1904. — Wr. 10 Montag den 18. Januar. ^<4 w|5 MUW ISI ;s| W W .1 ft I kZW Kf INJ Br 6 (Nachdruck verboten.) WLla Jalcomerr. Bon Richard Voß. Erster Band. (Fortsetzung.) Und ich. blieb. Es ging mir nicht sonderlich gut; aber ich blieb! In mich hineinschauend, erblickte ich so vieles, was Lu besänftigen, zu ordnen, zu läutern war, daß ich allein schon daran die innerliche Notwendigkeit eines langen Verbleibens erkannte. Einen Phantasten hatte mich Herr Mariano genannt. Ich war freilich ein großer Phantast, wie hätte ich sonst jemals mich nur ein kleiner Tichter sein können? Ein Halbnarr sollte ich sein? Möglicherweise war ich sogar ein vollständiger Narr. Lange genug hatte ich mich vom Leben nnd mir selbst zum Narren halten lassen: vom Leben durch die Illusionen, die es in mir erweckte; von mir selbst durch, den Wahn: ich gehöre zu den Auserwählten, die, wenn, sie Seele von ihrer Seele geben, damit die Tnrstenden tränken, die Hungernden speisen und die Ermatteten erquicken könnten. In manchen Empfindungen war ich entschieden immer noch krankhaft. Noch immer mochte ich keine Menschen sehen — da sie den Bannkreis, den ich um mich gezogen, zerstört hätten. Noch, immer konnte ich mich nicht in die Dichtungen anderer größerer Geister versenken — da sie mich an meine eigene Kleinheit mahnten. Noch, immer scheute ich mich, eine Zeitung in die Hand zu nehmen — weil ich, vielleicht hätte lesen können, daß mein mattes Licht längst erloschen war. Noch immer suchte ich das Allheilmittel für meine Nöten und Leiden in der Einsamkeit, die meine Klagen still anhörte, meinen Gram milderte und mir in nichts widersprach oder Widerstand leistete. Herr Mariano hatte einigemal von Aufführungen meiner Dramen gesprochen, bis ich ihn ersuchte, dies zu unterlassen. Es kam bisweilen vor, daß Direktoren, Agenten und Verleger an mich schrieben. Anfangs schickte ich diese Briefe an meinen Geschäftsführer nach Mailand; später ließ ich sie unbeachtet liegen. Tas beruhigte mich, sehr. Allerdings verzehrte mick mehr und mehr die Sehnsucht, noch ein einziges Mal in meinem Leben etwas nützen zu können. Nur etwas! Ganz gleich, was. Ich war ja immer noch jung! Keine dreißig Jahre. Oft erschien mir's, als wäre ich niemals jung gewesen: niemals so recht wirklich jung, so recht glückselig jung, wo der Mensch sich unsterblich fühlt. Ich hatte immer gelitten. Eingebildet vielleicht. Aber es war doch gelitten. Und der Mensch ist nur dann jung, wenn er glücklich, ist. , Ungern sah ich mich selbst im Spiegel. Ich war sehr bleich. Mein Haar ergraute, meine Mienen bekamen etwas Stilles, Hoffnungsloses; niet» Blick schien in grenzenlose Weiten gerichtet zu sein, schien immer nach etwas auszuspähen, etwas zu erwarten. Was? Von der Welt nnd allen Dingen der Welt mehr und mehr mich, abwendend, flüchtete ich mich tiefer und tiefer! in die Natur. Sie umfing mich, mit Mutterarmen und nahm mich, an ihr göttliches Herz. Ich, belauschte ihren Herzschlag. Dabei wurde der weine immer beruhigter, immer leiser. * Herr Mariano hatte, wie sich plötzlich erwies, seit Jahren seine Pacht nicht gezahlt. Auch sonst sollte er Schulden über Schulden haben. Er ging daher mit raschen Schritten einer Katastrophe entgegen. Nicht einmal das Gesinde erhielt seinen Lohn. Doch wäre es keinem Knecht, keiner Magd eingefallen, deswegen den Dienst zu ver> lasseu. Es quälte mich, daß dieser Alcibiades so häßlich zu Grunde gehen sollte. Und was wurde aus Fran riano? Soviel ich von meinen Leuten vernahm, schien dieser die verzweifelte Sachlage vollkommen gleichgiltig zu sein. Sie ließ von ihrer getreuen Rosa ihr prachtvolles Haar pflegen, trug 'ihr schlechtes Kleid und lebte nur für ihr Kind, das ei» wahres Wunder von Holdseligkeit war. Jede Nacht fuhren Wagen ein, wurden Wein- und Oelfäsfer verladen. Ter kluge Herr Mariano schaffte beiseite, soviel er konnte, um für seine Gläubiger so wenig als möglich zu lassen. Eines Tages befand ich mich in dem Oelwald, der den Park der Villa von der Pineta der Villa Taverna scheidet, als ich zu meinem Erstaunen die mir stets scheu ausweichende Rosa quer durch den Oelwald auf mich zu- lanfen sah. Ich ging ihr beunruhigt entgegen. „Was gibt's?" „O Madonna !" „Ist Deiner Frau etwas zugestoßen?" „Mit der ist's ein Jammer! Tie stirbt noch, daraus Tie läßt sich Euretwillen noch einmal totschlagen!" „Meinetwillen?! Rosa, Rosa! Meinetwillen?!" „Und Ihr laßt es geschehen. Tenn so seid Ihr!" Ich faßte sie beim Arm. „Rede vernünftig! Was ist Deiner Frau meinetwillen gescheheu?" „Jetzt noch nichts. Jetzt soll sie nur zu Euch gehen. — 38 Aber die Bestie schlägt sie gewiß und wahrhaftig noch einmal tot!" „Frau Mariano soll zu mir gehen?" „O Madonna!" „Was soll sie bei mir?" „Euch bitten." „Und sie will mich nicht bitten?" „Lieber läßt sie sich von der Bestie totschlagen/' „Gute Rosa, um was soll Deine arme Frau mich bitten?" < „Mißt Jhr's nicht?" „Ich kann mir's nicht denken."- feib xeidjt." ^Mill Herr Mariano Geld von mir haben?" „Biel Geld." „Weißt Tu, warum Herr Mariano nicht selbst zu mir kommt?" „Weil es sehr viel Geld ist, das er von Euch haben kvill." „Und deshalb schickt er seine Frau?" „Weil Ihr verliebt in sie seid." „Rein, Rosa! Nein, nein! Das kann Herr Mariano glicht glauben." „Mus weiß ich, ivas er glaubt. Ich weiß nur,_ daß er sie Euretwillen gewiß noch einmal totschlägen wird." „Ich will Herrn Mariano das viele Geld geben, ohne daß Eure arme Frau mich darum bitten muß." „Lieber läßt sie sich! gleich jetzt von der Bestie tot- schlageu." „Weißt Tu, wieviel Herr Mariano von mir haben Kill?" „Ihr sollt. ihm nichts geben, nicht einen einzigen Soldo." „Wer sagt das?" „Sie!" Und Rosa reichte mir einen' Zettel', daraus stund mit g-roßer, unbeholfener Kinderschrift: „Geben Sie Mariano nichts mehr. Versprechen Sie tä mir. Hüten Sie sich. Es bittet Sie Maria." Rosa jammerte: „Wenn Mariano erfährt, daß sie Euch' gebeten hat, schlägt die Bestie sie tot." „Ich! iverde nichts verraten . . . Ach, Rosa, gute Rosa, kann ich! Deiner lieben Frau denn gar nicht Helsen?" „O Madonna!" Und sie setzte sich hin, wo sie gerade stand, warf die Schürze über den Kops und begann zu stöhnen und bitterlich zu weinen. Ich drang so sehr ich konnte, in die treue Seele. Es war jedoch uichts aus ihr herauszubringen, als Seufzer, Dränen und lamentable Anrufungen der Himmelskönigin. Aus Sorge, Herr Mariano, könnte sie Mit mir zusammen sehen, bat ich sie schließlich selbst, KU gehen. Sie erhob sich mühsam und schlich stöhnend davon. Wie konnte ich helfen? Aber noch- während ich darüber sann und sann, sollte mich ein schreckliches Ereignis auf den Weg weisen. * Bevor Herr Mariano mich! um Hilfe angehen, bevor tfül selbst sie ihm anbieten konnte, kam Exekution in seine Wohnung. Ich hielt mich unter den Steineichen auf, Körte ihn in der Billa toben und wütend nach seiner Frau schreien. Jetzt wird er sie zwingen wollen, zu mir zu gehen, dachte ich; und eilte ins Haus und zum Pächter, der sich gerade Mit denr Beamten allein im Zimmer befand. Ich entschuldigte mein Eindringen, bat Herrn Mariano; den Mann hinauszuschicken und mir eine Unterredung zu gewähren. Ich war möglichst höflich, möglichst ruhig. Herr Mariano nahm sofort seine gründ seigneur-Miene wieder an. Als die Tür hinter dem Beamten sich geschlossen hatte, sagte ich: „Ich erbiete mich, Ihre etivas verwirrten Verhältnisse durch meinen Geschäftsführer vollständig ordnen zu lassen, keinerlei pekuniäre Ansprüche an Sie zu erheben: weder jetzt, noch! jemals; Ihnen alle Hilssnnttel zur Gründung einer neuen Existenz zu schaffen unter einer Bedingung." Er stand vor mir: leichenblaß; aber mit einem Lächeln. Nie zuvor hatte ich! ihn so schön gefunden, nie züvor so gemein. Mit seinenr Kavalierlächeln sagte der Lump — und zwar sagte er es französisch: „Diese eine Bedingung ist: für Ihr Geld meine Frau!" Ich konnte ihm nicht ins Gesicht schlagen; denn hörte sie nebenan laut aufschreien. Plötzlich stand fie mitten im Zimmer, ihr schlafendes Kind im Arm und mit einem Gesicht, als verlöre sie den Verstand. Ich eilte aus sie zu, wollte sie aus dem Zimmer führen. Aber er warf sich dazwischen. „Zweimal verrausen lag' ich mich nicht", rief sie ihm außer sich! zu. „Lieber laß ich mich totschlagen. Schlage mich! tot! Damit es endlich ein Ende hat. Aus Barmherzigkeit schlage mich tot!" „Tas will ich", schrie der Rasende, erhob die geballte Faust und — Gräßlich, gräßlich ! Er hatte das Kind getroffen, das erwacht war und weinend feine Aermchen um den Hals der Mutter schlingen wollte. Sein wütender Faustschlag hatte das Kind am Herzen der Mutter getötet. Sie vergoß keine Trane. Mit stillem, starrem Gesicht saß sie 6et der kleinen Leiche. Sie war so vollkommen ivortlos, daß wir anfangs fürchteten, sie hätte die Sprache verloren. Tas Geschrei der treuen Rosa, den Jammer sämtlicher Tienstleute um das tote, süße Geschöpf hörte sie unbeweglich! mit an. r Nicht einmal um den letzteii Schniilck ihres gestorbenen Lebensglückes kümmerte sie sich. Sie ließ es gelassen geschehen. daß wir das Kind unter Minnen einbetteten. ' Als ich den Sarg aufhob, um ihn hinunter in ine Kapelle zu tragen, erhob auch sie sich von ihrem Sitz. Es war fast grausig auzusehen; denn es war, als stunde ein Gestorbener auf. Wie mit geschlossenen Füßen glitt sie hinter dem Sarge drein, die Frauen, die fte stutzen wollten, mit einer matten Gebärde zurückweifend. In der Kapelle fteWte ich einen Sessel neben den Altar, davor ich die Leiche aufbahrte. Sie sank Hinern und saß wiederum da: regungslos, tränenlos, schlaflos. Herr Mariano gebärdete sich wie ein llnfrnnrger. wollte sich! über das Kind hinwerftn. Aber die Mutter sah ihn an; und r- er wich von der Leiche zurück, als stunde mit flammendem Schwert eilt Engel davor. Er wollte sich! das Leben nehmen; und mußte von seinen Knechten bewacht werden. Er wollte sich als Mörder selbst dem Gerichte ausliefern; und mußte von den Mönchen von Camaldoli, nach denen sofort geschickt worden war, mit Gewalt aus dem Hause fort und hinauf rns Kloschr geschasst werden. , ., , „ Zuvor sagte er znir, daß er Maria und mich hasse, daß er uns beide verwünsche, daß wir seine Todfeinde seien: und daß er alles tun werde, um uns zu vernichten. Und sollte er darüber noch einmal zum Untäter tvcxbcti Vergeblich beschwor ich die ärmste Mutter, etwas Nahrung zu sich zu nehmen und sich niederzulegen,. Nur mit den Augen antwortete sie auf alles Flehen: Nein! Als die Nacht anbrach; fragte ich sie: ob ich mit ihr zusammen wachen dürfte? Utid da sie's mit ihrem Blick nicht verneinte, so blieb ich. .. Ich, setzte mich an einen Pratz, np ste mich nichts sehen konnte. Sie ' hätte mich freilich auch nicht gesehen, wäre ich ihr gerade gegenüber gestanden. Sie sah nichts, als ihr getötetes Kind, sah von der ganzen W!eU Nichts, als! biefc£>. Ick! hatte auf dem Altar die Wachskerzen angezündet, saß in meinem Winkel und blickte aus das tote Kind. Und ich blickte auf die Mutter, für die es am besten gewesen wäre, sie läge mit ihrem gestorbenen Leben zusamucen so still und blaß ausgebahrt. Unter dem Altar befand sich der gläserne Sarg mit den Gebeinen des heiligen Alexander Faleonieri. Das weiße Gerippe mit seinem glänzenden Gold- und Juwelenschmuck sollte Wunder vollbringen: „Heiliger Alexander, erwecke dieses tote Kind! Heiliger Alexander, mache dieses zermalmte.Frauenherz wieder lebendig! Heiliger Alexander, erhöre mich!" lieber dem Altar stellte ein Gemälde dar, wie ein» Heilige dem von Engeln getragenen Bildnis der himmlischen Jungfrau mit dem lächelnden Jesuskinde ihr Herz hin reicht. Ich mußte immer von einer Mutter zur andern — von einem Kinde zum andern schauen. Und es war, als paßten die beiden schmerzensreichen Mütter gut zu einander. Ich versuchte zu denken: Was wird jetzt aus Maria?" Sie war so lebensmüde, so todesmatt, am Leben so todkrank. . . . Tie Heiligen vollbrachten keine Wunder mehr, keine Grüfte össneten sich,, keine Gestorbenen grüßten wieder das Sonnenlicht- , „ Vielleicht konnte dieses Mal ein Mensch das Mirakel tun? Welcher Mensch? Ich! Und ixty liebte sie wirklich nicht? Auch jetzt liebte ich sie nicht?! Tre ganze Nacht über saß ich wachend bei der Mutter und ihrem toten Kinde. Ich! sann und sann, prüfte und prüfte und erkannte mich: Ich liebte sie auch jetzt nicht! , .. Ich würde sie niemals lieben. Aber liebte sie mich? Jetzt schien mir's möglich zu sein. . .. Ich konnte jetzt glauben, daß es möglich sei. Ich wußte, daß sie mich! liebte. * . (Fortsetzung folgt.) Ausdruck verleiht: Mein Liebchen schreibt mir. Ihre fröftig. schöne Schrift Durchschreitet stolz, aufrechten Gangs die glatte Trift Ter weißen Flächen. In den klaren, schlanken Lettern Erkenn' ich ganz ihr Wesen: in den lieben Blättern Ist mir ihr Sein aufs lieblichste geofsenbart, Ihr holdes Sein, die kräftig offne Ecgenart: Mir ist's, als säh' ich rasch sie durch das Zimmer Mretten, Als sähe ich sie aus den weißen, glatten Weiten Ter Eisbahn kraftbeseelte-n Schwebelaufes gleiten; Mir ist's, als hör' ich leise Walzermelodien Bxim Blättern in dem Brief.durch meine Seele ziehet,. , Swmnren möii leiert I eine Notwendigkeit für alle die, welche auf Grund ihres dmRIbelenkü^e Berufes in schriftlichen Verkehr mit anderen treten müssen. öt0 • Es ist niemals zu spät, an der Schrift etwas zu beftern, man muß nur nicht den Fehler begehen, Kalligraph werden zu wollen. Tie Schönheit der Schrift liegt nur tu der Leserlichkeit und ihrem Charakter, nicht in der Formvollendung! der einzelnen Buchstaben." Mir schließen unseren Aussatz mit dein hübschen Gedichte „Graphologisches" des jungen Berner Poeten Otto Lanz, worin dieser seiner Freude über eine ihm zugekommene schöne Handschrift .