Montag den 16. Mai. 1904, m ju ii|n|y wmM ÄS ■ i« l®W iSSf, »^ZK-SM.ÄÄ« !Ä: KM^MW ^NKMUMM MWMWchlM DM (Nachdruck verboten.) Im Malak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Schluß statt Fortsetzung.) 19. Für drei Wochen wenigstens war ich frei! Das reizende, an die malerische Hügelkette sich an- schmiegende Kunur mit dem Blick auf die tief unten liegenden lieblichen Täler schien mich zu neuem Leben zu erwecken. Wenn ich auf die Veranda des entzückenden Landhauses hinaustrat, und mein Blick Mer die baumhohen Farnkräuter, die bunte Blumenpracht und die in blaue Ferne sich ausdehnende Ebene hinglitt, so war ich glücklich, nun im doppelten Sinne des Wortes eine andere Luft zu atmen. Damals aber, als ich, ans meiner Tonga herauskrabbelnd, zum erstenmale diesen lieblichen Ort betrat, jagte ich meiner Freundin einen entsetzlichen Schrecken ein. „Um Gott, Pamela!" schrie sie auf. „Wie sehen Sie denn aus? Wie Ihr Geist! Was ist Ihnen zugestoßen?" Dann schloß sie mich in ihre Arme. „Ist das die Wirkung Ihrer Verlobung mit Max?" „Ich bin nicht mehr mit ihm verlobt." „Ach was, Unsinn!" Und scherzend fügte sie hinzu: „Ei, ei, kaum verlobt und schon uneins! Da soll ich wohl Frieden zwischen Euch stiften!" „Nein, nein", antwortete ich erregt, „das ist alles vorüber." „Nun, lassen wir das vorläufig ruhen; ich will Sie jetzt nicht quälen, liebes Kind. Kommen Sie rasch herein und legen Sie M. Vor allem müssen Sie jetzt eine Tasse von unserem guten Neilgherrytee trinken und dann aus- ruhen. Sie sehen aus, als ob Sie eine ganze Woche nicht mehr ins Bett gekommen wären." Als ich dann in Mrs. Dalrymples geschmackvollem, auf die Veranda hinaus gehendem Zimmer saß, die kühle, von den Bergen herüberwehende Luft spürte und die mir so wohl bekannten Nippsachen und Photographien, die zutraulichen Hunde und vor allem ihre eigene liebe Persönlichkeit wieder um mich sah — da hätte ich mir zu gern eingebildet, daß alles, was ich während der letzten Tage in Royapetta erlebt, ja mein ganzer Aufenthalt dort nur ein Traum, ein böser Traum gewesen, oder daß ich dort unten gestorben sei und mich nun im Himmel befinde. Mein Gehirn befand sich in einem seltsam überreizten Zustand, um meine Augen lagen blaue Ringe, die Pupillen hatten sich unheimlich erweitert, und meine einst so viel gerühmten gesunden Nerven gehörten einer vergangenen Zeit an. Aber zwölf Stunden tiefen, ununterbrochenen Schlafes verfehlten ihre gute Wirkung nicht, sodaß ich mich nach dem Erwachen doch schon wieder eher als mein eigenes Ich fühlte. Als ich darauf im entzückenden Garten saß und keine unberufenen Ohren zu befürchten hatte,, erzählte ich Mrs. Dalrymple ausführlich meine Erlebnisse. Als ich damit zu Ende war, stand sie rasch auf, beugte sich still- schweigend zu mir und küßte mich, herzlich. „Sie denken natürlich, daß ich mich wieder recht dumm und ungeschickt benommen habe?" fragte ich. „Ich denke, daß Sie zwar nicht immer gerade weise handeln, aber daß Sie eine Heldin sind und einen Mut haben, dessen ich niemals fähig wäre. Sie haben der Rani getrotzt und Max das Leben gerettet!" „Ja, und mich verpflichtet, Ibrahim zu heiraten, einen Menschen, der die Laster beider Rassen, denen er entstammt, in sich vereinigt." „Nein, Sie werden diesen Schurken nicht heiraten!" rief sie heftig. „Es war ein erpreßtes Versprechen. Und er hat ja Max gar nicht gerettet, sondern der englische Doktor! Nur ein armes, überreiztes Gehirn, wie das Ihrige, kann überhaupt aus einen solch schauerlichen Gedanken kommen." „Aber er hat bei Max geprahlt und ihn: den Ring gezeigt, und Max verachtet mich nun." „Ich kann gar nicht begreifen, warum