1904. »KU Bffl r.uj Kti II W Sarees und Schärpen und Messingkochtöpfe. Seit der neue Koch gekommen, schwindet Thorold Sahibs Leben.. Jeder kennt den neuen Koch, er ist ein Diener der Rani Sun- daram, und sie hat den Beseht gegeben. Ihre Befehle werde« ausgeführt, denn" — sein leiser Ton ging mir durch Marl und Bein — „denn nicht tun, heißt: Tod." „Giebt es denn aber kein Heilmittel?" fragte ich in qualvoller Seeleuangst. „Doch, wenn nicht zu spät. Kluge Männer es wissen und auch die Zauberwallahs." „Wer könnte es ihm verschaffen?" fragte ich atemlos. „Wer hätte den Mut, zu tun etwas gegen den Befehl der Rani? Jedermann zu sehr sich fürchten. Es ist nur ein Mann in der Stadt, der versteht viel von Gift, und das ist Ibrahim der Perser. Er kann gute Arznei geben. „Sie haben recht", sagte er überrascht. „Wissen Sie, wo er wohnt?" „Ja, er hat ein Haus gemietet in Pettah-Bazar." „Dann müssen Sie mich sogleich zu ihm führen! Bringe« Sie mir eine Saree. Jich will mir das Gesicht schwärzen, und Sie führen mich dann hinaus als Ihre Frau oder Tochter. Durch die Dienerschaftsabteilung verlassen wir den Palast, mieten eine Jutka und fahren im Galopp nach, dein Bazar. Keine Sekunde ist zu verlieren. Munasawmy, hören Sie wohl, was ich Ihnen sage: wenn Sre nur helfen, werde ich es Ihnen vergelten, verstehen Sie mich?" „Und wenn ich verliere mein Leben?" „Sie werden Ihr Leben nicht verlieren, nicht, solange ich selbst lebe. Gehen Sie jetzt rasch, o gehen Sre, so rasch Sie können!" rief ich, indem ich ihm ern Zerchen machte, mich zu verlassen. Eine Tatkraft und Entschlossenheit hatte frch meiner bemächtigt, die meine Adern mit neuer Lebenskraft füllte. Unerst schraubte ich die Lampe in meinem Schlafzimmer niedriger, dann färbte ich mir Gesicht, Hände und Arme mit Tusche, vertauschte meine Schuhe mit weichen Pantoffeln und drehte mein Haar in einen möglichst kleinen Knoten zusammen. Kaum hatte ich die Vorbereitungen vollendet, so kehrte Munasawmy auch schon nut eutent mit meinem Abendessen besetzten Präseutierbrett zurück, das er mit lautem Klappern niedersetzte. Fast zu gleicher Zeit schleuderte er mit geschicktem Griff ein dunkles Saree über die spanische Wand herüber. Ich hatte einmal zum Scherz gelernt, wie man sich in solch ein reizendes indisches Gewand hüllt, was eine wahre Kunst ist. Für eine ungeübte Hand hätten diese fünfundzwanzig Meter schmalen Stoffes ohne Haken und Bänder eine unüberwindliche Schwierigkeit darqeboten, so aber war ich in wenigen Minuten bereit. Ich erkannte mich in meiner Verkleidung felbft Nicht mehr, und als ich hinter der spanischen Wand hervorkam, fuhr Munasawmy fast erschrocken zusammen. , „Es ist gut", sagte er, „ziehen Sie den Schleier ubers Gesicht, und ein wenig hinken muß Missy beim Gehen; meine Tochter hat einen kurzen Fuß. Missy gar Nichts (Nachdruck verboten.) Im AakaK der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Als ich am selben Tage, gegen sieben Uhr abends, mein Wohnzimmer betrat, gewahrte ich Munasawmy, der, mit dem langen, schmalen Ausgabenbuch in der Hand, mich erwartete, um mir die Tagesabrechnung zu übergeben. Es war allerdings eine etwas ungewöhnliche Stunde dafür, doch würde die Sache ja in wenigen Minuten abgetan sein. Ich setzte mich, tauchte die Feder ein, rückte mit müder Bewegilng mein Ausgabenbuch zurecht und bedeutete ihm, zu beginnen. , „Die Rechnung war heute früh nicht fertig, Miß Sahib, weshalb ich sie jetzt erst bringe." Mit einem Nicken forderte ich ihn auf, fortzufahren. „Sechs Eier, ein Anna", begann er, und flüsternd fügte er hinzu: „Die alte Spionin Stadt gegangen." Tann fuhr er fort, laut: „Eine Kokosnuß, zwei Anna", und flüsternd: „Punkah-Kulie eingeschlafen. Ein Seefisch eine Rupie. . . Hab' viele wichtige Neuigkeiten