Samstag den 16. Januar. 1904. lA> M Fl 1 Ä I jrr~F !Ä (Nachdruck verboten.) Wssa Jafconieri. Von Richard Voß. Erster Band. (Fortsetzung.) Auffällig wurden indessen sogar mir Besuche aus Rom, die jetzt häufig kamen. Und zwar waren es stets nur Herrenbesuche. Es waren meist sehr junge, sehr elegante Herren, die sich in der Villa wie zuhause benahmen. Ich erfuhr, daß Herr Mariano dieser heiteren Gesellschaft opulente Gastmahle gab, bei denen es ziemlich heiter herging. Er hatte den Takt, mich niemals zu einem solchen Symposion auf- zusordern. War Frau Mariano dabei? Diese Frage beschäftigte mich sehr; und die Vorstellung ihrer stummen blassen Gegenwart bei der Gesellschaft der jungen Lebemänner erregte mich ungewöhnlich stark. Mehr als das! Ich fühlte dabei etwas wie Empörung über eine neue, dieser Frau zugefügte Schmach Da ich von der Dienerschaft niemand, auch nicht meinen treuen Domenico aushorchen wollte, so blieb ich in einer Ungewißheit, die mich entschieden peinigte. Eines Sommertags hatte ich, den Park durchstreifend, mich ermüdet unter den Ginsterbüschen niedergelegt, die den braunen. Tufffelsen unterhalb des Cypressenteiches bedeckten. Wie aus einem märchenhaften Gefilde stiegen die finsteren Bäume in den glanzvollen Himmel empor. Es regte sich kein Lufthauch, Selbst das bewegliche Völklein der Lacerten hielt ujnter den strahlenden Zweigen Mittagsruhe. Ter Ginster strömte Wohlgeruch aus, und Duft uni) Stille schläferten mich ein. Da hörte ich. wie im Traume von den Cypressen her die Stimme Herrn Marianos und seiner Frau. „Tu willst heute wieder nicht kommen?" „Nein." „Tu mußt!" „Ich komme nicht." „Wir müssen das Geld haben." „Du mußt das Geld haben." „Wir sind am Ruin." „Meinetwegen." „Vollständig." „Und das Kind?" „Es soll nicht notleiden." „Willst Tu es davor schützen?" „Ich werde für mein Kind arbeiten." „Tu bleibst nur des Kindes willen bei mir?" „Nur deshalb." Jetzt schlägt er sie gewiß, dachte ich, blieb iedoch in meinem Halbschlummer rubig liegen. Er schlug sie nicht. Mit unterdrückter Stimme sprach er weiter. Ich wollte aufstchen und davongehen, um nicht länger den Lauscher zu machen. Aber ich rührte mich nicht. Auch vernahm ich jetzt nur undeutliches Reden, davon ich die Worte nicht verstand. Da war mir's, als hörte ich Herrn Mariano meinen Namen nennen. „Die liebst diesen Phantasten, diesen Halbnarren." Was bedeutete das? Der Halbnarr war entschieden ich. Und den Halbnarren sollte sie lieben! . . . Herrn Marianos Frau, die schöne, unglückliche Maria mich lieben?! Jetzt war ich erwacht. Die Lacerten, die sich neben mir gesonnt hatten, schlüpften davon: es raschelte im Laubwerk, daß ich erschrak. Anfgerichtet, mit angehaltenem Atem, lauschte ich Was würde sie antworten? Nein, ich wollte nicht hören! Ich warf mich auf den Boden und legte den Arm über den Kopf. Ich hörte nicht, was sie antwortete. Als ich mein Gesicht erhob, schien die Unterhaltung der beiden beendigt zu sein. Ich vernahm nur noch die letzten Worte: „Also Du wirst heute vernünftig sein und kommen?" „Ja." „Sonst soll Tein Graf —" „Ich werde kommen." Herr Mariano entfernte sich — nur er! Nach einer Weile hörte ich ihn im Hofe nach einem Knechte schreien, der ihm sein Pferd bringen sollte. Frau Mariano war zurückgeblieben, wahrscheinlich mit ihrem Kinde. Sollte ich jetzt aufstehen imb davongehen? Oder sollte ich--Unmöglich! Was hätte ich ihr auch sagen können? Es war unmöglich- daß sie mich liebte: diese Frau mich, den Träumer, den Phantasten, den „Halbnarren"! Und wäre es wirklich möglich gewesen, so war sie die Frau des Herrn