1904. 5g isTJalW A W K rrri (Nachdruck verboten.) Irüßlingsstürme. Roman von Paul Oskar Höcker. (Fortsetzung.) Schweigend ging die Fahrt Weiter. Je mehr sie sich dem Haff näherten, desto schärfer pfiff der Wind über ihren Köpfen von Ufer zu Ufer. Sie waren, von der Strömung getrieben, in den Kanal gelangt, an dessen Mündung Keme- neits Fischerhäuschen stand. Die Dämme und Teiche zeigten hier schon das saftige Grün eines fruchtbaren Wiesenbodens. Sonntägliche Stille lag über dem ganzen Land. Nur in den Lüsten droben und auf dem Haff draußen kämpften unsichtbare Gewalten. Sie lehnte sich endlich, schon halb gefaßt, zurück und blickte zum blauen Himmel empor, den jagenden, großen Windwolken folgend. Die Sonne schien ihr aufs Haar; sie ließ ihre losen, in der bewegten Luft flatternden Löckchen vorn an der Stirn fast golden aussehen. Der Schatten ihrer Wimpern verlieh ihren Augen einen breiten dunklen Rand, der ihrem Ausdruck etwas Sehnsüchtiges, Verzehrendverlangendes gab. „Wb liegt das Gute, das Große und Rechte?" fragte sie leise, tiefatmend, aber die Lippen kaum bewegend. „Liegt es bei der alten Pflicht und beim Mitleid? Oder beim neuen Hoffen? — Ich weiß es boti) nicht, ach mein Gott, ich weiß es doch nicht. " Zupitza sah ihr voll ins Auge. „Du weißt auch nicht, welches Gefühl das stärkere in Dir ist, das Mitleid mit ihm oder unsere Liebe?" „O, das weiß ich", sagte sie mit einem schmerzlichen, sehnsüchtigen Lächeln. „Aber — ich fürchte mich doch, es mir einzugestehen." „Du mattes, liebes, wundes Seelchen Du." Er umfaßte ihren Kopf und zog sie wieder an sich Schluchzend hing sie an ihm, zum Teil ruhend auf seinen Knieen. Seine Küsse, seine Zärtlichkeit, sein warmer, inniger Trost zauberten endlich wieder Sonne auf ihr Antlitz. Auch die frohbewegte, festliche Stimmung in der Natur, das laugeutbehrte, Helle Frühlingslicht, das fröhlich auf dem Wasser tanzte, die erfrischende Fahrt in der immer flotter werdenden Strömung entrissen sie der Versenkung in trübe Erinnerungen. „Sag' mir immerzu, daß id) noch ein Recht auf Glück habe", hauchte sie Mund an Mund mit ihm, die Augen schließend, als wollte sie aus der realen Welt in die der Träume flüchten, „sag' mir's immerzu. Liebster!" * Als sie eine Stunde später, von der Mehrzahl der Familienmitglieder geleitet, dem Kdmeneitschen Haus den Rücken wandten, war's noch nicht zwölf Uhr. Vor zwei Uhr verließen die Gäste Sakuthen nicht, dann schliefen Dieter und Alex, sie konnte also noch ein paar Stunden des sonnenhellen Frühlingstages genießen, ohne fürchten zu müssen, daß man sie daheim vermißte. Von der weit hinausragenden SteirMole. gegen die der Weiße Gischt brandete, übersah man die große, tüchtig gepeitschte Wasserfläche des Haffs, auf der die kurzen, wilden^ Weißen Schaumkämme in ewiger brausender Hast einander jagten. Vereinzelt schwankten Segel draußen vor dem Winde. Von Memel her näherte sich soeben der schmucke kleine Dampfer, der die sonntägliche Vergnügungsfahrt übers Haff machte. Beim Anblick des lustigen Marinebildes wandelte Zu- pitza plötzlich die Lust an, an der Fahrt übers sonnige, stür- nnsche Haff teilzunehmen. Ob Kemeneit flink sein Segelboot fertig machen und sie an Bord bringen wolle, wenn der Dampfer hier vorb eikam? Der Fischer war gerne bereit, aber Fränze hatte noch Skrupel zu überwinden, so mächtig es sie lockte. Zupitza rechnete ihr vor: man konnte um fünf oder vier Uhr wieder zurück sein. Kemeneit mußte nur zur bestimmten Stunde wieder draußen auf dem Haff die Rückkehr des Dampfers abpassen. Und dann beschleunigte man eben die Heimfahrt. Der Wind fuhr ihr in die Haare und die Kleiber, überrieselte ihre Haut, ber frische Seegeruch umwogte sie — es lag etwas so Kampffrohes, Herausforderndes in dep lichterfüllten Seestimmung. Wie sie sich banach sehnte, sich in den Sturm da draußen zu ito eigen, ein Einziges Mal wenigstens sich frei zu machen von allen