Sie ihm nicht sogleich die ganze niederträchtige Geschichte erzählt haben, anstatt wie eine Schuldbeladene vor ihm zu stehen." „Auch ich begreife es jetzt nicht. Allein alles kam so unvorbereitet, ich befand mich wie in einem Nebel, in einer Betäubung. Die Zunge war mir wie gelähmt. Dann fiel er plötzlich in Ohnmacht und Doktor Flemming schickte mich fort." „Arme Pamela! Und vor seiner Erkrankung schrieb Max mir «inen solch glückseligen Brief, worin er mir seine Verlobung mitteilte, mir von seiner Pamela vorschwärmte und mir versprach. Sie sobald als möglich zu einem langen Besuche zu mir heraufzuschicken." „Und nun bin ich, wie Sie sehen, auf eigene Faust zu Ihnen gekommen, um mich zu verstecken." „Schadet nichts, meine Liebe, Sie werden Ihr Köpfchen bald wieder hoch tragen. Ich bitte Sie, überlassen Sie Ihre Angelegenheiten nur ganz mir." Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Was könnte sie tun? Wie könnte sie den Knoten lösen, den ich mit eigenen Händen geknüpft hatte? „Daß ich es nicht vergesse: neulich bekam ich auch einen Brief von der hübschen Eurasierin, Ihrer Freundin Eulalie, worin sie sich voller Besorgnis nach Ihrem Ergehen erkundigt. Ich antwortete ihr sofort, daß Sie sich mit Mr. Thoröld verlobt hätten und ich auf Ihren baldigen Besuch hoffe." „Die gute Eulalia! Sie ist so leidenschaftlich und an- hänglich. Ich schrieb ihr öfter, aber natürlich bekam sie meine Briefe nicht. Ich selbst weiß ja nächstens nicht mehr, wie ein Brief aussiebt." — 290 — >,9htn diesem Nebel wird hier wohl bald äbgeholfen werde«, denn wir bekommen täglich sogar zweimal die Post. Da sehen Sie einmal mein Pärchen Pegu-Ponies, die eben dort nms Haus herumbiegen! Sind sie nicht allerliebst?" Sie zeigte auf einen niedrigen, mit zlvei krästigen kleinen Pontes bespannten Wagen. „Romeo und Julia heißen sie; sie bleiben immer beisammen und sind äußerst artig und gehorsam. Ich werde nun eine Rundfahrt mit Ihnen um den sogenannten Achter und vielleicht bis zum Bleakhouse machen." Diese Fahrt tat mir Ebenso gut wie der lange Schlaf. Die herrliche Luft, der Anblick so vieler heiterer Gesichter, der Klang heimatlicher Laute, die zuversichtliche Stimmung meiner Gefährtin — das alles zusammen wirkte auf mich wie ein belebender Zaubertrank. „Was für ein bitfer Brief!" ries Dtrs. Dalrymple, als der Briefträger die Stufen herauskam und mir einen Brief übergab. „Nun können Sie nicht mehr sagen, daß Ihnen der Anblick eines Briefes etwas Fremdes sei. Und für mich ist nichts gekommen, als einige Musterpäckchen und die Zeitung! Nun, ich gönne Ihnen Ihr Glück, mein liebes Kind." So sprechet), zerriß sie das Kreuzband der Madras Mail. Der Briefumschlag enthielt nicht nur einen, sondern mehrere Briefe aus der Grundallstraße: lauter Glückwunschschreiben. Sie machten mir den Eindruck wie eine Familie, die ut corpore ihren Besuch abstattet. Frau Rosario, Gwendvline, Lola und Eulalie, alle hatten geschrieben, und 'auch ein von England an mich eingetroffener Brief war eingefchlossen, der sehr abgerissen aussah und eine mir unbekannte Handschrift aufwies. Diesen legte ich vorerst beiseite, um Frau Rosarios Bries zu lesen, der von Liebe und guten Wünschen übersloß und die herzliche Freude der Schreiberin bekundete. Der zwei Bogen lange Brief Eulalies aber soll für #11« reden, weil er mir so viel Spaß machte: Liebe, süße, herzige, goldene Pamela! Ich schicke diesen Brief nach KUnur zu Ihrer Freundin, Mrs. Dalrymple, da ich annehme, daß Sie jetzt bei ihr sind. Sie hat mir die große Neuigkeit mitgeteilt, ,Äch, ich habe mich ja so gefreut, daß ich im Zimmer herumtanzte, bis mir die Schuhe