für die Miß Sahib. Gin Hühnchen, vier Anna . . . Thorold Sahib bald sterben. Ein Büschel Gemüse..." „Was?" stieß ich keuchend hervor, indem ich das Buch zuschlug. „Gift!" „Weiter!" stammelte ich mit, leiser Stimme. „Sagen Sie mir rasch alles, was Sie wissen." „Die alte Teufelin läßt es ihm beibringen", murmelte er. „Alles wegen Jasra-Perlcn. Sie will, daß em anderer Mann kommt für den Staat und die Steuern, der nicht so klug ist. . . Sagen Sie: „Ja, ja", Miß Sahib! Sagen Sie es laut, es könnte jemand oben sein und horchen." „c, ja, ja!" schrie ich. „Aber sagen Sie mir alles über Thorold Sahib", fuhr ich, ihn am Kleid packend, fort. Ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren. Die Schlaflosigkeit, meine Verlassenheit, meine Angst und Sehnsucht — das alles wirkte mit der entsetzlichen Neuigkeit zusammen. „Habe ihn sehen durch die Stadt fahren vor sechs Tagen. Sah ganz weiß aus. Habe meinen Freund, seinen Chokra, gefragt, und der mir gesagt, daß sein Herr sehr krank sein. Doktor gar nicht weiß, was ihm fetjlt Welkt hin wie eine Blume ohne Wasser. Keine Rettung; in zwe: Tagen wird er sterben. Die Kulie schläft. Wenn man hört, hört, was ich hier sage, dann auch ich sterben, aber Miß Sahib war gut einmal, und ich nicht vergessen." „Wisfen Sie gewiß, daß es Gift ist?" ,,, „Ja, ganz gewiß. Vor einer Woche hat sein Koch ihm gekündigt, nnd ein anderer Mann ist an seinen Platz gekommen. Der alte Koch, früher ein sehr armer Mann, Nun ist er reich, hat viel Geld im Bazar ausgegeben : für seidene — 282 — sprechen, nur immer mir folgen, dann kann alles gut werden; aber eine böse Sache bleibt es doch." Lautlos, mit gesenktem Kopf und leichtem Hinken eilte ich hinter Munasawmy her, dessen Schritte sichtlich von der Angst beflügelt wurden. Trotzdem tauschte er hier und da einen Gruß oder einen Scherz aus, während wir durch den von Händlern und Besuchern ungefüllten Palast eilten. Nach etwa zehn Minuten kamen wir aus der stickigen Luft heraus und standen nun unter dem kühlen Sternenhimmel. 'Wie atmete ich aus! Ungehindert gingen wir an den Schildwachen vorüber, und kaum hatten wir die offene Straße erreicht, so rief Munasawmy eine Jutta herbei. Wir kletterten hinein und jagten, so rasch als der Pony laufen konnte, dem innersten Teile von Royapetta zu. Hier wimmelte es noch immer von Menschen, und ein Leben und Treiben herrschte, als sei äs früh am Morgen und nicht neun Uhr abends. Noch nie in meinem Leben hatte ich weder eine solche Menge von Menschen gesehen, die in dichtem Gedränge durcheinander hasteten, noch solch ohrenbetäubendes Getöse vernommen, noch so seltsame Düfte gerochen. Allein ich schenkte diesen Dingen keine Beacht- ung, denn all meine Gedanken waren auf die mir bevorstehende Unterredung mit Ibrahim gerichtet. Ob er auch zu Hause war? Ob ich ihn zu sehen bekam? Ob er sich dazu verstehen würde, Max Thorold das Leben zu retten? Nach verschiedenen Umwegen, ärgerlichen Verhandlungen und Ueberwinduug von allerlei Hindernissen, die meine Geduld auf eine harte Probe stellten, bogen wir endlich in ein schmales Seitengäßchen ein, dessen hohe, nach außen fensterlose Häuser mit flachen Dächern von der besseren Klasse bewohnt waren. Vor dem größten darunter machte der Wagen plötzlich Halt. „Hier ist es", sagte Munasawmy, kletterte heraus und war mir beim Aussteigen behilflich — denn eine Jutta ist ein recht unbequemer, bedeckter kleiner Kasten auf zwei Rädern, der sich allerdings bei den 'Eingeborenen von Madras großer Beliebtheit erfreut Nachdem der Hindu unserem Kütscher zu warten besohlen hatte, traten wir in einen offenen Torweg und stiegen dann die steilste steinerne Treppe hinauf, die mir je in meinem Leben vorgekommen ist. Wir erklommen sie etwa zur Hälfte und gelangten an einen