Mittwoch de» 17. Ieöruar. HW l"WrSö MII $ W •liiiiii (Nachdruck verboten.) Wila Jalconieri. Von RtchardVoß. Zweiter Band. (Fortsetzung.) Ich bin krank, gemütsleidend, halb von Sinnen! Tenn nur, wenn ich! halb von Sinnen bin, ist zu erklären, was ich diese Nacht getan habe. Tie Hitze war erdrückend, der Mond schien hell und ich fand nirgends Ruhe. Bei ihr brannte wieder kein Licht! Ich- hielt es im Zimmer nicht aus, und verließ das Haus. Maria wachte und hatte noch Licht. Mein Weg führte dicht an ihrem Zimmer vorüber. Tie Fenster standen offen, so daß ufy beim Vorüberschleichen Wohl oder übel hineinschauen mußte. Angekleidet saß sie auf dem Rande des Bettes und blickte vor sich hin. Sie konnte mich nicht sehen; denn sie hielt ihren Kopf tief gesenkt. Auch merkte ich, daß ihre Arme schlaff her-- hingen. Ich war froh, daß sie mich nicht erblickte und mein Schleichen nicht hörte. Wenn sie gerade ihren Kopf er- ?wben hätte mit dem blassen stillen, so schönen und so rüh verwelkten Gesicht! Ich hatte es nicht beabsichtigt zu tun, hatte es getan, ohne überhaupt nur zu denken. Den Schlüssel zu der kleinen Pforte hatte ich zu mir gesteckt: mechanisch, willenlos, wie unter einem gewaltsamen Zwange. Ich ging durchs Löwentor in den Hof der Tenuta und in den Park hinein. Ich wollte zum Cypressenteich Ich ging den nämlichen Weg, den Maria in jener Mondscheinnachl gegangen war, als sie sich in den Teich stürzen ivollte. Sange Zeit hatte ich daran nicht mehr gedacht. Ich hatte es fast vergessen. . . Daß es mir gerade in dieser Nacht wieder einsallen mußte! Und wie sie damals den nämlichen Weg geschritten war! Ohne aufzublicken, mit solcher Ruhe, solcher Zuversicht, einem heißersehnten, endlich erreichten schönen Ziel entgegen. Und von diesem Ziel hatte ich sie zurückgehalten. Kein Wort hatte sie gesagt; sie hatte geweint. Auch jetzt würde sie schweigen. Aber jetzt würde sie nicht mehr weinen. . . Jetzt wollte ich mich selbst mit Gewalt zurückhalten. Ich wollte zurückeilen ins Haus, wo Maria so regungslos saß. Ich wollte ihr alles sagen, sie um Schutz bitten, um Mitleid. Plötzlich stand ich unten an der. kleinen Pforte und — ich schloß auf! Wie ein Dieb schlich ich hin: näher und näher, durch die Oliveta in den Garten, durch die Sarkophagallee zur Villa und zu der Stelle, wo sonst Nacht um Nacht ihr Licht gebrannt hatte. Hohe Hortensien deckten mich Ich sah im Mondschein die runden, weichen, blassen Blüten. Und darüber sah ich das Fenster weit offen stehen. Wenn sie nicht allein gewesen wäre — wenn ich das Flüstern der Liebenden gehört hätte, ihre Seufzer, ihre Küsse! Aber sie war allein. Sie trat ans Fenster. Sie stand regungslos da wie eine mondhelle Nebelgestalt. Gewiß erwartete sie den Jüngling. Was sollte ich tun, lvenn sie mich sehen würde? Ich konnte ja nur sagen, daß ich toll wäre. Aber die hohen Hortensienbüsche machten mich für sie unsichtbar. Plötzlich schien mir's, als wäre sie doch nicht allein; denn sie sprach, flüsterte. Ich stand so nahe, daß ich jedes Wort verstehen konnte. Mit angehaltenem Atem lauschte ich. Aber zuerst begriff ich nicht, was sie sprach Mit ihrer leisen, süßen Kinderstimme erzählte sie Märchen. Und sie erzählte sie sich ganz allein, wie ein Kind, das im Dunkeln sich fürchtet. Ich! weiß nicht, wie lange ich dastand. . . Sie ging dann vom Fenster fort, und endlich entfernte auch ich mich Ich schloß die Pforte vorsichtig zu, als ob damit alles hinter mir bleiben würde, und schlich mich durch die