von den Füßen flogen. Nun werden Sie wieder sagen: Eulalie hat doch Augen im Kopf! Ach, dieser schöne, reiche hochangesehene und kluge Mr. Thorold! Was für eine Partie! Und doch kein bißchen zu gut für unsere liebe, süße Pamela! O Pamela, nun werden Sie wirklich eine vornehme Dame sein und in einem prächtigen Wagen fahren! Sicherlich haben Sie zwei Araber mit langen Schwänzen ! Ich bin ganz stolz, wenn ich mir das vorstelle. Welch ein Glück, daß Sie Ibrahim immer so kalt behandelt haben! Er wollte Sie nämlich heiraten, so sagte er zu Frau Rosario, und als Sie nach Rohapetta gingen, war er ganz außer sich. Was ist aber so ein Ibrahim im Bergleich zu Mr. Thorold? Er sagte uns auch, daß er zu seinem Bedauern nicht beim Vizegouverneur verkehren könne wegen einer zwischen seiner Familie und ihm bestehenden Verstimmung. Mer Sie werden jetzt überallhin Zutritt haben, zu allen großen Bällen und Festlichkeiten im Bankettsaal des Regierungspalastes. Da werde ich mich dann einmal unter die Tür schleichen und Sie beobachten! Daß wir die gute Neuigkeit sogleich unseren Freunden mitteilten, können Sie sich vorstellen. Ich wollte. Sie hätten die Gesichter der Cardozos und Josephs gesehen! Und denken Sie nur — ist es nicht köstlich? — Friedrich Augustus bedauert jetzt lebhaft, daß er Sie nicht geheiratet habe. Sie müssen mir recht ausführlich über alles schreiben, besonders von Ihrer Ausstattung. Ich fange jetzt auch an, meine Sachen in Ordnung zu bringen, denn Melville hat eine Anstellung im Arsenal bekommen mit hundert Rupien Gehalt monatlich. Ich schaffe mir ein weißes Atlaskleid an mit langer Schleppe und zwei Taillen und auch ein blaues Straßenkleid, und verschiedene von Ihren Neidern sind anfgefrischt worden und nun wieder wie neu. Frau Rosario hat ihren Verlust noch immer nicht verschmerzt, er ging ihr fast ebenso nahe als der Tod ihrer Nellore-KUh. Ich sage Ihnen, das wär ein Schlag! hieß, jemand habe Gift in den Futtertrog gestreut, Mer ich glaube nicht an solchen Unsinn. Als ob sich heutzutage noch ein Mensch mit Vergiftungen abgeben würde! Wir sind immer noch gleich viele Kostgänger; eine Kousine von Frau Rosario, Constantia de Castria, eine häßliche, alte Jungfer, führt die Haushaltung. Natürlich kann Sie Ihnen das Wasser nicht bieten. Gwen- doline wird int August Hochzeit haben, und die greuliche Jocasta hat nun tatsächlich auch einen Verehrer gesunden, einen von den Cardozos. Ich wollte, wir wären sie los! Ich lege Ihnen einen Brief bei, der schon vor einer Ewigkeit ankam, aber Frau Rosario hat ihn in die Tasche ihres grünseidenen Atlaskleides gesteckt, das sie fast niemals trägt, und darin vergessen. Er sieht übrigens nicht aus, als ob er gerade sehr wichtig wäre. Schreiben Sie recht bald, liebe, süße Pamela, und seien Sie tausendmal geküßt von Ihrer Sie liebende« Eulalie. Ich öffnete nun den „nicht sehr wichtig aussehenden^ Brief. Er trug oben auf der ersten Seite die Adresse: 415 Grosvenor Square, London W. Er war schlecht und mit blasser Tinte geschrieben. LiÄbe Pamela Ferrars! Ich weiß nicht, was Sie von mir denken, meine Gedanken aber beschäftigen sich häufig mit Ihnen. Ich fand an jenem Morgen vor Abgang unseres Dampfers keine Zeit mehr. Ihnen zu schreiben. Man drängte und hetzte mich 'derart von allen Seiten, daß ich nicht mehr wußte, wo mir der Kopf stand. Später konnte ich Ihre Adresse nicht mehr finden, und schon fürchtete ich, Sie für immer aus dem Gesichte verloren zu haben. Heute aber, als ich meine in JMien gemachten Einkäufe ordnen wollte, kam mir auch ein Buch in die Hand, und fvfort erinnerte ich mich, daß ich Ihre Mresse ja dort hineingeschrieben