Mariano. Und wenn es wirklich möglich sein sollte, so — liebte ich sie nicht wieder. Was ich sür sie empfand, war höchstes Mitleid, diese stärkfle, selbstloseste, edelste Empfindung im Herzen des Mannes. Mitleid kann den Schein der Liebe annehmen; aber niemals zur Liebe selbst werden. Niemals! Ich hatte mich erhoben, ich wollte mich fortschleichen, mit fieberschwerem Haupt und müden Gliedern. Aber wie festgebannt blieb ich stehen, denn über mir, unter den Cypressen hörte ich krampfhaftes Weinen, ersticktes Schluchzen, den Ausbruch eines Jammers, wie ihn nur eine Frau fühlen kann. Ich stürzte nicht hinauf, fiel vor der Aermsten nicht nieder, riß nicht ihr armes, blasses, tränenüberströmtcA Antlitz an meine Brust; denn: Es war ja nur Mitleid, nur Mitleid! 34 Am Abend kamen Herrn Marianos Gä'te, die gewöhnlichen, eleganten römischen Tandies. Ich befand mich auf meinem Balkon, als sie eintrafen. Herr Mariano hatte sich nach der Billa Lucida begeben, einem bei Monte Porzio Catonen gelegenen Landhause, dessen Bignen und Oliveten er vor kurzen: gepachtet hatte. Er war noch nicht zurückgekehrt. Aber seine Frau empfing die Herren. Sie hatte für sie sogar Toilette gemacht. Tie Gesellschaft blieb im Freien unter den Steineichen und war in fröhlichster Laune. Alle schienen der schönen Frau zu huldigen: in der dezenten, chevaleresken Weise, wie sie meinen Landsleuten eigen ist — was sie nicht hindert, bei Gelegenheit die brutalsten, gewissenlosesten Schurken zu fein. Alerdings bewegte sich Frau Mariano mit der Haltung einer Fürstin unter den jungen Leuten, daß es selbst dem Frechsten schwer gefallen wäre, ihr anders als wie einer Dame zu begegnen. Und doch war ich erregt und konnte die Augen nicht abwenden von der hohen, schlanken Frauengestalt, als müßte ich sie bewachen und bewahren. . Es schien mir, als läge es in Frau Marianos Absicht, die Gäste ihres Mannes in dessen Abwesenheit nicht in die Villa zu führen, sondern ihn im Freien zu erwarten. Und ich glaubte mich in der Annahme nicht zu täuschen, daß Herr Mariano feine Frau absichtlich so lange mit den Fremden allein ließ. Es wurde dunkel. Ein Gewimmel von Johanniskäfern erfüllte den Park und gaukelte über Terrasse und Rosengarten, daß in dem Meere hin und her zuckender Flämmchfin die Farben der blühenden Büsche auftauchten. Frau Mariano ließ Windsichter bringen, welche die schwarzen, wie Ungetüme sich windenden und emporbäumenden Eichenstämme rot erglühen ließen und Glanz auf die moosigen Steinsitze warfen. Ich wich nicht von meinem Beobachtungsposten und sah, wie, die Gesellschaft in einem Boskett hoher Buchsbäume sich gruppierte, die zusammen mit Lorbeer und Laurus das Unterholz bildeten. Was sprach sie wohl mit jenen glänzenden, inhaltsleeren Menschen? Schwerlich würde sie ihnen die Geschichte jener Ottavia Dacchetti erzählen! Mer mir hatte sie die Tragödie erzählt, und zwar gleich in der ersten Stunde, als hätte sie gleich gefühlt: dieser wird Dich verstehen! Und ich«, der ich mich für einen Dichter gehalten hatte, äußerte mich zu ihr, als vermöchte ich nicht in die dunkle Tiefe einer beleidigten, stolzen und leidenschaftlichen Frauenseels zu dringen. Jetzt vernahm ich Hufschlag. Herr Mariano galoppierte durch das Tor, gefolgt von zwei gleichfalls berittenen Knechten, die große Körbe vor sich hielten. Er schwang sich vom Pferde, warf den Hut ab, schüttelte die Locken aus der Stirn und ließ sich die Körbe reichen, deren Inhalt er auf den Rasen, mitten unter seine Gäste schüttelte. Fröhlich wie ein Knabe rief er: „Ich bringe Euch die Kirschen Luculls !" Er