Fesseln des Alltags, sich nur dem seligen Feiertagsglück ihrer jungen Liebe hinzu- geben. Kaum zehu Minuten später schaukelten sie schon ein paar hundert Meter weit vor der Küste auf dem Boot des Fischers. Die Wogen gingen nicht hoch, aber es lag eine große Wucht in den kurzen Stößen. Mehrmals schüttete der Wind eine Welle Gischt über Bord. Fränze empfand diesmal keine Angst. Das Schaukeln des Fahrzeugs, der Wind, der am Segel riß und zerrte, die Frische des Wassers, das Blenden der Sonne — das rief heute eher ihren Jubel hervor. Als sie aber die vielen neugierigen Gesichter sah, diö sich über Deck des Dampfers beugten, um sie zu mustern,, während sie angeVootet wurden, durchzuckte sie ein leichte» Schreck. Wenn sie nun auf dem Schiffe Bekannte trafen? Zupitza dachte nicht an diese Gefahr. An Deck des Dampfers angelangt, wanderte er fröhliche und sorglos neben ihr auf und nieder. Die Mitreisenden, meist Angehörige eines großen Turnerbundes, die zu einem Gaufest nach Nidden fuhren — existierten überhaupt nicht für ihn. Er hatte seinen Arm in den von Fränze gelegt, erzählte ihr und brachte sie allmählich wieder zu so herzlichem Lachen! daß man sie öfters erstaunt musterte. Schließliche führ« er sie in die Deckkajüte, wo W allein waren, weil bi( Turner sich unter der Kommandobrücke versammelten, uti — 354 — unter der Begleitung von Blechmusik ein paar Marschlieder im Chore zu singen. Hier nahmen sie nun ungestört und in fröhlicher Festtagsstimmung ihr Frühstück und amüsierten sich über die zweifelhafte Tafelmusik, namentlich über ein paar schmelzreiche Tenöre, die sich in der Begeisterung niemals rechtzeitig von den hohen Tönen trennen konnten. Als sie mitten im Tafeln waren, kam der Schiffskassierer, um ihnen die Billete zu verkaufen. „Ja, wohin wollen wir denn eigentlich, Franze?" fragte er. Sie wußte es natürlich auch nicht. Das Schiss hielt auf der Hin- und Rückfahrt vor mehreren Dörfern der Nehrung. Die Aussicht, daß man irgend wo landen und ein Stündchen würde wandern können, entzückte sie. Die nächste Gelegenheit, die Fahrt zu unterbrechen, bot sich in Zaraningken: Tie Dampfpfeife gab soeben schon das Ankunftszeichen, gleich darauf setzte sich die Schiffsglocke in Bewegung, das Schiff stoppte, und das Fischerboot kam zum Abbooten längsseits an den Dampfer. Flink waren sie auf der Treppe und im Boote und ein Viertelstündchen später in dem kleinen kurischen Fischernest, das sie vom vorigen Sommer her kannten. Sie hielten sich im Ort selbst nicht auf. Es rängte sie, all die Stellen vom letzten Mal wieder aufzufinden. Sie tauschten viele Erinnerungen an den Tag aus — und sie freuten sich beide, daß sie auch das Unwesentliche noch behalten hatten, soweit es mit der Person des andern in Verbindung stand. „Ich glaube, ich hab' Dich damals schon sehr, sehr lieb gehabt, Fränze", sagte er. „Damals kanntest Du mich ja noch gar nicht." „Doch. Ich ahnte schon. Im Ernst, Fränze." „Ich hab' Dich anfangs bloß gefürchtet", sagte sie. „Gefürchtet?" „Ja. Ich sah eine Gefahr — so ganz im Dunkeln ünd in der Ferne. Und davor bangte mir." Alles Trübe und Grämliche versank aber mehr und mehr. Der Sonntagsfriede, der hier herrschte, wirkte heilend auf ihr wundes Gemüt. Diesseits der hohen, zum Teil dicht bewaldeten Dünen war vom Wind nichts zu spüren. Es herrschte hier eine verträumte Stille. Nur, wenn man aufs Haff zurücksah, merkte man, ba-$ dort unten Wasser und Luft noch in wildem Ringen begriffen waren. In der Ferne entschwand der Dampfer. Sie hatten ihm von der Düne aus noch lange zugesehen. Nun kam die Freude über ihr Alleinsein erst richtig zum Durchbruch. Auch Fränze gab sich völlig dem Glück, dem Zauber der Stunde hin, ja, ein junger prächtiger Uebermut teilte sich ihrem Wesen mit, während sie die Dünen erkletterten. Eine Strecke weit waren sie Hand in Hand gewandert, plötzlich riß sie sich los und eilte ihm" voraus. In den