hatte. Richtig, da steht sie, und noch in derselben Stunde schreibe ich diesen Bries. Bitte, antworten Sie mir, teilen Sie mir Ihre Pläne mit und schicken Sie mir Ihre Photographie., Ich kann nicht sagen, wie sehr Ahr liebes Gesicht mich an die Vergangenheit erinnert hat, an den süßen Zauber, längst entschwundener Tage! Diese Tage kehren freilich nicht wieder, aber meine liebe Pamela könnte freilich zurückkommen zu einer alten, einsamen Frau — wenn Ihr Stolz nicht wäre. Vergessen Sie es nie, daß Sie stets bei mir eine Heimat haben. Schließlich bin ich doch immerhin Ihre Blutsverwandte, und aus diesem Grunde allein erhebe ich Anspruch auf Sie. Kommen Sie, setzen Sie Ihren törichten Stolz beiseite und leben Sie hier bei mir in einer Ihrem Stande angemessenen Umgebung, anstatt in den Vororten einer indischen Stadt um einen erbärmlichen Lohn zu arbeiten. Ueberlegeu Sie sich die Sache, Pamela, und seien Sie miss wärmste gegrüßt von Ihrer Ihnen herzlich zugetanen alten Kvuscne Elisabeth Tregar. Nicht sehr wichtig, und drei Monate alt! Es war ein unendlich gütiger Brief, und am liebsten hätte ich ferner Aufforderung sogleich Folge geleistet, aber ach, es war ja'zu spät, diese hilfteiche Hand anzunehmen! „Nun, Sie scheinen mir gute Nachrichten bekommen stt haben", sagte Mrs. Dalrymple, als ich die Brrefe zrr- fammenfaltete. „Sie sind ja ganz rosig angehaucht. Aber auch ich habe eine gute Nachricht für Sie.". Damit händigte sie mir die Zeitung em, indem sre auf einen besonderen Artikel deutete. Tod Ihrer Hoheit, der Rani Sundaram. Wir müssen unseren Lesern hiermit die traurige Nachricht mitteilen, daß Ihre Hoheit, die Nani Sundaram, Mutter des verstorbenen Rajah und Großnmtter des jungen Prinzen, am Donnerstag morgen im Palast von Royapetta plötzlich verschieden ist . . . Durfte ich meinen Augen trauen? So war sw also wirklich krank gewesen und hatte sich nicht bloß im Zorn in ihre Gemächer eingeschlossen? „Das wird die Luft bedeutend klaren, glauben Sw nicht auch?" sagte Mrs. Dalrymple. ^Halten Sie es für möglich, daß der Nimmer und Neid wegen der Jasra- perlen ihr das Herz gebrochen haben? Oder hatte sie überhaupt keines?" „Nein, sie hatte wirklich kein. Herz. Aber ihr Körper und ihr Geist waren noch so frisch, daß ich dachte, tie *- 291 werde zum mindesten hundert Jahre alt. Ich kann es kaum glauben, daß sie tot sein soll. Welches Ereignis!" „Mnftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus", bemerkte Mrs. Dalrymple bedeutungsvoll. „Ein solches Ereignis steht uns noch diesen Abend bevor! Es ist schon in Mettapollum angekommen und fährt jetzt mit Ertra- post den Berg herauf." Fragend schaute ich sie an, sie aber sagte lächelnd nur das Wörtchen: „Max!" „Woher erfuhr er, daß ich hier bin?" fragte ich leise. „Aus höchst einfachem Wege: durch eine Drahtnachricht." „Warum aber kommt er?" „Wieder eine äußerst leicht zu beantwortende Frage: um Sie zu sehen." „Ach", sagte ich, und mein zwischen Furcht und Hoffnung schwankendes Herz klopfte stürmisch. „Ja, dies ist ein ereignisreicher Tag für Sie: Ihre Briefe, die Nachricht vom Tode der Rani und der zu erwartende Gast!" „Ich habe auch eine N em gleit, wenn sie auch nicht so wichtig ist, wie die anderen: einen Brief von Lady Elisabeth Tregar." „Was?" rief sie, die Hände zusammenschlagend. ,/Erscheint die wieder auf der Bildfläche? Das ist ja köstlich! Rasch, zeigen Sie ihn mir." Ich händigte ihr den Brief ein, und sie verschlang förmlich seinen Inhalt im Stehen. „Lady Elisabeth ist wirklich ein gutes altes Mädchen!" riqf sie, nachdem sie gelesen. „Es tut mir jetzt fast leid, daß Ihr Vater sie seinerzeit im