Oliveta zur Villa hinauf. Bei jedem Schritte sagte ich ganz laut: „Toll!" Mir kam es nur seltsam vor, daß ich es wußte und so ruhig aussprechen konnte. Marias Fenster war geschlossen. Trotzdem ging ich daran vorüber, als wäre es immer noch offen, als stünde Maria dort und müßte mich sehen, weil hier keine Hortensienbüsche mich deckten. In mein Zimmer zurückgekehrt, warf ich mich aufs Bett und schaute zum Bild der Frühlingsgöttin empor. Der Morgen graute, das holde Antlitz der Himmlischen sah in dem fahlen Tageslicht so blaß und hoffnungslos aus wie Marias Gesicht. * Der Marchese ist abgereist! Die Prinzessin fragte an, weshalb ich mich gar nicht mehr blicken ließe? Ich antwortete einige banale Worte und — werde nicht hinuntergehen. Ihr Billet hauchte ein Parfüm aus wie eine exotische Wunderblume. Ich konnte den Duft im Zimmer nicht ertragen. Maria ist unendlich milde, geduldig und gütig. Ich habe Visionen! * Fort und fort sehe ich einen schimmernden Nebelstreif; fort und fort höre ich eine leise, süße Stimme Märchieu erzählen. 102 Tie Prinzeß ließ mich bitten, mit ihr nach Castell Gandolfo zu reiten: sie wäre so allein und fühlte sich so einsam. Wiederum das Zauberwort! Und wiederum wirkte es! Ich werde also mit ihr reiten. * Welch ein Tag! ♦ Wir ritten — nur sie und ich — nach Tusculum hinaus; dann, an den Ruinen des Amphitheaters und der Pineta vorüber, die Gräberstraße hinunter. Zu beiden Seiten des mit riesigen Basaltblöcken gepflasterten Weges erhoben sich und Cypressen und wilden Blumen die zertrümmerten Denkmale der Toten mit aufgerissenen Grabkammern, noch Ehrfurcht gebietend in ihrer Zerstörung. Im Schritt neben einander hinreitend, zeigte ich ihr die Aschenurnen, die in den Felsenwänden ern- gemauert waren. Die eingesunkenen Grabstellen und zerbrochenen Inschriften, welche die Tugenden der Gestorbenen rührnten; und ein nie empfundenes glühendes brausendes Lebensgefühl durchströmte mich bei dem Anblick der lichter» Gestatt neben mir, von der aller Glanz des strahlenden Sommertags auszugehen schien. Wir gelangten in das Molaratal, welches den tus- culanischen Höhenzug von den Waldbergen des Cavo scheidet, und lenkten in dre alte Römerstraße, die linker Hand den» Volskergebirge zuführt, und die, von hohen Giusterbüschen umfaßt, für uns in eine goldene via triumphalis verwandelt war. Die Sonnenstrahlen brannten herab auf die Hügel von Thymian, Lavendel und Menthe. Wohlgerüche durchströmten die Lüfte, als wäre das wilde Tal ein ungeheures Weihrauchbecken zur Feier eines pantheistsichen Gottesdienstes entzündet. Und wie über unseren Häupten die Lerchen sangen! Jetzt gab ich meinem Pferde die Sporen. Das ihre folgte. Wir sprachen kein Wort mehr. Immer tiefer wurde die Einsamkeit.... In den hohen verbrannten Gräsern lagen Herden von Stieren und reckten aus dem braunen Laubwerk ihre silbergrauen, mächtig gehörnten Häupter empor. Die steilen Tufsfelsen hinan kletterten schwarze Schafe; in den Ruinen der antrken Villen weideten Ziegen, und auf kahlen Hügelrucken malte sich am strahlenden Horizont die Silhouette eines an seinem Stabe lehnenden schlanken Hirtenmaben. Und fort und fort um uns der Duft; fort urrd fort über uns der Lerchengesang! Das Tal breitete sich die Felsenpyramiden des Volskergebirges schoben sich vor. In dem Dunst des heißen Tages erschienen die Umrisse der schönen Berge wie von einem göttlichen Finger in die strahlende Luft gezeichnet; und die Städte Corci und Norba hingen an dem leuchtenden