AttMStüg Den 16. April 1904. Hf & M lauiüiir: Sie Hitzkopf! Ihr lebhaftes Wesen gefällt mir. Warum haben Sie sich denn so aufgeregt über die Reden dieser gemeinen Frau?" „Jedes Mädchen wäre darüber empört" stammelte ich noch immer bebend. „Ich hätte ihr ins Gesicht schlagen TTlÖQCTt/' ' „Ja, ja, das sah man Ihnen an. Wie heißen Sie? Ich habe Ihren Namen vorhin nicht recht verstanden." „Ferrars, Pamela Ferrars", antwortete ich widerstrebend. „Wie?" Das Buch fallen lassend schrie sie laut auf. „Also deshalb ist mir dieses Gesicht gleich so bekannt vor- aekommen! Sie haben die Haare und das Temperament der Tregar. . ." Wie überwältigt von innerer Erregung hielt sie inne; sie war todesblaß geworden und ihre Lippen zuckten krampfahft. „Setzen Sie sich, mein Kind", sagte sie endlich, „und erzählen Sie mir, was Ihnen alles 9 „Aber wozu?" antwortete ich mißtrauisch. Ich hatte an diesem Tage wahrhaftig schon genug Fragen beantwortet. ~ r „Weil ich ein klein wenig das Recht zum Fragen habe. Sie sehen in mir eine einsame alte Frau, erne reiche alte Jungfer. Ich bin Lady Elisabeth Tregar, eine Verwandte von Ihnen. Früher hätte ich einmal die Frau Ihres Vaters werden sollen. Wie seltsam, daß rch hrer rm fernen Osten nun zufällig seiner Tochter begegne! Meine Tochter könnten Sie jetzt sein. . ." Jü ihren kleinen Augen schimmerte es wie Tränen. „Ich habe n lern and auf der Welt als eine launische, selbstsüchtige Kusine, die mich auf meinen Reisen begleitet, und jetzt warte rch aus den Abgang des Daurpfers, der mich nach England zuruck- briugt. . . Nun, Pamela Ferrars, darf ich Sie wohl bitten, sich zu setzen, und mir zu sagen, was Sie hrer in Indien treiben?" „Ich kam nach Indien, um mich mrt einem Manne zu verheiraten, den ich vor Jahren gekannt hatte. Seme Mutter und meine Tante wünschten die Heirat so sehr, und letztere wollte mich gern los sein. So kam ich nach Indien und fand . . ." Zögernd hielt ich inne. "Daß er ein Betrüger war, und obwohl der Hochzeitstag festgesetzt und alles vorbereitet war, weigerte ich mich, ihn zu heiraten." .... , Genau so, wie Ihr Vater ernst mich behandelt hat! unterbrach sie mich heftig. „Das scheint also erblich zu sein . Nun, und was geschah dann? Natürlich waren Ihre beiderseitigen Familien entzückt darüber und überschütteten Sie mit Beifall und Teilnahme?" „Nein, sie waren empört, und da ich kein Geld hatte, sah ich mich nach einer Stellung um. Leider aber war! sie nur vorübergehend, da die Dame nach Japan rerste. Nun kam ich mit der Absicht hierher, in Madras so lange eine Stelle anzunehmen, bis ich mir das Geld zur Heim* (Nachdruck verboten.) Im Makak der Flajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) „Das soll also heißen, daß Sie tatsächlich keine einzige Empfehlung haben?" Sie schob ihren Stuhl zurück. „Ich kann mir eine Menge aus England verschaffen, wenn Sie Geduld haben und mir so lange Ihr Vertrauen schenken wollen. Mit jeder Post erwarte ich eine Empfehlung von Mr. Evans, der Forstmeister im Bezirk Lohara ist. Seine Frau war meine Freundin, sie starb aber ganz plötzlich, und er mußte nach «England reisen. Ich verspreche Ihnen", fügte ich im Gedanken an meine leere Kasse und die nicht bezahlenden Kostgänger in der Crundallstraße, hinzu, „daß ich alles tun werde, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben. Ich bin ein anständiges Mädchen . . ." „Ja, ja", spottete sie, verächtlich den Mund verziehend, „das sagt jede