Stiche gelassen hat, aber da läßt sich nun nichts mehr machen. Nun werden Sie also doch einmal eine reiche Erbin werden, hilft alles nichts. Na", — sie schwang das Blatt Papier vergnügt in der Lust — „dies hier setzt dem heutigen glücklichen Tage vollends die Krone auf. Sie sehen wahrhaftig schon wieder ganz munter aus. Da kann man sehen, was Kunur und ich nicht alles zustande bringen! Wenn es Ihnen Spaß macht, so pflücken Sie jetzt einige Rosen und Heliotrop für den Speisetisch, und sobald Sie einen rechten Strauß beisammen haben, müssen Sie sich umkleiden." „Wozu das alles?" fragte ich mich, während ich ein weißes Kleid anzog. und einige Rosen in den Gürtel steckte. Mas nützten mir die Briefe und Glückwünsche, wenn Max mich verabscheute?" Lange Zeit verweilte ich, zwischen Furcht und Hoffnung kämpfend, in meinem Zimmer, und wie Zentnerlast legte es sich aus mein Denken. Endlich ging ich aber doch in den Salon hinüber, und — hier saß zu meiner großen Ueberraschung Max schon im Gespräch mit Mrs. Dalrymple. Er stand auf, ging auf mich zu und zog meine Hand an seine Lippen. „Jetzt habe ich ihn noch vor Ihnen zu sehen bekommen", triumphierte Mrs. Dalrymple. „Drei volle Minuten ist er schon hier. Er ist im Glenview-Hotel abgestiegen und zu Fuß herübergekommen. Nun aber", fügte sie aufstehend hinzu, „soll er Ihnen nur selbst den Grund seines Besuches erklären." Lächelnd und mit einem freundlichen Nicken ging sie in den Garten hinaus. „Vor allem, Pamela", begann er mit vor -Erregung heiserer Stimme, „laß Dir sagen: ich weiß, warum ich Dir allein mein Leben verdanke. Es hat Dir immer gehört und ist nun doppelt Dein eigen." „So ... so weißt Du also?" Ich atmete schwer. ,^zch weiß, daß meine Krankheit es von neuem bestätigt hat, welch unschätzbares Kleinod Du bist. Nachdem Du aus Royapetta geflohen warst, ist alles ans Tageslicht gekommen: Dein mutiges Unternehmen und der entsetzliche Preis, den Du für die Rettung meines Lebens zu bezahlen bereit warst, obschon ich nachher Ibrahim keine Gelegenheit gab, seine Kunst zu versuchen. Wer an jenem schrecklichen Tage, als ich, durch die prahlerischen Reden des Persers halb wahnsinnig gemacht, in den Palast kam, um die volle Wahrheit aus Deinem eigenen Munde zu hören. . . o Pamela, warum sprachst Du da nicht? -Es kostete mich beinahe das Leben!" „Es kam alles so überraschend. Ich war so verwirrt, daß ich die rechten Worte nicht gleich finden konnte. Ich wollte Dir alles sagen, aber ehe ich mich zu fassen vermochte, fielst Du in Ohnmacht. Wer sagte es Dir? Wer erklärte Dir den Sachverhalt?" „Die Rani Sundaram selbst. Mm Tage, nachdem Du Royapetta verlassen hattest, wurde mir ein Brief von ihr überbracht. Hier ist er, lies ihn selbst." Damit entfaltete er einen großen, wappengeschmückten Briefbogen. Und während er mir über die Schulter sah, las ich das folgende seltsame, mit zitternder Hand hingeworfene Schreiben: Von der Rani Sundaram an den englischen Regierungsbevollmächtigten Thorold. Die Jasra-Perlen, die ich mir so sehnlichst wünschte, sind in die Hand des Rajah von Ulu, eines alten Feindes unserer Familie, übergegangen. Sein Name sei verflucht! Ibrahim, der Pariahund, hat sich als ein Verräter und ein Narr erwiesen. Mein Herz liegt in der Asche, meine Stunden sind gezählt. Ich will nicht leben, um es mit anzusehen, wie meine Feinde lachen, triumphieren und spotten. Wenn dieser Brief in Deine Hände gelangt, so ist seine Schreiberin tot. Das englische Mädchen verschaffte sich von Ibrahim ein Gegengift, wodurch Dein Leben gerettet wurde. Heimlich ging sie bei Nacht in die Stadt, um ihn aufzufuchen. Als Gegendienst für seine