Absatz, auf den mehrere Türen mündeten und wo verschiedene Männer herumlungerten. Ueberall herrschte eine heiße, dumpfe, drückende Luft, erfüllt vom Geruch ranzigen Oeles, Weihrauchs und getrockneter Ringelblumen.' Ein weibliches Wesen war nirgends zu entdecken. Munasawmy flüsterte einem der Männer etwas zu und wandte sich dann wieder zu mir, indem er auf die in starken Windungen weiter emporsührende steinerne Treppe deutete: „Er ist oben auf dem Dache." Ich muß gestehen, die ganze Umgebung machte alles eher als einen vertrauenerweckenden 'Eindruck auf mich. Doch was wollten wir machen? Wir kletterten und kletterten also weiter, bis mein Kops endlich in die freie Luft kam und ein großer, mit einer niedrigen Brüstung umgebener Raum vor mir lag, offenbar das Dach des Hauses. Die eine Seite mußte auf einen Garten gehen, denn die Zweige von Palmen und anderen Bäumen neigten sich über die schmale Einfassung und warfen flackernde Schatten auf den steinernen Boden. Ueber die Mitte des Platzes war ein Teppich ausgebreitet und dort bemerkte ich jetzt auch einen Mann, der, der Länge nach ausgestreckt, auf einem Ruhebett aus Bambusrohr lag und beim Scheine einer verschleierten Lampe las. Bei meinem Näherkommen richtete er sich auf und schrie ärgerlich auf hindostanisch: „Mach', daß Du fortkommst!" Und als er auch Munasawmys ansichtig wurde, fügte er mit noch lauterer Stimme hinzu: „Rungo, warum hast Du dieses Schwein nicht unten behalten? Was haben die beiden hier zu suchen?" „Wir kommen vom Palast", sagte Munasawmy mit knechtischer Unterwürfigkeit, indem er sich tief verneigte. „Und diese hier?" Verächtlich zeigte Ibrahim auf mich. „Kommt auch aus dem Palast", antwortete ich, den Schleier zurückschlagend. „Was? Miß Ferrars?!" rief er emporschnellend in schrillem Tone. „Wie kamen Sie aus dem Palast heraus? Das ist ein gefährliches Spiel. Was führt Sie hierher?" „Eine schwere Sorge." Ich machte Munasawmy ein Zeichen, sich zu entfernen, ein Befehl, dem er indes mit sichtlichem Widerstreben und nur so weit nachkam, daß er sich bis zur obersten Treppen- ftufe zurückzog. „Mr. Thorold ist vergiftet worden und hat, wie man mir sagte, nur noch wenige Stunden zu leben, wenn Sie ihn nicht retten." „Darum also haben Sie dieses Wagnis unternommen ?" Dabei huschte fein rascher Blick über mein indisches Gewand und meine gefärbten Hände und Arme. „Was wünfcheu Sie, daß ich dabei tun soll?" „Ihm ein Gegengift geben und sein Leben retten." „Was liegt mir an seinem Leben?" Er zuckte die Achseln. „Wir alle müssen einmal sterben." „Ja, aber nicht auf diese Weise . . . nicht vor der Zeit . . . durch die Willkür eines anderen, Menschen!" stieß ich, schwer atmend, hervor. „Bedenken Sie, welch edler Manu Mr. Thorold ist, wie selbstlos, er sich der Armen annimmt und die Schwachen und Unterdrückten verteidigt. . ." „Das will ich Ihnen alles gern glauben", unterbrach mich Ibrahim mit einer ungeduldigen Bewegung. „Ich weiß, daß er Miß Ferrars' Gunst genießt, und daß die Presse seine Heldentaten in begeisterten Worten rühmen wird, sobald er das Zeitliche gesegnet hat." „Er wird aber nicht sterben, wenn Sie ihm ein Gegenmittel geben", drang ich ungestüm in ihn. „Und was würde mein Lohn sein, wenn ich Ihrer Bitte willfahrte?" Ibrahims stechende Augen durcy- bohrten mich fast. „Auf den Knieen will ich Ihnen dafür danken!" riet ich leidenschaftlich. „Ich bin überzeugt, daß Sie gern Ihre Macht und Ihre Kunst um der Menfchlichkeit . . . um de. Liebe Gottes willen anwenden werden..." „Nein, und auch nicht um der Liebe Mr. Thorolds willen", entgegnete er mit häßlichem Auflachen. „Das in nicht die Art, wie ich Geschäfte abschließe. Gefühlsduselei mag sich für Weiber schicken, ich aber stelle meinen Preis, wie alle Männer." So