1904. 8kp W NW Kin angenehmes Erke. Humoristischer Roman. Von Victor von Reisner. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Selbst dann trifft uns noch ein großer Verlust, erklärte ihm Erich., „haben wir doch, heuer nahezu an zweihundert Joch Rüben angesetzt, mit denen jetzt gar nichts anzufangen ist." „I, papperlapap", meinte der Graf, „das Unglück ist nicht so groß. Einen Teil verfüttern Sie an Ihre Kühe und Schweine, und den Rest nehmen wir Ihnen ab — es kann ja gar nichts besseres für Gemischtfutter geben." Höchstfelo starrte wiederum ins Leere. Trotz aller ihm in der letzten Zeit aufgestiegenen Verdachtsmomente traf ihn der Schlag doch zu unerwartet. Sich aber noch länger der Wahrheit zu verschließen, wäre Wahnsinn gewesen, und so erhob er sich denn, trat an Stepenaz heran, streckte ihm verlegen die Hand entgegen unb sagte: „Ich weiß nicht, was Sie bewogen hat, mir so gründlich die Augen zu öffnen, jedenfalls bin ich. Ihnen aber dafür zu großem Tanke verpflichtet und bitte Sie, die zwischen uns stattgehabten Differenzen zu vergessen." Stepenaz schlug kräftig in die ihm bat^eBotene Hand. „Ich bedauere nur", sagte er, „daß Sie nicht gleich auf mich hörten, denn wie Sie sich erinnern werden, warnte ich Sie von allem Anfang an vor diesem Menschen. Doch das ist vorbei, und darüber ein weiteres Wort zu verlieren, hätte ja jetzt doch keinen Simr. Und was unsere persönlichen Mißverständnisse anbelangt", fuhr er dann ernster fort, „so sind ja diese schon längst aufgeklärt; wenn wir uns trotzdem nicht wreder nähertraten, so wissen Sie ganz gut, daß der Grund wo anders zu suchen ist, und deshalb denke ich . . ." „Lassen wir das, ich bitte Sie darum", unterbrach ihn Herr von Höchstseld, viel ruhiger als es sonst seine Art war, wenn er an den Pfarrer erinnert wurde. „Warum?" beharrte Stepenaz, „gerade jetzt, wo wir schon einmal im großen Reinemachen sind, ginge es in einem ab, auch diesen unseligen Irrtum aufzuklären." „Glaube mir, Papa", drang auch Erich, der sich bisher absichtlich passiv verhalten hatte, in ihn ein, „es handelt sich tatsächlich nur um einen Irrtum, und einen Mann wie Dich wird cs freuen, der Wahrheit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen." „Möglich, möglich", sagte dieser wie betäubt, „aber setzt kann ich nichts mehr hören, es ist heute zu viel auf mich eingestürmt — ich muß erst Zeft haben, wieder mein Eileichgewicht zu finden." Der Graf erhob sich. „Sie haben recht, Herr Majot?", stimmte er ihm zu. „einen ehrlichen Frieden kann man nur bei ruhiger UeBer- legung schließen. Wenn es Ihnen also paßt, komme ich morgen wieder. Ich bin überzeugt, daß wir dann zu einer uns alle befriedigenden Verstärtbigung kommen werden. Also, Gott besohlen." „Wollen Sie nicht zu Tische Bei uns Bleiben?" lud ihn Höchstseld höflichkeitshalber ein. „Nein, nein", lehnte der Graf dankend ab, „ein andermal", drückte ihm und Erich zum Abschied die Hände und fuhr mit dem angenehmen Bewußffein, den heutigen Tag wohl angewandt zu haben, nach Hause. Erich eilte überselig zur Mutter, ihr von der glücklichen Wendung zu berichten Diese vermochte das schier Unglaubliche kaum zu fassen und meinte Skeptisch: „Wenn nur morgen nicht der Rückschlag folgt." „Nein, nein, das ist ausgeschlossen", Beruhigte er sie, „Papa ist wie um-gewanbelt, so weich und ruhig haBe ich ihn überhaupt noch nie gesehen." „Gott gebe, daß es so Bleibt", seufzte sie, „es wäre für ihn und für uns alle eine Wohltat, denn seit wir das unglückselige Erbe angetteten haben, ist er ja rein wie ausgewechselt. Glaube mir, mein Kind, ich habe schpn oft aus tiefstem HerKensgrunde gewünscht, daß es uns nie zugefallen wäre, denn ttotz aller Einschränkunoeu haben wir ftüher glücklicher und zufticdener gelebt all fefet." „Und diese Zeiten werden jetzt wiederkommo, liebe Mama", versicherte er aus tiefster Ueberzeugung. „Papa wird es zwar kränken, im