Gefälligkeit versprach sie ihm, seine Frau zu werden. Zwischen mir und Ibrahims Leben aber steht kein Retter. Fragend sah ich zu Max auf, der mit ernster Miene meinen Blick aushielt. „Es ist so, wie sie schreibt", sagte er leise. „Für ihn fand sich kein Retter." „So ist er also tot?" flüsterte ich kaum hörbar. „Ja, man sand ihn sterbend aus dem Dache seines Hauses. Gestern ist er verschieden." Erschüttert sank ich auf einen Stuhl und weinte. ♦ Ich hatte England verlassen, um Mrs. Thorold zu werden, und Mrs. Thorold wurde ich nun auch wirklich. Die Trauung fand in der Kirche von Kunur statt, und, wie die Zeitungen berichteten, war es eine überaus vornehme Hochzeit, mit vielen glänzenden Uniformen und nicht wenigen hübschen Mädchen. Meiner von einem entsprechenden Scheck begleiteten Einladung folgend, wohnte auch Frau Rosario mit einer ansehnlichen Schar aus der Cruudallstraße bei. Die blendende Farbenpracht der Kleider der Mädchen verdunkelte fast die in ihrer Nähe befindlichen Uniformen, und Eulalie mit ihrer strahlenden, sieghaften Schönheit stellte unsere reizendsten Gebirgssterne in den Schatten. Major Dalrymple machte den Brautvater mit großem Vergnügen. Auch Hochzeitsgeschenke erhielten wir in Menge, und manche darunter, besonders die von der Rani Gindw, waren sehr wertvoll. Die tveniger kostbaren wurden deshalb nicht geringer geachtet, nur waren einige derart, daß sie die Empfänger in eine gewisse Verlegenheit versetzten, wie zum Beispiel Frau Rosarios drei Monate altes Kalb. Max nahm einen Erholungsurlaub nach England, und dort angelangt, schlugen wir unser Hauptquartier in Loudon, Grosvenor Square 415 auf. Lady Elisabeth ist so sehr entzückt von Max, daß ich fast glaube, sie hat ihn noch mehr in ihr Herz geschlossen, als mich, zumal sie durchaus kein Hehl daraus macht, daß sie die Männer im allgemeinen ihrem eigenen Geschlechte vorziehe. Nun ich mich ihrer Gunst erfreue, werde ich auch von allen übrigen vornehmen Ferrarsfchen Verwandten empfangen und mit Liebenswürdigkeiten überschüttet. Selbst meine Kousinen haben ihren Groll begraben, und Mrs. Thorold — Wattys Mutter — hat uns tatsächlich eingeladen, einige Tage in Beverley zuzubringen. Welchen Vorteil hofft sie wohl bei dieser Gelegenheit aus meiner Person zu ziehen? Der Hof von Royapetta hat sich wohl oder übel nach einer anderen Erzieherin umfehen müssen, da die bisherige vom Palast ins Regierungsgebäude übergesiedelt ist. Lady Elisabeth trägt sich mit der Absicht, uns in Indien zu besuchen, und ich glaube auch, daß sie ihren Plan ausfuhren wird. Sie hat mir wundervolle Diamanten verehrt, die sie bei meiner hohen gesellschaftlichen Stellung für unentbehrlich hält. Max wollte mich durchaus mit einer echten Perlenkette beschenken, allein ich flehte chn an, es zu unterlassen, da sie mich ja doch nur cm jene anderen Perlen erinnert hätten, die nun den Stolz der Familie Ulu bilden, und so verehrte er mir statt dessen eine kostbare, mit Rubinen besetzte Halskette, die wohl dazu angetan wäre, in irgend einer indischen „Tvscha-Khana" zu glänzen. Im Innern des Anhängsels steht eingraviert: „Roya» 292 vetta, bett 20. März. Ihr Wert steht höher als Gold und Edelsteine". VevM»?ehter. * Von Maurus Jokai, dem kürzlich verstorbenen ungarischen Romanschriftsteller, erzählt der „Gaulois": Maurus Jokai hatte eine ganze Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften gegründet, an denen er allerdings nicht regelmäßig mitarbeitete. Trotzdem übernahm er die Verantwortung auch für das, was seine Mitarbeiter darin schrieben. Eines Tages schickte ihm der Wg. Franz Pulszky, der in einer dieser Zeitungen heftig