sw Witlrvoch den 16. März -/ eAo 1 ff . I ■sTq siÄL I. (Nachdruck verboten.) 3m Dalak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Bischer. (Fortsetzung.) Nach etwa zwanzig Minuten kehrte Mrs. Hassall zurück, um mich zu holen. Wogen von gelbem Seidenstoff umrauschteu sie. Ihre Absicht, ein Teekleid anzuziehen, hatte sie augenscheinlich aufgegeben, und das prachtvolle, offenbar von einer europäischen Kleiderkünstlerin angefertigte Staatsgewand kleidete ihre schmächtige Erscheinung vortrefflich. Den Hals umschloß eine Perlenschnur, ein Brillantstein funkelte im dunkeln Haar, und die kleinen Augen blitzten vor selbstgefälliger Zufriedenheit. „Nun kommen Sie rasche — sie streckte mir ihren mageren, mit Goldreifen geschmückten Arm entgegen —, „es ist fast acht llhr, und mein Mann ist ein unruhiger Geist, der mich von einem Ort zum andern hetzt und doch stets behauptet, ich komme zu allem zu spät." So plaudernd, führte sie mich in den Salon, wo sich zu meiner großen Erleichterung, außer einem untersetzten Hern: im Gesellschaftsanzug mit tief ausgeschnittener Weste noch niemand befand. Freundlich kam er auf mich zu und reichte mir die Hand. „Mein Mann, Oberst Hassall." „Sehr erfreut, Sie in unserem Hause begriißen zu dürfen." Und mit einem bedeutungsvollen Lächeln fügte er hinzu: „Es tut mir uur lech, daß Ihr Besuch von so kurzer Dauer sein wird." „Mein lieber Horaz", unterbrach ihn seine Gattin, willst Du so freundlich sein und nachsehen, ob Ahmed auch den richtigen Bordeaux in Bereitschaft hat? Du erinnerst Dich des neulichen Mißverständnisses. . . Sie aber bitte ich, sich zu setzen und zu tun, als gehörten Sie mit zur Familie. Kommen Sie hierher aufs Sofa und sagen Sie mir, wie Ihnen mein Salon gefällt." Ich schaute mich um. Es war ein ungewöhnlich großer Raum. Drei breite Glastüren führten auf die Veranda. In einer Msche stand ein Flügel, im Kamin gegenüber brannte, der kühlen Jahreszeit entsprechend, ein Holzfeuer. Der Boden war mit Matten bedeckt, auf denen verschiedene kostbare persische Teppiche lagen. Vorhänge und Möbelstoffe waren hellrosa, die Möbel selbst aus weißem Holz. Dazwischen standen in geschmackvoller Anordnung eine Menge großer Palmen, auch an Gemälden, Photographien und reizenden Nippsachen war kein Mangel, und über dem ganzen lag der milde Schimmer rosig beschatteter Lampen. „Es ist wohl der hübscheste Raum, den ich jemals gesehen habe'", bemerkte ich endlich aus voller Ueber- zeugung. „Ich freue mich, daß er Ihnen gefällt. Er gilt aber auch! als Muster für ganz Bareda und hat mich viel Arbeit und Kopfzerbrechen gekostet. Da wir indes fünf Jahre festsitzen, so lohnte die ganze Einrichtung wenigstens der Mühe. . . Ah, da sind sie wohl schon!" rief sie, als sich das Rollen von Wägen vernehmen ließ, welche die Rampe herauffuhren. Bald darauf erschienen die Gäste. Zuerst Mrs. Metcalfe, eine kleine, lebhafte, elegant gekleidete Frau, mit Stumpfnäschen und hübschen Augen, begleitet von ihrem Gatten, dem Obersten, einem breitschulterigen Herrn, dem man den Militär wohl ansah. Ihnen folgte Miß Flasham, eine auffallend hübsche Blondine in schwarzem, silberge-. sticktem Kleide, ferner Hauptmann Maillard, ein heiterer, noch junger Offizier mit großer Nase und klugen, blauen Augen. Er war zu meinem Tischnachbar bestimmt und ließ es sich, als wir uns Arm in Arm ins Speisezimmer begaben, sofort angelegen sein, mich aufs liebenswürdigste zu unterhalten. Ich konnte nicht umhin, den geschmackvoll mit Blumen und Silberzeug geschmückten Tisch, sowie die lautlos waltenden, schneeweiß gekleideten Diener zu bewundern, von denen für jeden Gast einer bestimmt war und die