L! ■ i (Nachdruck verboten.) Im Makak der Wzah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) 2. Den ganzen Tag reifte ich auf langsame, gemächliche Art weiter. Ich hatte den Wagen ganz für mich allein und betrachtete, am Fenster sitzend, mit aufmerksamem Auge die indischen Landschaftsbilder: die mit Lehmmauern umgebenen Dörfer, die seltsamen Vögel, die breiten, halb ausgetrockneten Flüsse, und die hübschen, kleinen Eisenbahnstationen, auf denen sich eine bunte Menge drängte. Voll banger Zweifel dachte ich an Malter. Ich sah so einfach und ländlich aus. Ob ihn mein Anblick wohl sehr enttäuschte? Er hatte sich weit mehr zu seinem Vorteil verändert als ich Wohl war ich groß und schlank, mein Haar hübsch, und meine Gesichtsfarbe anerkanntermaßen weiß und rosig. Mrs. Blasson hatte mich sogar gefragt, ob sie echt sei, und als ich eine solche Frage empört zu- rückivies, hatte sie gesagt: „Wenn Sie nicht sofort ins Gebirge gehen, wird Ihre glänzende Farbe keine sechs Monate standhalten." Ich erhob mich und betrachtete prüfend mein Gesicht im Spiegel des Eisenbahnwagens. Blaß war es allerdings, und meine Augen sahen unnatürlich groß und verängstigt aus. Ich befand mich aber auch tatsächlich in Angst, ach, in unaussprechlicher Angst! In weniger als einer halben Stunde sollten Walter und ich einander gegenüberstehen; ich hatte genau den Fahrplan studiert. Als dann die letzte Station vor Bareda hinter mir lag, fühlte ich, wie ich vor Bangigkeit förmlich zitterte. Ich hatte mein Haar mit größter Sorgfalt aufgesteckt, einen hübschen Hut aus dem Koffer herausgeholt und den Staub von meinem Kleide gebürstet. Aber als der Zug über Schienenstränge und Straßenübergänge rasselte und allmählich langsamer fuhr, schlug mein Herz zum Zerspringen. So erregt, so namenlos unglücklich und verlassen fühlte ich mich daß ich am liebsten unter den Sitz gekrochen wäre. Tann fuhr man unter heftigem Stoßen und Rütteln in eine große Station ein, und ich setzte mich mein Handgepäck sorgfältig zusammengelegt neben mir, wieder auf meinen Platz. Ich warf einen flüchtigen Blick hinaus, entdeckte aber niemand, der auch nur entfernt Walter ähnlich sah. Was bedeutete das? Ob er wohl ernstlich krank war? Fast erstarrt vor Schmerz und Aufregung wartete ich, wie es mir vorkam, eine Ewigkeit. Endlich öffnete sich leise die Tür, und ein in prächtige, scharlachrote und blaue Gewänder gehüllter Indier schaute herein und fragte mit einer tiefen Verbeugung: „Miß Sahib, für Hassall Mem Sahib?" Bejahend nickte ich. Er winkte mir, mich zu erheben, und als ich seiner Aufforderung folgte, reichte er mir einen Brief herein. Also auch jetzt wieder nur ein schriftlicher Empfang! Hastig riß ich das Schreiben auf, während der Indier mein Handgepäck an sich nahm. Auf einem winzigen Briefbögchen stand geschrieben: Liebe Miß Ferrars! Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich nicht an die Bahn komme. Ich habe für diesen Nachmittag eine Zusammenkunft verabredet, die id): nicht aufschieben kann. Ter Diener wird alles für Sie besorgen; er ist meine rechte Hand. Ihre ergebene E. Hassall. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich und mein Besitztum der Obhut von Mrs. Hassalls „rechter Hand" anzuvertrauen. In wunderbar kurzer Zeit hatte er mein Gepäck beisammen, und nun rasselten wir in einem indischen von zwei Pvnics gezogenen Fuhrwerk, das er Gharri nannte, davon, dem Endziel meiner Reise entgegen. Wir sichren durch einen großen, von breiten, weißen Straßen durchquerten Park — wenigstens schien es mir, ein Park zu sein — aus dem hier und da ein mit Stroh gedecktes Haus hinter einer Veranda hervorschaute. Nichts ließ eine Stadt oder auch nur einen Marktflecken vermuten, und doch war dies hier die große Garnisonstadt Busabad. Es deuchte mir eine Ewigkeit, bis wir endlich in ein Giüer- tor einbogen, eine Rampe hinausfuhren und vor dem Portal eines langen, niedrigen Hauses, welches das charakteristische Bild eines indischen Wohnhauses bot, hielten. Die Veranda war mit Matten belegt und mit Stühlen, Windschirmen sowie einer Menge Palmen behaglich ausgestattet und durch hübsche, bunte Lampen erleuchtet. Diensteifrig kam ein bärtiger Diener die Stufen heruntergeeilt und verbeugte sich tief vor mir, während eine kleine, magere, aber kräftig anssehende Jndierin mit seltsamen Ohren- und Nasenringen mich in gebrochenem Eng* lisch begrüßte, meine Reisetasche in die Hand nahm ünd mich in den Bungalow geleitete. Zuerst kamen wir auf einen Vorplatz, dann in ein hohes, luftiges Speisezimmer, wo der Tische bereits überreich mit Blumen und Silberzeug gedeckt stand, und schließlich in eine Schlafstube, die ebenfalls mit den schönsten Matten ausgelegt war, aber außer einigen Möbeln aus Rohrgeslechi nur noch ein kleines, mit einem Mosquitonetz umgebenes Bett enthielt. „Mem Sahib zum Klub gegangen, Miß Sahib", sagte meine Zofe erklärend und gleichfalls entschuldigend, indem sie meine Tasche niedersetzte: „Aber bald, sehr bald zurückkommen." Tann ging sie hinaus und erteilte in gellendem Hindo- stanisch einen Befehl, woraus sofort mein ganzes Gepäck hereingebracht wurde. Währenddessen legte ich meinen Hut ab und händigte der Zofe meinen Schlüssel ein. Mir war jämmerliche trostlos zu Mute mit ihren durchdringenden Augen scharf prüfend an, während ich noch immer verlegen muten im Zimmer stand. Nachdem ich endlich meine Fassung wiedergefunden, fragte ich!: „Wie geht es Walter? Und wann werde iäx ihn sehen?" „Er war ziemlich elend, wenn auch nicht bedenklich krank: ein Fieberansall, von dem er sich noch nicht ganz erholt hat. Deshalb konnte er unmöglich die Reise nach Bombay unternehmen; morgen abend kommt er aber sicher, vielleicht schon früher. Ich bin überzeugt, daß Ihr Au- blrck ihn sofort ganz Herstellen wird." Hatte Mrs. Hassall mich zum Besten, oder sprach sie im Ernst? Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, da sie eben ihren eleganten, zu ihrem hübschen Rosa-Musselinkleid passenden Hut abnahm. ... . "H?ben Sie eine gute Uebersahrt gehabt? Und nette Gesellschaft?" „O ja, ich danke." „Sie sind ein tapferes Mädchen! Sechstausend Meilen wert allem herzureisen, um Walter zu heiraten! So weit hatte mein Mut niemals gereicht." ,^Jch glaube auch, daß ich etwas Ungewöhnliches unternommen habe." Ich fetzte mich nun ebenfalls. „Durchaus nicht. Das tun viele Mädchen, wenn iHv Bräutigam sie nicht holen kann. Wie geht es Tante Gussi?" „Sie war recht wohl, als ich sie zuletzt sah." „Sie sind nämlich ihr ganz besonderer Liebling, und, so viel ich weiß, hat sie die ganze Sache ins Leben ge- rufen. Sie ist wirklich! eine bewundernswerte