Gestein wie glanzvolle Götterburgen. Immer unweltlicher wurde ringsum die sommerliche Blütenpracht. Rosen durchxankten die Ginstermauern, weiße und blaue Winden umzogen die Schuttwälle der Ruinen, purpurbraune Krauseminze füllte die Gräben. Wir wichen von der Straße ab und jagten in die Steppe hinein. Felder mit rotem Mohn. Felder mit mattvio letten Steinnelken und Malven. Felder mit glühenden Feuerlilien, dazwischen hohe Stauden Rittersporns blauten. Ich sah und ernpfand nichts als die schimmernde Frau an meiner Seite. Und doch sah und fühlte ich die ganze Schöpfung. Es ward Mittag. Jede Blüte, jeder Halm strahlte. Ein ungeheuerliches feierliches Schweigen senkte sich mit den Gluten auf die >Erde herab. Der große Plan schlief! Und sie immer dicht neben mir.... Wir jagten, wir rasten dahin. Ich« vergaß mein grünes Haar, mein altes Herz, mein verfehltes Leben. Ich vergaß Maria, die ganze Welt. Ein Zauber hatte mich umsponnen und wieder jung gemacht. Ich dachte: ,Mso, so ist es! So fühlt der Mensch; wenn er jung ist.' Es war etwas wundersames! Jetzt wußte ich auch genau, daß ich recht gehabt hatte, denn noch niemals hatte ich geliebt. Weiter, weiter! Nur kein Aufenthalt. Nur keine dahin. (Fortsetzung folgt.) Minute verloren von diesem einzigen Tage des Daseins. Schon morgen waren sie wieder zurückgekrochen, das Alter und der seelische Tod. Jetzt sprengten wir auf schwarzen Wegen durch die Kastanienwälder von Rocca di Papa. Nach der grellen Helle umfing uns dunkle, schwüle Nacht. Ueber uns wölbten sich die Wipfel wie die Baumkronen eines Urwaldes, dem Auge den Anblick des Himmels verschließend, als wäre eine schwere Decke davorgezogen. Seltsame, schlanke, blasse Blumen leuchteten in der tiefen Dämmerung, und noch blühten zwischen den finsteren Stämmen die Asphodelen. Es war, als jagten wir durch ein Schattenreich. Weiter, weiter! Und wäre es hinein in den Tod! Plötzlich, lag er vor uns, uns dicht zu Füßen . . . Wer wir rissen die Pferde vom Rande des Abgrundes zurück. Eine Lichtung, ein Felsenvorsprung, unmrttelbär unter uns tödliche Klippen... Ein weites, tiefes, kreisrundes Becken, teils mit dichter dunkler Waldung bedeckt, teils von grauem Gestein starrend. Im Grunde eine stygisch schwarze, gespenstisch regungslose Flut — der Albaner See. Am jenseitigen steilen Rande, lang sich hrnstreckend, eine Stadt mit grauem, gekuppelten Palast: die alte Vapst- villa Castell Gandolfo. Darüber hinaus die Campagna mit Rorn, die Küste mit Wildnis und Sümpfen, das Meer hock, und strahlend in den Horizont hinaufsteigend. Unsere Pferde standen, eng aneinander gedrängt, dicht am Rande des Absturzes. Wir schauten schweigend hinab ... , c, r. Und schweigend wandten wrr dre Trere, lenkten sre Palazzola zu, dessen Klostermauern mit dem Grabmal aus dem uralten Albalonga im Sonnenschein in solcher Oede sich über dem Rand des Kratersees erhoben, als wäre hcer die Heimat des ewigen Schwergens, des Ausgebens jeglicher Hoffnung. c ,. Mir trieben die Pferde die steilen Wände hinunter und erreichten, an geheimnisvollen Grotten, an Ruinen und Gräbern vorüber, den stillen Spiegel des Sees, ritten an diesem entlang, unter mächtigen Erlen uiid Eichen Ernst KaeAel. Zu seinem 70. Geburtstage. (16. Februar.) Von Tr. Max Iungmann. „Siebzig Jahr, ein Greis", — sagt der alte Volksspruch. Wer Ernst Haeckel, der berühmte Naturforscher und Tarwinkämpfer, ist noch kein Greis, sondern ein Wann auf der Höhe der Kraft, jugendlich frische und arbeitskräftig, kampsesfreudig, im