zerrissenen Schluchten, die über und über mit fußhohem Erikagestrüpp bedeckt waren, zwischen den wild verästelten Kiefern fand er sie nicht sogleich, er ries, sie antwortete hell und lustig, wechselte aber wieder ihre Stelle. ; Auf dem Kamm oben erhaschte er sie. Nun wollte er sie nicht mehr aus seinen Armen lassen. Aber ein neuer Jubel erfüllte sie da plötzlich : man sah von hier oben aus das Meer! Und man sah es nicht nur, man hörte es auch — und man fühlte seinen starken Atem. Zn langen schrägen Wolken peitschte der Sturm die See vor sich her. An einzelnen Felsstucken, die dem Strand vorgelagert waren, spritzte der Gischt hoch aus. Es pfiff und brauste auch über ihren Köpfen in den Bäumen . hier oben. Man war in wenigen Minuten aus der idyllischen Ruhe in den richtigen Sturm geraten. . Fränze hob die Arme und ließ sich von der kalten Luft durchrütteln. Dabei sang sie ein paar jauchzende Töne. „Wie schön Du bist, Fränze! Wie jung!" rief er ganz hingerissen. Es war ihr ein Bedürfnis, immer lauter zu singen, zu jubeln, und dazwischen tief die Luft einzusaugen. So ähnlich hatte er sie schon einmal gesehen, an Bord des Schiffes damals auf dem Haff. Aber damals lag in ihrem Wesen nur die Sehnsucht — heute schien es die Er- süllung, oas Glück selber, das ihre Brust schier sprengen wollte. Was sie sang, war ihm fremd, aber es packte ihn mehr und mehr. „Was ist das, was Du singst, Fränze?" fragte er, als sie, etwas atemlos geworden, abbrach, nur noch summte, ohne Worte auszusprechen. Sie sah ihn strahlend an. „Kennst Du's nicht? Es ist von Wagner. Aus dem Tristan." „Woher hast Du das? Du hast es doch früher nicht gesungen." „In Insterburg spielte es einmal die Militärkapelle vor dem Haus. Sie brachten da irgend wem ein Ständchen. Da kaufte ich mir dann das Textbuch. Seitdem hat mich's nicht mehr losgelassen." „Ja — es liegt so etwas Aufwühlendes darin, eine so fchmerzlich-süße Wollust. . ." Sie sang es noch einmal. Er konnte sich nicht satt hören. Und mußte sie dabei immerzu ansehen. Er wußte, so sieghaft schön wie in dieser Stunde war sie noch nie gewesen — und nie wieder würde sie die gleiche Jugend und Reife und Frische und ebensoviel Glück ausstrahlen wie jetzt. Das war vielleicht der Höhepunkt ihres Lebens. „. . . . Heller schallend, mich umwallend, Sind es Wellen sanfter Lüfte? Sind es Wolken wonniger Düfte? Wie sie schwellen, mich umrauschen, Soll ich atmen, soll ich lauschen? Soll ich schlürfen, untertauchen, Soll in Düften mich verhauchen?" Als sie endete, das Haupt erhoben, wie seherisch, ganz entrückt dem Meere zugewandt, riß er sie stürmisch an sich. Ihre Brust wogte noch erregt, sie war atemlos, er fühlte ihr Herz schlagen. Sie hörten in ihrem langen Kusse auf das Brausen des Sturmes — und zugleich klangen die fremden, phantastischen Harmonieen, die sehnsuchtsvollen Mclo- dieen, mit denen Wagners Isolde sich in den Tod singt, in ihnen nach. Es war ein einziger Akkord, ein jubelnder, sehnsüchtiger, rauschender, berauschender Akkord. Und da hinein mischten sich endlich ihre Worte, Liebesworte, trunken hingehaucht unter Küssen, mehr empfunden als gesprochen. Fränze weinte vor Glück und Rührung und Seligkeit. Sie saßen nun in inniger Umschlingung nebeneinander, umwogt von blühendem, duftendem Heidekraut — tief unter ihnen das blaue, weißbrandende Meer, über ihnen der im Sturm singende Wald. Mund an Mund ruhten fie und malten sich die Zukunft aus: Hochzeit und Ehe und Liebesglück — und neues Leben, das Fränze die Erfüllung des wundersamen großen Mysteriums bringen sollte. . . . Ja, es mochte der Welt grausam erscheinen, daß sie den Sterbenden andern Pflegern überlassen wollte. Aber war es nicht größer, ehrlich zu bekennen, was das Herz bewegte, und vom Schicksal frei und entschlossen das Glück zu fordern, als in der Verborgenheit zu sündigen, mit ihrer Liebe feig das Licht zu scheuen? Oder konnte sie jetzt noch schweigen