Unrecht gewesen zu sein, aber gerade deshalb wird er es sich doppelt angelegen sein lassen, dasselbe gutzumachen." „Das wird er, das wird er sicherlich^, stimmte sie ihm, unter Tränen lächelnd, zu. „Und wenn er mir erst erlaubt, um Ljubizas Hand anzuhalten", fuhr Erich freudestrahlend fort, „bann sollst Du sehen, welch frohes Leben Bet uns einkehren wirb." „Aber hoffentlich nicht mit täglichen Gastereien!" rief sie erschrocken. „9hin, bie erste Flut der Gratulanten werden wir Wohl ergebungsvoll über uns ergehen lassen müssen", entgegnete er lachend, „dann aber wird das Tor verrammelt, und wer nicht zur Familie gehört, kann auf der Landstraße liegen bleiben." Im selben Augenblick kam das Mädchen herein und meldete, daß die Suppe auf dem Tisch stände. Erich Bot der Mama den Arm und führte sie nach dem Speisezimmer, wo auch gleich darauf der Major erschien. Man ließ sich stillschweigend nieder, und niemandem war es verwunderlich, daß SzaBos Platz heute frei blieb — aber auch Erna fehlte, und Frau von Höchstfeld wandte sich daher mit der Frage an das Mädchen, oB denn diese nicht gerufen worden sei? Da die ganze Dienerschaft an Erna hing und ihr gern jeden Verdruß ersparte, so zögerte das Mädchen einen 564 Moment mit der Antwort, mußte aber dann doch gestehen, daß Erna weder auf ihrem Zimmer, uoch sonst irgendwo zu finden sei. Herr von Höchstfeld sah mit drohend zusammengezogenen Brauen in die Höhe. „Sie kann doch nun nachgerade wissen, daß ich keine Unpünktlichkeiten Aulde", schalt er, „zur Strafe wird sie eine Woche lang aus ihrem Zimmer essen!" Frau von Höchstfeld hatte ihr ganz dasselbe zugedacht und pflichtete ihm lebhaft bei. Als aber der dritte Gang aufgetragen wurde und Erna noch immer nicht erschien, da; fing sie sich doch ernstlich zu beunruhigen an. „Wenn ihr nur nicht am Ende ein Unglück zugestoßen ist", meinte sie besorgt, „sonst Müßte sie doch jetzt schon da sein." Erich lachte sie aus. „Mer, liebe Mama, kennst Du denn Erna so wenig", scherzte er, „wer weiß, welch' neuen Unsinn sie wieder ausgeheckt und dabei Zeit und Raum vergessen hat." „Sie hat dies aber nicht zu vergessen", brummte der Major. „Sobald sie hungrig ist, wird sie schon auf der Bildfläche erscheinen", sagte Erich!, „und daß dies nun nicht mehr zu lauge dauern wird, davon bin ich überzeugt." Liber Stunde um Stunde verraun, und Erna kam nicht zum Vorschein. Es war nahe au vier Uhr, als Frau von Höchstfeld mit besorgter Miene das Arbeitszimmer ihres Garten betrat. „Ist sie da?" fragte er. „Rein, noch immer nicht", entgegnete sie, „ich muß Dir offen bekennen, daß ich jetzt an ein zufälliges Ausbleiben nicht mehr glauben kann." Trotz aller zur Schau getragene« Bärbeißigkeit war Herr von Höchstfeld doch die Gutmütigkeit selbst, und die Angst um sein Kind, dessen rätselhaftes Verschwinden ihn mm nicht minder als seine Frau beunruhigte, ließ für den Augenblick alle anderen Sorgen in den Hintergrund treten. Ohne viel Worte zu verlieren, traf er seine Anordnungen. Einige der Leute schickte er an den Fluß hinab, andere in den Wald, er selbst fuhr nach Stepenavze, um! dort Nachfrage zu halten, und Erich ritt zum Pfarrer nach! Mariance, bei diesem .Erkundigungen einzuziehen. Mama Höchstfeld durchstöberte indes das Haus bon oben bis unten, fand aber nirgends einen Anhalt und verging fast vor .Unruhe. Ms Erjch, der den Pfarrer nicht angetroffen hatte, zurückkehrte, nahm sie ihn zur Seite und flüsterte ihm ganz erregt zu: „Wenn das nur nicht mit der dummen, heimlichen Verlobung in Zusammenhang steht." Ev sah sie vollkommen verständnislos an. ,Mie meinst Du das?" fragte er. „Großer Gott, es ist ja freilich, kaum anszudenken", jammerte sie, aber wie Erna nuu einmal ist, halte ich es gar nicht für ausgeschlossen, daß sie zu Leutnant Vladoj auSgerticEt ist." „Nimm es mir nicht übel, liebe Mama", entgegnete Erich kopfschüttelnd, „aber Du läßt Dich