stand unter den erleuchteten, smaragdgrün schim- Mernden Buchsbäumen und sah lachend zu, wie die jungen Leute gleich römischen Straßenjungen, denen ein freigebiger Ausländer eine Handvoll Kupfer zuwirft, um die .Kirschen sich balgten. Seine Frau war zurückgetreten und hob sich wie eine Erscheinung von dem dunklen Hintergrund ab. Wer die beiden jetzt sah, mußte sie für das schönste und glücklichste Menschenpaar halten: schien doch der Himmel diesen herrlichen Mann eigens für diese herrliche Frau geschaffen zu haben. * Auch junge Künstler kamen jetzt häufig zu Herrn Mariano. Er veranstaltete mit ihnen Feste, die einen beinahe hellenischen Charakter annahmen. Ter Chpressenteich und den Steineichenhain bildeten zu diesen Schaustellungen eine ideale Szenerie. Tie Künstler brachten aus Rom ihre Modelle mit, die schönsten jugendlichen Menschengestalten. Sie wurden in antike Gewänder gesteckt, darin sie sich so zwanglos wie in von Kindheit an getragenen Kostümen bewegten. Tie jungen Leute warfen Diskus, machten gymnastische Uebuugen und führten Ringkämpfe auf. Oder die Bildhauer stellten mit dem prächtigen lebenden Material Gruppen, die Maler Genrebilder, und die Zuschauer klatschten laut Beifall. Auch Frau Mariano wurde zu diesen plastischen und malerischen Darstellungen zugezogen und — sie ließ es geschehen! Tie entzückten Künstler drapierten sie in weiche weiße Stoffe und gaben ihr die Pose einer Pudicitia, einer Priesterin, einer Niobide. Willenlos, wortlos ließ sie's geschehen! Einmal ereignete sich eine solche Profanation der schönen, unglücklichen Frau vor meinem Fenster in dein Rosengarten. Es war im Hochsommer, alle Bluinen waren längst verdorrt. Aus dem gelben Grase erhob sich ein Wald von hohen Juccastauden mit schlanken, schneeweißen Blumen- dolden. Tie lichten Mütenschäfte zu sehen, wie sie gegen den flammenden Abendhimmel sich abhoben, wie sie dann langsam, langsam in Dämmerung sanken und allmählich von der Finsternis ausgelöscht wurden, war für mich täglich ein neues köstliches Schauspiel. In einer strahlenden Vollmonduacht also stellten die Künstler mit Frau Mariano in deut von Johanniskäfern durchfunkelten Juccafelde „lebende Bilder". Von meinem Balkon aus sah ich's mit an. Ich sah unter den weißen Riesenblumen ihre weiße, regungslose, hilflose Gestalt. Sie wußte gewiß, daß ich verstohlen zufchaute; aber sie dachte wohl nicht, daß ich um sie litt. Ich litt um sie in einer Weise, daß es mir physischen Schmerz verursachte. Sie tat mir so leid, so leid! Zum zweitenmale erlebte ich in der Villa Fäloonieri den Reigen der wechselnden Jahreszeiten. Ter Sommer verbrannte das Gras unter dem dich^- testen Baumschatten, verdorrte jede Blume, überzog alles Laubwerk mit einer dichten grauen Staubkruste, umwölkte den Himmel mit den Gluten des Tages, daß die versengte Steppe, der schimmernde Meeresstrand und das leuchtende Sabinergebirge durch allen Tunst und Qualm nur in zarten, kaum erkennbaren, wie hingehauchten Umrissen sichtbar wurden. Tage, wochenlang war unsere Höhe wie. von einem fahlen Wvlkenkreis umgeben. Wie der Rauch eines Weltenbrandes schlug es rings um uns empor. Tag und Nacht schrien die Cicaden in den Olivenhainen. In der Villa war es bei geschlossenen Jälousieen dämmrig und kühl. Vor den Türöffnungen hingen farbige Netze; und erhob sich gegen Mittag der Meerwind, blies er lustig durch das ganze Haus. Es kamen die ersten Herbstregen, die dem Lande einen zweiten Frühling und der Bevölkerung die Malaria bringen. Um den Würgeengel zu scheuchen, brannten über Nacht in der Campagna große Feuer, an