„O doch, wenn ich will, und wenn sie Geld haben", antwortete er grob. Ich war herzlich froh, als ich einige der Kostgänger vom Tisch aufstehen sah, und folgte ihrem Beispiel sofort. Schon wenige Minuten daraus war die ganze Gesellschaft auf rätselhafte Weise verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschlungen. Ich begab mich deshalb allein ins Freie, um draußen wenigstens eine Luft atmen zu können, die nicht mit den Gerüchen von Pomade, Patschuli und gedämpftem Ochsenfleisch erfüllt war. Langsam schlenderte ich durch den großen Garten, der eigentlich kaum so genannt zu werden verdiente, und als ich in der Nähe des Zaunes angelangt war, der ihn abschloß, sah ich zwei Mädchen, vielleicht die Töchter der Frau Cardozo, die mir das Bett geliehen hatte, neugierig herüberlugen. In der Ferne entdeckte ich einen alten Landauer mit vier geputzten jungen Mädchen und zwei Herren, der soeben vom Bungalow abfuhr. Drei Herren folgten zu Rad, und lautes Lachen und Rufen drang von dem kleinen fröhlichen Zuge, der sich zum Militärkonzert an den Strand begab, zu mir herüber. Ich setzte meinen Mondscheinspaziergang fort, lauschte dem aus dem Bazar herübertönenden Summen und Lärmen, dem Knattern des Feuerwerkes und dem fernen Tosen der Brandung. Plötzlich fuhr ich beim Klang einer dicht neben mir ertönenden sanften Stimme erschrocken zusammen. „Fürchten Sie sich nicht vor Schlangen? Kommen Sie doch lieber auf den Weg hinaus." Es war der schmächtige, ältliche Mann, den ich bei Tisch bemerkt hatte. Er war ohne Kopfbedeckung und rauchte eine Cigarre. „Sie werden die Gesellschaft bei uns ein wenig gemischt nnd sehr verschieden von der finden, an die Sie gewöhnt sind, aber zu den schlimmen Menschen gehören wir nicht", fuhr er mit bittender Miene fort. „O nein, das denke ich auch ganz gewiß nicht", beeilte ich mich, ihm zu versichern. „Harmlose Leute sind es, die das Leben leicht nehmen und sich am Guten, das sich ihnen bietet, erfreuen." hatte eine weiche, angenehme Stimme. „Tante Rosario schickt mich Sie aus der feuchten Luft hereinzuschicken." Als ich mich dem Hause näherte, sah ich Frau Rosario in einem Lehnstuhl auf der Veranda thronen. „Kommen Sie, Miß Ferrars, und leisten Sie mir Gesellschaft", rief sie mir entgegen. „Sie sind fast alle fortge- fahren, da müssen wir uns gegenseitig, so gut es geht, die Zeit zu vertreiben suchen." Gehorsam setzte ich mich auf die äußerste Kante eines wackeligen Stuhles, während sie fortfuhr: „Sie sind alle zur Musik gegangen, außer Tante Gam, die schon zu Bett liegt." „Sie ist wohl schon sehr olt?" „O ja, sie ist die Tante meines verstorbenen ManneS und hat niemand mehr ans dec Welt; alle ihre Freund« Mittwoch den 13. April 51' 1 /M 11! (Nachdruck verboten.) Im Mkak der Aajah. Roman von B. M. Croker. Genehmigte Uebertragung von A. Vischer. (Fortsetzung.) Jocasta sah in der Tat so aus, und ihre kleinen, dunklen Augen begegneten den meinigen wie Nadelstiche, so oft ich zufällig nt ihrer Richtung schaute. „Sie ist eben erst vierzehn geworden, geht in die To- veton-Schule und lernt auch recht gut, ist aber viel zu naseweis und altklug. Jetzt möchte sie natürlich für ihr Leben gern wissen, wer Sie sind und woher Sie kommen, auch wird sie sich durchaus nicht scheuen, Sie darüber auszufragen. Lassen Sie sie aber nur gründlich abfahren", fügte er gutmütig hinzu — und ich nahm mir im Stillen vor, seinem Rat zu folgen. „Tie beiden jungen Leute neben ihr sind die Brüder van Lede, nette, gut bezahlte Kaufleute. . . Haben Sie nicht vielleicht Lust, heute abend mit uns zur Strandmusik zu kommen? Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich Ihr Führer sein dürfte." Während ich mich beeilte, diesen schmeichelhaften Vorschlag mit dem höflichsten Tank und den lebhaftesten Eut- fchuldigungen abzulehnen, wurde ich plötzlich von Friedrich Augustus unterbrochen, der mich über den Tisch herüber anredete. Bis dahin hatte er den Mund eigentlich nur geöffnet, um über das Essen zu brummen. „Wie ich höre, haben Sie all Ihr Geld verloren, Miß?" „Nicht alles", antwortete ich kühl. „Selbst wenn dies der Fall wäre, so würde es hier nichts ausmachen." Er nickte mit dem Kopfe nach Frau Rosario hin, die sich mit dem Schneiden des Fleisches abmühte. „Sie hat ohnehin eine ganze Menge Kostgänger, die niemals einen Penny bezahlen." Tab ei zeichnete er mehrere Anwesende mit einem langen, bedeutungsvollen Blicke aus, was die betreffenden veranlaßte, die Augen verlegen niederzuschlagen und rasch ihr Essen zu verschlingen, als fürchteten sie, sofort ausgewiesen zu werden. Tiefer Friedrich Augustus machte einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, sowohl wegen seines Wesens, als seines Aussehens. Er war offenbar der reiche Verwandte, der gut zahlte, sich damit aber auch zugleich das Recht zuin Schelten, und Tyrannisieren erworben zu haben glaubte. In mir vermutete er wohl einen neuen Schmarotzer, denn er fuhr fort: „Bedürftige Leute gehören ins Armenhaus und nicht hierher, wo wir schon mehr als genug von dieser Art haben." „Wer Friedrich!" wandte Frau Rosario ein. Nun höre doch auf! Kannst Tu die Leute denn nicht in Ruhe ürssen?" 218 find tot. Auch Gew yat sie keines, und nun jammert und brummt sie von früh Lis spät. Es ist eben auch hart, kein Geld zu haben und alt und gebrechlich zu sein." „Eie haben ein recht volles Haus", bemerkte ich. „O ja! Da ist einmal mein Bruder John, der Sie vorhin aus dem Garten holte. O mein, er ist sehr gescheit und war auch oft nahe daran, reich zu werden, aber feine Pläne mißglücken ihm immer alle. Ich glaube, er ist zu bescheiden. Aber immer trägt er irgend einen großen Gedanken im Kopf, der Geld einbringen und uns alle glücklich! machen soll . . ."" Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Zuerst wollte er Gold suchen, dann eine neue Lampe und eine Sodawasserflasche erfinden, jetzt eben ist er mit der Entdeckung einer besonders praktischen Art Punkah beschäftigt. Hinter dem Haus hat er sein Plätzchen, wo er arbeitet. Manchmal ist er auch, wochenlang fort und versucht ,sich etwas zu verdienen. Lily ist seine Tochter. O mein, ein sehr gescheites Mädchen und eine ausgezeichnete Haushälterin! Tie versteht das Handeln! Ich schäme mich oft wirklich, wenn ich sie feilschen höre, und geizig ist sie auch, o entsetzlich geizig! Sie hofft bald ihr Doktorexamen machen zu können, und dann geht fie als Aerztin nach Kalkutta. In Madras gefällt es ihr nicht; sie sagt, sie hätte zu viel Verwandte hier. Wie ich einmal ohne sie fertig werden soll, weiß ich wirklich, nicht. Ich habe zwar noch eine zweite Nichte, J'ocasta . . . haben Sie bemerkt? Das Mädchen mit den langen Zöpfen?"" „Za, ihr Bruder machte mich auf sie aufmerksam."" „Aber sie ist noch zu jung und unerfahren. Ich! sage Ihnen, dieses Mädchen hat Jürgen. . . unglaublich! Tie reinste Spionin ist sie, alles stöbert sie aus, auch kann keines der großen Mädchen sie leiden. Ach,, wie so ganz anders, so gutherzig und weich ist dagegen Fritz Alan! Und nun ist der arme Junge ohne Arbeit."" „O, wirklich?"" „Ja, er hatte eine Anstellung in dem Felleiufuhrhaus Bell & Brown, als er aber um Gehaltserhöhung bat, schlugen ,sie sie ihm ab, und da er nur fünfundzwanzig Rupien ver- dierrte, während sein Bruder Lei der Eisenbahn jetzt fünfzig bekommt, sp gab er seine Stelle aus."" „War das nicht recht unklug von ihm?"" „Was hätte der arme Junge anberg tun sollen? Er konnte doch nicht bleiben, wenn sein Bruder das Doppelte verdient."" „Wer vielleicht hat sein Bruder