und warten, unzählige Tage auf das barmherzige Ende warten, Sehnsucht im Herzen, die dann wie ein Frevel an ihrem Stolz ° Jetzt hatte das Schicksal sie vor die letzte Wahl gestellt, und es gab für sie nur eine Lösung. „Ich werde Dieter alles sagen", flüsterte Fränze endlich in tiefer Ergriffenheit. „Wie es kam — und wie es geworden ist — und was ich vom Leben noch will, noch fordern muß. Und er wird mich freigeben. Ja, das weiß ich, er wird mich freigeben. Weil er mich liebt — und weil er mich nicht wird untergehen lassen wollen." Eine festliche, starke Siegesgewißheit überkam sie danach beide. Sie wanderten auf der Düne weiter. Immer wieder blieben sie stehen und wandten sich der brausenden See zu. „Weißt Du noch", fragte er sie, „wie Du Dich damals' sehntest, einmal einen großen Sturm zu erleben?" Sie nickte lächelnd. „Damals, glaubte ich, es gäbe nur weit da draußen in der Welt die großen Stürme, die mit Menschenschicksalen spielen. Aber nun hat er mich hier an unserer einsamen Küste gepackt. — Ach, Liebster, ein Frühlingssturm, ein wilder, wonniger Frühlingssturm." Er hob sie mit beiden Armen hoch empor — und sie jubelten und jauchzten dem Winde zu, der vom aufgepeitsch- ten Meere her sie umbrauste. (Forts, folgt.) V- 855 — Mauderelen aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verboten.) Sauregurkenzeit. — Kongreßfrauentugenden. — Kognac Meunier. Andere Polizeipflichten. — Die „Sauregurkenzeit" läßt diesmal an Ereignissen für Berlin nichts zu wünschen übrig. Bei der Invasion der Frauen und Mädchen in die Metropole an der Spree taucht unter den reifen, gelehrten, zum Teil silbern- haarigen Vertreterinnen der modernen Frauenbewegung auch manch junges, süßes Angesicht auf, bei dessen Anblick man sich unwillkürlich die uaralte Frage vorlegt, wie Saul auch unter die Propheten kommt. Mer es ist ungeheuer gefährlich, sich dieser imponierenden Majorität .gegenüber auf die Bank der Spötter zu setzen; denn sie nehmen ihre Sache verteufelt ernsthaft, schwänzen keine Sitzung, bummeln nicht durch die Kneipen und sehen am andern Morgen niemals verkatert aus. Höchstens, daß man hier und da einmal eine graziös zwischen den Lippen gehaltene Zigarette verpaffen sieht, was mich immer an die forschen Kädetten von Lichterfelde, die ihren Sonntag Nachmittag in Berlin verschweigen, erinnert. Schon an dieser geistigen Arbeitsfreude und materiellen Enthaltsamkeit sollten sich die Herren der Schöpfung ein Beispiel nehmen, die noch von jedem Kongreß mit einem total verdorbenen Magen und nur sehr dunklen Erinnerungen an die dort gehaltenen Vorträge heimzukehren pflegen. Eine Gerichtsverhandlung gegen die Firma Arnold, Meunier u. Co., deren Inhaber einen echt französischen Kognak unter dem vertrauenerweckenden Namen „Meunier" zu verdächtig niedrigen Preisen in die Welt sandte, fesselte dieser Tage die Berliner sehr. Der Teilhaber, der dieses Namens wegen eingesprunaen und alsbald wieder ausgetreten war, hatte außer seinem Prachtnamen nichts mit Frankreich zu tun, entpuppte sich als ein ehrbarer, mit Spreewasser getaufter Sattlermeister. Und die Niederlassung der Firma in Kognak, Rue de Bellefond 18 B, das sogenannte „Mutterhaus", war nichts weiter als eine Art Atrappe, um die Gimpel desto sicherer auf den Seim locken zu können. In Wirklichkeit befand sich in der Niederlage und dem Korrespondenzbureau für Deutschland Berlin S 42, Buckowerstr. 