Abenteurerin." „Gnädige Fran!" „Sie brauchen nicht so aüfzufahren. Ich kenne mrch aus mit dieser Art hübscher, gut angezogener und anspruchsvoller Mädchen. Sie haben sich in irgend eine alberne Heiratsgeschichte eingelassen, die dann verkracht ist, und ohne Empfehlungen versuchen Sie nun durch die Türe meiner Kinderstube wieder in die anständige Gesellschaft ■ hineinzuschleichen. Dafür danke ich aber." Ich war so bestürzt über diese rohe und grausame Rede, und so heftig zitterten meine Lippen, daß ich kein Mort hervorzubringen vermochte. „Und nun ich Sie näher betrachte, erinnere rch mrch auch, Sie in Gesellschaft lärmender, aufgeputzter Eurasier gesehen zu haben. Anständige Mädchen mit gutem Ruf verkehren nicht mit solchen Leuten." „„ „Mein Ruf ist ohne Tadel!" rief ich. „Wie können Sie es wagen, mir solche Dinge zu sagen! Das kann nur ein boshafter, schlechter Charakter!" „Schlechter Charakter! Ja, das sind Sie selbst! Ihr Kleid muß mindestens 100 Rupien gekostet haben, wer weiß, wie Sie dazu gekommen sind!" Und mit einer verächtlichen Bewegung erhob sre sich, schritt aus dem Zimmer und ließ mM> zitternd vor Empörung zurück. , , Während ich noch mühsam nach Fassung rang, rief plötzlich eine gellende Stimme: „Kommen Sie mal hierher!" Es war die alte Dame, die ich vollständig vergessen hatte. cc ,, , ,. „Ich habe eine Reise um dre Erde gemacht und bm im Begriff, nach England zurückzukehren", sagte ste, als ich mich ihr zuwandte und sie ansah. „Wenn ich hier bliebe, würde ich Sie gern zur Gesellschafterin nehmen. 226 reise erspart hätte. Mein mir wurde unterwegs fast all mein Geld gestohlen, und so war ich gezwungen, in ein billiges Kosthaus zu gehen, von wo aus eine gute Stelle sehr schwer zu finden ist." „Und wie ich sehe, ist Ihnen dies bis jetzt noch nicht gelungen." Sie hatte den Blick immer fest auf mich geheftet. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: kommen Sie mit mir nach England zurück. Ich werde Ihre Ueber- fahrt bezahlen und Ihnen bei mir eine Heimat bieten." Ich war zu sehr überrascht, um gleich antworten zu können. Endlich sagte ich: „Es ist sehr gütig von Ihnen, Lady Elisabeth, allein ich kann eine solche Gunst nicht von Ihnen annehmen." „Warum nichts Sie sah mich scharf an. „S&eU . . . weil . . ." Die Worte blieben mir in der Kehle stecken, aber der Stolz gebot mir, die Scheu zu überwinden. „Sie wissen den Grund selbst am besten, Mylady." ,^Ja, die Sünden der Väter rächen sich an den Kindern. Nun denn, so folgen Sie Ihrem Kopfe. Sie haben das Gesicht der Ferrars und den Stolz der Tregar, doch wenn Sie so fortfahren, werden Sie einmal Ihre Tage in Kümmer und Elend beschließen. Dann denken Sie vielleicht mit Reue an diesen Tag zurück, und daß Sie das Anerbieten einer alleinstehenden alten Frau ab gelehnt haben." Sie war ärgerlich, ihre Stimme bebte. „Wohin mich mein Geschick auch verschlagen mag, immer werde ich Ihrer Güte gedenken", antwortete ich bewegt. „Wo wohnen Sie gegenwärtig?" fragte sie kurz. „Bei Frau Rosario, Crundallstraße, Vepery." Sie schrieb die Adresse aus. „Vielleicht kann ich Ihnen doch von Nutzen sein. Ich habe Bekannte hier, denen ich Sie empfehlen will. Oder verbietet Ihr Stolz Ihnen, auch diesen kleinen Freundschaftsdienst anzu- nehnren?" „O nein, wenn ich nur einen Menschen, eine einzige befreundete Seele hier hätte, so . . ." „So glauben Die, daß sie sich dann bald noch viele erwerben könnten? Ihr Gesicht, Ihre ganze Erscheinung könnte Ihnen