wollte dieser erbärmliche Krämer also selbst aus dieser traurigen Angelegenheit seinen Nutzen ziehen! Es überlies mich eiskalt. „Was verlangen Sie dafür? Nennen Sie den Preis", rief ich mit stockendem Atem. „Sie selbst! Sie müssen es doch wissen, daß mein Preis kein anderer sein kann als Pamela Ferrars." Mir war plötzlich, als lege sich ein Schleier vor meine Augen, ein Schwindel faßte mich, und um nicht umzufinken, stützte ich die Hand so schwer auf den niedrigen Tisch neben mir, daß er zitterte. Ein Schauder durchlief meinen Körper und ich starrte diesen Mann an, der mich zu lieben behauptete, und den Max als einen Betrüger und Schwindler gebrandmarkt hatte. Dabei dachte ich an Maxwells dahinschwindendes Leben, an sein ed.es Streben, seinen ehrenhaften, fleckenlosen Charakter. Ich stellte mir vor, für wie viele Menschen sein Tod ein unersetzlicher Verlust sein würde, und sagte mir, daß ich gern mein Leben für das feinige hingeben würde. Aber jetzt mußte ich vor allem klug und kaltblütig fein, alle meine Kräfte, meinen ganzen Verstand auf» bieten, um der furchtbaren Sachlage gewachsen zu bleiben. Denn — Max oder ich! — deutlich las ich die Drohung in Ibrahims Augen. 'Einen Augenblick fiel mir Doktor Flemming .ein, von dem Max behauptet hatte, daß er sich auf die Gifte der 'Eingeborenen verstehe. Aber hatte nicht der Hindu erklärt, der Doktor kenne die Krankheit nicht? Ich überlegte. „Ich willige ein, wenn es keinen anderen Ausweg gürt', erklärte ich langsam und bedächtig, und wunderte Mich dabei über den Ton meiner eigenen Stimme: sie klang wie die einer Fremden. „Es gibt keinen anderen Ausweg. Sie werden meine Frau unter der Bedingung, daß ich Thorold rette. Ist die Sache abgemacht?" Ich nickte, ohne meine zu Boden gerichteten Augen aufzuschlagen. ___ „Ich habe von dem Falle gehört. Aber wollen Sie sich nicht fetzen?" 'Er zog einen Stuhl heran, auf den ich denn auch sofort niedersank; denn die Fuße versagten nur den Dienst. , , ,. , „Mr. Thorold ist ein tödliches Gift beigebracht worden", begann er in kühlem, geschäftsmäßigem Tone. „Die 283 Wirkung dieses Giftes ist Entkräftung, allgemeine Abspannung, Verlust von Schlaf, Gedächtnis, Appetit . . . kurz ein zehrendes Fieber; er verhungert bei lebendigem Leibe. Irgend jemand, der einen Groll gegen ihn hat, muß ihm das Gift beigebracht haben, und solche Leute gibt es genug; denn er ist ein strenger Beamter. Ich kannte einmal einen Koch, der seinem Herrn einen sogenannten Liebestrank eingab, um sich dessen Gunst zu erwerben, aber natürlich tötete er ihn damit. Diese Eingeborenen geben sich für ihr Leben gern mit Giftmischereien ab!" fügte er lachend hinzu. „So wußten Sie also, daß er sterben würde?" „Ja, ich wußte, daß er krank war. Sie werden doch gewiß nicht von mir erwartet haben, daß ich hätte eingreifen sollen, um das Leben meines Nebenbuhlers zu retten? Der Mann ist mir zudem zuwider, und ich würde mich freuen, wenn er stürbe. Doch wird er jetzt nicht sterben, da Sie den Preis für sein Leben bezahlen wollen. Aber auch ich bezahle einen Preis. Ich habe jedoch niemals die Kosten gescheut, wenn es ... . ein Juwel zu erstehen galt. Habe ich es Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie mir noch einmal erobern werde? Fühlen Sie meinen Fuß nun auf Ihrem Nacken?" „Ja", flüsterte ich kaum hörbar. „Ich werde zehntausend Pfund verlieren, die Kommissionsgebühr für die Perlen; denn Thorold wird niemals in den Kauf willigen, solange er atmet. Außerdem werde ich mir in der Rani Sundaram eine gute Kundin und Gönnerin verscherzen. Sie wird noch wütender sein, als eine Tigerin, der man ihre Jungen geraubt hat. Dies alles verliere ich . . . dafür aber gewinne ich Sie." Triumphierend schaute er mich an. Eine dick angeschwollene Ader lag auf