Samstag den 18. 1904. W - W ÄS® WKS ikpi MWW \£&Z\ MniMtz- (Nachdruck verboten.) Irühlingsstürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) 9. Kapitel. Der ganze Westen stand in einem einzigen roten Flammenmeer, als das Schiff sie übers Haff zurückbrachte. Sie lehnten Arm in Arm an der Brüstung des Decks und sahen dem wunderbaren Farbenspiel zu. Als scharfe Silhouette hob sich der immer schmaler werdende Streifen der schwarzen Nehrung von der Glut des Himmels und des Wassers ab. Aus dem Haff wechsel- ten die bunten Reflexe wie in einem Kaleidoskop. Wo das Schiff seine Kiellinie zog, da war es, als ob das Wasser sich teilte, um aus tiefem Schacht nach beiden Seiten hin glühende Quellen flüssigen Goldes über die bewegte Flache auszugießen. In breiten Bahnen zogen die immer sich erneuernden zitternden Goldstreifen weiter, dunkler werdendfast bronzen, und da hinein schillerten dann die purpurroten, opalisierenden, erdbeerfarbenen und violetten Lichter der vom Wind ausgepeitschten Wogen, die das Kielwasser in spitzem Winkel überspülten. Die Schauinkämme, die sich beim Bruch der Wellen bildeten, erschienen wie silberne Garben in einem bunten, wogenden Aehrenfelde. Auch der Himmel selbst war über und über besät mit langstreifigen, dünnen Federwolken in allen Tönungen, vom blutroten Feuerschlund im Westen an, wo soeben die Sonne hinab- gesunken war, bis zu dem smaragdgrünen und orangenen Hauch, womit der letzte Reflex im Osten die in der blauen Nacht schwimmenden luftigen Wolkengebilde verbrämte. Die Chorsänger an Bord waren müde und heiser, die Turner saßen trinkend und rauchend beim Skat in der Kajüte, auch die Musikanten und ihre verstimmten Instrumente ruhten von den Strapazen des Nachmittags aus und sammelten neue Kräfte für den Abendtanz. Bloß ein paar Frauen und Kinder feierten das Naturschauspiel in ihrer Weise mit, indem sie mit mehr Gefühl als Wohllaut den melancholischen Terzenkanon sangen: „O, wie wohl ist mir am Wend . . . mir am Abend. . ." Besonders ein scharfer, schneidender Mädchenalt, der im Kommunalschirlton einzelne hohe Noten quetschte, die ständig wiederkehrten, verdarb das gutgemeinte Ensemble. Mer eine wundervoll weiche Knabenstimme schwang sich mehrmals so klar und befreiend über den stumpfen, leirigen Gesang der andern auf, daß die beiden stumm Lauscherwen einander unwillkürlich! in ihrem Händedruck die harmonische Wirkung verrieten, die diese glockenreine, fast heilige Stimme auf sie ausübte. Es war kalt, sehr kalt geworden, Fränze hatte den Kragen ihres Inletts aufgefchlagen und schmiegte sich enger an ihren Begleiter an. Allmählich ward es hier oben ganz leer, auch die Kanonsänger zogen sich fröstelnd in die Punsche duftende Kajüte zurück. Sie nahmen nun wieder wie am Mittag ihre Wanderung übers Deck auf. Hatten sie den Wind im Rücken, dann plauderten sie leise und munter miteinander, so oft sie aber tuenden und gegen den Wind ankämpfen mußten, schloß Fränze die Augen und preßte die Lippen aufeinander. Zu- pitza hatte den Arm um ihre Schulter geschlungen und führte sie.. Sie gingen im Gleichschritt und senkten die Köpfe. Oben angekommen lachten sie, preßten sich für eine Sekunde noch zärtlicher aneinander und der Marsch begann fröhlich von neuem. Um volle zwei Stunden später als fahrplanmäßig zu erwarten gewesen, kam das Delta in Sicht. Mair sah rechts die wenigen Lichter, die die Strahmeeinfahrt bezeichneten, links den Schjlwer Leuchtturm, der der Mündung des Kar- paßstromes vorgelagert war. Auf dem Wlasser war es schon Nacht. Den letzten bunten, goldverbrämten Wölkchen, die wie die verirrten Nachzügler eines Fackelzuges noch hoch oben im Norden standen am sonst längst erloschenen Firmaments hatten sie beide noch stumme, liebevolle Grüße zugesandt. Nun blitzten auf der Nehrung und an der Küste immer mehp Feuerfunken auf, ganz versprengt und verloren, oft war es wie das unbestimmte Flimmern von Leuchtkäferchen. Das' Wasser erschien rabenschwarz. Nur den beim Radkasten