mehr gelernt oder mehr Erfahrung." Tiefer kühne -Einwurf übte eine überraschende Wtrk- ung auf die gute Frau aus, die wie eine Feder empor- schnellte und mir erregt antwortete: „Fitz ist ein lieber, braver Junge! Was schadet es, wenn er im Anfang auch, nicht viel von der Arbeit versteht? -Er kann es doch lernen, ihm fehlt nur die richtige Anweifung. Fitz ist fehr gescheit!" In diesem glücklichen Hause schien alles „sehr gescheit"" zu sein. Fitz Wan aber war offenbar dazn noch der Liebling seiner Tante, der er alles verdankte, von der Cigarre, die er rauchte, und dem Parfüm seines Taschentuches bis herab zu den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens, wie Wohnung, Essen und Kleidung. „Mardie, Mädchen! Mach, daß Tu zu Bett kommst!" rief jetzt Frau Rosario. Mardie war herausgekommen und betrachtete uns fast mißtrauisch „Sie ist eigentlich ein recht ungezogenes lleines Ting" — dabei streichelte ihr die Tante liebevoll übers Haar. „Geh" jetzt zur Chinna Ajah, sie soll Dir ein Stückchen von dem süßen Zuckerstengel geben, und dann darfst Tu nachher bei mir schlafen." Allein selbst diese verlockenden Aussichten bewogen Mardie nicht zum Gehorsam, sie ließ sich im Gegenteil gemächlich, auf einen Stuhl nieder, um unserer Unterhaltung zuzuhören. „Sie ist nur vorübergehend bei mir", nahm ihre Großtante sich mit Gleichmut in die Lage findend, das Gespräch wieder auf. „Ihre Mutter war- ein ungewöhnlich hübsches Mädchen gewesen ; sie heiratete dann einen Sergeanten, aber das Geld wollte Nicht reichen, und so konnte er sie nicht mit nach England nehmen. Seither schrieb er niemals mehr und schickte chr auch, kein Geld, und so ließ die arme Frau Mardie bei Mr, während sie selbst jetzt die Krankenpflege erlernt. O mein, sie ist ein sehr gescheites Frauchen." „Sind denn Ihre Hausbewohner lauter Verwandte von Ihnen und keine zahlenden Kostgänger?"" „O Tu Lieber! Nein! -Eulalie, Gwendolins, Lola und Rosamunde sind nur gute Bekannte. Sie bezahlen auch, wenn sie können, die armen Mädchen. Friedrich Augustus, der dicke Herr, bezahlt regelmäßig und gut. Er ist sehr reich- und in einem großen Handelshause angestellt, aber er brummt und schilt die ganze Zeit, obwohl er doch das beste Zimmer und meine eigene Kommode hat. Tie beiden van Lede gehen in ein Geschäft in Blacktown. Es sind brave, gesetzte junge Leute, ebenso der andere junge Mann; Anbreh de Vere Jones heißt er und ist beim Telegraphenamt. Möchten Sie nicht vielleicht auch versuchen, dort eine Anstellung zu bekommen? Es ist eine ganz anständige Beschäftigung und Sie sind gewiß sehr gescheit."" „Ach nein, ich, möchte lieber eine Stelle als -Erzieherin oder Gesellschafterin annehmen."" „Ach so, ich, fürchte nur, Madras ist nicht der Ort, wo viel Nachfrage nach, solchen Damen ist. Aber eine Stelle für den Sommer ins Gebirge oder nach Bangalore, die ließe sich allenfalls finden. Tas wäre etwas für Sie: kühles Klima und eine hübsche Stadt."" „Tas freut mich zu hören"", antwortete ich ziemlich kleinlaut. „Sie müssen eine nette Anzeige in die Zeitung einrücken lassen, das kostet zwar mindestens zwei Rupien, wird aber sicherlich, Erfolg haben. Sie fühlen sich gewiß recht einsam und verlassen, meine liebe Miß Ferrars, so weit fort von Ihren Verwandten! Das ist traurig; Sie tun mir recht leid!" Ter Ton ihrer Stimme und der teilnehmende Druck ihrer weichen kleinen Hand ging mir tief zu Herzen. Sie hatte sich- jedenfalls nicht über die Abwesenheit ihrer Verwandten zu beklagen. Nicht weniger als sechs kannte ich jetzt schon, die auf Kosten dieser freundlichen, gutherzigen Frau lebten. „Warten Sie ja nicht auf die jungen Mädels"", fuhr sie eindringlich fort; „die kommen sicherlich spät nach Hause. Ich denke, wir gehen jetzt beide zu