sich unter einander an Dienstfertigkeit überboten. „Cie kommen hoffentlich heute abend mit auf den Ball, Miß Ferrars?" fragte mein Tischnachbar. „Ich habe nicht die Absicht." „Finden Sie es nicht auch abscheulich von ihr,, daß sie das Aschenbrödel spielen will?" fiel Mrs. Hassall mit ihrer gellenden Stimme dazwischen. „Mein Ruf als Mrtiw wird dadurch, für immer vernichtet." „O der kann durch nichts angefochten werden"', entgegnete mein Nachbar höflich. „Uebrigens muß ich Ihnen sagen, meine Liebe", ries sie über den Tisch herüber mir zu, „daß wenn Sie erst mal nach Rutnagherry übergesiedelt sind, es vorbei ist mit Bällen und ähnlichen Vergnügungen! Das dürfen Sie mir glauben!" „O, das schadet nichts, mir liegt nicht viel am Tanzen", versicherte ich keck. „Dann kommen Sie doch wenigstens zum Zusehen; das ist. doch immerhin etwas." „Ich, möchte aber wirklich lieber zu Hause bleiben, wenn. Sie es erlauben", entgegnete ich hartnäckig. „Nun denn, so tun Sie, was Sie wollen. Uebrigens passen Sie in Ihrer Abneigung gegen den Tanz vortrefflich zu Watty, denn als Tänzer ist er wirklich! schrecklich", fuhr sie fort, sich nun der ganzen Gesellschaft zuwendend. „Als habe er einen Kartoffelsack im Arm, so unbarmherzig zerrt er seine Tänzerin herum." Ich fühlte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Mein Nachbar aber schien Mitleid mit mir zu haben; denn er lenkte das Gespräch sofort in andere Bahnen, indem er mich nach den neuesten englischen Büchern fragte. Allein 162 auch hierüber vermochte ich armes Landkiud keine rechte Auskunft zu geben, und schon begann Tizzie wieder mit ihren spöttischen Bemerkungen, als ihre Aufmerksamkeit zum Glück durch eine schmeichelhafte Bemerkung Mrs. Metcalfes über ein eben anfgetragcnes neues Gericht abgelenkt wurde, worauf sich zwischen den beiden ein lebhaftes Gespräch Über- Haushaltung und Dienstboten entspann. „Hier in Indien", sagte Tizzie, „haben wir Hausfrauen es freilich weit besser als in Europa. Will mau ein Essen oder sonst ein Fest geben, so läßt man seinen Hausmeister kommen, teilt ihm das Vorhaben mit und sagt mit einer gebieterischen Handbewegung: „Bundobast kurru!" Damit ist alles abgetan." „Was bedeuten diese rätselhaften Wortes" fragte ich meinen Nachbar. „Einfach: Triff deine Vorbereitungen, und sie werden aufs pünktlichste getroffen, Sie dürfen mir's glauben. Die Hauptsache ist, daß man sich einen gewandten und zuverlässigen Hausverwalter zu verschaffen weiß, dann ist, man geborgen? Ich bin nämlich", fügte er, seine Stimme dämpfend, hinzu, „ebenfalls im Begriff, mich zu verheiraten, und erlaube mir, Ihnen diesen guten Rat zu geben." „Ich nehme ihn auch dankbar an, obwohl wir auf unserer Plantage wohl kaum Gelegenheit zu viel geselligem Verkehr haben werden." „Eine Plantage!" wiederholte er verwundert. „Sie sehen eher aus, als seien Sie für die große Welt geschaffen." „Kommt Ihre Braut ebenfalls von England?" wagte ich zu fragen. „Nein, Sie wohnt in Kalkutta, wo ihr Vater Beamter beim Finanzministerium ist. Voriges Jahr lernten wir uns in Simla kennen. Leider bin ich niemals mit Ihrem Mr. Thorold zusammengetroffen, dagegen kenne ich seinen Vetter im Zivilstaatsdienst recht gut. Er ist ein vorzüglicher Polo- spieler und bildhübscher Mensch dabei außerordentlich tüchtig in seinem Beruf." Da mußte ich also schon wieder eine Lobpreisung jenes anderen Thorold mit anhören, den ich wie ich deutlich fühlte, allmählich geradezu zu hassen begann. „Einen anderen Thorold lernte ich auch einmal hoch oben in Tirhut oberflächlich kennen", fuhr Hauptmann Mail- lard fort, „der aber einen rechst schlechten, heruntergekommenen Eindruck machte. „Natürlich kein Verwandter?" „Nein, hoffentlich nicht." „Sind Sie musikalisch? Lieben Sie die Musik?" wandte sich mein Nachbar nach kurzer Pause wieder an, mich. „Ja, Musik liebe ich über alles." „So geht es auch mir", erwiderte er mit unerwarteter Wärme, worauf sich ein äußerst lebhaftes Gespräch zwischen uns über diesen Gegenstand entspann. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Kaum waren wir Damen dann im Salon angelangt, so kam Miß Flasham mit freundlichem Lächeln auf mich zu. „Sie haben sichrer schon erfahren, daß ich eine Ihrer Brautjungfern sein werde. . . ich die ich noch nie ein Wort mit Ihnen gesprochen habe! Das kommt Ihnen gewiß seltsam vor?" „Nicht mehr als alles aridere aud); denn mir erscheint vorläufig noch alles seltsam hier." „Cie wissen natürlich wie die Hochzeitsfeier vor sich gehen soll?" „Nein, es war noch keine Zeit, mir das Nähere mitzuteilen." „Wirklich? Mrs. Hassall versteht sich nämlich vorzüglich auf die Veranstaltung solcher Feste; niemals fehlt es ihr au neuen Ideen. Am Samstag um halb drei Uhr soll also die Trauung stattfinden . . . Wie drollig, daß ich, eine Fremde, Sie, mit den Einzelheiten Ihrer eigenen Hochzeit bekannt machen soll! Unmittelbar an die Trauung schließt sich nach der üblichen Gratulationskour das Gartenfest an. Um fünf Uhr werden Sie abreisen. Von Dola aber haben Sie doch gewiß gehört?" „Nein, ist das etwas zu essen?" „Du liebe Zeit, nein." Sie lachste laut auf. „Dola ist der Name eines indischen Palastes, den sein Besitzer an junge Ehepaare während ihrer Flitterwochen vermietet. Fast sämtliche junge Paare unseres Bezirks verbringen dort ihren Honigmond . . . Mr. Maxwell Thorold ist der erste Brautführer." „Warum denn gerade Mr. Thorold?" fragte ich ärgerlich. „Weil er eine der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Stadt und der Vetter Ihres Bräutigams ist." „Ja, ja, ich habe schon zur Genüge von ihm gehört", versetzte ich abwehrend. „Tizzie hat mir vor Tisch von ihm erzählt." „In ihren Augen gibt es nämlich seines gleichen nicht mehr auf der Welt. Und er ist auch in der Tat sehr nett, obgleich ich in meiner Begeisterung nicht so weit gehe wie Mrs. Hassall, die behauptet, er habe ein goldenes Herz und einen eisernen Willen." „Wie lächerlich! Und er hat am Ende auch einen silbernen Kopf und eine stählerne Hand, oder ist er nur ein ehernes Götzenbild mit tönernen Füßen?" spottete ich bitter. „Noch nicht ein einziges silbernes Härchen hat er unter seinen rabenschwarzen Locken, und was seine Füße anbelangt, so sind die auf dem besten Wege Karriere zu machen. Wem das Glück beschieden ist, Mrs. Thorold zu werden, die wird wohl eines Tages als Gattin eines Vicegouverneurs erwachen." „Ach, verzeihen Sie, wenn ich störe", unterbrach uns Tizzies laute Stimme, „allein ich weiß, daß Sie Klavier spielen, Pamela. Deutlich hörte ich Sie bei Tisch mit Hauptmann Maillard über Grieg und Bendel debattieren. Kommen Sie, bitte, und spielen Sie etwas, was Sie wollen. Tie Hauptsache ist, daß die Herren dadurch hereingelockt werden, denn ich rann es nicht ausstehen, wenn sie so lange zusammenscheu und rauchen. Tie Zeit vergeht, wir müssen uns ohnehin bald auf den Weg machen." Widerstandslos folgte ich ihr zu dem prachtvollen Bech- steinflügel, streifte meine Armbänder ab und begann, wie verlangt, zu spielen — um die Herren herbeizulocken! Nervöse Aengstlichkeit beim Spielen war mir von jeher fremd. Sobald meine Finger die Tasten berührten, war jede Erregung verschwunden; auch hatte ich in München häufig in Schülerkonzerten vor einem kritischen Publikum gespielt. Nach" einem kurzen Vorspiel ging ich in das Vogelmotiv