denen die zu Tode ermatteten Arbeiter ruhten. Tie Steppe war bedeckt mit solchen Flammensigmalen: „Hier schlummern arme erschöpfte Eroensöhne! Mordet sie nicht im Schlaf! Der Schlaf des müden Menschen sei heilig!" Bisweilen griffen die Feuer um sich. Sie erfaßten ein Feld, sie entzündeten den Buschwald. Dann wälzte sich eine lange Rauch- und Flammenkette tagelang über die Hügel. In den Albanerbergen begann die bacchische Erntezeit: das Land strotzte von köstlicher Fruchtbarkeit. Die schönen, silbergrauen Rinder führten die Traubenlasten zu den Keltern, und der schrille Gesang der Mnzer übertönte selbst den Lärm der Cicaden. Ilster den Steineichen blühten nach einmal die Cyclamen, in der Villa noch einmal die Rosen, am Cypressen- teich der Ginster. Tas Laub der Kastanien färbte sich rot und immer röter, bis der ganze herrliche Berg Cayo dastand iit dunkle, leuchtende Purpurfarbe gehüllt. Tie Sonne ging nicht mehr über Rom unter; sondern' sie versank in flammender Herrlichkeit wieder in den Meeresfluten. Frühmorgens schien die Campagna in einen ungeheueren Nebelfee verwandelt, dessen wogenden Wellen die Berggipfel wie Eilande entstiegen. Und wie ein Eiland schwamm auf den Wolkengewässern die Peterskuppel. Es wurde kalt. Tag und Nacht fuhren Stürme um das Haus, das — 35 aus feilten mächtigen Terrassen wie auf Felsen über einem Abgrund stand. Tie Campagna bekleidete sich mit ihrem dichten Winterkleid und hatte darin die Majestät einer Königin. Jetzt die Olivenernte! Tie lichten Zweige dieses lieblichsten Baumes des Südens hingen mit den kleinen schwarzen blanken Früchten beschwert; und eine Schar junger Mädchen in Hellen Kleidern und roten Kopf- und Brusttüchern pflückte sie. Im Laube erschallten ihre endlosen Lieder, daß der ganze Oelwald von Sang und Schall ertönte. Frühling! Römischer Frühling! Tie gute, holde Göttin, die mir täglich an der Decke meines Zimmers erscheint, schwebte über der Campagna und ihr belebendes, verjüngendes Lächeln verwandelte die feierliche, königliche Landschaft in eine Bacchantin. Selbst eie aus gesogene Ackerscholle erstickte schier unter Blüten. Ueber die Steppe reitend, versank mein Pferd in der Ueppig- keit. Auf den Höhen ringsum Felder gelber und weißer Narzissen, Felder weißer und blauer Schwertlilien. Asphodelenwieseu! Tas antike Gemäuer leuchtend von Goldlack, die Gräben mit Cistusrosen gefüllt. Rosenhecken, Geißblatthecken! Hohe Wände von Gaisblatt und Rosen! In dem jungen Grün der Kastanienbüfche rote Päonien und Kaiserkronen. Haine von blühendem Weißdorn. Wälder von Goldregen. Jede Ruine ein Blumenberg, jede Furche ein Blütendach, jede Wiese ein Garten. Tie Veilchen von Tusculum! Und dann die Pracht des blühenden Ginsters . . . Und aus Frühling ward Sommer. Ter rote Mohn trat seine Herrschaft an. Feld und Miese, Ebene und Höhen erglühten. • Um jeden Oelbcium wand sich ein großer Kranz der roten, schönen Blumen, deren Gluten die alten, verkrüppel«- ten und verasteteu Stämme wie aus Silber ciseliert entstiegen, dicht bedeckt mit bläulichen und grünlichen Flechten, daß sie wie oxydiert erschienen. Welche Herrlichkeit, als die leuchtenden Zweige sich über, und über mit feinen, silberhellen Blüten bedeckten! Tie Blüte der Olive war die letzte schöne Fruchtblüte des Jahres. (Fortsetzung folgt.) Maudereien aus der Kaiserstadl. (Nachdruck verboten.) Berliner Eisbahnen und ihre Opfer. — Genialer Nachwuchs. — Kollektenschwindler und andrer Hausier-Unfug. Tie paa- kalten Tage in der ersten Januarhälfte haben bei der Berliner Jugend einen Hellen Jubel aus gelöst; denn an der