— daß es gerade die der Geliebten des Dichters ist, tut hier nichts zur Sache — seiner Schüler zum Hauptzweck seines Unterrichtes-Machen möchte, umsomehr, weil er oft genug bemerkt habe, daß eine gute Hand einen guten Stil nach sich ziehe." Zn seinem Söhnlein sagte Goethe, wenn er mit ihm auf das Schreiben zu sprechen kam, väterlich mahnend: Geschrieben Wort ist Perlen gleich, Ein Tintenklecks ein böser Streich! Friedrich Rü cker t, der sich in seinen Manuskripten einer peinlichen Ordnung und Reinlichkeit befliß, fchärfts | verfügte: das gleiche gilt von den jetzt noch lebenden j Ttchtern Mich. Jordan, Paul Heyse, Rosegger, Mcrrtin j Greif u. a. Tie bisher gebrachten Beispiele dürften üsdes unseren Leiern die Unhaltbarkeit des Sprichwortes „Gelehrte schreiben schlecht" zur Genüge dargetan haben. , Erfreulicherweise mehren sich von Jähr zu Jahr die Stimmen, welche gegen verdorbene und nachlässige Handschriften Einsprache erheben. So äußert sich! ein neuer pädagogischer Schriftsteller: „Eine schlechte, will sagen, unleserliche Handschrift ist eine Rücksichtslosigkeit gegen die Mitmenschen. Es ist unglaublich, ivic wenig Gewicht die menschliche Gesellschaft aus gute Schrift legt. Eme altmodische oder schlecht sitzende Krawatte wird weniger I verziehen als eine unleserliche Handschrift. Eine gute | Schrift ist eine Höflichkeit, welche man seinen Mitmenschen seinem Knaben ein: Rein gehalten dein Gewand, Rein gehalten Mund und Hand, Sohn, die äußere Reinlichkeit Ist der innern Unterpfand! Aehnliche Verszeilen setzte Gras Friedrich Leopold Stolberg seinem Töchterchen ins erste Schulheft. Als Lessing, der fest und gefällig schrieb, sich durch Ueberanstrengung ein Augenleiden zugezogen hatte, jammerte er, daß feine Handschrift darunter leiden müsse, und klagte sich öfters einer einreißenden Nu leserlich keit selbst, in jenen Briefen an, die doch ausschließlich nur an seine „liebe Frau" gerichtet waren. Varn Hagen von Ense, der mit den bedeutendsten Zeitgenossen in regem Briefwechsel stand, durfte sich einer sehr schönen Schrift rühmen, und seine Briese, die er z. B. an den Weinsberger Tichter JNstinus Kerner schrieb, sind kalligraphische Musterleistungen. Ter schweizerische Dichter Gottfried Keller, welcher eine Reihe von Jahren das Amt eines Staatsschreibers des Kantons Zürichs bekleidete und eine sehr leserliche Schrift hatte, hielt ungemein viel auf eine passende Feder. Landläiritteu I 1885 widmete er, auf diese seine Liebhaberei Bezug neh- KKSle-yre | meitb erneut Freunde folgenden launigen Albumvers: Tie Witzblatter pflegen nnt Vorliebe von Zeit zu I Mw ber- Stift Zeit unter der Ueberschrift Ter zukünftige Doktor einem ! gi0 b[c Schrift -' Knaben die Worte in den Mund zu lägen: „Tu Papa, I Mancher plagt' sich siebzig Jahr, jetzt kann ich memen Namen so schrerben, daß man chn der Feder stets ein Haar! EÄÄek kÄfes 3 er seinen Hamlet (Akt 5, Szene 2) erzählen läßt, wie verfugte. j derselbe einen auf ihn lautenden Uriasbrief auf die Na- | ... f men seiner Gegner umgeschrieben und sich damit vom ° ^retr u. a. , Tode gerettet habe: Ich hielt es einst, ivie unsre großen Herrn, Für niedrig, schön zu schreiben und bemühte Mich sehr, es zu verlernen; aber jetzt Tat es mir Ritterdienste. Bei Jeremias Gotth elf, dem schweizerischen Volksschriftsteller, meint einer, der die „Haket!" und „Krähenfüße" seines Pfarrherrn nicht zu entziffern vermag!, ärgerlich: „Er könne jede Schrift lesen ivie Schnupf, numme (nur) dem Pfarrer sein Gechafel (schlechte Schrift) könne är nicht verstehen; der schreibe aber auch, wie wenn er einen Tannast auf dem! Papier hie und da umeschletpfte i ö tnpitpren iff c;p aber auckt (umherfchleifte). An einer anderen Stelle bei Gotthelf j nnf iKrund'ibres schimpft Jwggi, der die Schrrft ernes Beamten tnchtlesen kann: „Gr wüßte nicht, wie man t:;; Str" (Sesselhelden, Sesselrutschern) Schreiber sage." Und doch steht die Redensart „Gelehrte schreiben schlecht", die bedauerlicherweise nur allzuoft als wohlfeile Entschuldigung für eine nachlässige .Handschrift gebraucht wird, im Grunde genommen aus recht schwachen Füßen, indem bewiesen werdet! kann, daß gerade unsere größten Tichter und Denker eine leserliche und saubere, in vielen Fallen sogar schöne Handschrift hätten und auf deren Pflege und Erhaltung hohen Wert setzten. Eine Reihe von Beispielen mag hier folgen: Goethe hatte es gewiß nicht nötig, auf seine Hand- schrift besonders zu achten. Aber er dachte über dieses Kapitel öfters nach und erinnerte sich noch in alten Tagen mit Vergnügen der Sorgfalt, w!omit er in seinen „sonst so flatterhaften Studentenjahren zu Leipzig" die Arbeiten für Gellerts Kollegen ins Reine schrieb '(Wahrheit und Tichtnng 8. Buch): „Der gute Gellert machte bei den Aufsätzen, die ihm seine Schüler einreichten, zur heiligen Pflicht, ihre Hand so sehr, ja mehr als ihren Stil zu üben. Tiefes wiederholte er so oft, als ihm eine kritz- liche, nachlässige Schpift zu Gesicht kanr, ivobei er mehrmals äußerte, daß' er sehr gern die schöne. HapdschpA Rosegger, piele dürf 40 Mir ist'4, als säh' ich manchmal in den Spitzen Ter Lettern ihre klaren Augen fröhlich blitzen Wie Sonnenschein im Lanzenwalde der Ulanen, Sie reiten aus dem Dor, es flattern ihre Fahnen. Ten einen Zug verhüllt mir ihre Schrift allein, Ter mir ihr Bild verklärt als weicher Glorienschein, Ten innig rein in meinen schönsten Lebensstunden In ihrem Herzen ich voll Seligkeit gefunden: Hingebung, Liebeweichheit zeigt kein Zug der Schrift, Ten tiefsten Seelenlaut vertraut sie nicht dem Stift. VerMijehrss« * Der Kur für ft von Köln gegen das D u e l l. Schon 1685 schritt die kurfürstliche Regierung scharf gegen „die zunehmenden Tnelle, Raufereien, Balgereien und Kugelwechselungen ein." Es wurde nicht nur der Zweikampf, sondern auch das Sekundieren, Anwohnung sowie unterlassene Anzeige, mit schweren Leibes- und Lebensstrafen bedroht. 1699 muffte das Edikt erneuert werden und so iroch öfter im Laufe der Zeit. Im Jahre 1742 heißt es: Obivohl in allen göttlichen, natürlichen, geistlichen und tveltlichen Rechten das Raufen und Duellieren nicht allein als ein der allerhöchsten göttlichen Majestät und der höchsten landesherrlichen Hoheit usto. unverantwortlicher Eingriff, sondern auch als eine mutwillige Rauferei zu betrachten sei, so hätten die Untertanen immer noch nicht den nötigen Abscheu gegen das abscheuliche Laster des Duellierens. Im Gegenteil werde die tolle und rasende Duellsucht als eine ganz verkehrte Ehrerrrettung bei den Untertanen des Zivilund Mtlitärfrarrdes betrachtet. Daher werde das Duellieren, auch! ivenn keiner getötet werden, mit dem Tode, und zwar die Rittermäßigen durch das Schwer-, die übrigen aber durch den Strang, ferner mit Beschlagnahme des Vermögens und bei denen von Adel muh mit Zerbrechung des adligen Wappens gestraft. Der im Duell Gefallene soll kein ehrliches Begräbnis erhalten, sondern am Galgen aufgehangen werden, jedem zum abscheulichen Exempel. Gegen die Entflohenen soll in contumaciam verfahren und das Urteil in esfigie vollzogen werden. Diese so scharfe Androhung scheint aber doch nicht geholfen zu haben, denn sonst würde man sie nicht immer wieder erneuert haben von 1685 an. Allerdings war damals in der guten alten Zeit die Rechtspflege so willkürlich und der Einfluß des Adels, der ja mehr oder weniger alle hervorragenden geistlichen und weltlichen Aemter bekleidete, so groß, daß sich immer wieder Wege gaben, auf denen man entschlüpfen konnte. Um den Raufereien und Duellen entgegenzuarbeiten, wurden zu verschiedenen Zeiten das Tragen von Degen und Seitengewehren beschränkt. So heißt es 1751, daß alle Advokaten, die nicht den Grad eines Doktors oder Lizentiaten erlangt haben, sowie alle Schreiber, Kaufmannssöhne und Diener, Apotheker, Barbiere und Handwerksgesellen keine Degen tragen dürfen. Zuwiderhandelnde sollen mit Beschlagnahme des Degens und willkürlichen Brüchten und Leibi sftrafen belegt werden. (Brüch«e in diesem Falle eine Geldstrafe.) In dem „willkürliche liegt auch ein Bild der Justizpflege damaliger Zeit. * Die Kinder am M argen ! Frühen Vögeln beißt die Katz' den Kopf ab! So sagt ein Sprichwort, und es hat die Bedeutung gehabt, daß mau Kinder morgens beim Aufstehen und Ankleiden anhalte, recht wenig unt) nur das notwendigste zu reden. Kindergeschwätz früh morgens, besonders das eifrige, endet auch erfahrungsgemäß nur zu leicht in Herzeleid. Das Kinderlachen in der Tagesfrühe läßt meist bald Kindertränen folgen. Es scheint daher zu kommen, weil der Gedankenausdruck, wenn er mit Eifer betrieben tvird, das Nervensystem erregt und weil einer besonders starken Erregung bei dem geringfügigsten Anstoß oft eine Erschlaffung rasch- folgt, welche Unlust, Müdigkeit und üble Laune bei Kindern zuwege bringt. Der wohlgefällige Reiz, welcher das Kino zum Scherzen und Lachen verleitet, hält nicht lange an: er hält nicht, was er verspricht! Ein Rückschlag folgt jetzt, der Mißbehagen im Kinde erzeugt, daher seine Ausbrüche und Ungezogenheit. Ebenso wie man an Kindern die Erregung durch vieles Reden in der Morgenfrühe nicht unterstützen darf, ebenso sollte man sie auch nicht geflissentlich reizen. Uebelgelaunte Eltern, Anverwandte und das Dienstpersonal namentlich versündigen sich oftmals ungemein an Kindern. Ruhiger Ernst räumt mit Vorbedacht alle Hindernisse aus dem Wege, welche ein Kind reizen und verstimmen müssen, damit es sich morgens lieber mehr schweigsam als schwatzhaft verhalte. *Ein Ministerrätsel. Im „Niederdeutschen Jahrbuch" erzählt Pros. Paul Ascherson einen guten Volkswitz über den preußischen Minister v. Kle tot tz, der unter Friedrich Wilhelm III. wenig beliebt und ohne große Geistesgaben als Finanzminister seines Amtes waltete. Daß man ihn sehr gern dem Spotte preisgab, beweist auch eine bösartige Charade auf seinen Namen, die man dem Kronprinzen, späterem König Friedrich Wilhelm IV., in den Mund legte. Sie lautete: „Die erste frißt das Vieh, Die zweite hab' iäy nie, Tas ganze ist eine Landplage." wird erzählt, daß der Minister sich deshalb bei König .Friedrich Wilhelm III. beklagt und dieser den Kronprinzen zur Rede gestellt habe. Der Kronprinz erwiderte: „Die Lösung, die ich im Sinne hatte, als ich das Rätsel aufgab, war — Heuschreck!" Lstermmsehss. — Stachd«n vor einigen Wochen als letztes Vermächtnis Julius Lohme Hers an die deutsche Jugend die „50 Kinderlieber mit 50 Bildern" durch den Verlag W. Vobach u. Co. in Berlin, herausgegeben worden ist, erschienen in demselben Berlage die „Gesammelten Dichtungen" dieses Poeten. Tiefes neue Wer? ist ein deut- ches Hausbuch im besten Sinne des Wortes, es find die Lieder eines Optimisten von frischem, lebenbejahendem Sinn, tote sie heute leider so selten zu finden sind. Lohmeyer fragt nicht, gleich unseren Modernen, toas das Leben ihm, sondern toas er deut Leben schuldig sei, und sieht nicht ttt dieser irdischen Welt das Jammertal, sondern die schöne Erde, auf der zu wandeln Lust und Freude ist. Wie reich dieses Tichterherz in seiner Dankbarkeit, wie offen dieses Tichterauge für die Schönheit der Welt ist, zeigt wohl am besten die Abteilung „Ehelieber". Es ist das Zarteste und Innigste was Lohmeyer geschrieben hat; in seinem Heim, im Kreise der Seinen, da liegen die tiefen Wurzeln seiner Kraft, dort erblüht ihm das reinste Gluck, und diese Sonntagsstimmung trägt er hinaus in die weite Welt, die ihm wie ein Eden entgegenblüht, das er heiter-sinnenden Auges durchwandert. Wir möchten wünschen, daß Lohmeyers „Gesammelte Dichtungen", die für 3 Mark in jeder Buchhandlung zu erhalten sind, in keinem echten deutschen Hause fehlen. Der furchtbare Theaterbrand in Chicago wird wohl endlich dahinfuhren, daß sämtliche Theater ausreichende SicherhZitsvorrichtungeu erhalten; das Interesse des Publikums an dem edelsten aller Vergnügen wird es schwerlich vermindern. Daher ist der hochinteressante Aussatz über „Schauspielkunst" recht zeitgemäß, den die neueste Nummer des Moden- und Familienblattes „Mode und Haus", Verlag von John Henry Schwerin, Berlin W. 35, seinen Lesern darbietet. Uebrigeus bringt dieses Blatt regelmäßig: 8 Seiten Mode, vier Seiten Handarbeiten, 20 Seiten reichillustrierte Belletristik, einen Schnittbogen und ein Kolorit; außerdem die Beilagen: Romanzeitung „Aus besten Federn", „Aerztlicher Ratgeber", illustriertes Witzblatt „Humor", die acht Seiten starke „Illustrierte Kinderwelt", Musikbeilage usw. Man findet hier alles, was Hauswirtschaft und Familie betrifft, Moden, Wäsche, Handarbeiten, Kindererziehung, ärztliche und juristische Ratschläge, geistige Unterhaltung, Aktuelles aus der Zeit wie aus dem Leben der Frau. „Mode, und Haus kostet pro Quartal nur 1 Mark, mit Moden- resp. Handarbeiten-Kolorits 1.25 Mark. Abonnements bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. Buchstabenrätsel. Nun rat', was ich fehl Mit a im Klee. Mit tt auf dem Klee. Mit i in der Höh. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in vor. Nr.t Meerschaum. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der VrLhl'schcn llnirerstlütS-Vuck- und Steiudruckcrci. R. Lange, Gießen.