Bett, vorher will ich Sie aber noch in Ihr Zimmer begleiten."" Hier angelangt, entdeckte ich Frau Cardozos Bett, das in eine Reihe mit den anderen gerückt war. „Hoffentlich schlafen Sie gut"", wünschte Frau Rosario als verbindliche Wirtin, „und haben Sie nur keine Angst vor den Ratten, die an der Zimmerdecke herumlaufen, es fällt höchst selten mal eine herunter."" Allein schon beim Gedanken an diese Möglichkeit befiel mich ein Grausen vom Kopf bis zu den Zehen. „Ich weiß wohl, das Haus befindet sich in einem recht schlechten Zustande, dafür bezahle ich- aber auch einen billigen Mietzins. Auch die tveißeu Ameisen sind gerade so ab- sch-eulich, wie die Ratten; weil ich aber keine Ausbesserungen verlange, drängt man mich auch, nicht mit der Bezahlung. Früher freilich, da war dieser Bungalow der schönste von ganz Vepery . . . Sawmy! Sawmy!"" rief sie plötzlich mit erhobener Stimme. „Wo ist der Bursche nur wieder. Rasch bring die Lampe!"" Als Sawmy endlich schläfrig, blinzelnd und zerzaust erschien, sagte sie: „Du brauchst nicht auf die jungen Fräu- leig zu warten; sie kommen jedenfalls spät nach Hause . . . Nun eil' Dich, Mardie, wir wollen zu Bett gehen." Und nach einem herzlichen „Gute Nacht"" verschwand sie mit ihrer Großnichte. (Fortsetzung folgt.) Einiges über Verhütung von Katastrophen in Weatern*). Von Ingenieur Tr. Oscar May (Frankfurt a. M.). Die furchtbare Katastrophe im Jroquois-Theater in Chikago hat allerorten die Aufmerksamkeit des Publikums und der Behörden auf die Sicherheit in Theatern gelenkt. Zwei Anforderungen sind es in erster Linie, welche für *) In der „Zeitschrift für die gesamte Versicherungs- Wissenschaft"", dem Organe des „Deutschen Vereins für Versicherungs-Wissenschaft" (Redaktion Tr. Manes, Vertag Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn in Berlin), finden wir diesen Aufsatz. Hier sind unseres -Erachtens so rationelle Vorschläge zur Verhütung von Theater-Katastrophen gegeben, daß wir diese unseren Lesern nicht vorenthalten möchten. 219 — die Vermeidung einer Katastrophe bei eintretender Panik in Betracht kommen: Die Möglichkeit einer raschen und sicheren Entleerung der Zuschauerräume und die sichere Aufrechterhaltung der Beleuchtung in sämtlichen zur Entleerung der Zuschauerräume und der Bühne dienenden Nebenräumen. Diese Fragen sind auch für die Feuer-, Unfall- und Haftpflichtversicherung von großer Bedeutung. Wenn es gelingt, durch geeignete Einrichtungen bei einem ausbrechenden Brand eine prompte Entleerung der Zuschauerräume sicherzustellen, dann stehen die entleerten Zuschauerräume der Feuerwehr zur Bekämpfung des aus der Bühne entstandenen Feuers zur Verfügung, während diese Räume für Lösch- und Rettungsarbeiten unzugänglich sind, soweit die Ausgänge durch das von der Panik ergriffene Publikum verstopft werden. Es werden aus Anlaß der Katastrophe in Chikago den Theatern vielfach neue Verfügungen auferlegt, insbesondere glaubt man die Entleerung der Par- terreräume dadurch ausreichend zu sichern, daß man einige Parterrelogen in Ausgänge verwandelt. Im Frankfurter Opernhause z. B. haben vier Parterrelogen fallen müssen, um neuen Ausgängen für die Parterreräume Platz zu machen. Man darf aber daran zweifeln, ob durch diese geringe Vermehrung der Ausgänge eine Verstopfung derselben sicher verhütet wird und ob daher das sehr bedeutende Opfer an Einnahme, welches sich, pro Parterreloge eines größeren Theaters im Jahre auf einige tausend Mark beläuft, gerechtfertigt ist. Es dürfte daher am Platze fein, zu erwägen, auf welche Weise die vorstehend genannten Hauptbedingungen für eine rasche Entleerung der Zuschauerräume und im Zusammenhang damit für das möglichst beschleunigte Eingreifen der Lösch- und Rettungsmannschaften am ficherften erreicht werden können. Tie rasche Entleerung der Logen bietet keine Schwierigkeiten. Tie Logen sind für eine nur kleine Zahl, meist vier bis sechs Personen, bestimmt, und jede Loge besitzt ihren eigenen Ausgang nach dem Flur. In modern eingerichteten Theatern müssen die Flure ausreichend bemessen sein, daß die Personen, welche bei einem ausbrechenden Feuer den Flur erreicht haben, sich als gerettet betrachten können. Bedenklicher aber steht es in dieser Beziehung in allen mir bekannten Theatern mit den Parterreräumen. Tie Parterrerüume fassen mehrere hundert Personen und besitzen nur eine kleine Zahl von Ausgängen, meist nur vier bis sechs. Bei einer Panik, welche bekanntlich auch ohne tatsächliche Feuersgefahr infolge falschen oder falsch verstandenen Lärms jederzeit ausbrechen kann, sind diese wenigen Ausgänge völlig ungenügend, um eine glatte und rasche Entleerung der Parterreräume zu ermöglichen. Bei dem sofort entstehenden Gedränge verstopfen sich diese wenigen Ausgänge, und der durch das Nachdrängen der Hunderte von Menschen entstehende furchtbare Druck macht eine Wiederöffnung der verstopften Ausgänge durch Rettungsmannschaften zur Unmöglichkeit. Tie gräßlichen Szenen, welche sich in solchen Fällen abzuspielen pflegen, sind aus den Zeitungsberichten über solche Theaterkatastrophen zur Genüge bekannt. Werden, wie oben bereits erwähnt, die bisher üblichen Ausgänge durch Beseitigung von vier Parterrelogen vermehrt, dann wird dadurch in den Folgen einer Panik nichts geändert. Es ist ganz gleichgiltig, ob sich hundert oder nur fünfzig Menschen in sinnloser Hast nach einem Ausgang drängen, die Vermehrung der Ausgänge auf das Doppelte der bisherigen Zahl ist für eine Panik bei weitem nicht ausreichend. Die Verstopfung fängt bereits in den Seitengängen an, und es liegt nicht im Bereich der Möglichkeit, die Seitengänge so geräumig zu machen, daß bei einer Panik nicht schon in ihnen selbst die verhängnisvollste Verwirrung entsteht. Es liegt nun nahe, diese Gefahr für das Publikum in den Parterreräumen durch eine in jedem Theater mögliche Vorrichtung zu befeitigen: Man braucht nur alle Parterrelogen mit niederlegbaren Brüstungen zu versehen; zur raschen und gefahrlosen Entleerung des Parterres werden diese Brüstungen niedergelegt, und dem Publikum des Parterres stehen nun außer den-gewöhnlichen Ausgängen noch ebensoviele weitere Ausgänge, als das Parterre Logen hat, zur Verfügung. Da jeder dem ihm nächstgelegenen Logenausgang zustrebt, so ist jedes GÄränge in den Seitengängen und an den gewöhnlichen Türen ausgeschlossen. Die Seitengänge kommen dann für die Entleerung dieser Räume überhaupt nicht mehr in Betracht. Ein größeres Theater enthält etwa 20 bis 24 Logen im Parterre. Durch Niederlegung der Logenbrüstungen würden mit den vorhandenen gewöhnlichen Ausgängen also etwa 30 Ausgänge zur Verfügung gestellt werden. Das Parterre enthält etwa 20 Sitzreihen zu je etwa 15 bis 20 Sitzplätzen, zusammen etwa 300 bis 400 Sitzplätze. Jeder dieser so geschaffenen Ausgänge würd^,also bei vollem Hause nur 8 bis 12 Personen aus dem Parterre in den Flur zu befördern haben. Wird auf jeder Seite je eine Loge nicht mit der niederlegbaren Brüstung versehen, sodaß diese beiden Logentüren vom Parterre aus unzugänglich bleiben, dann können diese beiden Türen als Noteingänge für die Rettungsleute dienen, welche durch diese Türen ungehindert in das Parterre gelangen können, um bewegungsunfähige Personen herauszuschaffen und, falls an einem oder dem anderen Logenausgang dennoch eine Stockung eintreten sollte, was wohl kaum anzunehmen ist, diese rasch zu beseitigen. Durch diese Noteingänge würde der Feuerwehr das sofortige Eindringen zur Bekämpfung des Feuers auf der Bühne, so lange die Zwischenräume noch nicht durch Rauch unzugänglich gemacht sind, ermöglicht. Die Ausgabe, für diese niederlegbaren Logenbrüstungen eine zweckmäßige Konstruktion zu finden, dürfte nicht schwer zu lösen sein. Man könnte z. B. die Einrichtung so treffen, daß das Publikum diese Brüstungen im Falle der Gefahr selbst niederlegt. Besser wäre es, deren Niederlegung vom Flur aus durch beauftragte Rettungsleute vornehmen zu lassen. Tie Brüstungen können aus mehreren horizontalen Teilen bestehen, welche durch derhbare Scharniere miteinander verbunden sind; sie sind oben in Riegeln ausgehängt; wird der Riegel vom Flur aus oder vom Publikum gelöst, so fallen fie nicht in ihrer ganzen Höhe herunter, sondern sie klappen in ihren Scharnieren zusammen und bilden vor der Loge im Seitengang des Parterres einen Lluftritt, welcher die Besteigung der Loge erleichtert. Tie Brüstungen brauchen übrigens nicht aus festem Material zu bestehen; man kann dazu auch Vorhänge aus Tuch Plüsch usw. verwenden, welche an Leisten aufgehängt sind und welche mit den Leisten in die Höhe gestellt werden können. Oder man bringt unter Brüstungen einen Schlitz an, in welchem sie bei der ^Entriegelung versinken. Tie letztere Ausführung dürfte wohl die größte Sicherheit bieten; im Augenblick der Gefahr können von einer oder zwei Stellen des Flurs aus durch Beauftragte sämtliche Brüstungen durch einen einzigen Handgriff in die Schlitze versenkt werden. Tem Publikum wird durch diese plötzliche Oesfnung aller Parterrelogenbrüstungen sofort klargemacht, daß für jeden der nächste Ausgang die benachbarte Loge ist; ein Drängen nach den entfernteren Ausgängen fällt also weg. Tie Sicherheit, seinen Ausgang nach dem Flur nur mit wenig anderen teilen zu müssen, dürste Wohl das wirksamste Mittel zur Dämpfung der Panik und zur Aufrechterhaltung einer leidlichen Ordnung bei der Entleerung des Parterreraumes sein. Wenn somit durch niederlcgbare Logenbrüstungen für das Parterre ausreichend gesorgt werden kann und die Logen in den Stockwerken bei der gebräuchlichen Einrichtung moderner Theater genügende Sicherheit bieten, so ist es für die Gallerien schon etwas schwieriger, schlimme Folgen bei einer Panik zu verhüten. Die Sitzreihen der Gallerien sind vielfach mit nnr wenigen und engen Gängen versehen, und leider fehlt hier vielfach der umlaufende Flur zur Treppe, welcher nötig wäre, um in ähnlicher Weise, wie oben für das Parterre vorgeschlag n, Notausgänge für das Publikum und Noteingünge für d e Rettungsleute zu schaffen. Ob man beim Neubau eines Theaters zweckmäßig auch die Gallerien mit reichlich, breiten umlausenden Fluren versehen sollte, deren Wände eine fortlaufende Reihe von Nottüren erhalten, ist eine Frage, welche mancherlei für und gegen fich hat und deren Erörterung an dieser Stelle zu weit führen würde. Ich beschränke mich daher hier auf den Hinweis, daß man auch Gallerien, welche keine umlaufenden Gänge haben, bei vielen Theatern den gleichen Sicherheitsfaktor bieten könnte, welcher nach meinem Vorschläge in den Ausgängen der Parterrelogen dem Parterreraume geschaffen werden kann, wenn man die fehlenden umlaufenden Gallerieflure durch reichlich bemessene Balkons ersetzte, die nach der Gallerietreppe führen. Tann würden die erwünschten Notansgänge und Noteingänge in den Wänden der Gallerte anzubringen sein und die umlaufenden Balkons. — 220 dem Publikum es' ermöglichen, die Treppe zu erreichen, ohne auf die wenigen Ausgänge, welche den Gallerieraum mit der Treppe für gewöhnlich verbinden, angewiefen zu sein. Es würde dann auch> auf der Gallerte die Gefahr eines unheilvollen, die Ausgänge verstopfenden Gedränges infolge einer Panik beseitigt sein. Tas zweite Haupterfordernis für eine sichere Entleerung bei Brandfällen ist das Vorhandensein einer betriebssicheren Beleruhtung in allen für die Entleerung des ganzen Hauses in Betracht kommenden Zuschauer- und Bühnerr- räunren. Gasbeleuchtung sollte man grundsätzlich! in keinem Theater verwenden. Gas ist bekanntlich ein brennbarer, explosionsfähiger Stoff; Lei einem Brande kann leicht eine Gasleitung zerschmelzen, wobei dann der Brand durch das aasströmende Gas bis zur Wstellung der Gaszufuhr zu immer größer werdender Heftigkeit angefacht wird. Infolge eines solchen Defektes an der Gasleitung kann die Beleuchtung in den übrigen Räumen von selbst erlöschen, man kann unter Umständen sogar gezwungen sein, die Gaszufuhr ab- zusrellen, um eine Explosion zu verhindern, und hat also bei einer Panik das Versagen der Beleuchtung zu gewärtigen, wodurch die Panik aufs höchste gesteigert und die Entleerung des Hauses sowie die Löscharbeit erschwert wird. Das plötzliche Versagen der Gasbeleuchtung hat bei dem Brande im Wiener Ringtheater einer großen Zahl von Menschen das Leben gekostet, welche in der entstandenen Dunkelheit den Weg nach außen nicht mehr finden konnten. Tie einzig zulässige Beleuchtung in Theatern, mit welcher man den höchsten Grad von Sicherheit erzielt, ist die elektrische. Neben der Hauptbeleuchtung ist eine Notbeleuchtung erforderlich, welche den Verkehr in allen für das Publikum und das Personal bestimmten Räumen im Falle der Unterbrechung der Hauptbeleuchtung stcherstellt. Tie einfachste Notbeleuchtung ist diejenige mit Kerzen. Sie ist sowohl, was die Bedienung und Instandhaltung, als was die Sicherheit betrifft, der Oel- und Petroleumbeleuchtung entschieden vorzuztehen. Bei einem ansprechenden Brande besitzt sie aber die fatale Eigenschaft, daß sie durch Rauch erstickt und dn:«ch Wasser gelöscht wird. 'Eine elektrische Notbeleuchtung dagegen leuchtet auch in dichtestem Rauche weiter und wird auch durch Wasser bei den Löscharbeiten der Feuerwehr nicht beeinträchtigt, so lange die Glühlampen nicht beschädigt und die Leitungen nicht unterbrochen werden. Ties ist für die sichere und prompte Entleerung des Hauses bei eintretender Panik sowie für die Rettungs- und Löscharbeiten bei entstehendem Brande von der größten Bedeutung. Tie Frage, wie eine elektrische Notbeleuchtung am zweckmäßigsten und betriebssichersten einzurichten ist, hat die Sicherheitskommission des Verbandes deutscher Elektrotechniker bei der Aufstellung der Sicherheitsvorschristen für elektrische Anlagen in Theatern eingehend beschäftigt. 'Ein sehr bestechender Vorschlag, welcher seinerzeit beinahe zu einer behördlichen Vorschrift geworden wäre, ist der, jede einzelne elektrische Notlampe mit einem besonderen kleinen Akkumulator zu verbinden. Alle diese Akkumulatoren sollten durch eine gemeinschaftliche Speiseleitung von einer einzigen Dynamo geladen werden; beim Gebrauche sollten die Akkumulatoren von dieser Leitung getrennt werden; und jeder Akkumulator sollte nur ausschließlich die mit ihnr zusammengebaute Lampe während der Vorstellung speisen. Wenn also die Leitring beschädigt würde, so würden bei dieser Einrichtung die Lampen doch weiter leuchten, weil jede Lampe in ihrem zugehörigen Akkumulator ihre eigene Stromquelle hat und die gemeinschaftliche Leitung nur zur Ladung der Akkumulatoren, nicht aber zur Speisung der Lampen dient. Tiefer recht schön klingende Vorschlag leidet aber an einem Fehler, welcher ihn für Theater unbrauchf- bar macht: Ein Akkumulator ist nämlich eine Einrichtung, welche nicht nur im gewöhnlichen Sinne des Wortes einer Abnutzung unterworfen ist, sondern dessen Hauptbestandteile verbraucht werden. Es muß ständig Wasser nachgefüllt werden, und die Bleiplatten nutzen sich allmählich', aber nicht gleichmäßig und gleichzeitig ab, sodaß sie nach und nach ersetzt werden müssen. Man denke sich nun über hundert solcher Akkumulatoren verteilt in den ausgedehnten Räumlichkeiten eines Theaters, so wird man leicht ermessen können, welche Schwierigkeiten — ganz abgesehen von den Kosten — durch die ständige Kontrolle und Instandhaltung derselben entstehen würden. Man würde vielfache, wahrscheinlich in der Regel, die Reparaturbedürftigkeit eines dieser Akkumulatoren erst aus dem mangelhaften Leuchten oder aus dem Versagen der Notlampen erkennen, und die Notbeleuchtung würde trotz der aufgeweudeten großen Mühe und Kosten doch nicht immer betriebssicher sein. Tie elektrischen Notlampen werden daher weit besser und allen Anforderungen entsprechend durch eine besondere Notleitung aus einer im Theater an einem feuersicheren Platze aufgestellten gemeinschaftlichen Akkumulatorenbatterie gespeist. Es ist zweckmäßig, diese Batterie gleichzeitig auch zur Speisung der Bühnenbeleuchtung zu verwenden. Tie; Bühnenbeleuchtung stellt in Bezug auf Betriebssicherheit nicht minder hohe Anforderungen wie die Notbeleuchtung und muI daher alljen' ftejim direkten Maschinenbetrieb möglichen Störungen entzogen werden. Dagegen ist es nicht empfehlenswert, die Hauptbeleuchtung in den Zuschauerräumen, den Bühnennebenräumen und den Verwaltungsräumen an den der Not- und der Bühnenbeleuchtung dienenden Akkumulator anzuschließen. Tie Aufstellung eines besonderen Akkumulators für die Hauptbeleuchtung würde eine unnötige und bedeutende Mehrausgabe für die Anlage sein und dauernde Mehrkosten für den Betrieb verursachen. Man schließt daher die Hauptbeleuchtung zweckmäßig direkt an oas Leitungsnetz des städtischen Elektrizitätswerkes an, und wo ein solches nicht bestehl, an eine eigene elektrische Maschinenanlage; welche aber dann in allen einzelnen Teilen eine vollwertige Reserve enthalten muß. Sehr empfehlenswert und bei den heutigen niedrigen Preisen der Akkumulatoren nicht zu kostspielig ist es, für die Not- und Bühnen- beleuchtung eine zweite als Reserve dienende Akkumulatorenbatterie aüfzustellen, welche auch ein vollständiges eigenes Instrumentarium besitzt. Man ist dann in der Lage, alle erforderlichen Reparaturen und Erneuerungsarbeiten, welche an Akkumulatoren, wie gesagt, unvermeidlich sind, an der außer Betrieb gesetzten Batterie in aller Ruhe und mit aller Sorgfalt auszusühren, während der Betrieb einer in Reparatur befindlichen Batterie in einer Theateranlage, in welcher der höchste Grad von Sicherheit erstrebt werden muß, nicht ratsam ist. Kritische Ansichtskarten von Oskar Blumenthal. An Ludwig Wüllner. Wenn Du in wildem Ueberstreben Als Sänger Deinen Ehrgeiz kühlst, Und uns im nächsten Jahr daneben Ten Manired, Faust und Richard spielst . .. Wenn Du iür Schubert bist entflammt Und Ibsen mimst im Neben-Amt... Kurz, seh ich Dich zugleich ergeben Der Tonkunst und der Poesie, So scheint mir dieses Doppelleben Wie künstlerische Bigamie. * Dctave Mirbeaus „Dieb". Ein Philosoph des Dietrichs ist der Held, Ten keck der Dichter auf die Szene stellt. Er braucht die Feile und das Gauner-Eisen, Nur um soziale Thesen zu beweisen. Und wenn er mit dem Auto sich empstehlt Nach einein Funkenspiel von witz'gen Reden, So überlistet und gewinnt er jeden — Ein Dieb, der sich in alle Herzen stiehlt. Logogriph. Nachdruck verboten. Tu bist's mit r und sehr beliebt Auch in der ganzen Stadt, Und wirst vielleicht einmal gewählt Gar in den Magistrat. Und doch, mein Freulid, mit dem Kredit Ist es ein eigen Ding, Wenn du nicht gleich mit tt es bringst Schützt man dich nur gering. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.: Maskenball. — Nelke, Selma, Kabel, Abel. Redaktion' August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnivkrsitätS-Luch- und Cteindruckcrei. R. Lange Gießen