seiner Stirn. Mir siel ein, daß dieser von der alten Rani ins Werk gesetzte Versuch, Thorold zu vergiften, wohl nicht der erste war, denn jener frühere Malariaanfall hatte sicherlich auch seinen Grund in der Beibringung eines Giftes gehabt. Hatte Ibrahim auch darum gewußt? Ein Schauder erfaßte mich, wenn ich an die eben getroffene Abmachung dachte. Und noch sah ich keinen Ausweg. (Fortsetzung folgt.) Ir< Hh. Wischer in Italien. Das Maiheft der Süddeutschen Monatshefte (München und Leipzig, Verlag der Südd. Monatshefte), das sich wesentlich mit schwäbischen Menschen und Zuständen beschäftigt, eröffnet eine Reihe von Mitteilungen aus den Briefen, die Friedr. Th. Vischer 1839 von seiner italienischen Reise nach Hause geschrieben hat. Wir geben daraus einige besonders charakteristische Bruchstücke wieder. Venedig: „Nun war ich also in dem Land, wo auch der gemeine Mann nobel und interessant aussieht, wo die deutsche Kartoffelnase verschwindet. Der Deutsche genießt -sich in seiner Substantialität bei unglücklicher Form, der Engländer ist stolz in seiner Stärke, der Franzose eitel in seiner Eleganz und seinem Point d'honneur, der Italiener genießt in legerem Behagen das Bewußtsein, ein klassisches Volk zu sein. Woher die italienischen Maler solche höchst bedeutungsvolle Köpfe im Ueberfluß nahmen, darf man nicht mehr fragen, wenn man in Italien ist, man darf nur an eine Gondel, man darf nur auf die Straße gehen. Männerköpfe von größter Schönheit bei gemeinen Schiffern, edle Linien der Knochen, lauter gerollte Haare, schöne glänzende Augen. Mit dem Eintritt in Italien, in sein Volk, seine Lust, seine Altertümer, fühlt man sich von jenem Geiste des, Realismus angehaucht, aus welchem die Alten ihre Größe in Kunst und Staat schöpften. Ein Unvorsichtiger verliert hier den inneren ideellen Fond der deutschen Natur, das,Land ist wie eine schöne Frucht, wovon man, wenn man Ue ißt, ja den Butzen wegwerfen muß, es ist ein Giftstachel darin, der Kluge, der Feste spürt sie und wird neu belebt." — „Die Natürlichkeit ist wie im Süden überall. Man kann ohne Aergernis in den Kanälen (d. h. in den Straßen der Stadt) baden, und ich hatte einmal meinen Spaß, als ich bei dem Maler Robert, dem Bruder des berühmten, mit drei österreichischen Offizieren war, und diese plötzlich sich auszogen, mit großen Sätzen aus der Haustür fuhren, obwohl Damen auf dem Balkon standen, und im Kanal herumschwammen wie Wässer-Enten. Wunderschöne Männer, zum Malen. In diesen Ländern war eine Plastik möglich; wir vermummten Leute wissen nicht mehr, was eine Schulter, eine Brust, ein Schenkel bedeutet." Bologna: „Der Eintritt ins päpstliche Gebiet war mit Widerwärtigkeiten aller Art verbunden, und wir gestanden uns abends, daß es ein wahrhaft Nicolaischer Tag war. (Der Berliner Nicolai hatte kurz zuvor seine sauertöpfische Schilderung von „Italien, wie es wirklich ist" veröffentlicht.) In Ferrara stand ich unter dem Wirtshaus, als die drei andern schon eingesessen waren; ich hatte für alle vier die Kasse und sollte noch einiges zahlen, nun zupfte mich an der einen Seite der Cameriere, an der andern der Facchino (d. h. derjenige, der die Effekten in die Chaise trägt, denn das tut hier kein Kutscher usw.), von der andern ein Vetturin, der uns vorher einen Weg gezeigt hatte, und endlich eine Bettlerin. Ich verlor doch die Geduld, stampfte auf den Boden, brannte zuerst einen 24- Pfünder von einem guten deutschen Fluch ab, und fuhr dann los: gente cattiva! seuza vergona (ohne Scham), senza pudore u. st st, daß die Kerle doch Respekt kriegten und mäuschenstill wurden." Ravenna: „Die päpstlichen Soldaten, die hier liegen, sind lauter Deutsche, meist Schweizer, viele Württemberger. Es war rührend, wenn diese Leute, die doch fast alle etwas