur wandelt, sondern sich im stummen Kampfe der „Richtungen" auf jene Seite stellt, der die vorerwähnte Verfasserin zu einem gleichsam erlösenden Siege verhalfen hat. .Im übrigen verschmäht das neue Werk jede Anlehnung an Fremdes nnd hat fein eigenes Leben. Es schildert den seelischen Werdegang eines jungen Mädchens, das aus einer unbewußten sröh- lichen Kindheit zu immer größerer Vertiefung geführt wird und zu immer klarerem Einblick in alle Regungen des Lebens. Bilderrätsel. Nachdruck verboten. (Auflösung tn nächster Nummer.) 1__ ’sV Auflösung des Kapselrätsels in vor. Nr.r Frau, Sena, Igel, Erna, Dank, Eisen, Rübe. Flieder. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrülh'schenUniversitLtS-Buch- und Cteindruckerei. 81. Sanne. Gießen.