7 zugleich auch der Hexenkessel, in dem der echt französische em-, zwei- und dreisternige Meunier zurechtgemacht wurde. Natürlich hat sich der Richter diese Hexenküche gekauft; aber er hat doch nur ein paar von der großen Gilde erwischt, die aus diesem mächtigen, schlecht kontrollierbaren Gebiete jahraus, jahrein ihr Unwesen treiben. Denn die billigen französischen Kognaks mit den so echt klingenden Namen sind in gewissen Berliner Schaufenstern typisch. Und wenn all diese Ge- legenheitskäuse auf einer reellen Basis beruhen sollten, so müßte das kleine Cognac eine große Weltstadt sein und Haus bei Haus fallierte Kognak-Brennereien aufweisen. Aber, wie gesagt: es ist schwer, auf diesem Gebiete Wandel zu schaffen, und unsere Polizei hat wahrlich wichtigeres zu tun, als die Alkoholiker vor Ueberteuerung zu schützen. Löst doch in diesen Tagen ein grausiges Verbrechen das andere ab, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, die verrohten Urheber dieser schändlichen Greuel- taten zu entdecken. Der Lustmord, der an der neunjährigen Lucie Berlin verübt worden ist, just in den Tagen, wo die Frauen aller Länder sich bei uns versammelt haben, um ihre Stellung auch zu den Fragen dieses trostlosen Gebietes zu präzisieren, läßt aufs neue all die Alarmrufe laut werden, die alljährlich so eindringlich von der Behörde, der Schule und der Presse hineinschallen in die Fanrilien unserer Milliouenbevölkerung. Aber so oft auch die alte Mahnung wiederholt wird: Warnt Eure Kinder! Pflanzt ein starkes Mißtrauen gegen jeden Fremden in sie, der sich rnit ihnen zu tun machen will! Laßt sie nicht ohne Aufsicht aus die Straße! usw. usw.: die schrecklichen Fälle kehren immer wieder! Und ernsthafte Pädagogen überlegen sich schweren Herzens die Frage, ob man dieser abscheulichen Bestialität gegenüber nicht die Pflicht hat, allenthalben Andeutungen der armen bedrohten Jugend gegenüber ein Ende zu machen und ihnen die ganze furchtbare Größe der Gefahr zu zeigen, in die sie sich begeben, wenn sie den harmlos scheinenden Lockungen der vertierten Bösewichter Folge leisten. Auch das ist ein Gebiet, auf dem wir noch tief im dunklen tappen, und alle Rosendüfte dieses herrlichen Rosenmonds vermögen nicht, uns über das Entsetzen hinwegzuhelfen, das diese furchtbare Entartung des heiligsten aller Naturtriebe in unseren Herzen ausgelöst hat! A. R. Kine Urotestversarnmlung. Im „B. B. C." veröffentlicht „B. I." folgenden Scherz: Wie wir erfahren, hat in der Nacht zum Samstag in den „Arminhallen" eine „Berliner Männerstimmrecht- Konferenz" stattgefunden. Die Einladung hierzu war nicht öffentlich erfolgt, und die Versammlung tagte hinter verschlossenen Türen ganz insgeheim. Männern von vertrauenerweckendem Aeußeren — ich gehöre zu dieser Kategorie — wurden schon seit einigen Tagen auf den Straßen Berlins diskret Zettel in die Hand gedrückt, die folgende Inschrift hatten: „Pst! Achtung! Für Ehemänner!! Hochgeehrter Leidensgenosse! Bitte, kommen Sie Freitag, den 10. Juni, abends elf Uhr, nach • den „Arminhallen", Kommandantenstraße Nr. 20. Sie werden dort beherzte Männer finden, die fest entschlossen sind, unwürdige Ketten zu brechen. Auf einer „Berliner Männerstimm- recht-Konserenz" wollen wir uns endlich einmal gründlich gegenseitig das Herz ausschütten. Suchen Sie, bitte, Ihrer Alten den Hausschlüssel abzuluchsen! Um strengste Verschwiegenheit ersucht X. U. Z., Oberlehrer, „Einberuser". Es war zehn Minuten nach elf, als ein bebrillter, langaufgeschossener, schmächttger Herr, kahl wie eine Billardkugel, mit spitzen Ellenbogen, die in einem Gedränge den Nebenmann sicherlich tödlich verletzt hätten, auf der Empore des Saales austauchte, vier Gläser Wasser trank, zwei Pfefferminzplätzchen verschluckte, sich nervös in den struppigen Bart griff und dann auf das Rednerpult zuschritt. Offenbar war das der „Einberuser", der Oberlehrer X. H. Z. Er klingelte und sagte: „Ich eröffne hiermit die Versammlung, stelle mich Ihnen als Einberuser vor, heiße Sie herzlich willkommen, meine Herren, und gebe der Freude darüber Ausdruck, daß die meisten von Ihnen so zahlreich erschienen sind! Trotz meiner Kurzsichtigkeit sehe ich, daß sich in diesem Saale die verschiedensten Jahrgänge, „der Jüngling, wie der Greis am Stabe" und alle Berufsklassen einmütig zusammengefunden haben! Dessen ist mein Herz von Genugtuung voll! Gestatten Sie zunächst, daß ich aus meinem Inkognito hcraustrete. Ich bin der Oberlehrer Theobald Müller! (Zuruf: „Müller is ooch Inkognito!") Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen, da ich hochgradig nervös bin, und ein sehr schwaches Organ habe! . . . „Meine Herren, mit der Löwen- Stimme Dantons im Pariser Konvent rufe ich Ihnen zu: „Schließen wir uns zu einer unerschütterlichen Phalanx w sammen!" Der Redner trank zwei Glas Wasser, schluckte vier Pfefferminzplätzchen und fuhr fort: „In unseren Mauern hat die „Internationale Frauenstimmrecht-Konferenz" getagt (Rufe: „Pfui!", „Unerhört!!") und einen Weltbund gegründet! (Zuruf: „Olle Kaffee-Schwestern!" Großes Gelächter.) Wo bleibt da die Geltung des schönen Wortes: „Mulier taceat in ecclesia?!" (Zuruf: „Quasseln Se nid) jriechisch!") Wäre es nicht weit mehr am Platze, daß man uns mit einem Weibe in gesetzlicher, ehelicher Gemeinschaft Lebenden endlich einmal zum M ä n n er st im m r e ch t verhilft? (Tosender Beifall.) Meine Herren, zu Hause gilt meine Stimme gar nichts. Unser Dienstmädchen darf nicht einmal sagen: „Der Herr möchte sein Frühstück haben!" sondern: „Er will schon wieder 'mal essen!" (Großer Entrüstungslärm.) Sogar die von mir korrigierten deutschen Auffätze meiner Obertertianer muß ich meiner Gattin vorlegen! (Zurus: „Den Jenuß jönne ick ihr!") Wo bleibt da die Ma .neswürde? (Zuruf: „Die rutscht in de Versenkung!") Ich schließe mit den Worten unseres hoch verehrten Schiller, geboren 10. November 1759, gestorben 9. Mai 1805: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen noch Gefahr!" Der Redner wird ohnmächtig und von allen Seiten beglückwünscht !! Hierauf nahm das Wort Herr Hausierer Gustav Zippel- meyer. Er sagte: „Meine Herren! Als Hausierer bin ick, Jott sei Dank, fast den janzen Dag außer'n Hanse! Wenn ick denn nu 'n bisken ussjefrischt nachts ans de Kneipe komme, denn holt meine Olle aber allens nach! Det Luder hat eenen Zungenschlag — dajejen is selbst Bülow „Der Stumme von Portici!" Wenn ick nischt antworte, sengt se an, det janze Porzlanjeschirr uff meinen Kopp zu zertöppern! Antworte ick aber, so haut se mit'n Besen! (Zuruf: „Das lassen Sie sich gefallen?") Wat soll ick machen? Meine Frau war frieher Ricscu-Däme in de tzasenhaide! Ick winschte, se weer' in Port Arthur un de Japaner hetten ihr jestirmt!" (Großes Gelächter.) Der nächste Redner war Herr Apotheker Ricinarius. Er sagte: „Meine Herren! Kaum sind wir die „Jnternattonale Frauen- sttmmrecht-Konferenz" los und schon rückt uns der „Inter- 356 nationale Frauen-Kongreß" auf den Hals. Seine Vertreterinnen repräsentieren sieben Millionen organisierte Frauen!! Wissen Sie, was uns nun nur uoch fehlt? Ein Internationaler Schwiegermütter-Kongreß! (Die Versammlung schüttelt sich vor Entsetzen.) Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen auf das Wärmste meine „Antischwiegermutter-Pastillen" empfehlen! Wenn Sie einer solchen würdigen Dame drei von bett Pastillen beibringen, so" — (Zuruf: „Js se dodt!?") Das gerade nicht, aber sie wird so heiser, daß sie drei Wochen lang keinen Ton aus dem Halse kriegt!" (Die Versammlung bringt dem Redner begeisterte Ovationen. Von allen Seiten laufen en gros - Bestellungen bei ihm ein.) Nachdem noch ein in der Versammlung anwesender Rechtsanwalt erklärt hatte, daß er Scheidungsprozesse „der guten Sache wegen zu bedeutend herabgesetzten Preisen" führen werde, nahm wieder Herr Oberlehrer Theobald Müller das Wort. Er sagte: „Meine Herren! Ich konstatiere mit großer Befriedigung, daß wir Fühlung gewonnen haben! Das ist der erste Schritt zu dem großen Werk der Befreiung, das wir vollenden müssen! Mir sind deutsche Männer! Wir tagen in den „Arminhallen". lieber uns kommt der heilige Zorn und die Bärenkraft, mit der einst der blondgelockte Cheruskerfürst das römische Joch a b s ch ü t t e l t e" — (blickt auf seine Taschenuhr) „um Gottes willen, es ist schon ein Uhr! Meine