1904. Dr. 72. Samstag den 14. Mai. KA V Hf aw] W (Nachdruck verboten.) Im Fakak der Zlajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Ibrahim ließ mit keine Zeit zum Nachdeuken. „Wenn ich aber mein Versprechen erfüllt habe, >vas bürgt mir dafür, daß Sie auch das Ihrige halten?" „Ich gab Ihnen mein Ehrenwort." „Bah, das Ehrenwort einer Frau! Nein, ich will ein Unterpfand haben. Geben Sie mir seinen Ring. Ja, ja, Sie wurden beobachtet, als Sie den Ring von ihm erhielten. Diesen Ring muß ich haben, sonst ist alles vorbei . . . das heißt sein Leben!" „Ich fühle es, ich bin in Ihrer Macht. Gotte helfe mir!" Ich glaubte, ich würde wahnfinnig werden, als ich Maxwells Ring von meinem Finger zog, und doch mußte ich auch dieses Aeußerste über mich ergehen lassen, und ich ertrug es. Galt es nicht sein Leben? „Und nun das Gegengift!" sagte ich ungeduldig, endlich von dem etwas zu hören, was all mein Sinnen beschäftigte. „Werde ich sogleich bereiten. Ich kenne das Samenkorn, das Unschützbare kleine Körnchen, das Mr. Thorold rettet, und verstehe ein Trünkchen davon zu bereiten, das ihn aus den Armen des Todes reißen wird." Ein Geräusch ließ mich umsehen. Ich erblickte Muna- sawmy, der aus der Dachöffnung hervorschaute und mir lebhafte Zeichen machte, um anzudeuten, daß es höchste Zeit zum Fortgehen sei. Aufgeregt nickte ich ihm zu. Und plötzlich wandte ich mich an Ibrahim mit der Frage: „Haben Sie eine Ahnung, was für eine Art Gift es ist?" „Ja, es wird Atropin sein. Man braucht nur eine Schüssel mit einem Blatt dieser Pflanze zu bestreichen und die Speisen darauf einzurichten, so ist die Wirkung schon da. Damit werden weit sichere Ergebnisse erzielt, als mit vielen anderen ungeschickt zusammengesetzten Mixturen." Er sprach mit der Geringschätzung eines Sachverständigen. „Das Gegengift verfehlt aber seine Wirkung niemals, wenn es bei Zeiten angewendet wird." Ein unwillkürlicher Schauder schüttelte mich. Ich stand aus, und Ibrahim fest ins Auge fassend, sagte ich: „Was würden Sie sagen, wenn ich nun plötzlich von diesem Dache aus die Polizei zu Hilfe rufen, die Stadt in Aufruhr versetzen und das Verbrechen über ganz Indien ausschreien wollte?" „Was ich dazu feigen würden", entgegnete er kaltblütig. >,Jch sage, daß, noch ehe Sie die Polizei herbeirufen oder die Stadt in Aufruhr versetzen könnten, Sie erdrosselt in irgend einen Brunnen geworfen würden." Er lächelte höhnisch. „Sie sehen, so ganz zivilisiert sind ivir in Indien immer noch nicht." Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich zum Gehen. „Aber es war ja nur eine Hypothese", fuhr er fort, dicht an meiner Seite bleibend. ,Heute in einem Monat werden wir verheiratet sein, und Thorold soll auch zur Hochzeit eingeladen werden. Doch nun muß ich mich rasch ans Werk machen, und auch Sie, meine schöne, tapfere Pamela, haben keine Zeit mehr zu verlieren." Ehe ich ihn daran hindern konnte, hatte er meine Hand erfaßt, die er trotz meines heftigen Sträubens mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Hierauf führte er mich zur Treppe, der Schleier fiel über mein Gesicht, und fünf Minuten später saßen Munafawmy und ich wieder in der Jutka und fuhren rasch hinweg. Als wir in die Hauptstraße gelangten, befahl ich dem Kutscher indes nicht, wie Munafawmy hoffte, möglichst schnell nach dem Palaste der Radjah zu fahren, sondern trotz des heftigen Abratens meines Begleiters mußte jener die Richtung nach der Residenz einschlagen, indem ich ihn zugleich zu höchster Eile anspornte. Dann hielt der Wagen vor dem Gebäude der englischen Residenz, worin mein Verlobter jetzt krank lag. O tote gern wäre ich zu ihm geeilt, um ihn zu sehen! Aber ohne Zögern fragte ich den Wachtposten nach Doktor Flemming. Der Arzt war jetzt die Hauptperson, und ich hatte auch keine Zeit zu verlieren, schon des armen Hindu wegen, dem die Zähne klapperten vor Furcht, seine Entfernung könnte