aus Siegfried über, dann folgte ein norwegisches Lied und endlich Bendels Sonntagmorgen. Ich fühlte mich meiner Umgebung entrückt und vertraute dem Klavier, wie einem lieben Freunde, meine Enttäuschung, meine Sorgen und Befürchtungen an. Endlich hielt ich inne und sah über die Schulter zurück. Tie Herren waren richtig dery Rufe gefolgt, und auch die Tameu hatten sich von ihren Sitzen erhoben. Eine lange, schmeichelhafte Stille folgte, und dann brach der Beifall los, ach, nur viel zu viel." „Ich. hatte keine Ahnung, daß Sie so vollendet spielen!" ries Tizzie. „Welcher Jammer, daß diese Kunst, die hier so nützlich wäre, auf einer Teepflanzung begraben werden soll!" Hauptmann Maillard, Miß Flasham und die übrigen überschütteten mich nun ebenfalls mit bewundernden Bemerkungen und Dankesworten und suchten mich noch einmal zu überreden, sie auf deu Ball zu begleiten. „Ach ja, kommen Sie doch mit", bat Miß Flasham. „Es ist ja zu traurig für Sie, allein hier zu bleiben." „Wer weiß, ob sie lange allein sein wird!" fiel Tizzie mit vielsagendem Lachen ein. „Hier sind übrigens schon die Wagen. Eilen wir uns, sonst kommen wir zu spät., Ich habe den ersten Tanz vergeben, und der Ball beginnt pünktlich um neun Uhr." Mährend die Gäste eilig das Haus verließen, kam Tizzie in ihrem langen Abendmantel noch einmal zu mir zurückgelaufen und sagte: „Nun, also, gute Nacht, meine Liebe. Ich lasse das Haus unter Ihrem Schutzs! Bleiben Sie nicht zu lange auf, ivenn Sie müde sind, denn ich glaube nicht, daß er diesen Abend noch kommen wird." Eine kurze Pause folgte, dann fügte sie, mir auf den Arm tätschelnd, hinzu: „Sie sind wirklich ganz anders, als ich Sie mir vorgestellt habe!" Damit huschte sie eilig davon. (Fortsetzung folgt.) Japanischer Khauvinismus. (Aus den „Basler Nachrichten".) Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich bei vielen Kriegen die öffentliche Meinung von vornherein auf die Seite des Kleinern stellt. Auch jetzt sind nicht nur in England, wo politische Erwägungen mitspielen, sondern auch 163 in Amerika und zum großen Teil auf unserem Kontinente die Sympathien auf japanischer Seite. Man hat nun eben eine Vorliebe für das Jnselreich!, und rühmt, wie rasch es seine bald Jahrtausende alte chinesische Kultur mit der unfeigen zu tauschen vermocht hat. Tie Hunderte von Weltbumm- lern, welche jährlich das Land besuchen und die freundlichste Aufnahme finden, kehren voll Anerkennung nach Hause, werfen bann Berge von bewundernden Büchern und Aufsätzen vor das wissensdurftige Publikum, und unterhalten damit die günstige Stimmung. In den Fremdenkolonien Ostasiens hat sich jedoch ein weniger optimistisches Urteil über Japan herausgebildet, obschon, oder vielleicht gerade weil sie Gelegenheit haben, im nahen Verkehr die Jnselasiaten tiefer als nur auf ihre liebenswürdige Oberfläche zu prüfen. Am häufigsten beklagt man sich über ihre niedrige geschäftliche Moralität und ihren Mangel an Offenheit und Zuverlässigkeit. Was aber für die Entwicklung unserer gegenseitigen Beziehungen noch bedenklicher erscheint, ist der . wachsende Chauvinismus der Japaner. Die Kultur hat er uns abgeborgt, da er neuerungslustig ist und da sie ihm nützt, aber von dem Europäer will er nichts mehr wissen. Ein latenter Fremdenhaß ist überall vorhanden. Allerdings tritt er nicht mehr in so drastischer Weise zu tage, wie in den Zeiten der trotzigen Zweischwerter-Männer, jetzt ist er meist unter einer glatten Decke verborgen. Er lebt aber auch heute noch unter allen Volksschichten, weniger merklich im Innern, wo man dem „Jnjindanna", dem Westherrn, immer noch mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit begegnet, stärker in den Jndustriebezirken und Hafenstädten, dort, wo Fremde und Eingeborene nebeneinander leben und in tägliche Berührung kommen. Schon die Straßenjugend amüsiert sich damit, dem Europäer etwa nekobäba, Ketojin, ijinbaka (Katzenauswurf, haariger Barbar, Westnarr) nachzurufen, und wenn dieser die Landessprache genügend beherrscht, um ihre Nuaneen abzuschätzen, so wird er sich wundern, in welchen Ausdrücken der gegen Höherstehende sonst so liebenswürdige Eingeborene oft von uns spricht. Für einen Europäer ist es nicht ratsam, einen ruppigen Kuli zur Rede zu stellen, denn er hat zuweilen sofort die ganze Zuschauermenge gegen sich. Sobald es gilt, gegen einen Fremden Stellung zu nehmen, hält alles zusammen, wie ein Mann. Während meines Aufenthaltes in Japan wurde der englische Kapitän des Nippon Dusen Kaisha Dampfers „Kobe Marn"" von einer Schar Matrosen und Kuli in seiner Wohnung nachts überfallen und mit Eisenstangen zu Boden geschlagen, weil er nach der Landung zwei Kuli entlassen hatte, welche trotz wiederholter Verweise mit brennender Zigarette im Munde seine Befehle entgegenzunehmen pflegten. Damals wurde auch eine Schweizerin in ihrer Jinriksha von Soldaten mit Steinen und Kot beworfen, und vor einigen Jahren der russische Konsul Lobanow, der in der Sommerfrische in Kamakura weilte, wiederum von Soldaten mit gezogenen Säbeln angegriffen. Auch einige Schweizer machten in Tokio ungefähr zur gleichen Zeit eine bezeichnende, trotz aller Komik unangenehme Erfahrung. Sie wurden in einer Straße von einer Gruppe von Japanern, welche wahrscheinlich zu den „Joshi", einem weitverzweigten Bunde politischer Rowdies zählten, umringt, und im Glauben, es seien Russen, mit Tätlichkeiten bedroht. Unsere Landsleute konnten sich nur dadurch weiteren Belästigungen entziehen, daß sie der Aufforderung der Menge nachkommend, aus vollem Halse ein „Dainippon banzai" — es lebe Japan — (wörtlich: Großjapan zehntausend Jahre) erschallen ließen. Trunkenheit, als mildernder Umstand, kann in solchen Fällen selten geltend gemacht werden, da der Japaner, wie alle Ostasiaten, ein ausgesprochener Temperenzler ist. Dergleichen gröbere Angriffe sind ja glücklicherweise nicht gerade häufig, kleinere Ungezogenheiten erlauben sie sich> dagegen öfters und zeigen damit, welcher Geist unter dem Volke herrscht. Es ist dies besonders bedeutsam, wenn man berücksichtigt, mit welch ausgesuchter Höflichkeit die Japaner, selbst der niedrigen Klassen, untereinander verkehren. Auch Boykottierungen fremder Arbeitgeber kommen hier und da vor und bei jeden Anständen, welche der Fremde mit den Eingeborenen hat, wird ihm damit gedroht. In den höheren Kreisen tritt diese Mneigung gegen uns naturgemäß weniger scharf hervor. Man hält sich aber gegenseitig ganz von einander abgesondert. Wo etwa Fremde und Japaner zusammenwirken müssen, stellen sich über kurz oder lang Schwierigkeiten ein. Man kann jahrelang mit einem Japaner verkehren, ohne ihm geistig näher zu kommen, und oft will es einem scheinen, es liege eine unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Rassen. Tas Schlimmste jedoch ist, daß selbst die Regierung sich hin uni) wieder von diesem freindenfeindlichen Geiste leiten läßt. Wo es nur irgend geht, sucht man uns zu entfernen, und durch Eingeborene zu ersetzen. Lieber läßt sie jetzt ganze Delegationen sprachlich oft hilfloser Leute kostspielige Jnstruktionsreisen durch Europa und Amerika machen, als sachverständige Ausländer nach Japan zu berufen. In Handel und Industrie sind schon eine Reihe von japanischen Unternehmungen vermittelst reichlicher Subventionen groß- gezüchtet worden, und schädigen so bereits bestehende europäische Einrichtungen. Hiervon nur ein Beispiel. Der größte Ausfuhrartikel Japans betrifft Seide, die jährlich im Werte von 150—200 Millionen nach Europa und Amerika versandt wird. Seit der Oeffnung Japans liegt dieser Handel, ganz in europäischen Händen, in erster Linie sind daran auch einige bedeutede Schweizerfirmen beteiligt. Dann traten Japaner auf und rissen bald einen großen Teil der Ausfuhr an sich Ihr rasch zunehmender Umsatz hatte, besonders in Anbetracht der keineswegs besseren japanischen Geschäftsorganisation, etwas Befremdliches. Man nahm deshalb an, allerdings ohne Beweise hierfür in Händen zu haben, daß jenen Häusern im Geheimen eine Rückvergütung des Exportzolles gewährt werde. Diesen Exportzoll — er Betrug rund 23 Den per Pieul — hob die Regierung vor einigen Jahren auf und bewilligte bann unmittelbar nachher eine Ausfuhrprämie von 30—50 Den, je nach der Qualität der Seide, was ungefähr drei Prozent auf dem Warenpreise ausmachte. Diese Prämie sollte jedoch nur an Japaner zur Verteilung gelangen, und zwar nur an solche, welche wiederum an japanische Firmen im Auslände exportierten. Um die Europäer zu verhindern, sich diese Subvention in irgend einer Weise zu nutze zu machen, wurden für die Erlangung der Prämien Atteste der japanischen Konsulate im Auslande vorgeschrieben. Daraufhin drohte die französische und die. amerikanische Regierung mit Repressalien und bewirkte, daß diese Maßregel noch vor Inkrafttreten zurückgenommen wurde. Wäre die Subvention in der angedeuteten Weise zur Verteilung gelangt, so hätte sie nach wenig Jähren den ganzen europäischen Seidenhandel in Japan vernichtet. Tie Engherzigkeit des beabsichtigten Prämiensystems wird dem Leser noch anschaulicher, wenn er sich vergegenwärtigt, die Schweiz wollte ihren Handel auf Kosten der hier ansässigen Ausländer in ähnlicher Weise heben. Mit dem im Jahre 1899 erfolgten Erlöschen der alten Niederlassungsverträge hat Japan nun die dort lebenden Fremden in eine Stellung gebracht, welche deutlich zeigt, wie wenig wohlwollend seine Haltung ist. England trifft die Schuld, daß die Sage der Ausländer eine so ungünstige geworden ist. Um einiger Zollpositionen willen sind alle unsere Vorrechte preisgegeben worden. Nachher blieb den anderen Staaten nichts mehr zu tun übrig, als zur Erlangung der gleichen Begünstigungen ihre Angehörigen ebenfalls fallen zu lassen. Jetzt ist der Ausländer berechtigt, das ganze Land ohne Paß zu durchziehen und erhält Jagderlaubnis. Dagegen hat er die hohen Landes- steueru zu erlegen und ist den japanischen Gerichten unterstellt. Er trägt jetzt also dieselben Lasten wie die Eingeborenen, hat aber nicht das Recht, außerhalb der alten Vertragshäfen Land zu kaufen, Landwirtschaft ober Bergbau zu treiben, ober industrielle Unternehmungen zu gründen, uhne daß Japaner zur Verwaltung beigezogen werden. Er wird als Advokat nicht vor Gericht zugelassen und kann sich nicht naturalisieren, er lasse sich denn von einem Jpaner an Kindesstatt annehmen. Auch dann aber ist er für höhere Posten nicht wählbar, wie auch die zahlreichen Mischlinge nicht wählbar sind. Eine Reihe ganz wesentlicher Rechte, welche man den Japanern in Europa ohne weiteres gewährt, ist uns also von Japan verweigert worden. Es ist dies eine Zurücksetzung, wie sie der Europäer, so viel mir bekannt ist, in keinem andern Lande erfahren hat. Ganz Japan war stolz, die Ausländer unter seine Botmäßigkeit gebracht zu haben; man feierte den Em rät in die neue Aera fast wie einen Sieg. Und das Resultat war, daß die Haltung der Eingeborenen anmaßender wurde und die Reibereien sich verschärften. Nun darf uns aber 164 Vermischtes. * Der Kragenscho ner. Wir lesen int Kunstwort: Es ist ja so ungemein bequem; wenn man auf den Knopf drückt, schnappt er ein, und die Geschichte sitzt tadellos. Das Futter nach innen, den prachtvoll gemusterten Seidenstoff nach außen, sodaß er einen halben Zoll über den Mantelkragen hinausreicht und liebevoll den männlichen Nacken umschlingt — kann es Schöneres, kann es Vornehmeres geben? Schwerlich, denn die schönsten, die vornehmsten Leute tragen ihn, namentlich was so die „besseren Herren" sind. Ach vor Zeiten war auch ich ein besserer Herr, und ein besserer Mensch gewiß, da trug ich selbst einen Kragenschoner. Nunmehr aber nehme ich Aergernis an ihm. Für seine ältere Schwester dagegen, für das Halstuch, bin ich mit Gefühl, Bewußtsein und Logik. Das läßt mir den Oberbefehl, ich krnn's drehen und wenden, je nach der Witterung, kann mir's um die Ohren schlagen, wenn's not tut, und aufbügeln lassen, wenn ich „Eindruck" machen will. Der Kragenschoner — nun ja, er ist gefüttert und sein goldener Knopf glänzt in der Sonne. Aber er ist so langweilig, so schnurgerade, so ganz Vorschrift in jeder Linie, und erwärmt keines Menschen Hals recht, geschweige denn sein Herz. Er will ja nur den weißen Kragen schonen, obgleich der doch von Natur dazu bestimmt ist. Schaden zu nehmen im Staube dieses Lebens — und wieder gewaschen zu werden. Kurz: der Kragenschoner und ich, wir sind geschiedene Leute. Indes, da kommt Dr. Eisenbart und sprichst: Mein Herr, Halstücher trägt man nicht, wenn man gesund bleiben will. Worauf das Wohl der dortigen Europäer keineswegs gleichgiltig feilt, denn durch sie laufen alle Fäden unserer Beziehungen, die wir mit dem Jnselreichss unterhalten. Direkter Verkehr mit Japanern ist schwierig, oft geradezu gefährlich, und so bilden denn die Fremden das einzige zuverlässige Mndeglied. . _ „ „ _ ' Warum nun japanischen Erfolgen zujubeln? Was haben wir denn von Japan zu hoffen? Ganz abgesehen von Rassen- und Religionsfragen ist auch vom nüchternen Nützlichkeitsstandpunkt aus ein Anwachsen' der ostasiatischen Macht nicht wüttschbar. Alle, welche den Japaner näher kennen lernten, haben sich von desseit glühendem Chauvinismus überzeugen können. Basil Chamberlain, Wohl einer der besten Kenner Japans, kennzeichnet diesen Zug schon im Jahre 1898 in seinem klassischen Werke „Things Japanese" mit folgenden Worten: „Seit dem chinesischen Feldzug wartet man sehnsächtig darauf, sich an einem größeren, einem europäischen Gegner, sei es nun England oder Rußland, zu messen", und führt dann weiter aus, Ivie das Volk sich für berufen halte, Kolonien zu gründen, die Philippinen und Australien zu annektieren und sich zum diplomatischen und militärischen Leiter Asiens aufzuwerfen. Es zeigt sich eine militärische Expausionslust, ein Größenwahn, die wirklich beunruhigend sind. Vor zehn Jahren wagte sogar der frühere Ministerpräsident Okuma den großen Ausspruch, die Zeit sei nahe, wo auf den sibirischen Steppen Japan mit dem Westen um die Weltherrschaft ringen werde. Vor dem spanischs-atnerikanischen Kriege unterhielt man lebhafte Beziehungen mit den Filipinos, und jetzt wird in'Siam agitiert. Bei der Annektion der Sandwichinfeln durch die Vereinigten Staaten schlug die japanische Presse einen kriegerischen Ton an und während der kretischen Wirren stellte sie sogar die tolle Forderung, ein Kriegsschiff nach dem Mittelmeer zu entsenden; dies sei Japan seiner Stell- uttg als Großmacht schuldig. Dieser agressiven Haltung, dieser Sucht, sich in alle Welthändel zu mischen, entsprachen die unaufhörlichen Rüstungen, welche eine gefunde innere Entwicklung des Landes unmöglich machen und seine Mittel erschöpfet:. Die Nation strebt nach neuen kriegerischen Lorbeeren. Ueber Rußland mag man nun urteilen, wie man will, aber heute steht es, vor allem in den Augen der Asiaten, als Vorkämpfer Europas da. Mit ihm siegt oder fällt auch das europäische Prestige, denn für die Völkermassen Ost- asiens existiert kein Unterschied zwischen Russen, Deutschen oder Engländern. Was aber der Verlust unseres Prestiges bedeutet, könnten uns neue Kriege und eine Wiederholung der Morde und Aufstände in China lehren. ich unerschrocken erwidere: aber Halsbinden, die muß der gebildete Mensch doch tragen! Zwar, wir tragen „Schlipse" oder auch „Krawatten", als welche man fix und fertige, auf Draht gezogene Halsbinden nennen könnte. Warum so fertig, warum gedrahtet, gedreht, genäht und geschnallt? Warum mit einer prangenden Nadel geschmückt, die sich am Zeuge hält, anstatt das. Zeug zu halten. Zu Großvaters Zeiten, antwortete der Widerpart, hatte man Zeit, sein eigener Bindemeister zu sein. Wir haben das nicht mehr nötig und haben wichtigeres zu tun. Es gibt Fabriken! — Aber während er noch spricht, habe ich bereits mein sanftes Halstuch, das fügsam lebendige, zur Halsbinde umgewandelt, eine eherne Nadel nach reiflicher Ueberlegung darein versenkt und ziehe stolz von dannen. Stolz, jawohl, denn nun kann ich, wenn ich's kann, nicht nur meinen eigenen Kopf aufsetzen, sondern auch meinen Hals so tragen, wie mir's gefällt und nicht, wie's Nachbar Schulze, der Posamentenschulze, der Drahtschulze, mir verordnen will. * Ein erfolgreicher Vortrag. Als der unlängst verstorbene Mac O'Rell in den Vereinigten Staaten Vorträge hielt, kam eines Tages ein junger Mann zu ihm, der sich bei ihm für den Vortrag am Abend vorher lebhaft bedankte und sagte: „Ich habe mich nie in meinem Leben besser unterhalten." Der Redner griff erfreut nach der Hand seines Bewunderers und meinte: „Ich bin wirklich froh, daß meine bescheidenen Bemühungen Ihnen solche Freude gemacht haben." „Ja", lautete die Antwort, „mein Vergnügen war außerordentlich groß. Ich bin, nämlich verlobt, und die ganze Familie meiner Braut ging zu Ihrer Vorlesung, sodaß ich sie ganz für mich allein zu Hause hatte. Es war ein glücklicher Abend. Ich danke Ihnen sehr, Mr. O'Rell. Halten Sie, bitte, bald wieder einen Vortrag!" Magisches Dreieck. (Nachdruck verboten). A 7 A B E E E G I K L N R K Ü U Die Buchstaben sind in die Felder des Dreiecks derart einzu- tragen, daß die drei Außenreihen und die drei wagerechten Nitttel» reihen Wörter von folgender Bedeutung ergeben; 1. Tischgerät; 2. Küchengewächs; 3/Schlinggewächs; 4. Flur ; 6. Mann aus Afrika; 6. Held der Artussage. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Zahlenschrift in vor. Nr.: Ter Siege göttlichster ist das Vergeben. • Schmer. (Schlüsselwörter : Abend, China, Gestirn, Rötel, vier.) Auflösung des Preisrätsels in Nr. 55 der Fantilienblätter Gieße« Isar Ente Schantung Saloniki Ernte Netz Eben Riviera Gießener Anzeiger. 1. Preis: Die kun st gemäße Garitierung von . S ch ü ss e l n, mit 25 iarbigen Tafeln, von Johanna Mackeldey i H. G r ü t t n e r in Braunfels. 2. Preis: „Die Mütter" Beitrag zur Erziehungssrage von Hedwig Dohm. R. u. O. H o m b e r g e r in Gießen, Plack- straße 4. I 3. Preis: „ Rei je - St i p e n d ien", Erzählung von Julius Verne: Ernst Troß in Gießen, Rodheimerstraße 58. Die Preise sind von den Gewinnern gegen Vorzeigung der Abonnementsquittung in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang zu nehmen. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnivrrsitStS-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.