zu entsetzlichen Fallstricken werden, wenn Sie unvorsichtig oder schwalch wären, aber Sie scheinen ja einen festen Millen und eine scharfe Zunge zu haben. Mas gedenken Sie nun zu tun? Vorläufig eigensinnig auf eigenen Füßen stehen und dann natürlich heiraten?" „Ich werde mich niemals verheiraten!" ries ich entschieden. „Ich tauge nicht dazu. Mein Brot hoffe ich mir zu verdienen und zugleich meinen Nebenmenschen nützlich sein zu können." „Ein schönes, erhabenes Ideal, mit dem sich die arme menschliche Natur nur nicht so recht zufrieden geben will. . . Doch nun muß ich Sie leider fortschicken, ich bin zum Vizegouverneur eingeladen und muß mich vorher noch umkleiden. Kommen Sie aber morgen ganz bestimmt zu mir; vielleicht kann ich Ihnen bis dahin schon irgend etwas in Aussicht stellen. . ." „Euer Gnaden, der Magen ist vorgesehen", meldete ern eleganter portugiesischer Diener, und im nächsten Augenblick rauschte eine mit Federn und Spitzen überladene große dicke Dame herein und sagte mit einem Seitenblick nach mir hin: „Aber liebste Elisabeth, noch nicht angezogen? Mr werden ja viel zu spät kommen, und Du weißt, daß nicht zu Trsch gegangen wird, ehe Du da bist." Allein bevor Lady Elisabeth der dringenden Mahnung folgte, reichte sie mir die Hand und sagte: „Geben Sie mir einen Kuß, liebes Kind, und kommen morgen ganz bestimmt." Als sei sie plötzlich in Stein verwandelt, so starr vor Erstaunen schaute ihre Gefährtin mich einen Augenblick an. Rasch aber hatte sie sich wieder gefaßt und führte des Lady nun hastig mit sich fort, damit diese ihre gesellschaftlichen Pflichten nicht versäume. . Mein Gharry wartete noch immer im Schatten eines Fergenbaumes, der Kutscher schlief und auch das Pferd war halb eingeschlummert. Auf meinen Ruf kam der Wagen an die Eingangstüre herangerasselt — und ohne Stellung, aber mit rasenden Kopfschmerzen wurde ich nach der Crundallstraße zurückbefördert. Hier entdeckte ich Frau Rosario, die in ihrer gewohnten Ruhe und Gelassenheit auf der Veranda saß. „Nurr", schrie sie mir schon von weitem entgegen, „gute Nachrichten für Sie und schlechte für mich? Sie gehen natürlich?" „Nein", antwortete ich, dem Weinen nahe. „Ich komme zurück, wie schlechtes Geld. Die Stelle taugte nichts." „O mein, warum denn nicht?" „Sehr viel Arbeit: drei Kinder unterrichten, nähen, Musikstunden geben, Englisch, fremde Sprachen und fünfundzwanzig Rupien Gehalt!" „Ha, die Unverschämtheit, Ihnen das anzubieten!" „Empfehlungen hatte ich auch keine, und 'so war die Sache bald erledigt. Dagegen bietet sich mir vielleicht eine andere Aussicht. Ich traf nämlich zufällig eine alte Dame im Hotel, die meine Verwandten kennt. Zu der will ich morgen gehen." „Ah, die wird Ihnen sicherlich helfen! Und ich werde Sie dann schmerzlich vermissen, denn Sie sind mir eine große Stütze geworden." Dabei drückte sie zärtlich meinen Ajrm und erlaubte nur, mich sofort in mein Bett zu verfügen . . . Da Lady Elisabeth keilte bestimmte Stunde angegeben hatte, wagte ich es nicht, sie vor vier Uhr nachmittags aufzusuchen. Als ich jedoch im Gasthof anlangte, wurde mir gesagt, daß Lady Elisabeth Tregar mit Gesellschaftsdame und Dienerschaft um zehn Uhr morgens nach England abgereist sei. „Ließ sie nicht eine Karte für mich zurück?" fragte ich ängstlich. „Ich will mich beim Portier erkundigen", antwortete der Gasthofbesitzer. Eilig kam der hübsche Portugiese herbeigelaufen und sagte, die doppelte Reihe seiner schönen Zähne zeigend: „Nein, Miß. Die Herrschaften befanden sich in großer Eile; niemand hat mir etwas aufgetragen." So viel von Lady Elisabeth und ihrer versprochenen Hilfe. * Langsam schlichen die Wochen dahin, ohne mir eine Antwort auf meine Zeitungsanzeige zu bringen. Da stellte ich mir dann wohl auf meineu einsamen Abendspaziergängen längs der alten, verfallenen Wälle ärgerlich die Frage: Warum hast du das wohlgemeinte Anerbieten Lady Elisabeths, dich nach England mitzunehmen, nicht angenommen? . . . Was? schrie aber mein Stolz dazwischen: von der Frau, die dein Vater tödlich gekränkt hat, willst du dich erhalten lassen? Niemals! War es nicht ihretwegen, daß die Familien Tregar und Ferrars für immer ihre Hand von denen Eltern abzogen? Und du solltest dich nun als ihr Schützling bei all diesen dir nicht wohlwollenden Leuten einführen lassen? Nein, alles eher als das. Lieber wollte ich noch im Armenhause eine Zuflucht suchen. Anderseits flüsterte mir aber auch wieder eine Stimme zu, daß ich armes Mädchen kein Recht habe, stolz zu sein, und daß ich ohne diesen Stolz wahrscheinlich in London jetzt in Luxus und Wohlleben schwelgen würde, während ich in diesem halbzerfallenen, von Ameisen heimgesuchten Kosthause in Vepery mit leerer Tasche und ohne Aussicht auf Besserung dahinlebte. Ja, ich war tatsächlich beim letzten Penny angelangt. Schon hatte ich der Chinna Ajah zwei von meinen besten Kleidern zum Verkauf an Soldatenfrauen gegeben. Sie hatten fünfzehn Pfund gekostet, und ich erhielt nur fünfzehn Rupien dafür. Kaum noch eine Woche lang konnte ich mein Kostgeld bezahlen. Friedrich Augustus behandelte mich bereits mit schweigender Verachtung. Eulalie versuchte kein Geld mehr von mir zu borgen, sondern sagte in mitleidigem Tone: „Sie Aermste, ich weiß, Sie sind ebenso übel daran, wie ich", und Lily fing schon an, mir unhöflich zu begegnen. Sicherlich fragten sich bereits alle, ob ich, eine Fremde, nun wohl ebenfalls so weit herabsinken und der gutmütigen, mildtätigen Frau Rosario zur Last fallen würde. Nein, ich durfte nicht länger zögern, sie wenigstens mußte die Wahrheit erfahren. Als wir eines Abends wieder einmal allein miteinander auf der Veranda saßen, während die übrigen Hausbewohner ihren Vergnügungen nachgingen, begann ich ohne Umschweife: „Frau Rosario, ich habe Ihnen etwas sehr Mchtiges mttzuteilen." „Nun, was ist es, liebes Kind? Haben Sie einen 227 Hekratsantrag bekommen?" Aufgeregt griff sie nach meiner Hand. „O nein, nichts derartiges. Ich habe keine Stellung finden können und nun all mein Geld ausgegeben. Meine Verwandten zu Hause sind böse auf mich, ebenso meine Bekannten in Indien, denn ich kam hierher, um mich zu verheiraten, und weigerte mich in letzter Stunde." „O du lieber Gott! Warum taten Sie denn das aber auch?" „Weil ich den Mann nicht liebte und er mich betrog." „Nun ja, besser keinen Mann als einen schlechten. Der meinige war auch kein sehr netter." „Da ich nun aber kein Geld mehr habe, kann ich auch nicht mehr hier bleiben." „Warum denn nicht?" Sie war ganz erstaunt. „Manche meiner Kostgänger warten Monate lang, bis sie bezahlen, andere bezahlen überhaupt niemals, lassen sich aber durchaus keine grauen Haare darüber wachsen und ich auch nicht. . . Sie bleiben hier." Liebkosend legte sie ihre Hand auf die meinige. „Nein, das kann ich nicht. Es ist sehr gut von Ihnen, daß Sie mich halten wollen, aber es geht nicht. Man sagte mir, daß es hier ein Obdachhaus für arme Europäer gebe, dorthin will ich gehen. Ich muß dann eben meinen Stolz beugen und meine Tante bitten, mir das Uebersahrtsgeld zu leihen. Sobald sie es schickt, kehre ich nach England zurück, wo sich einem gebildeten Mädchen eine Menge Aussichten bieten." „Leicht wird es Ihnen aber doch wohl nicht werden, Ihren Stolz zu beugen?" fragte sie sanft und mit beredten Augen. „Nein, schwer, sehr schwer wird es mir. . ." „Nun denn, Sie suchen eine Stellung, und ich sage Ihnen, sie ist gefunden. Ich kann Ihnen eine anbieten, dann brauchen Sie Ihren Stolz nicht zu beugen. Hören Sie mich ruhig an. Sie wissen, daß Lily in vierzehn Tagen geht. Wer soll sie ersetzen? Ich bin unserm Hauswesen und den schrecklichen Dienstboten nicht gewachsen und muß mich somit nach einer anderen Haushälterin umsehen. Warum wollen Sie den Posten nicht annehmen? Wir beide verstehen uns und haben uns gern. Sie machen die Ein- käufe und führen die Bücher. Ich gebe Ihnen ein eigenes kleines Zimmer und zwanzig Rupien im Monat samt freier Wäsche. Das bringen Sie mir reichlich wieder ein." „O, Frau Rosario, wie freundlich von Ihnen!" stammelte ich gerührt, obwohl dies nicht gerade die Art Stellung war, die ich suchte. Allein auch diesmal hieß es wieder, sich bescheiden. Liebevoll hielt sie meine Hand in der ihrigen und drückte sie zärtlich. „Sobald sich Ihnen eine bessere Stellung bietet, können Sie sie ja sogleich annehmen. Ich will Ihnen ganz gewiß nicht im Wege stehen, und daß Sie über kurz oder lang etwas finden werden, steht außer Frage. Bis dahin aber ist Ihre Heimat hier." Dabei legte sie die Arme um meinen Hals und küßte mich auf beide Wangen. „Wie gut sind Sie, Frau Rosario! Wie soll ich Ihnen danken?" „Ich habe Sie in mein Herz geschlossen, mein liebes Kind; gleich vom ersten Augenblick an. Betrachten Sie mich von jetzt an als Ihre Mutter." „Ach, ich habe meine Mutter ja nie gekannt!" „Nun, dann als Ihre Tante." Was meine Tante, die schlanke, vornehme Aristokratin wohl zu dieser schwarzen, unförmlichen Stellvertreterin gesagt haben würde? So wenig schön indes Frau Rosarios Aussehen auch sein mochte, ihr Herz war es jedenfalls, worin sie mir ein Plätzchen eingeräumt hatte. „Nun also, die Sache ist abgemacht. Lily wird sich freuen, denn sie braucht die Zeit für ihr Studium, und wir anderen haben auch nichts dagegen, wenn sie vorzeitig ihr Amt niederlegt, denn ihr Geiz wird immer unerträglicher; wir fürchten uns alle vor ihr", fügte sie gut gelaunt hinzu. (Fortsetzung folgt.) Maudereten aus der Kaiserstadt. (Nachdruck verbaten.) Der Kampf um das „Treppchen". — Circenfifche Künste. — Vom seligen Abs. .Am Opernhaus, das wegen seiner vielfach außen angebrachten Rettungssteige heuer das „Treppchen" getauft ist, befindet sich über dem Eingang, der Hedwigskirche gegenüber gelegen, ein merkwürdiges Relief. Von sechs korinthischen Wandpfeilern getragen, erhebt sich, mit den Statuen der drei Grazien geschmückt, ein Giebelfeld, das den Sohn der Kalliope, Orpheus, darstellt, wie er durch Gesang und Saitenspiel allerlei wildes Getier sanftigt und an sich lockt. Ein einziges nur verharrt in träger Stumpfheit, getrennt von Löwen und Panthern, und scheint für die Macht der Töne auch nicht die geringste «Empfänglichkeit zu besitzen: das ist das brave Wappentier der Haupt- und Residenzstadt Berlin, der Bär. Zweifellos hat dieser Architektenscherz zu Knobelsdorffs Zeiten seine Berechtigung gehabt; aber im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Blättchen durchaus gewendet. Die Bürger Berlins sniü fast ein bißchen zu musikalisch geworden, und es wird die allerhöchste Zeit, daß wir ein Opernhaus bekommen, in dem etliche hundert Hörer mehr Platz finden können. Das soll denn auch glücklich in die Wege geleitet werden. Schon ist bestimmt, daß der alte, nach dem Vorbild des Pantheon zu Athen vom Baumeister des „alten Fritz", Knobelsdorfs, anno 1742 aufgeführte, und nach dem Brande von 1840 unter geringen Aenderungen wieder erneuerte Bau verschwinden soll und auf dem Terrain unter Hinzunahme des benachbarten Prinzessinnen-Palais ein neues Heim für die kaiserliche Oper erstehen soll. Da meldet sich endlich der Smn für Pietät, der lange genug geschlummert hatte und an den oftmals skandalös mit Gerümpel aller Art verstellten Fenstern der Ostfront Jahrzehnte lang schweigend vorüber gegangen war, und entfacht eine Bewegung zur Erhaltung dieses Kunfttempels, dessen erste Skizzen der große König einst selber entworfen haben soll. Da wir in der maßlos gewachsenen Metropole mit ihrem lebhafter gewordenen Kunstsinn recht gut zwei Häuser gebrauchen können, in denen die Oper zu ihrem Recht kommt, so wäre es vielleicht gar nicht von der Hand zu weisen, wenn man das alte Haus für Konzerte und Spielopern beibehielte; denn dazu würde es zweifellos auch nach Entfernung der Außentreppchen umgemodelt werden können, ohne irgendwelche Katastrophen durch Feuersgefahr befürchten zu lassen. Für die große Oper und das moderne Musikdrama aber hieße es dann, einen neuen Platz suchen. Und da sind unsere Projektemacher natürlich lebhaft an der Arbeit. Die genialste Idee ist ohne Zweifel jene, die den eben einsetzenden Neubau der Königlichen Bibliothek verhindern möchte, um den nach allen Seiten frei gelegenen Platz der niedergelegten Kunstakademie unter den Linden für das neue Theater zu verwenden. Andere denken an den Königsplatz im Bezirk des Tiergartens, wo ehemals Kroll regierte. Wer das wäre jedenfalls nicht gerade wünschenswert, weder für den Käiser, noch für das Publikum. Auch das „rote Schloß" mit seinen Hintergebäuden, ein mächtiges Geschäftshaus am Schloßplatz vor dem Eingang zur Brüderstraße, hat einer unserer Architekten ins Auge gefaßt. Es stammt aus den 60er Jähren des vorigen Jahrhunderts, wo es die Berliner Architekten Ende und Böckmann erbaut haben. Die Lage dieses Terrains wäre zweifellos günstiger als jenes am Königsplatz. Ob diese in letzter Stunde einsetzende Aktion aber noch irgend welche Berücksichtigung erfährt, dürfte mehr als zweifelhaft erscheinen. Von unseren Tummelplätzen für circenfifche Künste steht der eine — Zirkus Schumann — schon verlassen; bei Busch jedoch blüht das Geschäft besser wie je dank der Sensationen, die er dem Publikum durch waghalsige Schleifen- sahrer und Ringkämpfer bietet. Der Unfug des Schleifenfahrens wiÄerholt sich in immer neuen tolleren Variationen. Der letzte dieser „Künstler" leistete sich am Samstag und Sonntag der verflossenen Woche das gruselige Vergnügen, abzustürzen. Das'letztemal hätte er dabei fast einen zum Dienst kommandierten Feuerwehrmann ums Leben gebracht, ohne allerdings selbst erheblichen Schaden zu nehmen. Das Publikum klatschte, anstatt gegen derartige halsbrecherische Unsinnigkeiten zu opponieren. W ist eben eine derbe Kost gewöhnt. Man muß diese Be-, wunderer strammer Muskeln und Physischer Kräfte beobächtet 228 haben, tote sie mit aufgerissenen Augen, roten Gesichtern