Frau, die zu einer Gesellschaft gegangen ist, muß schon seit zwanzig Minuten zu Hause fern — ich schließe die Versamurlung!" . . . vermischter * Von Hochzeit sgeschenken . . . ______ lionen erzählt eine Londoner Wochenschrift: Die liebliche Braut des jetzigen Königs vonJtalien bekam zur Hochzeit vom Zaren und der Zarin einen herrlichen Brillantschmuck, der 2 Millionen Francs gekostet haben soll. Das Hochzeitsgeschenk der Prinzessin Henriette von Belgien und chres Gatten, des Duc de Bendöme, bestand aus so vielen Teilen und war so schwer, daß es in 150 Kisten verpackt wurde und 11 Tonnen wog. Ein sehr bemerkenswertes und kostbares königliches Geschenk erhielten auch der König und die Königin von Griechenland zur silbernen Hochzeit. Es war das gemeinsame Geschenk von acht nahen Verwandten, zu denen auch der König und die Königin von England gehörten, ein massives silbernes, reich mit Gold verziertes Tafelservice, das aus 796 Tellern und 131 Schüsseln bestand. Jedes Stück war mit dem Monogramnt des glücklichen Paares gezeichnet. Aber auch auf diesem Gebiete hat Amerika den „Rekord" aufgestellt. So erhielt z. B. Miß L o u i s a P i e r p o n t Morgan zu ihrer Hochzeit mit Mr. Satterlee von ihrem Vater eine Mitgift von 4 Millionen Mark, ein prächtiges Haus am Hudson, einen Haarschmuck, Kollier und Brustschmuck aus Diamanten im Werte von mindestens 7 Millionen Mark. Unter den anderen 400 Geschenken befanden sich Truhen mit silbernem und goldenem Geschirr, Juwelen von fabelhaftem Werte, alte Teppiche, kostbare Gemälde und Antiquitäten, nach denen man ganz Europa durchstöbert hatte. .Die Hochzeit selbst kostete 700000 Mark: für die Blumen zur Kirchendekoration wurden 50 000 Mark aus- gegeben. Die Brautausstattung kostete 200 000 Mark, das Hochzeitskleid allein 20 000 Mark. .Die 2500 Gäste besaßen zusammen ein Vermögen von über 4' Billionen Mark. Zum Empfang und Unterhaltung der Gäste wurde Morgans Haus, Madison Square, in einen wirklichen „Wunderpalast Alabins" verwandelt. Die Teppiche zum Schmuck der Wände waren allein 2 Millionen Mark wert. Aber selbst die Kleinodien der Miß Morgan müssen dem blendenden Glanze der herrlichen Juwelen weichen, mit denen Mr. D'Arcy seine Braut, Miß Nutting, vor einigen Jahren überschüttete. In dem prächtigen Schmuck- kasten, der wlbst einer orientalischen Königstochter als Brautgabe genügt hätte, lagen ein Halsband aus 400 Perlen von * Vom Bau derJungsraubahn. In wenigen Tagen wird die Bohrung des Eigertunnels der Jungfraubahn auf der Höhe von 3000 Meter über dem Meere angelangt sein. Wie man vernimmt, haben sich die Befürchtungen, die man zuerst für die Gesundheit der Arbeiter in solchen Höhen hatte, als grundlos erwiesen. Die Bergkrankheit wird ja, wie man längst weiß, durch die Anpassung an die höheren Luftschichten bald überwunden. Nach Verlauf von sechs Monaten glaubt man, werde der Ausgang des Eigertunnels auf der Südseite oberhalb der Berglihütte erreicht sein. Diese Station wird 3300 Meter über dem Meere liegen. Die Arbeiten an der Jungfraubahn wurden auch während des Winters fortgesetzt. Damit erbringen die Unternehmer neuerdings den Beweis, daß sie ernst machen und das Unternehmen zu Ende führen. Man hat zuerst über den Plan der Jungfraubahn vielfach gelacht und der Tob seines Urhebers, Guher-Zellers, hat einmal die Weiterführung sehr gefährdet erscheinen lassen. Die Anziehungskraft der im Vorjahre eröffneten Station Eigerwand hat indes das Unternehmen wieder bedeutend gehoben, sodaß die Wetterführung dieses technischen Wunders kaum mehr in Frage gestellt sein dürfte. m Werte von Mil - erlesenster Farbe und Form, eine Kette und Ohrringe aus Brillanten und Türkisen, ein Diamantarmband mit Hcrabhängen- öer, gleichfalls mit Diamanten besetzter Uhr, usw. Nicht minder reich bedacht war Miß Helen Mc Laughlin, die Braut des Dr. Carroll. Sie bekam so viele und so wertvolle Geschenke, daß ihr