aufgewühlten weißen Gischt sah man durch die Schiffslichter! in flackernden Streifen erleuchtet. Wer Fränze blrckte geflissentlich weg, so 'oft sie daran vorüberkamen. Das Rau-, schen und Stampfen in Verbindung mit dem an der Kajütenecke so scharf vorbeipseifenden Wind ließ ihr das grelle Bild der tief da unten kochenden und stürzenden Brandung unheimlich erscheinen. Als die Schiffspfeife das Signal gab, das den die La» terne hissenden Kemeneit benachrichtigte, daß sein Boot in Sicht gekommen war, bemerkte Zupitza ein Zittern in Frän- zes Arm. Sie fürchtete sich, offenbar, bei dem hohen Seegang, bei Wind und Finsternis den Dampfer zu verlassen und 'sich dem schwankenden Fahrzeug anzuvertrauen. Man verlangsamte jetzt die Fahrt und warf dem Bootsführer, haarscharf gezielt, ein Dau zu. Während das Schiff wetterging und den Kahn mitzog, mußte der Uebergana ziemlich flink ausgeführt werden. Ws der Schiffsluke fiel ein Lichtschein über das Boot und bemalte das bärtige, rotbraune, gutmütige Gesicht des Fischers. Fränze Mußte die Augen schließen, es schwindelte sie. Sie klammerte sich an Zupitza an, sie fühlte den Boden unter sich schwinden, es sauste ihr in den Ohren, — gleich darauf saß sie aber schon auf der Bank im Segelboot, sie wußte selbst nicht, ob sie gelaufen, gesprungen, gefallen war, ob man sie getragen hatte. Zupitza hüllte sre in Kemeneits Flausrock ein, preßte dann aber sofort ihr Gesicht an seins Brust, denn in dem 'Augenblick, da der Fischer das Tau losließ und das Schiff allein seinen Kurs fortfetzte, geriet das Boot mächtig ins Schwanken, — 858 — Auf der Fahrt zur Stifte schwieg Franze, ganz betäubt vom Winde und dem Schaukeln des Bootes. Erst als sie wieder festen Boden unter sich hatte, ging der Schwächeanfall vorüber. Und nun schämte sie sich ihrer Angst. Zu- merkte es ihr wohl an. Wer er sprach kein Wort per. Am raschen impulsiven Druck seiner Hand fühlte Fränze, daß er in dieser Sekunde an den größeren, bedeutungsvolleren Kampf dachte, der ihr nahe bevorstand, — wo sie Mut und Kraft beweisen sollte, ohne sich an seinen schützenden, helfenden Arm anklammern zu können. * In Sangallen trennten sie sich. Fränze kehrte vom Krug aus mit dem Marktwagen nach Sakuthen zurück; Zu- pitza wollte zu Fuß Heimwandern. Jü seinen einsamen vier Wänden hätte es ihn heute abend doch nicht geduldet — mit gleichgiltigen Bekannten zu sprechen, gar in der Kneipe zu sitzen, das wäre ihm erst recht nicht möglich gewesen. Es ging schon aus neun Uhr. Seit dem Beginn von Dieters Krankheit war dies der erste Fall, daß Fränze sich versäumte. Sie wunderte sich darüber, daß sie gar keine Skrupel eiupfand, während das Gefährt sie in langsamer, holpernder Fahrt über die Landstraße führte. Sie durchlebte schon im voraus die ernste, gewichtige, folgenschwere Aussprache, die sie nun mit Dieter herbeiführen mußte. Sie sah sich dabei selbst, sah ihr bleiches Gesicht, ihre nervös sich ineinander krampfenden Hände, sie hörte sich, als ob es eine andere wäre, und sie staunte Über ihre knappe, zwingende, dabei so leidenschaftlich bewegte Rede. Ihm sollte nichts genommen werden — nein, nein, ihm sollte ja nichts genommen werden! Was sie miteinander all die finsteren Jahre hindurch verbunden hatte, das war eine tiefe, ehrliche Freundschaft gewesen — und die sollte bis ans Grab ihm treu bleiben nach wie vor. Wer so wie bisher konnte es nicht bleiben. Sie trat mit einem'fertigen Plan vor ihn hin. Das Geschäft sollte in fremde Hände übergehen. Sie selbst mußten Gill vorläufig verlassen. Vielleicht zog man am besten nach dem Rhein, nach Wres- baden oder einem pudern Heilbad, wo er gewissenhafte Pflege sand, — ihre wärmste, innigste Fürsorge konnte dann um ihn sein bis zu seinem letzten Atemzug. Denn sie wollten ihm ja beide als treue Kameraden beistehen in jeder Not, zu Jeder Stunde. Wer ihr Herz hatte gesprochen, ihre Sinne sprachen, ihr Blut, — sie war ja längst nicht mehr sein Weib — und wenn er Erbarmen mit ihr hatte, so mußte er sie nun ihrem Glücke nachziehen lassen. Ja, er mußte. Denn in ein unwürdiges Verhältnis wollte und konnte er sie nicht stoßen. Seines Namens wegen nicht — und ihres Stolzes halber nicht. Sie vernahm Wart für Wort, wie diese Fremde es ihm sagen würde, und sie suchte sich gegen den Schreck, die Bestürzung des unglücklichen, ganz niedergeschmetterten Mannes zu panzern. Wer es gelang ihr doch nicht. Die grausame Härte dieser Fremden flößte ihr selbst mehr und mehr Furcht ein. Mehrmals wollte wieder das innerliche Zittern sie er- Sen — dzer Schstnndelanfall, der sie vorhin auf dem sser wie in einer Ohnmacht hatte überwältigen wollen. Jinmer wieder zwang sie sich^, die Hände krampfhaft ineinander schlingend, zu einem festen, Willensstärken: „Es muß sein!" Und dann tauchten ferne, verlorene Klänge auf, wunderbare, sehnsüchtige, leidensvolle Klänge, die näher kamen, immer näher, über sie hinrauschten, ihr das Herz bewegten, sie wie in einen Taumel versetzten. . . Sie sah sich im Sturm droben auf der Düne stehen, in den Armen des Geliebten . . . „Es muß sein! Es muß sein!" sagte sie ganz laut vor sich hin — voller Ekstase. Die Einfahrt zum Werk war Sonntags geschlossen, sie entließ das Gefährt also auf der Straße und schlüpfte durchs Hoftor, — etwas scheuer als sie wollte. Das Wohnhaus lag völlig dunkel da. Auch in der Küche brannte kein Licht. Sie entsann sich, daß sie der Köchin erlaubt hatte, wenn der Besuche aufbrach> selbst auszu- gehen. AU all die wirtschaftlichen Dinge hatte sie den ganzen Nachmittag Wer nicht gedacht. Sie egoistisch doch das Glück macht! sagte fto zu sich, während sie in wachsender Hast sich der Haustür näherte. Nachdem sie sie aufgeschlossen, blieb sie einen Augenblick an der Schwelle stehen. Die Luft war dick, sie legte sich ihr schwer auf die Brust. Kalter Tabaksqualm, der scharfe süß-säuerliche Geruch von Rum, Zigaretten, Punsch und Bier füllte die Diele. Ein Fenster schien Tirsell nicht geöffnet zu haben. Sie lauschte. Es war totenstill im ganzen Hause. Nur! irgendwo hörte man stöhnend atmen. Es konnte im Bureau sein, aber ebenso gut auch in Dieters Schlafstube; bei den dünnen Holzwänden täuschte man sich so leicht. Dieter selbst war es aber wohl doch nicht, eher Tirsell, dessen gutmütiger, tiefer, brummender Baß sich auch im Schnarchen verriet. Schlief hier denn schon alles? Unsicher tastete sie sich nach der Türe zum Herrenzimmer. Auch hier kein Laut. Sie machte Licht und sah sich um. Durch die offene Speisezimmertür erblickte sie den noch unabgeräumten Eßtisch, auf dem halb geleerte Flaschen und Gläser standen. Vielleicht hatten die fremden Herren erst vor kurzem das Gelage hier abgebrochen: Gamering war ja dabei gewesen! Tief atmete sie auf. Es war ihr doch ein gewisser Trost, daß Dieter nicht ohne Gesellschaft geblieben war. So hatte er sie weniger vermißt. Gewiß hatte Tirsell ihn schon zur Ruhe gebracht und sich darauf selbst zu Bett begeben. Auf den Fußspitzen ging sie aufs Schlafzimmer zu — blieb aber nach den ersten Schritten plötzlich unter einem leisen Aufschrei stehen: am Fenster erkannte sie Dieters Gestalt im Rollstuhl. Er rührte sich nicht. Sein Kopf war Wer die Lehne zurückgesunken, sein Gesicht war bleich, seine Arme hingen steif hinab. Ihr erster Gedanke war: er ist, tot! Ein Zittern meldete sich in ihren Knieen, sie mußte rasch das Licht wegsetzen und sich festhalten. Angstvoll starrte sie den Stitldaliegenden eilt. Ob er atmete, konnte sie nicht erkennen. Nichts bewegte sich in seinen Zügen, auch seine schmale Brust lag regungslos, seine Augen waren geschlossen. „Dieter!" flüsterte sie. Sie wollte seinem Kopfe eine andere Lage geben, aber ein seltsames Grauen hielt sie davon ab, ihn anzurühren. Ein schmerzlicher, gramvoller Zug furchte sein Antlitze seine Schläfen waren eingesunken, aus seinen Lippen stand ein starres und dabei doch bitteres Lächeln. Wie eine ungeheuerliche Anklage empfand sie's plötz- lichi, daß sie ihn so lange den Fremden überlassen hatte. Wenn das nun wirklich das Ende war, wenn er in die große Ewigkeit hinübergegangen war, einsam, von aller Welt verlassen, hier in diesem kalten, fast winterlichen Raum, — während sie draußen im Sonnenlicht, im Frühlingssturm jauchzend am Herz des Freundes hing. . .! „Dieter!" schrie sie plötzlich auf. Dabei erschrak sitz über den fremden Klang der eigenen Stimme. Da lief ein Zucken durchs seine Gestalt — gleich daraus schlug er die Augen auf. Sie fühlte, daß ihr das Blut wieder rasch zum Herzen schoß, das für ein paar Augenblicke völlig stillgestanden war. „Ach, Fränze — da bist Du ja!" sagte er leise und innig. Es lag kein Vorchurf in feinem Don, Nur sehnsüchtige Freude, und seine Hände streckten sich ihr verlangend entgegen. „Wie ist Dir's gegangen, Dieter?" fragte sie stockend, außer stände, sich ihm zu nähern. Seine Hände sanken wieder matt auf die Polster, und! er sah sie mit einem hilflosen Lächeln an. „Wie mir's! eben gehen kann — ohne Dich, Fränze." Da er den Schattest bemerkte, der Wer ihr Gesicht hinzog, setzte er rasch! hinzu: „Aber hab' keine Sorge, es hat uns an nichts gefehlt. Wirklich, Fränze." „Wann haben Dich die Herren denn verlassen?" fuhr sie fort zu fragen, nur um nicht still zu sein, dabei noch inimer zögernd, sich gewissermaßen selbst beobachtend. „Um vier Uhr etwa, Schatz," „Um vier Uhr. O — und seitdem — seitdem warst Du ganz allein hier?" - 359 — „Sascha war Bei mir, bis er hinaufging. Und zuerst auch Tirfell. Aber den schickte ich dann weg." Er lächelte müde. „Sei ihm schon nicht böse, Schatz. Die Herren hatten ihm zu trinken gegeben — er kann doch! nicht viel vertragen — da hatten sie dann ihren Spaß mit ihm." (Fortsetzung folgt.) Knril Staat als Bühnendichter. (Zu seinem 25 jährigen Jubiläum als Intendant.) Der verdienstvolle Leiter der Frankfurter Bühne, der sich auch, besonders in den Gründerjahren des Theatervereins, um die Gießener Kunstverhältnisse erfolgreich bemüht hat, begeht, so schreibt man uns aus unserem Leserkreise, in diesen Tagen sein Jubiläum. Er gilt als einer der feinsinnigsten Bühnenlenker: er wird auch als Lyriker nicht unterschätzt und jede, auch nach den strengsten Gesichtspunkten gesichtete Anthologie bringt Proben seines Könnens. Ob er, auf dessen Ehrenscheitel si chnun- mehr Huldigungen aller Art häufen, so ganz restlos zufrieden; wer weiß? Uns summen im Ohr seine Verse: Mir ist, als wär' mein Hoffen aus. Mir ist, als ob der Tod sich setze gu mir, in eine stille Ecke, Sie Spinnen an der Zimmerdecke, Zu weben mich in seine Netze. . . Ob Emil Claar, dem mitten im Tagesgetriebe und als unermüdlichem, rastlosem und verantwortlichem Feldherrn über ein so hervorragendes Kunstinstitut gewiß wenig Zeit zur inneren Einkehr und Sammlung blieb, nicht besser — fit venia verbo — frfinder als Ausnutzer des Patentes geworden wäre, d. h., an- att als verständnisvoller Nachdichter und Regisseur zu wirken, ausschließlich seine Kräfte s e l b st der dramatischen Produktion gewidmet hätte? Die Berechtigung dieser Frage beweisen nicht seine mehr oder minder Gelegenheitsstücke, auch nicht „S ch e l l e y" und „Die Schwestern"; sie scheint aber zu beweisen ein Stück, das nach seiner Uraufführung in Frankfurt und Vov- stellnngen in Aiainz und Hannover lautlos in den Orkus hinabsank —: Das bei Heinrich Minden in Dresden späterhin als Buch erschienene fünfaktige Drama „Königs- leid". Claar hat vor Jahren — wir entsinnen uns momentan nicht, bei welcher Gelegenheit — in einer Rede geäußert, das Theater müsse immer im Mittelpunkt der Diskussion stehen, sollte man auch einmal genötigt sein, auf den Bock des Thespiskarrens als Kutscher den „Fuhrmann Henschel" zu setzen; er hat vielleicht damit sagen wollen, wie er, dessen Seelen- sasern ganz mit der alten Schule und den Traditionen der Klassiker verwachsen sind, sich nur als Theatermann der Modernen Stimmung unterordnen müsse. „Königsleid" hat auch mit der Moderne nicht das geringste zu tun; es mutet eher an wie ein Erbe der klassischen und romanischen Strömung, und doch nichts Epigonenhaftes! Cs erklingt ein eigener, feiner Unterton, eine rein persönliche Note. Ter ethische Gehalt rst von einer einfach-schlichten und schier ergreifenden Selbstverständlichkeit: Der junge König irgend eines orientalischen Reiches will Mensch unter Menschen sein. Er beruft die Mühseligen und Beladenen vor seinen Thron, um Allen zu helfen, und will selbst zu dem Volke gehen, indem er seine Geliebte, ein reines Geschöpf aus dem niedersten Kreise, zur Königin erhebt. Der junge Schwärmer leidet Schiffbruch. Sein herrschsüchtiger Vetter hetzt das Volk, dem er helfen will, gegen ihn auf. Er wird entthront und muß den Giftbecher trinken, den ihm unwissentlich seine junge, holdselige Braut kredenzt. Rettende Hilfe eines früher verbannten Bruders kommt zu spät. — Ein König muß immer König sein. Ein König darf nicht Mensch sein wollen. Das ist das — Königsleid. — Das Werk ist aus eigener, schöpferischer Kraft hervorgesprudelt ohne jede Nebenabsicht des dramatischen Wirkens. Gegen Stücke von Schauspielern und Theaterleitern besteht trotz Shakespeare, Moliere, Raimund, Anzengruber und Ibsen ein unausrottbares Vorurteil. Iber während Heinrich Laube, der größte und begabteste Tyrann im Reiche der Theatralik, sein selbstschöpferisches Wirken ganz in den Dienst der Aeußerlichkeiten stellte, hat sein Schüler und Mitarbeiter Emil Claar in vorliegendem Drama nur Poet sein wollen, nur Poet und nichts als Poet mit allen seinen Freuden, Leiden, Ueberschwänglich- keiten und — Weitschweifigkeiten. Allerdings enthalten die fast zu flüssigen und eleganten Verse neben ihren Silberminen auch Adern tauben Gesteines wie bei einem, der mit zu großer Leichtigkeit die Sprache zu meistern versteht. Der König ist in seinem Innenleben und seiner Wesensart trefflich gezeichnet. Kein komplizierter Kopf, aber in seinem Tun und Lassen von einer folgerichtigen Gradheit. Unwillkürlich denkt man an den Dichter selbst, wenn der König sich von der „dumpfen, namenlosen Schwere, von unnachgiebiger demant'ner Härte" frei machen und nur seinem heißen, heimlichen Herzensdrange Gefolgschaft leisten möchte: Ein eh'rner, kalter Ring ist der Verstand, Der hie und da ein Volk in Schranken hält, Und unversehens dir in Stücke bricht. Doch unzerreißbar sind lebend'ge Bande, Die Herrscherliebe um ein Volk geflochten. An einer anderen Stelle: In öde Wüsten möcht' ich niedersenden Den Blick der Liebe, gleichwie Balsamtau, Daß in die fernsten Steppen meines Staates Er Hilfe trage und Barmherzigkeit. Er läßt die Elendesten und Erbärmlichsten seines Voltes vor seinem Throne erscheinen und streckt die Hände über sie aus: Hier stehet Euer Schützet, Euer Vater, Und reißt empor Euch an sein blutend Herz, Die Rettung, die Ihr fordert, soll Euch werden, So weit als Menschenkräfte helfen können. Und während die Meute des herrschsüchtigen Vetters heimtückisch den Ahnungslosen umlauert, begrüßt er mit den schönsten Tönen seines liebeheischenden und liebegebenden Herzens sein Volk und gibt schließlich im Ueberschwang der Gefühle sein höchstes uich teuerstes Geheimnis preis: Er liebt ein Kind aus. dem Volke. Und die soll Königin werden: Wie ich im Schmerze mich dem Volk vereine. Will auch in Freude ich mich ihm vermählen, Und zur Gefährtin hab' ich mir erkoren Ein Kind des Volk's! Der Vetter steht wie erstarrt, sinstere Pläne brütend. Seine Schwester, die heimlich des schönen Jünglings und seiner Krone begehrt, bebt vor Ehrgeiz, Rachedurst und Sinnenglut. Das Volk aber bricht durch das Gitter, umringt den König, küßt seine Hände: Der König lebe! Unser guter König! König: Mein Volk! Mein gutes, heißgeliebtes Volk! Im zweiten Akte tritt der Lyriker Claar in all seine Rechte. Der König kommt in einem Palmenhaine mit seiner Geliebten und deren Eltern, armen Gärtnersleuten, zusammen. Er wirft, nachdem er vorher das Einverständnis seiner edelgesinnten Mutter errungen, den geheimnisvollen Schleier von sich, und das erschauernde Gärtnerstöchterlein erkennt in dem geliebten Fremdling den König. Reizend ist diese Szene mit ihrem Bangen und Erwarten, mit ihrem Ahnen und Gestehen, mit ihrem Bitten und Verzeihen, mit ihrem Erschrecken und Gewähren. Ihre Liebe vergißt schließlich die Tücken des Schicksals und gibt sich ganz in ihrer freien Größe und keuschen Selbstverständlichkeit. — Im dritten Akt sieht sich der Jungverlobte mitten in einem Gespinnst von Jntriguen, Ränken und — offener Widersetzlichkeit. Ihm selbst ist das Alles so unverständlich, Alles, was den tückischen Vetter, den hochedlen, weisen Staatsrat, die finsteren Priester fo in Harnisch bringen kann: Soll nicht der König, den Ihr selbst gesalbt, Dem Ihr die Krone, das Symbol der Macht, Gedrückt habt jubelnd, auf geweihte Locken, So viel Gewalt besitzen, für sich selbst Sein Glück zu nehmen, wo sein Herz es fand, Da er das Glück von Allen stets erstrebt? Und seltsam! Claar ist trotz der Liebe zu seinem Helden objektiv und gerecht geblieben. Er legt dem Vetter, dem Staatsrat, den Priestern und all den klugen und erfahrenen Männern Worte in den Mund, daß wir bei aller Sympathie insgeheim fühlen: Der kalte, nüchterne Verstand hat Recht. Du bist der König. Du mußt es tragen, dein Königsleid. Du mußt auf alles das verzichten, was den gewöhnlichen Sterblichen so unsäglich glücklich machen kann. Ja, wärst du ein einfacher Lehrer, dann könntest dn auch ohne deinen schönen Idealismus und selbst ohne deiner Locken Fülle deine Johanna oder Gita getrost heimführen als blonde Kantorsfrau. Aber so — entweder, du läßt deine Herzensadern verbluten und bleibst König oder —-- Noch einmal — im vierten Akt — empfindet der junge König all das Süße und Schöne seiner Menschlichkeit und Liebe. In einer anmutig geschilderten Mondscheinszene "tet Gita w, Geliebten (zum Mond emporsprechend): Gefährte der schlaflosen Nächte, Verrat' mir, auf welchem Pfad Er wandelt, und ob er mir naht! O daß ihn Dein Zauber mir brächte, ' O daß ihn ein flutendes Meer Von Strahlen umgarnte mit silbernen Netzen, Ihn fesselte, führte hierher, Die sehnende Seele zu letzen! —. Mitunter findet Claar einen Anschlag und Töne, die an Grillparzer erinnern, insbesonders an „Des Meeres und der Liebe Wellen". — Die Idylle dauert nicht lange. Die Ereignisse drängen. Auftuhr und Verrat nahen und toben. Der König hat noch wenige, treue Führer, muß aber fliehen. Seine Braut wird weggeschleppt, er selbst verwundet. Da bezwingt er sein heiß schlagendes Herz; all die seligen Jugendträume werden eingedämmt. Er schart das letzte Häuflein um sich: —: So stürzen wir Mit unsrer ganzen, wildempörten Macht, Ein unerschrock'ner, todessel'ger Ansturm, Aus nächt'gen Schatten in das Königsschloß, Und mähen nieder, was sich lebend regt. Und sind sie stärker auch als wir, gleichviel! Sie werden fliehen vor dem grau, en Ausbruch Des Wahnsinns und der mordenden Verzweiflung. Im Schlußakt — das Stück weist noch die alte conditio sine qua non, die heilige Fünfzahl der Akte auf — finden wir den Helden am Grabe aller seiner Hoffnungen. Aber mutig sieht er dem Geschicke entgegen. Er soll einem alten Brauch zufolge mit eigener Hand den Giftbecher nehmen. Einzig und allein der Gedanke an seine Braut quält und foltert ihn: — Sie mußt' ich, die geliebte reine Seele, Die in des. Friedens Paradies gelebt Als Blume mit den Blumen, freventlich Verflechten in mein Schicksal! Welche Qual! Zu tragen dieses Weh, ist zu gebrechlich Das Menschensein, der Tod nur kann es fassen. Zur Ruh' es betten in dem düstern Schooß. —' Der Tod selbst hat keinerlei Schrecken für ihn: —- eine Perle, nur ein. Glas Sst mir das Leben, und ich werf' sie ihm ufjauchzcnd vor die Füße, daß sie klirrt Und bricht! — Noch einmal macht Zenobia, die Schwester des neuen Königs, den Versuch ihn zu retten. Dann — das bricht ihr selbst unbewußt erst jetzt mit erschütternder Gewißheit durch — mehr als die Krone, liebt sie ihren seitherigen Träger, den schwärmerischen Brausekopf. Er bleibt unerbittlich, auch als sie sich tief, lief demütigt und verzweifelt vor ihm im Staube liegt. Er will sich selbst nicht untreu werden und verlangt nichts als den Tod. Zenobia geht wie von Sinnen — die Mörder zu holen. Eine letzte Gnade! Er darf noch einmal vorher Mutter und Braut sehen. Auf sein Verlangen reicht ihm Gita, die ihn so manchmal aus der Quelle, „die kostbar frisch aus dichten Farren springt", gelabt —- ahnungslos wie ein Kind und selig in der Nähe des Geliebten — den Todestrank. In dem Augenblick, wo der König sterbend niedersinkt, naht Hilfe. Sein früher von demselben Vetter verbannter Bruder kommt mit seinen siegreichen Heerscharen. Zu spät! Auch für unser Empfinden zu spät! Tenn der Bruder, von dem hier und da seither nur flüchtig die Rede ist, bringt durch sein Erscheinen willkürlich und ganz von außen her ein neues Geschehnis, das mit der inneren Entwicklung des bisher so fein ziselierten und mit Künstlerhand aufgebauten Dramas durchaus nichts zu tun hat. Ohne jedes Bedenken dürfte diese mehr romanhafte als dramatische Episode vollständig fehlen. .— Wie Gita erfährt, daß sie dem Geliebten das Gift gereicht, leert sie den Becher selbst vollends und wirst sich über den Leichnam des Königs. Das befriedigt und klingt so schön und verhallend aus, wie das Drama verheißungsvoll begonnen. — — — Nächsten Montag ist in Frankfurt der große Ehrenabend für Ennl Claar. Außer der Festvorstellung und dem Festbankett wrrd dann auch sein Leben und Wirken, sein Werden und Kämpfen bis zum Erklimmen des jetzigen Gipfels in dem Wandelpanorama unzähliger Blätter und Zeitschriften aufgerollt werden. Wir pflückten nur die einzelne Rose vom Wegrande, r manche Dichterknospe unter seinem Theaterhimmel zu seltener Pracht erblichen ließ, ist hier und nicht zum Nachteil der zarten Pflanze Gärtner und Säemann gewesen. . . I. B—r. Vermachtes. r Melcher über die Italiener. Das Juni- hest der tn München' erscheinenden SüddeutschenMonats- hefte enthält die Fortsetzung der Briefe, die Fr. Th. Vischer 1839 aus Italien geschrieben hat. Interessant sind daraus besonders einige Beobachtungen und Urteile über die italienische Bevölkerung. Von Siena erzählt Vischer: Im Cafs hatte ich abends den eigentümlichen Genuß, mit einem Bibliothekar, dem t»1™ in seiner italienischen Samtjacke und dem jugendlichen Lockenwald den Gelehrten nicht ansah, über Schiller zu disputieren; die Italiener sind gewaltig für das Sentimentale, er nahm aber doch meine Bemerkungen zur Berichtigung seiner Begriffe sehr willig auf und faßte im Moment den Unterschied zwischen rhetorisch und poetisch. Ueberhaupt, was ist das für ein Volk, welche- Fassungskraft! welch liebenswürdiger Kern, wie heiter, wie frisch, wie wohlgestimmt! Was wäre aus dem Volke zu machen, da es ohne alle Volkserzichung so wild auf» Ft doch das ist, was es ist! Besonders die Knaben liebe w- Sie sind entsetzlich unartig, man sieht selten eine Katze, der sre Nicht den Schwanz abgeschnitten hatten. Doch abgesehen von diesen Straßen-Unarten, erscheinen sie so naiv klug, gegen Erwachsene freimütig und doch edel bescheiden, daß man Nicht ohne Unwillen an die verwünschte deutsche Erziehung denken , !11', dre den Menschen fast bis zum 30. Jahr als unfrei und dumm behandelt, wovon die Folge ist, daß er es wird. Im Rate der Erwach, enen darf der Knabe hier in Italien frei mitsprechen, da horcht er aufmerksam, auf die Hand gejtttBi, die dicken Locken fallen ihm leichtsinnig unter der Mütze aus die Stirn herunter, da bringt er denn auch seinen Senf herbei, hat zu fragen, zu urteilen, zu erzählen, und die Alten lasse« ihn billig mitankommen. Sagt er was Dummes, so belehrt man ihn lachend, sagt er was Kluges, so heißt es, der Kleine hat recht, usw. Ebenso behandelt man die Dienstboten als Menschen; Im Anfang verwunderte sich meine deutsche Korporalsstocknatur nicht wenig, wenn eine Dienstmagd oder ein Bedienter im Vorzimmer einer Familie auf eine Frage nicht einfach antwortete, sondern eine Bemerkung machte, wodurch er sich mit mir auf den Fuß der Unterhaltung zwischen Menschen von gleicher Würde setzte. Dort fährt eine glänzende Equipage über den Corso, bei der Familie sitzt eine Amme in ländlicher Tracht und unterhält sich mit Herr und Frau wie ein Glied der Familie, und das ist von diesen keine Herablassung, sondern Gefühl der Menschlichkeit, Menschenwürde. Man meine nicht, das begünstige die Unbescheidenheit, nein, der Sklave wird unbescheiden. In Rom veranlaßte den Reifenden das regnerische Winterwetter zu folgenden Betrachtungen: Es regnet und regnet immer, man hat beständig nasse Füße, und der Italiener ist auf den Winter gar nicht eingerichtet, auch viel härter und ausdauernder gegen Frost und Erkältung als der Nordländer. Dies wird euch paradox scheinen: aber es ist sehr natürlich. Jede Nation schützt sich so viel wie möglich gegen das Uebel, das ihrem Klima eigen ist, und macht sich durch diese Schutzmittel gerade gegen dieses Uebel empfindlich; wir verweichlichen die Haut durch unsere unsinnigen Federbetten und andere Wärme- mittel, der Italiener fürchtet die Hitze, schützt sich vielmöglichst gegen sie, sucht daher besonders das Freie, und das härtet die Haut ab. .Alle Deutschen und andere Nordländer ertragen die Hitze Italiens leichter als den kurzen italienischen Winter, der Italiener aber klagt wie ein Kind über mäßige Hitze und erträgt die nasse Kälte leicht. Ich sah bei empfindlich kaltfeuchtem Wetter halbnackte Kinder auf der nassen Chaussee, indem der Vater daneben arbeitet, fest schlafen, sah bei Florenz bei ähnlichem Wetter einen Mann ganz nackt, bis auf einen Bund nm die Hüften, Schiffe ziehen — eine ganz plastisch antike Erscheinung. * Eine luftige Katechismusgeschichte schreibt dem Bahr. „Vaterland" em Landkooperator (Hilfsgeistlicher). Die Herrlichkeiten des Schöpfers und der Schöpfung schildernd, wollte ich heuristisch daraus übergehen, daß das schönste Geschöpf Gottes ist: — der Mensch. Nachdem ich so ziemlich alles durchgenommen hatte, was meine Kleinen aus eigener Anschauung als Geschöpf kennen, fragte ich: „Ein Geschöpf haben wir noch nicht gehabt, das schönste und vornehmste, welches ist es wohl?" Die Finger des dritten Schuljahres flogen „in corvore", die des zweiten zur guten Hälfte in die Höbe. „Äst! Kinder, nichts sagen, vielleicht weiß es ah Rekrut!" denn aufmerksam äugten die ganz Kleinen „sechs Wochen alten" mich an. Lustig frug ich: „Paßt's af, oa G'schöpf Hama no net g'habt, hat Augen wür ös, Qhr'n wür ös, Füß wür ös und geht schnnrgrad daher." Tas 3. und 2. Schuljahr wedelt mit den Fingern. „Bst, nichts sagen". Da steht der Schinhärl Ändert auf und gibt als glänzenden Beweis seiner ästhetischen Veranlagung zur Antwort: „Da Här Koprata." (Kooperator.) Literarisches. — Vergiftungen durch verdorbene Nahrungsmittel, so lautet der Titel eines Aufsatzes aus der Feder des populär-medizinischen Schriftstellers Dr. Lewinski, den wir in dem 17. Hefte der illustrierten Zeitschrift Zur Guten Stunde (Preis des Bierzehntagsheftes 40 Pfg., Deutsches Berlagshaus Bong & Co., Berlin W. 57) lesen. Edward Stilgebauers illustrierter Aufsatz über das in der Gegend von Homburg stattgefundene Gordon-Bennett-Rennen wird vielen willkommen sein. Charade. Der erste hat zwar einen Rücken, Doch kann er sich damit nicht bücken. Er hat ein Haupt und kann nicht nicken. Auch einen Fuß und kann nicht gehn, Bleibt stets aus seinem Platze stehn Ein zweiter stolz und groß zu fein, Sind aller Knaben Träumerei'n. Der Ganze kommt mit blanker Wehr Und wohlgemut zum Ersten her. Er sticht und haut ihn ohne Scheu, Legt feine Eingeweide frei. Doch manchmal muß fein keckes Streben Er büßen mit dem eignen Leben. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Gleichung in vor. Nr.: a Kanne, b Arien, c Volk, d Geld, x Kanarienvogel. ffiefcßftion: August Götz. — NotviionSdrnck und Verlag der Vrühl'fchen lluiverstiätS-Vuch- und Ctemdruckerei. R. Lanae. Gießen.