Heimweh haben, stehen blieben, sich anstießen und zuflüsterten: „Deutsch, deutsch!" wenn sie uns im Vorübergehen reden hörten. Ein junger Mann hörte uns aufmerksam zu und sang, als er um die nächste Ecke bog: „'s ist so schön im fremden Lande" usw. Wir unterhielten uns viel mit rinsern guten Landsleuten und im Heimweg fand ich in Faenza den Trommler, von dem ich einen Brief einschloß, und den ich nebst einem andern Württemberger durch einen Scudo sehr beglückte. Der Bursch stand eben auf der Hauptwache und trommelte, ich fixierte ihn und dachte: das ist doch das echte Schwäbische Hannesle's- und Jockele's-Gesicht; er mochte etwas Aehn- liches denken und redete mich an, wo wir uns dann freundlich die Hand drückten." Mailand: „Mit Herrn Tafel, an den ich adressiert war, speiste ich in den Italienischen Tvaitorien. Mein Magen und noch mehr meine Nase war glücklicherweise schon an Italien gewöhnt. Die unerläßliche Zugabe in diesen Trattorien, wo man meist in einem freien Hofraum speist, ist ein beißender Gestank, eine Folge der grenzenlosen Natürlichkeit der Italiener, die keine Straßen-Ecke schont, selbst die angemalten Kreuze und das „risettate la casa di Dio" nicht. IN dem prachtvollen Theater Della Scala verbreitet sich dieses Aroma mit sinnberaubender, herzbetörender Gewalt." — Genua: „Genua ist herrlich, amphitheatralisch am Meere, voll von den reichsten Palästen der alten Familien. Aber das Volk grundverdorben, wie in allen Seehäfen und in allen Misch-Rassen, halb französisch, halb deutsch. Eine echt italienische Szene sah ich auf der Straße, wo sich zwei Jungen wütend um einen Eselskot prügelten, wer ihn aufheben dürfe. Meine Aussicht aus dem Gasthof war auf den Hafen, ich stand einmal nachts auf, die Aussicht zu genießen, der Mond lag auf dem Meere, vor mir ein Wald von Masten, ferne das rote Licht des Leuchtturms, Töne einer Flöte in der stillen Nacht. Dieses Schauspiel hat Schillers Fiesko, da er nächtig aus dem Fenster blickt. Ich war auch im Palast des Andrea Doria. Alte Zeiten! An einem Laden las ich auf dem Schild: Andrea Cal- cagno—parruchierc. Der hat es weit gebracht." — Florenz: „Hier in Florenz, wo ich mich auf drei Wochen angesiedelt, welche Schätze! Von Plastik nenne ich nur die Mediceische Venus, den cymbelschlagenden Faun, die Niobiden-Gruppe, von Malerei zwei der schönsten Raphael, Titians Venus, die schönsten Peruginos — es ist aber so viel Vortreffliches, daß ich wieder ganz überschüttet bin. Ich meinte, außer dem Interesse und Sinn auch einige Kunstkenntnisse zu haben. Sancta simplicitas! Jetzt eben brechen die ersten Breschen in die dicke Mauer meiner Ignoranz. Feuerbach ist hier, der den vatikanischen Apoll geschrieben, und ein Dr. Gaye, zwei Archäologen, anderen Gesprächen ich sehen kann, was ich nicht weiß. Glaubt mir nur, meine Freunde, man kann viel Sinn haben, unb ist jeden Moment noch capabel, ein geradezu schlechtes Bild für schön zu halten, und an einem guten vorüberzugehen. Sehen lernen, das ist nichts Kleines." Pisa: Noch ein Kuriosum aus Pisa. Ich bestieg den — 284 — berühmten krummen Turm daselbst gegen Sonnenuntergang, verspätete mich oben und hörte auf einmal die schwere Türe unten mit Geräusch zuschlagen. Ich eilte dre dunkeln Treppen hinab, richtig — ich war eingeschlossen. Es war hier in Wirklichkeit keine Gefahr, auf lautes Rufen horte man mich außen und der Custode kam herbei zu öffnen, aber e« fuhr mir doch der Moment durch die Phantasie, wo in demselben Pisa einst Ugolino, mit seinen Kindern in den Turm geführt, die Pforte donnernd zusallen hörte, der Schlüssel im Arno versenkt ward und der Unglückliche sich dem gewissen Hungertod geweiht sah." Vermischte». * Kinderlosigkeit. Die Bischöfe von Ripon in England und London haben in der