doch durch Deine Besorgnis zu gewagten Schlüssen verleiten!" „Wie soll ich mir aber sonst ihr Ausbleiben erklären?" tagte sie fiebernd, und ihn plötzlich, bei der Hand nehmend, bat sie mit vor Auflegung zitternder Stimme, „reite zu meiner Beruhigung tn die Stadt und ziehe Erkundigungen ein/' „Aber, liebe Mama, tote soll ich denn das tun, ohne Auffeyen zu erregen'', sträubte er sich „schon das W ständnis, ihren Aufenthalt nicht zu kennen, müßte auf sie und uns ein ganz eigentümliches Licht Werfen, und ich möchte nidj|t gern böswilligen Menschen, vor denen man doch schließlich nie sicher ist, Gelegenheit zu verletzeuden Mutmaßungeu geben." Sie sah ein, daß er recht hatte und drang nicht Weiter in ihn. Als aber auch ihr Gatte resultatlos heimkehrte, da kam sie doch, wieder darauf zurück. „Du kannst ja vorgeben, in der Stadt zu tun gehabt Bhaben, und nur im Vorüberretten bei ihm vorzusprechssnf'i, lug der Major zur Beruhigung seiner Frau vor, setzte er gleich hinzu, daß er selbst an .die Möglichkeit eines solchen unsinnigen Schrittes nicht im entferntesten dächte, „Das nabe ich ja auch schon Mama auseinandergesetzt". erklärte ihm Erich etwas ungeduldig, „denn, obgleich Erna eitt Schusselkopf ist, so mute ich ihr doch nicht etwas direkt Unschickliches zu, und auch von Leutnant Vladoj halte ich ich es für völlig ausgeschlossen, daß er nnser Vertrauen auf derartige Weise . .." „Nun, dann sage mir doch gefälligst, wo sie ist", fiel ihm die Mutter erregt ins Wort, „wenn ich nicht glauben soll, daß sie verunglückt ist, dann kann ich nur noch an so etwas denken!" „Na ja, liebe Alte, wir wollen alles zu Deiner Beruhigung tim", versprach ihr der Major, und sich zu Erich tuenbenb, sagte er: „Ich bitte Dich, reite sofort hinein — vielleicht erfährst Du dabei irgend etwas, was uns als Fingerzeig zu weiteren Nachforschungen dienen könnte." „In zwei Stunden kann ich tzurück sein", meinte darauf Erich „ich bin aber fast überzeugt, daß es überflüssig ist, denn Erna wird dann schon hier sein und ihr Fernbleiben sich aus die harmloseste W!eise geklärt haben." „Au ein Unglück kann ich allerdings auch nicht glauben", sagte der Major, „denn wenn ihr ein solches tatsächlich zugestoßen wäre, so würde die Nachricht davon bis jetzt schon zu uns gebrungen fein. Es kann sich also nur um eine neue Musterung ihres Wahnsinns handeln; aber das sage ich Euch, heute entschlüpft sie mir nicht mit heiler Haut — für die Angst, die ihre Mutter um sie ausgestanden hat, soll ihr eine' exemplarische Strafe zuteil werden!" Erich verschob die Intervention auf den geeigneten' Zeitpunkt, empfahl sich und sprengte bald daraus zum Top hinaus. In Nistovce stellte er das schaumbedeckte Pferd im Gasthof zum „Grünen Turban" ein, trug dem Hausknecht auf, das Tier gehörig abzureiben und ging dann zu Leutnant Bielimarinovie, der ihn mit freudiger Verwunderung empfing. „Nanu, noch zu so später Stunde in unserer Residenz?" fragte er, „ober bleiben Sie vielleicht über Nacht hier? Dann will ich gleich bie Kameraden verständigen, damit wir Ihnen ein solennes . . ." „Nein, nein, ich bin schon im Begriffe, nach Hause zu retten", entgegnete Erich verlegen, „und wollte nur noch einen Moment bei Ihnen vorsprechen'' „Das ist wirklich sehr liebenswürdig", dankte ihm Vladoj, ließ eine Flasche Samar ob« er auffahren und stieß mit ihm auf eine glückliche Gegenwart unb auf eine noch 'glücklichere Zukunft an. „A propos, wohin ist denn heute Fräulein Erna mit Szabo gefahren", erkundigte er sich bann, „unser Oberst will sie von der Lanbungsbrücke aus auf dem Schiffe gesehen haben." Erich flieg bas Blut zu Kopf unb, ber Not gehorchend, log er: „Ich tour den ganzen Tag nicht zu Hause, weiß also von nichts — wahrscheinlich! wirb sich aber ber1 Herr Oberst getäuscht haben." (Fortsetzung folgt.) Ein SchnakenidyK*) IN einer Schnakengemeinde, innerhalb der rot-weißen! Grenzpfähle gelegen — ber Name tut nichts zur Sache —. herrschte höchste Bestürzung. Noch! vor toienigen Minuten! war alles auf dem höchsten Gipfel irdischjer Freude hier; überall flohes, tolles Leben! Das Schnakenvölkchjen hatte sich zu Hundert- und aber Hunderttausenden singend int Nationaltanz gedreht, glücklich und sorglos. Satt waren sie alle; denn es gab wenige bleichsüchtige Mensch enkindep ainl Ort — gesund auch — die Schnakenkinderchen gediehen, und die Zukunft lag rosig vor ihnen. Da plötzlich — Man war gerade im schönsten Reigen — kam eilig ein Schnakenoberhaupt herbeigeflogen, eines, das unbedingtes Vertrauen bei feines«! Stamme genoß. Von! weitem schon sah man an feiner Erregung und Verstörtheit, daß es der Träger schlimmer Botschsast war, und schon gebot es Ruhe und bat ums Mort. In kurzem teilte es nun der entsetzt aufhorchenden Menge die niederschmetternde Tatsache mit, daß die Vernichtung des ganzen! Schnakengeschlechtes befchlossene Sachp sei, baß bie bösen *) Diese humoristische Skizze geht nicht ganz gleichgiltig an bet „Stadt an der Lahn" vorbei, führt aber nichts Böses gegen sie im Schild, weShaW der Leser nicht gleich an ein „Eingesandt" denken darf. 555 Menschen ihm den Krieg «erklärt und bereits mit der Ausrottung begonnen hätten. „Laßt Dauz und Schmaus, — für uns ist das Ende der Welt hereingebrochen! Lasset uns würdig sterben!" Damit war aber unser leichtlebiges Jüsektenvölkchen durchaus nicht einverstanden. Zuerst jammerte es und schrie nach Rettung; einige schlanke Schnakendämchen fielen tn Ohnmacht oder rangen die dünnen Mrmchen. Dann aber drängten sich die Gefaßtesten herbei, und nachdem die Ordnung wieder ziemlich« hergestellt w«ar, begann man mit vernünftigen Vorschlägen. Mr den nächsten Tag wurde eine große Sitzung anberaumt, und die Gesellsch«nft slog hierauf einigermaßen beruhigt auseinander. Bis zum folgenden Tage sollte ein jeder der Untertanen schgrf nacht- oenken über einen etwaigen Ausweg aus d«er fatalen Situation. Einige verbrecherische Individuen, deren Leben ohnedies verwrvkt war, sollten mit Gras und Sand gefüttert werden, um zu sehen, ob inan im Notfälle ohne Menschen leben, weitab der Heimstt existieren könne. Daß änderen Tages sich« unsere Schiraken wieder in Sch«aren einstellten, bedarf keiner Erwähnung — galt es doch Sein oder Nichtsein! Zrrerst wurden die Abgesandten vernommen, die erirst herzutraten, da sie nichts Gutes zrr melden hatten. „Meilenweit", so berichteten sie, „fanden wir alle Tümpel vergiftet. Wohin wir uns auch wandten, überall stehen Bütten mit Wasser angefüllt, aber nur scheinbar; denn sobald wir herbeifloaen, stießen wir auf Petroleünß eine fürchterliche Flüssigkeit, welche die armen nachtblinden Menschen bisher nur zum Beleuchten benutzt hatten. Wir waren überall: in der Bergstraße, in Bad Nauheim« — überall, überall sind wir gewesen, in den beliebtesten Sommerfrischen der Menschen und der Schinaken ; denn wir lieben ja die Menschen, aber vergebens. Ueberall ist der Herr Schnaken- koinmissarius eingedrungen, die brennende Fackel in der mörderischen Faust, ist in die Keller hinabgestiegen und hat die eingesessenen Generationen vernichtet. Die ganze Erstgeburt ist getötet! Wehe uns Armen! Uns winkt kein Auszug ins gelobte Land!" Hierauf fragte das Oberhaupt nach dem Befinden der gestern zu der ungewohnten Kost Verurteilten — sie waren tot, hatten die neue Nahrung nicht vertragen! Ratlos standen alle, und aufs neue wollte sich große Niedergeschlagenheit der Versammlung bemächjtigen, als ein Schnakenjüngling artgeflogen kam, sich eilig den S®eg durch die Menge in der Luft bahnende „Brüder, Schwestern! Hurra!" ries er, „verzagt nicht, wir sind gerettet! Ich sand eine Stadt, an der Lahn liegt sie! Famos, sage ich euch, großartig! Dort wird's euch gefallen! Hört! Eine schöne Stadt, hat Volksbad, Marktlauben und beinahe einen Festsaal! Dort duldet man uns, ich garantiere dafür! Dort weiß man nichts von dem schnöden Sengen und Brennen! Dort hat man ein warmes Herz, für uns und weiß, daß wir ebensogut Geschöpfe Gottes sind wie die Menschen, und. einen Magen haben, der Nahrung braucht, wie »er ihre. Die Einwohner sind gar nicht heikel bei ihren Spaziergängen und nicht im geringsten geizig, wenn wir vorsprechen und uns ein Tröpfchen Blut holen wollen; denn erstens haben die Leute dort keine Zett, sich um uns zu kümmern, sie haben mit erheblichen TerrainschMexigkeiten zu kämpfen bei ihren Ausgängen; zweitens können sie ihre Ausmerk- famkeit durchaus nicht aus das Gefühl konzentrieren, da andere Sinne auch noch bedeutend in Anspruch genommen sind, und schließlich« sind die Guten dort an Abgaben gewöhnt. Dort finden wir Genossen zu Millionen, denen es sehr gut geht. Kommt, folgt mir!" Und erfreut folgten sie, und sie kamen alle. IN früher Morgenstunde hielten sie ihren Einzug. Sie erschienen in SchchärrNen, daß sich der Himmel verdunkelte, und fanden alles zu ihrem Empfang bereit: frifch« bewässerte Mesen für1 ftiie Wiege der Kleinen, gastlich« geöffnete Keller zum Ueb'erwintern; kurz, das neue SchNaken- heim war ganz nach ihrem Geschmack. Und wenn man sie nicht hat ankommen sehen, so ist der Grund davon der, daß die Bürger zu so früher Stunde noch in süßem Schilummer lagen. Die Zipfelmützen hatten sie über die Ohren gezogen, und als die Schnaken sie umkreisten und tn ihren hohen Tönen, dem höchstgestrichenen ciitis (in der Schuakenfprache stiiis) ihre Mnkunst meldeten, da winkten sie energisch ad: „Schon gut, schon gut, bitte keine Frühkonzerte!" Wer aber diese wahre Geschichte nicht glauben will, der zünde, sobald es kalt geworden ist, ein Laternchen an und schaue in seinen Keller — da sitzen« sie und freuen sich ihres Lebens! I. Aas Spiel und die AertigKeiten des Kindes. In neuerer Zeit ist oft und nachträglich betont worden, daß die leibliche Pflege des Kindes in den ersten Jahren grundlegend ist für das gesamte künftige Leben. Das Gleiche gilt von der Bildung .des Gemütes, des Willens und der Verstandestätigkeit. Einen der bedeutsamsten Faktoren für das Gedeihen des Leibes wie der Seele des Kindes bildet das Spiel, und so ist es begreiflich, wenn Karl Richard Löwe in der socken in neuer, teilweise umge- arbeiteter Auflage fernes trefflichen Werkes: „Wie erstehe und belehre ich mein Kind bis zum sechsten Lebensjahre?" (Hannover, Verlag von Karl Meyer (Gustav Prior), Preis 2.50) dem Spiel ein besonderes Kapitel widmet, dem wir folgende Mitteilungen entnehmen : D«er Begriff des Spiels kann recht verschieden aufgefaßt wer- den, wie auch das Wort selbst in mannigfachem Sinne gebraucht wird . Mancher nennt das ganze Denken und Tun des Kindes ein fortwährendes Spielen, und wer nur von letzterem schreibt, hat fast unermeßlichen Stoff. Das Kind offenbart beim sogen. Spiel sehr oft mehr Ernst, Anstrengung , und Ausdauer, als mancher Erwachsene^ bei seinen Obliegenheiten. .«Ob wir ein und dieselbe Tätigkeit Spiel, Beschäftigung oder Arbeit nennen, ob wir vom Gedankenspiel oder kindlichen Denken reden, ist ziemlich glcichgiltig; «die Hauptsache ist, daß wir pem Kinde sein gutes Recht unangetastet lassen. Das geistige Leben entwickelt sich von innen heraus und beansprucht gebührende Freiheit. Drei sehr bedeutsame Eigentümlichkeiten des kindlichen Wesens treten im Spiel hervor, aber nicht allein hier, sondern bei allen Gelegenheiten: erstem der körperliche Trick zur Bewegung, zweitens das Streben der Seele, das Erworbene umzugestalten ober auf neue Weise zu bewegen, sodaß also beim Spiel die ureigene Art des Gedanken- lauss hervortritt, und drittens, zwischen beiden mitten inne stehend, das Streben nach persönlicher Freiheit, also Selbständigkeit zu erlangen und zu behaupten. Diese drei Grundzüge sind jedem ebenmäßig begabten Menschen, klein irrte groß, eigen, sie führen zu Aufgaben der gesamten Erziehung für alle Zeiten. Was wir dem Kinde im Spiel gewähren, sollen wir ihm stets' gestatten: möglichst viel Gelegenheit zum Ausleben des Körpers und Geistes. Selbst da, wo wir das Kind in der Belehrung auf bestimmter Bahn halten und scheinbar seine Beweglichkeit des Geistes einschränken, sollen toir Zeinen leiblichen wie geistigen Bedürfnissen Rechnung tragen. Wer ein jüngeres Kind belehrt, der nimmt wahr, wie es nach« einer 'kurzen Unterweisung zum spielenden Bewegen der Gedanken übergeht. Das Uebergehen aus der vernünftigen in die leichte phantasiemäßige Verbindung der Gedanken ist in der Natur des kindlichen Geistes begründet, und zwar .ähnlich wie auf dem Gebiete des Leiblichen. Wer die inneren Geschehnisse des körperlichen Lckens kennt, der weiß, daß der Leib in ununterbrochener Neubildung begriffen ist, welche beim Kinde mit größerer Geschwindigkeit sich vollzieht, als beim Erwachsenen. , Wir brauchen nach anhaltender geistiger Arbeit Erholung, die gleichfalls im Reiche des bloßen Denkens liegen kann. Während wir aber stunden-, mitunter tagelang geistig uns an- strengen, ehe wir der Erholung bedürfen, wechseln beim Kinde beide Formen in unyleiw kürzeren Zeiträumen, oft innerhalb weniger Minuten. Wir fördern die geistige Entwicklung, indem wir oem Kinde, sobald es danclch strebt, Freiheit lassen im Verweben der Vorstellungen. Nach einer kurzen Belehrung will es reden, geht von einem richtig ersaßten Gedanken in märchenhafte Beziehungen hinüber, phantasiert, bildet dabei einen vernünftigen Gedanken, wie wir sagen, und alsdann mehrere, welche der Wirklichkeit widersprechen, aber alles geht leicht und fteudig von statten. Es wäre unzweckmäßig«, mitten in diese bunten Phantasiegebilde eine verständige Betrachtung zu zwängen, höchstens dürfen wir, wenn das kindliche Denken die Wirklichkeit streift, auf eine naheliegende Anschauung Bezug nehmen und ihm etwas klar stellen. Dasselbe leichte, erquickende Kommen und Gehen der Gedanken maltet Leim wahren Spiel des Kindes. Wie seine Gedanken freien Lauf haben wollen, so begehrt es auch Freiheit im Hantieren mit dem Spielzeug. .Wir geben ihm die Spielsachen und überlassen es sich s bst. .Und welches Spielzeug«? Tinge, die recht verschiedene Behandln::gsw«eise und somit die Beweglichkeit der Gedanken .zulassen; nicht aber ausschließlich solche Gegenstände, welche etwas Bestimmtes darstellen, wie Pferd, Puppe, Wagen. Dinge, die wenig Veränderung zulassem zwingt das Kind zu solcher, indem es dieselben zerreißt, zerschlägt, zerbricht. .Mit den armseligen Ueberresten spielt es immer wieder und am liebsten. Das find nun die Gegenstände von zweifelhafter Form, denen der Zweck nicht auf «die Stirn geschrieben ist und welche dem willkürlichen Gedankenfluß sich änbequemen. Wohl jedes Kind hat ein Behältnis mit allerlei Gerümpel, das es ungemein liebt. Mit diesen Bruchstücken setzt es wunderliche Gebilde zusammen. Man wagt das Kind, was das Geschaffne bedeuten solle, wozu es bestinunt sei«. Das Kind weist oft keine Antwort und tragt ebenso-, wenig nach «dem Zweck oder «der Erklärung des Geschaffenen; 556 ihm genügt, daß cs etwas Eigenartiges hergestellt hat. So wirkt die schöpferische Phantasie, die mir Erwachsenen, mit Ausnahme der echten Künstler, teilweise oder gänzlich verloren haben. Darum störe man nickst die Kleinen beim Spiele, weder durch Ratschläge noch durch Fragen. Jene ursprüngliche Flüssigkeit des Seelcn-- lebens ist dem Kinde von Herzen zu wünschen, sonst ist später sein Denken in Fesseln geschlagen. Die Ungebundenheit des Denkens und die Willkür des Handelns darf nicht dauernd herrschen, es soll vielmehr ein gesundes und natürliches Verhältnis zwischen ernstem Denken und Handeln einerseits und dem phantasiemäßigen Spiel andererseits bestehen. In der ersten Kindheit vollzieht sich alle geistige und körperliche Beschäftigung in der Form de« Spiels; in den späteren Jahren tritt mit dem geistigen Fortschritt das vernünftige Denken und zielbewußte Handeln mehr und mehr in den Vordergrund, jedoch sollen wir auch dem Sechsjährigen genug Zeit zu völlig freier Tätigkeit, zum Spiel gewähren. Das Spiel fördert die körperliche Fertigkeit und den Formen-, überhaupt den Schönheitssinn. Letzteres geschieht, wenn die Erziehung dem Spieltrieb die Wege ebnet und die Mittel zu seinem Entfalten bietet. .Wenn das Kind ein Holz guer auf ein aufrecht stehendes legt, da übt es die Hand im ruhigen Halten, bildet den Tast- und Drucksinn und übt 5a» Auge im Vergleichen der Grösten- und Lagenverhältnisse. Man beobachte die Kleinen, wie sie im Ballwerfen und -Auffangen sich üben; viele Muskeln der Hand, des Armes, des Oberkörpers und der Beine sind tätig, auch das Auge arbeitet. .Wieviel Neben und Ueberlegen geht der Fertigkeit voraus, einen Kreisel in Bewegung zu setzen. Den grössten Gewinn hat das Kind aus den Beschäftigungen, welche nicht nur unterhalten und ergötzen, sondern auch das Schönheitsgefühl wecken und bilden. Dieses Gefühl must gepflegt werden, mag auch das Kind kein Künstler werden. .Der Schönheitssinn gehört zum Gleichmaß der geistig-n Kräfte, ist nahe verwandt mit den sittlichen Gefühlen, in späteren Zeiten ein unentbehrlicher Gehilfe bei jeglichem Schaffen und jederzeit der Spender edler Freuden. Kinder, welche die meiste Zeit d"s Tages unbehütet auf der Gasse sind, spielen fast immer, nnd doch bleibt bei ihnen das wertvolle Gebiet des Schönen unbebaut. Kaiser Friedrichs Brautfahrt. Anläßlich der Verlobung des Kronprinzen dürste die Erinnerung an ixe Brautfahct seines Großvaters, des Kaisers Friedrich, von Interesse sein, zumal gerade über dieser Verlobung ein poeti- Ser Hauch ruht. Im September 18öo rüstete sich Friedrich ilhelm zur Reise nach England, die sich zur Brautfahrt gestaltete. Am 14. September 1855 traf er — wir folgen hier der Biographie Kaiser Friedrick-s von Margaretha v. Poschinger — auf Schloß Balmoral in den schottischen Hochlanden ein; dort begrüßte er die Prinzeß Royal, die, seitdem ec sie vor fünf Jahren das letzte Mal g.shn, zur blühenden Jungfrau herangereift war, und am 20. September gestand er der Königin Viktoria und dem Prinzen Albert seine Liebe. „Nun pour la bonne bouche. Tie Angelegenheit" — so schrieb der Prinz-Gemahl am selben Tage an den Baron v. Stockmar nach Koburg — „ist heute nach dem Frühstück in ein aktives Stadium getreten. Der junge Mann hat seinen Antrag an uns gestellt mit der Erlaubnis seiner Eltern und seines Königs; wir haben ihn sür uns akzeptiert, doch für den anderen Teil bis nach der Konsirmation zu suspendieren gebeten; bis dahin solle Unbefangenheit und Kindlichkeit ungestört bleiben; dann im Frühjahr wünscht der junge Mann seinen Antrag ihr selbst zu stellen, vielleicht mit Eltern und verlobter Schwester zu uns zu kommen. ,Ter 17. Geburtstag soll vorübergelassen werden, ehe an einen Vollzug gedacht werden soll, der d^rum in das folgende Frühjahr fallen mag. Das Geheimnis soll bewahrt werden tant bien gue mal, den Eltern und dem Könige die Wahrheit sogleich mitgeteilt werden, daß junger Mann und Eltern sich gebund.n haben, soweit sie es können., die junge Person selbst nach der Konfirmalion besragt werden soll. Inzwischen wäre manches zu überlegen; ich werde Sie bitten, bald zu uns zu kommen, damit wir mündlich verhandeln können und Ihren Rat hören. Am 28. will uns der junge Mann wieder verlassen. Er stellte sich darin uns ganz zu Gebote; ich schlug 14 Tage als nicht zu lang und nicht zu kurz für einen dergleichen Besuch vor. Er hat mir reckst wohl gefallen. Große Geradheit, Offenheit und Ehrlichkeit sind vorzüglich hervorstechende Eigenschaften. Er scheint vorurteilsfrei und in hohem Grade wohlmeinend; sprichst sich als persönlich durch Vicky sehr angezogen aus. Daß sie nichts einzuwenden haben wird, halte i chfür wahrscheinlich." Am 29. September schrieb Prinz Albert an den Baron v. Stockmar: „. . , Victoria (die Königin) ist unendlich ausgeregt, doch alles geht smoothlh und vorsichtig. Ter Prinz ist wirklich verliebt, und die Kleine strengt sich an zu gefallen. . . . Uebermorgen reist der junge Herr ab. Heute haben wir die Antwort aus Koblenz erhalten, wo man entzückt ist, dem Könige die Mitteilung auf dem Stolzenfels gemacht hat, die von ihm mit herzlicher Freude begrüßt worden sein soll. Man ist mit Aufschub der Verlobung bis nach Konfirmation und Hochzeit bis narch dem 17. Geburtstage ganz einverstanden . . . ." — Indessen laßt sich einer solchen Neigung schwer gebieten, und die Absicht, vor der Prinzeß alles geheim zu halten, erwies sich als unausführbar. Was sich an demselben Tage noch zutrug, wird in den „Blättern aus dem Tagebuche" der Königin Viktoria wie folgt erzählt: „29. September 1855. Heute hat sich unsere geliebte Viktoria mit dem Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, der seit dem 14. bei uns ist, verlobt. Schon am 20. hat er uns sein Anliegen mitgeteilt, aber um ihrer großen Jugend willen waren wir zweifelhaft, ob er jetzt mit ihr reden, oder bis zu seiner Wiederkehr warten sollte, entschlossen uns aber doch zu ersterem. Ms wir nun heute nachmittag den Craig-na-Ban hinaufritten, brach er einen Zweig weißer Haideblumen (der Glück bedeutet), gab ihr diesen und knüpfte daran auf dem Heimege, den Glench-Girnoch hinab, Andeutungen seiner Hoffnungen undWünsche, die dann alsbald glücklich in Erfüllung gingen/s In dem folgenden Briefe an seinen Freund, den Baron v. Stockmar, fährt der Prinz mit der Erzählung der Geschichte der Verlobung fort: „Balmoral, 2. Oktober 1855. Der Prinz Friedrich Wilhelm hat uns gestern wieder verlassen. Bicky hat sich wirklich ganz vortrefflich benommen, sowohl bei der näheren Erklärung am Sonnabend, als in ihrer Selbstbeherrschung seitdem und beim Abschied. Sie zeigte gegen Fritz und un» bte allerkindlichste Aufrichtigkeit und da» schönste Gefühl. , Tie jungen Leute sind heftig in einander verliebt, und die Reinheit, Unschuld und Uneigennützigkeit des jungen Mannes ist auf der anderen Seite gleich rührend gewesen. Der Tränen flössen gar viele . . . Diese Zeilen haben eigentlich nur den Zweck gehabt, den Brief Bickys an Sie einzuschließen, in dem das Kind seine eigenen Gefühle entwickelt." Die Proklamation der Verlobung fand erst nach achtzehn Monaten, am 16. Mai 1857e statt. . . Gesundheitspflege. — Skrofeln und Englische Krankheit gehören zu den häufigsten Kinderkrankheiten und doch sind über sie vielfach unzutreffende Anschauungen im Volke verbreitet, die auch leider noch durch unwissende Kurpfuscher aller Art groß gezogen werden. Wir halten es daher für angebracht, unsere Leser auf ein Buch „Skrofeln und Englische Krankheit" von Dr. med. Paul Kraemer, prakt. Arzt (Berlin SW. 11, Deutscher Verlag, Preis Mk. 1.25), hin zu- weisen, das eine möglichst vollständige, toenn auch kurze Schilderung der genannten Krankheiten enthält. Manche Mutter wird durch die darin enthaltene Belehrung von ihren Sorgen um den kleinen! Liebling befreit werden, da die meisten skrofulösen und rachitischen Kinder bei richtiger Behandlung wieder gesund werden und zu tüchtigen Männern und Frauen heranwachsen. Rösselsprung. (Nachdruck verboten). Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.t W a n d e r l u st. st- wiegt im ten e§ plan den schön sich tat tanz fin die spie rinnt sal leuch in du len kind gen cl be scheu die den den tanze da chen und abend er zum wirst zwei ge deckt se heim bü den die mit leicht des bi chen win fchö auf de stl uns ne§ bleib jo freu ha ne mon gläu glanze den würm das der wir wo bet Han Redaktion: 21 u a u ft Goek. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'lcben Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.