Frau. Am nächsten Samstag um zwei Uhr wird also die Trauung stattfinden. Sobald die Smyrna gemeldet wurde, schickte ich! die Einladungen ab. Sie und Watty haben somit noch genügend Zeit, sich gegenseitig kennen zu lernen." „Eine Woche ist nicht lang", tvarf ich schüchtern ein. „Eine Woche genügt vollständig", entgegnete sie nachi- drücklich. „Manche Mädchen sind schon eine Stunde nach ihrer Landung in Bombay getraut worden. Stirbt jemand hier, so wird er noch am selben Tage gebraben; bei uns in Indien macht man in derartigen Sachen kurzen Prozeß. Ein wahres Kleinod von einer Ajah habe ich auch schon für Sie gedungen." „Sehr liebenswürdig von Ihnen!" murmelte ich mit schwacher Stimme. „Ich beabsichtige Ihre Hochzeit zu einem glänzenden Fest zu gestalten. Tie Geselligkeit ist gegenwärtig ein wenig flau, und eine Hochzeit bringt immer Leben und Heiterkeit mit sich." „Ach, und ich hatte so sehr aus eine stille Hochzeit gehofft!" „Tann war Ihre Hoffnung eben eitel, meine Liebe." Ein breites Lächeln ließ fast alle ihre Zähne zum Vorschein kommen. „Ich habe nämlich ein wahrhaft entzückendes Kleid, das ich nur zweimal in Simla trug und das hier noch niemand kennt. Ich habe vor, ein Gartensest zu geben", plauderte sie weiter. „Ich gebe nämlich während der Saison alljährlich eines. Taschenspieler und Schlangenbeschwörer sollen ihre Künste zeigen und die Jägerkapelle wird spielen. Zweihundert Einladungen sind ergangen; die Leute müssen endlich! einmal wieder aus dem Schlafe geweckt toerben." „Tas geht doch alles gewiß auch ohne Watty und mich", ries ich mit mich selbst überraschender Kühnheit. „Bitte, lassen Sie uns ruhig zur Kirche gehen und gleich darauf abreisen.^ „Warum?" fragte sie scharf. „Warum sollen wir nur zur Unterhaltung der Gesellschaft ein großes Hochzeitsfest feiern?" , „Einfach deshalb, weil alles schon vorbereitet ist. Ten meisten Mädchen macht doch auch eine glänzende Hochzeit Hwß. Aber ich merke schon. Sie sind ganz anders, als ich Sie mir, gedacht habe." Ciu eigentümlicher, verlegener Ausdruck zeigte sich dabei in ihren unbarmherzig blickenden Augen. „Mrklich? Wie glaubten Sie denn, daß ich sei?" „Nun, mehr ein schüchterner, zimperlicher Backfisch." „Ein zimperlicher Backfisch würde doch wohl schlecht aus eine Teepslanzung passen. Im Grunde genommen bin idji aber doch ein recht schüchternes Mädchen." Diesen Eindruck machen Sie gar nicht. Ich sehe, daß Sie Ihre eigenen Ansichten haben und Ihren Kops nicht nur hoch tragen, sondern gelegentlich auch durchsetzen können. Auch verstehen Sie es, sah, hübsch zu kleiden. Dies ist wirklich ein reizendes'weißes Kleid. Tie Spitzenärmel und die lange Schleppe gefallen mir sehr gut. Einige Herren kommen heute auch zum Abendessen, und nachher wollen wir alle auf den Klubball gehen." „Wer ich, brauche Sie doch hoffentlich nicht zu begleiten?" warf ich ängstlich ein. „Wenn Ihnen nichts daran liegt, nein. Mir scheint überhaupt, daß Sie sich vorläufig noch ein wenig unbehaglich unter uns fühlen, aber Sie gewöhnen sich gewiß bald an unsere lustige Art, zu leben", antwortete sie nachsichtig. Ich aber wußte genau, daß ich mich niemals an sie und ihre grausamen Augen und ihre harten Züge gewöhnen würde. „Sie sagten, daß Walter vielleicht käme?" „Ach ja, richtig. Er gehört zu den unbequemen Leuten, die kommen, wenn man |te am wenigsten erwartet, und niemals da sind, wenn man sie braucht . . . Natürlich sagte ich das nur im Scherz. Er wohnt nämlich nicht hier, weil wir keinen Platz haben. Sein Vetter Maxwell hat ihn bei — 159 sich ausgenommen. . . Sie Haven doch von Max gehört?" „Nein, wer ist das?" „Aber ich bitte Sie, er ist ja der Stolz unserer Familie. Sie haben nichts von Maxwell Thorold gehört? Ein unheimlich gescheiter Mensch, sage ich Ihnen, der noch einmal zu den höchsten Ehvenstellen aufsteigen wird. Dabei ein kleiner Adonis und hartgesottener Junggeselle." „Wirklich?" antwortete ich! gleichgiltig. „Er ist auch! sonst etu lieber Mensch und Watty gegenüber immer so freigebig. So hat er zum Beispiel Leinwand, Gläser, Lampen und Porzellan in Ihre junge Haushaltung gestiftet. Ich selbst wählte alles aus." Diese triumphierende Ankündigung erregte in hohem' Grade meinen Zorn, und sofort erfaßte mich ein heftiges Vorurteil gegen diesen gepriesenen jungen Mann, der uns mit Lampen und Porzellan versorgt hatte. „Maxwell wäre eine glänzende Partie für jedes Mädchen", rühmte Mrs. Hassall weiter. „Es ist nur schade, daß er selbst das nicht einsehen will." „Ten jungen Mädchpn wird es wohl ebenso gehen." Ich war ärgerlich über die Lobpreisungen dieses Mr. Thorold und die schwache Anerkennung meines Mr. Thorold. Tie Antwort war aber nur ein schallendes, höhnisches Gelächter. „Mrs. Hassall, würden Sie es sehr übel nehmen, wenn ich heute abend nicht zu Tische tarne? Sie haben ja Gesellschaft genug und gehen nachher auf den Ball. Ich wäre Ihnen, so dankbar, wenn Sie mir eine Kleinigkeit hierher auf dieses Zimmer bringen ließen." „Nicht zum Essen kommen? Wie, dieses reizende Kleid sollten Sie zu Ehren meines leeren Gastzimmers angezogen haben? Und dabei brennen alle darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen! Es konimen nur zwei Damen und vier Herren, und daß eine Braut stets den Ehrenplatz einnimmt, das wissen Sie ja doch!" Ich fühlte, wie ein kalter Schauer mir über den Rücken lief. Sechs fremde Personen, die alle darauf brannten, meine Bekanntsch!aft zu machen! „Mrs. Hassall dürfen Sie mich aber nicht nennen, sondern Tizzie, eine Abkürzung von Elisabeth; ich werde ja in wenigen Tagen Ihre Kousine sein. Doch nun will ich gehen und rasch, ein Teekleid Überwerfen; das Staatsgewand werde ich erst nach Tisch anlegen. Um eines aber bitte ich! Sie: tun Sie mir um alles in der Welt nicht den Schabernack an, sich auszukleiden und zu Bett zu gehen." Dabei drohte sie mir scherzend mit der geballten Faust, und im nächsten Augenblick sah ich das hübsche Rosakleid hinter dem Vorhang verschwinden. (Fortsetzung folgt.) Zer Kaiser, die Kunst und die Schriftstellerin In einem Artikel über die Künstdebatten des Reichstags führt F. Avenarius im „Kun st wart" (Verlag von Georg D. W. Callwey in München) u. a. folgendes aus: „Ich will", soll Bülow gesagt haben, „mit dem Kaiser über alles reden, nur nicht von der Sezession". Hohe Offiziere sollen gelegentlich ihr Bedauern ausgesprochen haben, sich nicht in neuer Art einrichten zu dürfen; der Kaiser könne sie einmal besuchen, und er betrachte das als eine Opposition gegen sich. Ta Wilhelm II. die Säle der Sezession nicht betritt, oder, wenn si-ch's nicht vermeiden läßt, schnell ohne Aufenthalt durchschreitet, so kennt er von ihr aus eigener Anschauung nicht viel. Wie ist seine unbedingte Abneigung gegen sie zu erklären? Vergegenwärtigen wir uns die Reden und Handlungen des Fürsten, die ihn mit bildender Kunst in Berührung zeigen, von Anfang an, so finden wir außerordentlich stark bei ihm die alte Auffassung von der WichtigkeitdesStoffes, von der Kun st als Dienerin, sei es des kirchlichen, sei es des vaterländischen und besonders des dy- n a st i s ch e n Interesses. Wenn er das Genie Menzel feierte, so feierte er doch auch das Talentchen Werner, und schwerlich wagt sich die Annahme zu weit, daß er Werner den Hohenzollernmaler mehr als Menzel ehren würde, wenn Menzel nicht Hohenzollern, sondern dem Kaiser unsympathische Persönlichkeiten verherrlicht hätte. Zu diesem Elemente des kaiserlichen Klmstgeschmacks kommt als zweites, so viel wir sehen, die Freude am Festlichen, Prunkvollen, Rhetorischen, in irgend einem Sinne Dekorativen, wobei Wilhelm II. die Grenzen nach dem bloß Theatralischen hin anderswo sieht, als wir. So bildete sich ein Kreis von Männern, um teils durch ihre Arbeit, teils durch ihre Informationen den Kaiser zu unterstützen, von denen, da Menzel schon seines Alters wegen kaum in Frage kommt, kein einziger unter den Kunstverständigen der Nation das gleiche Ansehen wie beim Kaiser genießt: Werner, Begas, Cüerlein, Raschdorff, Kuackfuß usw. Was sie malten, modellierten und baute::, führte bei gewaltigen Aufwendungen künstlerisch von Mißerfolgen zu Mißerfolgen; ich spreche nur die Worte aus: NationaLenkmal, Gedächtniskirche, Siegesallee, Tom, Wagnerdenkmal, Gruppen am Brandenburger Tor, um an eine Rei^nfolge von künstlerischen Leerheiten zu erinnern. Nicht unwichtige „Kleinigkeiten", wie unsere schlechten Münzen und unbegreiflich! schlechten Briefmarken sorgen dafür, die Berliner Hofkunst im ganzen Reich und über seine Grenzen hinaus der Verwunderung preiszugeben. Aber nicht nur die Leistungen „seiner" Künstler begegneten immer allgemeiner ablehnender Kritik, auch der Widerspruch gegen die Urteile des Kaisers in Sachen der Kunst wuchs im Volke, je mehr er in der Nähe des Thrones zu verstummen schien. Wr haben wiederholt von dem Einfluß gesprochen, den das Umschmeicheln, als handle sich's um ein Universalgenie, auch auf den bevorzugtesten Geist ja ausüben muß, dieser Mangel an mündlicher Gegenrede, dieser Ueberfluß an servilem Zustimmen, welche auch den edelsten Gedankcnstahl am Schärfen Klinge gegen Klinge verhindern. Kommt hoch herausgehobene Stellung und ungewöhnliche Begabung hinzu, so ist das erhöhte Sicherheitsgefühl erklärlich, mit dem man auch zu folgenschweren Urteilen in Sachen der Kunst die Berechtigung im eigenen Geschmacke findet. Fühlte keiner im Verkehrkreife des Kaisers die Pflicht, hierüber aus Ergebenheit für seinen Herrn zu sprechen? Ter starke Verstand des Monarchen, der andere Probleme der Zeit so schnell begriff, hätte auf eine klare Darstellung hin doch sicher die Tatsache anerkannt, daß unser Fühlen und Schauen nicht minder verschiedene Formen annehmen muß, als unser Glauben und Tenken, und daß deshalb Kunst dieselbe Freiheit verlangen muß, wie die Religion in all ihren Konfessionen und wie das Forschen der Mfsenfchaft. Eine solche Tarlegung zu geben, waren seine Vertrauensmänner berufen und, da sich's hier um ganz allgemeine, von der Richtung des einzelnen ganz unabhängige Wahrheiten handelt, auch befähigt. Es scheint nichts dergleichen geschehen zu sein. Selbst vor tatsächlichen Irrtümern wie dem von der „Rinnsteinkunst" hat niemand den Kaiser geschützt. Sollte sich einst Herausstellen, daß Wilhelm II. zu einer langen Kette aus falschen Annahmen und Mißverständnissen geprägter Worte und Taten durch Ratgeber angeregt sei, die ihn zum eigenen Vorteil im Irrtum ließen? Der Mensch glaubt so gern, was er glauben möchte, daß wir diese Anklage auch gegen die Werner und Genossen denn doch nicht erheben möchten." Soweit Avenarius über den Kaiser u nd die Kun st. Mit begreiflichen: Interesse horcht man auch gespannt auf, wenn sich der Kaiser über die Schriftstellerinnen äußert und über die Frauen im allgennnnen. Auf einem kleinen Umwege gelangte diese Musterung zu uns. Helene V a ca r e s c o, die Lieblingshofdame Carmen Sylvas, hat sich auch durch ihre Sammlung rumänischer Volkslieder einen Namen erworben. Sie ist überdies eine gewandte Journalistin. Im neuesten „Strand-Magazine" veröffentlicht sie eine interessante Erinnerung an ihren Aufenthalt in Schwß Sigmaringen, wo sie Gelegenheit hatte, den deutschen Kaiser in nächster Nähe zu sehen. Zuerst erblickte sie ihn flüchtig bei dem Empfang auf dem Bahnhofe, aber schon in dieser ersten Begegnung, die schnell vorüberging, macht „das bleiche, kalte Gesicht, die gebietenden Augen und der strenge Mund" den tiefsten Eindruck. Auch später, bet der großen Parade, nimmt sie mit Erstaunen wahr, daß kein Lächeln auf seinem Gesicht den Hochrufen der Menge antwortet. Am meisten aber steht sie unter dem Einfluß der imponierenden Persönlichkeit, als abends in den Staatsgemächerr: des Schlosses Cercle abgehalten wird. In atemloser Erwartung steht sie mit den anderen da. Endlich ertönen die scharfen drei Schläge, die das Nahen des kaiserlichen Paares verkünden 160 eine lange Stille —: da öffnen sich die Türen, und der deutsche Kaiser tritt ein mit der Königin von Rumänien an seinem Arm. Seit Tritt ist vorsichtig wegen der langen Schleppe seiner Begleiterin, aber doch ungeduldig dabei. Ihm folgt die Kaiserin, geführt von dem König von Rumänien, und die anderen Fürstlichkeiten. Frl. Vacaresco ist dermaßen verwirrt umd eingeschüchtert, daß sie, die erfahrene Hofdame, linkisch knixt ivie ein Schulmädchen. Mit einigen gütigen Worten stellt die Königin von Rumänien ihren Liebling dem Kaiser vor und erwähnt dabei die große Aufregung, die Fräulein Vacaresco so verwirrt macht. Sofort fragt der Kaiser: „Weshalb denn aufgeregt? Diese junge Dame hat schon so große, bedeutende Männer gesehen, darunter auch Kaiser, wie ich höre, daß ein Steifer mehr oder weniger nicht viel ausmacht. Man hat mir aber gesagt, daß Sie als Kind das seltene Vorrecht genossen haben, ganze Abende mit Victor Hugo in seinem Heim zu verleben. Erzählen Sie mir etwas von ihm." . . . Am nächsten Tage sand sich die rumänische Hofdame tu der sogenannten Prinzenallee, tvo die fürstlichen Gäste und ihre Begleiter den Morgenspaziergang machten, ein. Da war auch die Kaiserin in leichter, grauer Morgenbluse und der Kaiser int Jagdanzug. Beide sprachen mit jedem, der sie begrüßte. Der Kaiser war in heiterster Laune und scherzte mit Frl. Vacaresco über ihren Lorbeerkranz. (Sie war von der „Academie Francaise" preisgekrönt.) Am Abend beim Tee int Museumsaal, dessen Kunstschätze der Kaiser genau zu kennen schien, wandte er sich wieder zu Frl. Vacaresco, und nach einigen scherzenden Worten überraschte er sie durch sein str enges Ur teilüber schr eiben d c Frauen. „Höffentlich werden Sie nicht Ihr ganzes Leben lang dichten? Die Krankheit wird vorübergehen wie die Masern. Ich scherze durchaus nicht! Für mich ist die Frau, die schriftstellert, geradezu lächerlich!" „Man hat mir gesagt", antwortete Frl. Vacaresco, „daß Ew. Majestät schriftstellernde Frauen nicht leiden können, ebensowenig, wie weibliche Einmischung in irgend attdere als häusliche Angelegenheiten." „O, ich gehe nicht ganz so weit! Aber sogenannte „kluge Frauen" sind ein sür allemal gefährliche Mesen, die einen Maulkorb haben müßten, bevor sie beißen. Glauben Sie wirklich, daß man eine kluge Frau zu sein braucht, um schreiben zu können? Im Gegenteil! Tie Klugheit der Frau besteht darin, sich nicht lächerlich zu machen, unb kluge Frauen achten sehr sorgfältig aitf ihr Aeußeres. Nun frage ich Sie, kann eineFrau,dieschreibt, hübschbleiben? Tie Be- weguugen, die Stellung einer Frau, die mit aller Macht kritzelt, vernichtet jeden ästhetischen Eindruck. Kann eine Frau hübsch bleiben, toeiut sie genötigt ist, ihre Stirn in die strengen Falten zu legen, die sich unwillkürlich bilden, sobald man eine Idee verfolgt oder angestrengt über einen wichtigen Punkt nachgrübelt?" Ter Kaiser ivartete einen Augenblick; als keine Antwort kam, fuhr er fort: „Sie sind sehr intelligent, viel intelligenter, als ich bei einer schreibenden Frau für möglich gehalten hätte. Ta stehen Sie nun so kühl, lächelnd und unbewegt, als hätte ich nicht eben erst Ihre höchsten Begriffe von der Frau verletzt — ja, vielleicht Ihre Selbstliebe tief verwundet." „Ich habe keine Eigenliebe, Majestät", jedoch sehr feste Ueberzeugungen, die nichts erschüttern kann." „Auf jeden Fall sind Sie sehr gutmütig. Ich will Ihnen einen oder zwei Punkte zugeben. Musik und Malerei können ein Frauenleben sehr glücklich und auch wohltuend für ihre Familie gestalten, und schließlich, ich will auch zugeben, daß eine Frau, die dichtet, nicht ganz unweiblich wird. Frauen sind geschaffen, um zu trösten und die Freude am Leben zu erhöhen und Dichter ebenfalls. Also dürfen Sie Dichterin bleiben, ohne mich zu erzürnen." „Ich danke, Majestät, für Ihre gnädige Erlaubnis." Ter Kaiser lachte und wendete sich dann zur Kaiserin. Die Unterredung war zu Ende. . . ." Es mag immerhin erlaubt fein, anzunehmen, daß Frl. Vacarescu in dem einen oder anderen Punkte den Kaiser nicht so genau verstanden oder die Worte nicht so völlig treu int Gedächtnis behalten hat. Literarisches. — M. zur Megede: Narren. — Roman. — Verlag von F. Fontane u. Co. in Berlin. — Preis Mk. 5.—. Tiefer Roman führt den Leser in die Sphäre der Gutsbesitzer und Offiziere Ostpreußens ein, dessen Land und Leute sie so charakteristisch, und lebenswahr zu schildern weiß. Tie „Narren", das sind die unmodernen Menschen, die idealdenkenden, die sich nicht genügen lassen an äußerem Glanz und Schein, die eine Befriedigung, ein Glück außerhalb desselben suchen. An so einen Narren gerät die Heldin der Geschichte. Selbst jung, schön und verwöhnt, hält sie sich für berechtigt, ihre Hand nach jedwedem Glücke auszustrecken. Nur, daß sie es einzig in Aeußerlichkeiten sucht, in dem Komfort, der sie umgibt, in der Bewunderung, die sie erregt. Ms mit dem Tode ihres Vaters der finanzielle Zusammenbruch ihres Hauses erfolgt, heiratet sie den Jreiherrn von Lettau. Ohne ein tieferes Gefühl für den Mann ihrer Wahl zu empfinden, als jenes der Tankbarkeit dafür, daß er sie den gewohnten Luxus nicht entbehren läßt, zieht sie als Herrin in Schloß Heinrichsburg ein. Ihr Mann kennt keinen andern Wunsche, als sie glücklich zu sehen und sieht in ihrer Nichtigkeit und Oberflächlichkeit eine reine Mädchenseele, ein unbeschrre- benes Blatt, das nur darauf wartet, von ihm beschrieben zu werden. Aber die junge Frau sängt an sich zu langweilen, und in ihrer Sucht nach Zerstreuung kokettiert sie mit einem Vetter ihres Mannes. Turch einen unglücklichen Zufall muß der betrogene Gatte mit anhöreu, wie sie seinem Vetter das Geständnis ihrer Liebe macht. ■ Jrts reist zu ihrer Mutter. Während er, der Narr, noch mit sich selber kämpft, um endlich den Entschluß zu fassen, sie heimzuholen und ihr alles zu verzeihen, bekommt er von einem Rechtsanwalt die Scheidungsklage zugestellt. Seine Frau hat sich schnell getröstet — sie denkt einen Fürsten zu heiraten, der 20 Millionen besitzt. Reich an kecken Streiflichtern auf Gesellschaft und Sitten, bietet der Roman ein packendes Interesse. _ — Im Märzheft von Velhagen & Klasiugs Mo - natshefteu beginnt ein neuer großer Roman von Ida Boy-Ed „Der Festungsgarten", der all die Vorzüge der gefeierten Erzählerin aufweist. Das sehr reichhaltige Heft enthält außerdem eine Fülle interessanter Beiträge: Der bekannte Forschungsreisende Eugen Wolf erzählt Intimes vom Fürsten Bismarck und seinem Hause, in das er durch Herrn von Wißmann eingesührt wurde und in dem er ein gern gesehener Gast war. Dr. Georg Wegener berichtet über LH ass aund denDalai-lama auf Grund der neuesten Forschungen, Dr. H. Koenig, Gouvernemeuts- arzt in Kiautschou, schildert den Besuch des Gouverneurs Truppel im Innern von Schautung — beide Beiträge gewinnen durch die neuesten Vorgänge in Asien ent besonderes Interesse. Ungemein sesselnd ist ein reiche illustrierter Artikel von Th. H. Pantenius über den falschen Demetrius, eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Weltgeschichte. Originell, besonders auch durch den Bilderschmuck, ist eine Abhandlung von G. Hermann: „1870/71 in der französischen Karikatur". Max Grube, der Oberregisseur des Berliner Schauspielhauses, steuerte eine übermütige Theaterhumoreske „Kollege Schwitz", Marie Scotta eine feine kleine italienische Novelle „Eine Heirat" bet. Erne Bücherschau von Heinrich Hart und eine illustrierte Rundschau über Kunst und Kunstgewerbe bilden den Schluß des Heftes. ____________ Zahlenschrift. Nachdruck verboten. 4 5 12 — 13 8 5 6 5 — 6 11 14 14 9 8 3 7 13 14 5 12 — 8 18 14 — 4 1 13 — 15 5 12 6 5 2 5 10. (Citat aus Schiller.) Schlüssel: 1 2 5 10 4 Teil des Tages; 3 7 8 10 1 Land in Asien; 6 5 13 14 8 12 10 astronomische Bezeichnung; 12 11 14 5 9 Kreideart; 15 8 5 12 Zahlwort. Auflösung in nächster Nummer. Aiiflösung des Logogriphs in vor. Nr:. Junge, Ltmge, Zunge. Redaktion^ August Götz. — Rotationsdruck und L'erlag der Briihl'sckcu lluirersttätL-Buch- und Cteindruckerei. N. Lange, Gießen.