uitb fiebernden Pulsen einen Ringkampf zwischen irgend einem nrassig gebauten Russen und einem ihm an Fleisch nichts nachgebenden Franzosen verfolgen. Ist der Sieger im Streit gar ein Deutscher, so ist des frenetischen Jubels kein Ende. Auch eine Sorte von Patriotismus! Weshalb Reinhold Begas für solche Veranstaltungen allemal das Preisrichteramt übernimmt, ist mir unverständlich. Wie übrigens bei derartigen Wettkämpfen mitunter gemogelt wird, habe ich seinerzeit erleben können, als der Hamburger Athlet Abs, der nachher kümmerlich an der Schwindsucht gestorben ist, mit dem „furchtbaren Griechen" Pierri rang. Man hatte da eine ganze Reihe von Abenden entriert und kontraktlich festgesetzt, wer heute und wer morgen zu siegen hatte, resp. welche Kämpfe als unentschieden abgebrochen werden sollten, um die Spannung des lieben Publikums gehörig zu erhöhen. Als man schließlich halb und halb dahinter kam, waren die beiden intelligenten Kraftmeier ungefähr fertig und gingen mit ihren gefüllten Brieftaschen lachend davon. Da die Welt ja einem alten Sprichwort nach betrogen sein will, so haben ihr die beiden Ringer damals also nur den Willen getan. Und wer das in diesem Sinne versteht und wahrnimmt, kann noch immer reich dabei werden, auch an der Spree, womit ich nicht etwa gesagt haben will, daß es bei Busch Nicht nach allen Regeln ehrlich zuginge. Im Gegenteil, ich zweifle keinen Augenblick daran, schon um nicht von einem dieser Kolosse gelegentlich aus beide Schultern niedergelegt zu werden. Vermischtes. * (Sin In s ekten d u ell, einen Kampf zwischen einer Spinne und einer Wespe, beschreibt R. M. Bawington im „Irisch. Naturallist." tote folgt: Kaum hatte die Spinne die im Netze zappelte Wespe bemerkt, so machte sie erst einen Sprung seitwärts, sprang dann rasch hinter die Wespe und schoß aus ihrer Spinndrüse einen Jaden, der als eine Art Lasso ein Bein derselben fing. Sie zog sich dann beobachtend zurück, während die Wespe sich zu befreien suchte. Fast wäre ihr das gelungen, aber mit einem neuen Sprung warf jene ein neues Lasso über sie, das sie so stark traf, daß sie wieder in einen der Hauptsäden des Netzes fiel. Die Spinne beobachtete zuerst wieder mit aufgerichtetem Körper, dann lief sie um die Wpspe herum, und spann, ohne sie zu berühren, ihre Flügel ein. Als später die Wespe aus Müdigkeit für einen Augenblick mit ihrer Arbeit aufhörte, stürzte jene sich auf sie, um sie zu umwickeln. In weniger als 1 Minute war letztere wie eine Mumie eingehüllt, wobei die Spinne teils um sie herumging, meist aber mit ihren Beinen jene in eine drehende Bewegung versetzte. Sie hörte erst auf, als die Wespe aussah, wie eine grauweiße Schmetterlingspuppe und nichts mehr von ihr zu sehen war. * Papageien, die sich bezechen. Auf Ceylon gibt es eine Art von Fledermauspapageien (Coryllis in- dicus), die Mittel und Wege gefunden hat, sich in Pflanzensaft zu betrinken. Tie dortigen Eingeborenen pflegen die Zuckerpalmen anzubohren; sie fangen den ausströmenden Saft in angebundenen Gefäßen auf, in denen er gärt und daun zu einem „Toddy" (Palmwein) genannten berauschenden Getränke wird. Ties haben nun jene Papageien aus- gekuudschaftet und nehmen von dem Toddy unter Umständen so viel zu sich, daß sie bewußtlos und in diesem Zustande von den Eingeborenen leicht eingefangen werden. So berichtet Prof. Tr. W. Marshall in der 27. Lieferung seines populären Prachtwerkes: „D ie Tiere derErde" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), mit der die Naturgeschichte der zweiten Wirbeltierklasse, der Vögel, beginnt. Diese vorzügliche geschriebene Tierkunde für jedermann steht illustrativ ganz einzig da, indem ihre Abbildungen (mehr als 1000, darunter 25 Farbendrucktaseln) ausnahmslos nach photographischen Aufnahmen lebender Tiere hergestellt worden sind. Ter der 27. Lieferung beigegebene prächtige Farbendruck stellt einen Kronenkranich dar. Tie Ausgabe der „Tiere der Erde" erfolgt zur Erleichterung der Anschaffung in 50 Lieferungen zu je 60 Pfennig. * Eine eigenartige Grabschrift ist auf einem Grabstein in der Kirche in Steinach im Kinzigtal (Baden) eingemeißelt. Tie Verstorbene war vor rund 125 Jahren Wirtin zur „Flasche" — das Wirtshaus soll noch stehen — sie verfaßte, anscheinend von Gewissensbissen geplagt, die Grabschrift selbst, die wie folgt lautet: Komme lieber Gast und lese da, Hier lieg ich tot, Rosalia, Nachdem ich 44 Jahr Eine gute Eh- und Wirtsfrau war. Da nun mein Fleisch in Staub vergeht, Wie meinst, daß 's meine Seele steht? Wo ich kein Heller Zech' mehr lös, Als nur für das, was gut und bös, Ja, was ich auch nicht selbst getan. Rechnet man mirs aufs Genaueste an. Und muß bezahlen fremde Schuld, Wenn ich was Böses hab geduld. Laßt dieses Euch zur Warnung sein Ihr Wirt und Alle insgemein. Sprecht bei meinem Wirtshaus zu, Sprecht: Gott geb ihr die ewige Ruh', Anno 1780, 19. August. Literarisches. — George Meredith: Richard Feverel. Eine Geschichte von Vater und Sohn. Autorisierte Uebertragung von Julie Sotteck. (S. Fischer, Verlag, Berlin). Geh: 4 Mk. George Meredith gilt in feiner Heimat als etn Klassiker des Romans. Wer er hat das patriarchalische Alter erreicht, ehe man auf dem Festlande auf ihn aufmerksam wurde. Diese Verspätung des Interesses wird indessen dem Verständnis des eigenartigen, ost etgensmntgen Mannes dienlich sein. Meredith ist eine so ausgeprägte Persönlichkeit, sein Blick in die Menschenseele und in dte soziale Welt ist so unbestochen und charaktervoll, daß dte Schätzung seiner Produktion mit der oberflächlichen Entwicklung nicht in gleichem Schritt kommen konnte. Erst jetzt, da die Arbeit der besten Männer des 19. Jahrhunderts beginnt, unsere Kultur und Geistesverfassung seelischer zu machen, wird auch Meredith das rechte Geuor bei uns finden. „Richard Feverel" ist sein erster größerer Roman: ein Werk, aufs reizvollste zusammengesetzt aus der Spannung äußerer Geschehnisse und der Verttefung der psychologischen Einsicht. Es ist eine Erziehungsgeschicy.e im doppelten Sinne. Ten Mchard Feverel will fern Barer nach seinem System erziehen, indes das Leben ihn nacg seiner Kraft bewegt und vorwärts treibt. Humor, Poesie und ein unverrückbares ethisches Grundgesühl, das an Kraft der Intuition demjenigen Tolstois nichts nachgtbt, nur daß es von aristokratischer Natur ist, machen diesen Roman zu einer der seltenen belletristischen Erscheinungen, die ein tieferes Lebensinteresse beanspruchen. Königszug. (Nachdruck verboten). Die Silben sind so zu verbinden, wie der König aus dem Schachbrett zieht, nämlich von einem Feld auf em beliebiges Nach barseld. wirkst klar sen und ge stern dir du auf kannst liegt auch Heu ein kräs mor frei sei lich der gen tig sen nicht glück das mm Hof Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Bücherverzeichnis Redaktion! August Götz. — Rotationsdruck und Vertag der Brühf fcheu vniversttäts-Bucb- und Cteindruckerei. R. Lange Gießen.