angegriffen wurde, seine Zeugen. Ein Duell faud statt. Nach Beendigung des Kampfes ging Jokai auf seinen Gegner zu, schüttelte ihm kräftig die Hand und sagte zu ihm: „Möchtest Du mir jetzt nicht sagen, weshalb wir uns geschlagen haben?" Denn ich habe den Artikel, der Dich beleidigt hat, weder geschrieben, noch gelesen, noch selbst gesehen. Ich habe keine Ahnung von dem, was darin steht!" Oesuvdyeitspflege. * Der Wert der Gemüse als Nahrung. Wir wissen, daß die vegetabilische Nahrung im allgemeinen nicht genug Eiweiß und Fett enthält, um dem menschlichen Körper die für ihn notwendigen Massen zu liefern, aus denen dann die für die Existenz erforderlichen Kraftmengen gebildet werden. Allerdings enthalten sie ja große Quantitäten zuckerartiger Stoffe, welche ebenfalls Energie zu liefern im stände sind. Nach den Untersuchungen von Bryant und Millner liegt aber der Hauptwert der vegetabilen Nahrung nicht so sehr in ihrem reinen diährwert, sondern vielmehr darin, daß sie in unsere Nahrung Abwechslung zu bringen vermag. Sie ist es, welche auf das Nervensystem dabei einwirkt und verhindert, daß durch allzu große Eintönigkeit unser Appetit leidet. Des weiteren werden aber durch diese Nahrung organische Säuren und vor allem eine Anzahl mineralischer Salze dem Körper beigebracht, deren wir unbedingt in unserem Körperhaushalt bedürfen und die wir auf anderem Wege nicht einführen können. Außerdem geben sie der Nahrung einen gewissen Umfang, welche außerordentlich wichtig für die mechanische Tätigkeit unserer Verdauungsorgane ist, um sie gesund zu erhalten. Dadurch scheint auch die günstigere Grundlage für die Verdauung der übrigen Nahrungsmittel und für ihre Ausnutzbarkeit geschaffen zu werden. Die Experimente, die in dieser Hinsicht angestellt werden, scheinen dies zu beweisen. Wenn nämlich eine bestimmte Menge von Eiweißstoffen und Fett mit Kartoffeln und Apfelsauce verzehrt wurde, so wurde die ganze Mahlzeit bei weitem besser verdaut, der Energie-Umsatz war um 13 v. H. höher, als wenn die Kartoffeln beiseite gelassen wurden. Literarisches. — „AusfremdenZunge n". Bon dem 14. Jahrgang der illustrierten Halbmonatsschrift für die moderne Roman- und Novellen-Literatur des Auslandes (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) liegen uns die Hefte 8 und 9 vor, in denen vor allem der meisterhaft durchgeführte neapolitanische Sittenroman „Schlaraffenland" von Matilde Serao das Interesse des Lesers fesselt. Anziehende Sitten- und Charakterbilder bieten Thomas Hardys Novellen „Aus Gewissenhaftigkeit"; ergreifend wirken die stimmungsvollen „Erzählungen" des Russen A. Kuprin. In der reichhaltigen Jllustrier- ren Rundschau sind besonders erwähnenswert die Aussätze über den englischen Romanschriftsteller Thomas Hardy, über die Franen des Orients und ihre Dichter und über Lieder aus dem Pariser Elend. Als praktisch erweist sich die originelle Einteilung eines jeden Heftes in drei Abteilungen: Romane, Novellen oder Skizzen und Illustrierte Rundschau, wodurch man am Schluß des Jahrgangs jede Abteilung auch für sich binden lassen kann. Der Preis der allen Freunden ausländischen Schrifttums unentbehrlichen Halbmonatschrift „Aus fremden Zungen" beträgt für jedes Heft nur 50 Pfg.; vierteljährlich (6 Hefte) 3 Mk. — Finis coronat opus. Mit Heft 19 und 20 wird der Abschluß eines Werkes geliefert, das unter dem Titel „Hundert Mei st er der Gegenwart" (Verlag von E. A. Seemann in Leipzig) eine Kunstausstellung im kleinen birgt. Mit B ö ck l i n, Klinger, Klimt, Steinhaufen sind ebensoviele führende Geister der neudeutschen Kunst genannt, die in diesen Heften durch je ein in photographischem Farbendruck wiedergegebenes Werk jener Künstler vertreten sind. Dazu treten noch andere Namen von bewährtem Klange, ivie L. Corinth, Ed. Harburger; auch der hauptsächlich durch den Simplizissimus bekannte Zeichner Th. Th. Heine wird hier als Maler vorgestellt. Nachdem der Schluß dieses glänzend begonnenen und mit gleichmäßiger Sorgfalt durchgeführten Werkes erschienen ist, dürfen die Verlagsbuchhandlung und ihre Mitarbeiter mit Genugtuung auf die Lösung der schwierigen, aber lohnenden Aufgabe blicken. Sie haben sich den Dank vieler erworben, die in der bildenden Kunst eine Quelle geistigen Genusses finden, aber keine kostbare Galerie zu erwerben in der Lage find; sie werden ans dem farbigen Abglanz dieser Werke eine reine und danernde Freude schöpfen. Die deutsche Malerei, aber auch, was wir betonen möchten, die deutsche Technik hat hier einen ungetrübten Triumph gefeiert: denn das Ausland hat der vorliegenden Sammlung etwas Gleichwertiges nicht an die Seite zu setzen. Das ganze Werk von 20 Heften kostet 40 Mk., es werden aber auch einzelne Hefte für je 3 Mark und einzelne Tafeln für je 1 Mark abgegeben. — Alfred Rethel, Auch ein Totentanz, herausgegeben vom Kunstwort. Sechs Bilder mit Begleitstellen und Einleitung von Ferd. Avenarius. Ju Umschlag 1.50 Mark. Verlag von Georg D. W. Callwey, München. — Rethels „Totentanz" ist eine gewaltige künstlerische Frucht der Revoliltionszeit von 1848, eine der größten germanischen Kunsttaten ihrer ganzen Zeit. _____________ Narzissen. Mir wird so bang’ bei Deinen Küssen, Bei Deiner Blicke zagem Fleh'n — ch habe blühende Narzissen in Traum um Deine Stirn geseh’n. Bon Deiner Kinder Schmerz nmjammert, Starrt'st Du mich an gebroch’nen Blicks, Die Hände, weiß und kalt, geklammert Um ein geschnitztes Kruzifix. Seit ich aus Deinen blassen Zügen ?m Traume las die tote Lust, Fühl' ich auf meinen Lippen liegen . as Gift, an dem Du sterben mußt; Seh' ich von allen guten Engeln Verlassen uns; und abschiedsstill Hör' ich den Tod die Sense dengeln. Die nnf're Freuden mähen will. Ein Fürst in stummer Schattengröße, Noch nicht erkannt int Maskenschwarm, Steht hinter Dir. Und schweigend löse Von Deinem Nacken ich den Arm. O, laß mich. Liebste, flieh'n und frage Mich nimmer, was mich treibt von hier! Sieh', Deines Lebens letzte Tage, Ich weiß, gehören nicht mehr mir! Wenn leuchtend hell von ew'gen Firnen Das Frührot Dich des Friedens grüßt, Und, küssend Deiner Stinber Stirnen, Geblendet Du die Augen schließt; Wenn Du ins Ohr erschreckter Knaben Noch hauchst: „Gedeiht dem Vater nach!" — Dann sollst Du mich vergessen haben Und nns'rer Sünden Lust und Schmach. Tann sei getilgt das letzte Sehnen, Das lockend uns int Lenz geeint, Und ausgelöscht die Spur der Tränen, Die Du beim Älätterfall geweint! Dann sollst Du ruhen in den Kissen, So rein, wie treue Mütter geh'u — — Ich habe blühende Narzissen Im Traum um Deine Stirn geseh'n. RndolfPresber^ Zifferblattriitsel. (Nachbildung verboten.) i n in iv v vi vii viii ix x xi xii Statt der Ziffern des Zifferblattes einer Uhr sind die Buchstaben AA, BB, EE, I, K, L, NN, Z derart zu setzen, daß die Zeiger bei ihrer Umdrehung Wörter von folgender Bedeutung berühren» 1—6 chemischer Stoff 2—4 Flüßchen in Württemberg . 4—7 Metall 5—8 amerikanischer Fürstentitel 7—11 Verkehrsmittel 8—11 altbiblischer Name 9—11 altheidnischer Gott 9—12 Name von ungarischen Königen. 11—2 Erquickung. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Zahlenquadrats in vor. Nk.r 5 8 6 7 7 6 8 5 8 5 7 6 6 7 6 8 Redaktion: Anoukl Göb. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buch-- und Steindruckerei. R. Lauge, Gießen»