Vater ein großes, einbruchssicheres Gewölbe zur Bewachung derselben errichten ließ. Vier große Wagen wurden zum Transport gebraucht, und eine Polizeiwache begleitete die Kostbarkeiten durch die Straßen. Unter diesen Hunderten von Geschenken befanden sich: ein Taselservice aus purem Golde, ein Halsband aus fast unvergleichlich schönen Brillanten, von denen jeder 91/2 Karat wog, 400 der seltensten und wertvollsten Vasen, Bilder und Statuen, aus allen Teilen der Welt zusammen- gesuchte Raritäten. Kleine praktische Ratschläge. iS Ungesunde Zimmerwärme. Wer die Zimmerwärme über 15 Gr. R. erhöht, wird bald bemerken, daß sein Wärmebedürfnis sich stets steigert, und werden ihm bald 17, ja 20 Gr. nicht mehr genügen. Der Grund ist folgender: Bei andauernd starkem Heizen trocknen die Wände, sowie die im Zimmer befindlichen Gegenstände aus. Je mehr sie die Feuchtigkeit verlieren, umsomehr saugt die trockene Luft die Feuchtigkeit da auf, wo sie dieselbe fast nur noch allein findet, nämlich beim Menschen. Die unmerkliche Ausdünstung der Haut und der Lunge wird gesteigert. Da nun die Verdunstung von Feuchtigkeit uns viel Wärme entzieht, so wird durch die gesteigerte Ofenwärme allmählich auch das Wärmebedürfnis gesteigert. Der Ofen erscheint uns dann als der beste Freund, ist aber in Wirklichkeit unser ärgster Feind, denn in der erhöhten Zimmerwärme dunsten auch alle anderen Gegenstände mehr aus, und die Lust wird verschlechtert. In der warmen Luft atmen wir unser notwendigstes Lebensbedürfnis, den Sauerstoff, weniger ein, der Stoffwechsel wird langsamer und geringer, der Appetit mindert sich, es tritt mürrische Stimmung ein, der Schlaf wird kurz und unruhig, alle Verrichtungen lassen zu wünschen übrig. Da haben wir das betrübende Bild der meisten Menschen im Winter. Nur diejenigen, welche ihrem Ofen niemals gestatten, die Luft über 15 Gr. zu erwärmen, sind diesem Leiden nicht ausgesetzt. hr. Die Buttermilch in der Säuglingsernährung. Die Buttermilch ist eine Milch, der das Fett bis auf einen kleinen Rest entzogen und deren Milchzucker zum Teil in Milchsäure übergeführt ist. In Holland ist diese Milch zuerst zur Säuglingsernährung verwendet worden, und neuerdings wird sie auch in Deutschland vielfach ärztlich empfohlen. Um aber den Mangel an Fett auszugleichen, muß ihr Zucker und etwas Mehl zugefetzt werden. Prof. Edlefsen in Hamburg glaubt, daß eine derartig hergestellte Buttermilch für Säuglinge leichter verdaulich ist, als die mit Wasser oder anderen Flüssigkeiten verdünnte Voll- oder Fettmilch. Auch bei an Darmkatarrhen leidenden Kindern ist das Präparat vielfach mit Erfolg verwendet worden. Ihres billigen Preises wegen eignet sich die Buttermilch vorzüglich für die Kinder der ärmeren Klassen und kommt ihr daher eine große volkswirtschaftliche Bedeutung zu. Die Buttermilch kann im Haushalt täglich frisch durch kleine Buttermaschinen hergestellt werden. Dr. Rommel in München macht den Vorschlag, die Buttermilch in der Weise herzustellen, daß man frische Magermilch durch Säuerung zur Gerinnung bringt, dies geschieht durch Milchsäurebakterien in Reinkultur; dieses Präparat zeichnet e durch Sauberkeit aus; bei schwächlichen Kindern kann der hrwert der Buttermilch durch Rahmzusatz erhöht werden. In Holland hat man gefunden, daß bei Kindern nach langer Ernährung mit Buttermilch manchmal Knochenschwäche auftritt, zur ausschließlichen dauernden Ernährung der Säuglinge dürfte das Präparat daher nicht geeignet fein. —• Kitt für Risse in Kachelöfen. Gewöhnlicher Lehm ist für Risse in Oesen nicht geeignet, weil er immer wieder abspringt. Dagegen wird folgendes Gemisch recht fest und dauerhaft, wenn es am erkalteten Ofen in Anwendung kommt., Gute Holzasche und gestoßener Lehm werden durch ein feines Sieb getrieben, zu gleichen Teilen gemischt, mit etwas Salz versetzt un» mit Wasser angeknetet. Gleichung. Nachdruck verboten. 7s& + b + ’/2c + 8/4