Vollbesitz aller Ideale seiner Jugend. Noch gar nicht lange ist er erst wieder von einer großen Tropenreise zurückgekehrt. Darwin und Haeckel — die beiden Namen nennt man immer zusammen, und wie Darwins, so schwankt auch Haeckels Charakterbild, „von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, m der Geschichte". Doch welchen Standpunkt man auch zur Frage der Ab- stammungs- und Entwickelungslehre oder zu der des Monismus einnehmen mag; die Bedeutung des Trägers des Namens Ernst Haeckel steht historisch! fest, er hat sich in der Kulturgeschichte, in der Geschichte der Entwicklung der Menschheit und des 19. Jahrhunderts, ein dauerndes Monument errichtet! In Jena, der für die Kulturgeschichte so bedeutungs- reichen Stadt, mit welcher die Namen eines Schiller und Gvethe unzertrennlich verwebt sind, lebt der verdienstvolle Forscher in seinem an der nach ihm benannten Straße gelegenen, traulichen Heim, einer schmucken Villa; seinem Jena ist er treu geblieben von Anfang seiner Universitäts- Laufbahn an, und sein Jena ist ihm treu geblieben, es schätzt und verehrt rhn und trotzt allen Verketzerungsver- suchen seiner Gegner. Und nicht Jena allein: der ganze weimarische Staat ist stolz auf seinen Haeckel, und als vor Jahren zu Leb- und Regierunaszeiten des alten Großherzogs Karl Alexander von orthodoxer Seite Versuche gemacht wurden, den hochsinnigen Fürsten gegen den gegenwärtig berühmtesten Dozenten der Universität Jena einzunehmen und der Antrag gestellt wurde, man möge dem Treiben des Erzketzers ein Ende bereiten, da fragte der 103 Großherzog den solchergestalt zu ihm redenden Theologen: „Meinen Sie denn, daß der Mann das Zeug, das er vorträgt, wirklich glaubt?" Ter andre bejahte natürliche Da sagte Karl Alexander: „Ja, dann tut er aber bloß des- fie&e, was Sie auch tun." Ernst Haeckel erblickte das Licht der Welt am 16. Februar 1834 in Potsdam, wo sein Vater Regierungsrat war. Seine Jugend verlebte er jedoch in Merseburg, wohin der alte Haeckel noch im gleichen Jahre versetzt wurde. Schon früh offenbarte sich seine Liebe zur Natur, er freute sich vn Blumen und Schmetterlingen und begann schon damals wißbegierig Blumen und Blätter zu untersuchen. Sein Vater lehrte ihn durch Beispiel und Lob die Notwendigkeit steter Beschäftigung, seine Mutter pflegte liebevoll seinen Natursinn. Seinen Unterricht empfing er auf dem Gymnasium in Merseburg; neben seinen Studien trieb er eifrig Tier- und Pflanzenkunde. Eifrig sammelte er Pflanzen und besorgte das in einem Doppelfenster des elterlichen Hauses eingerichtete Terrarium. Wie Bölsche in seiner Biographie Haeckels mitteilt, wären dem verständigen Knaben schon damals bei der wissenschaftlichen Bestimmung der gesammelten Pflanzenexemplare Zweifel an der Richtigkeit der damaligen Arten-Festlegung aufgestiegen. Im übrigen war schon Goethe der Lieblingsautor des Heranwachsenden Gymnasiasten, von ihm empfing auch der Jüngling und Mann seine Weltanschauung, und noch sein in jüngster Zeit erschienenes Buch: „Melträtsel" klingt in Worten des Dichterfürsten von Weimar ein und aus. „Freudig war, seit vielen Fahren, Giftig so der Geist bestrebt, Zu erforschen, zu erfahren, Wie Natur im Schaffen lebt. Und es ist das ewig Mne Tas sich vielfach offenbart: Klein das Große, groß das Kleine, Alles nach der eignen Art. Immer wechselnd, fest sich- haltend, Nah und fern, und fern und nah; So gestaltend, umgestaltend — Zum Erstaunen bin ich- da!" Tarin liegt gewissermaßen