letzten Zeit auf die Tatsache der Abnahme der Geburtsziffer, trotz der Zunahme der Heiraten, hingewiesen und vor den unausbleiblichen Folgen einer derartigen Tatsache gewarnt. Ein Londoner Arzt, der in dem Mittelstände eine besonders große Praxis besitzt, erklärte einem Vertreter des „Daily Erpreß", daß feiner festen Ueberzeugung nach in wenigen Zähren die Geburtsziffer Lond ons in ganz unglaublicher Weise gesunken sein werde. Dm wöchentliche Zahl der Geburten ist bereits heute um 400 geringer als die Durchschnittszahl in den letzten zehn Fahren. Für London allein bedeutet das eine Abnahme des natürlichen Wachstums der Bevölkerung um 20 000 Kinder jährlich. Der Arzt schreibt diese Erscheinung dem Umstande zu, daß die Unlust, Kinder groß zu ziehen, immer ausgesprochener wird. Vor 20 Jahren trat die Abneigung gegen Kinder zuerst bet der englischen Aristokratie hervor und vor 10 Jahren machte sie sich int Mittelstand bemerkbar. Heute, so erklärte der Arzt, sei es nichts seltenes mehr, Arbeiter sagen zu hören: „Wir wollen nicht mit Kindern belästigt sein. Wir haben genug zu tun, um uns selbst durchzu- schlagen." Von feiten der Temperenzler wird natürlich den Wirtshäusern die Schuld zugeschoben. Besser situierte Leute schreiben die Erscheinung der hohen Einkommensteuer zu. Dieselben Klagen über die Abnahme der Kinderschar kommen auch ans Australien. In Neusüdwales sank die Geburtsrate in den letzten 20 Jahren um 30 Prozent. * Der Korsettkrebs, lieber die bösen Wirkungen des Korsetts auf den menschlichen Körper ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, daß es Enlen nach Athen tragen hieße, wenn man noch mehr darüber berichtete. Und doch ist dies notwendig. Der englische Arzt Dr. Lucas hat über zwei Fälle von Krebserkrankungen bei Frauen berichtet, die zweifellos auf den Druck des Korsetts an einer bestimmten Stelle des Körpers, und zwar der Brust, zurückzuführen sind. Der erste Fall betrifft eine Frau, die in einer Pelzfabrik damit beschäftigt war, Kaninchenfelle zur Imitation von Sealskin vorzubereiten, indem sie in leicht gebeugter Haltung mit einem stumpfen Instrument die Felle schabte. Infolge der fortgesetzten Hin- und Herbewegung des rechten Armes und der dadurch b dingten Reibung des Korsetts gegen die Brust trat in dieser eine knotige Verhärtung auf, die bald zu lebhaften Schmerzen an der Stelle führte, wo das Korsett scheuerte, und schließlich geschwürig zerfiel. Eine Operation hatte zwar augenblicklichen Erfolg, aber es traten doch innerhalb von drei Jahren zwei Rückfälle auf, sodaß aller Wahrscheinlichkeit nach die Kranke am Krebs elend zu Grunde gehen wird. Der zweite Fall betrifft eine 59jährige unverheiratete Plätterin, die ebenfalls ausschließlich mit dem rechten Arm zu arbeiten hatte. Bei ihr traten an der Stelle, wo das Korsett bei der Arbeit gegen die Brust gedrückt wurde, schmerzhafte Krebsknoten auf, die operativ entfernt werden mußten. Ob ein Dauererfolg erzielt worden ist, muß abgewartet werden. Ist es doch schon seit langer Zeit bekannt, daß das Auftreten des Krebses durch fortdauerndes Reizen einer bestimmten Körperstelle wenn nicht hervorgerusen, so doch mindestens begünstigt wird; Beispiele dafür sind der Krebs der Kaminkehrer und der Lippenkrebs bei passionierten Rauchern. Es ist daher durchaus an der iZeit, daß die Vernünftigeren unter unseren Damen über die Schädlichkeiten, die sie ihrem Körper zufügen, ein wenig nachdenken, und — auch entsprechend handeln. K««st. — Der Wärmewert verschiedener Kleidungsstücke ist durch Dr. Bergonis von der Pariser Biologischen Gesellschaft durch eine Reihe sorgfältiger und zudem recht merkwürdiger Experimente festgestellt worden. Der Forscher nahm eine Büste aus rotem, poliertem und nachher geschwärztem Kupfer,, die auf einen hohlen Holzsockel gestellt wurde. Die Büste war so angebracht, daß sie leicht mit mehr oder weniger langen Kleidungsstücken angetan werden konnte. In dem Holzsockel befand sich eine Glühlampe, um der Büste eine ganz bestimmte gleichbleibende Temperatur mitteilen zu können. Diese Temperatur wurde durch ein langes Ichermometer gemessen, dessen Kugel sich etwa in der Mitte des inneren Hohlraumes der Büste befand. Das Thermometer besaß eirm sehr genaue Skala, an der noch die Fünftel der Grade vermerkt waren. Die Ablesung des Thermometer erfolgte! aus einem bedeutenden Abstand mittels eines Fernrohrs, um jeden Beobachtungsfehler auszuschließen. Aus diesem Wege konnte Noch der 50. Teil eines Celsiusgrades beim Steigen oder Fallen der Quecksilbersäule nachgewiesen werden. Das Laboratorium, in dem die Versuche stattfanden, blieb ungeheizt, so daß ein Unterschied von 251/2 Grad zwischen der Temperatur der Büste und der des umgebenden Raums erzielt toerben konnte. Gemessen wurde nun die Zeit, die verstrich, während sich die bekleidete Wiste um einen Grad abkühlte. Die Verzögerung der Abkühlung durch das zu untersuchende Kleidungsstück wurde gegeben durch das Verhältnis der zur Abkühlung notwendigen Zeit bet der nackten Büste. Diese Anordnung der Versuche ergab also die Möglichkeit, nachzuweisen, welchen Wert die verschiedenen Bekleidungen auf die Erhaltung der Körperwärme gegenüber der abkühlenden Wirkung der Außenluft besitzen. Untersucht wurde eine sehr große Zahl von Kleidungsstücken aus verschiedenen Stoffen. Am niedrigsten stellte sich das bezeichnete Wärmeverhältnis bet einem Sweater, wie ihn Radfahrer gebrauchen, aus Baumwolltrikot und hellbrauner Farbe und einem Gewicht von 340 Gramm, der fich den Formen der Büste dicht anschloß. Das Wärmeverhältnis war bet dieser Bekleidung 1.1, d. h. die Abkühlung der Büste erfolgte fast ebenso schnell, als ob sie ganz unbekleidet gewesen wäre. Die nächstntedrige Zahl von 1.35 ergab sich für ein kurzes Taghemd aus Baumwolle (Netzgewebe) und für eine Unterjacke ans neuem Flanell von mittlerer Stärke ohne Aermel. Nur wenig, darüber stand mit 1.4 ein wollenes Jägerhemd aus leichtem Trikot. Dann folgte mit 1.5 ein Hemd aus Wolle und Seide von sehr feinem, dichtem Gewebe Das Verhältnis, von 1.6 hatten eine Jagdweste aus sehr dickem Wolltrikot und eine schwarze Lederjacke (Chauffeur), tote ste von Automobilisten getragen wird. Em Hemd von weichem, aber kräftigem Bcmmwollslanell ergab die Zahl 1.57. Eme dunkelblaue Lodenpelerine aus angeblich wasserdichtem Gewebe stellte sich aus 2.1. Noch besser, nämlich 2.o, war das Ergebnis bei einer Unterjacke aus fo genannter Pyrenäenwolle trotz schlechten Schlusses auf der Vorderseite und ebenso bei einer Winterjacke aus dickem Tuch mit Seide gesüttert. Den höchsten Stand erreichte mit 4.5 eme amerikanische Pelzjacke mit einem Futter von dickem schwarzem Tuch, die freilich auch ein Gewicht von 4200 Gramm,besa^ Um nur einen der Schlüsse, die sich ans diesen Messungen ziehen lassen, hervorzuheben, sei darauf aufmerksam gemacht, daß man in einer Pelzjacke bon der beschriebenen Art bei einer Temperatur von —12, Grad nicht mehr Wärme verliert, als in der Lodeupelerine bet einer Temperatur von 12 Grad über dem GesrierMnkt, Charade. Das Erste kann nicht langsam fein, Der Trägheit ist's zuwider. Das zweite liegt in deiner Natur, Auch geht es auf und nieder. Es geht auch hin und her Und Kranke scheu'n es sehr; Das Ganze hat mit Sturmesmacht Ten Ostergast ans Ziel gebracht. Auflösung i« nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr: Es fällt kein Meister vom Himmel. Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und B erlag der Brühl'schenvniverMtk-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen.