1904 MU KB ■i W W U Wontag den 18. Kprik.^ «f MD ;&s»»^gaai. ; U KW^E IQ IU WM WW WWl (Nachdruck verboten.) Im Fakak der Flajah. Roman von 9$. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) 11. Lily war glücklich durch ihr Examen gekommen und rüstete sich zur Abreise. Fritz Man hatte sich endlich herbeigelassen, eine Stellung für dreißig Rupien anzu- nehmen, und selbst Mr. John war fortgegangen, um sich mit dem Sammeln und Verkaufen alter Oelflaschen vielleicht einen Verdienst zu verschaffen. Ich wäre somit die einzige Unbeschäftigte in diesem Hause gewesen, wenn ich nicht das Anerbieten angenommen hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich in das Hauswesen eingelebt war. Wie die sprichwörtlichen „neuen Besen" glaubte auch ich allerlei Verbesserungen einführen zu müsfen. Vor allem versuchte ich, die unbezahlten Rechnungen zu begleichen und die täglichen Ausgaben möglichst bar zu entrichten. Ich sorgte für reine Tischtücher und Blumenschmuck, hielt auf Pünktlichkeit und überwachte den Koch. Auch unterrichtete ich Mardie in Englisch und Musik. Meine Zeit war durch das alles sehr ausgefüllt, allein je mehr ich zu tun hatte, desto leichter wurde mir ums Herz. Allmählich kam ich dahinter, daß Lily von den verschiedenen Lieferanten kleine, aber regelmäßige Geschenke angenommen und sich damit und durch den Verkauf von altem Papier, Flaschen und Knochen eine hübsche kleine Summe beiseite gebracht hatte, die sie jetzt mit nach Kalkutta nahm. Wähl konnte ich, was Handeln und Feilschen anbelangt, Lily das Wasser nicht halten, dafür machte ich aber auch keinen Nebengewinn, und fo gelang es mir schon nach kurzer Zeit mit neun zahlenden Gästen das Soll und Haben in Einklang zu bringen. Bald verbreitete es sich, daß bei Rosarios eine englische Dame als Haushälterin angestellt fei, das Kosthaus kam in Mode, und die Anfragen mehrten sich. Wohl hatte ich jetzt ein kleines Zimmer für mich allein, aber ich mußte, wenn ich mich nach den Anforderungen des Tages todmüde aus mein hartes schmales Lager ausstreckte, stets auf einen Ueberfall des lustigen Trios: Rosamunde, Gwendoline und Eulalie gefaßt sein. So oft sie irgend eine Neuigkeit mitzuteilen oder ein ^eues Kleid zu zeigen hatten oder auf einen Tanz zu gehen beabsichtigten, wurden mein Rat, meine Bewunderung, oder aber meine Dienste als Kammerjungfer beansprucht. Es machte mir auch Spaß, die Mädchen in ihrem Staat zu betrachten, besonders Eulalie sah ivahrhaft bezaubernd aus rn ihrem — natürlich unbezahlten — Rosa-Atlaskleid. So war ich denn durchaus iiicyt erstaunt, als Gwen- doline eines Abends, nachdem ich mich soeben in mein Zimmer zurückgezogen hatte, zu mir hereingestürzt kam und ganz aufgeregt rief: „Nun hat Eulalie endlich eine kolossale Eroberung gemacht!" „Das klingt allerdings vielversprechend." z/ö ja; ich sah es schon neulich bei oer Strandmusik, daß er ein Auge auf sie geworfen hatte und ihr immer wieder zu begegnen trachtete. Eulalie ist aber auch das hübscheste Mädchen von ganz Vepery." „Von ganz Madras", verbesserte ich aus voller Ueber- zeugung. „Da mögen Sie wohl recht haben. Mr. Ibrahim ließ sich ihr auf dem Ball vorzustellen und ist allem Anschein nach bis über die Ohren in sie verliebt. Fortgesetzt schickt er ihr Blumen, Bonbons und Parfüm mit den reizendsten Briefchen. Eulalie ist aber ein wunderliches Ding und gar nicht stolz aus ihre Triumphe; im Gegenteil behauptet sie, sie mache sich nichts aus dem Herrn. Sie wird Ihnen Wohl selbst davon erzählen, jedenfalls aber erfahren Sie es von Jocasta, denn diese abscheuliche Range weiß natürlich schon wieder alles. Er betreibt seine Kurmacherei freilich auch sehr auffallend und hat bereits davon gesprochen, hier in die Kost gehen zu wollen. Eulalie hält sich aber immer noch zurück; ihr ist der schwarzlockige Sergeant weit lieber. . . eine solche Närrin!" „Wie sieht denn dieser Mr. Ibrahim aus?" fragte ich ziemlich gleichgiltig. „Dunkel, aber sehr hübsch, etwas klein, mit spitzer Nase und kohlschwarzen, durchdringenden Augen. Er hat Geschäfte in Madras und reist häufig nach Bombay und Delhi und sogar nach Europa. Nun hat er Eulalie angeboten, sie in seinem Wagen spazieren zu führen, und das will sie, glaube ich, auch annehmen, aber nur um die Mädchen in Vepery neidisch zu machen; heiraten wird sie ihn, wie ich fürchte, nicht." In diesem Augenblick kam Eulalie strahlend von Schönheit in ihrem hübschen Kleid und weißen, mit großen Rosaschleifen geschmückten Hut hereingestürmt. „Hier bist Du also!" rief sie ihrer Freundin zu. „Wahrscheinlich hat Gwendoline über mich gescholten?" Sie wandte sich mir zu. „Sie will nämlich durchaus, daß ich eine reiche Heirat machen soll, aber ich will nicht, ich will nicht!" Fröhlich klatschte sie in die kleinen Hände. „Nein, ich will nicht, ich will nicht!" „Warum denn aber nrcht? Du bist bettelarm und wirst auch nicht immer hübsch bleiben. Mit fünfundzwanzig hast Du ein dreifaches Kinn!" lautete Gwendo- lines düstere Voraussagung. „Jedenfalls gehöre ich jetzt noch nicht zu den Fetten!" entgegnete sie empört. „Du kannst dann Deine Schulden bezahlen", drang die Freundin in sie. „Und die Deinigen dazu, wenn Du artig bist. Mer ich gehöre nicht zu den Leuten, die ums Geld heiratens 230 „Mias hast Du einfältiges Ding denn an dieser glänzenden Partie auszusetzen?" „Er ist mir zu alt, zu klug und zu kalt. Seine Augen erschrecken mich, und wenn er mir die Hand drückt, überläuft mich eine Gänsehaut. Ich weiß ja Wohl, daß er jetzt arg in mich verliebt ist, aber ich habe neulich einen wilden Blick aufgefangen, den er seinem Diener zuwarf... hu, schrecklich! Er ist sicherlich älter als dreißig, und wer weiß, ob er in Persien nicht schon ein halbes Dutzend Weiber hat." Einen wohlgefälligen Blick in den Spiegel werfend, fuhr sie fort: „Nein, ich will ihn nicht. Ich bin hübsch, warum sollte ich mein hübsches Gesicht verkaufen? Da nehme ich noch eher einen armen Mann, den ich liebe. Der junge Melville ist mir am kleinen Finger lieber als dieser reiche, vornehme Doktor mit all seinen Edelsteinen." „Wie töricht", beharrte die Freundin. „Melville hat nur dreißig Rupieri monatlich, womit er kaum für sich allem reicht, wie viel weniger mit Dir und Deinen Schulden. Wovon wollt ihr denn leben?" „O, von der Liebe", lautete die rasche Antwort. „Ich liebe Melville." „Willst Du ihn wirklich heiraten?" „Noch nicht. Vorläufig will ich mich meines Lebens freuen, ich bin ja erst siebzehn!" Tatsächlich sah sie jedoch wie zwanzig aus. „Alle wollen mich heiraten, seitdem sie mich in dem Atlaskleide gesehen haben, ha, ha, ha! Der alte Friedrich, Fitz Alan, Eustache Grove, ach, und noch viele andere. Und keiner von ihnen bekommt eine Antwort. O mein, welcher Spaß!" „Na, hören Sie mal, Eulalie", wandte ich ein, „ich wollte. Sie hätten das Feld Ihrer herzbrecherischen Tätigkeit nicht gerade hierher verlegt. Nun werden wir Krieg ins Haus bekommen und unsere Herren verlieren." „O nein, ich verschafse euch noch mehr dazu. Ethelred Jones und Reginald Marren kommen, sobald es Platz gibt. Uebrigens bedürfte es nur eines leisen Winkes von mir, so käme auch Ibrahim." „Dann bitte ich dringend, daß Sie diesen Wink unterlassen. Dies hier rst nicht der Ort für einen verwöhnten großen Herrn." „Nein, er würde jedenfalls sofort bemerken, daß das Fleisch zweiter Güte ist. Vielleicht würde er mich auch entführen und an irgend einen reichen Nabob verkaufen. . . . Ach, du liebe Zeit, nun habe ich ganz vergessen, daß Frau Josephs und ihre Töchter aus der Veranda sitzen! Sie sind nämlich gekommen, um uns zu einem kleinen Tanzfeste einzuladen, und sich dazu von uns Stühle, Lampen und . . . Ihre Person zu entlehnen." „Aha, ich verstehe, aber ich lasse mich nicht auslechen." „Ach, mein liebes, goldenes, einziges Herzchen! Sie müssen unbedingt hingehen und mrr zum Tanz ausspielen. Ich tanze ja „wie ein Mondstrahl auf dem Wasser", so wenigstens wurde mir von Mr. Ibrahim gesagt. Kommen Sie jetzt, man hat mich ja hergeschickt, daß ich Sie holen soll." Dabei legte sie die Arme um meinen Leib und zog mich mit sich fort. Frau Josephs war die vornehmste unter Frau Rosarios dielen Bekannten. Ihr Mann hatte einmal eine Stelle hei der Regierung innegehabt, und dieser Würde mußte jedermann stets eingedenk bleiben. Ihre Mädchen waren von bemitleidenswerter Häßlichkeit, aber sie bewohnte einen hübschen Bungalow in der Poonamalee Road. „Nur ein kleiner Hopser", sagte sie höflich zu mir, als sie uns zu chrem Balle einlud. Und dann bat sie mich, ich möchte doch auch meine Noten mitbringen. „Sie spielen so wunderschön", fügte sie herablassend hinzu. „Natürlich wird sie kommen und ihre Noten mit» bringen", antwortete Frau Rosario. „Miß Ferrars will außer zur Kirche niemals ausgehen, das kann ich doch aber nicht dulden. Warum soll sie nicht auch fröhlich sein wie die anderen?" Allein Frau Josephs lag durchaus nichts an meiner Fröhlichkeit, ich sollte nur anderen zur Fröhlichkeit verhelfen, indem ich ihren Gästen zum Tanz aufspielte. Wozu sollte ich ihr die Kosten eines Klavierspielers ersparen? Da fiel zufällig mein Blick auf Eulalie, deren Augen in angstvollem Flehen auf mich gerichtet waren. Nun ja, !es würde mir jedenfalls Spaß machen, sie tanzen zu sehen, ünd so gab ich denn meine Zusage. „Ein kleiner Hopser" war offenbar nur Redensart gewesen, denn auf Frau Josephs Einladungskarten stand großartig das Wort: Ball. Wir erfuhren dies bei Tisch, und auch, daß viele junge Herren und die meisten Mädchen aus Vepery eingeladen waren. Das Haus Rosario lieferte neun Gäste, und wiederholt wurde uns von unserer Hauswirtin versichert, daß ihr Häufchen jedenfalls alle anderen Anwesenden in den Schatten stellen würde. Mährend ich mich zu dieser Gelegenheit schmückte und mich dabei etwas aufmerksamer im Spiegel betrachtete, fiel es mir auf, daß sich mein Aussehen während der letzten Monate bedeutend verschlechtert hatte. Mein Gesicht war schmal geworden und hatte seine frischen Farben verloren, nur das Haar leuchtete noch in seiner alten Fülle, und ich gab mir Mühe, es nach der neueschn Mode aufzustecken. Mar es nicht merkwürdig, daß der erste Ball, den ich besuchte, ein in Indien von Eurasiern gegebenes Tanzfest war, bei dem ich aufspielen mußte! Als wir alle bereit waren, zogen wir im Gänsemarsch auf die Veranda, um uns Frau Rosario zu zeigen, die in ihrem schadhaften Rohrlehnstuhle saß, während Sawmy unsere beste Lampe in die Höhe hielt. „Ihr werdet ganz sicher die Schönsten sein", erklärte sie von neuem, und ich war derselben Ansicht, als ich Lola, Josephine, Gwendoline und vor allem Eulalie sich der Reihe nach vor ihr aufstellen sah. So billig und flitterhaft ihre Kleider auch im Tageslicht erscheinen mochten, jetzt waren sie jedenfalls reizend und lleidsam. Woher nur diese Mädchen ihren feinen Geschmack hatten? Eulalie war natürlich die Krone der lleinen Schar und zeichnete sich außerdem durch ein prächtiges Bukett mit langer Atlas- schleife aus. „Ibrahim hat es vorhin in einer Schachtel geschickt", flüsterte Jocasta mir ins Ohr. „Nun möchte ich Sie aber auch sehen, Pamela!" rief Frau Rosario. „Kommen Sie her, mein Kind." Ich trug ein schwarzes, am Hals ausgeschnittenes Kleid und hatte eine kleine Perlenschnur umgehängt. In der Hand hielt ich einen gemalten Fächer, ein Ueberbleibsel aus der einstigen Ferrarsschen Glanzzeit! „O mein, in Schwarz!" Frau Rosarios Lieblingsfarbe war leuchtendes Orangegelb'. Dann folgte eine lange Pause, niemand sprach, alle umstanden mich, und Sawmy hielt die Lampe beängstigend schief in die Höhe. Ueberraschung las ich in aller Augen; Jocasta stand mit offenem Munde da. Ich hätte nicht geglaubt, daß ein Kleid solche Wrkung hervorbringen könnte. ,F) mein!" wiederholte Frau Rosario langsam. „Ja, ja. Sie sind wunderschön mit Ihrem weißen Hals und Ihren weißen Armen! Schönheit ist ein Geschenk Gottes", fügte fie mit einem Seufzer hinzu. Verwundert blickte ich sie an. Plötzlich rief Eulalie: „Missen Sie, was uns so sehr in Erstaunen versetzt, Pamela? Sie sehen aus, als seren Sie im Begriff, in einen prächtigen Wagen zu steigen, um nach dem Palast des Vizekönigs zu fahren, und nicht, um sich in einem alten Rumpelkasten mit unserer Art Leute herumzudrücken." „Ja, so ist es", stimmte Frau Rosario bei. „Jedermann würde Sie für eine reiche, vornehme Dame halten." „Da hätten diese Leute eben, wie Sie wissen, unrecht; der Schein trügt. Bitte, Jocasta, gib' mir meine Noten, und Sie, Sawmy, nehmen Sie die Lampe in acht und sagen Sie dem Kvch, daß er für frischen Speck zu Frühstück sorgen soll." „Nun also, Kinder, viel Vergnügen! Recht viel Vergnügen !" schrie Frau Rosario uns noch nach, und wenige Minuten später fuhren wir in dem Gharry davon. Der Josephssche Bungalow bot ein hübsches Bild dar, als wir, zwischen anderen Magen eingekeilt, warteten, bis an uns die Reihe zum Aussteigen kam. Auf der Veranda waren Lunte Lampen aufgehängt und lauschige, durch Windschirme getrennte Sitzplätze eingerichtet. Im festlich erleuchteten Empfangssaal wurden wir von der in einem hochroten Meide prangenden Ftau Josephs und ihren Töchtern in orangegelben Kleidern aufs liebenswürdigste empfangen. Unter der Menge bemerkte ich viele schüchterne, sich an den Wänden herumdrückende Jünglinge und Dutzende von kichernden, dunkeläugigen jungen Mädchen, auch mehrere stattlich aufgeputzte ältere Frauen. Das Klavier war quer vor eine Ecke gerückt worden, und ich — — - - —— ' — ' — * ~ •* 8 231 begab mich sogleich dahin. Wenn ich den Hals ein wenig streckte, konnte ich von meinem Platz aus über das Klavier hinübersehen, und da es mir schien, daß die Gäste so ziemlich versammelt sein mochten, stimmte ich einen bekannten Walzer an. Das lockte die Gesellschaft sofort auch aus den Nebenräumen herbei. Bald entdeckte ich während des Danzes Eulalie, und ich mußte mir sagen, daß ich noch nie in meinem Leben etwas Anmutigeres gesehen hatte. Jede Bewegung war Poesie; der Vergleich, sie tanze wie Mondstrahlen auf dem Wasser, war entschieden nicht übertrieben. Auch Fitz Alan in blendend weißer Wäsche, eine Blume im Knopfloch und weißen Handschuhen sah ich unter der Menge, sowie unsere übrigen Hausgenossen; sogar der stolze Friedrich drehte sich im Kreise. Mit kurzen Zwischenräumen spielte ich Walzer, Lanciers, Galopps und Mazurkas, uno bald konnte der im Saale aufwirbelnde Staub sich fast mit dem in unserer Straße messen. Plötzlich fiel mir ein sein gekleideter, schlanker, tiefdunkler Mann auf, mit dem sich Frau Josephs in fast unterwürfiger Verbindlichkeit unterhielt. Das mußte entschieden der reiche Ibrahim sein, denn seine Augen folgten während der Unterhaltung fast unausgesetzt Eulalie, die gerade mit Fitz Alan auf und ab ging. Was für Augen dieser Mensch hatte! Sie waren langgeschlitzt und halb geschlossen, und trotzdem funkelten die Pupillen wie Dolchspitzen hervor. Er mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein, hatte eine olivensarbche Haut, regelmäßige Züge und einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Ja, ein hübscher Mensch war Ibrahim, und man hätte ihn ohne Frage für einen Italiener oder Griechen halten können. Ich sah, wie er sich nachher mit Eulalie unterhielt und auch verschiedentlich mit ihr tanzte, ebenso mit Gwendoline und einer der Töchter des Hauses, doch war es unverkennbar, daß er sich für etwas Besseres hielt als seine Umgebung und daß seine Umgebung stolz auf diese Tatsache war. Nach zweistündiger Arbeit hörte ich endlich zu spielen auf. Die Arme taten mir weh, und 'meine Finger waren ganz steif. Als ich mich erhob, wurde ich von den in meiner Nähe stehenden Personen mit Lob- und Danksagungen überschüttet, und nun begegneten meine Augen auch dem starr auf mich gerichteten Blicke Mr. Ibrahims. Wie der Blick eines zum Sprung bereiten wilden Tieres, so blitzten diese Augen mich an. Sie waren weit geöffnet und mit einem Ausdruck auf mich gerichtet, den ich zwar Nicht zu deuten vermochte, aber auch nicht dulden wollte. Ja, Eulalie hatte recht, diese Augen waren abscheulich. Sein Erstaunen mochte allerdings daher kommen, daß ich die einzige Vertreterin der weißen Rasse hier war und vielleicht, wie Eulalie behauptete, wie eine vornehme Dame aussah. Aeußerlich ruhig und hochmütig hielt ich seinen kühnen Blick aus, allein je länger ich ihn betrachtete, desto unangenehmer wurde mir dieser hübsche Doktor mit der olivenfarbigen Haut und dem Blute der Perserkönige in den Adern. Zu meinem Verdruß ging er nun raschen Schrittes durch das Zimmer auf Frau Josephs zu und bat sie aufs höflichste, mir vorgestellt zu werden. „Mr. Ibrahim . . . Miß Ferrars, die so überaus gütig war, für uns zum Tanze zu spielen", verkündigte unsere Wirtin. „Und die", vollendete Mr. Ibrahim sich tief verbeugend, „nach ihren bewundernswürdigen Leistungen nun sicherlich einer Erfrischung höchst bedürftig ist . . . Wollen Sie mir die Ehre schenken und mir gestatten, Sie ins Speisezimmer zu führend Ich zögerte einen Augenblick, doch ein Entrinnen gab es nicht. Ich neigte also zustfmmend den Kopf, worauf er mir den Arm reichte, aus den ich meine Fingerspitzen legte. So schritten wir durch eine doppelte Reihe von Zuschauern als der Gegenstand höchsten allgemeinen Interesses an diesem Abend. Bis dahin war ich vor den Blicken der Gesellschaft verborgen gewesen, nun aber hatte ich das Gefühl, als brennten alle vor Neugierde, zu erfahren, von wo in aller Welt diese Engländerin plötzlich hergeschneit komme. Die unausbleibliche Antwort lautete dann natürlich: „Von Rosarios". Damit war aber auch ihr Wsfen erschöpft. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. "Eine langweilige Garnison. Verzwickte Zustände deckte ein Zioilprozeß auf, der gegenwärtig bei dem Landgericht I Berlin schwebt. Der Freiherr v. H. stand als Leutnant in einem Infanterieregiment in Prenzlau. Da er weniger in seiner „kleinen Garnison" als in Berliner Nachtlokalen sichtbar war, stieg seine Geldverlegenheit. Um sich nun über Wasser zu halten, machte er zusammen mit einem vorbestraften Agenten L. die gewagtesten Geschäfte. So spiegelte er einer Berliner großen Automobilfirma vor, er brauche ein Automobil, um sich in der Garnison, in der er sich tödlich langweile, spazieren zu fahren. Der Vertreter der Firma fuhr das Kaufobjekt, ein Automobil im Werte von 3 500 Mark zusammen mit dem Agenten L. selbst nach Prenzlau, erhielt aber von H. und dem inzwischen wegen Fälschung von Parolebüchern bestraften Leutnant v. H. nur wertlose Wechsel statt Bezahlung. Selbstverständlich sah die Firma Motorroß und Reiter niemals wieder. Freiherr v. H. fuhr sofort nach Berlin und verkaufte das Automobil für einen Spottpreis an einen Herrn B. Noch eigenartiger ist der Pferdehändler H. Wagen und Pferd los geworden. Freiherr v. H. gab dem Agenten L., der in diesen Dingen bewandert ist, einen Wechsel, um darauf Geld zu schaffen. L. kaufte von dem Pferdehändler H. Dogcart und Pferd und gab den Wechsel in Zahlung. Dann versetzte er Wagen und Pferd, ohne von dem Erlöse dem Freiherrn v. H. etwas abzugeben. v. H. cedierte nun seinen Anspruch aus diesem Geschäfte für eine Schuld dem Restaurateur K. Dieser wurde in dem obenerwähnten Prozesse gegen den Agenten L. und den Pfand gläubiger auf Herausgabe von Pferd und Wagen klagbar. Freiherr v. H. hat sich inzwischen unter Hinterlassung vieler leidtragender Gläubiger nach Brasilien begeben. ♦ Eine Schnupftabaksdose für 130,000 Mark. Der fabelhafte Preis von 130,000 Mark ist dieser Tage bei einer Versteigerung in London für eine Schnupftabaksdose gezahlt worden. Dort wurden allerhand Kunstschätze aus dem Nachlaß eines verstorbenen Sammlers versteigert, der unter anderm 40 Jahre lang Schnupftabaksdosen gesammelt hatte. Die fragliche Dose ist von dem Pariser Maler Hainelin gemalt und stammt aus den, Jahre 1758. Der Deckel und die Seiten sind mit Rosenbuketten verziert, und in die Metallarbeit sind schöne brasilianische Diamanten gefügt. • Der Millionär als Dieb. In Vincennes wurde ein Herr verhaftet, welcher die beneidenswerten Qualitäten in sich vereint, der einzige Sohn eines reichen Pariser Kaufmannes, der einzige Erbe eines mehrere Millionen reichen Onkels und selbst Eigentümer in Chantilly und mehreren anderen Ortschaften zu sein. Der 32 Jahre alte Mann scheint nicht bei Verstände zu sein, sonst wäre es ihm schwerlich eingefallen, einen Diebstahl zu begehen, der ihm nicht mehr als lumpige 10 Franken einbringen sollte. Ec ist übrigens schon mehrfach vorbestraft; er stahl nämlich in Saint- Mande das Pferd und den Wagen eines Milchhändlers, während dieser sich im Hause eines Kunden befand, und verkaufte die Beute für ganze zehn Franken. • Ein Mann mit 47 Frauen. Der 33 Jahre alte Straßenbahnschaffner James Shippeee von New-York wurde von seiner Gattin Hattie Partelow, mit der er sich unter falschem Namen vor einem Pastor der Methodisten - Kirchs verheiratet hatte, der Bigamie beschuldigt und in Haft genommen. Shippees frühere Frau Enuna Prichard erschien gleichfalls vor Gericht, um zu beschwören, daß sie sich mit Shippee im Jahre 1896 verheiratet hatte, daß sie von ihm einen Knaben und ein Mädchen gehabt hatte, daß ihr Mann dann heimlich aus dem Hause geflohen war, und daß sie lange hatte suchen müssen, bevor sie ihn in einem Hause der Jefferson, Avenue, wo er mit einer netten Gattin lebte, wiederfand. Shippees „Gewesene" stellte sich sofort seiner „Gegenwärtigen" vor, und die beiden Frauen vereinigten sich dann, um den Mann ihres Herzens gehörig zu „verhauen", worauf sie ihn zum Kadi schleppten. Hier, vor dem Richter, machte man nun eine geradezu sensationelle Entdeckung: es 232 stellte sich heraus, daß James Shippec nicht nur zwei Frauen hatte, sondern noch mehrere andere. Eine wurde in San Francisko ernütteli, eine andere in Chicago, eine dritte in Washington u. s. w. Der Richter konstatierte darauf, daß Shippee mindestens siebenmal verheiratet sein müsse. „Mir ist schon alles gleich," sagte darauf Herr James Shippee, „und so will ich denn gestehen, daß ich nicht siebenmal verheiratet bin, sondern siebenundvierzigmal." Im nächsten Augenblick waren die beiden Klägerinnen in Ohnmacht gefallen, unb der Kadi starrte den unheimlichen Angeklagten mit offenen« Munde an. Shippee wurde den Geschworenen überiviesen; man sollte ihn aber nicht verurteilen, sondern ihm zu Ehren eine besondere Denkmünze prägen lassen, mit der Inschrift: „Dem mutigsten Manne der Welt!" * Die Feuersbrunst von Baltimore und die Wolkenkratzer. Die wenigen himmelhohen Geschäftsgebäude, die Baltimore hat oder hatte, lagen alle innerhalb des abgebrannten Bezirks, das der Continental Trust Co. mit 16 Stockwerken, das Union Trust - Gebäude mit 11 Stockwerken, das 13 stückige Calvert Building, das Maryland Trust-Gebäude und ein halbes Dutzend andere. Da das Baltimorer Feuer der erste Riesenbrand seit Einführung dieser neuen amerikanischen Bauten war, die als schlechthin feuerfest ausgegeben werden, so war es von besonderem Interesse, Genaues zu erfahren, welchen Widerstand sie der Wut des Elementes entgegensetzen konnten. Anfangs hieß es, sie seien mit den anderen Gebäuden ein Raub der Flammen geworden. Dann sah man aber, daß sie tatsächlich nicht wie die übrigen Häuser eingestürzt sind, wenn auch manche Wände herausfielen. Wenn dann aber weiterhin auf Grund besonderer Prüfungen behauptet wurde, diese Wolkenkratzer seien nur wenig beschädigt worden, so ist auch dies keineswegs den Tatsachen gemäß. Einer der Bauinspektoren Washingtons wurde von seiner Behörde zum Studium der Brandverhältnisse nach Baltimore geschickt und hat über den Befund berichtet, .mir gegenüber seine Eindrücke auch etwas erweitert. Zunächst hält er die hohen Gebände für eine sehr große Feuersgefahr. Bricht ein Feuer hoch oben aus, so reicht der Druck der Spritzen nicht kräftig genug hinauf; entsteht es unten und wird nicht sofort entdeckt, so erzeugt es in dem als Kamin wirkenden Treppenhaus und den Aufzugsschächten einen so gewaltigen heißen Luftzug, daß es nicht mehr bewältigt werden kann. Ein solches Feuer muß eine viel größere Hitze erregen, die brennenden Teile werden hoch in die Luft gewirbelt und gefährden einen weiten Um» ifteis, und falls brennende Stücke herunterfallen, so schlagen sie mit Leichtigkeit durch benachbarte Dächer und verbreiten die Feuersbrunst. Was den Brandschaden betrifft, den die Baltimorer Wolkenkratzer aufweisen, so berechnet ihn . der Bauinspektor auf 60 vom Hundert ihres Wertes. Sie sind zwar in der Hauptsache stehen geblieben, denn sie sind ja Stahlskelette, die von schlechten Wärmeleitern eingehüllt sind, und zwar ist das Stahlgerüst so aufgeführt, daß der ganze Bau ein Zellensystem bildet, innerhalb dessen der Einsturz einer Wand oder einer Decke die übrigen Räume nicht gefährdet. Solcher Einstürze kamen eine Reihe vor; häufig fiel auch die äußere Verkleidung ab, die Stahlschienen wurden blosgelegt und bogen sich unter der Hitze, sodaß auch auf diese Weise Wand- und Deckenstürze vorkamen. Wo immer das Eisen ungeschützt dalag, wie an den Dächern, schmolz cs oder bog sich und verursachte großen Schaden. Im Innern der Gebäude brannte jedes Stücken Holz vollständig aus. Von allen Gesteinsarten widerstand nur der Backstein, während Granitblöcke zu Sand wurden und Kalksteine wie Marmorplatten sich in weiche Massen verwandelten. • Wenn der Bauinspektor den Schaden so hoch berechnet — 60 vom Hundert — so ist eben zu bedenken, daß die kostspieligsten Teile dieser Gebäude die prächtigen Hallen und die feinen, aus bestem Material hergestellten Innenausstattungen sind, die natürlich einer Erneuerung bedürfen. * Große Leistung im Essen. Ein Herr ans Gr.-Schönebeck ttfar in dem Gasthofe eines benachbarten Ortes per Rad eingekehrt und klagte Mer Hunger. (£r verzehrte hierauf tu einem Zeitraum von 27hz Minuten folgende Kleinigkeit: 1. 10 hartgekochte Hühnereier mit Butter und Brot. 2. Eine Portion aufgewärmte Kohlrübe» mit Lungenwurst für drei Personen ausreichend. 3. Ei» halbes Pfund Blutwurst mit Butter und Brot. 4. Zwei Bücklinge. Nach dieser Mahlzeit äußerte er, daß er eigentlich noch nicht recht satt sei, er müsse Mer wieder zurück nach Gr.-Schönebeck, da sonst sein dortiger Wirt denke» könnte, er habe schon zu Mittag gespeist. Bei dem Wirt gM es Erbsen, Pökelfleisch und Sauerkohl. Auch hierin tat der betreffende Herr seine Schuldigkeit, sodaß ma» von dem vorher genossenen Frühstück ihm nichts anmerkte. * Marktpre ise für Babies. Eine amerikanische Baby-Händlerin Mrs. Ditsill in Philadelphia, die sich seit Jahren aus dem BMy-Markt ein Gewerbe gemacht hat, weiß zu erzählen, daß die Preise für Kinder zwischen 20. bis 20000 Mk schwanken; dieser höchste Betrag wurde z. B. für einen „drallen, rotwangigen Jungen ohne Gebreche» gezahlt. Nach rothaarigen Knaben war, wie sie berichtet, keine Nachfrage, aber kleine Mädchen mit „Trzian-rotem" Haar firtden viele Abnehmer. Ein schielendes BMy wird als Unglück bringend angesehen und findet gar keinen Käufer. Im allgemeinen verkaufen sich Knaben leichter als Mädchen. Mrs. Ditsill hat sich bet ihrem Gewerbe ein Vermögen erworben und vertetdigt es dMurch, daß sie, wie sie sagt, gute Heimstätten für Kinder findet, denen es sonst vielleicht schlecht ergehen würde. * Eine possenhafte Szene spielte sich jüngst in einem kleinen Pariser Wirtshause ab. Dort erschienen, in Abwesenheit des Wirtes, fünf vornehm gekleidete Herren und ließen sich häuslich nieder. „Kellner, wir möchten etwas essen", rief einer von ihnen. „Bedienen Sie uns gut, auf ein gutes Trinkgeld soll es nicht ankommen!" Der Kellner, der kurz vorher erst aus der Provinz nach Paris gekommen war, beeilte sich und brachte Vorspeisen, Fisch, Braten, Gemüse, die besten Weine usw. Nach dem Essen entspann sich zwischen den Gästen eine lebhafte Diskussion. Jeder steckte dte Hand in die Tische, denn keiner wollte dulden, daß der andere für ihn zahle. „Ich zahle alles", sagte einer der Herren energisch. —i „Nein, ich zahle. . ." — „Der Worte sind genug gewechselt, sprach ein dritter; „ich bin der Aelteste am Tische, und es wird mir eine große Ehre sein, Sie alle bewirtet zu haben". Ein Wort gab das andere, eine Höflichkeit forderte die andere heraus, Mer man schien sich nicht einigen zu können. Schließlich nahm ein großer Herr, der bis dahin noch nicht gesprochen hatte, das Wort und sagte: „Das ist alles sehr hübsch, Mer wir müssen doch ein Ende machen. Ich mache einen Vorschlag, den ich für gut halte: der Zufall soll entscheiden! Wir verbinden dem Kellner mit seiner Serviette die Augen, und der, den er dann erhascht, soll bezahlen!" Man fand die Idee vortrefflich und brachte sie sofort zur Ausführung. Der Kellner, der tastend und stolpernd im Zimmer umhergeirrt war, hielt ihn fest uM rief lachend: „Sie zahlen alles!" — „Nanu, was ist Ihnen denn in die Krone gefahren, daß Sie hier am Hellen Tage Blindekuh spielen?" schrie der Wirt. Jetzt klärte sich alles auf, und der verdutzte Kellner eilte selbst zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Die „sind«- gen" Zechpreller sucht man aber noch heute. 1 3 Kreuzriitsel. (Nachdruck verboten.) 1—2 weiblicher Vorname. 2 3—4 kleines nützliches Instrument. ---- 2—4 Kritik. । 4—2 Flußmündung. 3 — 1 Bezeichnung. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Königszugs in vor: Nr. Liegt dir gestern klar und offen, Wirkst Du heute kräitw frei; Kannst auch aus ein Morgen hoffen, Das nicht minder glücklich sei. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Lerlag der Lrül,i ju,u. : nunsu.p-tz.nch- und 6 icnlnCtrci. 8i. karge Giesen.