sportlustigen Spree huldigt man dem gesunden Vergnügen des Eislaufs mehr als anderswo. Schlittschuh- geklirr in den Straßenbahnen, im Eifenbahnkoupee und im Omnibus! Alle Backfische sind mobil gemacht, um sich rote Wangen zu holen und vielleicht ein harmloses, aber doch „furchtbar interessantes" Abentenerchen mit irgend einem verliebten Jüngling zu erleben; ganze Schplklasfen pilgern hinaus aus der stickigen Luft der großen Häuserwüste in die Vororte, um die nicht immer zu übende Kunst zu pflegen. Väter mit ihren Töchtern, ja vollzählige Familien tauchen auf, von der Schwiegermutter an bis herab zum jüngsten Sprossen, der ans der Schiefertafel noch nichts, auf dem blanken Eise aber womöglich schon eine tadellose Acht zu ziehen im stände ist. Und nun gar erst am Sonntag, wo die Kerkertüren fleißiger Näherinnen sich öffnen, wo die Riesenbazare ihr Heer von jungem, abgespanntem Menschenvolk nicht hinter den Ladentisch bannen, wo die Räder der Fabriken rasten und die lärmenden Maschinen in gespenstigem Schweigen stehen; wo die Kontor- fchemel geschont werden wie kranke Gäule, und selbst die Kasernen ihren strammen Jungen aus dem Osten und Westen einen freien Nachmittag gönnen. Alle Nsb ahnen sind überfüllt und vor lachendem Jubel und surrendem Schwatzen hört man- kaum etwas von den schmetternden Trompeten und quietschenden Klarinetten, die zum Eislauf aufspielen! Solcher Eisbahnen gibt es in Berlin und in den Vororten eine Unzahl. Wo ein unbenutzter Bauslick mit erträglichen Bodenverhältnissen vorhanden ist, findet sich auch! eine spekulative Seele, die Wasser daraus gefrieren läßt und das Geschäft eröffnet. Eintritt 30, 40 oder 50 Pfennige, Kinder die Hälfte. Anschnallen einen Nickel, Abschnallen dito. Glühwein in allen Stärkemischungen, Bier und warme Würstchen sind auch zu haben. „Sag, Liebchen, was willst Tu noch mehr?" Es hätte wirklich niemand nötig, hinaus auf die Spree oder Havek und ihre Seenkette zu laufen, der nicht ganz genau Bescheid weiß. Aber die Unglücks.lige Berliner Waghalsigkeit, die alles versteht, alles besser weiß und Warnungen für Philistergerede hält, muß sich auch im Winter betätigen. Tie Segler-Unglücksfälle der Sommersonntage brauchen'ein Pendant, und so geschieht es in jedem Jahre aufs neue, »daß Eisläufer sich auf Strecken wagen, die sie nicht kennen, die womöglich als unsicher kenntlich gemacht oder direkt verboten sind — und einbrechen! Tie Mehrzahl kommt mit einem Katarrh und dem Schrecken davon. Aber etliche müssen dabei doch das Leben lassen, das junge, blühende Leben, mit tausend Aussichten und Freuden! Ain letzten Sonntag waren es sechs! Natürlich erhebt sich ein Lamento gegen die Behörden, die nicht genug Vorkehrungen getroffen hätten, derlei zu verhindern. Und was uns not tut in diesem Falle, ist ja ganz sicher eine einheitliche Regelung der betreffenden Verordnungen, Warnungszeichen ic. Tie vielen beteiligten kleinen Gemeinden gehen vorläufig ihre eigenen Wege und kümmern sich oft nicht int geringsten um die Signalwahl ihrer Nachbarn. So kann es kommen, daß hier ein zu empfehlender sicherer Eisweg für Schlittschuhläufer mit Tannenzweigen abgesteckt wird, während eine halbe Stunde weiter Tannenzweige gewählt sind, um vor einer gefährlichen Stelle zu warnen. Zweifellos sind das Verhältnisse, die einer einheitlichen Reformierung bedürfen. Aber die Hauptsache bleibt trotzalledem doch die nicht zu ändernde, weltbekannte Vorwitzigkeit des Spree- Atheners, die nach wie vor auch auf diesem Gebiete dafür Sorge tragen wird, daß man am Montag morgen sich die Stimmung verdüstern lassen muß, wenn man die Zeitung zur Hand nimmt! — Unter dem Schwarm der diesjährigen Neujahrsgratu- lauten, die sich noch immer nicht ganz verlaufen haben, waren auch ein paar junge Usurpatoren, die sich! in Schöneberg damit beschäftigten, den Zeitungsfrauen in aller §err= gottsfrühe das einträgliche Geschäft des Glückwünschen^ abzunehmen. Mit dem gedruckten Gratulationsgedicht ausgerüstet, das man als ersten Gruß der Musen im neuen Jahre niemals auf nüchternem Magen genießen soll, klopften sie Tür bei Tür an und hielten im Auftrag ,der kranken Mutter" die Hände auf. Es soll eine ganz nette Ernte gewesen fein, die sie auf diese Weise eingeheimst haben. Unb niemand hatte eine Ahnung, wer diese geriebenen Taugenichtse gewesen waren. Mer die Polizei hat offenbar Glück im neuen Jahre. Ihre Nachforschungen brachten es ans Licht, daß der psiffifche Schwindel von den Söhnen eines in jüngster Zeit viel genannten, gefangen gesetzten, wieder aus- gerissenen und endlich aufs neue ergriffenen Wilddiebes in Nowawes inszeniert war. Was kann aus diesem genialen Nachwuchs noch alles werden! Tenn sie gehören zu denen, die nicht vergehen. Tas dünnste Eis trägt sie, jede Krankheit geht am ihnen vorüber. „Wat hängen soll, versupt nicht" wie der Volksmund mit seinem derben Humor sagt. Aehuliche Gaunereien blühen übrigens augenblicklich in ganz ausfälliger Weise. Gefälschte Versicherungsquittungen werden präsentiert und in gutem Glauben eingelöst. Ein anderer kassiert mit Biedermaier-Mienen Bereinsbeiträge. Eines dritten Spezialität ist der Vertrieb frommer Schriften und Bilder, die nie geliefert werden; es ist ihm eben um die Anzahlung zu tun. Wieder andere sammeln freiwillige Beiträge für ein Rettungshaus oder kommen mit einer quittierten Buchhändlerrechnung zum Dienstmädchen, das das sauber verschnürte und richtig adressierte Paket für ihr bereitwillig ausgelegtes Geld ohne jeden häßlichen Verdacht in Empfang nimmt, bis sich bei Heimkunft der Herrschaft zu ihrem Entsetzen herausstellt, daß statt der vermeintlichen Bücher ein schöner roter Ziegelstein in denk famosen Paket liegt! Man kann, es verstehen, daß eine ganze Reihe von Herrschaften heuer jedem Köllektantech, jedem unbekannten Hausdiener mit einem quittierten Papier in der Hand die Tür vor der Nase Anschlägen und lieber per Postanweisung erledigen, was sie gemeinnütziaen Bestrebungen an Beiträgen zugedacht haben oder ihren Lieferanten schuldig sind. Das alte Wort des PublitiuA Syrus: „Bis bat gut cito bat" käme sonst vielleicht in ganz ironischer Weise toieber einmal zur Geltung: „Doppelt gibt, wer (allzu) schnell gibt!" A. R. 38 Kunst und Lttteratur. * Welcher Gegenstand ist kunstgewerblich? 'iefe Frage richtet bie Verlags Anstalt Alexander Ko ch-- Tarmstadt an Gewerbetreibende, Künstler, Fabrikanten, Kaufleute, Juristen, Gelehrte mit der Bitte um Aenßer- ungen, die zur vollen Klärung und Festlegung des Begriffes „kunstgewerblicher Gegenstand" fuhren können. Tie Bitte nimmt Bezug auf eine öffentliche Umfrage, die Hermann Hirschwald-Berlin im Januarheft der Zeitschrift „Deutsche Kunst und Dekoration" mitgeteilt hat und worin er zu der Frage mit drei Leitsätzen Stellung trimmt. Nach dem ersten wäre ein Gegenstand des Gewerbes im allgemeiner! als kunstgewerblich zu bezeichnen, wenn künstlerisches Empfinden an ihm wahrzunehmen ist. $iertnit sind allerdings die Grenzen der kunstgewerblichen Leistungsfähigkeit sehr weit und unbestimmt gesteckt, und der zweite Leitsatz bemüht sich, die Sache etwas praktisch- nüchterner anzufassen. Er sagt: Wenn es sich um einett Gebrauchsgegenstand handelt, so kann er als kunstgewerblich gelten, sobald er technisch gediegen ist und einem ver- seinerten Bedürfnisse entspricht. Am brauchbarsten möchte der dritte Leitsatz erscheinen: „Ist es ein Gegenstand der Industrie und selbst der Massensabrikation, so würde ich ihn als kunstgewerblich bezeichtteu, wenn die Originalarbeit, sei es Modell oder Zeichnung, unbedingt als eine künstlerische anzusehen und die technische Ausführung der Vervielfältigung eine durchaus einheitliche und solide ist." Ter Verfasser der Leitsätze gibt zu, daß heutigen Tages eine Grenze zwischen Gewerbe und Kunstgewerbe kaum noch zrt ziehen ist, da erfreulicherweise die Kunst in weite Gebiete der Industrie und des Handwerks eingedrungen sei. Indessen verlange die Praxis eine Bescheinigung über die Zugehörigkeit. Bei der BehandUmg wirtschaftlicher und rechtlicher Fragen werde der Mangel einer feststehenden Erklärung für den Begriff der kunstgewerblichen Eigenschaft oft fühlbar. Insbesondere bedürfe es hinsichtlich des Musterschutzes einer Verständigung über die Grenze, welchen Gegenstand man noch als kunstgewerblich gelten lassen soll. Erst wenn dieser Begriff feststehe, könnten berufene Sachverständige in zweifelha ten Fällen auf Grund dieser Festlegung einheitlich entscheiden. Tie armen Sachverständigen; wenn sie darauf warten wollten, so dürfte es ebensolange dauern, als die Feststellung des Schöu- heitskanons in der hohen Kunst! Ter Hanptsache nach erstreckt sich, das Kunstgewerbe auf zwei Gruppen von Gegenständen, auf Gebrauchsgegensiände und Luxusartikel. Für erstere ließe sich wohl der allgemeine Leitsatz ausstellen, daß ein Gegenstand als kunstgewerblich zu betrachten ist, wenn er über den nackten Gebrauchszweck hinaus durch Form oder Farbe in künstlerischer Weise veredelt ist. Außerdem gilt für solche Gegenstände wie auch für Luxusartikel der dritte Hirfchwaldsche Leitsatz ganz allgemein. Wenn über eine große Anzahl von Gegenständen schon bei oberflächlicher Betrachtung kein Zweifel entstehen wird, ob hier eine kunstgewerbliche Leistung oder eine rein gewerbliche vorliegt, so werden, je näher die Gegenstände an der Grenze stehen, wo Kunstgewerbe und Gewerbe ineinander übergehen, die Meinungsverschiedenheiten wachsen und diese Grenzstreitigkeiten werden nicht durch Leitsätze aus der Welt geschafft, sie müssen stets von Fall zu Fall entschieden werden. Man denke nur au die verschiedenen naheliegenden Gewerbe, der Tischlerei, der Schlosserei, der Töpferei u. a. und frage sich, wann wird ein Gebrauchsmöbel, ein Stuhl oder Tisch,' ein Be- fchlag, ein Gefäß zum kunstgewerblichen Gegenstand, und sofort wird die Meinungsverschiedenheit eintreten, beeinflußt durch Gewohnheit, Geschmack und Herkommen. Welcher Scharfsinn ivird nicht beispielsweise auf einem andern Gebiete entwickelt zur Feststellung der Merkmale zwischen dem Handwerksbetrieb und der Fabrik? Trotz aller der zahlreichen und allgemein anerkannten Grundsätze hierüber entstehen täglich neue Widersprüche da, wo beide Betriebsarten einander ähnlich werden, an der Grenze, und in oberster Instanz hat vielfach der Minister das entscheidende Wort zu fällen, ohne daß hierdurch eine wirklich befriedigende Lösung erreicht werden kann. Aehnlich wird es auch bei der vorliegenden Frage: welcher Gegenstand kunstgewerblich ist, sich gestalten; es werden ohne Zweifel viele geistreiche uno interessante Anschauungen mit- | geteilt werden, und wenn es auch gelingen wird, einige • zutreffende und überzeugende Leitsätze aufzustellen, so werden hierdurch wohl ästhetische und praktische Gesichtspunkte für Beurteilung der Gegenstände in den Vordergrund gerückt werden. ’ Tie Schwierigkeiten, die aber stets Dann entstehen, wenn es sich um die Lösung der Frage, ob diesseits oder jenseits der Grenze, handelt, werden nie aus der Welt zu schaffen fein, und hierfür allein sind die Sachverständigen zur Entscheidung anzurufen, nicht aber bei Singen, von welchen nach allgemeinem Urteil' und Uebereinkommen feststeht, ob sie als kunstgewerbliche oder rein gewerbliche Leistungen zu betrachten sind. Es wird daher unseres Erachtens ein. Ting der Unmöglichkeit sein, dem Wunsch des Verfassers zu entsprechen, wonach recht weit auszuholen sei, um den Begriff der kunstgewerblichen ‘ Eigenschaft für eine lange Zukunft zu decken. Tie Grenzgebiete werden immer der Kampfplatz bleiben, wo im einzelnen Falle die Entscheidungen zu treffen sind. — Herbert Eulenberg: Kassandra. Ein Drama in fünf Auszügen. — Verlag von Egon Jleischel u. Co., Berlin W. 35. — Preis 2 Mk. — In dieser Dichtung erklingt in reinstem Wohlklang der Zauber der Sprache, und er erfreut eine Fülle scharfgeprägier Gedanken; das Beste aber liegt in dem konsequenten Herleiten aller Vorgänge aus psychologisch en Voraussetzungen, ist jenes Bestreben, das Wesen der Kassandra, der Seherin einer neuen Zeit, aus ihren Tagen und- ihrer Umgebung heraus zu erklären. So wird durchaus der moralische Standpunkt der Antike gewahrt. Von scharf individualisierendem Spiel getragen, müßte diese Tragödie, die bet der Lektüre den Eindruck eines ausgereiftett Kunstwerkes hinterläßt, einen starken innerlichen Erfolg, davontragen. vePMi?chtes. * Ein Rückgang der Zahl der Kinder macht sich in Berlin int Verhältnis zur Gesamtbevölkermtg immer stärker geltend. Diese Bewegnitg hat seit der letzten Volkszählung, aus deren Ergebnis fie recht deutlich zu ersehen war, noch fortgebauert. Für die Jahre zwischen den Volkszählungen läßt sie sich an den Personenstand- aufnahrnen messen, die alljährlich zum Zweck der Steuerveranlagung vorgenommen werden. Es wird dabei unterschieden zwischen Personen, bie bis 14 Jahre alt bezw. die über 14 Jahre alt sind. Bei der Aufnahme für das Steuerjahr 1902/03 hat sich nun ergeben, daß die Zahl der bis zu 14 Jahre alten Personen, also der Kinder, sogar an sich zurückgegangen ist. In der Liste für 1901/02 hatten 437 854 Kinder und 1407 940 über 14 Jahre alte Personen gestanden. In der Liste für 1902/03 standen 1419 469 über 14 Jahre alte Personen, aber nur noch 436 791 Kinder. Ter Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung stellt sich hiernach für 1902/03 nur noch auf 235 vom Tausend, während er im vorhergehenden Jahre 237 v. T. gewesen war. Fünf Jahre vorher war er noch 247 v. T., zehn Jahre vorher noch 256 v. T. gewesen. Charade, Nachdruck verboten. Als Gott einst riet fein schöpferisches Werde, Da ward das Erste auch, ein Teil der Erde. Es trägt viel Leben, es umioftt viel Leben, Kann Not und Tod, und doch auch Schätze geben. Das Zweite ist der Hoffnung trüglich Bild. Man weiß auch, daß im Reich des Scheins es gilt, Die Wäsch'rin kennt's, ost steht's der Schisser auch, Und beim Barbier iit's immer im Gebrauch. Das Ganze krönt das Erste und es kam Draus eine Göttin einstens wonnesam, Das feste Ganze wird gar ost benützt: Die Herren habens gerne schön geschnitzt. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung der Gleichimg in vor. Nr.: Dezember, (a. Horden, b. Horn, c. Zelt, d. Eimer, e. Eier, f. Berber.) Nclaktion: August Götz, — Notalicnrdruck und Drrlaa der Drnhl'schcn Unircrsttäts-knch- und Ctcindrnckerci. 81. Longe, Gießen.