entdeckt werden. Aber ich? Konnte ich nicht in der Stadt bleiben? Mußte ich mit Munafawmy in den Palast zurückkehren? Ja, sagte ich mir. Jetzt, wo Mr. Thorold krank lag und zur Untätigkeit verurteilt war, durfte ich meinen Posten nicht verlassen, ehe ihm der ganze Sachverhalt bekannt war. Wer weiß, ob es nicht seine Pläne durchkreuzen würde! Doktor Flemming erkannte ich kaum wieder, einen solch mutlosen und abgematteten Eindruck machte er. Mein Anblick überraschte ihn aufs äußerste. „Miß Ferrars?! Sie?! Was ist geschehen?" In fliegender Eile und nur das Notwendigste berichtens erzählte ich ihm, wuf welche Weise die Rani Sundaram Mr. Thorold langsam vergiften lassen wolle. „Also durch den Koch?! Auch ich dachte immer au Gift^ aber vergeblich habe ich mich Tag und Nacht abgemüh^ der Krankheit auf die Spur zu kommen . . . Atropin! Nun ist unser Freund gerettet! Ich kenne die Gegenmaßregeln, die ergriffen werden müssen. . . Aber der Kerl hat zum letztenmal gekocht! Ich lasse ihn verhafetn, und der englische Richter wird ihm schon sagen, was auf Giftmischerei steht! O, Miß Ferrars, verzeihen Sie, wenn ich Sie verlasse, aber Mr. Thorold soll keine Sekunde länger als nötig der Wirkung des Giftes unterliegen!" Mir fiel ein Stein vom Herzen. Max war gerettet! O dem Herrn sei es gedankt, der mich dem Hindumädchen - 286 — helfen, ließ! Wie reich belohnte sich jetzt die kleine Selbstüberwindung, womit ich, in jener Lürmnacht dem einlaß- slehenden Mitmenschen die Tür geöffnet hatte! Was hätte mir sonst bevorgestanden! Welches Unheil hätte mich betroffen dadurch, daß Max dem Mordversuch zum Opfer fiel! O ich wußte, Doktor Flemming würde ihn retten! Die Zuversicht schaute ihm aus den Augen . . . Nun mochte Ibrahim kommen! Seine Hilfe war nicht mehr nötig, und ich brauchte nicht mehr vor der Abmachung zu zittern, deren bloße Erinnerung mich mit Mel und Schauder erfüllte. Kott sei Loh und Preis! * „Es ist alles in Ordnung, Missy", sagte Munasawmy, der sein Möglichstes getan hatte, sich in dem engen Karren in einer gewissen ehrerbietigen Entfernung von mir zu halten. „Mr werden leicht hiueinkoinmen; alle sind noch ganz verrückt von lauter Hochzeitstrubel." Mr waren durch ein Seitenpförtchen in den Palast eingetreten und kamen ohne Anstand an den schläfrigen Schildwachen vorbei, denen Munaswmy, mich unsanft vor sich herstoßend, zurief: „'Es ist meine Schwester, die auch etwas von der Tamascha sehen will!" Im Inneren des Palastes trafen wir mit verschiedenen, dichtverschleierten Gestalten zusammen, die lautlos durch i)ie Gänge huschten. Sicherlich war ich nicht das einzige weibliche Wesen, das an diesem Abend in der Stadt gewesen war. Sogar Begur entdeckte ich, zum Glück noch so rechtzeitig, haß ich mich in den Schatten eines Pfeilers flüchten konnte, bis sie vorüber war; meine Punkah-Külie sand ich noch immer sanft schlummernd. Munasaivmy hatte ihr wohl kein Schlaftränkchcn beigebracht. Er war mir bis vor meiner Zimmertür gefolgt. Nun flüsterte er mir zu: „Habe meine Sache gut gemacht! Großes Wagnis für Munasawmy. Wie ist es mit dem Lohn?" Dies war das zweitemal in dieser Nacht, daß ein Mann euren Lohn von mir forderte. Dieser hier aber hatte sich den seinen reichlich verdient. i „Ich werde mein Wort halten, Munaswmy. Gehen Sie jetzt. . Kaum hatte ich mein Zimmer betreten, so riß ich 'das indische Gewand ab, wusch Hände und Arme und warf mich, das Gesicht der Wand zukehrend, aufs Bett. Aufs äußerste erschöpft von der überstandenen Anstrengung und Aufregung versank ich bald in tiefen Schlaf. * Am nächsten Morgen machte ich mich wie gewöhnlich an die Arbeit, wartete dabei aber in fieberhafter Spannung niit unausgesetzt lauschenden Ohren und zitternden Nerven auf Nachricht — auf irgend ein Zeichen, eine Mitteilung. ,, Allein fünf endlose Tage verstrichen, ohne mir die lesteste Künde von draußen zu bringen. Endlich an einem späten Nachmittag kam Begur in mein Zimmer geschlichen und legte eine Visitenkarte Maxwell Thorolds vor mich hin. „Er ist im kleinen Salon, neben dem Audienzsaal, und wünscht die Miß Sahib sogleich zu sprechen." Ich stand unverzüglich auf und folgte ihr. Wenn ich e§ gewagt hätte, wäre ich ihr am liebsten vorausgeeilt; mit solcher Macht drängte es mich zu meinem Besucher. „ 2ch fand Max in einem kleinen gelben, nach europäischem Geschmack eingerichteten Salon. Bei meinem Antritt erhob er sich mit sichtlicher Anstrengung, denn er war augenscheinlich noch entsetzlich schwach. Dabei sah er geisteryast blaß aus und war zum Skelett abgemagert. Aus seiner, Augen aber blitzte kühne, wilde Entschlossenheit. „Ach, geht es Dir Lesser?" Ich hielt ihm beide Hände entgegen. „Wer Du hättest noch nicht ausgehen sollen." „Ich mußte kommen, und wenn es mein Leben gekostet hätte. Ich wäre gestorben, wenn man mich daran gehindert hätte. Ich wollte mir Aufklärung holen . . . hierüber", sagte er mit stockendem Atem. Hierauf setzte er sich und hielt mir mit seiner zitternden Hand den Ring entgegen, den er mir geschenkt und den ich weggegeben hatte. In sprachloser Verzweiflung starrte ich den Ring und dann wieder Max an, während sein Blick starr aus mir ruhte. „Ibrahim rühmte sich, er habe ihn von Dir erhalten", fuhr er mit leiser, matter Stimme fort. „Aber natürlich hat er ihn gestohlen!" „Nein", antwortete ich unwillkürlich zitternd, „ich gab ihm den Ring wirklich," Es drängte mich, ihm alles zu sagen, aber die Zunge war mir wie angeklebt. „Und du. . . du" — er sah aus, als müsse er ersticken — „Es war alles keine Lüge?" „Nein", flüsterte ich. , ,O mein Gott, bin ich denn noch bei Verstand?" 'Er ries es und versuchte dabei vergebens von seinem Stuhle aufzustehen. „Nein, nein, ich muß verrückt fein . . . Dir verdanke ich ja mein Leben, aber der Schurke behauptet. Du hättest ihm versprochen, ihn zu heiraten, worauf ich, ihn natürlich zur Tür hinauswerfen ließ." „Ach, es ist ja alles wahr!" Ich rang die Hände. „Höre mich nur an!" Allein Max vermochte nichts mehr zu hören. Noch während ich sprach, sah ich ihn wanken, dann neigte er sich plötzlich nach vorn, fiel mit dem Kopf zwischen die ausgestreckten Arme auf den Tisch und rührte sich nicht mehr. Hatte ich ihm nur darum das Leben gerettet, um es ihm im nächsten Augenblick wieder zu nehmen?" Mrs. Evans' Tod siel mir plötzlich ein, und es war mir dabei, als dringe ein Schwert durch meine Seele. Brachte ich meinen Freunden Unglück? Ich legte meine Hand aus die seinige, sie war schlaff und kraftlos. Nun rannte ich in den Audienzsaal hinaus und schrie wie verzweifelt um Hilfe. Leute liefen auf mein Rufen zusammen. Auch Doktor Flemming kam aus. dem Wagen, wo er gewartet hatte, herbeigelaufen. Seine sonst so lustigen Augen blickten mich, alles, nur nicht freundlich an, und während er sich dann bemühte, Max zum Bewußtsein zurückzubringen, wandte er sich plötzlich um und sagte zu mir barsch: „Wir bedürfen Ihrer Hilfe nicht, Miß Ferrars. Sobald Mr. Thorold wieder zu sich kommt, bringe ich ihn nach Hause. Dieser Besuch hier kommt einem Selbstmord gleich. Ueberhaupt ist es besser, er sieht Sie vorerst nicht wieder." Das war der grausamste Schlag, der mich bis jetzt getroffen, hatte. Es ist besser, er sieht mich vorerst nicht wieder! Und eine Stimme in meinem Innern wiederholte diesen Ausspruch zustimmend. Verzweifelt, außer mir, halb besinnungslos lief ich, ohne eine Aufforderung zum Eintritt abzuwarten, zu meiner lieben, gütigen Beschützerin, der Rani, und sagte atemlos: „Eure Hoheit. Ich flehe Sie an, erlauben Sie mir, den Palast auf einen Monat zu verlassen. Ich befinde mich in einer großen Sorge und Bedrängnis und möchte ins Gebirge zu einer Freundin gehen. O Rani, wenn Sie mich 'schätzen, wenn Sie finden, daß ich Ihren Kindern von Nutzen war, so helfen Sie mir im Namen Ihrer Götter und meines Gottes!" schloß ich, in Tränen, ausbrechend. „Die Rani Sundaram hat sich in ihre Privatgemächer eingeschlossen", antwortete sie gütig. ^„Sie ist krank, mit anderen Worten entsetzlich böse und zornig, und ich, ach, ich habe, wie Sie ja wissen, gar keine Macht. Ich will es aber trotzdem versuchen." „Sie sind die Mutter des Rajah, die Mutter meiner Schüler. Helfen Sie mir, daß ich noch heute abend den Palast verlassen kann", flehte ich. „In drei Wochen werde ich wieder hier sein." Ich mußte ja zurückkehren, solange ich nicht von meinem Versprechen befreit war, wenn ich aber jetzt im Palast verbleiben sollte, so würde ich sicherlich den Verstand verlieren. Von Mrs. Dalrymple hatte ich' einen ungemein herzlichen Brief erhalten, worin sie mir zu meiner Verlobung mit dem besten aller Männer Glück wünschte und mich bat, so bald als möglich zu ihr zu kommen. Sie gab eine reizende Beschreibung ihres von Jasmin umrankten Landhauses, ihres Gartens, wo Veilchen, Nelken, Rosen und Orangebäume blühten, und rühmte die wundervolle Aussicht und herrliche Gebirgsluft in wahrhaft verlockenden Ausdrücken. Wenn ich mir den Ort vorstellte, wo sie weilte, so schien es mir, als 06 dort der Himmel, um mich her aber die Hölle selbst sei. Meine Tränen, meine eindringlichen Bitten und meine Beredsamkeit trugen gute Früchte. Die kleine Rani faßte den kühnen Entschluß, mir Urlaub zu geben, ohne irgend jemand außer ihrem Bruder etwas davon mitzuteilen. 'Es wurde beschlossen, daß ich mich im Morgengrauen nach der Station Bowenpillay auf den Weg machen sollte. Ich packte nur einen kleinen Koffer, beglückte Munasawmy mit einem Geldgeschenk, das für ihn Reichtum bedeutete, und fuhr dichtverschleiert und von Shumsha-Lal in höchst eigener 287 Person geleitet, in sausendem Galopp in einem Staatswagen nach der Station, wo ich rechtzeitig den nach Jollapett und Mettapollum abgehenden Frühzug erreichte. (Fortsetzung folgt.) Plaudereien aus der KaiserstadL- (Nachdruck verboten.) Das Ende der Taitsdiamanten. — Peter Hilke's Heimgang. — Jenny Groß f. Mit recht gemischten Gefühlen werden die stolzen Liebhaber funkelnder Geschmeide, die sich aus pekuniären Rücksichten mit den wunderbarsten Imitationen der Welt begnügen müssen, vernehmen, daß Taits Tiamanten, die anfänglich Stück für Stück sechs Mark kosteten und als die Osterfreude der Konsektioneusen, Portokassen- Dividandies und anderer kluger Zeitgenossen nachließ, für "zwei Mark zu haben waren, nunmehr für eine einzige lumpige Reichsmark losgeschlagen werden. Jedenfalls ist der Handel mit diesen amerikanische Glasknöpfchen und -Splitterchen kein übles Geschäft gewesen; denn die Ladenmieten allein haben eine horrende Summe beansprucht und die Schaufensterbeleuchtung, die aus dem glänzenden Tand die funkelnden Effekte hervorzaubern mußte, wird in ihrer raffinierten Fülle auch nicht gerade billig gewesen sein. Inzwischen lockt schon wieder irgend eine andere „Intelligenz" von jenseit des großen Heringsteiches uns lieben hellen Berlinern mit einem neuen Tric das Geld aus der Tasche, wie der Fall des Elektro-Bigor-Bertreters beweist, der mit seinem elektrischen Gesundheitsschwindel-Apparat täglich Einnahmen bis zu 10 000 Mark gehabt haben soll. Die Welt will nun einmal betrogen sein •— und die alte zweifellos noch mehr als die neue; sonst verlegten nicht halb so viel smarte Jungen das Operationsfeld für ihre genialen Ideen gerade nach Europa! Wir stehen drüben zweifellos in dem Rufe, unpraktische Leute zu sein, obgleich wir eigentlich an findigen Köpfen keinen Mangel haben. Aber die Einfälle allein tuns nicht; man muß sie auch richtig zu verwerten verstehn. Wenn der alte Herr mit dem wildnmbuschten Haupt, den sie vor wenigen Tagen zur letzten Ruhe geleitet haben, das verstanden hätte, wäre ihm jedenfalls ein materiell glücklicheres Los auf dieser Erde beschieden gewesen. Ich rede von Peter Hille, dem Hauptmann der litterarischen Zigeuner Berlins. Eine Zeit lang glaubten die nüchternen, überall Ironie witternden Spree-Athener überhaupt nicht an die Existenz Peter Hilles; sie hielten die lyrisch tollen, von genialen Gedankenblitzen durchleuchteten Plaudereien und Aphorismen, die den Zeitungen auf. gebrauchten Briefumschlägen und ähnlichem Manuskriptpapier zugingen und von diesen mitunter veröffentlicht wurden für die Foppereien irgend eines parodierenden Spaßvogels, bis sich nach und nach durch Gäste, die in das Dillesche Kabaret an der Potsdamer Brücke versprengt waren, die Leibhaftigkeit des weltfremden Poeten herausstellte. Eine kleine, litterarische Gemeinde war es, die die seltsam ungleichen, nie ganz ansgereiften Produkte dieses Bohemien-Gehirns wie Offenbarungen attstaunte, und ein Abglanz dieser heute wehmütig berührenden Ueberschätzung leuchtet durch alle die Nekrologe, die diese Tage über Peter Hille bringen. In Wahrheit wird von all den Dichtungen des Poeten nichts in die Hände unserer Enkel kommen, da von keiner der Stempel harmonischer Vollendung grüßt! Größer ist der Kreis, der den Verlust unserer Madame Sans Gene betrauert, die noch vor wenigen Wochen als Maria Theresia in dem gleichnamigen Schönthanschen Hofanekdotenbrei die Berliner durch die schelmische Anmut ihres Spieles sowohl als durch die Pracht ihrer Toiletten in Entzücken versetzte. Jenny Groß ist nur 42 Jahre alt geworden. Ein unheimliches Leiden hat die allzeit Fröhliche hinweggerafft, mitten aus dem Schaffen heraus zur Bestürzung ihrer vielen Freunde und Verehrer. Sie hatte es besser verstanden, als Peter Hille — mit dem sie nun zusammen an der Himmelspforte anklopft — ihr Talent zu verwerten, was man ungefähr erkennen kann, wenn man erfährt, daß sie noch vor kurzem 25 000. Mark Abstandsgeld an Direktor Lautenburg zahlte, um ihren Kontrakt, der sie dem Residenztheater verpflichtet hatte, ihrer Maria Theresia-Tournee wegen zu lösen. Ich glaube, Peter Hille hat eine solche Summe in seinen kühnsten Träumen nicht beieinander gesehen. Wer er ist auch ohne das an dasselbe Ziel gekommen und vielleicht manchmal glücklicher gewesen als dieser verwöhnte Liebling des„ Berliner Publikums, die trotz aller Huldigungen, die ihr der grüne Strand der Spree geboten, nun im Tode den Berlinern untren wird. Sie hat es sich ausbedungen, ihr Grab in der Wiener Erde zu erhalten, obgleich Wien ihre eigentliche Heimat auch nicht ist. Und so ist ihr Sterbliches denn nach der Stadt an der schönen blauen Donau überführt worden, um dort bestattet zu werden. Peter Hille, der ein echter Philosoph war, mu§te, daß der weiße märkische Sand nicht schlechter ist als die rote Erde seiner Westfalischen Heima.t Er ruht draußen auf dem Matthiaskirchhof rn Marienhöhe und harrt dort ebenso gut aufgehoben fröhlicher Urstand' . . . A. R. Kind und Kund. „Unsere Kinder", so erzählt Heinrich Seidel in seinem herzigen Buche „Leberecht Hühnchen", „hatten alle etwas Sonniges in ihrem Wesen, das mochte wohl eine Erbschaft von ihrem Großvater sein, aber Helen^hatte diese Eigenschaft im höchsten Grade. Wir nannten sie nur das Sonnenkind oder Großpapas Sonnenschein. Von ihrem freundlichen Gesichte ging stets ein Heller Schimmer aus, und auf ihrem braunen Haar lag es wie ein goldiger Glanz. Sie hatte auch mit dem Sonnenschein ein besonderes Verhält- ms und spielte sogar mit ihm. Als das Kind fast vier Jahre alt war, rief mich meine Frau einmal um die Mittagszeit, als die Sonne Zwischen den Vorhängen hindurch einen breiten Strahl in das Schlafzimmer sendete, und zeigte mir ein holdes Bild. Dort kniete Helenchen vor einem Stuhle, auf den das himmlische Licht mit ganzer Kraft funkelte, und griff mit den zarten Händchen in den hellen Sonnenschein und versuchte ihn mit zierlicher Bewegung der Finger in die dunklen Ecken zu streuen. Außer dem Sonnenschein liebte sie die Blumen, die seine Kinder sind, und oft rührte es mich tief, wenn sie bei unseren Spaziergängen das kleine dürftige Blumenwerk, das an den staubigen Wegen wuchs, mit heller Freude begrüßte und die kümmerlichen Glöckchen und Sterne sorglich in der kleinen warmen Hand nach Hause trug. Onkel Nebendahl und seine Frau, die ebenso behäbig, rundlich und glänzend aussah als ihr Mann, hätten unsere Kinder in ihrer Gutmütigkeit fast umgebracht, wenn wir nicht stets auf der Hut gewesen wären. Wie so manche Landleute geneigt, das städtische Leben als ein Hungerleben anzusehen, waren sie stets darauf aus, sowohl während als außerhalb der regelmäßigen Mahlzeiten, deren es täglich fünf gab, unsere Kinder bis oben hin voll guter Sachen zu stopfen. Helene, obwohl sie den guten Onkel im Punkte des Essens nicht befriedigte, war sein Liebling. „Die kleine Dirn'", sagte er, „is immer vergnügt und so fix zu Bein wie'n Brummküsel, un tanzt un singt un springt den ganzen Tag. Wenn ich manchmal so sitz und grätz" mich un ärger' mich über die Wirtschaft, un die kleine Dirn' kommt rein, un so drat sie man in der Tür is, da is sie auch schon bei mir un sitzt mir auf 'n Schoß un kuckt mich cm mit 'n Gesicht, als wenn die Sonn in ’n goldenen Becher scheint — ja, dann is aller Aerger gleich weg. Un alle Kreatur is ihr gut, das mit Wasser werd' ich mein Lebtag nicht vergessen." „Wasser" hieß nämlich ein ungemein böser Kettenhund, der einzig und allein nur vor dem Onkel und dem Manne, der die Kühe fütterte und auch ihn mit Nahrung versorgte, Achtung hatte, die übrige Menschheit aber ohne alle Ausnahme in die Waden biß, wenn er ihrer habhaft werden konnte. Diese bösartigen Natirranlagen hatten ihm, nachdem er eine genügende Anzahl von Kindern und großen Leuten in unverantwortlicher Weise geschädigt hatte, eine dauernde Anstellung als Kettenhund eingetragen, und die ewige Gefangenschaft, die solcher Beruf mit sich brachte, hatte sein Gemüt natürlich nur noch mehr verdüstert. So lebte er denn in seiner geräumigen Hütte einsam als ein Sonderling und ■ Menschenfeind, keine andere Freude kennend, als, sobald ein fremder Mensch den Hof betrat, an der rasselnden Kette einem Teufel gleich herum zu toben und zu rasen und seinem sinnlosen Zorn und Ingrimm durch ein fanatisches Gebell und Beißen in Steine Luft zu machen. S&gen der oftmaligen Wiederholung dieses Manövers war rings um seine Hütte ein tief ausgetretener Kreis beschrieben, und in diesen wagte sich weder Mensch noch Tier, mit Ausnahme der frechen Sperlinge, die vor nichts in der Welt Respekt haben.. Nun ward am zweiten Tage unserer Anwesenheit aus dem Gute bald nach Tisch bemerkt, daß Helene verschwunden war. Man suchte und rief sie im Hause und im Garten, allein es kam keine Antwort. Endlich sah jemand zwei zierliche Kinderstiefel neben dem Kopf des bösen Kettenhundes, der scheinbar tückisch brütend in seiner Hütte lag. Ein tödlicher Schreck befiel uns alle, als dies bekannt wurde, Frieda (die Mutter) ward leichenblaß und selbst Onkel Nebendahl verfärbte sich. Er ging allein auf die Hütte zu, indem er uns anwies, im Hintergründe zurückzubleiben. Der Hund richtete sich auf, als er seinen Herrn sah, fletschte die Zähne und knurrte bedenklich. In diesem Augenblicke vermochte sich Frieda nicht, mehr zu halten und sie ries mit lauter Stimme § „Helene! Helene!" Da rappelte sich in der Hütte etwas empor, und neben dem zottigen Kopf des Hundes erschien das rosige Angesicht 288 des kleinen Mädchens. Es rieb sich anfangs ein wenig verschlafen die Augen und sah dann, von Glück strahlend, auf uns hin. Frieda wagte nicht mehr zu rufen, sondern winkte nur eindringlich mit der Hand. Da sagte die kleine Helene zu ihrem Nachbar: „Adjö, Hund, nun muh ich wieder zu meiner Mama", und dabei tätschelte sie ihm den zottigen Kopf, wahrend der Köter gerührt winselte, ihr die Hand zu lecken versuchte und mit dem Schwanz- wedelte, wie man aus dem Klopfen gegen die Wand der Hütte vernehmen konnte. Dann, als sie ruhig und seelenvergnügt zu uns ging, folgte ihr der Hund bis an den Kreis, der die Grenzen seines Reiches bezeichnete, und winselte und gunste nach ihr und stellte ein Bild dar, unter das man gleich hätte schreiben können: „Die Sanftmut in Hundegestalt." Nachher erzählte sie: „Ich war so traurig von den Hund, daß er immer so allein is und an der Kette und kann gar nicht rumspringen wie Karo und Fips und Bergmann. Und da bin ich hingegangen und hab' ihm viele schöne Blumen, gepflückt. Die mocht' er aber gar nich leiden und hat sich gar nich gefreut. Und da war seine Wasserschale ganz leer und er hatte immer die Zunge 'raus und den Mund auf und machte immer so." Sie ahmte das Jichern eines Hundes nach. „Und da bin ich an den Trog gegangen und hab' ihm Wasser in seine Schale gefüllt. Und das hat er all' ausgetrunken und seine Zunge wie einen Löffel dabei gemacht und es hat schlapp, schlapp gesagt. Und da sind wir beide in sein Haus gegangen und da hab' ich ihm die Geschichte von dem Wauwau und dem Mählamm erzählt. Die mocht er woll gern leiden und hat immer mit 'n Schwanz an seine Hütte geklopft. Und dann haben wir beide 'n bißchen geschlafen, Und dann hat mich Mama gerufen. Und nun ist die Geschichte aus." Vermischter. * Folgenden Abschiedsgruß an das Mündener Publikum gibt der zurzeit in Münden gastierende Theaterdirektor Unger — auch in Gießen bekannt — schwarzumrändert auf dem letzten Theaterzettel bekannt: „Meine Herrschaften! Seit ca. 5 Wochen mühe ich mich vergebens ab, mit einem anerkannt guten Schauspiclerpersonal die geschätzte Einwohnerschaft von Münden für meine Vorstellungen zu interessieren, ohne daß es mir bis heute gelungen wäre. Ich habe Novitäten gebracht, interessante Gastspiele, und da diese nicht zogen, alte Schmöker hervorgesucht — um damit vielleicht dem Geschmack des p. t. Publikums von Münden näher zu kommen — alles war vergebens, ja selbst das Gastspiel des Hofschauspielers Schmasow — der erklärte Liebling des Casseler Publikums — spielte sich vor einem vollen Saal — leerer Stühle in Münden ab. Ich sehe mich infolgedessen und nachdem ich all meine Ersparnisse der Stadt Münden geopfert habe, genötigt, am Dienstag, dem 10. d. M., zu schließen und bitte nur noch, doch wenigstens diese letzten beiden Vorstellungen besuchen zu wollen, damit, wenn ich später einmal im Buche meiner Erinnerungen blättere, bei dem Namen Hannövrisch-Münden nicht allzu schmerzlich berührt werde. Um stilles Beileid bittet der Theaterdirektor von Hannövrisch-Münden." * * Der größte Flußbampser Europas. Der eiserne Schraubendampfer „Amsterdam XI." ist gestern von Amsterdam mit Ladung für die Reedereifirma Alfred Altschüler u. Co. im Frankfurter Hafen eingetroffen. „Amsterdam XI" ist der größte von allen Dampfern, die europäische Flüsse befahren. Auf der Werft von Johan Kievits und van Reede in Papendrecht gebaut, lief er im Jahre 1898 vom Stapel. Er ist 85 Meter lang, 9.10 Meter breit und hat 2.40 Meter Tiefgang. Seine Ladefähigkeit beträgt 19 493 Zentner mit 450 indizierten Pferdekräften. KesundHeitspflege. — Während die Elektrizität seit langer Zeit und nahezu in allen Formen, in denen sie uns nach und nach bekannt geworden ist, mannigfache Anwendung zu Heilzwecken gefunden hat, vermochte die Heilkunde bis vor kurzem den Magnetismus nicht in den Dienst der leidenden Menschheit zu stellen. Das lag jedoch daran, daß man es nur mit unveränderlichem Magnetismus, oder, mit anderen Worten, mit einem magnetischen Felde — so nennt man bekanntlich das Gebiet, in dem die magnetischen Kräfte sich geltend machen — von stets gleich bleibender Stärke und Richtung versucht hatte. Ein solches Feld übt keine merkliche Wirkung auf den menschlichen Organismus aus. Es ist das Verdienst des Schweizer JUgenieurs Eugen Konrad Müller, durch eine physiologische Beobachtung auf den Gedanken gekommen zu sein, daß ein veränderliches magnetisches Feld, das seine Stärke und Richtung von Moment zu Moment wechselt, einen Heilzwecken dienende,r Einfluß auf den menschlichen Organismus ausüben tonnte. Diese Vermutung hat sich bestätigt, und sie bildet den Anfang einer elektromagnetischen Therapie, die noch sehr jung, deren Entwicklung aber nicht abzusehen ist. Ein magnetisches Wechselfeld läßt sich auf mehrfache Weife herstellen. Eine sehr vorteilhafte Methode besteht darin, einen mit Gleichstrom gespeisten Elektromagnet von Hufeisenform um seine Symmetrteaxe in Rotation zu versetzen. Nach diesem Prinzip sind bereits zahlreiche Stationen in vielen Städten Deutschlands eingerichtet. Die therapeutische Anwendung des Magnetismus hat vor der des elektrischen Stromes den Vorzug, daß die Patienten, wenn sie nicht ganz besonders sensibel sind, die Einwirkung desselben gar nicht empfinden und in keinem Falle eine schmerzhafte oder unangenehme Empfindung haben. Sie kommen auch mit dem Magneten selbst gar nicht in Berührung. Die Krankheitsfälle, für die die elektromagnetische Behandlung indiziert erscheint und nach den ärztlichen Berichten mit bestem Erfolge angewandt wird, sind im Allgemeinen schmerzhafte Reizzustände des Nervensystems, Neurasthenie, Neuralgie, Ischias, Rheumatismus, Schlaflosigkeit. Prof. Dr. Kalischer, Charlottenbürg.. * — Die Magenverdauung im Röntgenbild. Damit die Verdauung regelrecht von statten gehe, sind zwei Vorgänge notwendig, einmal muß die Speise durch den abgesonderten Magensaft verdaut werden, andererseits muß die verdaute Speise vom Magen weiter nach dem Darm bewegt werden. Gerade über diese Magen- und Darmbewegungen sind unsere Kenntnisse noch sehr lückenhaft, und es war sehr naheliegend, daß bald der Versuch gemacht wurde, durch Röntgenbild diese komplizierten Verhältnisse auszuhellen. Am Menschen, sowohl wie an Tieren hat man mit -Erfolg Durchleuchtungsversuche des arbeitenden Magens vorgenommen, indem ein für Röntgenstrahlen schwer durchf- gängiger Körper, z. B. salpetersaures Wismut, zur Nahrung gemischt wurde, worauf die Umrisse, Bewegungen und Entleerungen des Magens im Röntgenbild sehr deutlich zur Beobachtung gelangten. An Hunden und Katzen werden rhythmische, alle 10 Sekunden entstehende Wellen beobachtet, die von der großen Krümmung nach dem Pförtnerteil hinlaufen, wobei sich allmählich der Speisebrei nach dem Darm entleert. Dr. Lommel in Jena hat diese Untersuchungen fortgesetzt und ist zu interessanten Ergebnissen gelangt. Durch Beobachtung des Wellenablaufs studierte er den -Einfluß verschiedener äußerer und innerer Einwirkungen auf die Magenbewegung, er fand physikalische Faktoren, wie die Kälte- und Wärmeanwendung von geringfügigem Einfluß, dagegen war der -Einfluß chemischer Reizmittel bedeutender. Nach Zusatz gewisser Präparate zur Nahrung war die Wellenbewegung sehr stark und beschleunigt. Am meisten ausgesprochen war der ^Einfluß seelischer Vorgänge auf die Magenbewegung. Waren die Tiere unruhig, oder litten sie Schmerzen, so. zeigte sich, stundenlang keine Bewegung und keine Entleerung. Damit wäre für die altbekannte Tatsache der experimentelle Nachweis gebracht, nämlich-, daß auch beim Menschen infolge von Gemütsverstimmungen die Verdauung leidet, sodaß das Sprüchwort: „Es liegt mir etwas schwer im Magen", vollkommen zu Recht besteht. Magisches Zahle «qrradrat. (Nachdruck verboten). In nebenstehendes Quadrat sind vier Zahlen viermal derart einzutragen, daß jede wagerechte, senkrechte unb jede der beiden Querreihen die Summe von 26 ergiebt. In der durch schwarze 'Felder bezeichneten Querreihe müssen aus einander folgende Zahlen stehen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Charade in vor. Nr.: Eilzug. Redaktion: Auautt Göd. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schenUniversitäts-Buch- und Cteiudruckerei. R. Lanae. Gießen.