das Lebensprogramm des Jenaer Forschers. Seine Schuld war es nicht, daß nicht auch schon der Student, wie später der Professor, seine Laufbahn in Jena begann: Ostern 1852 gedachte er an die Universität Jena abzugehen, die Wohnung war bereits gemietet — da zog sich der angehende Naturforscher beim Suchen einer seltenen Pflanze auf der Saalwiese bei Weißenfels einen heftigen Gelenkrheumatismus zu und sah sich dadurch genötigt, das Heim der Eltern in Berlin aufzusuchen. Natürliche begann er nun gleich an Ort und Stelle seine Studien, doch begab er fich schon im Herbst desselben Jahres zur Fortsetzung derselben nach Würzburg, wo er drei Semester eifrig medizinische und naturwissenschaftliche Kenntnisse zu erwerben suchte. 1858 machte er sein Staatsexamen und bereits im nächsten Jahre trat er seine erste große wissenschaftliche Reise durch Italien und Sizilien an. Als Fruckt derselben erschien das Prachtwerk: „Tie Radiolarien", das nebst anderen Berichten des jungen Reisenden über seine Reise und deren Ergebnisse großes Aufsehen erregte. — Jur Jahre 1861 habilitierte er sich in Jena, wo bis dahin weder eine Professur für Zoologie noch ein zoologiscknes Institut bestand. Zuerst las er über vergleichende Anatomie, welches Fach er jedoch bald mit der Zoologie vertauschte. 1862 schuf man für ihn eine außerordentliche Professur der Zoologie, 1865 ward er ordentlicher Professor und wirkte seitdem mit einigen, durch seine Reisen bedingten Unterbrechungen an der Universität der alten Saalestadt als allgemein beliebter akademischer Lehrer auf den Gebieten der Zoologie, Ent- wicklungsgeschichte, Anatomie, Paläontologie und Histologie. Seine Hauptbedeutung jedoch lag auf dem Gebiete der Forschung. Auf seinen Reisen nach den Küstengebieten der Nordsee und des Mittelmeers, den Kanarischen Inseln und dem Indischen Ozean sammelte er das Material zu seinen bedeutsamen fachwissenschaftlichen Spezialuntersuchungen, durch welche er Licht verbreitete über die dunkelsten und bisher unbekanntester Organismen der niederen Tier- welt; die betreffenden Werke, von ihm selbst prachtvoll illustriert, würden schon allein genügen, ihm dauernden Ruhm in den Annalen der Wissenschaft zu begriinden. Auch seine Reiseschilderungen verdienen gelesen zu werden und zeigen ihn als liebenswürdigen Menschen und Schilderer zugleich, der die Zanberwelt der Tropen in glühenden Farben vor unser geistiges Auge zu zaubern vermag. Tie Tätigkeit indessen, welche seinen Namen zum Gemeingut der ganzen gebildeten Welt gemacht und den fleißigen, rastlosen Forscher zum unerschrockenen, mutvollen Kämpfer gestaltet hat, liegt auf einem andern Gebiete. Er war der tapfere Kämpfer für den Darwinismus, für die Idee der Entwicklungslehre, und er schreckte selbst vor den äußersten Konsequenzen der Theorie nicht zurück, darin selbst dem zaghafteren Engländer vorangehend. Er von allen deutschen Naturforscqern trat zuerst offen und ganz für die Darwinsche Theorie ein, und versuchte schon in seiner Monographie: „Tie Kalkschwämme" (1872) das Problem der Artenentstehung zu lösen. Keiner hat so viel wie er, allen Anfeindungen zum Trotz, für die Ausbreitung des Cntwicklungsgedankens getan; in seiner „Generellen Morphologie", die sieben Jahre nach Darwins Hauptwerk erschien, gab er zum erstenmal einen übersichtlichen Grundriß des neuen Systems. „Tas Buch", äußert sich Bölsche, „bezeichnet den größten Wendepunkt der Systematik seit Cuvier und Baer, und seine groben Umrisse natürlicher Stammbäume der einzelnen Gruppen sind, trotz aller Wandlungen . . . zur Grundlage für die ganze gegenwärtige Shstematik geworden. Kein Gebiet der gesamten Biologie existiert aber überhaupt, in dem nicht einzelne glückliche Ideen des Werkes die fruchtbarsten Anregungen gegeben hätten." Seine Ideen vertrat er in gemeinverständlicher Form in der natürlichen Schöpfungsgeschichte und „Anthro- pogenie" Beide Werke fanden außerordentliche Verbreitung, vor allem die Schöpfungsgeschichte erlebte Auflage nach Auflage und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Darwin schätzte seinen deutschen Apostel hoch, und als der deutsche Forscher 1866 dem genialen Engländer den ersten Besuch machte, sandte er seinen eigenen Wagen nach der Bahnhofstation, empfing ihn dann in der herzlichsten Weise, und als der jugendlickis-feurige Haeckel seinem gerechten Zorne über die mit den unedelsten Waffen kämpfenden Widersacher .Darwins Ausdruck verlieh, lächelte der alte Gelehrte und beschwichtigte seinen Jünger mit den liebenswürdigen Morten: „Mein lieber junger Freund, glauben Sie mir, mit solchen armen Leuten muß man Mitleid und Nachsicht haben; den Strom der Wahrheit können sie nur vorübergehend aufhalteu, aber niemals dauernd hemmen." Außer seinen Hauptwerken ließ der unermüdliche Forscher noch zahlreiche Arbeiten erscheinen, auf die hier näher einzugehen zu weit führen würde. Sein eigenes System stützte er durch die von ihm ausgestellte Gastrüatheorte, nach welcher von einer gemeinsamen Grundform „Gasträa" alle Tiere (mit Ausnahme der Protozoen) abstammen. Ein geradezu glänzendes Resultat seines Fleißes und seiner Gelehrsamkeit lieferte er, als die englische Regierung seine Mithilfe bei der Darlegung der Resultate der Chcckienger- Expedition in Anspruch nahm und ihm sämtliche Horn- schwämme, Radiolarien usw. der Sammlung zur wissen- schaftlichen Bestimmung, Benennung und Zeichnung übergab. Zehn Jahre widmete der Forscher der Riesenarbeit und vermehrte die Kenntnis z. B. der Radiolarien von 810 Arten in dieser Zeit aus 4318, ohne doch mit dem ganzen Material fertig zu sein. Haeckel ist übrigens nickt bloß Forscher, sondern auch Philosoph, d. h. Naturphilosoph, und als solcher ist er der Vertreter des Monismus geworden, jener Auffassung, nach welcher den Grundbestandteilen des Wirklichen sowohl Körperlichkeit als auch psychische Tätigkeit innewohnt, sodaß sie zugleich geistig und materiell sind. Schon in der Schrift: „Ter Monismus' als Band zwischen Religion und Wissenschaft hat er sein Glaubensbekenntnis niedergelegt; in seinem 1899 erschienenen, aufsehenerregenden und in zahlreichen Auflagen verbreitetem Werk „Die Welträtsel" führt er seine bezüglichen Gedanken weiter aus, wenn auch, wie er bedauernd tut Vorwort bemerkt, sein alter, viele Jahre hindurch gehegter Plan, eilt ganzes „System der monistischen Philosophie" auf Grund der Entwicklungslehre auszubauen, nicht mehr zur Ausführung gelangen kann. „Meine Kräfte reichen dazu nicht mehr aus und mancherlei Mahnungen des herannahenoen Alters drängen zum Abschluß. Auch bin ich> ganz und gar ein Kind des 19. Jahrhunderts 104 und will mit dessen Ende einen Strich unter meine Lebensarbeit machen." 9lun, der große Forscher hat ja auch eine Lebensarbeit hinter fick,, wie wenig Menschen. Außer seiner reicken Begabung und einem nie ermüdenden Fleiß begünstigten ihn Glück und Gesundheit, und so darf er Wohl, wie ein Goethe, am Schlüsse seiner Tätigkeit, zurückblickend auf den gemachten Weg und die erzielten Erfolge, Mit Stolz von sich sagen: „Weite Welt und breites Leben, Langer Jahre redlich! Streben, Stets geforscht und stets gegründet, Nie geschlossen, oft gerundet, Aeltestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefaßtes Neue, Heitern Sinn und reine Zwecke, Nun! Man kommt wohl eine Strecke." Keuchte Wohnungen. In der kälteren Jahreszeit macht sich in einer großen Anzahl von Wohnungen das Auftreten von Feuchtigkeit bemerkbar. Es werden von diesem Uebelstande auch solche Wohnungen betroffen, die sonst trocken sind. Die Ursachen dieses Feuchtwerdens liegt in einer schlechten Ventilation!, besonders in Verbindung mit den häuslichen Verrichtungen des Kochens und Waschens (Wäschetrocknens) in den zu Wohnzwecken dienenden Räumen. In solchen feuchten Wohnungen ist die Gefahr, zu erkranken, eine wesentlich höhere, als in einer trockenen Wohnung. Die Feuchtigkeit begünstigt das Wachstum schädlicher Pilze und führt zu einer Verschlechterung der Luft, welche ebenfalls geeignet ist, die Gesundheit der in den Zimmern sich aufhaltenden Personen zu schädigen. Außerdem beschädigt die Feuchtigkeit die Gegenstände, die im Zimmer sind. Ein feuchtes Zimmer ist auch weniger leicht warm zu halten als ein trockenes. - Es ist begreiflich daß die Bewohner solcher Wohnungen haushälterisch mit dem Feuerungsmaterial umgehen. Das gleiche Feuer muß zur Erwärmung des Zimmers, zum Kochen der Speisen, zum Waschen der Wäsche dienen, weil ein größerer Aufwand für Feuerung nicht gemacht werden kann. Bei dieser Lage der Verhältnisse muß darauf hingewiesen werden, !daß sich das Auftreten von Feuchtigkeit in solchen Wohnungen wesentlich verhindern läßt, wenn folgende Vorschriften beobachtet werden: 1. Auch in der kalten Jahreszeit soll so oft als mögliche gelüftet werden. 2. Insbesondere sind nach dem Aufstehen, nach dem Mittagessen und vor dem Zubettgehen die Fenster fünf bis zehn Minuten zu öffnen. 3. Wenn in einem Zimmer gewaschen wird, ferner, wenn beim Kochen eine starke Dampfentwicklung stattfindet, so soll während des Waschens und Kochens der obere Fensterflügel geöffnet werden, damit der Dampf eine Gelegenheit zum Abzug hat. Nach der Wäsche ist gründlich zu lüften. 4. Das Trocknen nasser Wäschestücke im Zimmer ist zu vermeiden; ist kein anderer Platz zur Verfügung, so soll wenigstens nach der Beendigung des Trockn ns, jedenfalls aber abends vor dem Zubettgehen, gründlich gelüftet werden. 5. Der Waschzuber ist sofort nach dem Gebrauch auszuleeren. Es herrscht ferner nach den Wahrnehmungen der Wohn- uugsinspektion in vielen Zimmern Unordnung und Unsauberkeit. Auch solche unsaubere Wohnungen lassen sich durch eine kleine Mühe zu einer sauberen und damit gesunderen umwandeln, wenigstens sollte der Versuch damit gemacht werden. Allerdings muß' dann jeder Gegenstand, namentlich aber Küchengeräte und Geschirre, möglichst bald nach dem Gebrauch gereinigt und an den Ausbewahrr ngsort verbracht werden. Insbesondere sollte die tägliche nnd wöchentliche Reinigung des Zimmers, die Entfernung von Staub, Schmutz und Speiseresten gründlich und gewissenhaft vorgenommen werven. Alle diese Maßregeln sind geeignet, die Wohnung gesund zu halten, und außerdem werden bei ihrer Befolgung i eine große Anzahl von Differenzen zwischen! den verschiedenen Bewohnern des Hauses sich vermeiden lassen. — Die Frauen-Rundschau ist als Fortsetzung der Dokumente der Frauen mit ihrem neuesten uns vorliegenden Heft in ihren 5. Jahrgang getreten und erscheint von nun ab allwöchentlich Auch das uns vorliegende neueste Heft bringt wieder eine stattliche Anzahl hervorragender und allgemein interessierender Beiträge. Ten vollen Eingang bildet eine poetische Skizze der englischen Dichterin Olive Schreiner. In einem Artikel „Frau und Mann als Begriff" tritt Robert Kohlrausch mit kluger Energie für das Frauenstudium ein, während Carmen Teja in einem scharfen Angriff auf das Lüsterne und Zügellose in der Kunst und im Leben vielen aus dem Herzen sprechen wird. Josephine Gratz huldigt der Großherzogin Luise von Baden, die sich um die Frauensache durch Mohlfahrtseinrichtungen sehr verdient gemacht hat, und Ernst Stier läßt sich instruktiv über die Mädchenerziehung in Nordamerika aus. Ter poetische und künstlerische Teil bringt Beiträge von Bernhard Kellermann, Klaus Rittland u. a. Ter Tichterkönigin Carmen Sylva ist eine mit Bildern geschmückte biographische Skizze gewidmet. Ter Klingerforscher Prof. Tr. Julius Vogel führt uns in die Entstehung von Klingers Salome ein. Von den übrigen, mehr dem Praktischen dienenden Rubriken der Frauen- Rundschau seien zwei Berufsartikel über die Kontoristin und die Frau als Gärtnerin hervorgehoben, während die Fr a n k- f unter Frauenärztin Dr. med. Friberika Gräfin Geldern-Egmont in einem Artikel über die Hygiene des Tanzes ebenso geistvoll zu belehren, wie amüsant zu unterhalten versteht. Besonders reichhaltig und für Eltern und Erzieher lesenswert ist die von Adele Schreiber eingerichtete Rubrik „Die Welt des Kindes", in der das Kind, sein Wohl und seine Erziehung betreffenden Fragen von berufener Feder behandelt werden. Von den Artikeln der Kinder beklage feien erwähnt: Tie Milch im Haushalt von Professor Tr. Falke-Leipzig und die Hygiene der Kinderstube von Tr. rned. v. Boltenstern. Der Beitrag von Adele Schreiber in dieser Nummer behandelt das ein jedes Mutt er herz tiefbewegende Thema: „Tie Furcht des Kindes vor der Schule". Me bei den bisherigen Heften der Frauen-Rundschau ist auch in diesem der Mlderschmuck ein trefflich ausgewählter und reichhaltiger, und wenn man zu alledem noch bedenkt, daß die Frauen-Rundschau trotzdem, daß jetzt genau doppelt soviel Hefte erfcheinen, doch bei ihrem Abonnementspreis von 2 Mk. pro Quartal geblieben ist, wird wohl kein Zweifel darüber fein, daß sich die Frauen-Rundschau in gebildeten Frauenkreisen den treuen Stamm von Lesern erobern wird, den sie verdient. ßrp obtcs W zept. Um den Schimmel in Kellerräumen zu bekämpfen, wendet man folgendes Verfahren an: Für Mauern, Wände häufiges Anstreichen mit Kalkmilch: für das Aeußere von Fässern Anstreichen mit einer Boraxlrsung; die Hähne, Eimer, Trichter imprägniert man mit einer For- malinlösung, die Pfosten, Faßgestelle, Leitern usw. mit Eisenvitriol. Um die Faßreifen gegen Rost zu schützen, rst das Vorteilhafteste, sie mit Asphaltlack zu überstrerchen, nachdem man sie vorher gut gereinigt und ab gerieben hat. Zahlenschrist. Nachdruck verboten. 123-4 5 678 — 9 3 4 10 — 5 11 11 2 — 12 58 13 2 4 — 14 15 5 16. Bekanntes Sprichwort. Für den Schlüssel: 9 5 4 10 5 11 2 Fußbekleidung; 2 15 3 6 7 männlicher Vorname; 1 16 8 8 2 15 Nahrungsmittel: 13 5 4 14 2 Werkzeug; 12 3 4 4 Teil des Kopses. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in vor. Nr.: Der hat das Leben nie verstanden, Dem nur die Dauer wohlbehagt. Nur der ist frei von allen Banden, Der sroh genießt und froh entsagt. F> L-owe. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießm.